Trash-TV

41bKLwcNI6L»Man darf als Kulturwissenschaftler nicht vor scheinbar niederen Themen und Phänomenen zurückschrecken, weil sich ein Müllmann auch nicht vor dem Müll fürchten darf.«

Von der durchsichtigen Bluse bei »Wünsch Dir was« (für den Rezensenten eine prägende frühpubertäre TV-Erfahrung) bis zu den Kasalla-Eskapaden känguruhodenverzehrender Dschungelcamp-Rabauken: Getreu dem obigen Motto begibt sich Anja Rützel in die Niederungen des Katastrophenfernsehens und sie macht dabei keine Gefangenen. Das tut sie jedoch ohne oberlehrerhaft erhobenen Zeigefinger, dafür mit wunderbarem Wortwitz und Empathie statt Zynismus. Dennoch wird nicht gespart mit Kritik an den z.T. menschenverachtenden Formaten (»Germany’s next Topmodel«), aber eben nicht als elitär verächtlich schnaubende Bildungsbürgerin, sondern als bekennender Trash-TV-Fan; »Es ist Mist, aber ich mag’s.«

Auch wenn bisweilen Zitate vermeintlicher Philosophie- und Medienexperten eingestreut werden: Wirklich notwendig ist das nicht, denn Frau Rützel macht das auch alleine vortrefflich, das Buch ist ein großartiges Lesevergnügen, nicht nur für die Zielgruppe von RTL & Co.

Autorin Anja Rützel hatte bereits eine Stelle beim Landratsamt Main-Spessart sicher, doch sie besann sich (zum Glück für die Leser) eines Besseren und wechselte zur schreibenden Zunft. Einem breiten (sic!) Publikum ist sie bekannt als zuverlässig kompetente Berichterstatterin von Fremdschäm-TV-Events u.a. bei Spiegel Online. In ihrer Freizeit veranstaltet sie gerne Schabenorakel mit Hund Juri als notariellem Beobachter.


Kategorie: Sachbuch
Verlag: Reclam Stuttgart/Dietzenbach

Twin Peaks 3.0.: Das langersehnte Wiedersehen

reclamMit dem Ausspruch „If you miss it tonight, you won’t know what everyone’s talking about tomorrow“ warb der amerikanische Sender ABC für die zweite Staffel der wohl besten Serie über einen der „wunderbarsten und zugleich seltsamsten Orte“ des Nordwestens der USA und wenn 2017 das Twin Peaks Fieber anlässlich der dritten Staffel wieder ausbrechen wird und alle Münder nach einem „Damn Good Coffee“ und Kirschkuchen verlangen werden kann man sich jetzt schon sicher sein, dass die TV-Landschaft danach wieder nicht mehr dieselbe sein wird. Schon vor 25 Jahren revolutionierte Twin Peaks nämlich das Genre indem es das Zeitalter der „Autorenserien“ eröffnete und das Ende des Mediums zweiter Wahl einläutete. Twin Peaks 3.0 wird von Showtime ausgestrahlt werden und wahrscheinlich wieder in 30 Episoden aufgeteilt sein. Mit dabei sind natürlich wieder die Gründer der Serie allen voran David Lynch und Mark Frost sowie Kyle MacLachlan als Special Agent Dale Cooper.

Twin Peaks: Hommage an den Cliffhanger

„I will see you again in 25 years“, sagte Laura Palmer in der surrealen Traumsequenz der finalen Episode vom 10. Juni 1991 und tatsächlich wird es nun beinahe auf den Tag genau zu einem Wiedersehen kommen. Grund genug dafür, das bisher Geschehene nochmals auf 100 Seiten zusammenzufassen und in die nunmehr ein Vierteljahrhundert zurückliegenden Ereignisse erneut einzutauchen. Dabei hilft nun besonders der hier vorliegende kleine Reclam-Führer der nicht nur mit genauen Personenbeschreibungen, sondern auch schönen Grafiken zu Twin Peaks aufwartet. Zudem erfährt man natürlich auch, was in der Dritten Staffel geschehen wird und wer alles wieder mit dabei sein wird, aber auch was in den vergangenen 30 Episoden alles geschehen ist. Mit dem Satz: „Und da gibt es diesen Wind, der durch die Bäume streift“ soll David Lynch damals den ABC-Programmverantwortlichen davon überzeugt haben, sich an die Serie zu wagen, die damals alles bisher in der TV-Geschichte Dagewesene in den Schatten stellte. Leider war es dann auch ABC, die für den Einbruch der Einschaltquoten verantwortlich war, als der Mörder von Laura Palmer schon in der 18. Episode gestellt wurde. Natürlich war für den Einbruch auch die Sendeplatzverlegung auf den „graveyard slot“ verantwortlich, aber sicher nicht die Serie selbst, die man auch als Hommage an den Cliffhanger bezeichnen könnte.

2017: Give Peaks a chance!

Die vorliegende liebevoll zusammengestellte Publikation erzählt auch vom COOP (Citizens Outraged at the Offing of Peaks), die 1991 schon „All we are saying is give Peaks a chance“ skandierten. Auch Kritik an der zweiten Staffel ist zu vernehmen, die cinematographischen Vorbilder der Serie werden genannt sowie die Twin Peaks eigene Magie erklärt, etwa schon beim Vorspann: „mit seinen sanften Überblendungen steht für die Entdeckung der Langsamkeit, Entschleunigung, Kontemplation, für eine Traumreise, er erzeugt eine hypnotische Wirkung, lässt einen eintauchen in eine fremde Welt, entführt einen an einen idyllischen Meditationsort“. Wenn der Vorspann dann verklungen ist, sei man in einer Traumwelt angekommen, in der immer wieder die Gesetze der Wirklichkeit außer Kraft gesetzt würden.

Die Reihe „100 Seiten“ erscheint bei Reclam als Taschenbuch im Format 11,4 x 17 cm auf 100 Seiten und enthält auch einige Abbildungen. Weitere Themen der Reihe sind: Asterix, Superhelden, David Bowie, Reformation, JOhn F. Kennedy, Resilienz u.v.a. Themen mehr.

 

Gunther Reinhardt

Twin Peaks. 100 Seiten

Broschiert. Format 11,4 x 17 cm

100 S. 7 Abb. Reclam Verlag

ISBN: 978-3-15-020421-4


Kategorie: Agentenroman, Biografie, Biographien, FBI, Kriminalromane, Kult, Kulturgeschichte, Lynch, TV-Serien
Verlag: Reclam Stuttgart/Dietzenbach

König Ubu

König Ubu: Dada, Surrealismus und Pataphysik

König Ubu
Eine großartige Version von Jarrys Drama „König Ubu“ zeigt das Wandertheater „Ton & Kirschen“ Fotos: © W. R. Frieling

Einer der ältesten Texte, der dem Surrealismus ebenso wie Dada zugeordnet wird, stammt von dem französischen Autor Alfred Jarry und heißt „König Ubu“ (im Original: „Ubu Roi“). Das Drama in fünf Akten wird sowohl gern im Französischunterricht gelesen als auch auf der Bühne von alternativen Theaterensembles aufgeführt und erfreut sich in jüngerer Zeit wachsender Beliebtheit.

Vater Ubu ist ein genusssüchtiger fetter Wanst, der nur an sich und seine heiß geliebte Leberwurst denkt. Der ständig wüst schimpfende Ubu steht aber auch als Metapher für das Monster, das im Menschen steckt. Er verkörpert die Fleisch gewordene Lust am Fressen, Rauben und Morden.

Mit Hilfe seiner Frau, die ihn aufstachelt und mittels einiger Getreuer, denen er Privilegien verspricht, ermordet Ubu den König von Polen, übernimmt die Staatsgewalt und setzt sich selbst die Krone auf. Als König Ubu presst er fortan seine Untertanen aus und lässt dabei alle Widersacher ebenso schnell beseitigen wie die reichen Adligen, deren Besitztümer er sich aneignet.

Die alten Eliten sind ihm zu kostspielig, für das Geld könne man besser Leberwurst konsumieren. Sie enden im Schnellverfahren in der „Enthirnungsmaschine“.

König Ubu will schließlich den russischen Zaren unterwerfen und zieht gegen Moskau. Dabei erweist er sich als feige und ängstlich. Während seine Leute sterben, macht er sich zynisch aus dem Staub und flieht mit seiner Frau und einem Teil der geraubten Schätze nach Frankreich, wo er als „Doktor der Pataphysik“ unterschlüpft.

Autor Alfred Jarry schuf mit dem kritischen Text einen nahezu zeitlosen Kommentar zu gewissenlosen Machtmenschen und Diktatoren, der heute ebenso gültig ist wie vor mehr als 100 Jahren. Vor allem mit Ubus berühmten Schimpftiraden löste er bei der Uraufführung in Paris anno 1896 einen handfesten Theaterskandal aus. Erst viel später sollten Kritiker erkennen, dass dem exzentrisch-genialen Autor ein Wurf gelungen war, der den Beginn des modernen Dramas in Frankreich kennzeichnet.

Jarrys Text ist von teilweise ätzender Komik und mischt Techniken der burlesk-derben Commedia dell’arte mit intellektueller Sprachkomik. Mit teilweise absurden Pointen assoziiert er Gedanken über die Verführbarkeit des Menschen durch das Ungeheuer, das ein Teil seiner selbst ist und dem er nur allzu gern gehorcht.

Der Autor überzeichnet das Böse und überspannt den Bogen dabei derart, dass Grauen in Gelächter umschlägt. So wird der Schauder zur Groteske, und indem dem Rezipienten keine andere Chance bleibt, als sich lachend zu distanzieren, mag er die Furcht vor dem Wiederaufleben einer Diktatur abbauen, deren zyklisches Auftauchen Jarry lange vor der Ära des Faschismus in der Natur des Individuums festmachte.

Von Alfred Jarry (1873 – 1907) stammt auch der Roman „Heldentaten und Ansichten des Doktor Faustroll“. Dieses Werk gilt als Gründungsdokument der von dem Autor erfundenen „Pataphysik“, der Wissenschaft von den imaginären Lösungen. In dem Werk wird die abenteuerliche Seereise des „Doktors der Pataphysik“ Faustroll mit einem Gerichtsvollzieher und einem Pavian auf der Seine beschrieben.

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Kategorie: Theater
Verlag: Reclam Stuttgart/Dietzenbach

Die Dame mit dem Hündchen

Anton Pawlowitsch Tschechows „Die Dame mit dem Hündchen“ wurde 1899 geschrieben und stellt das Ende des 19. Jahrhunderts dar. Eine kurzweilige und unterhaltsame Erzählung, die symbolistischen Charakter hat.

Der Protagonist Gurow ist nach Jalta gefahren, um sich zu erholen. Dort sieht er eine junge Frau, die mit einem weißen Spitz Gassi geht. Da sie immer allein unterwegs ist und niemand sie kennt, nennen alle sie nur „die Dame mit dem Hündchen“.
Obwohl Gurow verheiratet ist und drei Kinder hat, spricht er die Dame an; seiner Frau war er schon längst untreu geworden. Anna Sergejewna, so der Name der Dame mit dem Hündchen, hält er für bedauernswert, fängt jedoch eine Woche später eine Affäre mit ihr an.
Nach der ersten Nacht entschuldigt sie sich sofort bei ihm und meint, er würde sie jetzt nicht mehr achten. Gurow sieht das ganz anders, ist eher entnervt von ihrer Reue.
Beide setzen ihre Affäre fort bis ein Brief von Anna Sergejewnas Mann eintrifft, der Augenprobleme hat und sie bittet, sofort zu ihr zu kommen.

„Wir trennen uns für immer, so muss es sein, denn wir hätten einander nie begegnen dürfen.“

Beide kehren nach Hause zurück. Eigentlich hätte danach alles wieder wie vorher sein können, doch Gurow kann seine Affäre nicht vergessen. Immer heftiger flammen die Erinnerungen wieder auf und Anna Sergejewna scheint ihm überall hin zu folgen. Er möchte sich jemandem mitteilen, schafft das aber nicht. Seine unnützen Tätigkeiten und Unterhaltungen nerven und verärgern ihn, er verzehrt sich nach Anna Sergejewna und fährt schließlich zu ihr.
Zuerst ist er gereizt, weil er seine Liebe nicht wieder finden kann, schließlich trifft er sie im Theater wieder. Beide sind erschrocken, vor allem Anna Sergejewna, obwohl sie zugeben muss, dass sie ihn auch vermisste.

Alle zwei oder drei Monate kommt sie nach Moskau, beide treffen sich und an dieser Stelle hört die Erzählung auf.

„Und es schien, als brauche es nur noch ein weniges, und die Lösung wäre gefunden, und dann beginne ein neues, herrliches Leben; und beiden war klar, dass es bis zum Ende noch weit, sehr weit war und dass der Komplizierteste und schwierigste Teil gerade erst begonnen hatte.“

In dieser Erzählung triumphiert die Liebe über das armselige Leben der beiden Hauptfiguren. Berufe oder Tätigkeiten treten völlig in den Hintergrund, die Empfindungen sind wichtiger als die Handlung. Das innere Erleben der Figuren steht im Vordergrund.

Obwohl ein fortdauernder Ehebruch vorliegt, wird dieser nicht verurteilt, sondern akzeptiert. Das alte Leben der Protagonisten war eine Lüge, die nun demaskiert wird. Das neue Zusammenleben baut jedoch auf neue Lügen auf und beide leben ein Doppelleben. Die Ehepartner spielen keine Rolle, lediglich die Frau von Gurow wird kurz charakterisiert, jedoch sei sie hysterisch und unaufrichtig, es gehe ihr nicht um die Liebe sondern um etwas Höheres.

Die Figuren entfremden sich existenziell voneinander, was zugleich die Kritik an der Erzählung darstellte. Es sei völlig unglaubwürdig, dass sich eine junge Frau in einen doppelt so alten Mann verliebe und sich ihm hingibt, sollte, zumal beide verheiratet, doch eigentlich verurteilt werden.

Eine wichtige Frage ist zudem: Wer täuscht hier wen? Gurow täuscht sich selbst, indem er glaubt, die Affäre sei belanglos, Anna täuscht sich, indem sie denkt, sie sei nach der gemeinsamen Nacht verachtenswert und beide täuschen sich, indem sie denken, die Affäre geheim zu halten. Hier spielen Ängste und Rollenzwänge eine große Rolle.


Kategorie: Kurzgeschichten und Erzählungen
Verlag: Reclam Stuttgart/Dietzenbach

Fabeln

Iwan Krylow hat über 200 Fabeln geschrieben, die 1842 das erste Mal auf Deutsch erschienen.
Die Reclam-Ausgabe besteht aus 100 Fabeln, die mit einem Nachwort von Helmut Grasshoff versehen sind. Inspiriert wurde Krylow von Äsop und Jean de la Fontaine, erst später fand er zu seinem eigenen Stil. Das Besondere der Fabeln ist die Alltagssprache, in der Krylow schreibt, somit war er auch für das einfache Volk verständlich. Tiere symbolisieren Menschen mit ihren Fehlern und Schwächen und v. a. Gesellschaftsprobleme werden verarbeitet.
Stellvertretend für das umfangreiche Werk werden hier einige Fabeln analysiert.

„Der Frosch und der Stier“

Eine bezeichnende Fabel. Der Frosch sieht den Stier und ist neidisch auf dessen Umfang. Er will sich aufblasen, um auch so groß zu werden und fragt mehrmals seine Angehörigen, ob er denn nun dem Stier ähnlicher sei, was diese jedes Mal verneinen. Schließlich platzt er.

„Das kann man wohl des öfteren erleben-
was Wunder auch, wenn die Beschränkten sich vergessen
und sich den edlen Anschein geben,
als könnten sie sich mit den Größten messen.“

Die Aussage ist klar: Bleib das, was du bist und versuche nicht, etwas zu werden, was unmöglich scheint. Die Sprache ist derb, es wird von „Beschränkten“ und „verrecken“ gesprochen.

„Der Wolf und das Lamm“

Wieder geht es um Stärke und Schwäche d.h. um Positionen in der Gesellschaft. Der Eingangsvers ist prägend: „Der Starke gibt dem Schwachen stets die Schuld“. Ein Lamm steht am Ufer und will trinken, als ein Wolf des Weges kommt. Er beschimpft das Lamm, es habe sein Wasser verunreinigt und soll das mit seinem Leben büßen. Der Wolf bringt immer neue Argumente hervor, wegen der das Lamm sterben soll, wobei das Lamm stets eine Antwort parat hat. Schließlich meint der Wolf:

„Schweig, ich will nichts mehr hören.
Meinst du, ich hätte weiter nichts zu tun,
als herzuzählen deine Sünden?“

Es ist also völlig egal, was das Lamm tut, der Wolf reißt es am Ende. Die Geschichte bringt die Opferrolle des russischen Volks zu Tage; es scheint dem Untergang geweiht, gleich was es auch tun mag. Krylow bringt Gesellschaftsverhältnisse mit Tieren zum Ausdruck; das unschuldige gute Lamm und der böse starke Wolf stehen im Kontrast und sind auf ihre Rollen fixiert.

„Der Mann von drei Weibern“

Eine Fabel, die statt Tieren Menschen sprechen lässt. Die satirische Fabel ist bezeichnend für die Gesellschaftssituation. Ein Mann hatte drei Frauen, was dem Zaren zu Ohren kam. Der Zar wollte ein Machtwort sprechen, diese Unzucht dürfe man schließlich nicht ungestraft lassen. Die Richter sollen eine Entscheidung fällen, die alle anderen abschreckt, wobei der Leser zuerst an Todesstrafe denkt. Die Richter überlegen zwei Tage und es fällt ihnen kein Urteil ein. Schließlich verhängen sie: der Wüstling müsse mit allen drei Frauen zusammen leben, worauf er sich schließlich nach vier Tagen das Leben nimmt.

„Da packt ein Grauen alle Welt,
und seitdem ist’s im Reich nicht vorgekommen,
dass jemand mehr als eine Frau genommen.“

Mit den Frauen zusammen zu leben wird als schlimmer bezeichnet, als der Tod.

Krylows Fabeln vergleichen mit Witz und Scharfsinn die gesellschaftliche Situation Russlands mit Tieren. Durch das Aufzeigen menschlicher Schwächen sind sie auch heute noch aktuell und können zum großen Teil auch ohne geschichtliches Hintergrundwissen verstanden werden. Sie hinterlassen beim Lesen ein gewisses Schmunzeln, jedoch verfehlt die Moral hinter den Fabeln nicht ihre Wirkung. Durch ihre Einfachheit sind sie klar verständlich.


Kategorie: Märchen, Sagen und Fabeln
Verlag: Reclam Stuttgart/Dietzenbach

Mozart und Salieri

Puschkins „Mozart und Salieri“ ist ein kurzes Drama, welches 1832 erschien und in Deutschland beinahe unbekannt ist.

Die Handlung scheint eindeutig, denn die Dialoge sind einfach und der Konflikt klar. Jedoch lässt sich unter dieser Oberfläche eine komplexe Gedankenwelt hineininterpretieren.

Salieri hält am Anfang des Werkes einen langen Monolog, indem er den Entschluss fasst, Mozart zu töten. Für wen sollte dieser schließlich weiter leben? Er ist so berühmt, doch nicht würdig diese Gabe zu tragen. Seine Musik ist perfekt, damit jedoch unwiederholbar. Warum wurde Mozart, der seine Begabung nicht ernst nimmt, mit so viel Talent gesegnet, und nicht Salieri, der doch so hart arbeitet?
Letztlich mischt Salieri Mozart Gift in den Wein, woran dieser schließlich stirbt.

Ebenso wie Mozart ist Salieri Künstler, steht aber immer hinter dem noch berühmteren Freund und beneidet ihn deshalb wie keinen anderen. Salieri tritt im Drama aktiv auf und charakterisiert sich und Mozart.
Mozart ist das spielerische Genie, Salieri hingegen nur ein asketischer Handwerker, der Komponieren als Arbeit sieht. Sein strammes Weltbild passt so gar nicht zu der Leichtigkeit, die Mozart verkörpert. Beide haben unterschiedliche Vorstellungen, was einen Künstler ausmacht: für Mozart ist ein Künstler selbstständig, lebt von der Inspiration und Interpretation, Salieri hingegen sieht Mozarts willkürliche Auffassung von Musik als Bedrohung an.
Beide haben einen „wahrhaft engen Bund“, Mozart sieht Salieri als Gleichgesinnten; Salieri fühlt sich hingegen benachteiligt.
Salieri kann als Antiheld bezeichnet werden, ist jedoch kein skrupelloser Mörder, er bereut die Tat, will sie jedoch nicht rückgängig machen. Gewissermaßen musste er Mozart umbringen, er sieht in dem Mord seine Pflicht und seiner Meinung nach ist er Richter und Henker über Mozart.
Eine besondere Rolle kommt dem aus dem einfachen Volk stammenden Geiger zu, der „Le Nozze di Figaro“ spielt. Salieri ist sehr böse darüber, dass ein „niederer Künstler“ eines von Mozarts Werken spielt, die viel bekannter sind, als die von Salieri.
Weiterhin spricht Mozart von einem „Schwarzen Mann“, der ihn verfolgt, seitdem er an seinem Requiem komponiert und der als Todessehnsucht Mozarts interpretiert werden könnte.

Alles in allem kann man sehr viel in dieses kurze Drama interpretieren. Künstlerauffassungen und Weltvorstellungen beider Protagonisten klaffen sehr weit auseinander, die Spannungen scheinen unüberbrückbar. Der Mord als letzter Ausweg Salieris wird deutlich, wenn man die Umstände, die er im Eingangsmonolog darstellt, beachtet. Mozart scheint der große und unantastbare Künstler zu sein, der in Salieri mehr einen Freund als einen Konkurrenten sieht. Für dieses Vertrauen muss er am Ende bezahlen.


Kategorie: Theater
Verlag: Reclam Stuttgart/Dietzenbach

Der Mantel

Nikolaj Gogols „Der Mantel“ erschien 1842 und ist eine für Gogol typische phantastische Erzählung.

Im Zentrum steht der einsame Akakij Akakiewitsch. Er ist Abschreiber, was sein ganzes Leben füllt. Er liebt das Schreiben, hat Lieblingsbuchstaben und geht in diesem Beruf völlig aus, so unbedeutend seine Stellung auch ist.
Er hat wenige Freunde, keine Frau und ist gesellschaftlich isoliert, seine Arbeitskollegen verspotten ihn und treiben Scherze mit ihm.
Der Aufstieg von einer unbedeutenden zu einer bedeutenden Person beginnt mit dem Mantel, der eine zentrale Rolle in dem Stück einnimmt. Akakij Akakiewitschs alter Mantel ist sehr marode, der Schneider legt ihm nahe, sich einen neuen machen zu lassen. Ein Jahr schränkt er sich ein und spart für den neuen Mantel.
Mit dem Erhalt des Mantels ändert sich das triste Leben Akakiewitschs: Plötzlich wird er von den Kollegen wahrgenommen und respektiert. Der Mantel wird seine einzige Bindung im Leben (dazu muss man wissen: Das Wort „Mantel“ ist im Russischen weiblich!). Akakiewitsch fühlt sich nicht mehr allein und der Mantel verdrängt fast seine erste Liebe das Abschreiben. Der vorher zweifelnde und unentschlossene Akakiewitsch wird charakterfester, wirkt fast verliebt – kurzum: Der Mantel bedeutet ihm alles und verändert sein komplettes Leben.
Doch dann kommt die Wende: An einem kalten Wintertag wird Akakij Akakiewitsch der Mantel gestohlen. Die Katastrophe ist perfekt, als ihm niemand zuhört. In der Polizei verwirrt man ihn mit Fragen und als er sich an die bedeutende Person wendet, schickt diese ihn weg, ohne sich anzuhören, was Akakiewitsch zu sagen hat. Daran zerbricht Akakiewitsch, er zieht sich zu Hause zurück, wird krank und stirbt schließlich genauso wie er gelebt hat: unbedeutend. Auf Arbeit wird er ersetzt und kaum ein Mensch erinnert sich noch an ihn. Doch die Novelle endet gut: Es soll ein Geist in Petersburg spuken, der das Aussehen Akakiewitschs haben soll und reichen Menschen den Mantel stehle. Schließlich bekommt Akakiewitsch Gerechtigkeit, als er der bedeutenden Person, die ihn im Stich ließ, den Mantel stiehlt.

„Wir alle kommen von Gogols Mantel her“, soll schon Dostojewskij gesagt haben. Der Mantel gehört zu den bekanntesten Stücken Gogols, nicht zuletzt wegen der Hauptfigur Akakij Akakiewitsch. Akakiewitsch wirkt auf den Leser wie eine tragische Figur, der geborene Pechvogel, der keine Freude im Leben zu haben scheint. Der Auf- und anschließende Abstieg Akakiewitschs ist das tragische Moment. Er wird von seinen Mitmenschen unterdrückt und erniedrigt und scheint alles mit sich machen zu lassen. Ohne seinen neuen Mantel geht Akakiewitsch unter und sein Leben verliert vollends seinen Sinn.


Kategorie: Kurzgeschichten und Erzählungen
Verlag: Reclam Stuttgart/Dietzenbach

Wir schnallen den Gürtel weiter

Wiglaf Droste & Vincent Klink: Das ist mal ein Gespann. Der eine führt eine der schärfsten und bösesten Federn im deutschen Literaturgestrüpp. Der andere führt ein formidables Restaurant und thront über den Hügeln Stuttgarts. Beide zusammen geben seit 1999 eine Zeitschrift mit dem eingängigen Titel „Häuptling Eigener Herd“ heraus. Nun ist im Reclam Verlag „Eine Essenz aus Häuptling Eigener Herd“ unter dem Titel erschienen, der zugleich das Motto jener Zeitschrift ist: „Wir schnallen den Gürtel weiter“. Ausgestattet mit den genialen Zeichnungen des leider im September 2005 verstorbenen F.K. Waechter ist dieses Taschenbuch ein außerordentlich erfreulicher Anschlag auf unsere Lachmuskeln und dazu noch einer, der den Verstand nährt. Kurzum: Ein großartiges Lesevergnügen.

Die Zeitschrift, aus der die rund 70 Beiträge nebst reichlich Rezepten aus der Küche der Wielandshöhe, dem Restaurant von Vincent Klink, stammen war allerdings nicht das erste Periodikum, das der umtriebige und bundesweit auch durch sein Zutun im ARD Buffet bekannte Koch herausgegeben hat. Alles begann mit einer kleinen Zeitschrift im Taschenbuchformat, herausgegeben im dann später leider eingegangenen Haffmanns-Verlag, mit dem schönen Namen „Die Rübe“. Hier schon gelang es Klink eine ganze Phalanx hervorragender Autorinnen und Autoren zu versammeln, die sich allesamt in Lyrik und Prosa oder zeichnend mit dem Thema Nr. 2 der Menschheit auseinandersetzten. Und dies auf eine sowohl erhellende, wie auch vergnügliche Weise.
Nach dem Niedergang des Haffmanns-Verlag erwuchs aus der Rübe der „Kulinarische Almanach“, der fortan im Klett-Verlag erschien und einige Zeit wiederum von Klink herausgegeben wurde. Dort allerdings zerstritt man sich, Klink jedenfalls schuf endlich sein eigenes literarisches und (klein)verlegerisches Reich: Der Häuptling Eigener Herd war geboren. Seit dem erscheint diese, wie es in den ersten Jahren im Impressum hieß – so vierteljährlich wie möglich erscheinende – Zeitschrift und bereitet in jeder Jahreszeit große Freude.
Das nun erschienene Konzentrat im Reclam-Verlag ist für alle, die den „Häuptling“ noch nicht kennen, eine nachholende Geste, die, richtig angewandt unbedingt zum Abonnement des regelmäßig neue Beiträge zur neudeutschen „Kulinarik“-Diskussion nachlegenden „Häuptlings“ führen muss. Wir wissen zwar nicht, was Ihr Supermarkt-Filialleiter empfiehlt: Wir empfehlen viermal im Jahr eine ganze Portion „Häuptling Eigener Herd“. Zu beziehen über: BuchGourmet, www.buchgourmet.com. Wer den Beipackzettel vorher lesen will: www.haeuptling-eigener-herd.de


Kategorie: Humor und Satire
Verlag: Reclam Stuttgart/Dietzenbach