Die Liebesgeschichten-Erzählerin

liebesgeschichtenerzaehlerin

liebesgeschichtenerzaehlerinDie Strandpromenade von Scheveningen im Jahr 1969: Eine Frau, Marie, sitzt auf einer Bank, schaut dem Wellenspiel zu, atmet die herbe Seeluft. Sie ist von Haus aus die Ostsee gewohnt, die rauen Gezeiten der Nordsee sind ihr neu, die Kraft, welche dieses Meer entfaltet, ebenfalls.

Dennoch spürt sie etwas von dieser Kraft in sich. Sie ist dieser Tage frei von Pflichten, Mann und Kinder kommen auch einmal ohne sie zurecht. Finanziell scheint es in ihrer Familie aufwärts zu gehen, das gibt ihr ungewohnte Freiheiten. Sie hat Zeit und Muße, sich auf sich selbst und ihre Ambitionen zu konzentrieren. So recherchiert sie in niederländischen Archiven den Liebesgeschichten ihrer Vorfahren hinterher. Den Liebesgeschichten, von denen sie schon lange spürt, dass sie erzählt werden sollten. Die Geschichte des ersten Königs der modernen Niederlande, der mit einer Berliner Tänzerin eine uneheliche Tochter zeugt, welche wiederum in ihre mecklenburgische Adelsfamilie verheiratet wird. Die Geschichte des Urenkels der Tänzerin (Vater der Erzählerin), der Geschehnisse aus seiner Zeit als kaiserlicher U-Boot Kapitän nie ganz verwunden hat. Und schließlich ihre eigene Geschichte. Sie hat einen Spätheimkehrer geheiratet, einen Gutsbesitzersohn. Und sie entfernt sich immer weiter von ihm.

Friedrich Christian Delius, Träger des Georg-Büchner-Preises, verarbeitet auch in seinem neuen Roman „Die Liebesgeschichtenerzählerin“ Teile seiner eigenen Familiengeschichte. Delius‘ Romane beschäftigen sich meist mit der bundesrepublikanischen Geschichte, so ist er auch einer der Wenigen, die sich literarisch an den „deutschen Herbst“ wagten. Diesmal erzählt er Sequenzen aus dem ganzen letzten Jahrhundert, dieser von Kriegen nie vorher dagewesen Ausmaßes geprägten Epoche, wobei die Liebesgeschichte des niederländischen Königs und der Berliner Tänzerin dem Leser schon aus „Der Königsmacher“ bekannt sein könnte.

Marie nun, die designierte Liebesgeschichtenzählerin, ist das literarische Denkmal für Delius‘ Tante, Irmgard von der Lühe, die ihr Studium für die Familie abbrach und sich erste Sporen als Biographin verdiente – wie Marie. Von der Lühe publizierte auch später noch, allerdings sind von ihr keine Romane veröffentlicht. In Delius‘ Roman bleibt folgerichtig das Ende offen: Wird Marie es wirklich schaffen, „die Liebesgeschichtenerzählerin“ zu werden? Sie verspürt den inneren Drang, „altes verborgenes Wissen von Not, Liebe und Schmerz als von den Vorfahren geerbtes Wissen weiterzugeben“. Diese Marie ist keine Rebellin, sie will auch nicht ausbrechen aus ihrem Leben als umsichtige Hausfrau und Mutter, sie mag dieses Leben. Aber sie hofft darauf, dass dieses Leben auch für sie nun Zeit und Gelegenheit bereithält, ihrem kreativen Gestaltungswillen Raum zu geben. Wobei der Leser nie so recht weiß, ob die Recherche für Marie nicht doch eher so etwas wie eine Flucht aus der Realität bedeutet, um sich nicht allzu tief mit der eigenen Vergangenheit als ehemaliges BDM-Mädel auseinandersetzen zu müssen. Dennoch zeigt Delius anhand ihrer Geschichte, wie sehr politische Geschehnisse in das Leben Einzelner eingreifen. Sehr greifbares Anschauungsmaterial gerade auch in unseren turbulenten Zeiten, besonders auch für diejenigen, die meinen, aktuelle Geschehnisse hätten mit ihnen und ihren Leben nichts zu tun.

Delius erzählt mit leiser, sehr eleganter Sprache, seine Figuren beschreibt er behutsam, immer eine gewisse Distanz wahrend. Auch kritischen Themen wie dem der deutsch-niederländischen Aussöhnung nähert er sich mit sehr viel gebotenem Respekt und Feingefühl. So wie das Ende des Romans offen bleibt, ist auch im Roman selbst bei weitem nicht alles auserzählt. Die Leser mögen die Gelegenheit nutzen, Bruchstücke aus dem eigenen Erinnerungsfundus hinzuzufügen. Auf das, was Marie berichtet, hat sie einen liebevollen Blick, sie ist keine Zynikerin. Auch wenn sie – typisch für ihre Generation – beim Anblick der „Hippies“ im Amsterdam nicht anders kann, als zu denken, ihre Geschichte möge dazu beitragen, dass diese Gestalten erkennen, wie gut sie es doch haben.

Im Roman nimmt die Vater-Tochter-Beziehung einen weiten Raum ein. Viel eher noch als das, was man von einer „Liebesgeschichtenerzählerin“ erwartet, ist er das eigentliche Thema der Marie: der Vater, der nach dem enttäuschten Kaiser-Gehorsam nathlos zum Gottesgehorsam wechselte und Marie unbewusst im Geiste des calvinistisch geprägten Teils der Niederlande erzog. Aber sei es drum: Ist die Vater-Tochter-Beziehung nicht auch eine Liebesgeschichte? Die, aus der sich weitere entwickeln? Insofern folgt Marie dem Leitsatz ihres altes Deutschlehrers: Schreiben heißt ordnen. Auch einordnen. Im Zug auf der Rückfahrt von den Niederlanden am Rhein entlang ordnet Marie das Recherchierte in ihr eigenes Leben ein: Sie ist eine Überlebende und sie ist stolz darauf. Marie ist fest entschlossen, noch vor ihrem Fünfzigsten sich im Familienleben einen neuen Platz als „Liebesgeschichtenerzählerin“ zu erobern und keine Rücksicht mehr darauf zu nehmen, was vor den Augen der Eltern und des Ehemanns Bestand haben könnte. Und vor allem will sie nicht mehr den vom Vater eingebimsten Familien-Imperativ „Schlucks runter, schlucks runter“ befolgen. Immerhin.

Erstveröffentlichung dieser Rezension in den Revierpassagen.de


Kategorie: Biographien, Briefe, Memoiren, Romane
Verlag: Rowohlt

Die Zucht

ZuchtNur fünf Minuten hat Helga Schwabe ihren Sohn aus den Augen gelassen. Einen unaufmerksamen Moment lang. Und in diesem Moment ist er verschwunden.
Als fielen Hauptkommissar Henry Conroy die Ermittlungen in diesem Fall mutmaßlicher Kindesentführung nicht schon schwer genug, muss er sich auch noch mit einer neuen Kollegin herumschlagen. Vorlaut, frech, selbstbewusst – das ist Manuela Sperling. Aber sie hat einen guten Riecher. Und bald stoßen die beiden auf eine Spur, die zu einem einsamen, verfallenen Gehöft im Niemandsland an der Grenze zu Tschechien führt, auf dem illegal Hunde gezüchtet werden…

Der sechsjährige Oleg spielt im Garten als seine Mutter nur kurz ins Haus geht um das Mittagessen vorzubereiten, aber als Sie wieder in den Garten kommt ist Oleg verschwunden. Wie kann das sein denn Oleg würde das Grundstück nie allein verlassen…?! Es gibt nur eine Erklärung, Oleg muss entführt worden sein! Aber wer ist der Täter? Die Schwabes wohnen nämlich so einsam dass er eigentlich kein zufällig ausgewähltes Opfer sein kann, oder doch?

Der 2 Meter große, einschüchternde und ziemlich griesgrämige Kommissar Henry Conroy übernimmt denn Fall und wird dabei auch noch vor eine Geduldsprobe gestellt denn seine neue Kollegin Manuela Sperling kann schon ziemlich anstrengend sein. Erst vor kurzem wurde Sie in seine Dienststelle versetzt da es Differenzen mit Ihrem früheren Chef gab…! Auch Henry fällt es zunächst schwer mit Manuela zusammen zu arbeiten und mit Ihrer lockeren und vorlauten Art klar zu kommen…!

Und dann gibt es noch Rieke, eine Tierschützerin die es sich zum Ziel gemacht hat Tiere, vor allem Hunde, aus schlechter Haltung zu befreien und immer wieder Befreiungsaktionen auf eigene Faust durchführt…! Doch bald ist Rieke spurlos verschwunden, nachdem Sie auf einem abgelegenen Hof nahe der Tschechischen Grenze rumgeschnüffelt hat der von sehr seltsamen Leuten bewohnt wird…! Ihre beste Freundin Lea begibt sich auf die Suche nach Ihr…!

Die einzelnen Kapitel werden abwechselnd mal aus Riekes, Leas, Henrys oder Manuelas Sicht geschildert, was eine schöne Abwechslung in die Geschichte bring wenn man so viele Sichtweisen zur Verfügung hat. Außerdem werden manche Kapitel auch immer wieder mal aus der Sicht eines gewissen Mareks erzählt der auf diesem seltsamen Hundehof lebt…! In diesem Zusammenhang gibt es auch noch die „Früher“ Kapitel, die von Mareks Kindheit erzählen, als er 6 Jahre alt war!

Die Geschichte ist sehr spannend, sehr kreativ und schon ziemlich krank! Es geht hauptsächlich um Henrys und Manuelas polizeiliche Ermittlungen, diese sind aber absolut nicht langatmig, wie es so oft bei ausführlichen Ermittlungen in Büchern der Fall ist! Die Geschichte ist ziemlich krass aber größtenteils ziemlich unblutig! Wenn es dann aber mal blutig wird, sind die Szenen aber nur etwas für stärkere Mägen…! Das Ende bringt dann noch eine Wendung mit der man nicht gerechnet hat und die auch offen bleibt, so dass ich jetzt immer noch darüber grüble…!

Ich fand das Buch absolut großartig und habe den 528 seitigen Klopper förmlich verschlungen! Absolut zu empfehlen wenn man kranke Geschichten mag und nicht zu zart besaitet ist…!

*Anmerkung: Die Figur Manuela Sperling ermittelt bereits in dem Buch „Wassermanns Zorn“! Dort jagt sie einen Mörder und gerät dabei mit Ihrem früheren Chef aneinander, bevor Sie in eine andere Stadt zu Henry Conroy versetzt wird! „Die Zucht“ ist also quasi der Nachfolger, kann aber völlig unabhängig gelesen werden! „Wassermanns Zorn“ habe ich mir jetzt aber auch direkt bestellt und es werden mit Sicherheit noch weitere Bücher von Andreas Winkelmann folgen…!

Andreas Winkelmann wurde 1968 in einem „Dreißig-Einwohner-Nest irgendwo in Niedersachsen“ geboren. Natur und Einsamkeit prägten ihn von Kindheit an. In Korea erreichte sein Buch „Blinder Instinkt“ kurz nach Erscheinen den dritten Platz der Bestsellerliste, was dort vorher noch keinem deutschen Thriller-Autor gelungen ist.

 

 


Kategorie: Thriller
Verlag: Rowohlt

Der goldene Handschuh

Strunck, HandschuhHamburger Berg Nr. 2. Goldener Handschuh. Eine Kneipe der untersten Art. In der schrundigen Spelunke trifft sich der Bodensatz des Abschaums. Ex-Knackis, Obdachlose, Spritter geben sich ein Stelldichein in dem Laden nahe der Reeperbahn. Rund um die Uhr ist geöffnet. Die Stammgäste tragen Namen wie Soldaten-Norbert, Fanta-Rolf und Samba-Eddy. Sie trinken nicht, sie saufen sich vom Delirium ins Tremens.

Einer der aktivsten Zecher ist Fritz »Fiete« Honka. Der kleine Nachtwächter mit großer Libido hat ständig Durst. Wird der Druck in seinem Untergeschoß zu groß, quatscht er eine der Säberalmas an. So heißen die völlig heruntergekommenen älteren Frauen, die um Verblendschnaps betteln und sich für ein Dach über dem Kopf abschleppen lassen. Er nimmt sie mit in seine Wohnung in der Zeißstraße 74 und befriedigt sich an ihren zerschundenen Körpern. Werden sie ihm nach einigen Tagen lästig, erwürgt er sie und zerlegt ihre Leiche. Den Verwesungsgeruch erklärt er mit den Kochgewohnheiten seiner griechischen Nachbarn. Erst bei einem Wohnungsbrand am 17.07.1975 stößt die Feuerwehr auf Leichenteile und macht damit dem Grauen ein Ende. »Honka, der Henker von Hamburg« schlagzeilt der Boulevard.

Autor Heinz Strunk ist tief in die Akten eingestiegen, um den Fall Honka zu schildern. Er wurde darüber hinaus selbst Stammgast im »Handschuh« und beschreibt anschaulich, was sich dort zwischen Pissepfützen und Blutlachen abspielt. Strunk offenbart einen Blick in das Leben von Menschen, die im Schmiersuff verschimmeln und sich selbst dabei noch untereinander erniedrigen. Dabei schildert er Honka als schwer alkoholkrankes Bürschlein, das auch noch das Pech hatte, zum Mörder zu werden.

Dagegen montiert der Autor die Geschichte der fiktiven Reederfamilie von Dohren. Diese Leute haben sich zur Nazizeit so exzessiv an jüdischem Eigentum vergangen, dass sie vom feinen Rest der Hanseaten geschnitten werden. Lange wartet der Leser darauf, wie die beiden Erzählstränge zusammenlaufen. Indes ist der gemeinsame Nenner der »Handschuh«, dort finden sich beide Gestalten im Mahlstrom des Alkoholismus wieder. Verkommenheit ist damit keine Frage der sozialen Herkunft sondern Verfallserscheinung der jeweiligen Figur.

Strunks Buch ist viel mehr als die Geschichte eines Mörders. »Der goldene Handschuh« ist ein unglaublich dichtes und atemberaubend geschriebenes Sittengemälde. Stilistisch steht es in der Tradition des in Deutschland kaum gepflegten »New Journalism«. Dabei gelingt es dem Autor, bei aller unter die Haut gehenden Schilderung menschlichen Not und Leids auch noch eine Ebene des Humors einzubauen, die das Ganze erträglich macht.

Zum Thema: Neue Art des journalistischen Schreibens


Kategorie: Tatsachenroman
Verlag: Rowohlt

Bilder Deiner großen Liebe

Bilder Deiner großen Liebe

Bilder Deiner großen Liebe „Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert.“ Es kommt in Schüben, gegen die man sich nicht wehren kann – „wie Hunger oder Durst, oder wenn man ficken will“. Mit solcher Art Betrachtungen beginnen die „Bilder deiner großen Liebe“.

Ein junges Mädchen stellt diese Betrachtungen an. Sie steht im Hof einer Anstalt, betrachtet die blühenden Blumen, die Sonne am Himmel – das Klischee ist ihr bewusst. Mit dem Daumennagel berührt sie die Sonne, schiebt sie Millimeter um Millimeter zurück. Langsam verschiebt sich auch das Eisentor, welches die Anstalt vom Rest der Welt trennt. Das Mächden, welches eben noch die Sonne berührt hat, huscht hinaus.
Sie hat keine Schuhe an, egal.

Sie zieht die Socken auch noch aus und beginnt barfuß ihre Wanderung. An der Autobahn entlang, durch Dörfer, Wiesen und immer wieder durch den Wald, der ihr, seit sie denken kann, ein Freund, ein Trost war. Mehr Freund als die meisten Menschen, denen sie begegnet ist in ihrem Leben oder die sie auf ihrer Wanderung noch treffen wird: Den Binnenschiffer, der mal ein Bankräuber war oder auch nicht, einen verdrucksten Schriftsteller, einen lüsternen Fernfahrer, auf dem Friedhof einen wohlwollenden Mann in grüner Trainingsjacke, ihr und uns bekannt.* Und auf einer Müllkippe trifft sie zwei Jungen, mit denen sie eine Zeitlang zusammenbleibt. Eine kurze, aber eine wahrhaftige, eine fast schon glückliche Zeitlang. Das wandernde Mädchen – wir kennen sie. Es ist Isa, die hinreißende, grandiose Isa aus Wolfgang Herrndorfs nicht weniger hinreißendem Jugendroman „Tschick“.

Der unvollendete Roman „Bilder deiner großen Liebe“ ist der letzte veröffentlichte Text des viel zu früh verstorbenen Wolfgang Herrndorf. Wolfgang Herrndorf war Schriftsteller, Maler, Illustrator und Blogger, der seinen hoch verdienten, berechtigten Erfolg erst erfuhr, als er schon unheilbar an einem Gehirntumor erkrankt war. In Konsequenz dieser unheilbaren, ihn zerstörenden Krankheit nahm er sich im August 2013 das Leben. Sein Leben mit der Krankheit und seine Vorbereitungen auf den Freitod teilte er in seinem tief berührenden, auch verstörenden Blog Arbeit und Struktur mit der Öffentlichkeit, posthum als Buch herausgegeben.

Der Veröffentlichung des fragmentarischen Isa-Textes stimmte er erst wenige Tage vor seinem Freitod zu. Zum Glück für uns, die Leser, die ihn und seine Texte schon länger begleitet haben. Ja, es ist unfassbar traurig, zum letzten Mal etwas Neues von Wolfgang Herrndorf lesen zu dürfen, aber es ist schön, es ist eine große Freude, dass es ein Text über Isa ist.

Wolfgang Herrndorfs Jugendroman „Tschick“, der Überraschungserfolg des Jahres 2010, ist ein großartiges Buch. Die Figur Tschick war grandios, die Figur Maik Klingenberg war grandios, aber seien wir ehrlich, die Grandioseste von allen war Isa. Die Figur, die auch Jahre nach der Lektüre am präsentesten in der Erinnerung ist. Isa, die Unbezähmbare, die Lebenskluge, so wild entschlossen, dem Leben wenigstens ein bißchen etwas abzutrotzden. Nicht nur die Protagonisten in Tschick liebten sie, nicht nur der Leser, sondern wohl auch Wolfgang Herrndorf.

Möglicherweise war Isa sogar diejenige von Herrndorfs Romanfiguren, die ihm am meisten bedeutete. Isa ist wohl die Romanfigur der letzten Jahre mit dem größten Potential. Es ist (bei aller Tragik des Schicksals von Herrndorf) eine weitere Tragik in sich, dass diese Figur mit ihm unvollendet gehen musste. Mit den letzten Zeilen der „Bilder“ kommt der Gedanke auf, dass Isa seine imaginäre Gefährtin war, die ihn in den Tod begleiten und doch zurückbleiben sollte, um für ihn noch etwas zu Ende zu bringen.

Den Titel „Bilder deiner großen Liebe “ hat Herrndorf selbst noch bestimmt, irgendwie ist er untypisch für ihn. Die Romanfigur Isa hat ein reales Vorbild aus dem Leben Wolfgang Herrndorfs. Ines, eine Frau, die mitten im Wald in einer Hütte wohnte, die barfuß durch den Wald streifte und über Katarakte kletterte, die ihm zum Einschlafen Musils „Fliegenpapier“ vorlas. Sie gab schon der Hauptfigur in den „Plüschgewittern“ ihren Namen, der Autor bezeichnete sie als „naturkindhaft“ und die Tage mit Ines, mit der ihn eine platonische Beziehung verband, nennt er die glücklichsten seines Lebens. (Nachzulesen im oben verlinkten Blog, Kapitel 6, 22.07.2010, 5:33h ) So betrachtet, passt der Titel dann doch wieder ganz gut. Ein weiteres schönes, berührendes Detail am Rande: Das Landschaftsgemälde auf dem Schutzumschlag ist ein Gemälde von Wolfgang Herrndorf selbst. Wie einem Hinweis im Buch zu entnehmen ist, hing es lange Zeit schief und ungerahmt und mit der Zeile „macht einem manchmal Angst: Die Natur“ an der Wand über seinem Schreibtisch.

„Bilder deiner großen Liebe“ ist keine Fortsetzung von „Tschick“. Es sind gerade mal sechs Seiten, die sich in den „Bildern“ mit der „Tschick“-Handlung überschneiden. Das mag manchen enttäuschen, zumal sich nach der Lektüre der Gedanke aufdrängt, dass die beiden Jungs für Isa bei weitem nicht das waren, was sie umgekehrt für die Jungs war. Für die „Bilder“ ist das aber völlig in Ordnung, „Tschick“ braucht keine Fortsetzung. „Tschick“ ist genauso wie es ist richtig.

Aber – so weiß der Leser schon vor der Lektüre ungefähr, was ihn erwartet. Ein Text aus der Sicht einer unzuverlässigen Erzählerin. Unter allen unzuverlässigen Erzählern, die es je gegeben hat, ist Isa wohl die unzuverlässigste. Sie mäandert durch Zeit und Raum und das liegt nicht nur daran, dass der Text den Herausgebern als Fragment vorlag. Aber gerade deswegen funktionieren die Bilder als Road Novel außerordentlich gut, gerade deswegen wirkt der Roman weit weniger unvollendet und fragmentarisch, als vor Lektüre erwartet. Es ist wirklich weniger der Roman, der unvollendet bleibt, als vielmehr Isa selbst, deren viel zu kurzes Gastspiel in der literarischen Welt man nur außerordentlich bedauern kann.

Die Herausgeber Kathrin Passig und Marcus Gärtner waren enge Freunde des Autors und zeichneten auch schon verantwortlich für die Veröffentlichung des Blogs als Buch. Man kann es nicht anders sagen, als dass sie es auch mit den „Bildern“ gut, sogar sehr gemacht haben. Man merkt (auch im erkärenden Nachwort der Beiden), dass sie sich den Entscheidungen, die sie zu treffen hatten und die eigentlich nur einem Autor zustehen, mit tiefem Respekt genähert haben. Sie haben sehr sorgfältig gearbeitet, leichtgefallen ist es ihnen auch nach eigener Aussage nicht. Sie verbergen vorhandene Lücken nicht, dennoch ist der Text zusammenhängend. Vor allem aber bewahren sie Wolfgang Herrndorfs ganz eigene Sprache und würdigen so die Einzigartigkeit des Autors.

Worte waren seine Bilder, je plastischer, desto lieber. Die gelegentlich etwas schief sitzende Grammatik – sie ist gewollt und die Herausgeber haben sie unverändert gelassen. So hat Wolfgang Herrndorf es sich gewünscht, so haben Passig und Gärtner es gemacht. Bloß keinen „Germanistenscheiß“ an den Text ranlassen, das war Herrndorf wichtig. Er wäre stolz auf das Ergebnis gewesen.

Auch wenn der Roman noch so oft unvollendet genannt werden wird, für mich als Leserin, die alle Werke Herrndorfs chronologisch zum jeweiligen Zeitpunkt ihres Erscheinens – angefangen mit den Erzählungen „Diesseits des Van-Allen-Gürtels“ bis hin zum Blog – gelesen hat, für mich sind die „Bilder Deiner großen Liebe“ ein versöhnliches, wenn auch für immer traurig bleibendes Ende.

Erstveröffentlichung dieser Rezension in den Revierpassagen.de am 20.März 2015


Kategorie: Fragmente, Roman, unvollendeter Roman
Verlag: Rowohlt

Angst

AngstDas Leben von Randolph Tiefenthaler scheint mit dem Kauf der schönen Berliner Altbauwohnung seine Erfüllung zu finden. Der Architekt und seine Familie ahnen nichts Böses, als der schrullige Herr Tiberius ihnen Kuchen vor die Tür stellt. Doch bald wird der Nachbar aus dem Souterrain unheimlich. Er beobachtet Tiefenthalers Frau, schreibt erst verliebte, dann verleumderische Briefe, erstattet sogar Anzeige. Die Ehe stürzt in eine Krise, das bloße Dasein des Nachbarn vergiftet den Alltag. Die unerträgliche Situation bringt Randolph auf einen entsetzlichen Gedanken…

Randolph ist Mitte 40, Architekt und zieht mit seiner Frau Rebecca und den beiden Kindern Paul und Fee in eine Berliner Altbauwohnung. Herr Tiberius aus dem Souterrain ist zuerst ziemlich nett, legt Ihnen selbstgebackenen Kuchen und Plätzchen vor die Tür und ist freundlich. Dann verändert sich sein Verhalten allerdings, er fängt an Rebecca gegenüber anzügliche Bemerkungen zu machen, woraufhin Sie ihn in seine Schranken weist!

Ab diesem Zeitpunkt fängt er an ihr Gedichte von Sex und Tod vor die Tür zu legen! Es dauert dann auch nicht lange, da fängt Herr Tiberius an zu behaupten, dass Randolph und Rebecca Ihre Kinder sexuell missbrauchen würden und erstattet Anzeige gegen Sie. Ständig ruft er die Polizei und Randolph und Rebecca erstatten Anzeige wegen Verleumdung. Randolph ist nun selbst ständig bei der Polizei, bei Anwälten und sogar beim Jugendamt aber Niemand kann ihm helfen Herrn Tiberius aus der Wohnung zu bekommen da dieser ja nie gewalttätig ist und keine aktive Gefahr darstellt…! Seine Briefe werden immer schlimmer und er schildert sehr bildlich was Randolph und Rebecca in seinen Augen angeblich mit Ihren Kindern anstellen…!

Die Geschichte wird aus Randolphs Ich-Erzählperspektive erzählt und beginnt damit dass Randolph im Gefängnis ist um dort seinen 78 jährigen Vater zu besuchen der wegen Mordes an Herrn Tiberius zu 8 Jahren Haft verurteilt wurde! Randolph sitzt nach diesem Besuch ziemlich verzweifelt zu Hause und beginnt die komplette Geschichte aufzuschreiben! Er beginnt in seiner frühesten Kindheit, was auch nicht unwichtig ist, da Randolph und sein Vater schon immer ein schwieriges Verhältnis hatten! Eigentlich schreibt Randolph sein komplettes Leben auf und zwischendurch denkt man schon des Öfteren mal „also so ausführlich brauch ich das alles jetzt eigentlich nicht“ sondern möchte eigentlich viel mehr über den Nachbarn erfahren! Uninteressant sind Randolphs Erinnerungen aber wirklich nicht und dadurch dass man seine komplette Lebensgeschichte erfährt, bekommt man einen sehr engen Bezug zu ihm als Protagonisten!

Eigentlich kommt Herr Tiberius in dem Buch gar nicht so oft vor und ich hatte mir die Geschichte völlig anders vorgestellt! Wer ausgeprägte Streitereien und einen ordentlich aus dem Ruder laufenden Kleinkrieg zwischen Nachbarn erwartet, der wird von diesem Buch enttäuscht sein denn das alles gibt es nicht und das Buch ist komplett gewaltfrei!

Es geht hauptsächlich darum mit dem Psychoterror und seiner eigenen Angst klarzukommen denn die Angst ist in dieser Geschichte das beherrschende Thema (wie der Titel ja auch vermuten lässt)! 😉 Randolph hat Angst! Er hatte schon in seiner Kindheit Angst, in seiner Jungend und auch jetzt hat er Angst! Angst davor wie weit Herr Tiberius gehen wird, denn wer so detailliert Kindesmissbrauch beschreibt, der hat doch bestimmt selbst eine pädophile Ader, oder?! Er hat Angst davor dass die Polizei Herrn Tiberius glauben könnte, Angst davor bald als Kinderschänder abgestempelt zu werden, Angst davor seine Kinder in der Öffentlichkeit zu berühren und auch Angst davor dass seine Kinder eine unbedachte Äußerung machen könnten die man falsch auslegen könnte…! Randolphs und Rebeccas Leben wird von Angst bestimmt und auch das angespannte Verhältnis zwischen den beiden spielt eine große Rolle und wird stark thematisiert.

Ein wirklich sehr gutes Buch über Psychoterror, Verzweiflung, Hilflosigkeit, Selbstjustiz, Angst und darüber was Angst aus Menschen machen kann…! Ich hatte mir das Buch völlig anders vorgestellt, bin aber total begeistert und kann es sehr weiterempfehlen!

Dirk Kurbjuweit wurde 1962 geboren und war Redakteur der „Zeit“ und arbeitet nun seit 1999 für den „Spiegel“. Bisher hat er sechs Romane geschrieben, von denen drei verfilmt wurden („Die Einsamkeit der Krokodile“ „Zweier ohne“) Für seine Reportagen erhielt er 1998 und 2002 den „Egon-Erwin-Kisch-Preis“ und weitere Auszeichnungen.


Kategorie: Romane
Verlag: Rowohlt

Die gleissende Welt

SiriHustvedt

SiriHustvedt „Die gleißende Welt“ – im 17. Jahrhundert gab es diesen Buchtitel schon einmal. Margaret Cavendish, eine der ersten Frauen, die unter eigenem Namen publizierten, betitelte so einen utopischen Roman. Im 21. Jahrhundert dient die Cavendish der New Yorker Künstlerin Harriet Burden als Vorbild. Harriet Burden ist die Hauptfigur in Siri Hustvedts neuem Roman und ihr Nachname ist Programm. Denn es sind schon mannigfache Bürden, welche die arme Frau trägt. Zwar verfügt sie über ein Millionenvermögen, aber ach. Ach.

Geld alleine macht ja nicht glücklich. Noch dazu ist es „nur“ das von ihrem verstorbenen Mann, einem einst gefeierten New Yorker Galeristen, ererbte Vermögen und keines, welches Harriet sich selbst erarbeitet hätte. Ein großes Unglück für die Ärmste, ist sie doch in Wahrheit eine hochtalentierte Installationskünstlerin und hätte mit eigenen Millionen überhäuft werden müssen – nur erkennt es leider keiner. Schlimmer noch, ihre Kunst wird verhöhnt und wenn sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, dann immer nur als Frau an der Seite von. Tief gekränkt zieht Harriet sich aus dem öffentlichen Leben zurück und beginnt ein zweites Leben als Mäzenin. Zudem bleibt sie ihrer Kunst treu, doch zu sehen bekommen nur wenige Auserwählte ihre Werke. Harriet ist überzeugt davon, dass eine Frau in der Kunstszene eh keine gerechte Chance bekommt. Schließlich verfällt sie auf ein gewagtes Experiment. Sie zeigt ihre Kunst doch noch öffentlich. Aber nicht als sie selbst, sondern sie bedient sich im Laufe der Jahre dreier „Maskenmänner“, die als Strohmann ihre Werke in Ausstellungen zeigen – und natürlich dafür gefeiert werden. Doch die große „Enthüllung“, welche Harriet Burden für sich gleichermaßen als Rache und Katharsis geplant hat, findet nicht statt. Der letzte ihrer „Maskenmänner“ durchkreuzt ihre Pläne und dreht den faustischen Handel gegen Harriet.

Wie ihre Protagonistin ist auch Siri Hustvedt auf ein gewagtes Experiment verfallen, um ihren geplanten Parforce Ritt durch die Gemengelage aus Vorurteilen, Begierde, Ruhm, Geld und Selbstverwirklichung dem Leser als auch wirklich von allen Seiten durchleuchtetes Paket zu präsentieren. Amerikas Ausnahme-Autorin schlüpft dafür in die Rolle der Herausgeberin und präsentiert die Geschichte der Harriet Burden als fingierte Spurensuche. Zu Wort kommen alle (fingierten) Weggefährten Harriets, Freunde wie Feinde, Gönner wie Kritiker und die mittlerweile unvollendet gestorbene Harriet selbst, deren (ebenfalls fingierte) Tagebücher der „Herausgeberin“ Hustvedt anvertraut wurden. Ein geschickter Kniff – und anhand der unbestrittenen Wortmächtigkeit und literarischen Begabung der Hustvedt hätte es ein ganz großes Buch werden können.

Ein Buch, welches – wie der Verlag nicht müde wird, zu erwähnen – alle großen Themen Siri Hustvedts vereint. Literatur, Kunst, Psychologie und Naturwissenschaften. Nur das allergrößte Thema der Hustvedt hat der Klappentexter vergessen zu erwähnen: Nämlich sie selbst. Nichts interessiert Siri Hustvedt bzw. ihre Stellvertreterin Harriet Burden so sehr wie die eigene Befindlichkeit, vornehmlich in der gespiegelten Wahrnehmung anderer. Und so wurde aus der Vereinigung eines großes Talents mit einem großen Thema leider nur eins: Das hohe Lied der sich selbst bemitleidenden Larmoyanz und Siri Hustvedt avanciert von der von einer ganzen Generation bewunderten Schriftstellerin zur Hohepriesterin regressiver Luxusprobleme.

Denn um nichts anderes geht es in diesem Buch: First world problems in platin. Es tut geradezu weh, dieses Buch zu lesen. Siri Hustvedt kann schreiben, ihr Talent ist unbestritten und nahezu unerreicht. Es hätte ein kluges, ein berührendes Buch werden können – aber irgendwann hilft auch der wundervollste Stil nicht mehr. Dann ist gejammerte Selbstgerechtigkeit nur noch ein nervtötendes Ärgernis. Man möchte in das Buch hineingehen, Harriet und Siri gleichermaßen schütteln und sie von ihrem selbstgerechten Ego-Trip runterholen. Nach den Erfolgen der Vergangenheit tut Siri Hustvedt viel, um ihren eigenen Nimbus zu festigen. Zuviel, denn mit der „gleißenden Welt“ hat dieser Nimbus bereits begonnen zu bröckeln. Sie wollte zuviel. Zu viele Themen, die sie ausgräbt und nur anreißt. Zuviele Genres, durch die sie mäandert. Und dann noch die unzählbar vielen Fußnoten, in denen sie sich gelegentlich nicht entblödet, als Quelle auf ihr eigenes Werk zu verweisen und die ansonsten nur dazu dienen, ihre Bildung auszubreiten. Darin ihrer Protagonistin nicht unähnlich verheddert sie sich schlußendlich nur noch in ihren Manierismen, scheitert an diesen und ihrem eigenen Anspruch.

Viel hatte man von diesem Buch erwartet – versprach es doch, dass Siri Hustvedt mit der „gleißenden Welt“ in die New Yorker Kunstwelt zurückkehrt, Immerhin die Welt ihres größten Erfolges „Was ich liebte“. Doch nicht ein einziges Mal löst sie die Emotionen aus, die dieses Buch hinterließ. Aus der ans Innerste ihrer Leser rührenden Erzählerin ist eine selbstgerechte Autorin geworden, die sich aller Erfolge und Lobeshymnen zum Trotz nicht genug gewürdigt fühlt. Möglicherweise liegt es daran, dass Siri Hustvedt sich immer noch an ihrem Mann, dem gefeierten Schriftsteller Paul Auster abarbeitet. Zwar finden sich genug Stimmen, die der Meinung sind, sie habe Auster mittlerweile in den Schattten gestellt, aber ihr Drang, sich selbst zu beweisen, scheint immer größer zu werden. Denn – ganz egal, wie oft es abgestritten wird – auch „die gleißende Welt“ ist mit Sicherheit zu einem Teil autobiographisch. Die Parallelen sind einfach nicht zu übersehen, gerade wenn man auch ihre anderen Werke kennt.

Oder – es liegt daran, dass Siri Hustvedt in Wahrheit gar nicht so begabt ist, wie es ihre Wortmächtigkeit suggeriert. Denn – auch in „Was ich liebte“ hat sie letzten Endes nur nacherzählt. Auch dieser Roman fußte auf eigenem Erleben, schlimmer noch auf Leben, die sie nur als Beobachterin miterlebte. Welchen Preis die als Vorlage dienenden Personen – ihr Stiefsohn und die erste Frau von Paul Auster – dafür gezahlt haben, das will man lieber gar nicht wissen. Dann schon lieber ihre eigene Befindlichkeit – aber auch von der will man eben nicht endlos lesen. So gesehen ist es kein Wunder, dass Hustvedt mit der epischen Darbietung ihrer eigenen Klugheit den Mangel an Phantasiebegabung kaschiert.

Um den Bogen zurück zu schlagen: Da ist ja noch der entlehnte Titel. Margaret Cavendish wird heute als Universalgenie gefeiert und es bedarf schon einer gewissen Chuzpe, sich einfach einen Buchtitel von einem Universalgenie zu entlehnen. Passt aber dazu, dass Hustvedt sich auch ihre Themen bisher immer nur geliehen hat. Bitter, dass sie das eigentlich gar nicht nötig hat. Und schon gar nicht hat sie es nötig, sich hinter vorgeblichen oder tatsächlichen Vorurteilen wie die von Harriet Burden immer wieder angeprangerte Bevorzugung männlicher Künstler zu verstecken.

So heißt es in der „gleißenden Welt“ : „Alle intellektuellen und künstlerischen Unterfangen, sogar Witze, ironische Bemerkungen und Parodien schneiden in der Meinung der Menge besser ab, wenn die Menge weiß, dass sie hinter dem großen Werk oder dem großen Schwindel einen Schwanz und ein paar Eier ausmachen kann.“ Hier sei die zugegeben platte Anmerkung, dass man auch als Frau durchaus Eier zeigen kann, erlaubt. Und wer, wenn nicht eine Autorin mit dem Renommee einer Siri Hustvedt wäre dazu besser in der Lage. Eine große Chance – vertan.


Kategorie: Romane
Verlag: Rowohlt

Die Witwen von Eastwick

41dONLRMlGL._SX255_BO1,204,203,200_Mehr als 30 Jahre sind vergangen, seit die drei Hobby-Hexen Alexandra, Jane und Sukie zusammen mit dem diabolischen Darryl Van Horne allerlei Schabernack veranstalteten und das Städtchen Eastwick in Aufruhr versetzten. Über das ganze Land verstreut finden sie sich erst wieder, als ihre Ehemänner das Zeitliche segnen. Die neu gewonnene Freiheit nutzend, beginnen sie, sich die Welt anzusehen. Die lustigen Witwen bereisen Ägypten und China und so langsam kehrt sie zurück, die alte Vertrautheit zwischen den Freundinnen und mit ihr die nicht ganz unschuldige Freude an magischen Tricks. Getrieben von nostalgischer Neugier beschließen sie einen Abstecher nach Eastwick, Ort der Jugend und der Erinnerungen, die mit zunehmender Zeit verklärter und harmloser erscheinen.

Doch in der alten Heimat hat man sie nicht vergessen, es gibt immer noch genügend Leute, die sich an die Geschichten von damals erinnern, Legenden über skandalöse Riten der Magie und Hexerei und so entwickelt sich der geplante Sommerurlaub der Witwen zu einer Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit; einer Auseinandersetzung, der sie sich stellen müssen und die nicht ohne Folgen bleiben wird…

John Updike war ohne Zweifel einer der größten Romanciers, den die USA je hatten, einer, der wachen Auges die dunkle Seite des amerikanischen Traums beleuchtete und seine Beobachtungen mit spitzer Feder festhielt. In seinem letzten Werk stellt er sein Können noch einmal eindrucksvoll unter Beweis. 25 Jahre nach den „Hexen von Eastwick“  – die viele vielleicht nur durch die grandiose Verfilmung mit einem Jack Nicholson in Bestform kennen – schickt er seine drei Grazien (inzwischen geplagt von den Freuden des Alters) wieder zurück an den Schauplatz ihrer Schandtaten; eine Reise, die es in sich hat.

Das Buch besticht vor allem durch die ungeheure Vielfalt und Kreativität der Sprache, jedes Verb, jedes Adjektiv trifft zielsicher ins Schwarze und beschert ein anspruchsvolles Lesevergnügen, das sich eben nicht aus einem Übermaß an Action und einem rasend schnellen Plot speist. Vielmehr sind es die kleinen Dinge, die den Roman so lesenswert machen, seien es höchst amüsante Beschreibungen des Verhaltens von US-Touristen im Urlaub oder die Schilderungen des alltäglichen Kleinstadtlebens unter dem Primat spießiger Vorurteile. Der Tod von John Updike ist ein herber Verlust für jeden Literaturfreund und lädt zu einer intensiven Beschäftigung mit seinem Gesamtwerk ein.


Kategorie: Romane
Verlag: Rowohlt

Otis

Es gibt Bücher, die einen ratlos zurücklassen, bei deren Lektüre man sich ernsthaft fragt, was in aller Welt der Autor hat mitteilen wollen.

Schlimmer noch: Wollte er dem Leser überhaupt etwas mitteilen oder wollte er einfach nur mal all seine Gedanken aufschreiben und loswerden? Am allerschlimmsten: Wenn man am Ende des Romans angelangt ist, es nicht ungern gelesen und sich nicht gelangweilt hat, aber trotzdem nicht weiß, ob einem das Buch gefallen hat, ob man aus der Lektüre jetzt etwas für sich mitnimmt. So ein Buch ist für mich „Otis“, der erste Roman von Jochen Distelmeyer, dem hochgelobten Sänger und Texter der ehemaligen? wiedervereinigten? (man weiß es derzeit nicht so genau) Hamburger Band Blumfeld.

Distelmeyer erzählt vom Leben, Wirken, und Denken seines Helden Tristan Funke, von seinen wolkigen Träumen und seinen gelegentlichen Stippvisiten auf dem Boden der Realität. Tristan ist erst vor kurzem von Hamburg nach Berlin gezogen, um über die Trennung von seiner langjährigen Liebe hinwegzukommen. Einen gutbezahlten Job hat er deswegen geschmissen, nun ist er unter die Schriftsteller gegangen. Sein Thema ist die Odyssee, darunter macht er es nicht. Natürlich übertragen in die Neuzeit. Sozusagen Metaebene auf der Metaebene in der Metaebene.

Der Held in Tristans Buch ist Otis, ein moderner Anti-Held auf der Flucht, angelehnt an die Figur des berühmt berüchtigten Kim Dotcom. Während Tristan – meist erfolglos – an seinem Buch rumdoktert, erlebt er in der Hauptstadt so etwas wie seine persönliche Odyssee.

In Tristans Lebens gibt es genug, wovor er nur zu gerne flüchten mag. Vor gleich zwei Frauen, mit denen er zeitgleich Liebschaften unterhält, während er sich eigentlich eher für eine Dritte interessiert. Vor dem Intellektuellen-Gehabe der neugewonnenen flüchtigen Hauptstadt-Bekanntschaften, mit denen er doch eigentlich so gerne konkurrieren möchte. Vor dem ganzen Elend bundesrepublikanischer Wirklichkeit in den Zehner-Jahren des noch jungen Jahrtausends. Tristan – so scheint es – ist geradewegs von der Pubertät in die Midlife-Crisis gerutscht.

Jochen Distelmeyer ist ein belesener, ein gebildeter, sehr kluger Mensch, der kluge Gedanken noch klüger zu formulieren weiß. Er kann wunderbar mit Worten umgehen, sie zu melodischen, lange nachklingenden Sätzen zusammensetzen. Es ist eine Freude, diese Sätze zu lesen, einfach um der Sätze willen. Formulieren also kann er, eine Handlung stringent erzählen hingegen eher nicht.

Wikipedia merkt zur Band Blumfeld an, dass deren Texte „eigene Gefühlswelten mit Gesellschaftskritik“ verbinden. Sehr gelungene Formulierung, die sich eins zu eins auf „Otis“ übertragen lässt. Denn genau das ist es, was in diesem Buch passiert. Nicht weniger, aber leider auch nicht mehr. Das, was in Songtexten so ganz wunderbar funktioniert, lässt sich eben nicht so einfach in Romanform übertragen. Zumal die Gesellschaftskritik an jeder Stelle so wirkt, als habe Distelmeyer sie einfach unbedingt unterbringen wollen, um jeden Preis. Auch um den Preis, dass die behandelten Themen selten etwas mit der ohnehin schon recht dürftigen Romanhandlung zu tun haben. Schlussendlich hat man das Gefühl, einfach nur aneinander montierte Szenen gelesen zu haben, die sich bei allem spürbaren Bemühen einfach nicht verdichten wollen.

Distelmeyer scheint wie sein Protagonist Tristan der Meinung zu sein, dass die Bevolkerung quasi in der „Sicherheit ausländischer Krisensituationen gewiegt wird“, während „allen im Innersten längst klar ist, dass das Spiel an sich längst gelaufen ist.“ So. Das muss mitgeteilt werden, das muss endlich mal allen klar werden. Und wenn man es in einen Roman presst, damit es nicht nur eingefleischte Blumfeld Anhänger zu hören/lesen kriegen.

Das liest sich streckenweise spannend, zum Beispiel wenn Distelmeyer sein schwelendes Unbehagen am Umgang mit jüngerer deutscher Geschichte am Beispiel des Berliner Holocaust-Mahnmals erzählt. Da ist es eigenartig berührend, wenn man selbst miterlebte Geschichte in Romanform erzählt bekommt und gleichzeitig bestürzend offenlegend, wie absurd doch so vieles ist.

Aber kein Thema ist abseitig genug, um nicht irgendwie noch in den Roman hineingequetscht zu werden. Wozu geht Tristan auf schicke Partys, wenn nicht, um die dort entstehenden Dialoge für Gesellschaftskritik zu nutzen? Da kann man gerne schon mal über Cern in Genf als das „Ground Zero für Urknall-Traumatisierte“ philosophieren. Schön formuliert, griffig, wohlklingend, aber was genau soll das dem Leser jetzt sagen?

Überdruss macht sich da schnell breit, vor allem auch, wenn kaum einmal etwas auch von einem zweiten Standpunkt aus betrachtet und so ungewollt das Vorurteil vom weltfremden Kulturschaffenden genährt wird. Sehr schön zu sehen am Exkurs über den Verlag Behrmann, wohl angelehnt an die jüngere Geschichte des Suhrkamp-Verlags. Alles richtig, alles wahr, aber alles auch nur aus der Sicht des Literaten betrachtet. Dass es auch noch andere Dinge gibt, die das Zusammenleben regeln, Gesetze beispielsweise – das schenkt Tristan/Distelmeyer sich durch elegantes Weglassen. Dadurch reduziert er seine ihm doch so am Herzen liegende Gesellschaftskritik auf eine trotzige Pippi-Langstrumpf-Ich-mach-mir-die-Welt-wie-sie-mir-gefällt-Attitude.

Dazu kommt, dass vieles im Buch sehr Berlin-spezifisch ist und für den, der nicht so mit der Welt der Promis und Hipster in der Hauptstadt vertraut ist, schwer zu enträtseln. Kann man sich immerhin gut in Tristan hereindenken, dessen nordisch-grüblerisches Wesen in der Hauptstadt auch weit weniger gefragt ist als das im Buch nicht ungeschickt gezeichnete intellektuell verbrämte, überhebliche Weltenerklärer-Gehabe. Tristan befindet sich da in einem Zwiespalt und Distelmeyer mit ihm. Nie weiß man genau, was ihn eigentlich treibt und schon gar nicht warum. Wut? Überhöhtes Selbstverständnis? Resignierte Melancholie der intellektuellen Boheme?

Viel authentischer, viel empathischer und glaubwürdiger wirkt Distelmeyers Roman dafür an den Stellen, an denen er die Gesellschaftskritik einfach beiseite lässt und von den Leuten erzählt, mit denen Tristan sein Leben verbringt. Cousine Juli und Freund Ole beispielsweise sind so fein entworfen, so lebensnah, darüber hätte man gerne mehr gelesen. Genauso wie über das Romangeschehen auf der Meta-Ebene. Die Geschichte von Otis als modernem Odysseus ist eine großartige Idee, liest sich auch in Ansätzen so schön, dass man sich bei dem Gedanken ertappt, lieber als Tristans Irrwege durch Berlin hätte man diese Geschichte gelesen. Doch auch Distelmeyers Auslassungen zu Odyssee und Orestie sind weit hergeholt und verschwurbelt. Es ist eine Odyssee der Ziellosigkeit.

Erstveröffentlichung in den Revierpassagen am 20.04.2015 


Kategorie: Romane
Verlag: Rowohlt

Wald

Ein Haus in den Voralpen. Tief im Wald, in der Nähe ein Fluss, Idylle pur. Marian lebt allein in diesem Haus. Im Garten baut sie Gemüse an. Davon und von dem, was sie sonst noch so findet, ernährt sie sich.

Ab und an angelt sie ein Festmahl, dazu gibt es selbstgebackenes Brot, zum Dessert einen selbstgebackenen Apfelkuchen. Wärme spendet ein Holzofen, befeuert aus dem sorgsam gestapelten Holz hinter dem Haus. Ihr Tagesablauf wird nur durch die Grundbedürfnisse vorgegeben: Essen, schlafen, es warm haben. Keine Termine drängen sie, Telefonate führt sie nur äußerst selten, einen Email-Account besitzt sie nicht mehr. Ihre Kleidung näht sie aus alten Stoffresten, das kann sie besonders gut, das hat sie gelernt.

Denn – das ist die Kehrseite der Medaille: Kleider entwerfen, das war ihr Beruf, ihre Berufung. Marian ist nicht freiwillig dort in diesem Haus im Wald. Ihre primitive Autarkie ist unfreiwillig, sie hat alles verloren. Noch vor wenigen Monaten lebte sie als gefeierte Designerin in der Großstadt und schneiderte den Damen der Gesellschaft edle Roben auf den Leib. Sie residierte in einer hochherrschaftlichen Wohnung, ernährte sich biologisch wertvoll und hätte niemals diesen schnöden Filterkaffee getrunken, der sie heute so beglückt.

Doch dann kam die Finanzkrise und fatalerweise ignorierte sie die ersten warnenden Anzeichen. Die Vorstellung, irgendwelche Lehman-Brüder, von denen sie nie gehört hatte, könnten sie und ihr Geschäft bedrohen, empfand sie einfach nur als absurd. In einer fatalen Mischung aus Größenwahn und hormonvernebeltem Tun ob des neuen attraktiven Lovers eröffnete sie einen Flagship-Store, dessen Miete sie bald nicht mehr bezahlen konnte und segelte unaufhaltsam in einen spektakulären Bankrott.

Ihre Schulden sind so hoch, dass ein Leben alleine niemals reichen würde, um sie abzuzahlen, auch wenn sie sich zunächst als Näherin am Stadtrand die Finger blutig näht. Dann lieber der totale Rückzug in den Wald, in ein Haus, das ihr niemand nehmen kann, weil es ihr gar nicht mehr gehört. Es ist das Erbe einer Tante und in einem Moment der Klarsicht hat sie es auf ihre Tochter überschrieben. Die Tochter, die sie kaum kennt, weil sie das Kind der Karriere wegen beim Vater gelassen hat.

Geschickt spielt die österreichische Autorin Doris Knecht in ihrem neuen Roman „Wald“ mit zwei großen Themen, die derzeit die Mittelschicht umtreiben: die Sehnsucht nach dem sogenannten einfachen, selbstbestimmten Leben auf dem Lande und die Angst vor dem Absturz aus der bürgerlichen Welt, der angesichts immer neuer Unsicherheiten stets nur einen Schritt entfernt zu sein scheint.

Man nähert sich dieser Erzählung mit schon fast voyeuristischer Neugier. Nicht, dass man sich am Unglück von Marian (die eigentlich Marianne heisst, die vermeintlich schicke Abkürzung bewahrt sie als letzte Reminiszenz an ihr altes Leben) weidet. Nein, es ist jedem klar, dass es passieren kann, jederzeit und überall. Auch Marian hat keine gravierenden Fehler gemacht, „manchmal übernehmen eben die Umstände das Leben“. Als Leser will man wissen, wie es sein wird, wie es sein kann, wenn die Existenz zerbricht und man auf sich selbst zurückgeworfen wird. Gibt es dann wirklich eine Chance für das Aussteigerleben, von dem so mancher heimlich träumt?

Doris Knecht, deren erster hochgelobter Roman „Gruber geht“ bereits verfilmt wurde, ist für ihre messerscharfen Analysen von Lebenssituationen bekannt. Eindeutige Antworten gibt sie hingegen nie, auch in „Wald“ nicht, Schlußfolgerungen überläßt sie dem Leser. Bei ihr gibt es kein „richtig“ oder “ falsch“, weder verherrlicht sie das Aussteigerleben, noch verdammt sie das snobistische Dasein in der Stadt. Auch ihre Figuren haben Brüche und Widersprüche. Ihre Marian zeichnet sie distanziert, geradezu kühl. Dass man sich ihr als Leser trotzdem nahe fühlt, liegt an der Projektion, die man unwillkürlich vornimmt. Ein Stückchen Marian steckt in jedem von uns und wenn nicht, kennt doch jeder eine Marian in seinem Umfeld.

Doris Knechts Marian bleibt allen Widrigkeiten und gelegentlichen Anfällen von Resignation zum Trotz eine Kämpferin. Sie entdeckt unbekannte Fertigkeiten und Talente an sich. Dinge, die sie früher unbekümmert „outsourcte“, gehen ihr nun leicht von der Hand. Ein Opfer ist sie nicht, war sie nicht und will sie auch jetzt nicht sein, wo sie zu allem Überfluss auch noch von der alteingessenen eingeschworenen Dorfgemeinschaft angefeindet wird.

Allerdings gibt es da noch Franz, den heimlichen Herrscher über das Land, auf dem sie lebt. Franz, der Großgrundbesitzer, der sich um sie und ihre Holzvorräte kümmert, ihr kleine dringend benötigte Geschenke macht und sich seine vorgeblich nächstenliebende christliche Fürsorge in der einzigen Währung bezahlen lässt, die Marian noch geblieben ist. Diese Beziehung läßt sich nicht so einfach in ihr neugezimmertes Weltbild einordnen. Wird sie dadurch wirklich zur „Hur“, wie ihr ein Unbekannter auf die Haustür geschmiert hat? Oder hat nicht jede Beziehung letzten Endes ihre eigene Ökonomie?

Doris Knecht erzählt klar, uneitel und ohne jede Sentimentalität. Obwohl man der Autorin eine gewisse Affinität zu Schachtelsätzen nicht absprechen kann, erzählt sie den Roman in hohem, forderndem Tempo, die Härte vieler Sätze lediglich durch österreichische Klangfärbung abgemildert. Und ihr Roman endet mit einem Lichtblick.

Erstveröffentlichung dieser Rezension in den Revierpassagen am 13.07.2015 


Kategorie: Romane
Verlag: Rowohlt

Nicht jeden Tag ist Beerdigung

Frank Werker hat 20 Jahre wegen Mordes im Gefängnis gesesen. Wieder in Freiheit verliebt er sich in eine Frau. Aber bei seinem ersten Besuch in ihrer Wohnung findet er sie ermordet auf. Er flüchtet in Panik. Denn wer wird schon einem verurteilten Mörder glauben.

Dieser rororo-Thriller stammt aus einer Zeit, in der der deutsch-deutschsprachige Regionalkrimi (beispielsweise a la Gabriella Wollenhaupt –> Dortmund, Hiltrud Leenders / Michael Bay / Artur Leenders –> Kleve, Horst Eckert –> Düsseldorf) noch nicht so populär wie heute war.

Das Buch entspricht dem Niveau der damaligen Zeit und von rororo. Eher formal und einen Hauch stilistisch streng geschrieben ist die Geschichte auf Unterhaltung angelegt. Eine gewisse Behäbigkeit und Oberflächlichkeit kommen hinzu. Wer gute literarische Hausmannskost mag, hält hiermit sicherlich ein gutes Exemplar in den Händen.


Kategorie: Kriminalliteratur
Verlag: Rowohlt

Bleeding Edge

Maxine Tarnow ist eine private Ermittlerin in Betrugsfällen und sie hat gut zu tun in diesem New Yorker Frühsommer 2001. Die erste Dotcom-Blase ist geplatzt; die Überlebenden versuchen zu retten, was zu retten ist, egal mit welchen Mitteln. Maxine beschäftigt sich mit einem Unternehmen, das Sicherheitssoftware herstellt und dessen zwielichtigem Chef, einem milliardenschweren Computer-Nerd. Dazu ihr Nebenjob als Mutter und Beinahe-Ehefrau; das Schicksal hat ihr kein leichtes Päckchen geschnürt.

Sie taucht ein in die verstörenden Tiefen des Internets und findet dort Bedrohliches, das sie nicht immer versteht, ihr aber trotzdem Angst macht. Auch im real life häufen sich merkwürdige Begebenheiten, sie trifft auf die russische Mafia und bald gibt es den ersten Toten. Und dann sind da noch die seltsamen Videos, die man ihr zuspielt, in diesen ersten Tagen des Septembers 2001…

Ich bin eigentlich eher skeptisch mit Begriffen wie »Kultautor«, und ein solcher ist Thomas Pynchon ohne Zweifel, nicht nur, weil er die Öffentlichkeit konsequent scheut. Also war »Bleeding Edge« meine erste Begegnung mit ihm, aber es wird nicht die letzte gewesen sein, so viel ist sicher. Faszinierend sind seine geschliffene Sprachgewalt und der spielerische Umgang mit Worten, ebenso die Vielzahl der Charaktere, deren bisweilen skurrile Geschichten genüsslich ausgebreitet werden. Trotzdem behält der Plot eine gewisse Stringenz bei, die Geschehnisse werden zügig vorangetrieben, und das gelingt bei einem Werk dieses Umfangs nicht vielen Schriftstellern.

Und so ist »Bleeding Edge« viel mehr als ein weiterer 9/11-Roman, obwohl das natürlich ein zentrales Thema des Buches ist und auch die entsprechenden Verschwörungstheorien nicht fehlen dürfen in einer zutiefst neurotischen Gesellschaft, die detailliert beschrieben und seziert wird. Die ungeheure Dichte von Sprache und Handlung verlangt dem Leser einiges ab, aber wenn er sich darauf einlässt, wird er reichlich belohnt, von mir eine klare Empfehlung!


Kategorie: Belletristik
Verlag: Rowohlt

Inspektor Jury bricht das Eis

Wenige Tage vor Weihnachten lernt Oberinspektor Richard Jury von Scotland Yard im verschneiten Dörfchen Washington eine hübsche Frau kennen – leichte Anwandlungen von Liebe nicht ausgeschlossen. Tags drauf ist die Frau vergiftet und dementsprechend tot.

Zwei Tage später wird eine Frau erschossen. Und das ausgerechnet in Spinney Abbey, also ganz in der Nähe; dort hält sich auch Melrose Plant, der Freund und Adlatus von Jury auf. Plant möchte dort in einem Kreise von Adeligen, Künstlern und Kritikern Weihnachten verbringen.

Das Buch verbindet Elemente des Kriminalromans mit dem des Gesellschaftsromans (der auch ein persönliches Drama enthält) und eher humoristische Teile.

Inhaltlich ist das Buch deutlich zweigeteilt. Die Geschichte beginnt in Washington. Hier überwiegen eindeutig die Elemente des Gesellschaftsromans. Ein konzentriertes Lesen und gutes Gedächtnis sind in diesem Teil schon vonnöten. In Spinney Abbey wird nämlich immer wieder darauf Bezug genommen.

Der zweite Teil in Spinney Abbey ist dann der kriminalliterarische Teil.

Die Auflösung am Ende des Buches schwächelt. Der Täter und seine Motive werden entlarvt. Seine Vorgehenswese hätte aber genauer, intensiver beschrieben werden können. Auch wenn es sich nur um Details handelt, bleiben dennoch Fragen offen.


Kategorie: Kriminalliteratur
Verlag: Rowohlt

F

F. Ein einziger Buchstabe. So viele Interpretionsmöglichkeiten. So viele Fehlinterpretationsmöglichkeiten. So viele wie das Leben. F – mit diesem simplen Buchstaben ist Daniel Kehlmanns neuer Roman betitelt.

F - Daniel Kehlmann

F wie Familie? Wie Fatum (lateinisch für Schicksal)? Wie Fälschung, wie Fiktion oder doch F für das berüchtigte, mittlerweile aber selbst in US-Diplomatinnen-Kreisen gebräuchliche Fuck? Vielleicht aber auch nur für den Namen Friedland, den Namen der Familie, die im Mittelpunkt des Romans steht.

Daniel Kehlmann jedenfalls steht nach seinem Sensationserfolg „Die Vermessung der Welt“ sofort im Mittelpunkt des Interesses, wenn er einen neuen Roman veröffentlicht. Die Ansprüche, die an ihn gestellt werden, sind immens. Man möchte nicht in seiner Haut stecken, wenn man liest, wie sich die Kritikerszene mit ihm auseinandersetzt. Für die Feuilletonisten muss es bei Kehlmann ja unbedingt der ganz große Wurf sein, der nächste Welterfolg, die nächste Sensation. Dass auch Daniel Kehlmann vielleicht einfach nur erzählen möchte, wird nicht goutiert. Umso bemerkenswerter, dass er es tut. Einfach nur erzählen.

In F erzählt er zunächst von Arthur Friedland, einem bisher glücklosen Autor, der auf den ganz großen Wurf wartet. Erst die Begegnung mit einem Hypnotiseur verändert sein Leben und das seiner Söhne gleich mit. Arthur entzieht sich allen Erwartungen und Verantwortlichkeiten und schafft fernab von diesen seinen großen Wurf. Doch um Arthur geht es in F nur am Rande. Erzählt wird im weiteren Laufe des Romans die Geschichte seiner Söhne.

Diese treffen wir im Sommer vor der Wirtschaftskrise wieder. Jeder der drei Brüder ist auf seine eigene Weise ein Betrüger, Lügner, Fälscher. Wirklich Großes werden sie nicht leisten in ihrem Leben. Weder der ungläubige Priester Martin, weder Eric, der als Vermögensberater den Versuchungen eines Schneeballsystems erliegt und dem die Krise als willkommene Ausrede dient, noch Iwan, der Kunstkenner, der das Falsche im Echten verwaltet.

Kehlmann erzählt vom üblichen Leben, vom Mittelmaß, über das so viele nicht hinauskommen. Und wenn, dann nur in seltenen Momenten wie der Hypnotiseur, der auch noch ausgerechnet den Namen Lindemann trägt. Ein Name, der seit Loriot der Inbegriff spießigen Mittelmaßes ist. Dieser Hypnotiseur ist eigentlich der sprichwörtliche Ritter von der traurigen Gestalt. Einzig im Zusammentreffen mit Arthur und seinen Söhnen läuft er zur Hochform auf und so bleibt wenigstens ihm in fremden Leben der zweifelhafte Ruhm des Schicksal-Auslösers.

Daniel Kehlmann erzählt manchmal lakonisch, manchmal empathisch von den Schicksalen seiner Protagonisten, immer aber elegant, leicht und kraftvoll zugleich. Manchmal funkelt listige Bosheit durch, gehässig aber wird er nie. Wie sein Titel ist der Roman vielfältig deutbar, nur zwei Dinge sind am Ende des Romans klar: Das Leben ist und bleibt ein unlösbares Rätsel und Daniel Kehlmann ist ein Autor, der Unterhaltung auf höchstem Niveau bietet.

F wie Familie? Wie Fatum? Wie Fälschung, wie Fiktion, wie Fuck? Letztendlich ist es völlig egal, wofür das F nun steht. Jeder mag in diesen kleinen Buchstaben selbst hineinprojezieren, was ihm wichtig ist. Genauso wie in sein eigenes kleines Leben. Und mit etwas Glück bleibt jeder selbst von all diesen Projektionen so unbeeindruckt wie Daniel Kehlmann. Ihm und seinen Lesern ist es zu wünschen.

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Kategorie: Romane
Verlag: Rowohlt

Bonita Avenue

bonitaAvenueCoverIst es vorstellbar, dass Menschen anfang der Nuller-Jahre mehrere Tausend Euro für ein paar Nacktbilder ausgeben, wo man doch heutzutage, etwas mehr als nur 10 Jahre später, geballte Erotik umsonst im Netz bekommt? Peter Buwalda spielt in seinem Roman Bonita Avenue mit der Zeit. Logisch, dass wir uns diesen Familienroman aus der Sicht zweier Generationen vornehmen.

Jan Gocha, 19 Jahre:

Kurz vor Silvester stürmen tausende Niederländer grenznahe deutsche Supermärkte, um günstig verfügbare Feuerwerkskörper zu kaufen. Der Grund für die rigide Handhabung von Silvesterknallern im Nachbarland ist die Katastrophe in Enschede, bei der 2000 eine Feuerwerksfabrik explodierte, mehrere Menschen starben und fast ein ganzes Stadtviertel verschwand. Man kann es ohne Übertreibung ein niederländisches Trauma nennen, dass Peter Buwalda in seinem hochgelobten Debütroman Bonita Avenue benutzt, um die persönliche Implosion einer nach außen hin erfolgreichen und angesehenen Familie metaphorisch einzubauen. In den Niederlanden wurde Bonita Avenue hochgelobt und geradezu euphorisch gefeiert, man nannte Buwalda sogar den niederländischen Jonathan Franzen. Nach der Lektüre bleibt eine Frage allerdings offen: Warum?

Im Zentrum der Geschichte steht die Patchwork-Familie Sigerius, deren Oberhaupt Siem, Mathematik-Genie, ehemals erfolgreicher Judoka, Rektor der Universität und später als Politiker ein angesehenes Mitglied der niederländischen Upper-Class ist. Seine Frau Tineke brachte zwei Töchter mit in die Ehe, von denen nur die Ältere Joni relevant für den Verlauf der Geschichte ist. Ihr Freund Aaron ist Fotograf und geisteskrank. Die beiden verdienen ziemlich viel Geld mit einem geheimen Unternehmen und auch wenn zunächst nicht verraten wird, welches, so deutet Buwalda doch hier und da an und es braucht nicht mehr als gesunden Menschenverstand, um zu erahnen, welche Unternehmung in einer eigentlich liberalen und offenen Familie geheim gehalten werden muss, wenn Joni schön und Aaron Fotograf ist. Zu dieser Familiensituation gesellt sich noch Siems Sohn Wilbert aus erster Ehe, der als verurteilter Mörder im Gefängnis saß und nun freigelassen wird, dabei allerdings nicht vergessen hat, wer ihn die ganze Zeit verleugnet und verlassen hat. Zeitgleich mit der Explosion der Feuerwerksfabrik fliegt Siem sein fragiles Familiengebäude um die Ohren, als er eine erste Ahnung von Jonis und Aarons Geheimnis bekommt.

Die Erzähltechnik ist zunächst so einfach wie wirkungsvoll konzipiert. Buwalda ist so von der Stärke seiner Geschichte überzeugt, dass er das Ende einfach schon am Anfang verrät. Im Verlauf des Buches kommen allerdings noch Drehungen und Wendungen hinzu, die das Lesen trotzdem nicht langweilig werden lassen. Zeitlicher Ausgangspunkt sind die Jahre 2000-2002, die aber durch Vor- und Rückschauen sinnvoll ergänzt werden.
Auch wenn immer neue Facetten das Ende ergänzen, so kommt man nicht umhin, eine gewisse Zwangsläufigkeit zu entdecken, die dem Buch nicht gut tut. Der Autor ist vollkommen mit der Zerstörung seiner Charaktere beschäftigt, so dass der Moment, in dem man das Buch aus der Hand legt und sich denkt: „Krass“ völlig fehlt. Buwalda zerstört jedes einzelne Leben, jede glückliche Lebenssituation mit Konsequenz und Härte. Das bekommen auch die Figuren zu spüren, zu denen meine Einstellung von gleichgültig (Joni) über vollkommen unsympathisch, weil lächerlich und die üble Sorte des totalen Verlierers (Aaron) zu anfangs sympathisch aber dann von Buwalda auf kranke und perverse Art charakterlich zerstört (Siem) reicht. Man kommt nicht umhin, Buwalda eine gewisse Arroganz zu unterstellen, weil er dem Leser auch nur die kleinste Anteilnahme am Schicksal der Figuren direkt wieder versaut.

Die Kritiker lobten vor allem Buwaldas rhetorische Fähigkeiten, die in der Tat vorhanden sind. Man möchte allerdings des öfteren sagen: Manchmal ist weniger mehr. Zu einer Figur wie Siem, der zwar ein angesehener und sehr intelligenter Mann, gleichzeitig aber einen so körperlichen Sport wie Judoka betreibt und im Grunde seines Herzens immer das arme Unterschichtskind aus der Utrechter Arbeiter-Siedlung geblieben ist, passt ein einfacher Vergleich oder eine schlichte Metapher besser als das ausgefeilteste Paradoxon. Eine Stelle im Buch möchte ich hier ganz besonders hervorheben, weil ich sie unglaublich misslungen finde. Als Aaron endgültig verrückt wird, verfällt Buwalda in eine Art Gedankenstrom, der sich aber nicht nur auf Aaron, sondern auch auf dessen Umwelt erstreckt. Das Ziel, das Buwalda damit verfolgt, ist klar: Er möchte uns das Wesen einer Geisteskrankheit näher bringen. Wenn man dies allerdings so offensichtlich möchte und dazu wenig subtile Mittel wählt, liegt die Gefahr des Misslingens nahe. Hier braucht der Leser Joni, um zu verstehen.

Wenig subtil auch immer wieder die Sprachebenen.So wird die Sprache an mehreren Stellen, an denen es um Porno geht, derb und vulgär. Nun könnte man meinen: Passt doch. Passt hier aber nicht, da die Figuren nicht so sind, weder von ihrem Wesen noch von ihrem Vokabular. Es sind auch nicht die Figuren, die anschaulich beschreiben, wie man einer Person Gegenstände anal einführt, sondern nur der Erzähler, der einmal mehr destruktiv aktiv wird. Die insgesamt gelungene Sprache wird so immer von Negativeffekten zerstört. Hat wahrscheinlich Methode.

Über das Buch verteilt sind kleine Easter-Eggs für den Leser. So benannte Buwalda jeden Amerikaner nach einer Figur, die Elvis Presley in einem Film spielt. Buwalda bestätigte diese Theorie eines niederländischen Literaten und begründete mit zu viel Zeit, unbestätigt ist hingegen meine Theorie zu Jonis Namen: Ist es Zufall, dass der Name der freizügigen Tochter in der Tantra-Lehre die Vulva der Frau benennt? Wohl kaum.
Insgesamt ist dieses ganze Buch vollkommen auf Zerstörung aus, niemand findet ein glückliches Ende, alle stehen mit leeren Händen da. Bei allen Kritikpunkten, die ich nun so aufgeführt habe, denke ich, dass man auch durchaus würdigen sollte, wenn man so herrlich erfrischend mit Blut und anderen Körperflüssigkeiten um sich wirft, wie Buwalda es tut, und sei es, nur um der Zerstörung zu huldigen.

Britta Langhoff, 49 Jahre:

Ja. So ist das. Es läuft alles auf Zerstörung hinaus. In diesem Buch. Im Leben. Viel zu oft: Keine Hoffnung, nirgends. Bewahren und zusammenhalten ist oft die herausfordernste Aufgabe. Und ja – die Protagonisten in Bonita Avenue haben diese Aufgabe nicht bewältigt. Bonita Avenue ist kein harmloser Familienroman. Gleich einer antiken Tragödie ist das alles beherrschende Thema Schuld an sich. Rahmenhandlung ist ein Schreckensjahr voller Intrigen, Verderbtheit und Korruption, endend in Mord und Wahnsinn. Fokus der Erzählung liegt auf dem sich als moralische Instanz inszenierenden Vater, der dennoch durch sein Vorbild zerstört. Zwei Generationen zerreiben sich durch unvereinbare Weltanschauungen, die Väter Generation, die sich über Arbeit und Disziplin definiert, die der Kinder, die sich vor allem einer elastischen Moral bedient.

Um diesen Überbau herum porträtiert Buwalda ganz unterschiedliche, nicht zusammengehörige Welten. Die Welt der Judoka – ein Sport, der einen mit sich selber konfrontiert, die Welt der Universitäten, die Haager Regierungswelt und schließlich die moralisch flexible der Pornoindustrie. Nicht nur die Generationen, auch diese Welten prallen aufeinander, die Explosion ist so unausweichlich wie die der Enscheder Feuerwerksfabrik. Neben der Fabrik bemüht Buwalda auch im Verlaufe weitere visualisierende Bilder, das offensichtlichste das der titelgebenden Bonita Avenue, der Straße, in der die Familie in früheren Jahren glücklich war. Ein Bild, welches immer wieder den Bogen zurück schlägt zur auch in diesem Buch unterschwellig drängenden Frage, eine der am meisten gestellten unserer Zeit. Der Frage nach Heimat. Nicht umsonst trägt der Blog zum Buch den Titel Nirgends so fremd wie zu Hause. Eine der Schlüsselfragen des Buchs ist „Was wissen wir wirklich voneinander, was wissen wir von unseren Kindern“ und man ahnt, dass ist es, woran Siem Sigerius zerbricht: An der Suche nach Zugehörigkeit und daran, dass er sie nirgends fand.

Bonita Avenue ist das amerikanischste aller Bücher der niederländischen Literatur, das ich jemals las. Buwaldas Sprache ist robust, kraftvoll und dennoch präzise, ähnlich der Eigenschaften, die man den Judoka nachsagt, die eine nicht unwichtige Rolle im Buch spielen. Am auffälligsten ist, dass er auf Chronologie keinen Wert legt. Flashbacks, Flash Forwards entwickelt er nahezu zu einer eigenen Kunstform. Das geht auf Kosten des traditionellen Spannungsaufbaus. Auch wenn man einwenden mag, dass sich erst aus der Rückschau bessere Schlüsse generieren lassen – entweder ist dieser Stil einfach arrogant oder dem Wunsch des Autors geschuldet, seine Leser unter Kontrolle zu halten. Aber gerade vor dem Hintergrund des Fehlens jeglicher Chronologie ist die Menge an Fakten und Ereignissen erdrückend. Dazu wird das Leben eines jeden gnadenlos ausgebreitet, nicht darf verloren gehen, jeder Gedanke, jedes Detail – alles muss berücksichtigt werden. Hingegen setzt der Autor einfach voraus, dass die Enscheder Explosion als historisches Ereignis bekannt ist. Zumindest außerhalb der Niederlande grenzwertig vor dem Hintergrund, dass Bonita Avenue auch eine Geschichte mit klarer Coming-of-Age Thematik ist und der Autor diesen Hintergrund dieser Zielgruppe vorenthält.

Bringt uns zurück zu Jans Frage: Warum? Fragte auch ich mich am Ende der Lektüre. Warum ist es Buwalda so wichtig, der zerstörerische Erzähler zu sein, warum reicht ihm nicht der neutrale Beobachterposten? Er vermeidet die direkte Meta-Ebene, Partei ergreift er auch nicht, also warum nimmt er die Spannung, warum lässt er seinen Lesern nicht die Freude am Entdecken, warum bleibt dem Leser nur die mühsamere Freude des Interpretierens? Er selbst als Autor gönnt sich das, was er dem Leser versagt, den Spaß am Spiel mit Sprache – siehe den ergiebigen Gebrauch von Easter Eggs.

Bonita Avenue ist eine verstörende Lektüre, die den Leser mit vielen Fragen zurücklässt, dennoch ist das Buch lesenswert. Schon alleine, weil es für ein Debütwerk erstaunlich und mutig ist, dass ein Autor sich an so einen vielschichtigen und anspruchsvollen Roman wagt, an einen Roman von so viel zerstörerischer Sprengkraft.

Bonita Avenue ist der erste Roman des niederländischen Journalisten und Essayisten Peter Buwalda. Als sein Vorbild nennt er Ian mc Ewan, er selbst sagt, er schreibe, weil ihm die Welt der Fiktion eine dringende neben der realen Welt zu sein scheint. Für Bonita Avenue zog er sich 4 1/2 Jahre weitestgehend aus der realen Welt zurück – mit einem erstaunlichen, verstörenden Ergebnis. Namhafte Feuilletons in den Niederlanden und Deutschland überschlagen sich vor Begeisterung und formulieren enorme Erwartungshaltungen. Bleibt zu hoffen, dass Buwalda ob diesen Drucks gelassen bleibt und seinen Stil so unbeirrbar weiter treibt wie in Bonita Avenue die Zerstörung seiner Charaktere.

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Kategorie: Romane
Verlag: Rowohlt

Rein GOLD

\"\"Oh, Ihr Schauspieler, die Ihr eines nahen Tages dieses auf Anregung der Bayerischen Staatsoper ausdrücklich für die Bühne geschriebene Zweipersonenstück auswendig lernen müsst, Ihr habt mein tiefstes Mitgefühl, denn schon Brünhilde, die widerborstige Lieblingstochter von Götterpapa Wotan, ergießt sich gleich mit 48 Seiten Text, mit einem Redeschwall in 1.189 Zeilen, in 71.340 Zeichen, bis der gekündigten Walküre erst einmal die Puste ausgeht und der gebrochene Gott, Wotan Wanderer, auf der Suche nach sich selbst und dem eigenen Untergang, zu Wort kommt. Und was antwortet ihr der Olympier, dem eigentlich keiner mehr so recht glauben oder gar folgen mag, da er Verträge nach eigenem Gutdünken interpretiert, sie mit Raubgold erfüllt, und dessen Rechtfertigungen deshalb kaum jemanden wirklich interessieren? »Kind. Soviel hast du ja noch nie gesagt! Ich hör dir jetzt seit Stunden zu, aber was hast du gesagt? Ich weiß es nicht mehr.«

Welch weise Worte, wilder Wotan. Oder ist es die Selbsterkenntnis der Autorin, die denjenigen, der sich an ihren Text wagt, vorwarnen möchte? Denn wer die ersten zwei Stunden des Monologschaums überstanden hat, der hat nur noch gute vier Stunden Wortwahn zu durchschwimmen. Wer Jelinek liest, ahnt wohl, was ihn erwartet, sonst sei er gewarnt. Er wird sich nicht beklagen, sondern vielmehr die philosophische Tiefe in den Texten suchen wie weiland Alberich das tückische Gold im schlammigen Rhein. Er wird vielleicht verstehen, was den rosaroten Panther, das Rheingold und das Jelineksche Verständnis des Marxschen »Kapital« verbindet und daraus ein intellektuelles Rahmenprogramm bestreiten können, das mäandert wie weiland Vater Rhein vor seiner zwanghaften Begradigung, die es den vielen Schatzsuchern unserer Tage so unendlich erschwert, das in den Auenlandschaften wartende Rheingold zu bergen.

Der Text, Elfriede J. mag es mir nachsehen, wirkt wie der innere Monolog einer inmitten des Feuerrings auf ihrem Walkürenfelsen gelangweilt auf die Erlösung durch den einen Helden harrenden Brünhilde mit ihrem Vater, der sie verstieß, nicht mehr mit ihr redet, dem sie jedoch alles nahezu zwanghaft erklären will, ihr Denken, ihr Handeln, ihr Aufbegehren, ihren Verrat. Gemischt mit einem guten Schuss Antikapitalismus macht die Autorin aus Wotan einen Bundespräsident a.D., der einer entwerteten Gesellschaft vorsteht, die sich als Exportweltmeister geriert und glaubt, alle Probleme mit dem Anwerfen der Geldpresse lösen zu können, um auf diesem Wege Erlösung zu spenden. Dies geschieht in einer Kunstsprache, die immer wieder Geld als Meta-Tag einsetzt und als Spiegel der intellektuellen Leere unserer Zeit verstanden werden möchte. Wie Brünhilde schreibt sie fleißig, tippt wütend »Bits und Bytes«, brennt ein Feuerwerk wilder Worte ab und sinniert. Wie heißt es an einer Stelle: »Da regt sich was und vermehrt sich! Wir könnens nicht sein, aber da bewegt sich noch was.»

Jelineks »Rein GOLD« ist, kurz gefasst, eine Suada, die sich über den Leser ergießt und in ihrer Monotonie, von ein paar Kalauern (»Der Wurm, \“ein großer und nicht im Rechner\“, bewacht« … den Nibelungenschatz) abgesehen, wenig Neues oder Erfrischendes zum Thema Wagner bringt.

Elfriede Jelinek
rein GOLD. Ein Bühnenessay
Rowohlt 2013
ISBN 978-3-498-03339-2


Kategorie: Theater
Verlag: Rowohlt