Eine Schachtel Streichhölzer

Sternstunde des Insignifikanten

Wer den Plot für einen wichtigen, unverzichtbaren Bestandteil einer Erzählung hält, dem beweist Nicholson Baker mit seinem Kurzroman «Eine Schachtel Streichhölzer» das Gegenteil. Eine Handlung ist nämlich nicht mal rudimentär vorhanden, die Erzählung des US-amerikanischen Schriftstellers beschränkt sich einzig und allein auf Reflexionen seines Protagonisten, die ohne erkennbaren Zusammenhang aneinandergereiht sind. Und wie nicht anders zu erwarten polarisiert ein solcher Roman die Leserschaft, die Hälfte ist begeistert, die andere Hälfte entsetzt, Zwischentöne fehlen völlig, und auch das Feuilleton ist uneins oder ignoriert das Buch ganz einfach.

«Guten Morgen, es ist … Uhr». Mit diesen Worten begrüßt der Protagonist in jedem der 33 Kapitel seinen Leser, variiert wird nur die Uhrzeit, die jedoch immer «in aller Herrgotts Frühe» liegt. Emmett ist notorischer Frühaufsteher vom Schlaftypus Lerche, der uns eine plausible Antwort schuldig bleibt, warum er denn zu solch unchristlichen Zeiten aus den Federn steigt. Den 33 Kapiteln entsprechen 33 Tage, die mutmaßlich aufeinanderfolgen, – nur dass es Winter ist und kalt, soviel ist immerhin gewiss. Und deshalb ist das Feuermachen im Kamin auch die erste der allmorgendlichen Verrichtungen, die 33 Streichhölzer zum Anzünden sind auf dem Titelblatt zu sehen. Anschließend folgt dann Kaffeekochen und einen Apfel essen, ersatzweise eine Birne, erfahren wir. Dieser Morgenzauber findet in völliger Dunkelheit statt, um die noch schlafende Familie nicht aufzuwecken, und so hat er sich schließlich auch ganz unmännlich zum Sitzpinkler entwickelt, das morgendliche Zielen nach Gehör nämlich hat sich als unzuverlässige Methode erwiesen. Emmett ist ein 44jähriger Lektor medizinischer Lehrbücher, verheiratet, zwei Kinder, mit einem Jahresgehalt von siebzigtausend Dollar, von dem er gut leben kann, die Familie wohnt im eigenen Haus in Oldfield an der Ostküste. Es gibt dort auch eine Katze, eine Ente sowie die Ameise Fides, einzige Überlebende einer ganzen Ameisenfarm, die Tochter Phoebe zum dreijährigen Geburtstag geschenkt bekommen hat. Emmett ist jedenfalls mit sich und dem Leben zufrieden, ein gutmütiger, harmloser Zeitgenosse.

Diese allmorgendlichen Rituale verknüpfen assoziativ sämtliche Kapitel miteinander, wobei die Tagträume des Helden deren Inhalte bilden. All das ist unspektakulär Alltägliches, welches sich hier zu einer profanen Denklawine entwickelt. Nicholson Baker erweist sich als ein genialer Beschreibungskünstler, der sich an oberflächlich banal erscheinenden Dingen und Begebenheiten abarbeitet und den Leser mit dem verstörenden Stoizismus seines Protagonisten verblüfft. Das Banale jedoch erweist sich bei genauem Hinsehen als wunderbar stimmige Expedition in die Tiefe des Existentiellen, ins Innerste der Gefühle, ein narrativ als einfältige Erzählung kaschierter Bewusstseinsstrom des Protagonisten. Er ist ein Feuer hütender Alltagsphilosoph, dessen metaphysische Unbedarftheit fast schon sensationell ist, der als Figur jedenfalls ein Unikat darstellt in der heutigen Literatur. Und Vieles, was da gedacht, phantasiert und spintisiert wird erinnert einen an eigene Gedanken und Gefühle. Als harmloser, gutmütiger Tagträumer bringt Emmett einen ganz neuen, fast schon überirdischen Glanz in die Trivialität des Alltags, in die von uns allen so gern verleugneten Niederungen unseres Ichs.

Dieser Roman, der so selbstbewusst den vermeintlichen Zwang zur Handlung ignoriert, ist ein Triumph der Gelassenheit, immer besonnen, heiter und ironisch dem Profanen auf der Spur. In einem metaphernreichen Parcours durch die Gefilde gedanklicher Niederungen wird dabei, zuweilen fast unbemerkt, die US-amerikanische Gesellschaft gehörig kritisiert. Am Ende dieses Parforceritts ist die Streichholzschachtel jedenfalls leer und der Leser, wenn er denn in sich selbst hineinzuhören vermag, dem signifikant Insignifikanten deutlich näher als zu Beginn dieser heiteren Lektüre.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Tyll – die große Schelmerei

Es scheint viel Geschichte in diesem Buch zu stecken. 30-jähriger Krieg. Der große Gaukler Tyll. Der zweite Prager Fenstersturz. Westfälischer Friede 1648. Genau genommen war‘s das aber auch schon. Denn ein geschichtlicher Roman ist Tyll nicht.

Tyll Eulenspiegel lebte im 16ten Jahrhundert (es existieren Drucke mit Darstellungen aus dem Jahr 1515), also hundert Jahre vor dem 30-jährigen Krieg. Warum Kehlmann die bekannte Figur ins nächste Jahrhundert versetzte, ist nicht nachvollziehbar. Irgendein Rezensent fabulierte von der „Vermessung des Krieges“. Das stimmt schon gar nicht. Denn außer einer Kurzbeschreibung der Schlacht von Zusmarshausen von außen quasi, von zufällig in die Schusslinie geratenen Reitern, die Eulenspiegel eskortierten, beschreibt Kehlmann nicht den Krieg. Er schwadroniert zwar darüber, wer aller Schlachten erlebt hatte, diese aber dann nicht in Worte zu fassen vermochte, schildert allerdings selber schon gar keine Schlacht. Und so wie er darüber hinwegseiltanzt, die Schlacht zu beschreiben, jongliert er mit Versatzstücken des Krieges, erfasst ihn aber nicht. Nun, den 30-jährigen Krieg zu beschreiben – noch dazu in einem Roman – ist wohl ohnehin unmöglich. Krieg generell in seiner Brutalität und Unmenschlichkeit zu zeigen, mag vielleicht das Ansinnen eines Pazifisten sein und scheint damit berechtigt. Kehlmann beschreibt aber keine Schlacht, auch nicht den Krieg, einzelne Episoden draus zwar, wie er sie für seine Story braucht – so etwa erzählt er die Geschichte vom Winterkönig, der quasi als Auslöser des Krieges gehandelt wurde, doch die Hässlichkeit des Krieges ermisst er nicht.

Tyll wird in fast allen Episoden implementiert, hat aber wieder keine erklärbare Funktion außer vielleicht geschmeidiger Kitt zu sein… Grauen versucht Kehlmann sehr wohl zu bezeugen – allerdings eher der Zeit, des Äons, in der dieser Krieg tobt.
Und das gelingt ihm drastisch: der Vater von Tyll Eulenspiegel, Claus, wird von päpstlichen Beauftragten auf deren Durchreise der Hexerei überführt, und hingerichtet. Die Grauen der Inquisition, der Hexenverfolgung, der Folter und der frömmlerischen Teufelsangst werden akribisch dargestellt. Speziell der irrwitzige Aberglaube thematisiert, den sich, Kehlmann nach, sowohl der Hexer – der eigentlich nur einige magische Sprüche vor sich hinmurmelt, auch Flüche ausstößt, jedoch ebenfalls Kranke heilt – als auch dessen Richter teilen. Das pikante an der Sache: Einer der Ankläger ist Anastasius Kircher, ein hoher päpstlicher Würdenträger, der von Kehlmann als lächerlicher, synkretistischer Scharlatan hingestellt wird, schrieb der doch über Drachen, die Pest, den Magnetismus und Hieroglyphen und sonst noch tausend Dinge. Kehlmann überführt ihn des Glaubens an die Analogien, an den Zusammenhang der Dinge und der Welt, die ihn auf haarsträubende Abwege führte, etwa dass Drachenblut die Pest besiegen würde. In einigen Belangen stimmt Kehlmanns Urteil offenkundig, anderseits war Kircher der Erste, der Blut unter einem Mikroskop untersuchte, der gegen Pest Isolation und Hygiene empfahl, und der eine Grundlage für die spätere Entschlüsselung der Hieroglyphen schuf. Kehlmann erwähnt den Heroen der anschließenden Epoche nicht – obwohl er Tyll leicht auf einem Bein in diese hinüberhüpfen hätte lassen können – aber es soll uns reichen, wiederholt zu bekommen, wie finster und dumm das Mittelalter war, wie bigott und abergläubisch, jeglicher Vernunft abhold. Nein: das ist ja nicht Mittelalter, sondern Frühbarock, die Neuzeit bereits im Jugendalter, in der Hexen verbrannt werden, sie der Häresie angeklagt, gefoltert und ausgelöscht werden. Mit ihnen die mittelalterliche Medizin, die Kräuterkunde und das Wissen von den Geistwesen – wie es Schamanen und Schamaninnen weltweit noch heute tradieren. Und nun beginnt das Zeitalter Descartes: Ich denke also bin ich. Mit der kartesischen Wende trennt Wissenschaft Geist vom Körper, die Seele von der Welt, den Verstand vom Leib. Und wir sind in der analytischen Welt: der Epoche des Intellekts, in der alles und jedes unter dem Mikroskop zerstückelt wird, aber es findet sich keine Seele und schon gar kein Gott; vielleicht die eine reine Wahrheit: Es gibt keinen Gott neben dem allmächtigen Verstand.
Kehlmann scheppert mit der Klingelbüchse voll bekannter Vorurteile über die unaufgeklärte, naive Zeit vor der Moderne, macht Späßchen und Salto Mortali rückwärts – uns zum Gaudium und zum Vergnügen, denn wir, wir wissen, wir sind gescheit, haben Smartphones und Apps und elektrisches Licht. Das Wetter damals um 1648 war furchtbar schlecht – kleine Eiszeit – es regnete dauernd oder schneite, und im Schnee erfror der pestkranke Winterkönig mit Tyll als letztem Gefährten. Aber erstens starb Friedrich von Böhmen nicht wie von Kehlmann eigentlich sehr ergreifend beschrieben, und zweitens war kein Tyll an dessen Seite, weil seit gut hundert Jahren selbst schon verschieden. Und zweitens war das Klima keineswegs so schiach wie von Kehlmann erdichtet (nachzulesen im Werk: 1648 von Heinz Duchhardt). Was will also unser Possenreißer Daniel Kehlmann? Warum greift er zu derart eklatanten Mitteln und stibitzt sich wie Max und Moritz die Buchteln Ereignisse aus zumindest einem Jahrhundert zusammen, um diese quasi-synkretistisch zusammenzugießen – wie die Stahlkugeln für die Kanonen im 17ten Jahrhundert?

Die Antwort gab ich Schelm bereits zuvor. Kehlmann ergötzt sich für uns über die Epoche des Synkretismus, des Glaubens, alles hinge irgendwie zusammen, alles habe Bedeutung und sei letztlich zu verantworten einer letzten Instanz, nämlich Gott gegenüber. Das ist tatsächlich derart amüsant; wir alle wissen doch längst: Gott ist tot, aber Atomstrom, Elektronenmikroskop, Kabel-TV und Coffee To Go hievten unsere heutige Welt aus dem eisigen Morast von Pest, Cholera und Vorurteilen mitten hinein ins Paradies der Glückseligkeit der modernen Menschen und der modernen Ideen, tagtäglich zu überprüfen in den – uns gratis gegebenen – Blättern in den vom Klimawandel erhitzten Bussen und vollgestopften U-Bahnen auf der Fahrt in unsere prekären Jobs.


Genre: Historischer Roman, Romane
Illustrated by Rowohlt

Reise ans Ende der Nacht

Ordinär originell

Als Enfant terrible der französischen Literatur wurde Louis-Ferdinand Céline mit seinem 1932 erschienenen Skandalwerk «Reise ans Ende der Nacht» schlagartig bekannt, er gilt seither als sprachlicher Neuerer und wird zuweilen sogar als Jahrhundert-Autor auf eine Stufe gestellt mit Proust. Sein nicht weg zu diskutierender Judenhass und die Kollaboration mit den Nazis belasten ihn politisch schwer, ästhetisch aber gilt der revolutionäre Stilist als rehabilitiert, mit erkennbarer Wirkung auf berühmte Schriftstellerkollegen. Der spätere französische Staatspräsident Macron höchstselbst hatte sich vor seiner Wahl in einem Gespräch mit Houellebecq über Céline dahingehend geäußert, von ihm «könne man lernen, die ‹Sorgen des Mannes auf der Straße› ernst zu nehmen». In Frankreich jedem Schulkind bekannt und als nationaler Kultautor hymnisch verehrt, wird der zwiespältige Schriftsteller hierzulande weitaus skeptischer beurteilt, er ist jedenfalls auch literarisch heftig umstritten.

Der mit über 650 Seiten dickleibige Roman ist eine polemische Abrechnung mit den französischen Eliten der Zeit zwischen dem Ersten Weltkrieg und der auf den Börsencrash von 1929 folgenden wirtschaftlichen Depression. Ich-Erzähler dieses Episodenromans mit deutlichen Parallelen zur Vita des Autors ist Bardamu, der als junger Freiwilliger die Schrecken des Weltkriegs erlebt und dem es am Ende der ersten Episode gelingt, dem sinnlosen Abschlachten zu entkommen. In weiteren, verbindungslos und vom Plot her nicht stringent erzählten Episoden erleben wir den misanthropischen Helden auf einer fragwürdigen Mission in Afrika, in den USA anschließend, ein wirtschaftlich verheißungsvoller Fluchtpunkt, ehe er schließlich, desillusioniert zurück in Paris, Medizin studiert und sich als Armenarzt niederlässt. Auch diese Episode endet mit einer Flucht aus den prekären Verhältnissen, in denen er lebt, er findet zuletzt eine Anstellung in einer psychiatrischen Klinik am Stadtrand, wird schließlich deren kommissarischer Leiter. Auf all diesen Stationen seines Lebens taucht immer wieder überraschend sein ebenso skrupelloser wie bösartiger Freund Robinson auf, ein mephistophelischer Begleiter. Garniert, anders kann man es wirklich nicht sagen, werden diese Episoden außerdem jeweils mit Frauengestalten, die fast alle aus dem horizontalen Gewerbe stammen, ehe dann in der letzten Episode eine nymphomane Krankenschwester als Geliebte auftritt.

Literarisch wirkt der inhaltlich konturlose Roman wie eine einzige, hasserfüllte Suada, die Erzählerstimme verdeutlicht von der ersten Seite an, dass hier exemplarisch einer spricht, der «die Schnauze voll hat», der zutiefst frustrierte «kleine Mann» nämlich. Die vom Autor nicht nur in den Dialogen, sondern nahezu durchgängig benutzte Umgangssprache ist geradezu gespickt mit Argot, mit einer unflätigen Pariser Gossensprache, sie ist aber auch mit Hochsprache, sogar mit Wissenschaftssprache durchsetzt. Und die Welt, die Céline da schildert, besteht aus Dreck, Scheiße, Rotz, Eiter, Blut, Schweiß, Pisse, ekligem Ausfluss. Überall herrscht infernalischer Gestank, sind Flöhe, Wanzen, Ratten allgegenwärtig, begegnet man bitterster Armut. Alles ist verseucht, krank, desaströs, kaputt, und die titelgebende «Reise ans Ende der Nacht» führt unmittelbar in den Tod, wohin sonst?

So ist denn auch dieser als avantgardistisch geltende Roman letztendlich nichts anderes als Literatur gewordene, anarchistische Polemik, brutal, animalisch, völlig maßlos, – viel zu weitläufig angelegt zudem, geradezu geschwätzig. Was als Kunst gefeiert wird daran, was als authentisch gepriesen wird, ist tatsächlich nichts anderes als der antibürgerliche Furor eines unbelehrbaren, nihilistischen Hasspredigers, der mit seinem wüsten Rundumschlag radikal die Grenzen des guten Geschmacks negiert, jenseits aller Vernunft. Diese literarische Exkursion dürfte also bestenfalls von Lesern mit einem Faible für abseitig Sprachliches wirklich goutiert werden.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt , Rowohlt Taschenbuch Reinbek

Tyll

Vergegenwärtigung des Vergangenen

Nach vier Jahren ist mit «Tyll» wieder ein Roman von Daniel Kehlmann erschienen, der das Zeug dazu hat, an den großen Erfolg seines Bestsellers «Die Vermessung der Welt» anzuknüpfen, und auch hier wird Realität und Fiktion zu einer unterhaltsamen Geschichte verknüpft. Der Trick dabei, die Eulenspiegelei also, ist eine lässliche Schummelei des Autors: Die legendäre Figur tauchte erstmals gegen Ende des Mittelalters auf, der Roman hingegen weist dem berühmten Schelm gut hundert Jahre später eine Rolle mitten im Dreißigjährigen Krieg zu. Und um den geht es letztendlich auch in diesem historischen Roman.

Kehlmann erzählt seine Geschichte in acht Episoden, beginnend mit einem bösen Streich, bei dem Tyll Ulenspiegel den einfältigen, bisher vom Krieg noch verschonten Bewohnern einer Stadt als Schauspieler, Seiltänzer und Bauchredner das Geld aus den Taschen zieht und die euphorisierte Menge am Ende zu einem kollektiven Schuhwerfen anstiftet. Lachend über das damit angerichtete Chaos zieht der notorische Spötter mit seinem Eselskarren und den zwei Begleiterinnen weiter. Tyll stammt aus einer Müllerfamilie, erfahren wir in der Rückblende des nächsten Kapitels, sein autodidaktisch gelehrter Vater beschäftigt sich mit allerlei Zauber, mit Astrologie und Experimenten, bis er als Hexer denunziert und von einem melancholischen Henker «einfühlsam» zu Tode gebracht wird. Als junger Bengel flüchtet der heimatlos gewordene Tyll daraufhin mit der Bäckertochter Nele in die Welt hinaus, in ein durch den barbarischen Krieg verheertes Land. Sie treffen auf den bösartigen Gaukler Pirmin, der sie mitnimmt und ihnen zwar vieles beibringt, sie aber auch sehr schlecht behandelt, – bis Nele ihm schließlich ein finales Pilzgericht kocht: Einige Hände voll Pfifferlinge, gemischt mit etwas Fliegenpilz und Knollenblätterpilz. Jeden der Giftpilze allein kann man herausschmecken, weiß Nele, mit beiden zusammen aber verliert sich der verräterische Beigeschmack völlig.

Die Figur des Tyll bildet eine lose Klammer um das Geschehen im Roman, das sich kapitelweise allmählich von den Bedrängnissen der kleinen Leute hin zu den oft nicht weniger gebeutelten Majestäten entwickelt. In kürzeren und längeren Episoden wird da beispielsweise von der Schlacht von Zusmarshausen berichtet, ein in seiner Brutalität heute kaum noch vorstellbares Gemetzel, oder von den Prager «Winterkönigen», Friedrich V mit seiner schönen Gemahlin Liz, Elisabeth Stuart, Enkelin der berühmten Maria. Die tragische Geschichte dieses böhmischen Königs wird als einer der Auslöser des verheerenden Glaubenskrieges angesehen. Aber auch der faszinierenden Person des berühmten Jesuiten und Universalgelehrten Athanasius Kircher ist zum Beispiel ein Kapitel gewidmet. Als, Jahrzehnte später, im letzten Kapitel, die inzwischen verwitwete und völlig verarmte Liz, die unbeirrt weiterhin kurfürstliche Rechte für ihren Sohn geltend macht, aus ihrem Exil nach Westfalen reist, zu den Friedensverhandlungen, trifft sie dort auf Tyll, Hofnarr des Kaisers. Sie bietet ihm an, mit ihr nach England zu kommen, «Um der alten Zeiten willen», wie sie sagt. «Du weißt so gut wie ich, dass der Kaiser sich früher oder später über dich ärgert. Dann bist du wieder auf der Straße. Du hast es besser bei mir.» Er erwidert: «Aber weißt du, was besser ist? Noch besser als friedlich sterben?» «Sag es mir.» «Nicht sterben, kleine Liz. Das ist viel besser.» Dem Autor gelingt hier ein versöhnliches Ende ohne jeden Kitsch, Chapeau!

Zur Unsterblichkeit dieser legendären Figur dürfte Kehlmann seinerseits einen nicht unwesentlichen Beitrag leisten mit seinem kreativ erdachten und grandios erzählten Roman, der ebenso unterhaltsam ist wie bereichernd, sein bester bisher. Eine gelungene Vergegenwärtigung des Vergangenen, sprachlich brillant, herrlich leichtfüßig erzählt, dabei – gottlob – jedwedes Zeitidiom meidend, mit feiner Ironie angereichert zudem, – eine unbedingt empfehlenswerte Lektüre!

Fazir: erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Die siebte Sprachfunktion

Für den idealen Leser

Der französische Autor Laurent Binet nimmt in seinem satirischen Roman «Die siebte Sprachfunktion» seine Leser mit auf einen Parforceritt durch die Semiotik, in dem die Poststrukturalisten gehörig durch den Kakao gezogen werden. Der Romantitel deutet auf die performative Funktion von Sprache hin, thematisiert wird hier also die Frage, inwieweit Sprache Realität herstellen kann. Ein einfaches Beispiel dazu: Mit dem Ausspruch «Ich eröffne die Versammlung» durch den Vorsitzenden tritt genau das ein, was er sagt, die Sprache schafft Fakten, die Versammlung ist tatsächlich eröffnet. Im Roman nun geht es darum, die von einem russischen Semiotiker perfektionierte siebte Sprachfunktion politisch zu nutzen, um damit Wahlen zu gewinnen, hier beim entscheidenden Rededuell um die französische Präsidentschaft mit dem sozialistischen Herausforderer François Mitterand.

Der in den 1980er Jahren angesiedelte, turbulente Plot versammelt alles, was Rang und Namen hat im Bereich der Semiotik, in einer geradezu burlesken Kriminalgeschichte, die den Tod von Roland Barthes, einem ihrer führenden Köpfe, kurzerhand zum Mordfall erklärt. Denn der Professor war im Besitz eines hochbrisanten Manuskripts, angeblich von dem russischen Linguisten Roman Jakobson verfasst, das den Schlüssel zur siebten Sprachfunktion bildet und eine mächtige Waffe darstellt in der Hand dessen, der es besitzt, es habe «die Sprengkraft einer Neutronenbombe». Bei seinem Verkehrsunfall muss das Papier dem berühmten Wissenschaftler, der just von einem Dinner mit François Mitterand kam, ganz offensichtlich entwendet worden sein. Kommissar Bayard ermittelt, nachdem der Schwerverletzte im Krankenhaus ermordet wird, in Intellektuellenkreisen, assistiert von Simon, einem Linguistik-Doktoranden mit Sherlock Holmesartiger Kombinationsgabe, der ihm im elitären Dschungel der Sprachwissenschaft die dringend benötigte Schützenhilfe geben soll.

In seiner ebenso aberwitzigen wie respektlosen Story, die über Paris, Bologna, Ithaka (USA) und Venedig bis nach Neapel führt, vermischt der Autor unbekümmert historische Realität mit tolldreister Fiktion. Er lässt sich die absurdesten Winkelzüge einfallen in einem Krimi, der im Wesentlichen als Vehikel dient für ausgiebige, teilweise auch ausufernde Streifzüge durch die Sprachwissenschaft. Wobei sein intellektuelles Personal aus namentlich benannten, realen Personen der Zeitgeschichte besteht, von denen viele noch leben. Wirklich erstaunlich, dass niemand von den Betroffenen gegen den Autor vorgegangen ist, niemand seine Persönlichkeitsrechte verletzt sah. Aber das kann wohl nur daran liegen, dass die Satire hier deutlich erkennbar ist und niemals hämisch daherkommt, also immer wohlwollende Karikatur bleibt. Der bulgarische Geheimdienst, die Mafia, zwei mysteriöse Asiaten, eine weltweit operierende, intellektuelle Loge, bei der auch Umberto Eco Mitglied ist, sie alle spielen eine Rolle in der spannenden Geschichte. Und leitmotivisch taucht immer wieder der schwarze Citroen DS-19 vom Titelbild auf. Déesse also, die Göttin, in Deutschland liebevoll «Flunder» genannt, als automobiler Klassiker ein Wahrzeichen der «Mythen des Alltags», der auch in einem Essay von Roland Barthes thematisiert wurde.

Der ideale Leser nach poststrukturalistischer Lehre ist der detektivisch veranlagte Spurenleser, immer auf der Suche nach Bedeutungen, mit einer geradezu lustvollen Beziehung zum geschriebenen Wort. Binets kecke Farce ist für eben jenen Leser als vergnügliches Lehrstück über eine epochetypische Theorieseligkeit angelegt, deren Absurdität nur mit viel Humor zu goutieren ist. Er erzählt sprachlich perfekt und schnörkellos, zeichnet dabei jeweils stimmige Bilder, jagt auf wechselnden Schauplätzen von einer interessanten Szenerie zu anderen. Egal, ob man an seinen semiotischen Exkursen Gefallen findet als idealer Leser, an der temporeichen Kriminalstory oder an der köstlichen Satire, lesenswert ist der Roman in jedem Fall.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Liebe

morrison-3Liebe, Gier, Hass – eine Melange

Romane von Toni Morrison stellen meist erhöhte Anforderungen an den Leser, sie sind ambitioniert, was ihre Thematik anbelangt, und kompliziert in ihrer Erzählweise. «Liebe», 2003 erschienen, fügt dem aber noch eine weitere Hürde hinzu. Der Plot mit dem kitschverdächtigen Titel ist derart kryptisch angelegt, dass seine Lektüre mich an ein komplexes Ratespiel erinnert, dessen Auflösung, soviel darf verraten werden, erst auf der vorletzten Seite erfolgt, – wenn denn der Leser bis dahin durchhält. Die Rassenproblematik als beherrschendes Thema der US-amerikanischen Nobelpreisträgerin schimmert hier allenfalls im Hintergrund mit durch, man begegnet ihr in einer ungewohnten Variante erfolgreicher Farbiger, die der kämpferischen Bürgerrechtsbewegung eher skeptisch gegenüberstehen, sich in Zeiten der Rassentrennung vielmehr selbstbewusst ihr eigenes, von Diskriminierung freies Umfeld schaffen.

Es sind fünf Frauen, von denen da im Wesentlichen erzählt wird, und von dem Mann, der ihr Leben bestimmte, Bill Cosey, ein reicher Lebemann, der während der Weltwirtschaftskrise erfolgreich ein Strandhotel aufgebaut hatte. Er ist, wie man nach einer Art Prolog in sieben ihm gewidmeten Kapiteln erfährt, schon lange tot, im ersten, «Das Portrait» betitelten Kapitel begegnen wir nur noch seinem Ölbild, und auch sein Hotel ist inzwischen eine verlassene Ruine an einem verlotterten Strand. Der von vielen Bewunderte war Freund, Fremder, Wohltäter, Liebhaber, Ehemann und Vater, wie die folgenden, ihm gewidmeten Kapitel überschrieben sind, deren Sinn allerdings oft ironisch konterkariert wird. Er war für jeden ein anderer, einem Phantom ähnelnd. Die etwa sechzig Jahre, – bis ins letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hinein -, umspannende Geschichte handelt von den komplizierten Verwicklungen, die sich allesamt auf diesen charismatischen Mann zurückführen lassen. Und alle in seinem Bannkreis, seine Schwiegertochter May, seine Enkelin Christine, deren Jugendfreundin Heed, die Streunerin Junior als deren Komplizin und die Köchin «L.», – jene kursiv gesetzte Stimme aus dem Off, bei der am Ende alle Fäden zusammenlaufen -, sie alle sind schicksalhaft miteinander verwoben, weit über seinen Tod hinaus.

Toni Morrison hat auf die Frage, warum die klassische Liebe in ihrem Roman kaum eine Rolle spiele, geantwortet: «…, ich wollte die Spannbreite der Emotionen ausloten, die in dem Wort stecken». Es gäbe ja nicht nur die eine Form der Liebe, und man könne im Idealfall sogar soweit kommen, dass Liebe eine Großzügigkeit des Geistes sei. Wie auch immer, im Kern geht es hier um die innige Liebe zweier gleichaltriger, unzertrennlich scheinender Mädchen, Coseys Enkelin Christine und ihre aus ärmlichsten Verhältnissen stammende Freundin Heed. Als aber der verwitwete Hotelier die elfjährige (sic!) Heed heiratet, zerbricht die innige Freundschaft der Beiden und schlägt in blinden Hass um. Auch zwanzig Jahre nach Coseys Tod wohnen die zwei Zerstrittenen immer noch in seinem Haus und belauern sich, der Erbschaft wegen. Denn Cosey hat kein Testament hinterlassen, auch wenn es Gerüchte gibt, er hätte einst in fröhlicher Runde auf eine Speisekarte seines Hotels geschrieben, sein Haus solle an sein «geliebtes Cosey-Kind» gehen. Wen meinte er damit, Frau oder Enkelin? Und vor allem, wo ist diese ominöse Speisekarte?

Die Autorin erzählt all dies aus wechselnden, manchmal kaum verifizierbaren Perspektiven, zusätzlich erschwert noch durch unvermittelte Zeitsprünge, die erhöhte Aufmerksamkeit des Lesers oder, – oft Ultima Ratio -, seine treffsichere Intuition erfordern. Und unscharf bleiben auch ihre Figuren, man erfährt selbst von Cosey herzlich wenig. Ihre Art, einen jede Liebe zerstörenden Erbkrieg zu schildern, ist hochkomplex und in der sprachlichen Umsetzung anspruchsvoll. Der Leser muss sich also ziemlich anstrengen, will er in das Gefühlschaos des Romans eindringen und einen Nutzen aus alldem ziehen, was er da liest.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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Die Pest

camus-2Zwischen den Toten der Nacht und den Sterbenden des Tages

In seinem Roman «Die Pest» von 1947 hat Nobelpreisträger Albert Camus viel selbst Erlebtes verarbeitet, wozu neben dem Handlungsort Oran insbesondere das Bedrückende der politischen und militärischen Situation im besetzten Frankreich, seine langen Klinikaufenthalte wegen seiner Tuberkulose und die ebenfalls lange Trennung von seiner Frau gehören. Innerhalb seiner mit existentialistischen Motiven angereicherten Philosophie des Absurden erscheint hier dominant das Element der Revolte im Sinne von Auflehnung, von Protest gegen die Zumutung des Daseins, die unbegreifliche Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz. Und zur Revolte als ständiger Handlungsmaxime im Werk von Camus gehört untrennbar die Solidarität, der uneingeschränkte Respekt vor dem anderen. Insoweit ist der berühmte Roman eine Art groß angelegte Meditation über die menschliche Existenz als solche. Das Nobelkomitee erkannte ihm den Preis zu «für seine bedeutungsvolle Verfasserschaft, die mit scharfsichtigem Ernst menschliche Gewissensprobleme in unserer Zeit beleuchtet».

Zum Elend dieser Welt zählt für den Menschen ohne Zweifel an erster Stelle der Tod als unabwendbarer Endpunkt seiner Existenz. Und eine tödliche Seuche wie die Pest wirft da natürlich zuallererst die Frage der Theodizee auf, das menschliche Dasein scheint in Hinblick darauf absurd, ein um sich greifender Atheismus ist die Folge. Als Gegenkräfte nennt Camus vor allem die Solidarität, die er als neue Art des Humanismus begreift, sowie Freundschaft und Liebe, für die es sich zu kämpfen lohne und die zusammen jene menschliche «Wärme» erzeugen können, die er als elementarstes Bedürfnis der Menschheit definiert.

Ein Ich-Erzähler berichtet von einem seltsamen, rasant um sich greifenden Rattensterben in der algerischen Hafenstadt Oran in den 1940er Jahren. Der Protagonist Dr. Bernhard Rieux deutet anhand der Symptome die sich ebenfalls häufenden Todesfälle unter den Bewohnern schon bald als Beginn einer Pestepidemie und stemmt sich selbstlos der schrecklichen Seuche entgegen. Der Ausnahmezustand wird ausgerufen und die Stadt nach außen hin komplett abgeriegelt. In den folgenden Monaten herrscht in dem als ganze Stadt in Quarantäne genommenen Oran der «Schwarze Tod», dem gegenüber sich der Arzt wie Sisyphos fühlt. Die Deutung der Pest durch Pater Paneloux als Strafe Gottes für die sündigen Menschen lässt Rieux nicht gelten, er gerät darüber in einen heftigen Disput mit ihm. Während des sich in fünf Phasen über ein ganzes Jahr hinweg ersteckenden Verlaufs der Pest begegnet der Leser einer Reihe von Figuren, mit denen Rieux in Kontakt ist. Da ist sein politisch engagierter Nachbar Tarrou, oder der auswärtige Journalist Rambert, der in Oran von der Pest überrascht wurde und nun mit gefangen ist, der verhinderte Schriftsteller Grand, der einen Roman schreiben will, aber schon am ersten Satz scheitert, oder Cottard, ein zwielichtiger Rentner, der von der Pest profitiert und am Ende verrückt wird.

In diesen metaphysischen Roman des Bösen, verkörpert durch die tödliche Seuche, haben Zeitgenossen Anspielungen auf den Zweiten Weltkrieg und die Résistance hinein interpretiert. Die literarische Qualität des Romans kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Lektüre gelinde gesagt beschwerlich ist, nicht nur der bedrückenden Thematik wegen. Denn wenn Rieux, der sich letztendlich als der wahre Erzähler outet, immer wieder durch die staubigen Gassen Orans flaniert, dabei seine Freunde trifft und mit ihnen endlose Gespräche über die Pest führt, ohne dass wirklich etwas geschieht, dann gerät die Lektüre irgendwann zur Geduldsprobe. «Frühmorgens weht ein leichter Wind durch die noch ausgestorbene Stadt. Um diese Stunde zwischen den Toten der Nacht und den Sterbenden des Tages scheint die Pest ihr Wüten zu unterbrechen und wieder Atem zu schöpfen». Sätze fast identischen Inhalts finden sich gleich hundertfach, weniger wäre hier wirklich mehr gewesen!

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Wer die Nachtigall stört

lee-1Neues von der Spottdrossel

Mit dem 1960 unter dem Titel «To Kill a Mockingbird» veröffentlichten Roman ist die US-amerikanische Schriftstellerin Harper Lee weltberühmt geworden, sie bekam im Jahr darauf den Pulitzerpreis. Nach «Wer die Nachtigall stört» wurde von ihr 55 Jahre lang nichts mehr veröffentlicht, laut eigener Aussage, weil sie den Vergleich eines neuen Buches mit ihrem so überaus erfolgreichen Debüt fürchtete. Die Spottdrossel, Wappenvogel etlicher Südstaaten der USA, wurde in der deutschen Ausgabe zur «Nachtigall», aus dem «Töten» wurde weniger martialisch ein «Stören», Beides ist eine treffende Metapher dafür, wie durch menschliche Vorurteile, durch stupiden Rassenhass nämlich, schreiendes Unrecht entsteht, die Idylle zerstört wird. Der weltweit mehr als 40 Millionen Mal verkaufte Roman, schon 1962 kongenial verfilmt mit Gregory Peck, hat inzwischen den Status eines zeitlosen Klassikers. Auf Deutsch liegt er, in einer nach mehr als fünfzig Jahren erstmals überarbeiteten Übersetzung, jetzt neu vor, versehen mit einem informativen Nachwort von Felicitas von Lovenberg.

Harper Lee wird mit Truman Capote, William Faulkner, Carson McCullers, Tennessee Williams und vielen anderen Autoren der Southern Gothic zugerechnet, eine von Gewalt und Armut geprägte, kritische Südstaatenliteratur, zu der neben skurrilen Figuren und makabren Geschehnissen als integrales Element der Aberglaube und die Angst vor Geistern gehört. Auch hier im Roman überspannt die panische Angst der Kinder vor einem menschenscheuen Nachbarn, über den allerlei gruselige Geschichten kursieren, klammerartig den Plot.

Der Roman ist zeitlich in den Jahren 1933 bis 1935 angesiedelt, also in der als «Great Depression» bezeichneten Wirtschaftskrise, Handlungsort ist die fiktive Kleinstadt Maycomb in Alabama. Erzählt wird aus der Perspektive der ungewöhnlich selbstbewussten, aufgeweckten achtjährigen Jean-Louise, die von allen nur Scout genannt wird und einen nicht minder cleveren, vier Jahre älteren Bruder namens Jem hat. Ihr alleinerziehender Vater ist der von allen geachteter Anwalt Atticus Finch, ein äußerst geradliniger, integrer Mann, der für sie nicht nur Autorität verkörpert, sondern auch ihr um Antworten nie verlegener Lehrer und kumpelhafter Freund ist, die Kinder nennen ihn wie selbstverständlich immer nur beim Vornamen. Der zweiteilige, in 31 Kapitel gegliederte Entwicklungsroman behandelt im ersten Teil die Kindheit von Scout und Jem, deren Erziehung zu einem nicht unwesentlichen Teil in den Händen der resoluten, aber stets wohlmeinenden farbigen Haushälterin Calpurnia liegt. Im zweiten Teil wendet sich der Plot dem beherrschenden Thema des Romans zu, der angeblichen Vergewaltigung einer jungen Weißen durch einen Neger. In dem Prozess vertritt Atticus den farbigen Angeklagten, was ihm – und damit auch seinen Kindern – von fast allen Einwohnern der Stadt sehr übel genommen wird in ihrem dumpfen, blinden Rassenhass.

Besonders erfreulich war für mich neben der klug durchdachten Handlung mit ihren vielen lebensecht beschriebenen, markanten Figuren die stilsichere, lebendige Sprache von Harper Lee, leicht lesbar mit stimmigen Dialogen. Ihre warmherzige Story ist tiefsinnig und ethisch belehrend, sie behandelt Gewissen und Gerechtigkeit, ohne didaktisch moralisieren zu wollen, aber immer messerscharf zwischen gut und böse unterscheidend. Was die Lektüre jedoch vollends zum Hochgenuss werden lässt ist der unterschwellige Humor der Autorin, im Roman realisiert durch die kindliche Erzählperspektive der burschikosen Ich-Erzählerin und ihre ebenso naiven wie verschmitzten Gedankengänge, die den Leser immer wieder schmunzeln und oft auch laut auflachen lassen. Obwohl ruhig und unaufgeregt erzählt, enthält die Story durchaus Spannung und wartet mit überraschenden Wendungen auf. Letztendlich aber ist es die phänomenale Leichtigkeit, mit der das alles erzählt wird, die uns staunen macht bei dieser überaus erfreulichen Lektüre.

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Manhattan Transfer

dos-passos-1Big Apple als Protagonist

Zu den großen Romanen der Weltliteratur, deren Thematik Großstädte bilden, gehört neben «Ulysses» und «Berlin Alexanderplatz» vor allem «Manhattan Transfer» von John Dos Passos. Das nach einem Umsteigebahnhof benannte, 1925 erschienene Buch aus seinem Frühwerk war der erste größere Erfolg dieses Schriftstellers. Er hatte damit und mit der wenig später erschienenen USA-Trilogie nach einhelliger Meinung der Literaturkritik den Höhepunkt seines Schaffens erreicht. Wie Joyce in seinem drei Jahre früher erschienenen Jahrhundertroman wendet Dos Passos hier erstmals den Bewusstseinsstrom an. Er erzählt strikt aus der jeweiligen Perspektive seiner vielen Figuren, verbalisiert daneben aber ebenso bedeutungsschwer auch ihre spontanen, bruchstückhaften, unreflektierten Gedanken. Mit seinen 42 Romanen und vielen anderen literarischen Werken gilt er als einer der Väter des modernen Erzählens.

Der dreigliedrig angelegte Roman mit seinen achtzehn Kapiteln, deren jeweilige Thematik in einer Überschrift umrissen und in einer kursiv gesetzten Einleitung näher ausgeführt wird, ist collageartig ohne stringente Handlung erzählt. Erzählgegenstand ist das urbane Leben New Yorks, die drei Jahrzehnte vor dem Erscheinen des Buches umfassend, und der wahre Protagonist ist hier die Metropole selbst, die ein Eigenleben zu führen scheint. Die in kurzen Ausschnitten geschilderten Begebenheiten aus dem Leben der annähernd hundert Romanfiguren bilden einen repräsentativen Querschnitt der Masse Mensch in diesem großstädtischen Moloch. Viele dieser Figuren tauchen nur kurz auf und verschwinden dann für immer, andere stehen mehr im Blickpunkt, ihr Leben wird ausführlicher und den ganzen Roman hindurch thematisiert. Sie alle verkörpern die unterschiedlichsten Umstände und Situationen urbanen menschlichen Lebens und spiegeln die gesamte Gesellschaft. Die auktoriale Erzählweise beschränkt sich dabei stets auf persönliche Beobachtungen und Erfahrungen des Figurenensembles, der Leser nimmt also voyeuristisch nur das wahr, was die jeweilige Figur selbst sieht und erlebt. Immer aber ist dabei die Megacity als dominanter Faktor präsent, ist bestimmend für Glück und Unglück, Freude und Leid, Gelingen und Scheitern, übt die eigentliche Macht aus.

Wie in einem Film mit übergangslosen schnellen Schnitten und ständigen Perspektivwechseln ist «Manhattan Transfer» durchgehend fraktal erzählt, oft absatzweise zwischen den Ereignissen hin und her springend, was die Hektik der quirligen Metropole gekonnt verdeutlicht. Ein solcher Kamerablick lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers oft auch auf ganz unbedeutende Details, die richtig einzuordnen ihm überlassen bleibt. Eine Montagetechnik, deren durch Zeitdokumente angereicherte Erzählschnipsel übrigens oft in Form realitätsnaher Dialoge erzählt werden, mit Gassenjargon wie auch mit fremdsprachlichen Einschüben angereichert. Selbst völlig unbedeutende, nur kurz auftauchende Randfiguren werden jeweils wunderbar stimmig – in wenigen Worten – einprägsam beschrieben. Und immer steht der Mensch im Mittelpunkt der Erzählung, Orte und Umgebungen, oft Restaurants, sind lediglich die knapp skizzierte Bühne für ihr Handeln. Big Apple selbst aber, der eigentliche Protagonist also, wird schlaglichtartig in seinen vielen Facetten beschrieben, als eigenständige Existenz quasi, mit Gerüchen, Geräuschen, Bewegungen, belebt mit archetypischen Figuren.

Ich habe den Roman, dessen suggestive Bildkraft ihresgleichen sucht, als herbe Kritik an einer reizüberfluteten, lebensfeindlichen Megacity gelesen. Sein melancholischer Grundton zeugt von der tiefen Skepsis des Autors, für den dieser Moloch ein Stein gewordenes Verhängnis ist, dem keine seiner Figuren heil entkommen kann, eine wahrhaft apokalyptische Vision. Ob Alkoholschmuggler, Wall-Street-Banker, Rechtsanwalt, Journalist, Schauspielerin, Näherin, Kriegsveteran, Bankrotteur, Matrose, ein glückliches Ende ist niemandem beschieden in diesem grandiosen Roman.

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
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In Zeiten des abnehmenden Lichts

ruge-1Vergänglichkeit war noch nie ein vergnügliches Thema

Es ist erfreulich, dass immer wieder neue Autoren mit ihren Debütromanen renommierte Literaturpreise erringen, auf Anhieb also gleich in den Olymp der Literatur aufsteigen. So auch Eugen Ruge, der 2011 mit seinem Erstling eine Familien-Saga ablieferte, die jenen deutschen Staat widerspiegelt, der den real existierenden Sozialismus zu höchster Blüte getrieben hat, nach eigenem Verständnis jedenfalls. Als „gelernter Ossi“ hat der Autor manch Autobiografisches in seinem Roman verarbeitet, die Befindlichkeiten seiner Protagonisten, die vier Generationen repräsentieren, sind jedenfalls stimmig dargestellt in seiner kunstvoll aufgebauten Geschichte, die mit ihren diversen Kapiteln und einer Geburtstagsfeier im Zentrum ans Theater erinnert, – wen wundert’s denn auch!

«Ich hab eigentlich genug Blech im Karton» oder «Bring das Gemüse zum Friedhof» lässt Ruge den senilen Patriarchen der Familie, Altkommunist und Betonkopf zugleich, bei seiner Geburtstagsfeier immer wieder sagen, wenn ihm wertloses Ordensblech und heuchlerische Blumen überreicht werden. Wir lesen von all den Unzulänglichkeiten des täglichen Lebens, da wird überzähliger Kaviar gegen fehlende Dachfenster getauscht, die Suche nach einer akzeptablen Gaststätte gerät zur Odyssee in klirrender Kälte und endet in einer Imbissbude. Mit subtiler Ironie wird das Alltagsleben in jenem dem Untergang geweihten deutschen Staate geschildert, dessen Ideologie keinesfalls absurder war als die des Turbokapitalismus, wie wir ihn heute im wiedervereinigten Deutschland zelebrieren.

Eugen Ruges DDR-Saga ist übrigens weder mit den Buddenbrooks noch mit Tellkamps «Der Turm» vergleichbar, wie verschiedentlich behauptet. Hier geht es um die Lebenswelt einer zunächst weitgehend systemkonformen Familie, bei Tellkamp um eine eher oppositionell eingestellte systemferne Bourgeoisie. Und bei Thomas Mann ist die Familie kein Vehikel, mit dem eine Staatsordnung vorgeführt wird, sondern alleiniges Thema, bei ihm geht die stolze Familie unter, nicht der Staat.

In den nicht chronologisch angeordneten zwanzig Kapiteln wird alternierend jeweils aus Sicht eines der Protagonisten erzählt, oft in Form innerer Monologe und als kleine, in sich abgeschlossene Geschichten. Mit Abstand die Beste war für mich das liebeswerte Kapitel über die geradezu archaisch wirkende russische Großmutter, für die «schon jedes Haus aus Stein eine Kirche war». Diese aufgefächerte Erzähltechnik sorgt einerseits für Spannung, erfordert andererseits aber auch viel Aufmerksamkeit, denn alle diese Mosaiksteine formen sich erst im Kopfe des Lesers zu einem stimmigen Panorama, er muss also aufmerksam sein und mitdenken. Macht er sich diese Mühe, wird er mit einem großartigen Gesellschaftsbild einer vergangenen geschichtlichen Epoche bestens unterhalten. Ihm wird außerdem je nach Herkunft, als „Wessi“ aber ganz bestimmt, der Horizont erweitert, und zwar nicht nur ideologisch. Dass man nicht gerade in Hochstimmung gerät bei Ruges melancholischem Text, das liegt in der Natur der Sache, in Zeiten des abnehmenden Lichts, im Herbst des Lebens also, denn die Vergänglichkeit war noch nie ein vergnügliches Thema.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Täuschung

roth-2Postkoitales Verwirrspiel

Im umfangreichen Werk von Philip Roth finden sich charakteristische literarische Konstanten, zu denen das Judentum und die US-amerikanische Gesellschaft ebenso gehören wie Ehe und Sexualität im Kontext eines typisch männlichen Selbstentwurfs. Es gehört aber auch sein Spiel mit Identitäten dazu, bei dem er sich häufig hinter einem Alter Ego versteckt oder gleich in persona auftritt. Und natürlich ist diese Figur dann als Schriftsteller ebenfalls in den Schreibprozess integriert, es geht also letztendlich darum, den kreativen Prozess offen zu legen, mit dem eine literarische Identität erschaffen wird. Auf die Spitze getrieben hat Roth dieses kunstvolle Verwirrspiel in dem 1990 erschienenen Roman «Täuschung», dritter Teil einer vierbändigen Autobiografie, dessen ironischer Titel bereits andeutet, was auf den Leser zukommt. Denn literarische Lebensbeichte und unbekümmert ergänzte Fiktion sind kaum auseinander zu halten, zum vollen Verständnis sind deshalb einige Kenntnisse über Autor und Werk unabdingbar, auch um intertextuelle Bezüge richtig interpretieren zu können.

Der Roman ist ohne Exposition vollständig in Dialogform geschrieben, nur wörtliche Rede also, es bleibt jeweils offen, wer da gerade spricht. Ein amerikanischer Autor namens Philip und seine englische Geliebte treffen sich zum Sex in seinem spartanisch eingerichteten Arbeitszimmer, mit einer Plastikmatte auf dem Boden «für Rückenübungen und Ehebruch». Speziell der Modus des Ehebruchs gibt ihrem geheimen Treiben den Kick, löst ihre Beziehung aus dem drögen Alltag heraus. Alle diese Dialoge ihrer «postkoitalen Intimität» entstammen dem Notizbuch des Schriftstellers, der sie dort im Wortlaut festgehalten hat. Auf seine Frage beispielsweise, wie sie denn ihrem Ehemann einen blauen Fleck erklärt hätte, antwortet sie: «Ich habe gesagt: Dieser blaue Fleck stammt aus einer stürmischen Umarmung mit einem beschäftigungslosen Schriftsteller in einem Wohnhaus ohne Fahrstuhl in Notting Hill».

Kurze amüsante Dialogskizzen dieser Art werden ergänzt durch andere Gespräche, wobei gegen Ende insbesondere das lange Gespräch des Schriftstellers mit seiner Frau einiges klärt. Sie hat nämlich sein Notizbuch gefunden und macht ihm nun Vorwürfe, fühlt sich erniedrigt. «Wie kannst du dich von etwas erniedrigt fühlen, das überhaupt nicht den Tatsachen entspricht? Das bin nicht ich. Es ist weit davon entfernt, ich zu sein – es ist eine Posse, es ist ein Spiel, es ist eine Inszenierung meines Ich». Im letzten Abschnitt telefoniert der Schriftsteller Jahre später mit seiner ehemaligen Geliebten. Sie erzählt ihm, dass sie damals schwanger geworden sei, aber nicht von ihm. Auch dass sie sich in seinem Buch wieder erkannt habe, sich entblößt fühle davon. Und wirft ihm vor, sie habe nur als literarische Inspiration gedient für ihn. «Du liebst deine Schreibmaschine mehr, als du je irgendeine Frau lieben könntest». «Ich denke nicht, dass das bei dir so war. Ich glaube, ich habe euch beide gleichermaßen geliebt», erwidert er. Und deutet an, dass er dieses Telefonat ja ebenfalls in einem Buch verarbeiten könnte. Ein kaum entwirrbares Wechselspiel zwischen Romanfigur, Ich-Erzähler und Autor also, das Philip Roth da treibt.

Das Buch ist schnörkellos geschrieben und leicht lesbar, ein stringenter Plot ist allerdings nicht vorhanden. Der Sinn einiger Einschübe wird ebenfalls nicht deutlich, der Abschnitt mit Olina und Ivan aus Prag zum Beispiel. Oder die Szene mit einer Polin, die Philip, der vor zehn Jahren ihr Geliebter war, in der U-Bahn sieht, – der aber erkennt sie nicht und eilt davon. Zum seinem Dialog-Roman sagte Roth: «Ich wollte ausprobieren, ob das funktioniert. Und es schien mir zu passen: Ehebruch und Gespräch gehören zusammen». Er wollte eine englische Lady beim Ehebruch zeigen, Noblesse plus Libido also, seine Perspektive jedoch ist machohaft, die Wortwahl brutal direkt und völlig unerotisch. Ein Roman mithin, der irritiert und polarisiert zugleich.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Paris, ein Fest fürs Leben

hemingway-1Ein Amerikaner in Paris

Er gehörte zur Gruppe der amerikanischen Schriftsteller im Paris der Zwanzigerjahre des vorigen Jahrhunderts, die wegen ihrer verlorenen Illusionen nach dem Ersten Weltkrieg und dem damit einhergehenden Verfall bürgerlicher Wertvorstellungen als «Lostgeneration» bezeichnet werden, ein von Gertrude Stein geprägter Begriff. Während seiner Jahre in dieser Stadt mit ihrem besonderen Flair, die seit jeher viele Künstler magisch anzieht, hatte Ernest Hemingway von 1921 bis 1926 einiges an Aufzeichnungen angefertigt, die dann jahrzehntelang unbeachtet im Keller des Hotels Ritz lagerten. Erst 1956 nahm er sich dieser Notizen wieder an und schrieb dann vier Jahre lang an «Paris – Ein Fest fürs Leben», seinem Erinnerungsbuch über diese Zeit, dessen Titel allein ja schon eine Hommage an die französische Hauptstadt ist. «Wenn es der Leser vorzieht, kann dieses Buch auch als ein Werk der Phantasie angesehen werden», schreibt der Autor in seinem Vorwort und zählt auf, was er alles weggelassen hat, man kennt Dergleichen aus diversen Autobiografien.

Er schuf damit eine informative und amüsante Anekdoten-Sammlung, als chronologischer Bericht ist das Buch über seine Pariser Jahre nämlich nicht aufgebaut, es berichtet vielmehr schlaglichtartig von den Anfängen seiner literarischen Vita und seinen bescheidenen Lebensverhältnissen in dieser Zeit. Wobei sein Leben ja, wie ich es empfinde, geradezu der Inbegriff dessen ist, was man als pralles Leben bezeichnet, jedenfalls das eines Abenteurers und archetypischen Machos, der sein Männlichkeitsimage gepflegt hat wie kein Zweiter. Die letzten beiden Winter verbrachte er, auf der Flucht aus seiner schlecht heizbaren Pariser Wohnung, im österreichischen Schruns, wo er «Fiesta» schrieb, der Roman, mit dem ihm 1927 der Durchbruch als Schriftsteller gelang.

Francophile Leser im Allgemeinen und Parisfans im Besonderen kommen mit seinem Paris-Buch voll auf ihre Kosten, Hemingway schildert die Stadt detailverliebt und präzise, man durchschreitet sie geradezu mit ihm zusammen, er benennt immer wieder genauestens die Straßen und Plätze seiner Streifzüge. Und meistens kennt er dann auch ein Restaurant oder Bistro in der Nähe, es wird jedenfalls gut gegessen und reichlich getrunken, wenn er, meist in Gesellschaft, irgendwo Platz nimmt. Zu den Menschen, die ihm begegneten, gehörten vor allem Gertrude Stein, in deren Salon er regelmäßig verkehrte, bis er sich schließlich mit ihr überwarf, ferner Ezra Pound, James Joyce, Scott Fitzgerald, Ford Madox Ford und andere Schriftsteller mehr, und auch mit einigen Malern waren er befreundet. Natürlich drehten sich die Gespräche oft um Literatur, was die Lektüre besonders interessant macht, so wenn er zum Beispiel mit dem Schriftsteller Evan Shipman über Dostojewski redet und fragt: «Wie kann ein Mann so schlecht schreiben, so unbeschreiblich schlecht, und einen so tief ergreifen»? Um schließlich auf die Übersetzerin zu kommen, die Tolstois «Krieg und Frieden» doch ganz vortrefflich übersetzt habe, an der könne es dann ja wohl nicht liegen.

Womit wir beim Stil sind, in dem Hemingway selbst schreibt, eine eher karg zu nennende, lapidare Sprache mit ebenso kurzen wie prägnanten Sätzen. Das wirkt manchmal nüchtern wie ein Zeitungsbericht, tiefer gehende Emotionen des Autors sind darin kaum erkennbar. Seine geradezu ökonomisch zu nennende Schreibweise war damals zwar en vogue in der englischsprachigen Künstlerkolonie von Paris, sie vermag hier aber keine wirklich stimmige Atmosphäre zu vermitteln, gibt allenfalls ein wenig vom Lokalkolorit jener Zeit wieder. Damit dürfte das Buch manch hochgespannte Erwartung potentieller Leser nicht erfüllen.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Landleben

updike-1Ein inhomogener Mix

Das sich beängstigend schnell schließende Zeitfenster zwischen Eintritt in den Ruhestand und Tod ist Thema des Romans «Landleben» von John Updike. Sein Held Owen lebt im Kleinstadtmilieu an der amerikanischen Ostküste, in einer der »Villages», wie der Originaltitel lautet, in denen das Leben zwar entschleunigt abläuft und überschaubar bleibt, die aber trotzdem keine Gesellschaft hervorbringen, die unverdorben ist im Sinne von Rousseau. Den Menschen ist nämlich, in Zeiten der Libertinage zwischen Antibabypille und Aids, der ungehemmte Sex eminent wichtig, oft realisiert in unbekümmerten Seitensprüngen, glaubt man dem Autor. Genau das ist denn auch das eigentliche Hauptthema dieses Romans, den der Autor als Siebzigjähriger geschrieben hat, seinem Protagonisten an Jahren gleich und ebenfalls in ländlicher Umgebung wohnend, man darf also zumindest teilweise auch sein Alter Ego vermuten in Owen. «Ekelhafte Altmännerliteratur» hatte Elke Heidenreich bei «Der Butt» von Grass konstatiert, Updikes Roman kam bei ihr in dieser Hinsicht deutlich glimpflicher davon, mit Recht?

In Rückblicken wird das Leben des Pensionärs Owen erzählt, angefangen von Kindheit und Schule über das Studium am MIT in Boston und die frühe Selbständigkeit als Teilhaber eines Software-Unternehmens bis hin zu seinem Rückzug aus dem Beruf. Während des Studiums lernt er Phyllis kennen, eine glänzende Mathematikerin, die eine sichere Karriere aufgibt, um ihn zu heiraten. Sie ziehen aufs Land, Owens neue Firma erweist sich als erfolgreich, die Beiden führen ein saturiertes Leben und bekommen vier Kinder. Eines schönen Tages aber passiert das, wovon Männer auf der ganzen Welt immer nur träumen, die Frau eines befreundeten Ehepaares bietet sich ihm unverhohlen zum Sex an, ohne jedwede Präliminarien. Trotz Skandal und Ehekrach nach der Entdeckung seiner Untreue entwickelt Owen nun eine neue Passion, er ist unermüdlich auf der Suche nach ähnlichen Abenteuern. Oft aber muss er sich gar nicht darum bemühen, die Ehefrauen seiner Nachbarn und Freunde fallen ihm zu wie reife Früchte, und auf seinen Geschäftsreisen kommen noch diverse One-Night-Stands hinzu. Bis er dann schließlich an Julia gerät, die Frau des Pfarrers, die aber resolut auf Scheidung drängt. Er heiratet sie denn auch und zieht mit ihr, wohlversorgt durch den Erlös aus dem Verkauf der Firma, in eine entfernte Gegend, um im Ruhestand einen Neubeginn zu machen, den peinlichen Skandalen zu entfliehen, die seine verhängnisvolle Promiskuität verursacht hat.

Ergänzt wird die einfühlsam dargestellte Thematik vom Altwerden sowie der genüsslich ausgebreitete Ehebruch- und Sexstrang der Handlung durch immer wieder eingestreute, detaillierte Beschreibungen der Computer-Historie, beginnend an deren Anfängen bis hin zu den Vorläufern des PCs als erschwingliches Massenprodukt. Dieser inhomogene Mix erweist sich beim Lesen als ziemlich störend, eine Verflechtung der Themen zu einem erzählerischen Fluss ist nicht mal als Versuch erkennbar. Sprachlich folgt Updike dem amerikanischen Mainstream, einem wenig inspirierten Erzählstil, kurz und knapp in einfacher Syntax ein großes Lesepublikum ansprechend, immer bestsellertauglich also. Gedankliche Tiefe ist allenfalls beim Thema Altwerden zu finden, und interessante Figuren wie die verlassene Ehefrau Phyllis bleiben in einer Art Statistenrolle, über ihr Innenleben erfährt man so gut wie nichts. Die Sexpassagen aber sind als dümmliche Männerphantasien nur peinlich, insoweit also deutlich unter dem Niveau dessen, was Grass, zu Unrecht übrigens, angekreidet wurde. Große Literatur ist dieser Roman jedenfalls nicht, und man vergisst ihn, kaum hat man das Buch zugeklappt.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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Sand

herrndorf-1Sie dürfen Watson zu mir sagen

Titel wie Umschlagbild dieses Romans deuten zwar auf den Schauplatz der Handlung hin, Genaueres erfährt man aber nicht, man darf vermuten – Marokko, glauben viele. In seiner vielfach hoch gelobten und entsprechend prämierten Parodie eines Agententhrillers bleibt die Örtlichkeit nicht das Einzige, was nebulös ist. Und wenn der Klappentext den palästinensischen Terroranschlag bei der Olympiade erwähnt, ist damit zwar 1972 als Zeit bestimmt, der Leser so aber auch auf eine falsche Fährte geführt, die Untat der Gruppe «Schwarzer September» in München hat nämlich keinerlei Bezug zur Handlung.

Unglaublich einfallsreich schildert Herrndorf in diesem für den Leser mitunter psychedelischen Roman eine haarsträubende Geschichte, bei der man keinen festen Boden unter die Füße bekommt, sondern im Treibsand des Aberwitzigen versinkt. Man kann den Plot als abenteuerliches Verwirrspiel in der Wüste bezeichnen, findet dort ein wahrhaft irres Szenario vor und bekommt auch noch viel Sand in die Augen gestreut. Total skurrile Figuren geraten in völlig absurde Situationen, geschrieben ist dieser bilderreiche literarische Slapstick jedoch in einer knappen, kristallklaren, punktgenauen Sprache, die blitzgescheit und tiefgründig ist, aber Gott sei Dank nicht manieriert.

Wie so oft in anspruchsvolleren Büchern liegt das Besondere in den vielen kleinen, unscheinbaren Details, die ich passend zum Handlungsort als dichterische Arabesken bezeichnen möchte. Köstlich zum Beispiel die Mentalitätsbeschreibung der Araber oder der Lehrlingsschabernack mit Siemens Lufthaken und dem verlängerten Augenmaß. Erstaunt erfährt man sogar von einer zweiten Dreyfus-Affäre: Ein der künstlichen Intelligenz ablehnend gegenüberstehender Philosoph namens Dreyfus ist nach dem verlorenen Schachspiel mit einem frühen Computer der erste Mensch, «der dümmer war als ein paar Kupferdrähte»! Oder der falsche Psychiater, der seinen unter Amnesie leidenden Patienten wegen dessen Schlussfolgerungen erstaunt als Sherlock Holmes bezeichnet und nonchalant hinzufügt: «Sie dürfen Watson zu mir sagen»!

Ein sehr zu lobendes Stilmittel des Autors ist das häufige Rekapitulieren des bisher Geschehenen durch die Protagonisten, im Gespräch oder rein gedanklich. Man kann dem turbulenten Geschehen so leichter folgen, auch wenn man kein Detektivspiel aus der Lektüre machen, nicht alles genau analysieren will. Zartbesaitete müssen dann gegen Ende allerdings einiges aushalten, geradezu sadistisch wir da gefoltert, aber diese Brutalitäten sind natürlich ebenfalls satirisch überzeichnet. Und auch die Zitate am Anfang jedes der 68 Buchkapitel relativieren den nachfolgenden Text, bilden somit ein Gegengewicht zu manch Brutalem.

«Mit einigen harmonischen Akkorden könnte man das Buch also ausklingen lassen» schreibt Herrndorf gegen Ende und macht damit die Fiktion überdeutlich, auch für Diejenigen also, die immer alles ganz ernst nehmen. Folglich werden in den letzten zwei Kapiteln amüsant und locker, als Zugabe quasi, noch einige Fragen geklärt, die dem braven Leser auf der Seele brennen, und dazu gehört auch der Verbleib jener Minen, denen man auf 475 Seiten irritiert hinterher gehechelt ist, wobei man sich bestens unterhalten hat – die entsprechende Mentalität vorausgesetzt.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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