Die Pest

camus-2Zwischen den Toten der Nacht und den Sterbenden des Tages

In seinem Roman «Die Pest» von 1947 hat Nobelpreisträger Albert Camus viel selbst Erlebtes verarbeitet, wozu neben dem Handlungsort Oran insbesondere das Bedrückende der politischen und militärischen Situation im besetzten Frankreich, seine langen Klinikaufenthalte wegen seiner Tuberkulose und die ebenfalls lange Trennung von seiner Frau gehören. Innerhalb seiner mit existentialistischen Motiven angereicherten Philosophie des Absurden erscheint hier dominant das Element der Revolte im Sinne von Auflehnung, von Protest gegen die Zumutung des Daseins, die unbegreifliche Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz. Und zur Revolte als ständiger Handlungsmaxime im Werk von Camus gehört untrennbar die Solidarität, der uneingeschränkte Respekt vor dem anderen. Insoweit ist der berühmte Roman eine Art groß angelegte Meditation über die menschliche Existenz als solche. Das Nobelkomitee erkannte ihm den Preis zu «für seine bedeutungsvolle Verfasserschaft, die mit scharfsichtigem Ernst menschliche Gewissensprobleme in unserer Zeit beleuchtet».

Zum Elend dieser Welt zählt für den Menschen ohne Zweifel an erster Stelle der Tod als unabwendbarer Endpunkt seiner Existenz. Und eine tödliche Seuche wie die Pest wirft da natürlich zuallererst die Frage der Theodizee auf, das menschliche Dasein scheint in Hinblick darauf absurd, ein um sich greifender Atheismus ist die Folge. Als Gegenkräfte nennt Camus vor allem die Solidarität, die er als neue Art des Humanismus begreift, sowie Freundschaft und Liebe, für die es sich zu kämpfen lohne und die zusammen jene menschliche «Wärme» erzeugen können, die er als elementarstes Bedürfnis der Menschheit definiert.

Ein Ich-Erzähler berichtet von einem seltsamen, rasant um sich greifenden Rattensterben in der algerischen Hafenstadt Oran in den 1940er Jahren. Der Protagonist Dr. Bernhard Rieux deutet anhand der Symptome die sich ebenfalls häufenden Todesfälle unter den Bewohnern schon bald als Beginn einer Pestepidemie und stemmt sich selbstlos der schrecklichen Seuche entgegen. Der Ausnahmezustand wird ausgerufen und die Stadt nach außen hin komplett abgeriegelt. In den folgenden Monaten herrscht in dem als ganze Stadt in Quarantäne genommenen Oran der «Schwarze Tod», dem gegenüber sich der Arzt wie Sisyphos fühlt. Die Deutung der Pest durch Pater Paneloux als Strafe Gottes für die sündigen Menschen lässt Rieux nicht gelten, er gerät darüber in einen heftigen Disput mit ihm. Während des sich in fünf Phasen über ein ganzes Jahr hinweg ersteckenden Verlaufs der Pest begegnet der Leser einer Reihe von Figuren, mit denen Rieux in Kontakt ist. Da ist sein politisch engagierter Nachbar Tarrou, oder der auswärtige Journalist Rambert, der in Oran von der Pest überrascht wurde und nun mit gefangen ist, der verhinderte Schriftsteller Grand, der einen Roman schreiben will, aber schon am ersten Satz scheitert, oder Cottard, ein zwielichtiger Rentner, der von der Pest profitiert und am Ende verrückt wird.

In diesen metaphysischen Roman des Bösen, verkörpert durch die tödliche Seuche, haben Zeitgenossen Anspielungen auf den Zweiten Weltkrieg und die Résistance hinein interpretiert. Die literarische Qualität des Romans kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Lektüre gelinde gesagt beschwerlich ist, nicht nur der bedrückenden Thematik wegen. Denn wenn Rieux, der sich letztendlich als der wahre Erzähler outet, immer wieder durch die staubigen Gassen Orans flaniert, dabei seine Freunde trifft und mit ihnen endlose Gespräche über die Pest führt, ohne dass wirklich etwas geschieht, dann gerät die Lektüre irgendwann zur Geduldsprobe. «Frühmorgens weht ein leichter Wind durch die noch ausgestorbene Stadt. Um diese Stunde zwischen den Toten der Nacht und den Sterbenden des Tages scheint die Pest ihr Wüten zu unterbrechen und wieder Atem zu schöpfen». Sätze fast identischen Inhalts finden sich gleich hundertfach, weniger wäre hier wirklich mehr gewesen!

Fazit: lesenswert

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Kategorie: Roman
Verlag: Rowohlt

Wer die Nachtigall stört

lee-1Neues von der Spottdrossel

Mit dem 1960 unter dem Titel «To Kill a Mockingbird» veröffentlichten Roman ist die US-amerikanische Schriftstellerin Harper Lee weltberühmt geworden, sie bekam im Jahr darauf den Pulitzerpreis. Nach «Wer die Nachtigall stört» wurde von ihr 55 Jahre lang nichts mehr veröffentlicht, laut eigener Aussage, weil sie den Vergleich eines neuen Buches mit ihrem so überaus erfolgreichen Debüt fürchtete. Die Spottdrossel, Wappenvogel etlicher Südstaaten der USA, wurde in der deutschen Ausgabe zur «Nachtigall», aus dem «Töten» wurde weniger martialisch ein «Stören», Beides ist eine treffende Metapher dafür, wie durch menschliche Vorurteile, durch stupiden Rassenhass nämlich, schreiendes Unrecht entsteht, die Idylle zerstört wird. Der weltweit mehr als 40 Millionen Mal verkaufte Roman, schon 1962 kongenial verfilmt mit Gregory Peck, hat inzwischen den Status eines zeitlosen Klassikers. Auf Deutsch liegt er, in einer nach mehr als fünfzig Jahren erstmals überarbeiteten Übersetzung, jetzt neu vor, versehen mit einem informativen Nachwort von Felicitas von Lovenberg.

Harper Lee wird mit Truman Capote, William Faulkner, Carson McCullers, Tennessee Williams und vielen anderen Autoren der Southern Gothic zugerechnet, eine von Gewalt und Armut geprägte, kritische Südstaatenliteratur, zu der neben skurrilen Figuren und makabren Geschehnissen als integrales Element der Aberglaube und die Angst vor Geistern gehört. Auch hier im Roman überspannt die panische Angst der Kinder vor einem menschenscheuen Nachbarn, über den allerlei gruselige Geschichten kursieren, klammerartig den Plot.

Der Roman ist zeitlich in den Jahren 1933 bis 1935 angesiedelt, also in der als «Great Depression» bezeichneten Wirtschaftskrise, Handlungsort ist die fiktive Kleinstadt Maycomb in Alabama. Erzählt wird aus der Perspektive der ungewöhnlich selbstbewussten, aufgeweckten achtjährigen Jean-Louise, die von allen nur Scout genannt wird und einen nicht minder cleveren, vier Jahre älteren Bruder namens Jem hat. Ihr alleinerziehender Vater ist der von allen geachteter Anwalt Atticus Finch, ein äußerst geradliniger, integrer Mann, der für sie nicht nur Autorität verkörpert, sondern auch ihr um Antworten nie verlegener Lehrer und kumpelhafter Freund ist, die Kinder nennen ihn wie selbstverständlich immer nur beim Vornamen. Der zweiteilige, in 31 Kapitel gegliederte Entwicklungsroman behandelt im ersten Teil die Kindheit von Scout und Jem, deren Erziehung zu einem nicht unwesentlichen Teil in den Händen der resoluten, aber stets wohlmeinenden farbigen Haushälterin Calpurnia liegt. Im zweiten Teil wendet sich der Plot dem beherrschenden Thema des Romans zu, der angeblichen Vergewaltigung einer jungen Weißen durch einen Neger. In dem Prozess vertritt Atticus den farbigen Angeklagten, was ihm – und damit auch seinen Kindern – von fast allen Einwohnern der Stadt sehr übel genommen wird in ihrem dumpfen, blinden Rassenhass.

Besonders erfreulich war für mich neben der klug durchdachten Handlung mit ihren vielen lebensecht beschriebenen, markanten Figuren die stilsichere, lebendige Sprache von Harper Lee, leicht lesbar mit stimmigen Dialogen. Ihre warmherzige Story ist tiefsinnig und ethisch belehrend, sie behandelt Gewissen und Gerechtigkeit, ohne didaktisch moralisieren zu wollen, aber immer messerscharf zwischen gut und böse unterscheidend. Was die Lektüre jedoch vollends zum Hochgenuss werden lässt ist der unterschwellige Humor der Autorin, im Roman realisiert durch die kindliche Erzählperspektive der burschikosen Ich-Erzählerin und ihre ebenso naiven wie verschmitzten Gedankengänge, die den Leser immer wieder schmunzeln und oft auch laut auflachen lassen. Obwohl ruhig und unaufgeregt erzählt, enthält die Story durchaus Spannung und wartet mit überraschenden Wendungen auf. Letztendlich aber ist es die phänomenale Leichtigkeit, mit der das alles erzählt wird, die uns staunen macht bei dieser überaus erfreulichen Lektüre.

Fazit: erstklassig

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Kategorie: Roman
Verlag: Rowohlt

Manhattan Transfer

dos-passos-1Big Apple als Protagonist

Zu den großen Romanen der Weltliteratur, deren Thematik Großstädte bilden, gehört neben «Ulysses» und «Berlin Alexanderplatz» vor allem «Manhattan Transfer» von John Dos Passos. Das nach einem Umsteigebahnhof benannte, 1925 erschienene Buch aus seinem Frühwerk war der erste größere Erfolg dieses Schriftstellers. Er hatte damit und mit der wenig später erschienenen USA-Trilogie nach einhelliger Meinung der Literaturkritik den Höhepunkt seines Schaffens erreicht. Wie Joyce in seinem drei Jahre früher erschienenen Jahrhundertroman wendet Dos Passos hier erstmals den Bewusstseinsstrom an. Er erzählt strikt aus der jeweiligen Perspektive seiner vielen Figuren, verbalisiert daneben aber ebenso bedeutungsschwer auch ihre spontanen, bruchstückhaften, unreflektierten Gedanken. Mit seinen 42 Romanen und vielen anderen literarischen Werken gilt er als einer der Väter des modernen Erzählens.

Der dreigliedrig angelegte Roman mit seinen achtzehn Kapiteln, deren jeweilige Thematik in einer Überschrift umrissen und in einer kursiv gesetzten Einleitung näher ausgeführt wird, ist collageartig ohne stringente Handlung erzählt. Erzählgegenstand ist das urbane Leben New Yorks, die drei Jahrzehnte vor dem Erscheinen des Buches umfassend, und der wahre Protagonist ist hier die Metropole selbst, die ein Eigenleben zu führen scheint. Die in kurzen Ausschnitten geschilderten Begebenheiten aus dem Leben der annähernd hundert Romanfiguren bilden einen repräsentativen Querschnitt der Masse Mensch in diesem großstädtischen Moloch. Viele dieser Figuren tauchen nur kurz auf und verschwinden dann für immer, andere stehen mehr im Blickpunkt, ihr Leben wird ausführlicher und den ganzen Roman hindurch thematisiert. Sie alle verkörpern die unterschiedlichsten Umstände und Situationen urbanen menschlichen Lebens und spiegeln die gesamte Gesellschaft. Die auktoriale Erzählweise beschränkt sich dabei stets auf persönliche Beobachtungen und Erfahrungen des Figurenensembles, der Leser nimmt also voyeuristisch nur das wahr, was die jeweilige Figur selbst sieht und erlebt. Immer aber ist dabei die Megacity als dominanter Faktor präsent, ist bestimmend für Glück und Unglück, Freude und Leid, Gelingen und Scheitern, übt die eigentliche Macht aus.

Wie in einem Film mit übergangslosen schnellen Schnitten und ständigen Perspektivwechseln ist «Manhattan Transfer» durchgehend fraktal erzählt, oft absatzweise zwischen den Ereignissen hin und her springend, was die Hektik der quirligen Metropole gekonnt verdeutlicht. Ein solcher Kamerablick lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers oft auch auf ganz unbedeutende Details, die richtig einzuordnen ihm überlassen bleibt. Eine Montagetechnik, deren durch Zeitdokumente angereicherte Erzählschnipsel übrigens oft in Form realitätsnaher Dialoge erzählt werden, mit Gassenjargon wie auch mit fremdsprachlichen Einschüben angereichert. Selbst völlig unbedeutende, nur kurz auftauchende Randfiguren werden jeweils wunderbar stimmig – in wenigen Worten – einprägsam beschrieben. Und immer steht der Mensch im Mittelpunkt der Erzählung, Orte und Umgebungen, oft Restaurants, sind lediglich die knapp skizzierte Bühne für ihr Handeln. Big Apple selbst aber, der eigentliche Protagonist also, wird schlaglichtartig in seinen vielen Facetten beschrieben, als eigenständige Existenz quasi, mit Gerüchen, Geräuschen, Bewegungen, belebt mit archetypischen Figuren.

Ich habe den Roman, dessen suggestive Bildkraft ihresgleichen sucht, als herbe Kritik an einer reizüberfluteten, lebensfeindlichen Megacity gelesen. Sein melancholischer Grundton zeugt von der tiefen Skepsis des Autors, für den dieser Moloch ein Stein gewordenes Verhängnis ist, dem keine seiner Figuren heil entkommen kann, eine wahrhaft apokalyptische Vision. Ob Alkoholschmuggler, Wall-Street-Banker, Rechtsanwalt, Journalist, Schauspielerin, Näherin, Kriegsveteran, Bankrotteur, Matrose, ein glückliches Ende ist niemandem beschieden in diesem grandiosen Roman.

Fazit: erstklassig

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Kategorie: Roman
Verlag: Rowohlt

In Zeiten des abnehmenden Lichts

ruge-1Vergänglichkeit war noch nie ein vergnügliches Thema

Es ist erfreulich, dass immer wieder neue Autoren mit ihren Debütromanen renommierte Literaturpreise erringen, auf Anhieb also gleich in den Olymp der Literatur aufsteigen. So auch Eugen Ruge, der 2011 mit seinem Erstling eine Familien-Saga ablieferte, die jenen deutschen Staat widerspiegelt, der den real existierenden Sozialismus zu höchster Blüte getrieben hat, nach eigenem Verständnis jedenfalls. Als „gelernter Ossi“ hat der Autor manch Autobiografisches in seinem Roman verarbeitet, die Befindlichkeiten seiner Protagonisten, die vier Generationen repräsentieren, sind jedenfalls stimmig dargestellt in seiner kunstvoll aufgebauten Geschichte, die mit ihren diversen Kapiteln und einer Geburtstagsfeier im Zentrum ans Theater erinnert, – wen wundert’s denn auch!

«Ich hab eigentlich genug Blech im Karton» oder «Bring das Gemüse zum Friedhof» lässt Ruge den senilen Patriarchen der Familie, Altkommunist und Betonkopf zugleich, bei seiner Geburtstagsfeier immer wieder sagen, wenn ihm wertloses Ordensblech und heuchlerische Blumen überreicht werden. Wir lesen von all den Unzulänglichkeiten des täglichen Lebens, da wird überzähliger Kaviar gegen fehlende Dachfenster getauscht, die Suche nach einer akzeptablen Gaststätte gerät zur Odyssee in klirrender Kälte und endet in einer Imbissbude. Mit subtiler Ironie wird das Alltagsleben in jenem dem Untergang geweihten deutschen Staate geschildert, dessen Ideologie keinesfalls absurder war als die des Turbokapitalismus, wie wir ihn heute im wiedervereinigten Deutschland zelebrieren.

Eugen Ruges DDR-Saga ist übrigens weder mit den Buddenbrooks noch mit Tellkamps «Der Turm» vergleichbar, wie verschiedentlich behauptet. Hier geht es um die Lebenswelt einer zunächst weitgehend systemkonformen Familie, bei Tellkamp um eine eher oppositionell eingestellte systemferne Bourgeoisie. Und bei Thomas Mann ist die Familie kein Vehikel, mit dem eine Staatsordnung vorgeführt wird, sondern alleiniges Thema, bei ihm geht die stolze Familie unter, nicht der Staat.

In den nicht chronologisch angeordneten zwanzig Kapiteln wird alternierend jeweils aus Sicht eines der Protagonisten erzählt, oft in Form innerer Monologe und als kleine, in sich abgeschlossene Geschichten. Mit Abstand die Beste war für mich das liebeswerte Kapitel über die geradezu archaisch wirkende russische Großmutter, für die «schon jedes Haus aus Stein eine Kirche war». Diese aufgefächerte Erzähltechnik sorgt einerseits für Spannung, erfordert andererseits aber auch viel Aufmerksamkeit, denn alle diese Mosaiksteine formen sich erst im Kopfe des Lesers zu einem stimmigen Panorama, er muss also aufmerksam sein und mitdenken. Macht er sich diese Mühe, wird er mit einem großartigen Gesellschaftsbild einer vergangenen geschichtlichen Epoche bestens unterhalten. Ihm wird außerdem je nach Herkunft, als „Wessi“ aber ganz bestimmt, der Horizont erweitert, und zwar nicht nur ideologisch. Dass man nicht gerade in Hochstimmung gerät bei Ruges melancholischem Text, das liegt in der Natur der Sache, in Zeiten des abnehmenden Lichts, im Herbst des Lebens also, denn die Vergänglichkeit war noch nie ein vergnügliches Thema.

Fazit: erfreulich

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Kategorie: Roman
Verlag: Rowohlt

Täuschung

roth-2Postkoitales Verwirrspiel

Im umfangreichen Werk von Philip Roth finden sich charakteristische literarische Konstanten, zu denen das Judentum und die US-amerikanische Gesellschaft ebenso gehören wie Ehe und Sexualität im Kontext eines typisch männlichen Selbstentwurfs. Es gehört aber auch sein Spiel mit Identitäten dazu, bei dem er sich häufig hinter einem Alter Ego versteckt oder gleich in persona auftritt. Und natürlich ist diese Figur dann als Schriftsteller ebenfalls in den Schreibprozess integriert, es geht also letztendlich darum, den kreativen Prozess offen zu legen, mit dem eine literarische Identität erschaffen wird. Auf die Spitze getrieben hat Roth dieses kunstvolle Verwirrspiel in dem 1990 erschienenen Roman «Täuschung», dritter Teil einer vierbändigen Autobiografie, dessen ironischer Titel bereits andeutet, was auf den Leser zukommt. Denn literarische Lebensbeichte und unbekümmert ergänzte Fiktion sind kaum auseinander zu halten, zum vollen Verständnis sind deshalb einige Kenntnisse über Autor und Werk unabdingbar, auch um intertextuelle Bezüge richtig interpretieren zu können.

Der Roman ist ohne Exposition vollständig in Dialogform geschrieben, nur wörtliche Rede also, es bleibt jeweils offen, wer da gerade spricht. Ein amerikanischer Autor namens Philip und seine englische Geliebte treffen sich zum Sex in seinem spartanisch eingerichteten Arbeitszimmer, mit einer Plastikmatte auf dem Boden «für Rückenübungen und Ehebruch». Speziell der Modus des Ehebruchs gibt ihrem geheimen Treiben den Kick, löst ihre Beziehung aus dem drögen Alltag heraus. Alle diese Dialoge ihrer «postkoitalen Intimität» entstammen dem Notizbuch des Schriftstellers, der sie dort im Wortlaut festgehalten hat. Auf seine Frage beispielsweise, wie sie denn ihrem Ehemann einen blauen Fleck erklärt hätte, antwortet sie: «Ich habe gesagt: Dieser blaue Fleck stammt aus einer stürmischen Umarmung mit einem beschäftigungslosen Schriftsteller in einem Wohnhaus ohne Fahrstuhl in Notting Hill».

Kurze amüsante Dialogskizzen dieser Art werden ergänzt durch andere Gespräche, wobei gegen Ende insbesondere das lange Gespräch des Schriftstellers mit seiner Frau einiges klärt. Sie hat nämlich sein Notizbuch gefunden und macht ihm nun Vorwürfe, fühlt sich erniedrigt. «Wie kannst du dich von etwas erniedrigt fühlen, das überhaupt nicht den Tatsachen entspricht? Das bin nicht ich. Es ist weit davon entfernt, ich zu sein – es ist eine Posse, es ist ein Spiel, es ist eine Inszenierung meines Ich». Im letzten Abschnitt telefoniert der Schriftsteller Jahre später mit seiner ehemaligen Geliebten. Sie erzählt ihm, dass sie damals schwanger geworden sei, aber nicht von ihm. Auch dass sie sich in seinem Buch wieder erkannt habe, sich entblößt fühle davon. Und wirft ihm vor, sie habe nur als literarische Inspiration gedient für ihn. «Du liebst deine Schreibmaschine mehr, als du je irgendeine Frau lieben könntest». «Ich denke nicht, dass das bei dir so war. Ich glaube, ich habe euch beide gleichermaßen geliebt», erwidert er. Und deutet an, dass er dieses Telefonat ja ebenfalls in einem Buch verarbeiten könnte. Ein kaum entwirrbares Wechselspiel zwischen Romanfigur, Ich-Erzähler und Autor also, das Philip Roth da treibt.

Das Buch ist schnörkellos geschrieben und leicht lesbar, ein stringenter Plot ist allerdings nicht vorhanden. Der Sinn einiger Einschübe wird ebenfalls nicht deutlich, der Abschnitt mit Olina und Ivan aus Prag zum Beispiel. Oder die Szene mit einer Polin, die Philip, der vor zehn Jahren ihr Geliebter war, in der U-Bahn sieht, – der aber erkennt sie nicht und eilt davon. Zum seinem Dialog-Roman sagte Roth: «Ich wollte ausprobieren, ob das funktioniert. Und es schien mir zu passen: Ehebruch und Gespräch gehören zusammen». Er wollte eine englische Lady beim Ehebruch zeigen, Noblesse plus Libido also, seine Perspektive jedoch ist machohaft, die Wortwahl brutal direkt und völlig unerotisch. Ein Roman mithin, der irritiert und polarisiert zugleich.

Fazit: lesenswert

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Kategorie: Roman
Verlag: Rowohlt

Paris, ein Fest fürs Leben

hemingway-1Ein Amerikaner in Paris

Er gehörte zur Gruppe der amerikanischen Schriftsteller im Paris der Zwanzigerjahre des vorigen Jahrhunderts, die wegen ihrer verlorenen Illusionen nach dem Ersten Weltkrieg und dem damit einhergehenden Verfall bürgerlicher Wertvorstellungen als «Lostgeneration» bezeichnet werden, ein von Gertrude Stein geprägter Begriff. Während seiner Jahre in dieser Stadt mit ihrem besonderen Flair, die seit jeher viele Künstler magisch anzieht, hatte Ernest Hemingway von 1921 bis 1926 einiges an Aufzeichnungen angefertigt, die dann jahrzehntelang unbeachtet im Keller des Hotels Ritz lagerten. Erst 1956 nahm er sich dieser Notizen wieder an und schrieb dann vier Jahre lang an «Paris – Ein Fest fürs Leben», seinem Erinnerungsbuch über diese Zeit, dessen Titel allein ja schon eine Hommage an die französische Hauptstadt ist. «Wenn es der Leser vorzieht, kann dieses Buch auch als ein Werk der Phantasie angesehen werden», schreibt der Autor in seinem Vorwort und zählt auf, was er alles weggelassen hat, man kennt Dergleichen aus diversen Autobiografien.

Er schuf damit eine informative und amüsante Anekdoten-Sammlung, als chronologischer Bericht ist das Buch über seine Pariser Jahre nämlich nicht aufgebaut, es berichtet vielmehr schlaglichtartig von den Anfängen seiner literarischen Vita und seinen bescheidenen Lebensverhältnissen in dieser Zeit. Wobei sein Leben ja, wie ich es empfinde, geradezu der Inbegriff dessen ist, was man als pralles Leben bezeichnet, jedenfalls das eines Abenteurers und archetypischen Machos, der sein Männlichkeitsimage gepflegt hat wie kein Zweiter. Die letzten beiden Winter verbrachte er, auf der Flucht aus seiner schlecht heizbaren Pariser Wohnung, im österreichischen Schruns, wo er «Fiesta» schrieb, der Roman, mit dem ihm 1927 der Durchbruch als Schriftsteller gelang.

Francophile Leser im Allgemeinen und Parisfans im Besonderen kommen mit seinem Paris-Buch voll auf ihre Kosten, Hemingway schildert die Stadt detailverliebt und präzise, man durchschreitet sie geradezu mit ihm zusammen, er benennt immer wieder genauestens die Straßen und Plätze seiner Streifzüge. Und meistens kennt er dann auch ein Restaurant oder Bistro in der Nähe, es wird jedenfalls gut gegessen und reichlich getrunken, wenn er, meist in Gesellschaft, irgendwo Platz nimmt. Zu den Menschen, die ihm begegneten, gehörten vor allem Gertrude Stein, in deren Salon er regelmäßig verkehrte, bis er sich schließlich mit ihr überwarf, ferner Ezra Pound, James Joyce, Scott Fitzgerald, Ford Madox Ford und andere Schriftsteller mehr, und auch mit einigen Malern waren er befreundet. Natürlich drehten sich die Gespräche oft um Literatur, was die Lektüre besonders interessant macht, so wenn er zum Beispiel mit dem Schriftsteller Evan Shipman über Dostojewski redet und fragt: «Wie kann ein Mann so schlecht schreiben, so unbeschreiblich schlecht, und einen so tief ergreifen»? Um schließlich auf die Übersetzerin zu kommen, die Tolstois «Krieg und Frieden» doch ganz vortrefflich übersetzt habe, an der könne es dann ja wohl nicht liegen.

Womit wir beim Stil sind, in dem Hemingway selbst schreibt, eine eher karg zu nennende, lapidare Sprache mit ebenso kurzen wie prägnanten Sätzen. Das wirkt manchmal nüchtern wie ein Zeitungsbericht, tiefer gehende Emotionen des Autors sind darin kaum erkennbar. Seine geradezu ökonomisch zu nennende Schreibweise war damals zwar en vogue in der englischsprachigen Künstlerkolonie von Paris, sie vermag hier aber keine wirklich stimmige Atmosphäre zu vermitteln, gibt allenfalls ein wenig vom Lokalkolorit jener Zeit wieder. Damit dürfte das Buch manch hochgespannte Erwartung potentieller Leser nicht erfüllen.

Fazit: lesenswert

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Kategorie: Roman
Verlag: Rowohlt

Landleben

updike-1Ein inhomogener Mix

Das sich beängstigend schnell schließende Zeitfenster zwischen Eintritt in den Ruhestand und Tod ist Thema des Romans «Landleben» von John Updike. Sein Held Owen lebt im Kleinstadtmilieu an der amerikanischen Ostküste, in einer der »Villages», wie der Originaltitel lautet, in denen das Leben zwar entschleunigt abläuft und überschaubar bleibt, die aber trotzdem keine Gesellschaft hervorbringen, die unverdorben ist im Sinne von Rousseau. Den Menschen ist nämlich, in Zeiten der Libertinage zwischen Antibabypille und Aids, der ungehemmte Sex eminent wichtig, oft realisiert in unbekümmerten Seitensprüngen, glaubt man dem Autor. Genau das ist denn auch das eigentliche Hauptthema dieses Romans, den der Autor als Siebzigjähriger geschrieben hat, seinem Protagonisten an Jahren gleich und ebenfalls in ländlicher Umgebung wohnend, man darf also zumindest teilweise auch sein Alter Ego vermuten in Owen. «Ekelhafte Altmännerliteratur» hatte Elke Heidenreich bei «Der Butt» von Grass konstatiert, Updikes Roman kam bei ihr in dieser Hinsicht deutlich glimpflicher davon, mit Recht?

In Rückblicken wird das Leben des Pensionärs Owen erzählt, angefangen von Kindheit und Schule über das Studium am MIT in Boston und die frühe Selbständigkeit als Teilhaber eines Software-Unternehmens bis hin zu seinem Rückzug aus dem Beruf. Während des Studiums lernt er Phyllis kennen, eine glänzende Mathematikerin, die eine sichere Karriere aufgibt, um ihn zu heiraten. Sie ziehen aufs Land, Owens neue Firma erweist sich als erfolgreich, die Beiden führen ein saturiertes Leben und bekommen vier Kinder. Eines schönen Tages aber passiert das, wovon Männer auf der ganzen Welt immer nur träumen, die Frau eines befreundeten Ehepaares bietet sich ihm unverhohlen zum Sex an, ohne jedwede Präliminarien. Trotz Skandal und Ehekrach nach der Entdeckung seiner Untreue entwickelt Owen nun eine neue Passion, er ist unermüdlich auf der Suche nach ähnlichen Abenteuern. Oft aber muss er sich gar nicht darum bemühen, die Ehefrauen seiner Nachbarn und Freunde fallen ihm zu wie reife Früchte, und auf seinen Geschäftsreisen kommen noch diverse One-Night-Stands hinzu. Bis er dann schließlich an Julia gerät, die Frau des Pfarrers, die aber resolut auf Scheidung drängt. Er heiratet sie denn auch und zieht mit ihr, wohlversorgt durch den Erlös aus dem Verkauf der Firma, in eine entfernte Gegend, um im Ruhestand einen Neubeginn zu machen, den peinlichen Skandalen zu entfliehen, die seine verhängnisvolle Promiskuität verursacht hat.

Ergänzt wird die einfühlsam dargestellte Thematik vom Altwerden sowie der genüsslich ausgebreitete Ehebruch- und Sexstrang der Handlung durch immer wieder eingestreute, detaillierte Beschreibungen der Computer-Historie, beginnend an deren Anfängen bis hin zu den Vorläufern des PCs als erschwingliches Massenprodukt. Dieser inhomogene Mix erweist sich beim Lesen als ziemlich störend, eine Verflechtung der Themen zu einem erzählerischen Fluss ist nicht mal als Versuch erkennbar. Sprachlich folgt Updike dem amerikanischen Mainstream, einem wenig inspirierten Erzählstil, kurz und knapp in einfacher Syntax ein großes Lesepublikum ansprechend, immer bestsellertauglich also. Gedankliche Tiefe ist allenfalls beim Thema Altwerden zu finden, und interessante Figuren wie die verlassene Ehefrau Phyllis bleiben in einer Art Statistenrolle, über ihr Innenleben erfährt man so gut wie nichts. Die Sexpassagen aber sind als dümmliche Männerphantasien nur peinlich, insoweit also deutlich unter dem Niveau dessen, was Grass, zu Unrecht übrigens, angekreidet wurde. Große Literatur ist dieser Roman jedenfalls nicht, und man vergisst ihn, kaum hat man das Buch zugeklappt.

Fazit: mäßig

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Kategorie: Roman
Verlag: Rowohlt

Sand

herrndorf-1Sie dürfen Watson zu mir sagen

Titel wie Umschlagbild dieses Romans deuten zwar auf den Schauplatz der Handlung hin, Genaueres erfährt man aber nicht, man darf vermuten – Marokko, glauben viele. In seiner vielfach hoch gelobten und entsprechend prämierten Parodie eines Agententhrillers bleibt die Örtlichkeit nicht das Einzige, was nebulös ist. Und wenn der Klappentext den palästinensischen Terroranschlag bei der Olympiade erwähnt, ist damit zwar 1972 als Zeit bestimmt, der Leser so aber auch auf eine falsche Fährte geführt, die Untat der Gruppe «Schwarzer September» in München hat nämlich keinerlei Bezug zur Handlung.

Unglaublich einfallsreich schildert Herrndorf in diesem für den Leser mitunter psychedelischen Roman eine haarsträubende Geschichte, bei der man keinen festen Boden unter die Füße bekommt, sondern im Treibsand des Aberwitzigen versinkt. Man kann den Plot als abenteuerliches Verwirrspiel in der Wüste bezeichnen, findet dort ein wahrhaft irres Szenario vor und bekommt auch noch viel Sand in die Augen gestreut. Total skurrile Figuren geraten in völlig absurde Situationen, geschrieben ist dieser bilderreiche literarische Slapstick jedoch in einer knappen, kristallklaren, punktgenauen Sprache, die blitzgescheit und tiefgründig ist, aber Gott sei Dank nicht manieriert.

Wie so oft in anspruchsvolleren Büchern liegt das Besondere in den vielen kleinen, unscheinbaren Details, die ich passend zum Handlungsort als dichterische Arabesken bezeichnen möchte. Köstlich zum Beispiel die Mentalitätsbeschreibung der Araber oder der Lehrlingsschabernack mit Siemens Lufthaken und dem verlängerten Augenmaß. Erstaunt erfährt man sogar von einer zweiten Dreyfus-Affäre: Ein der künstlichen Intelligenz ablehnend gegenüberstehender Philosoph namens Dreyfus ist nach dem verlorenen Schachspiel mit einem frühen Computer der erste Mensch, «der dümmer war als ein paar Kupferdrähte»! Oder der falsche Psychiater, der seinen unter Amnesie leidenden Patienten wegen dessen Schlussfolgerungen erstaunt als Sherlock Holmes bezeichnet und nonchalant hinzufügt: «Sie dürfen Watson zu mir sagen»!

Ein sehr zu lobendes Stilmittel des Autors ist das häufige Rekapitulieren des bisher Geschehenen durch die Protagonisten, im Gespräch oder rein gedanklich. Man kann dem turbulenten Geschehen so leichter folgen, auch wenn man kein Detektivspiel aus der Lektüre machen, nicht alles genau analysieren will. Zartbesaitete müssen dann gegen Ende allerdings einiges aushalten, geradezu sadistisch wir da gefoltert, aber diese Brutalitäten sind natürlich ebenfalls satirisch überzeichnet. Und auch die Zitate am Anfang jedes der 68 Buchkapitel relativieren den nachfolgenden Text, bilden somit ein Gegengewicht zu manch Brutalem.

«Mit einigen harmonischen Akkorden könnte man das Buch also ausklingen lassen» schreibt Herrndorf gegen Ende und macht damit die Fiktion überdeutlich, auch für Diejenigen also, die immer alles ganz ernst nehmen. Folglich werden in den letzten zwei Kapiteln amüsant und locker, als Zugabe quasi, noch einige Fragen geklärt, die dem braven Leser auf der Seele brennen, und dazu gehört auch der Verbleib jener Minen, denen man auf 475 Seiten irritiert hinterher gehechelt ist, wobei man sich bestens unterhalten hat – die entsprechende Mentalität vorausgesetzt.

Fazit: lesenswert

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Kategorie: Roman
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Schall und Wahn

faulkner-3Read it four times

Nach eigenem Bekunden war «Schall und Wahn» für William Faulkner «das wichtigste, ihm liebste seiner Bücher», merkt Frank Heibert im lesenswerten Nachwort zu seiner jüngst erschienenen Neuübersetzung an. Als Südstaatler hat sich Faulkner in seinem Werk immer wieder der Tragik seiner Heimat gewidmet, eine «kraftvolle und künstlerisch selbstständige Leistung in Amerikas Romanliteratur», wie das Nobelkomitee 1949 befand.

Erzählt wird der Niedergang der Familie Compson, deren Wurzeln in der fiktiven Stadt Jefferson bis ins siebzehnte Jahrhundert zurückreichen. Der Roman ist vierteilig aufgebaut und überrascht seine Leser gleich im ersten Teil, welcher aus einer wahrhaft ungewöhnlichen Perspektive erzählt ist, der des 33jährigen, schwachsinnigen Benjamin Compson. Geistig auf dem Niveau eines Kleinkindes, kann er nicht sprechen, gleichwohl lässt der Autor ihn als Ich-Erzähler fungieren, was stilistisch durch eine ebenso chaotische wie surreale Erzählweise realisiert ist, die dem Leser von Beginn an viel Geduld abverlangt. In einem Zeitsprung von 18 Jahren, zurück auf das Jahr 1910, erleben wir im zweiten Teil dessen Bruder Quentin als Ich-Erzähler an seinem Todestage in Harvard, am Ende seines Studiums. Er erträgt die Beherrschung nicht mehr, sich der inzestuösen Liebe zu seiner Schwester Caddy zu enthalten, und ertränkt sich.

Der jüngste Bruder Jason ist Protagonist des dritten Teils, in dem, jetzt wiederum aus einer weiteren Ich-Perspektive, seine Rolle als Familienvorstand erzählt wird, eine Aufgabe, an der er scheitern muss. Er hat sich an der Börse verspekuliert, und seine Nichte stielt ihm auch noch alle seine Ersparnisse und brennt mit einem Schausteller durch. Abgeschlossen wird dieser Roman vom Untergang einer einst stolzen Familie im vierten Teil mit der auktorial erzählten Lebenswelt der gutmütigen schwarzen Hausangestellten Dilsey, die mit Mann und Kindern im Nebenhaus wohnt und bemüht ist, das desaströse Familiengefüge der Compsons wenigstens einigermaßen intakt zu halten. Aus dieser Außenperspektive heraus wollte der Autor seine Geschichte, wie er selbst sagte, noch ein viertes Mal erzählen, jetzt jedoch aus einer gewissen Distanz.

Sieben Jahre nach dem «Ulysses» von Joyce benutzt auch Faulkner in längeren Passagen, insbesondere in der ersten Hälfte seines vierten Romans, den Bewusstseinsstrom als modernes Stilmittel. Vom Verlag auf dem Buchumschlag als «eines der sieben stilistischen Weltwunder des 20.Jahrhunderts» gefeiert, brennt er ein literarisches Feuerwerk ab, wie man es selten findet, und führt damit unbeirrt alle Lesegewohnheiten ad absurdum. Ihm zu folgen ist Schwerstarbeit in vielerlei Hinsicht, das beginnt schon bei seinen Figuren, die nicht nur unter verschiedenen Namen auftreten, sondern ihren Namen zuweilen mit anderen Figuren teilen. Quentin ist einmal er, der Sohn, im gleichen Satz aber auch sie, die uneheliche Tochter der Schwester nämlich, und Faulkner lässt uns im Ungewissen, wen von den beiden er denn meint. Mit rigoroser Negierung aller Regeln von Satzbau und Grammatik, einem besonders in den ersten beiden Teilen häufigen Stilmittel, das sich gleitend bis hin zum interpunktionslosen Text in Kleinschreibung entwickelt, der seitenlange Passagen einnimmt, wird dem arglosen Leser viel Geduld abgefordert, detektivische Scharfsicht sowieso. Ganz abgesehen davon, dass dem Allen erwartungsgemäß keine stringente Handlung zugrunde liegt und auch kein hilfreicher roter Faden das Verständnis fördert, sind die vielen undurchschaubaren Zeitsprünge ebenfalls kontraproduktiv für den Leser. Darauf angesprochen, dass manche Leser selbst nach dreimaligem Lesen noch immer Verständnisprobleme hätten, war Faulkners lapidare Empfehlung: »Read it four times». Allerdings, das sei noch angemerkt, erleichtern sowohl Faulkners später hinzugefügter Appendix (sic!) sowie das ausführliche Nachwort des Übersetzers das Verständnis ungemein. Ich empfehle dringend, Beides vorab zu lesen.

Fazit: lesenswert

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Kategorie: Roman
Verlag: Rowohlt

Schloß Gripsholm

tucholsky-1Ich dichte erst ab 12 %

Es gibt nur wenige Schriftsteller, die derart vielseitig geschrieben haben wie Kurt Tucholsky, der als kritischer und weitsichtiger politischer Journalist ebenso erfolgreich war wie als Publizist, Kritiker für Literatur, Film und Musik, als Kabarettautor, Lyriker und nicht zuletzt als Satiriker. Schloß Gripsholm, sein 1931 erstmals erschienener, berühmter «Sommerroman» wurde ein großer Publikumserfolg, er gehört zu den heiteren Erzählungen, die ihm hier nach anfänglichem Sträuben letztendlich doch locker und leicht aus der Feder geflossen ist. Der Erfolg beim Publikum war entsprechend, es folgten immer wieder neue Auflagen. Der notorische Schürzenjäger Tucholsky berichtet von einem Liebesurlaub mit seiner Freundin in Schweden, dessen immer nur ganz dezent angedeutete erotische Komponente der Geschichte eine gewisse Würze verleiht. In einer Art Vorspiel zum Roman ist ein fiktiver Briefwechsel des Autors mit seinem Verleger Ernst Rowohlt abgedruckt, der ihn auffordert, doch mal eine «kleine Liebesgeschichte» zu schreiben. Im Antwortbrief auf die Prozentzahl an Rezensionsexemplare angesprochen bietet ihm Rowohlt 14% an, was der Autor ablehnt: «Bei 14% fällt mir bestimmt nichts ein – ich dichte erst ab 12%.»

«Sie hatte eine Altstimme und hieß Lydia» heißt es im ersten Satz von der Sekretärin, die mit dem Ich-Erzähler Peter ein unkonventionelles Liebespaar bildet, das für fünf Wochen nach Schweden reist, um dort die Seele baumeln zu lassen, sich gründlich zu erholen. Lydia ist gleichzeitig guter Kumpel und engelsgleiche Geliebte für Peter, der sie zumeist «Prinzessin» nennt und unsterblich verliebt ist in sie. Als er sie kennenlernte als balzender Mann, «beleuchtete ich alle Schaufenster meines Herzens. Und dann sprachen wir von der Liebe. Das ist wie bei einer bayerischen Rauferei – die raufen auch erst mit Worten.» Ihr Ferienquartier wird nun Schloß Gripsholm, wo sie in einem Anbau fern von den Touristen genau das finden, was sie suchen: Nichtstun, Faulsein, heiter verliebt die Natur genießen. Der Besuch von Karlchen, einem guten Freund von Peter, unterbricht ihre Idylle für einige Tage, danach taucht plötzlich auch Billy auf, Lydias beste Freundin, die sich von ihrem Liebhaber getrennt hat.

Bei einem ihrer Streifzüge durch die Gegend treffen die Prinzessin und Peter auf Ada, ein kleines, offensichtlich tief verstörtes Mädchen, das in einem Kinderheim lebt und dort von der tyrannischen Leiterin gequält wird. Es gelingt ihnen, die in der Schweiz lebende Mutter davon zu überzeugen, das Kind zu sich zurückzuholen. Dieser zweite Handlungsfaden rückt die Realität wieder etwas mehr in den Vordergrund, brutale Gewalt der Herrschenden den hilflos Unterdrückten gegenüber beschwört bei Peter den Albtraum eines Gladiatorenkampfes herauf, bei dem nichts als die nackte Gewalt regiert. Eine Idylle wie die im Schloß Gripsholm ist also nur auf Zeit vorstellbar, eine ernüchternde Erkenntnis für die beiden Turteltauben. Nach gemeinsamem Kreuzworträtselraten mit Billy kommt es am Ende zu einer Liebesnacht zu dritt, ganz unkonventionell genießen die Urlauber die Unbeschwertheit ihrer schönen Ferientage.

Tucholsky schreibt witzig, verschmitzt, lakonisch, geistreich, weitsichtig. Er benutzt, Gott sei Dank nur im kurzen Abschnitten, plattdeutsch und andere Idiome, was einerseits erheiternd ist, andererseits aber auch den Lesefluss erheblich stört. Sein kreativer Schreibstil ist durch überraschende Wortschöpfungen und verblüffende Gedankengänge geprägt, die satirische Komponente seiner Erzählung wird durch kluge Reflexionen ergänzt. Bei alldem schwingt unübersehbar im Hintergrund oft auch eine gewisse Melancholie mit, die vielbeschworene leichte Sommergeschichte ist jedenfalls nicht ganz so unbeschwert, wie sie vielen Lesern erscheint. Insoweit ist Schloß Gripsholm ein lesenswertes Buch, das oft unterschätzt wird und weit mehr Tiefgang bietet als eine typische Liebesgeschichte das jemals kann.

Fazit: lesenswert

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Kategorie: Roman
Verlag: Rowohlt

Bonita Avenue

buwalda-1Ein literarisches Enschede

Mit dem so gar nicht an Holland erinnernden Titel «Bonita Avenue» für seinen Debütroman hat Peter Buwalda auf Anhieb einen Bestseller geschrieben, der anderthalb Jahre die niederländische Bestsellerliste bevölkert hat und inzwischen auch in einigen Übersetzungen vorliegt. Nun gilt heutzutage, hier wie dort, für anspruchsvollere Leser die aus leidvoller Erfahrung aufgestellte Regel: Vorsicht vor Bestsellern! Ausnahmen bestätigen allerdings die Regel, wie man weiß. Liegt hier eine solche Ausnahme vor?

Der dickleibige Band mit mehr als sechshundert Seiten ist eine Familiensaga der besondern Art, in dem die heutige Zeit mit ihren Patchwork-Idyllen ad absurdum geführt wird. Seine Geschichte ist singulär angelegt, die niederländische Gesellschaft spielt nur eine Nebenrolle, sie wird nicht widergespiegelt in dem turbulenten Geschehen um die Familie Sigerius. Ganz genüsslich demontiert der Autor seine wenigen Figuren, nachdem er sie zunächst als erfolgreiche Idealtypen aufgebaut hat. Und deren wichtigste ist Siem Sigerius, einst erfolgreicher Judoka, der nach einem Unfall die vielversprechende sportliche Karriere aufgegeben muss und auf dem Krankenbett zufällig sein mathematisches Talent entdeckt. Es folgt eine kometenhafte akademische Laufbahn, die ihren Höhepunkt in seiner Berufung als Wissenschaftsminister erreicht. Seine privaten Verhältnisse gestalten sich weniger glamourös, er trennt sich von seiner ersten Frau Margriet, mit der er einen missratenen Sohn namens Wilbert hat, und heiratet die Nachbarin, die aus erster Ehe zwei Töchter mitbringt, Joni und Janis. Als die alkoholkranke Margriet stirbt, nimmt Siem seinen Sohn bei sich auf, ein Fehler, wie er bald merkt. Als sich die Probleme mit Wilbert häufen, nutzt er einen Vorfall, um ihn durch eine Falschaussage von Joni hinter Gitter zu bringen. Kaum entlassen wird er zum Mörder und nun auf lange Zeit weggesperrt. Seine aufgestaute Rache entlädt sich schließlich nach seiner vorzeitigen Freilassung und führt zu einem aberwitzigen Schluss in bester Horrorfilm-Tradition.

Buwalda arbeitet mit brachialer Gewalt bei der Demaskierung seiner Hauptfiguren, zu denen neben Siem dessen ebenso intelligente wie attraktive Stieftochter Joni und deren Freund Aaron gehören. Die beiden betreiben heimlich eine erfolgreiche Pornoseite im Internet, bei der Joni als Akteurin fungiert und Aaron als Fotograf, was die beiden schnell zu Millionären macht. Auf Wirkung bedacht baut der Autor das Unglück von Enschede im Jahre 2000 in seine Geschichte mit ein, und analog der Explosion der dortigen Feuerwerksfabrik fliegt auch die geheime Pornoseite auf, und das fragile Familiengebäude wird ebenfalls zerstört. Die beiden trennen sich, Joni flüchtet vor dem Zorn des prominenten Vaters in die USA, der paranoide Aaron landet am Ende in der Psychiatrie.

Der turbulente Plot wird in verschiedenen Zeitebenen und aus wechselnden Perspektiven erzählt, in der dritten Person aus der von Siem und Aaron, Joni tritt als Ich-Erzählerin auf. Die manchmal abrupten Handlungssprünge erfordern erhöhte Aufmerksamkeit des Lesers. Einen breiten Raum nimmt die Welt der Universität ein, der Judo-Sport wird ausgiebig beschrieben, das frühe Internet sowie die sich daraus entwickelnde Pornobranche. Glücklich war die Familie nur in den Jahren, als sie in der titelgebenden «Bonita Avenue» in den USA wohnte, die holländische Heimat hingegen führt für sie alle in die Katastrophe, «eine Tragödie ohne auch nur die Spur einer Katharsis», wie Siem beim Showdown im Roman betroffen feststellt. Die verstörende Geschichte, die an der Normalität so gar kein Interesse hat, erscheint in Vielem maßlos übertrieben und lässt, in toto erzählt wie sie ist, für eigene Interpretationen keinen Raum. Der Autor lässt es richtig krachen, Zwischentöne sind nicht zugelassen in seinem zerstörerischen Plot, eine geradezu pyrotechnische Prosa, ein literarisches Enschede sozusagen.

Fazit: mäßig

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Kategorie: Roman
Verlag: Rowohlt

Das Attentat

mulisch-1Parabel vom Tyrannenmord

Es war ein Spielfilm, der mir den Schriftsteller Harry Mulisch nahegebracht hat und den ich damals so gut fand, dass ich den zugrunde liegenden, gleichnamigen Roman später dann auch noch gelesen habe, «Die Entdeckung des Himmels». Dieser Roman und der vorliegende, zehn Jahre früher 1982 erschienene mit dem Titel «Das Attentat», fanden im umfangreichen Werk dieses hochangesehenen holländischen Autors am meisten Beachtung. Was genau den Charme seiner Erzählungen ausmacht, wurde mir in «Siegfried» am deutlichsten, dem Roman über den Sohn Adolf Hitlers. Es sind seine genial konstruierten, phantasievollen Plots, kühn und kreativ erdacht und ohne schmückendes Beiwerk zielgerichtet erzählt. Ein erzählerisch logischer Ablauf, der frei bleibt von Ungereimtheiten und gleichermaßen faszinierend, unterhaltend und zuweilen sogar noch bereichernd wirkt. Derart unterschiedliche Sujets findet man eher selten bei zeitgenössischen Romanciers, die doch oft ein ganz spezifisches Herzensthema haben und es mehr oder weniger gekonnt variieren.

Während in den genannten anderen beiden Romanen religiös mystische und politisch historische Fiktionen thematisiert werden, handelt «Das Attentat» eher realitätsnah von den Hintergründen und Auswirkungen des Tyrannenmordes. Hier am Beispiel eines gegen Ende des Zweiten Weltkrieges im Januar 1945 in den besetzten Niederlanden durch Widerstandskämpfer erschossenen holländischen Polizisten, einer Tat, die vielfältige Folgen hat. In fünf mit Jahreszahlen versehenen Episoden von 1945 bis zur Gegenwart 1981 (der Roman wurde im ersten Halbjahr 1982 geschrieben) und mit einem Prolog über den Tatort schildert der auktoriale Erzähler das Attentat auf den verhassten Kollaborateur aus der Perspektive von Anton, einem zwölfjährigen Jungen. Die Handlung ist ebenso spannend wie komplex, sie hier detailliert zu erzählen würde den Spaß am Lesen deutlich mindern, denn sie ist literarisch das alles dominierende Kernelement des Romans, ich beschränke mich deshalb auf einige Eckpunkte.

Die Vergeltungsaktion der Nazis ist dramatisch und macht Anton zum Waisen. Er kommt bei Verwandten unter und wird Anästhesist. Obwohl er glaubt, das traumatische Geschehen vergessen zu können, die Schrecken seiner Jugend überwunden zu haben, holt ihn die Vergangenheit immer wieder ein. Ungewollt führen Ereignisse und zufällige Begegnungen für ihn zu neuen, weiteren Erkenntnissen, die sich puzzleartig ergänzen und den Widerstrebenden dann doch zur Auseinandersetzung zwingen, auch wenn dies bei ihm sogar psychosomatische Wirkungen hervorruft. Mulisch verarbeitet geschickt die Themen Schuld, Rache, Verantwortung, Moral, indem er These und Antithese gegenüberstellt, speziell die Wechselwirkungen zwischen Täter und Opfer beleuchtet, und indem er Gewalt und Gegengewalt zu begründen sucht in einem komplizierten Prozess der Vergangenheitsbewältigung, dessen Argumentationen durchweg plausibel erscheinen.

Erzählt wird diese Geschichte in einer klaren, leicht lesbaren Sprache, wobei der überkonstruiert wirkende Plot mit seinem Zuviel an Zufällen zum großen Teil mit realistischen, ungekünstelten Dialogen vorangetrieben wird. Die Figuren, allen voran der Protagonist Anton, erscheinen merkwürdig blutleer, und ganz ähnlich verhält es sich auch in ihren Beziehungen zueinander. Liebe und Freundschaft werden kaum überzeugend dargestellt, Persönliches bleibt weitgehend ausgeblendet, den Ehefrauen und Kindern des Helden sind bemerkenswerter Weise nur ein paar spärliche Zeilen gewidmet, emotionale Nähe fehlt weitgehend. So was wie Empathie kommt da nicht wirklich auf beim Lesen. Handlungsorientierte Leser jedoch dürften jubeln über eine spannende Story zu einem wichtigen Thema, die zum Nachdenken zwingt über eine nicht allzu ferne Vergangenheit. Die wird hier zwar literarisch nüchtern, aber recht intelligent in einer Parabel aufgearbeitet, die für ein uraltes philosophisches Schlüsselproblem steht, das des Tyrannenmordes.

Fazit: lesenswert

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Kategorie: Roman
Verlag: Rowohlt

Ein sanfter Tod

beauvoir-1Meistverdrängtes Menschheitstrauma

Das Werk der französischen Schriftstellerin Simone de Beauvoir ist neben seiner explizit philosophischen Ausrichtung oft auch autobiografisch geprägt, dem 1964 erschienenen Roman «Ein sanfter Tod» liegt dieses für sie spezifische Sujet ebenfalls zugrunde. Es geht um den Tod ihrer Mutter, mit der die Autorin lebenslang ein gespanntes, distanziertes Verhältnis hatte, das sich nun im Sterbeprozess zu verändern beginnt. In den sechs Jahre vorher erschienenen «Memoiren einer Tochter aus gutem Hause» hatte die Autorin die Vorgeschichte der Entfremdung mit ihrer Mutter sehr detailliert beschrieben. Im vorliegenden Roman nun greift de Beauvoir darauf zurück, sie erwähnt das der damaligen Veröffentlichung folgende Zerwürfnis. Die jüngere Schwester übernahm es dann, die erboste Mutter zu beschwichtigen. «Ich begnügte mich damit, ihr einen Blumenstrauß zu schicken und mich wegen eines Wortes zu entschuldigen; das rührte und verblüffte sie übrigens. Eines Tages sagte sie zu mir: Eltern verstehen ihre Kinder nicht, aber das gilt auch umgekehrt…»

Vor diesem Hintergrund erzählt de Beauvoir von einem häuslichen Unfall der 77jährigen Mutter. Bei den Untersuchungen in der Klinik wird neben einem Schenkelhalsbruch auch noch eine Bauchfellentzündung vermutet. Der Zustand der Patientin verschlechtert sich jedoch zusehends, es folgen weitere ärztliche Befunde, bis sich schließlich herausstellt, dass eine Krebsgeschwulst ihren Dünndarm verschließt. «Lassen Sie sie nicht operieren» raunt eine es gut meinende, ältere Krankenschwester den beiden Töchtern zu. Sie entscheiden anders, bei der Operation wird dann eine riesige Krebsgeschwulst gefunden, die kurzzeitig zum Tode führen würde. Was folgt ist ein vierwöchiger schmerzvoller Sterbeprozess, den die Autorin minutiös beschreibt, in dem sich auch das gespannte Verhältnis zur Mutter allmählich bessert, dessen unabwendbares Ende ihr jedoch rücksichtsvoll verschwiegen wird.

In dem Auf und Ab des körperlichen Verfalls wird deutlich, wie sehr doch die Mutter am Leben hängt. Sie will nicht sterben, lehnt sogar strikt allen behutsam angebotenen geistlichen Beistand ab. Was erstaunlich scheint, war doch gerade die unbeirrbare religiöse Bindung der Mutter einst Auslöser für die Differenzen, zu denen dann der damals fast skandalöse Lebenswandel der emanzipierten Tochter noch erschwerend hinzukam. Denn Simon de Beauvoir hatte eine völlig andere Auffassung von der Rolle der Frau, die sie in ihrem erfolgreichsten Werk «Das andere Geschlecht» niederschrieb. Ihre Erkenntnis, «man wird nicht zur Frau geboren, man wird dazu gemacht von der Gesellschaft» hat ihr für immer den Status einer Ikone der Frauenbewegung verliehen.

Der Roman ist insoweit ein Zeugnis der weiblichen Emanzipation, die sich innerhalb der einen Generation von Mutter zur Tochter entscheidend weiterentwickelt hatte. Die Geschichte, die auch eine Rückblende auf die familiären Verhältnisse beinhaltet, wird äußerst detailverliebt erzählt in einer nüchternen, uneitlen Sprache, die flüssig zu lesen ist. Zweifellos aber ist der Roman als Auslöser für philosophische Diskurse geeignet, wozu auch die Frage gehört, ob jede medizinisch mögliche Verlängerung des Lebens wirklich immer geboten ist. Aus atheistischer Sicht bleibt mir unverständlich, warum man denn verzweifelt den doch fest versprochenen Einzug der bußfertigen Glaubenden in den Himmel unbedingt hinausschieben will? Bedeutet das etwa Zweifel an den Grundfesten religiöser Verheißungen? Die Versöhnung zwischen Mutter und Tochter findet nur nonverbal statt, durch Gesten, Lächeln, ein sanfter Tod also zu guter Letzt, wenigstens auf emotionaler Ebene. In einer resümierenden Schlussbetrachtung beleuchtet die Autorin den Tod aus existentialistischer Sicht, er sei widernatürlich, «weil seine Gegenwart die Welt in Frage stellt», ein Unfall für den Menschen «und, selbst wenn er sich seiner bewusst ist und sich mit ihm abfindet, ein unverschuldeter Gewaltakt».

Fazit: lesenswert

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Kategorie: Roman
Verlag: Rowohlt

F

kehlmann-1How Fiction Works

Auf «signifikant insignifikante» Einzelheiten komme es an, war Daniel Kehlmann überzeugt, nachdem er im Herbst 2008 in New York «How Fiction Works» von James Wood entdeckt hatte, laut Klappentext der deutschem Ausgabe ein Buch, das die Frage klären will: «Was unterscheidet einen guten Roman von einem schlechten». Der Originaltitel hat eine unübersetzbare Doppelbedeutung, lässt Kehlmann uns in seinem kurzen Vorwort zu diesem empfehlenswerten Sachbuch wissen, er bedeute nämlich auch «was eine Geschichte mit uns anstellt». Mit mir, das sei vorweg gesagt, hat «F» nichts angestellt, da ist kein Funke übergesprungen, was mich im Nachhinein selbst am meisten überrascht.

All das nämlich, was Wood an Tipps und Tricks für Schriftsteller herausarbeitet in seinem Buch, hat der vielfach als Poetik-Dozent tätige Kehlmann geradezu exemplarisch umgesetzt in seinem neuen Roman. Und so krabbelt bei ihm denn auch prompt eine Ameise die Fuge des Straßenpflasters entlang, signifikant insignifikant eben, ein Detail, das mit der geschilderten Szene rein gar nichts zu tun hat, aber auf wundersame Weise für Atmosphäre sorgt. Sprachlich kann ihm kaum jemand das Wasser reichen von den deutschsprachigen Romanautoren unserer Tage, würde ich behaupten, er schreibt jedenfalls auf sehr hohem Niveau. Und kreativ ist er obendrein, in «F» finden sich diverse äußerst originelle Ideen, sowohl was seine Figuren anbelangt als auch den Plot und dessen dramaturgischen Aufbau.

Klerus, Kapital, Kunst – man hätte den Roman auch «K» nennen können statt «F», was sich übrigens von «Fatum» ableitet, wie gegen Ende erläutert wird, Schicksal also. Der an Thomas Manns «Mario und der Zauberer» erinnernden Einleitung folgen drei umfangreiche Kapitel, in denen jeweils einer von drei Brüdern als Protagonist im Mittelpunkt steht. Ein Pfarrer, welcher «der Vernunft nicht entkommen kann» und folgerichtig den Glauben verloren hat, ein betrügerischer Anlageberater unmittelbar vor dem Konkurs, den ausgerechnet die Finanzkrise dann vor dem Schlimmsten bewahrt, und ein schwuler Maler und Kunstkritiker, der mit Einverständnis seines Lebenspartners Bilder mit dessen Signatur malt und durch geschickte Manipulationen teuer verkauft. Alles Lug und Trug also, ein wahrlich pessimistisches Weltbild, vor dessen Hintergrund diese ungewöhnlich kunstvoll ineinander verschachtelten Geschichten erzählt werden. Die Klammer bildet dabei ein einziger Tag, dessen Geschehnisse aus den drei Perspektiven geschildert werden, es ist der 08.08.08. Bei solcherart Zahlenspielerei bleibt Kehlmanns Vorliebe für Effekte unübersehbar, es wimmelt übrigens geradezu von Derartigem in seinem Roman, so mancher begeisterter Leser hat das Buch deshalb mehrmals gelesen, um allen diesen Feinheiten und Anspielungen auf die Spur zu kommen. Lesespaß pur also, da hatte auch ich meine helle Freude dran.

Aber ist das alles nicht zuviel des Guten, frage ich mich trotzdem. «F» ist als Roman wie am Reißbrett konstruiert, perfekt durchdacht, sprachmächtig erzählt, mit witzigen Details angereichert, auch die Thematik ist interessant und hochaktuell obendrein. Bei aller literarischen Perfektion bleibt dieses Konstrukt aber seelenlos, es ist emotional tot, keinen Nachhall hinterlassend und schon gar keine Funken erzeugend. Ganz ähnlich ging es mir bei «Die Vermessung der Welt», auch dieser Bestseller war solch eine Kopfgeburt, aus der eigentlich genialen Idee hätte man deutlich mehr machen können. Und bei «F» nun wartet man nach den drei mitreißenden Hauptkapiteln gespannt auf das letzte – und wird wieder enttäuscht. Kein Unheil, kein gespenstischer Albtraum, wie der Klappentext ankündigt, die Geschichte läuft stiekum und ganz unspektakulär aus mit der Trauerfeier für den tot erklärten Kunstfälscher, dessen Schicksal im Dunkeln bleibt. Man hat den Eindruck, der Autor hatte einfach keine Zeit mehr oder keine Lust, einen adäquaten Schluss zu ersinnen für seinen ansonsten erfreulichen Roman.

Fazit: lesenswert

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Kategorie: Roman
Verlag: Rowohlt