Eine Geschichte des Lesens

manguel-1Vom Manna des Lesens

Wem das Lesen eine Passion ist, den wird über die reine Lektüre hinaus auch das Drumherum interessieren, Infos über Autoren, Interna aus Verlagen, Daten vom Buchmarkt, das Feuilleton natürlich, aber eben auch, und nicht zuletzt, literaturwissenschaftliche Themen. «Eine Geschichte des Lesens» von Alberto Manguel ist eines dieser Sachbücher, das den nicht nur am Lesegenuss interessierten Liebhaber von Literatur schon vom Titel her neugierig macht. 1996 erstmals erschienen, wird es inzwischen als das Standardwerk zum Thema angesehen, ein dickleibiger Band in prächtiger Aufmachung mit 624 Seiten Kunstdruck, jeder Seite gespickt mit wundervollen farbigen Abbildungen. Der in Argentinien geborene Autor aus einer Diplomatenfamilie, in Israel groß geworden, ist heute kanadischer Staatsbürger, er spricht mehrere Sprachen und war literarisch als Lektor, Dozent, Autor und Übersetzer tätig, seit 2016 ist er Direktor der argentinischen Nationalbibliothek. Manguel hat, als Kind seelisch vereinsamt, selbst früh zum Lesen gefunden, er ist inzwischen ein Bibliophiler durch und durch mit einer stattlichen, 30.000 Bände umfassenden Privatbibliothek.

Seiner Historie des Lesens ist das Zitat «Lies, um zu leben» aus einem Brief von Gustave Flaubert vorangestellt, und sie beginnt mit einem 2005 hinzugefügten Vorwort des Verfassers. Darin berichtet er staunend von seiner Entdeckung «einer weltweiten Gemeinde von Lesern, die auf individuelle Weise und unter Lebensumständen, die sich sehr von meinen unterschieden, die gleichen Erfahrungen gemacht hatten wie ich und die gleichen Initiationsriten, Offenbarungen und Obsessionen mit mir teilten». In den Hauptabschnitten «Akte des Lesens» und «Die Macht des Lesers» beleuchtet Manguel in diversen Kapiteln kenntnisreich alle Aspekte seines Themas bis in die allerletzten Winkel hinein, jener vor sechstausend Jahren entstandenen kulturellen Errungenschaft, deren Auswirkungen auf das Geistesleben man nicht hoch genug veranschlagen kann. Denn erst mit der Schrift, mit Schreiben und Lesen, war das Wissen der Zeit dauerhaft gespeichert und konnte als Fundament dienen, auf das dann weitere Entwicklungen aufbauen konnten.

Erstaunt erfährt man zum Beispiel, dass sich erst ab dem neunten Jahrhundert n. Chr. das stille Lesen endgültig durchgesetzt hatte, vorher wurde meist laut gelesen, körperlich oft auch begleitet von Bewegungen des Lesers, wie sie heute zum Teil noch rhythmisch im jüdischen Gebet praktiziert werden. «Die Ursprachen der Bibel – Aramäisch und Hebräisch – unterscheiden nicht zwischen dem Akt des Lesens und dem des Sprechens, beide werden durch dasselbe Wort ausgedrückt», erfahren wir. Manguels Buch ist eine Sammlung von Geschichten, oft mit netten Anekdoten angereichert, die thematisch, nicht chronologisch gegliedert, ganz unterschiedliche Zeiten und Kulturen umfasst. Dabei schimmert immer wieder die individuelle literarische Biografie des polyglotten Autors hervor, eine Intertextualität, die den Erwartungen seiner deutschen Leserschaft kaum entsprechen dürfte, ein kleiner Wermutstropfen mithin. Ob es um die noch nicht abschließend geklärten physiologischen Vorgänge beim Lesen geht, um das Lesenlernen, das Vorlesen, den weiblichen Leser, die Orte des Lesens, die Geschichte des Papiers, der Schrift und der Buchgestaltung, um Bibliotheken, die Sammelwut der Bibliophilen, die Prestigewirkung des Buches, Bücherdiebe, Bücherverbote und Bücherverbrennungen, um die metaphorische und soziale Komponente des Lesens, dieser Band erweist sich stets als eine historische Fundgrube par excellence.

Dem Liebhaber poetisch gestalteter Texte, dem Leser im engeren Sinne also, steht, so hat es Enzensberger mal konstatiert, der Analphabet als Normalfall der Geschichte gegenüber, zum nicht geringen Teil ja auch noch heutzutage. Wer dieses informative Buch gelesen, besser gesagt studiert hat, der kann ermessen, wie leer ein solches Leben sein muss, so ganz ohne das Manna des Lesens.

Fazit: erstklassig

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Kategorie: Sachbuch
Verlag: S.Fischer Frankfurt am Main

An einem klaren, eiskalten Januarmorgen

schimmelpfennig-1Tragisch unterkühlt

Auffallen um jeden Preis ist wohl die Devise, und dazu geeignet scheint auch ein solch bandwurmartiger Romantitel wie «An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21ten Jahrhunderts». Frank Witzel hat seinen Lesern die Abkürzung «Die Erfindung» zugestanden für seinen noch üppigeren Romantitel, von Theaterautor und Dramaturg Roland Schimmelpfennig war diesbezüglich noch nichts zu hören. Er hat jedenfalls mit diesem deskriptiven Titel für seinen Debütroman vorab schon einiges angedeutet, die Eiseskälte dient ihm als Metapher für Erstarrung, Vereinsamung, Ausweglosigkeit als sozialer Befund. Und schon im ersten Satz wird neben dem geografischen Schauplatz der Handlung auch gleich eine Art Leitmotiv eingeführt, das einen weiteren literarischen Trend bestätigt, den Hang zum Tier als Subjekt der Handlung, hier in Form eines Wolfes. Also nicht gerade ein Kuscheltier, im Mythos wie im Volksverständnis als bedrohliches Tier angesehen, womit der Leser auf das Folgende bereits bestens eingestimmt ist.

In kurzen Episoden wird, auf mehrere Handlungsstränge verteilt, von Menschen erzählt, die im Dunstkreis der Metropole Berlin soziologische Typen verkörpern, denen allesamt etwas Unfrohes anhaftet, die permanent enttäuscht werden. Da ist zunächst der polnische Saisonarbeiter, der bei einem Stau auf der Autobahn dem Wolf als Erster begegnet und ihn geistesgegenwärtig fotografiert, vor einem Schild «Berlin 80 km» auch noch. Seine als Putzfrau arbeitende Freundin verkauft das Foto, und sofort ist der Wolf in allen Zeitungen präsent und wird schnell zum Problemwolf wie einst Bruno, der bayerische Problembär seligen Angedenkens. Der Pole wird arbeitslos, die Freundin lässt sich auf einer Party von einer Zufallsbekanntschaft schwängern, der jugendliche Erzeuger dringt auf Abtreibung. Ein junges Pärchen reißt von zuhause aus, weil die Mutter ihre Tochter ins Gesicht geschlagen hat, eine lebensgefährliche Flucht bei strengem Forst, bei der ihre Liebe auf der Strecke bleibt. Die Eltern suchen erfolglos nach ihnen, sie stecken ihrerseits in handfesten Problemen, Alkoholismus spielt eine dominante Rolle, auch Hoffnungslosigkeit und Sprachlosigkeit. Wir erleben den Kioskbesitzer, der die fixe Idee hat, den Wolf zu finden und zu erschießen, es gibt andere Figuren mehr, deren Wege sich mit dem Ausreißerpärchen kreuzen, und immer wieder taucht dabei unvermutet der Wolf auf.

Der Autor bedient sich in lose aneinandergereihten kurzen Szenen einer unterkühlt wirkenden Sprache, mit minimalistischen, schmucklosen Sätzen, die häufig ohne Nebensätze auskommen und wie Bühnensprache phonetisch zweckmäßig und dramaturgisch leichtverständlich aneinandergereiht sind. Die im Roman eh schon vorherrschende meteorologische wie mentale Eiseskälte wird dadurch aber entschieden überstrapaziert, der Leser muss sich warm anziehen, könnte man sagen, – oder viel Alkohol trinken wie die allesamt tragischen Romanfiguren. Viele von ihnen bleiben übrigens namenlos, was zu sperrigen Formulierungen wie «Die Freundin der Mutter des Jungen» führt, und über ihr Geschick können wir am Ende nur mutmaßen, irgendwelche Andeutungen gibt es keine. Im letzten Satz schließlich heißt es lapidar: «Der Wolf war verschwunden.»

In Form eines Gegenwartsromans beschreibt der Autor lakonisch eine äußerst triste Gesellschaft, wobei mir seine emotionslose Geschichte deutlich überzeichnet erscheint, allzu eiskalt konstruiert zudem, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Absicht, ein Panorama der Jetztzeit zu zeichnen, ist jedenfalls wenig überzeugend, sowohl in inhaltlicher als auch sprachlicher Hinsicht. Rückblickend gesehen war mir persönlich nur der Wolf sympathisch, der als Rudeltier hier aber einsam umherirrt, wie all die blutleeren menschlichen Figuren übrigens auch. Erstaunlich, dass es dieser fragwürdige Roman in die Shortlist des Leipziger Buchpreises geschafft hat, klug aber, dass die Jury ihm diesen Preis letztendlich nicht verliehen hat.

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Kategorie: Roman
Verlag: S.Fischer Frankfurt am Main

Diese Dinge geschehen nicht einfach so

selasi-1Quantität versus Qualität

Mit ihrem Debütroman legt Taiye Selasi ein Epos über eine neue Spezies von Weltbürgern vor, für die sie den Namen Afropolitans geprägt hat. Es sind dies junge, erfolgreiche Menschen mit afrikanischen Wurzeln, die über alle Erdteile verstreut als Eliten leben, oft aber den schwarzen Kontinent noch nie betreten haben, mit dem sie in ihrem Innersten verbunden sind. So erklärt sich die Aufmerksamkeit der Medien und des Publikums zum guten Teil auch mit dem unbekannten Sujet dieses kosmopolitischen Romans, der den plakativen deutschen Titel «Diese Dinge geschehen nicht einfach so» trägt.

In einer gleich von Anbeginn an mitreißenden erzählerischen Wucht entwickelt die Autorin ihre Geschichte raffiniert um ein zentrales Ereignis herum, auf das sie immer wieder zurückkommt: den einsamen Tod des begnadeten Chirurgen Kweku, der am frühen Morgen im Garten seines Hauses in Ghana einem Herzinfarkt erliegt. Die Geschehnisse in den Minuten von der ersten Schmerzattacke bis zum Hinsinken ins taubenetzte Gras werden immer nur häppchenweise erzählt, unterbrochen jeweils von ausgedehnten Rückblenden in die Vergangenheit dieses einst so erfolgreichen Mannes und seiner kunterbunten Familie. Er bleibt auch im Fokus bis zum Schluss, einem arg inszeniert wirkenden Showdown allerdings, bei dem die verstreut lebenden Familienmitglieder anlässlich seiner Beerdigung in Ghana nach langer Zeit alle wieder zusammentreffen.

Es sind die Brüche im Leben einer sechsköpfigen Familie in den USA, denen die Autorin nachspürt, deren Vorbedingungen sie aufzeigt, deren Unabwendbarkeit sie zu erklären sucht. Der Chirurg Kweku muss unschuldig als Opfer herhalten, er wird fristlos entlassen, die Klinikleitung erfüllt damit beflissentlich die Rachegelüste einflussreicher Sponsoren. Seine Karriere scheint ihm zerstört, er verschweigt das aber seiner Familie und kämpft monatelang vergebens um seine Reputation, wobei er sich finanziell ruiniert. Der gewaltsame Rauswurf aus der Klinik nach einem letzten Protest wird von seinem völlig verdutzten Sohn beobachtet, den er zum strikten Schweigen verpflichtet. Untröstlich und voller Scham verlässt er spontan und ohne Abschied seine Familie. Seine nigerianische Frau handelt beherzt, gibt das Haus auf, schickt ihre Zwillinge zum Halbbruder nach Lagos, reicht die Scheidung ein, baut sich ihre eigene Existenz auf. Als Kweku Wochen später zurückkehrt, sind seine Frau und die vier Kinder spurlos verschwunden, die Zäsur ist endgültig. Er geht in seine Heimat zurück, heiratet dort noch einmal und lässt sich schließlich sein Traumhaus bauen von einem wundersamen Handwerker. Der älteste Sohn Olu, ebenfalls Arzt, rätselt immer wieder über die absolute Tatenlosigkeit des Vaters, der die Symptome eines Herzinfarkts sehr wohl gekannt hat, aber partout nichts tat, um Hilfe zu holen. So als ob Kweku den Tod herbeigesehnt hätte nach einem für seine perfektionistischen Vorstellungen aus dem Ruder gelaufenen Leben.

Eine Stärke dieses Romans ist die geradezu eindringliche Figurenzeichnung, die den Leser emotional in das äußerst detailliert geschilderte Geschehen hineinzieht, ihn fast hineinzwingt. Erschwert wird das aber durch eine verwirrende Namensgebung, bei der auch ein knapper Stammbaum vorne im Buch nicht wirklich hilft. Hinzu kommen die häufigen, teils aberwitzigen Zeitsprünge und hektischen Perspektivwechsel, nach denen dann oft lange unklar bleibt, über wen überhaupt berichtet wird. «Großes Gefühlskino» würde man einen Film vermutlich überschreiben, der auf diesem Romanstoff aufbaut. Mehrfach taucht denn auch ein fiktiver Kameramann auf, der Kwekus Leben filmt. Die auch fotografisch tätige Autorin soll von Toni Morrison persönlich in Oxford zum Schreiben animiert worden sein, glaubt man dem werbewirksam verbreiteten Gerücht. Der üppige Roman ist jedenfalls nahe am Rande des Kitsches angesiedelt, weniger Emotionen, weniger Wunderkinder, weniger «jung-schön-intelligent-erfolgreich», aber auch weniger tragisches Scheitern wäre mehr gewesen, so mein Fazit. Bei wichtigen Figuren wie der schnöde verlassenen Exfrau zum Beispiel bleibt der Roman nur an der Oberfläche, über ihre seelischen Wunden erfährt der Leser merkwürdigerweise fast nichts. Diese fehlende Tiefe ist denn doch recht enttäuschend!

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Kategorie: Roman
Verlag: S.Fischer Frankfurt am Main

Hoppe

hoppe-1Auf eigene Gefahr!

Schon der Buchtitel weckt Neugier. Man stelle sich nur mal «Walser» vor als Romantitel bei Martin Walser, da reibt sich doch jeder Bücherfreund verdutzt die Augen. Originalität also schon auf dem Cover, – und die Geschichte? Ebenfalls originell, soviel sei vorab schon gesagt. Irritierend dürfte es jedenfalls nicht sein für den Leser, dass die Autorin über eine gewisse Felicitas Hoppe schreibt in ihrem Roman, den man ebenso als fiktionale Autobiografie bezeichnen könnte. Auch wenn Denis Scheck «vor Freude einen Flickflack» schlägt bei diesem Roman, wozu ihn sprachlich die Pose des Titelfotos animiert haben mag, erweist sich das Feuilleton doch als ziemlich gespalten, zwischen Jubel und Verriss, und nicht anders auch die Leserkritiker. Das macht einen doch neugierig, mich jedenfalls!

Nahezu schrankenlos wird fabuliert in diesem unkonventionellen Roman der Postmoderne, der gegen so ziemlich alle Konventionen verstößt als grandiose Parodie der literarischen Gattung Autobiografie, deren Prinzip hier total auf den Kopf gestellt wird. Eigentlich ist diese Eulenspiegelei nichts anderes als eine amüsante Suche nach der Identität der Protagonistin. Treffend hat die Jury des Büchnerpreises dazu bemerkt: «In einer Zeit, in der das Reden in eigener Sache die Literatur immer mehr dominiert, umkreist Felicitas Hoppes sensible und bei allem Sinn für Komik melancholische Erzählkunst das Geheimnis der Identität.» Sie lügt wie gedruckt in diesem Schelmenstück, das in vielem an Don Quijote erinnert, ein frecher Parforceritt dieser überaus kreativen Autorin durch ihre imaginierte Lebensgeschichte. «Ihre Phantasie vertextete erbarmungslos alles» schreibt sie über Hoppe, die «in die eigenen Zweifel verliebt» ist, aber auch ironisch anmerkt: «Kröne dich selbst, sonst krönt dich keiner».

In einem virtuosen Spiel mit Identitäten erlebt der Leser diese literarische Wunderwelt jenseits der Realität, folgt Hoppe als begnadeter Hockeyspielerin, Musikerin, Erfinderin, Komponistin und Schriftstellerin von Hameln nach Kanada, Australien und bis hin nach Las Vegas, in «die schönste und prächtigste Stadt der Welt». Dabei begegnet er unter anderem Glenn Gould, Franz Kafka, Pippi Langstrumpf, Pinocchio, und dem Zauberer von Oz, erfährt von Hoppes genialen Erfindungen wie dem «leuchtenden Puck» für Hockeyspieler oder dem «Lakenwender», mit dem sich ein uraltes Menschheitsproblem sehr einfach lösen lässt. All das wird erzählt in einem verblüffenden Mix aus eigener Erzählung, Tagebucheinträgen, Interviews und Gesprächsnotizen, ergänzt durch häufige Anmerkungen (der Autorin /fh) und fiktiven Zitaten kritischer Rezensenten, denen sie auf diese Weise elegant den Wind aus den Segeln nimmt. Was prompt einige der echten Rezensenten, wie man überall nachlesen kann, denn auch gehörig verärgert zu haben scheint, man kann also auch literarisch ein Eigentor schießen.

Authentizität, soviel dürfte klar sein, ist kein Thema in Hoppes ebenso intelligentem wie amüsantem Roman voller origineller sprachlicher Finessen, sie hat sich ironisch eine turbulente Lebensgeschichte zusammen fantasiert, die den Leser förmlich mitreißt, sofern er nicht zur Gattung der mit roter Tinte schreibenden Kritikaster gehört. Den aufnahmefähigen und sprachsensiblen Leser hingegen erwarten einige beflügelnde Stunden mit «Hoppe», die mancher sogar spontan mit einem echten Flickflack krönen dürfte (auf eigene Gefahr /bo).

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Kategorie: Roman
Verlag: S.Fischer Frankfurt am Main

So fängt das Schlimme an

javier mariasSchuld und Verstrickung sind ohne Zweifel geeignete Themen für einen Längen-, Breiten- und Tiefenroman von 650 Seiten und wenn die Handlung unmittelbar nach dem Ende einer Diktatur angesiedelt ist erst recht. Dann lässt sich  genug aus dem Vollen schöpfen, um mit einer politischen und privaten Schiene sogar zweigleisig zu fahren.

Da gibt es das traurige Geheimnis zwischen den Eheleuten, dem Filmemacher Eduardo und seiner Frau Beatriz und die aus der Franco-Diktatur her rührende düstere Vergangenheit des Hausfreundes Dr. Vechten. Es wird aus der Sicht von Eduardos jungem Privatsekretär de Vere erzählt.

Man könnte das Ding eigentlich als einen klassischen Bildungsroman begreifen. Über den jungen Erzähler stürzt gar heftig die Bedeutungsschwere seiner Eindrücke und Beobachtungen herein, so sehr dass sie sich für ihn regelrecht zum  postjugendlichen Reifungsprozess auswachsen. Dennoch ist mit  Filmproduzent Eduardo die Hauptfigur eine andere. Sein  Werdegang vom privaten Haupt- und politischen Nebenkläger zum Vergeber und Vergesser darf wohl als der facettenreichste Entwicklungsstrang in dem Roman angesehen werden. Die beiden anderen wichtigen Figuren bleiben indes zur relativen Schablonenhaftigkeit verurteilt. Das gilt für den einfach nur triebhaft dauerschlechten Diktaturgewinnler Dr. Vechten ebenso wie für Eduardos Ehefrau Beatriz, die aus der Melancholie ihrer großbourgeoisen Dauergelangweiltheit kaum heraus kommt.

Immerhin versteht es Marias früh- und rechtzeitige Andeutungsmarken zu setzen, wer so seine tiefen Geheimnisse mit sich herum trägt und wer was mit sich aus zu machen hat, was dann auch zum Ende hin gekonnt aufgelöst wird. Das Lesevergnügen bis dorthin ist allerdings nicht gerade billig erkauft. Der Roman hat eine Ausschweiferitis, die einen Thomas-Mann dagegen noch zum Thriller-Autor gereichen würde. Es wird  weitaus mehr reflektiert und beschrieben als erzählt. Immer wieder spinnen sich Details und Vorkommnisse und seien sie auch vergleichsweise nebensächlich in zum Teil seitenlange Kokons des Augenblicks-Philosophierens ein. Die Betrachtungen über die Franco-Diktatur und vor allem ihrer nachträglichen gesellschaftlichen Verwerfungen, die ja einen wichtigen Kontext darstellen, gehören da noch zu den beeindruckenderen  Passagen. Ansonsten gebiert eine Fortabstrahierung die nächste. So wie auch nur Anflüge von Handlung Dramatik erkennbar werden, spült der nächste seitenlange Gedankenstrom sie wieder fort. Endlose, zum Teil halbseitenlange Relativ- und Schachtelsätze und der fehlende Verzicht auf Binsenweisheitlichkeit tun ihr übriges. So bleiben auch Doppelungen nicht aus, wenn die eigentlich dem Leser obliegende Verarbeitung der Erzählmasse noch einmal zusätzlich beschrieben und erklärt wird.

Fazit: Wer sich auf der Meta-Ebene gerne viel vorreflektieren und vorphilosophieren lässt, der ist mit dem Roman gut bedient, wer aber nicht nur vom Fortgang der Überlegungen sondern auch der Ereignisse getragen werden möchte, der bekommt so seine Probleme.

Zum Bestellen bitte hier klicken: So fängt das Schlimme an: Roman

 


Kategorie: Romane
Verlag: S.Fischer Frankfurt am Main

111 Tugenden, 111 Laster

Die Selbstgenügsamkeit kommt in diesem Buch genauso vor wie die Schadenfreude, Ausgeglichenheit, Aufgeschlossenheit und Selbstgerechtigkeit. Seel betrachtet sie in kurzen Texten.

Unter literarischen Gesichtspunkten ist das Buch schwer einzuordnen. Es ist weder Fleisch noch Fisch, weder Belletristik noch Fachbuch. Die Ausführungen sind leicht verständlich gehalten und machen sich in unterschiedlicher Länge Gedanken zu bestimmten Verhaltensweisen.

Von daher ist die Zielrichtung des Buches nicht so ganz klar. Wissen wird nicht vermittelt. Soll es unterhalten? Zum Nachdenken anregen? Belehren? Letzteres wohl weniger – schließlich wird niemand direkt angesprochen. So kann sich jeder Leser selbst entscheiden, welchen Reim er sich darauf macht.


Kategorie: Politik und Gesellschaft
Verlag: S.Fischer Frankfurt am Main

Die hellen Tage

Neun lange Jahre haben wir gewartet. 2002 wurde Zsuzsa Bank für ihren Debut-Roman „Der Schwimmer“ gefeiert und mit Preisen überhäuft. Seit diesem Frühjahr liegt mit den „hellen Tagen“ ihr zweiter Roman vor. Von den Lesern geliebt, vom Feuilleton zwiespältig bewertet.

helletage„Die hellen Tage“ sind ein Buch über Freundschaft und Liebe, Verrat und Aufopferung, Heimat, über Verlust und brüchige Idyllen. Vor allem aber über die Sehnsucht nach hellen Tagen. Den hellen Tagen, mit denen alles angefangen hat.

Zsuzsa Bank erzählt die Geschichte dreier Familien und die Geschichte einer Lebensfreundschaft. Einer Freundschaft, einst zwischen drei Kindern geschlossen, die sich zum Zeitpunkt der Erzählung nicht erinnern können „an eine Zeit vor dieser Freundschaft, keine Vorstellung davon, wie sie ausgesehen haben könnten, die Tage ohne einander“.
Zsuzsa Bank erzählt von den Tagen miteinander, von dieser Freundschaft, die sie in einem Dreieck hält, aus dem sie sich nie lösen konnten und wollten. Von den Mädchen Siri und Aja, von dem Jungen Karl. Drei, die „lange aneinander gefädelte helle Kindheitstage verlebten, unbelastet von den Verschattungen, die sie doch schon ahnten.“
Sie erzählt von Ajas Mutter, der Seiltänzerin Evi. Evi, die anders war als die anderen Frauen im Dorf Kirchblüt. Deren Haus eigentlich eine Baracke war, aber ein in der Zeit schwebender Ort für die Kinder und ihre Mütter, wo die „Tage hell waren, wenn sie im Schatten der Bäume Grashalme zupften“.
Sie erzählt von Zigi, Ajas Vater, der als Trapezkünstler unter der Zirkuskuppel schwebt und nur wenige Wochen im Jahr präsent ist. Wenige Wochen, in denen sie eine ganz normale Familie sein können, in denen Zigi „mit seinen schiefen Zähnen und dem wirren Haar“ Aja und Siri auf seine Schultern setzt und sie lange tragen kann, ohne müde zu werden. Sie erzählt die Geschichte von Evi und Zigi, die einst eine schmale Zeitschleuse nutzten, um über Nacht und ohne Abschied aus ihrem Zirkusleben in Ungarn zu fliehen und ihr Glück in Wanderjahren im freien Westen zu suchen.
Sie erzählt von Karl, dessen Leben von zwei Sekunden bestimmt und unabdingbar getaktet ist. Den zwei Sekunden, die sein Bruder brauchte, um in ein fremdes Auto zu steigen und für immer aus aller Leben zu verschwinden.
Sie erzählt vom gemeinsamen Aufbruch der Freunde nach Rom, der Suche nach einem Ort, an dem es nie schneite, einem Ort voller Licht und Wärme. Von den Fahrten dorthin, die sie andächtig zelebrierten, die Berge hinter sich lassend, den Süden begrüßend. Rom – ein Ort, der in Seris Vergangenheit schon einmal die Rolle der verlorenen Stadt übernahm und in dem sich auch für Seri, Aja und Karl ihre Lebenswege klären und entscheiden werden.
Sie erzählt von der sich entwickelnden Freundschaft der Mütter. Der Mütter, die das Dreieck stützen, die das trotz aller Verluste immer spürbare Glück der drei festhalten, die dafür sorgen, dass ihre Tage hell bleiben können.
Schliesslich erzählt sie die unerwarteten Wendungen in Ajas Leben. Aja, die übers Eis schwebend die Gabe hatte, den Schnee zu spüren, bevor er fiel. Aja, deren Fähigkeit zur Nähe sie eine wunderbare Ärztin werden liess. Aja, deren Idylle sich als die brüchigste erwies und die mehr noch als die anderen beiden das Freundschafts-Dreieck brauchte, um sich im Leben zu halten und den Schatten, die plötzlich über den hellen Tagen lagen, zu widerstehen

Wie in ihrem Debütroman sind auch „die hellen Tage“ weitgehend ein Roman übers Erwachsenwerden. Anders ist die Sprache Zsuzsa Banks. Es kündigte sich schon in ihren zwischenzeitlich erschienenen Erzählungen an, die kurzen, klaren Sätze aus dem Schwimmer sind Vergangenheit. Von den hellen Tagen erzählt Zsuzsa Bank elegisch, fast schon poetisch, auf jeden Fall eigentümlich und unvergleichlich. Unwillkürlich fragt man sich, ob man wirklich ein Buch aus unserer Welt, aus unserer Zeit in den Händen hält. Auf jeden Fall ist es ein Buch, welches den Leser lange festhält, ihn nachhaltig begleitet.
Ein bisschen schwebt der Roman, so wie Evi über Seil und Aja übers Eis. Die Handlung wird nicht stringent erzählt, Bruchstücke aus der Vergangenheit verweben sich immer wieder mit der gegenwärtigen Erzählwelt. Zsuzsa Bank widersteht jeder Reflexion. In ihrem Buch gibt es Beziehungen, aber keine Gespräche oder Analysen darüber, es gibt Lebensgeschichten, Wahrheiten und Erkenntnisse, aber keine psychologischen Studien.
Mutig wagt sie sich an Gefühlswelten. Sie weiß, welchen schmalen Grat sie damit betritt. Sie hält ihren Stil und die Balance genau wie Evi auf dem Seil und schafft es – manchmal nur haarscharf – nie die Grenze zum Kitsch zu überschreiten.
Allen Verlusten zum Trotz, allen schmerzlichen Wahrheiten die Stirn bietend, zeugt dieser Roman vom möglichen Glück. Dem Glück, Freunde und Familie zu haben, die einen tragen und auffangen. Die es ermöglichen, die „hellen Tage zu behalten und die dunklen dem Schicksal zurückzugeben.“

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift.


Kategorie: Romane
Verlag: S.Fischer Frankfurt am Main

Sweet Sixteen

Eine Generation verschwindet. Was als Lokalzeitungsmeldung beginnt, wächst sich aus zum Massenphänomen. Am Tag ihres 16. Geburtstages verabschieden sich unauffällige, augenscheinlich gut behütete Jugendliche von der Welt der Erwachsenen und tauchen ab. Zurück bleibt die Ratlosigkeit der Eltern und die hinter Phrasen versteckte Ratlosigkeit der Expertenrunden. Nach Ursachen wird gesucht, nach Schuldigen und nach Maßnahmen. Birgit Vanderbeke beschreibt in ihrer Erzählung „Sweet Sixteen“ die Reaktionen auf den Exodus der Jugend, einer Jugend, die als Gegenbild zu den zwischen Komasaufen und Gewaltexzessen pendelnden Untergangsszenarien entworfen wird. Statt den drohenden Realitätsverlust durch virtuelle Gegenwelten und die Abstumpfung durch mediale Grausamkeiten zu zitieren geht Vanderbeke den entgegengesetzten Weg. In ihrer Erzählung wird das Internet zum Motor eines kreativen Widerstandes, zum Rückzugsraum, in dem die Exklusivität durch die Know-how-Schwelle gesichert wird. Was hier geschildert wird, ist die Wunschvorstellung einer Jugend, die eine Flucht in die Wirklichkeit einer Flucht aus der Wirklichkeit vorzieht, die Vision einer plötzlichen Solidarisierung in einer Welt der unzähligen Subkulturen. Wie die Surfer am Horizont dümpeln die Jugendlichen vor sich hin, um plötzlich wie auf ein geheimes Zeichen hin von derselben Welle getragen zu werden.
Was diese Welle ist, bleibt auch der vage gehaltenen Ich-Erzählinstanz, die als Trendscout auf die Rolle des Berufsjugendlichen festgelegt ist, ein Rätsel. Durch das Dickicht der Codes und Filmzitate wird der Versuch gemacht, den Draht zur Zielgruppe zu halten. Ein solches Verstehenwollen ist zwangsläufig ein dem Trend Hinterherhinken und letztlich nur Ausgangspunkt einer wehmütigen Auseinandersetzung mit den verpassten Chancen der eigenen Jugend.
So wird mit leiser Melancholie vom Neid auf die eigene Schwester berichtet, die noch die Möglichkeit zur Rebellion hatte, während sich die eigenen Versuche in harmlosen Einzelaktionen erschöpften, über die das Establishment nur müde lächeln konnte.
Aus dieser Perspektive wird das Phänomen einer verschwundenen Aussteigergeneration mit gönnerhafter Anerkennung betrachtet, während die gleichzeitig stattfindenden Versuche, der Massenflucht über elektronische Fußfesseln und Gesetzesverschärfung Herr zu werden, genussvoll in ihrem Scheitern vorgeführt werden. Die Sprache ist dabei durchdrungen von vermeintlichen subkulturellen Versatzstücken, sei es jetzt Otaku, Manga, Adbustering oder Subvertising. In der Häufung wirkt das rührend peinlich. Die auf dem Buchumschlag vollmundig gelobte Spannung läuft größtenteils ins Leere. Im Zentrum der Erzählung steht eine Generation, die die große Unbekannte bleibt. Die Utopie wird zur gutgemeinten Leerstelle, die durch die hilflosen Interpretationsversuche bis zum Schluß nicht gefüllt werden kann. Was als vielversprechende Idee beginnt, versandet so schließlich als flache Satire auf Medienhysterie und Generationenkonflikte. Die im Klappentext angekündigte „Liebeserklärung an die Jugend“ ist kaum mehr als ein Anbiederungsversuch an eine Generation, die in ihrer subversiven Konsumkritik als reichlich naive Wunschvorstellung auftritt


Kategorie: Belletristik
Verlag: S.Fischer Frankfurt am Main

Tender Bar

Sie liegt auf Long Island in dem kleinen Küstenort Manhasset ein gutes Stück vom Herzen New Yorks entfernt, sie heißt „Publicans“ vormals „Dickens“. Dieser Bar setzte J.R.Moehringer in seinem im Februar in Deutschland erschienenen Roman Tender Bar auf 459 Seiten ein literarisches Denkmal.

John Josef Moehringer (genannt JR für junior) wächst bei seiner allein erziehenden Mutter auf. Der Vater ist ein Hallodri, der sich der Verantwortung für Frau und Kind entzieht. Der Junge sehnt sich nach seinem Vater, doch die Begegnungen mit diesem im Verlauf des Romans sind enttäuschend und ernüchternd. Im Haus des Großvaters, in dem JR und seine Mutter lange leben, findet der Junge weder Geborgenheit noch Orientierung. Schon als Knabe steht er vor der Bar und macht seine Beobachtungen: „ Reich und arm, fein und heruntergekommen — im Dickens verkehrten alle möglichen Männer, und alle gingen mit schwerem Schritt durch die Tür, als laste ein unsichtbares Gewicht auf ihnen. Sie gingen wie ich, wenn meine Schultasche voller Bücher war. Aber wenn sie herauskamen, schwebten sie.“ (79) So macht sich JR auf die Suche nach jemandem, der den fehlenden Vater ersetzt; im Barkeeper Charlie, seinem Onkel, und einigen Stammgästen des Dickens findet er, was er sucht: „Früher sagte ich oft, in Steves Bar hätte ich die Väter gefunden, die ich brauchte, aber das stimmte nicht ganz. Irgendwann wurde die Bar selbst mein Vater, und die vielen Männer in ihr verschmolzen zu einem gewaltigen männlichen Auge, das mir über die Schulter blickte…“(15/16).

Früh entdeckt Moehringer die Faszination, die von Worten und Sätzen ausgehen kann; leider fehlt ein Mentor, der in der Lage ist,sein Interesse zu fördern und zu kultivieren.Die Großmutter kann zwar fesselnd Geschichten erzählen, für die Rolle des Lehrers taugt sie nicht. So werden zwei schrullige Buchhändler zu JRs Lehrmeistern: „Bücher bildeten den Schwerpunkt auf Bill und Buds Unterrichtsplan, aber dabei beließen sie es nicht. Sie widmeten sich meiner Sprechweise und brachten mir bei, meinen Long-Island-Akzent zu ändern.“(144) Ihrem Einfluss ist es zu danken, dass der Junge den Mut findet, sich in Yale zu bewerben, und er hat Erfolg: Er wird zum Studium an der Eliteuniversität zugelassen und erhält eine Studienbeihilfe, ohne die ihm ein Studium nicht möglich gewesen wäre.

Mit Eifer und Fleiß beginnt Moehringer sein Studium, doch schon am ersten Tag spürt er seine Defizite gegenüber den Kommilitonen: „Abgesehen von den sichtbaren Dingen wie Kleidung, Schuhe und Eltern, fiel mir an jenem ersten Tag ihr Selbstvertrauen auf. Wie die Augusthitze schien ihr Selbstvertrauen in flirrenden Wellen vom Unigelände aufzusteigen, und wie Hitze zehrte es an meiner Kraft. Ich überlegte, ob man Selbstvertrauen erwerben konnte oder ob man damit zur Welt kam…“ (197). Die Mutter kann ihn nicht unterstützen,mit verschiedenen Jobs verdient er sich Geld. In Yale begegnet er Sidney und es entwickelt sich eine dramatische Liebesgeschichte mit allem, was dazu gehört: selbstvergessener Liebestaumel, Betrug, Trennung, Leid — und – nach einer längeren Pause – die gleiche Geschichte noch einmal.Mit mäßigem Erfolg schafft er trotz aller Turbulenzen seinen Abschluss und landet nach einem Intermezzo als Verkäufer für Heimdekor als Praktikant bei der New York Times. Hier ist er richtig: „Mir dämmerte, warum mich die Times seit meiner Jugend faszinierte…Journalismus bot genau die richtige Mischung aus Korrektheit und Rebellion. Reporter der Times tragen Anzüge … lesen Bücher und führen Feldzüge für die Unterdrückten — aber sie tranken auch viel und erzählten Geschichten und gingen in Bars.“(288)

Es dauert, es gibt Rückschläge, am Ende aber steht der berufliche Erfolg Moehringers, von dem im Roman nicht mehr erzählt wird und der dem Journalisen schließlich den Pulitzer Preis einbringt für seine Geschichten über Schwarze in Amerika, Obdachlose und in Not geratene Kinder. Möglich wird dies nur, weil es ihm immer wieder gelingt, Selbstzweifel und Laschheit zu überwinden, sich ehrgeizig ein Ziel zu stecken und es beharrlich zu verfolgen.Während all der Jahre, über die er in seinem Roman erzählt, ist JR ständig Gast in seiner Stammkneipe: „Ich kehrte wieder rund um die Uhr im Publicans ein…vergrub mich in der Bar…gehörte zum Inventar…Ich nahm meine Mahlzeiten im Publicans ein…erledigte meine Telefonate vom Publicans aus…las und schreib und sah fern im Publicans. Auf manchen Briefen gab ich das Publicans als Absender an. Es sollte ein Scherz sein, aber eine Lüge war es auch nicht.“(358)

Immer liegt vor Moehringer auf dem Tresen sein aufgeschlagenes Notizbuch, in dem unzählige Beobachtungen und Zwiegespräche genauestens notiert werden. Auf diese Weise entstanden wunderbare Porträts einiger Stammgäste und „Väter“ des Autors sowie etliche bezaubernde Geschichten. J.R.Moehringers Roman sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen, wohl wissend, dass die „Helden“ des Publicans im Kern sehr tragische Gestalten sind.


Kategorie: Romane
Verlag: S.Fischer Frankfurt am Main