Holzfällen

bernhard-1Von Künstlerattrappen und geistlosen Poltermimen

«Eine Erregung» heißt der Untertitel dieses avantgardistischen Werkes von Thomas Bernhard, der damit einst seinen Ruf als Enfant terrible der Kunstszene Österreichs nachhaltig unterstrichen hat. Im Stil des inneren Monologs angelegt, dessen Gedankenfluss der Autor sprachlich durch einen absatzlos dahin fließenden Textstrom ohne jedwede Gliederung von der ersten bis zur letzten Seite abbildet, erlebt der Leser das Geschehen eines Tages aus der Sicht des Ich-Erzählers, mit unübersehbar autobiografischen Elementen allerdings, und zwar nicht nur, weil er ebenfalls Schriftsteller ist. Denn ob der Begriff Schlüsselroman hier berechtigt ist, mag man daran ermessen, dass kurze Zeit nach seinem Erscheinen der Verkauf des Buches gerichtlich gestoppt wurde von Leuten, die sich darin wiedererkannt hatten – und sich verunglimpft fühlten.

Dieser Text ist eine einzige, breit angelegte Suada, polemisch, sarkastisch, geradezu gallig, die vor niemandem halt macht, auch vor ihrem Urheber selbst nicht, dem «auf seinem Ohrensessel» sinnierenden, misanthropischen Schriftsteller. Er nimmt im Geist die kulturelle Schickeria Wiens aufs Korn, zu der auch die zu einem späten «künstlerischen Abendessen» im Hause des Komponisten Auersberger geladenen Gäste zählen, die nun geduldig auf einen Burgschauspieler warten, der nach seinem Auftritt in Ibsens «Die Wildente» sein Erscheinen zugesagt hat. Vormittags hatte der Schriftsteller noch am Begräbnis einer alten Freundin teilgenommen, seine Gedanken kreisen deshalb anfangs immer wieder um die «Bewegungskünstlerin» Joana, die sich erhängt hat. Mit ihr wie auch mit den Gastgebern hatte er schon vor Jahrzehnten den Kontakt abgebrochen, er war jetzt von London aus nur zu einem Besuch nach Wien gekommen und hatte ohne richtig nachzudenken diese Einladung angenommen, worüber er im Nachhinein entsetzt ist.

Denn ihn regt alles auf, er demaskiert geradezu niederträchtig den Kunstbetrieb Österreichs im Allgemeinen und Wiens im Besonderen, und ihm ist nichts heilig dabei, insbesondere die Burgschauspieler nicht. «Geistlose Poltermimen» und «kleinbürgerliche Popanze» seien sie allesamt, die denn auch «aus dem Burgtheater längst ein Siechenhaus ihres dramatischen Dilettantismus gemacht haben». Dieses Abbild der Künstlerszene und der durch die Auersbergers repräsentierten «Guten Gesellschaft» ist für Thomas Bernhard wahrhaft jämmerlich. Bei aller bitterbösen Kritik ist aber immer auch ein subtiler Humor nicht zu übersehen, mit dem er sein Kultur-Szenario vor dem Leser ausbreitet und dann gnadenlos demaskiert, ich musste jedenfalls öfter schmunzeln bei seinen «Erregungen». Detailliert beschäftigt sich der Ich-Erzähler mit den anwesenden Künstlern, allesamt gescheiterte Existenzen, denen nie der Durchbruch gelungen ist, deren Kunst er jedenfalls vehement in Frage stellt, die er recht uncharmant als «Künstlerattrappen» bezeichnet.

Was das handlungsarme Buch lesenswert macht ist vor allem die kreative Sprache, der in vielen Wendungen steckende Wortwitz, aber auch der raffinierte dramaturgische Aufbau mit seinen geradezu suggestiv eingesetzten Wiederholungen, von denen «dachte ich auf dem Ohrensessel» wohl das häufigste Element ist, man sitzt irgendwann buchstäblich selbst dort! Dieses literarische Ostinato wird auch musikalisch verdeutlicht durch Ravels «Bolero», der zu später Stunde vom Plattenspieler ertönt. In einem ziemlich langen letzten Satz erkennt der Schriftsteller selbstkritisch, dass er sich kaum unterscheidet von den Menschen um ihn herum mit ihren Lügen und Halbwahrheiten, und er beschließt spontan, über das «künstlerische Abendessen» zu schreiben, «sofort und gleich, bevor es zu spät ist». Das war gut so!

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Kategorie: Roman
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Die Baugrube

platonow-1Für Hedonisten ungeeignet

«Сволочь» hatte Stalin an den Rand einer Erzählung von Andrej Platonow geschrieben, er hielt den russischen Schriftsteller schlicht für einen «Lump» wegen seiner Kritik an den Zwangsmaßnahmen zur Kollektivierung. Der zu seinen Hauptwerken gerechnete Roman «Die Baugrube» von 1930, den er in wenigen Monaten geschrieben hat, zur Zeit des ersten Fünfjahresplans also, durfte wie alle seine Arbeiten zu Lebzeiten des 1951 gestorbenen Autors nicht erscheinen. Zukunftspessimismus, in Form solch dystopischer Romane auch noch, war einfach nicht erwünscht.

«Am dreißigsten Jahrestag seines persönlichen Lebens gab man Woschtschew die Abrechnung von der kleinen Maschinenfabrik, wo er die Mittel für seine Existenz beschaffte. Im Entlassungsdokument schrieb man ihm, er werde von der Produktion entfernt infolge der wachsenden Kraftschwäche in ihm und seiner Nachdenklichkeit im allgemeinen Tempo der Arbeit». Was wie eine holprige Übersetzung klingt in diesem Romananfang ist der ganz spezielle Duktus seines Verfassers, ein verballhornender Neusprech aus ländlicher Sprache durchmischt mit ideologischen Begriffen des Totalitarismus. Zumeist also Versatzstücke aus heroisierenden Reden und verlogenen Slogans der bolschewistischen Revolutionäre, deren Bildungsniveau mit dieser abstrusen Grammatik verdeutlicht werden soll. Typisch für dieses sprachliche Unvermögen und hierzulande aus der DDR noch gut in Erinnerung sind übrigens auch die langen Genitivreihungen in den absurden Bezeichnungen von Institutionen und Ereignissen durch die sozialistische Apparatschicks.

Mit Schaufel und Spitzhacke arbeiten die Protagonisten des Romans an der Verwirklichung des sozialistischen Traums, sie graben die Baugrube für das «gemeinproletarische Haus», ein riesiges Projekt auf dem Weg in eine bessere Zukunft. Die Arbeiter in der Grube sind enteignete Bauern, die wie Tiere gehalten werden, unbehaust und unzureichend ernährt, allesamt einsame Figuren ohne familiäre Bindung, untergebracht in einer ungeheizten Baracke, in der sie zum Schlafen auf dem Boden gedrängt nebeneinander liegen wie Sardinen in der Dose. Trostlos ist auch die Umgebung, eine flache, endlos weite Ebene unter einem stets grauen, dämmrigen Himmel, die Menschen führen ein ereignisloses Leben wie im Halbschlaf, nur an wenigen Tagen kann man in weiter Ferne mal das Blinzeln der Lichter einer kleinen Stadt erkennen. Im revolutionären Wahn werden alle Kulaken, die zaristischen Großbauern, auf ein riesiges Floß verfrachtet, man lässt sie einfach den Fluss hinunter ins offene Meer treiben, als Klassenfeind werden sie nicht mehr gebraucht im neuen Russland. Und immer wieder muss die Baugrube vergrößert werden, denn täglich werden ja neue Proletarier geboren, vermehren sich die Massen, fertig wird die Grube also nie!

In dieser apokalypseartigen Erzählung  symbolisiert die Baugrube eine antagonistische Welt, sie ist zugleich Sinnbild des Scheiterns einer Utopie. Hinter jeder der Romanfiguren lauert ein Verhängnis, der Leser wird regelrecht mit hinab gezogen in einen Sumpf aus Qualen, die ihnen gewiss sind. Der überzeugte Kommunist Platonow geißelt hier auf der Suche nach Wahrheit die stalinistischen Methoden der politischen Umsetzung seiner eigenen Überzeugungen ohne jede Ironie, auch wenn er seine Protagonisten noch so tölpelhaft agieren lässt. Eine schwierige Lektüre wartet auf den Leser, niederschmetternd geradezu, ohne literarische Distanz erzählt. «Gefährliche Lektüre» hat Sibylle Lewitscharoff deshalb ihren im Anhang abgedruckten Essay über dieses Buch betitelt, nur in keinen Häppchen verdaulich jedenfalls. Hilfreich und wirklich unverzichtbar für eine bereichernde Lektüre sind außerdem das kenntnisreiche Nachwort sowie 34 Seiten mit ergänzenden Anmerkungen der Übersetzerin. Ein literarisch hoch stehender, schwierig zu lesender, anspruchsvoller, aber auch grausamer, verstörender Roman, – für Hedonisten wahrlich nicht geeignet, das dürfte nach alledem klar sein.

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Kategorie: Roman
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Panischer Frühling

leutenegger-1Die Frau ohne Eigenschaften

Die Schweizer Schriftstellerin Gertrud Leutenegger hat es mit ihrem Roman «Panischer Frühling» auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2014 geschafft, die bis dato bedeutendste Ehrung für sie. Als Autorin einem breiteren Lesepublikum bisher zumeist unbekannt, wirkt die Platzierung im Finale des Buchpreises wie ein Ritterschlag, der für sie als literarisch längst Anerkannte hauptsächlich finanzielle, sprich Auflage erhöhende Wirkung zeitigen dürfte. Der kurze Roman, mit verschwenderisch bemessenem Blattspiegel, üppiger Schriftgröße und satter Papierstärke vom Suhrkamp-Verlag trickreich zum knapp über 200 Seiten starken, ansehnlichen Buch aufgepeppt, wirkt von seinem Inhalt her ganz im Gegenteil eher bescheiden zurückhaltend mit seinen stillen Tönen.

Nach dem Ausbruch des Gletschervulkans auf Island mit dem unaussprechlichen Namen Eyjafjallajökull musste Mitte April 2010 der Flugverkehr in weiten Teilen Nord- und Mitteleuropas eingestellt werden. Eine namenlos bleibende Ich-Erzählerin hält sich während dieser Zeit vorübergehend in London auf, man erfährt im Übrigen nichts von ihren sonstigen Lebensumständen, «Die Frau ohne Eigenschaften» gewissermaßen. Dauernd unterwegs auf ziellosen Streifzügen durch die Stadt, trifft sie auf der London Bridge einen Mann, der dort eine Obdachlosenzeitung verkauft. Dieser zufälligen Begegnung folgen weitere, sie kehrt seltsam zwanghaft immer wieder dorthin zurück. Aus der anfangs kurzen Unterhaltung mit dem Zeitungsverkäufer, dessen halbes Gesicht von einem schlimmen Feuermal entstellt ist, werden mit der Zeit längere Gespräche, beide, deren Gemeinsamkeit der frühe Tod des Vaters ist, erzählen sich Geschichten aus ihrer Kindheit. Ihr Kontakt bleibt aber distanziert, es gibt keine weiteren Verbindungen zwischen ihnen außer den – lediglich durch das unangekündigte Erscheinen der Frau auf der Brücke – initiierten Begegnungen, lange kennt sie nicht mal seinen Namen. Bis Jonathan eines Tages spurlos verschwunden ist, sie trifft ihn mit seinem Zeitungsbündel nie mehr an auf seinem abgestammten Platze. Geradezu als kryptisch zu bezeichnen ist auch ihre Beziehung zur mutmaßlichen Tochter, über die es lapidar heißt: «Nachrichten vom Amazonas waren eingetroffen. Ich bin wirklich auf der anderen Seite der Welt, schrieb die junge Frau, das Kind von einst, immer mehr wird mir die Distanz bewusst, aber ich mag sie»! Mehr erfährt der Leser nicht, es gibt zusätzlich nur ein paar wenige und zudem noch deutlich kürzere Textstellen hierzu.

Gertrud Leutenegger benutzt für ihre assoziative Prosa einen sehr spezifischen Stil, der vermutlich zurückzuführen ist auf ihre Arbeit am Theater, findet sich doch auffallend häufig die Form des dramatischen Poems in ihrem Werkverzeichnis. Ihr meditativer Roman erinnert, nicht nur topografisch, an ein Kammerspiel durch seinen äußerst reduzierten erzählerischen Blickwinkel und seine lyrisch wirkende Sprache, die sehr bildhaft ist und zugleich durch große Sensibilität gekennzeichnet. Einen weiten Raum nehmen liebevolle Beschreibungen der großstädtischen Flora ein, ihre Protagonistin, in der manche die Autorin selbst zu erkennen glauben, besucht immerfort die Parks von London auf ihren Streifzügen durch die Stadt.

Ein nahezu handlungsloser Roman wie dieser ist von vornherein nicht jedermanns Sache, er wirft zudem durch seine nicht zu einem Ende hin führende, fragmentarische Erzählweise so viele Fragen auf, dass vielschichtiger Deutung und kühner Spekulation Tür und Tor geöffnet sind. Von dieser wahrscheinlich bewusst herbeigeführten Verwirrung der Leser zeugen offensichtliche Fehler in etlichen Inhaltsangaben bei deren Kritiken, ja sogar in solchen des Feuilletons. Wer Rätsel mag, wird hier also fündig, und wer gerne spintisiert, wer Anspielungen liebt, um selbst weiter zu fabulieren, kommt erst recht auf seine Kosten. Wer aber stringente Handlung sucht, der wird zutiefst enttäuscht sein. Fazit also: Wer’s mag!

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Kategorie: Roman
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Die Sonnenposition

poschmann-1Die Sonne bröckelt.

Der Literaturwissenschafter Edgar Allen Poe hat die These aufgestellt, der erste Satz eines Romans umreiße oft schon die ganze Geschichte. So mancher Leser von Monika Poschmanns Roman «Die Sonnenposition» mit seinem einleitenden Dreiwortsatz «Die Sonne bröckelt» wird ihm möglicherweise recht geben. Das Bröckeln jedenfalls zieht sich als verfallträchtiger Hintergrund durch den ganzen Roman, die vielfach mit Literaturpreisen bedachte Autorin lenkt den Fokus in ihren bisher drei Romanen immer wieder, scheinbar deterministisch, auf die Schattenseiten unseres Lebens. Scheitern, Pessimismus, Sprachlosigkeit, Lieblosigkeit, soziale Kälte allenthalben, was sich sowohl in einer düsteren Thematik, aber noch deutlicher in der metapherträchtigen, lyrikartigen sprachlichen Umsetzung und in den eigenartigen, eher ungewöhnlichen Figuren ihrer Geschichte widerspiegelt.

Ich-Erzähler ist ein farblos bleibender Psychiater mit dem bezeichnenden Namen Altfried, der in einem heruntergekommenen Barockschloss in der ehemaligen DDR lebt und arbeitet, welches notdürftig zur psychiatrischen Heil- und Pflegeanstalt umgebaut wurde. Sein Freud Odilo, verklemmtes Muttersöhnchen und auf Biolumineszenz spezialisierter, genialer Biologe, ist äußerst menschenscheu, geradezu unnahbar und kalt. Er stirbt als schlafwandelnder Autofahrer gleich zu Beginn der Geschichte, und bei der Beerdigung taucht überraschend auch Mila auf, Altfrieds Schwester. In Rückblenden erfahren wir, dass zwischen Odilo und Mila mehr war als nur Freundschaft, was auch Altfried nicht wusste. Die Beziehungen zwischen den drei Protagonisten sind merkwürdig distanziert, man weiß wenig voneinander, sieht sich eher selten, hat sich kaum etwas zu sagen, glaubhaft portraitiert erscheinen sie mir nicht. Altfried hat die Sonnenposition inne in seiner kafkaesken Anstalt, er beleuchtet die seelische Düsternis um ihn herum, gibt sein Bestes, um zu helfen. Orientierung und Trost aber könnte er selbst brauchen, sein eigens Leben ist beklemmend eintönig und inhaltsleer, nur in seinem grotesken Hobby, seiner stets erfolglos bleibenden Jagd nach automobilen Erlkönigen, zeigt er so etwas wie menschliches Empfinden, weit entfernt jedoch von echter Leidenschaft für sein fotografisches Steckenpferd.

Erzählt ist dieser handlungsarme Roman in einer auf reichlich Metaphern, Symbolik und gewagten Wortschöpfungen basierenden Sprache, die nicht jedem gefallen dürfte, weil sie viel Phantasie voraussetzt, oft auch wohlwollende Nachsichtigkeit bei den wahrlich nicht immer gelungenen Assoziationen, die sie bewirken soll. Sie kommt ohne direkte Rede aus, ist wohltuend klar, flüssig lesbar und unkompliziert, Leser mit Hang zur Symbolik werden jubeln dabei, das Feuilleton hat mit geradezu hymnischen Rezensionen ja die Richtung vorgegeben. Wer reine Prosa mag ohne lyrische Höhenflüge, der wird zumindest in den zahlreichen, anschaulich beschriebenen Fallgeschichten von Altfrieds Patienten auf seine Kosten kommen, aber auch die Reise in die ehemalige polnische Heimat ist eine erfreulich geerdet erscheinende Prosainsel inmitten einer metaphysischen Abgehobenheit, wie sie allein schon in kreativen Kapitelüberschriften wie Glühbirnengleichnis, Rückenfiguren, Gedächtnispaläste oder Schlafversager deutlich wird.

Tristesse und Depression scheint 2013 Schwerpunktthema gewesen zu sein beim Deutschen Buchpreis. Neben der Gewinnerin Terézia Mora haben mit Mirko Bonné und Marion Poschmann gleich drei Finalisten ihren literarischen Beitrag geleistet zu den dunklen Seiten der menschlichen Existenz, nur Monika Zeiner war da ein literarischer Lichtblick für mich. «Die Sonnenposition» ist jedenfalls einer der wenigen Romane nach langer Zeit, bei dem ich froh war, ihn endlich beiseite legen zu können nach der Lektüre, aber vielleicht lag es ja auch nur an mir!

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Kategorie: Roman
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Bronsteins Kinder

becker-1Fast ein kleines Wunder

Manchem Roman ist es beschieden, immer im Schatten eines erfolgreicheren vom gleichen Autor zu stehen, bei Jurek Becker ist es der 1986 erschienene Band «Bronsteins Kinder», dem übermächtig «Jakob der Lügner» gegenübersteht, sein 1969 veröffentlichter, berühmtester Roman. Beide sind verfilmt worden, wen wundert’s, wenn der Verfasser zugleich auch ein bekannter Drehbuchautor war, die erfolgreiche TV-Serie «Liebling Kreuzberg» stammt aus seiner Feder. Seine polnische Herkunft und die jüdischen Eltern, von denen nur der Vater Ghetto und KZ überlebt hat, haben ihn in seiner literarischen Thematik stark geprägt, hinzu kommen noch seine Jahre in der DDR, der er nach mancherlei Querelen und Schikanen 1977 schließlich den Rücken gekehrt hat. Man tut sich als Wessi heute etwas schwer, den politischen Hintergrund der vorliegenden Geschichte richtig zu würdigen, – für deren Problematik allerdings ist er unbedeutend.

Denn es geht um fundamentale Fragen von Schuld und Sühne, um das Gegenüber von Täter und Opfer lange nach der Tat, hier im Roman eines SS-Aufsehers des KZs Neuengamme mit dreien seiner einstigen Insassen. Hans Bronstein wird zufällig Zeuge, dass sein Vater und zwei andere Männer einen ihrer früheren Peiniger in der Datscha seines Vaters gefangen halten und foltern, ihm drei Jahrzehnte nach der Tat ein Schuldgeständnis abpressen wollen. «Darf einer, der mit dreißig Jahren geschlagen wurde, mit sechzig zurückschlagen?» ist eine der Fragen, mit denen sich Hans plötzlich konfrontiert sieht. Er wird ungewollt in einen schweren Loyalitätskonflikt mit seinem Vater hineingezogen, der niemals wird überwinden können, was ihm als polnischem Juden an Unrecht widerfahren ist. Den Justizorganen jedenfalls trauen die drei ehemaligen Opfer nicht; eine angemessene Bestrafung ist von diesem deutschen Staat keinesfalls zu erwarten, davon sind sie überzeugt.

Jurek Becker erzählt diese Geschichte in zwei Zeitebenen, und er beginnt: «Vor einem Jahr kam mein Vater auf die denkbar schwerste Weise zu Schaden, er starb. Das Ereignis fand am vierten August 73 statt, oder sagen wir ruhig das Unglück, an einem Sonnabend. Ich habe es kommen sehen.» Mit lakonischem Duktus, in einer einfach zu lesenden, kristallklaren Sprache, entwickelt Becker seine spannende Geschichte, wobei er in der zweiten Zeitebene rückblickend von den Geschehnissen im Zusammenhang mit der Selbstjustiz berichtet und von den Nöten, die seinen Protagonisten als einzigen Zeugen und Mitwisser umgetrieben haben. Durch die Entführung war eine zwickmühlenartige Situation entstanden, denn nicht nur die rachedürstenden ehemaligen KZ-Insassen mussten eine Entdeckung fürchten, das Opfer hatte gleichermaßen Angst vor Entdeckung und einem unvermeidlich folgenden Strafverfahren. In seiner Gewissensnot sucht Abiturient Hans Rat bei seiner in einer psychiatrischen Anstalt weggeschlossenen, deutlich älteren Schwester, die schubartig zu unkontrollierten tätlichen Angriffen gegen fremde Menschen neigt, mit der er jedoch ein inniges Verhältnis hat, – er besucht sie oft, sie schreibt ihm rührende Briefe in einer kuriosen Orthografie. Seine Freundin Martha einzuweihen traut er sich nicht, die Beiden hatten die jetzt als Gefängnis dienende Waldhütte bisher als Liebesnest genutzt.

Nach dem überraschenden Schluss bleiben Fragen offen. Das ahnt man vorab schon, wenn nämlich gegen Ende des Buches nur noch ein paar Seiten übrig bleiben zur Klärung. Ist das nun ein Manko? Keineswegs! Der klug konstruierte Plot mit den stimmig beschriebenen, originellen Figuren schneidet wichtige Themen an, hält sich aber mit wohlfeilen Erklärungen, mit Wertungen gar, weise zurück. Die vorwärtsdrängende, leichtfüßige Erzählweise mit ihren amüsanten Wendungen macht diesen Roman zu einer ausgesprochen kurzweiligen Lektüre, was bei der komplizierten Vater/Sohn-Konstellation, die er so virtuos behandelt, und seiner schwierigen Schuld/Sühne-Thematik fast an ein kleines Wunder grenzt.

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Kategorie: Roman
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Indigo

setz-1Ein müder Abklatsch

«Irgendwann gewöhnt man sich gegen alles». Bastian Sick, Autor von «Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod», hätte seine helle Freude an diesem Wortspiel von Clemens J. Setz, das sich in seinem Roman findet und auch den Rückumschlag ziert. Ich glaube, irgendwann gewöhnt man sich an allem, auch am Dativ, woran ich mich aber partout nicht gewöhnen kann, das sind solche Romane! Großangelegte Experimente mit Wörtern, die keinen Sinn ergeben, Nonsens pur in Buchform, dem nur unbeirrbare Esoteriker eine tiefere Bedeutung andichten können.

Judith Schalansky, selbst Autorin bei Suhrkamp (Der Hals der Giraffe), zeichnet für Typografie und Einband verantwortlich. Mit lila Vorsatzpapier, handgeschriebenem Inhaltsverzeichnis, wechselnden Schriftfonds, eingestreuten Bildchen und Notizen im Faksimile hebt sich das Buch schon vom rein Handwerklichen her deutlich ab, vom Inhaltlichen her aber ist es gegen alle Konventionen. «So böse wie Nabokov, so virtuos wie David Foster Wallace» steht auf dem Rückumschlag, das hatte mich neugierig gemacht, und natürlich auch die Platzierung auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

Clemens J. Setz erweist sich als außerordentlich kreativer Kopf mit ausgeprägtem Sinn für schwarzen Humor, dem es gelingt, eine beklemmende, unheilschwangere Atmosphäre zu erzeugen, die bei manchen Lesern, glaubt man den diversen Rezensionen, sogar körperliche Wirkungen wie Kopfschmerzen zeitigt. Macht das ein «Meisterwerk» aus diesem Roman? Eine interpretierende Analyse dieser verwickelten, schwindelerregenden (sic!), manchmal sogar brutalen Textcollage erspare ich mir, der Autor gefällt sich nämlich in der Rolle des Nerds, der seine tumben Leser in einem ausgangslosen Labyrinth von Andeutungen, Rätseln und Geheimnissen umherirren lässt. Vieles ist abgründig und beiläufig gleichermaßen, nichts klärt sich auf. All das ist geschrieben in einer angenehm zu lesenden, klaren Sprache, die in einem auffallenden Gegensatz zu den sämtlich wirre erscheinenden Protagonisten steht, zu denen man, wie auch zum Plot, keinen rechten Zugang findet (ich jedenfalls). Kein Vergleich übrigens mit D.F.Wallace, der ist der wahre Meister der Postmoderne, Setz ist nur ein müder Abklatsch davon!

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Kategorie: Roman
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Blumenberg

lewitscharoff-1Verwirrung in der Gelehrtenstube

Literatur und Philosophie existieren ja nicht selten in symbiotischer Form, meist in Person eines geistigen Schöpfers, als Dichter und Denker bezeichnet, der alle beiden Kulturgattungen bedient, Nietzsche sei als Beispiel genannt. Eng verbunden sind diese Disziplinen aber auch dadurch, dass alle Denkergebnisse irgendwie fixiert werden müssen, sollen sie für die Nachwelt erhalten bleiben, und damit werden sie zwangsläufig zu Literatur. Im vorliegenden Roman bildet die philosophische Wissenschaft den reizvollen Hintergrund für eine raffiniert aufgebaute, komplexe Geschichte, die schon durch ihren Titel als Hommage an den Professor gleichen Namens gedeutet werden darf.

Die Autorin bindet einen Löwen in ihre Handlung ein, den der Gelehrte zunächst als Hirngespinst oder Studentenulk ansieht, der sich in seiner Symbolträchtigkeit jedoch immer mehr als Trostspender und gedanklicher Ruhepol erweist. Mit viel Komik und gekonntem Sprachwitz wird munter fabuliert in diesem ungewöhnlichen Roman mit seinem gewagten Titel, der ja suggeriert, hier stehe der gleichnamige Philosoph und sein Denksystem im Mittelpunkt, was manche Leser mutlos machen könnte. Keine Sorge! Äußerst elegant und schwungvoll führt Lewitscharoff durch ihre originelle Geschichte, und auch wenn man, wie ich, nicht jeden Hintersinn, jede Andeutung versteht als blutiger Laie in Sachen Philosophie, liest man dieses Buch gleichwohl mit geistigem Gewinn, vom geradezu königlichen Lesespaß ganz abgesehen.

Im Milieu professoraler Gelehrsamkeit erleben wir Blumenberg in seinem Arbeitszimmer und in der Vorlesung, einer, der fleißig seine Wissenschaft betreibt und hohe Anerkennung genießt bei seinen ehrfürchtigen, von ihm aber kaum wahrgenommenen Studenten. Vier von ihnen, ergänzt um eine wundersame Nonne, sind die anderen Protagonisten, die ihn in einer Collage von kunstvoll verschachtelten Geschichten umkreisen. Alle Figuren sind liebevoll und eindringlich beschrieben, sie stehen dem Leser beinahe plastisch gegenüber, sind greifbar nahe in dieser zweiten Erzählebene. Ergänzend sind zwei köstliche Kapitel eingeschoben, in denen der Erzähler auf sehr unterhaltsame Weise über Inhalte und Konstruktion seines Textes nachdenkt. «Ob der Erzähler wirklich wissen kann, was einem Selbstmörder zuletzt in den Sinn kommt, ist fraglich» heißt es da. Das Buchstabenleben des Romans und seine Gedankenwelt wird hier verschmitzt hinterfragt. Aber dass man einen Selbstmord so absolut unpathetisch schildern kann hat mir denn doch den Atem verschlagen.

Nach dem Tode aller Protagonisten treffen sie im Jenseits wieder zusammen, auch der Löwe ist zur Stelle. Mit ihrem rätselhaften Bericht aus einer Höhle (wem dämmert da was?) eröffnet die Autorin reichlich Raum für Interpretationen, mit denen man noch beschäftigt ist, lange nachdem man das Buch zu Ende gelesen hat. Was dem Atheisten Blumenberg und den anderen Figuren widerfährt, das langsame Verlöschen ihrer Existenzen, deutet für mich jedenfalls darauf hin, dass dieser Ort eine Vorstufe zum Nirwana ist, Himmel und Hölle existieren ja nicht. Dieses Buch ist ein meisterhaft geschriebener, wunderbar geistreicher Roman, der im wahrsten Sinne des Wortes bereichernd ist, ein selten zu findendes, intellektuell anspruchsvolles Lesevergnügen obendrein.

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Kategorie: Roman
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Nichts Weißes

ziegler-1Dingbat

Dieser auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2012 stehende neue Roman bietet einen interessanter Einblick in die Welt der Werbung und insbesondere die der Grafik und Typografie in der interessanten Phase des Umbruchs hin zur Digitalisierung, von der Klassik zur Moderne also. Dabei ist nun allerdings ein gewisses Grundwissen und auch -verständnis hilfreich, um nicht zu sagen unabdingbar, sonst gehen doch viele der reichlich aufgetischten fachlichen Details ohne jeden nachwirkenden Effekt am staunenden Leser vorbei.

Gleich zu Anfang der locker erzählten Geschichte wird eine gewisse Spannung aufgebaut durch die erklärte Absicht der Protagonistin Marleen, eine einzigartige, ganz besondere Schrift zu kreieren, die es so noch nicht gibt. Wer sich die vielen Fonts in seinem Computer mal daraufhin anschaut, wird erstaunt nach Notwendigkeit und Sinn dieser kühnen Idee fragen und umso neugieriger sein, was dabei denn herauskommt am Ende. In verschiedenen Erzählsträngen und mit diversen Rückblenden verfolgt man also geduldig die berufliche und personale Entwicklung der Heldin über markante Wegmarken hinweg wie dem Stadtteil Pomona in Neuss, ferner Düsseldorf, Kassel, Paris und New York, und auch Poona in Indien spielt eine nicht ganz unwichtige Rolle.

Somit ist dies ein typischer Bildungsroman im modernsten Gewand, angesiedelt im Milieu der 68er-Generation, die ganze Familie ein bunter Haufen von Kreativen mit Hang zur Weltläufigkeit, unangepasste Individualisten jedenfalls, selbst die streng katholische Schwester gehört mit ihrem naiven Eigensinn zu diesen Charakteren. Alle diese Figuren wirken auf mich ziemlich labil, insbesondere Marleen erscheint zu keiner tieferen Bindung fähig, denn sogar ihr unehelicher Sohn bleibt eher eine seelenlose Randfigur. Patchwork-Familie und Schwulen-WG scheinen nicht der richtige Nährboden zu sein für innigere menschliche Beziehungen. Nur die Lehrer und Chefs der Protagonistin werden als kantige, skurrile, teils sogar despotische, aber gerade dadurch ja auch liebenswerte Originale der ziemlich durchgeknallten Werbe- und Grafikbranche beschrieben. Ganz am Ende kreiert Marleen dann schließlich die Symbolschrift Dingbat, auf die die Welt so dringend gewartet hat.

Ziemlich offensichtlich ist der Plot nicht das Wichtigste an diesem Roman, denn der Frage, was will der Autor uns damit sagen, stehe ich jedenfalls ratlos gegenüber, da kann ich leider nichts hinein interpretieren, wie andere das so locker tun. Angetan hat es mir da schon eher die flotte Erzählweise, die erfreulich klare Sprache, das stimmig geschilderte zeitgeschichtliche Umfeld dieser Geschichte. Und das, in Verbindung mit dem durchaus interessanten Einblick in ein ziemlich unbekanntes, der Literatur ja unzweifelhaft affines Metier, macht den Roman zwar nicht gleich buchpreiswürdig, aber schließlich doch lesenswert.

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Kategorie: Roman
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Fliehkräfte

thome-1Wenn die Kinder aus dem Haus sind

Schon der Titel des Romans von Stephan Thome deutet an, worum es geht. Fliehkräfte sind jene aus der Masseträgheit resultierenden Kräfte, die bei krummliniger Bewegung eines Körpers dessen Richtungsänderung zu verhindern suchen. Protagonist der in der Gegenwart angesiedelten und im Präsens erzählten Geschichte ist ein honoriger Philosophieprofessor, dessen wohlgefälliges, bürgerliches Leben im beschaulichen Bonn aus den Fugen geraten ist. Den Rahmen der Handlung skizziert Thome sehr gekonnt durch die Pointe eines eingefügten Witzes. «Menschliches Leben beginnt, wenn die Kinder aus dem Haus sind» erklärt lebensklug ein Rabbiner seinen verdutzten katholischen und evangelischen Berufsgenossen, die natürlich Zeugung respektive Geburt als Beginn ansehen.

Prof. Hainbachs Tochter studiert in Spanien, der Heimat ihrer Mutter, seine Frau arbeitet als Assistentin eines chaotischen Theatermenschen in Berlin, man führt seit zwei Jahren eine Wochenendehe. Auch beruflich ist er frustriert durch die Reformwut an den Universitäten, die selbst vor seiner Fakultät nicht haltmacht. Als er überraschend ein Angebot eines befreundeten Verlegers aus Berlin bekommt, steht er plötzlich vor einer folgenschweren Entscheidung. Er ist unschlüssig und flüchtet sich spontan in eine Reise, die sich als Selbstfindungstrip über viele Stationen erstreckt und als ganz persönlicher Jakobsweg bei seiner Tochter in Santiago de Compostela endet.

Die durchgängig aus der Perspektive des Protagonisten erzählte Geschichte zeigt uns in vielen gekonnt eingebauten Rückblenden und Episoden recht anschaulich und stimmig seinen Lebensweg auf. Thomes Sprache ist klar und unaufgeregt, leicht lesbar und niemals langatmig. Sein Plot ist mit lebensnahen Dialogen und vielen atmosphärischen Details üppig angereichert und trifft letztendlich punktgenau die Befindlichkeiten unserer heutigen Wohlstandsgesellschaft, beschreibt zutreffend ein gegenwärtiges Zeitgefühl. Wir haben alles und sind doch nicht zufrieden, Melancholie also allenthalben. Die Personen sind treffend geschildert, bleiben aber seltsam distanziert, pralles Leben ist anders. Nur die Schwester des frustrierten Helden, die «kleine dumme Ruth», wird froh und lebensklug dargestellt, der proletarische, mit dem Leben besser zurechtkommende Gegenentwurf zu all den anderen eher schwermütig bourgeoisen Charakteren des Romans.

Der Vergleich zu manchen hoch gelobten amerikanischen Autoren drängt sich bei diesem Buch geradezu auf. Thome steht da durchaus in gleicher Erzähltradition mit seiner üppig angelegten Prosa, deren Lektüre nicht minder angenehm ist, wenn man diesen Stil denn mag. Ein entscheidender Vorteil ist sogar, für mich jedenfalls, das nichtamerikanische Milieu, in dem sich diese Geschichte abspielt. Dass allerdings auch hier sehr viele Klischees bemüht werden, die Anspielungen unübersehbar dick aufgetragen werden, mag manchen Leser stören, liegt aber doch voll im Trend der schon erwähnten, gattungstypischen Literatur. Über Gehalt und Motive, über die Botschaft dieser Geschichte kann man trefflich streiten, und man tut es ja auch, bei den Rezensionsprofis genauso wie bei den Kritikerlaien. Ohne Zweifel wird man gut unterhalten, bekommt manchen interessanten Einblick und erhält ganz unvermutet Schützenhilfe bei der eigenen Standortbestimmung, falls man denn bereit ist, über den Stoff hinaus auch noch ein wenig weiter zu denken.

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Kategorie: Roman
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Kruso

seiler-1Magischer Realismus

Sein Debüt als Romancier hat Lutz Seiler mit einem Schlage bekannt gemacht, «Kruso» wurde mit dem deutschen Buchpreis 2014 geehrt, und auch das Feuilleton war unisono voll des Lobes. Nun beschert ein derartiger Medienwirbel nicht nur hohe Auflagen, er sorgt auch dafür, dass der preisgekrönte Roman, – eines bis dato als Epiker kaum bekannten Autors zudem -, nun plötzlich einen sehr großen Leserkreis erreicht. Zu groß scheinbar, denn wie die Rezeption des Buches zeigt, sind viele Leser darunter, die mit dem Roman offensichtlich überfordert sind, die hohe Zahl negativer Laienkritiken ist jedenfalls ein unübersehbares Indiz dafür. Umso mehr ist deshalb die Entschlossenheit der diesjährigen Buchpreis-Jury zu loben, unbeirrt auch heuer wieder ein literarisch hochstehendes, ambitioniertes Werk auszuzeichnen.

Wenige Tage nach der Inthronisierung eines «Linken» zum thüringischen Ministerpräsidenten ist die DDR-Vergangenheit derzeit Thema vieler Diskussionen. Seilers Geschichte ereignet sich während der letzten Monate dieses üblen Unrechtsregimes, sie liefert fernab der Politik ein beklemmendes Bild der unsäglichen Bedingungen, unter denen die Menschen dort jahrzehntelang gelitten haben, unfrei in einem Riesengefängnis lebend. Hiddensee, die Insel in der Ostsee, kaum fünfzig Kilometer von der verlockenden Küste Dänemarks entfernt, ist als Schauplatz des Romans ein geheimer Fluchtpunkt von Aussteigern, Gestrandeten, Verzweifelten. Aus eigenem Erleben schöpfend schildert der Autor, wie sein Protagonist Ed, nach dem Unfalltod seiner Freundin völlig aus der Bahn geworfen, dort in der Touristen-Gaststätte «Zum Klausner» als Saisonkraft unterkommt und schon bald Teil einer verschworenen Gemeinschaft wird. Sein Mentor ist Alexander Krusowitsch, genannt Kruso, Spiritus Rector dieser exotischen Kaste von Intellektuellen, die nicht ins sozialistische System passen, die ihren ganz eigenen Regeln und Wertvorstellungen folgen. Die zwölfköpfige Mannschaft im systemfernen Refugium des Klausners erscheint wie ein aberwitziges Panoptikum von wundervoll beschriebenen, ebenso markanten wie sympathischen Figuren, allesamt Gestrandete auf einer Arche namens Hiddensee, dem vermeintlichen Schlupfloch in die Freiheit.

Seilers Robinsonade währte, anders als bei Defoe, nur wenige Sommermonate bis zur sogenannten Wende im November 1989. Die politischen Ereignisse dieser Zeit sind im Roman weitgehend ausgeblendet, sie klingen nur im Hintergrund an, aus dem Lautsprecher der Viola nämlich, jenem permanent eingeschalteten Radioapparat, aus dem rund um die Uhr das Programm des Deutschlandfunks erschallt. Die Ritter der Klausner-Tafelrunde versammeln sich täglich um sieben Uhr früh zum gemeinsamen Frühstück am Persotisch, dessen zentrale Rolle im Roman der Autor durch eine beigefügte Handzeichnung am Ende des Buches betont. Nach und nach allerdings lichten sich dort die Reihen, verschwindet spurlos einer nach dem anderen, der Untergang des politischen Systems wird hier gekonnt am Exodus der Saisonkräfte gespiegelt. Bis schließlich nur noch Ed übrig bleibt, und als der das seit Tagen defekte Radio wieder repariert hatte, wusste er eine Weile lang nicht, ob er begriff, was er da hörte: «Alle Grenzen waren offen. Offen seit Tagen».

Mich hat die eigenständige, poetische Erzählform Seilers unwillkürlich an James Joyce erinnert. Der magische Realismus des Romans ignoriert die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Mythos, lässt Fakten und Irreales gleichberechtigt nebeneinander bestehen, kombiniert sie meisterhaft, ein Märchen für Erwachsene. In einem beklemmenden Epilog berichtet Ed als Ich-Erzähler von seinen hartnäckig verfolgten Recherchen nach den verschollenen Flüchtlingen, nach den unbekannten Toten, denen er damit ein Denkmal setzen will. Das ist spannend zu lesen wie ein Krimi und lässt den Leser tief betroffen zurück. Dieser grandiose Roman hat in vielerlei Hinsicht das Zeug dazu, ein Klassiker zu werden in der deutschsprachigen Literatur.

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Kategorie: Roman
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Das Verschwinden des Philip S.

edschmid-1Ein Irrweg

Stefan Aust hat mit seinem bekannten Sachbuch «Der Baader-Meinhof-Komplex» die Phase des Umbruchs in Deutschland kenntnisreich beschrieben, nun scheint die Zeit reif für eine mehr fiktionale Aufarbeitung der Geschehnisse, die gemeinhin mit der Jahreszahl 1968 symbolisiert werden. Mit seinem buchpreisgekrönten Roman hat auch Frank Witzel diese Thematik aufgegriffen, zwei Jahre vorher, 2013 erschien «Das Verschwinden des Philip S.» von Ulrike Edschmid, ein autobiografisch geprägter Roman über ihren damaligen Lebensgefährten Werner Philip Sauber, dessen revolutionärer Weg ihn schließlich in den bewaffneten Untergrund führt.

Philip S. stirbt am 9. Mai 1975 bei einem Schusswechsel mit der Polizei auf einem Kölner Parkplatz. «Vor den Krankenwagen sind die Fotografen da.» lautet der erste Satz, womit das Ende schon vorweggenommen ist. Als Leser wird man regelrecht hineingestoßen in die brutale Schlussphase einer Geschichte, die den allmählichen Wandel eines kreativen Studenten der Film- und Fernsehakademie zum gewaltbereiten Revolutionär beschreibt. Fast vierzig Jahre später nun blickt Ulrike Edschmid auf die Jahre zurück, in denen sie mit ihm zusammen war. Er kam als Sohn aus einer reichen Schweizer Unternehmerfamilie 1967 nach Berlin, sie lebte nach der Trennung von ihrem Mann mit dem kleinen Sohn in bohemeartigen Verhältnissen. Philip hingegen tritt ziemlich exzentrisch auf, sie schildert ihn als filmisches Genie, dessen hohe Kunst zwar Vielen ziemlich unverständlich bleibt, in der Akademie aber voll anerkannt und entsprechend gefördert wird. Die sich zuspitzenden Ereignisse in Berlin, deren Höhepunkt 1968 das Attentat auf Rudi Dutschke darstellt, verschärfen auch die anfangs vornehmlich auf die Hochschule gerichteten Proteste der Studentenclique um Philip und weiten sich aus auf revolutionäre, zunehmend radikaler, gewalttätiger und schließlich kriminell werdende Aktionen. Ulrike unterstützt diese Aktivitäten, ihre WG wird immer öfter von der Polizei durchsucht, bis sie beide eines Tages in Untersuchungshaft landen. Für Ulrike eine Zäsur, sie nimmt aus Angst um ihren Sohn daraufhin nicht mehr teil an den Aktionen, das Paar trennt sich schließlich, Philip taucht ab in den Untergrund.

Ein bemerkenswertes Kennzeichen der damaligen Ereignisse war die überwiegend gutbürgerliche Herkunft der Revolutionäre, und auch Philip stammt ja nicht aus dem Proletariat, ganz im Gegenteil. In seinem Hass gegen die Bourgeoisie sagt sich Philip schon früh von seinem spießigen Elternhaus los, schlägt sich finanziell mit Gelegenheitsjobs und als Taxifahrer durchs Leben. Edschmid zeichnet ein positives Bild der damals neu aufkommenden studentischen Wohngemeinschaften, ihre Figuren sind anschaulich beschrieben, man kann sich sehr gut in das stimmig geschilderte Milieu revolutionärer WGs hineinversetzen. So gut wie nichts hingegen erfährt man über die konkreten Ziele der Revolutionäre, die Perspektive der Autorin ist die einer wenig eingeweihten Randfigur.

Ihre Geschichte wird, das Vorwort ausgenommen, strikt chronologisch im Präsens erzählt, in einer prosaischen Sprache zudem ohne irgendwelche Ausschmückungen, ohne raffinierte Zeit- und Perspektivsprünge. Sie hat damit eher den Charakter eines nüchternen Berichtes als den eines unterhaltenden Romans, bleibt aber, trotz des vorweggenommenen Endes, wegen der fast beängstigen Direktheit bis zum Schluss spannend, man wird immer tiefer hineingezogen in die Entwicklung von Philip S. zum Terroristen. Wenig überzeugend ist der Versuch der Autorin, bei einem Besuch am Tatort den Tod ihres Helden als vermeidbar darzustellen, ihn als Notwehr, sogar als regelrechte Hinrichtung umzudeuten. Außer bei Gericht wird nirgends so gelogen wie in Autobiografien, das gilt wohl auch hier – und ist deshalb verzeihbar. So hautnah aber, literarisch aus einer seltenen Innensicht heraus entstanden, ist man dem damaligen Geschehen noch nie gekommen, dieser Roman ist allein deswegen schon eine lohnende Lektüre.

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Kategorie: Roman
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Das Pfingstwunder

lewitscharoff-2Herrgottzack

Dantes Hauptwerk «La divina commedia» liefert im Wesentlichen den Stoff für den neuen Roman «Das Pfingstwunder» von Sibylle Lewitscharoff. Die Büchner-Preisträgerin lässt deutlich Ihre Vorliebe für anspruchsvolle Sujets erkennen, die sie im Stil des magischen Realismus in Prosa umsetzt, geschrieben in einer mit kreativen Wortbildungen überreich ausgeschmückten, angenehm zu lesenden Sprache. Urheber der gewaltigen Bilderflut, die sie damit beim Leser erzeugt, ist zum großen Teil Dante Alighieri, dessen «Göttliche Komödie» in über fünfzig deutschen Übersetzungen erschienen ist und hinter der Bibel weltweit den Platz zwei der meistverbreiteten literarischen Werke einnimmt. Ein Jahrtausendwerk, das hier derart umfangreich zitiert und kommentiert, erklärt und gedeutet wird, dass man fast schon von einem episch ergänzten populär-wissenschaftlichen Buch sprechen könnte. Und genau darin liegt, wie ich meine, auch dessen eigentlicher Wert, denn Hand aufs Herz: Welcher heutige Romanleser hat Dante denn wirklich gelesen?

Äußerer Rahmen der Handlung ist ein internationaler Kongress von Danteforschern, der in einem prächtigen Saal des Malteserordens auf dem Aventin in Rom stattfindet. Dort haben sich vierunddreißig Wissenschaftler aus der ganzen Welt zu ihrem jährlichen Treffen versammelt, um sich an den drei Tagen vor Pfingstsonntag 2013 in Vorträgen und Diskussionen über die «Commedia» auszutauschen. Ich-Erzähler in diesem Roman ist der deutsche Tagungsteilnehmer Gottlieb Elsheimer, zweiundsechzig Jahre alt, Professor für Romanistik in Frankfurt, der es nach eigenem Bekunden «als Dante-Gelehrter zu einigem Ansehen gebracht hat, allerdings in einer sehr überschaubaren Gemeinde». Seine «ziemlich abgebrüht» scheinende Selbstsicherheit jedoch hat arg gelitten seit diesem Kongress: «Was vor wenigen Tagen in Rom geschah, hat jedoch alles über den Haufen geworfen».

Als nämlich gegen Ende der Tagung mit vielen exzellenten Vorträgen, die auch Elsheimer als bereichernd empfand, die Glocken des Vatikans Pfingsten einläuten, geraten die Teilnehmer in eine unerklärliche Euphorie, sprechen plötzlich in vielen Muttersprachen wild durcheinander und verstehen einander trotzdem. In der Apostelgeschichte des Neuen Testaments wird berichtet, dass mit der Ausgießung des Heiligen Geistes durch Jesus die versammelten Jünger auf einmal in fremden Sprachen reden konnten, ein Wunder war geschehen, wichtige Voraussetzung für ihre christliche Mission. Auf dem Aventin war ebenfalls eine Art Pfingstwunder geschehen, nur dass hier die Teilnehmer, berauscht von Dantes Visionen, schließlich auch noch ekstatisch auf die Fensterbretter steigen, hinaushüpfen und den Gesetzen der Schwerkraft trotzend auf Nimmerwiedersehen ins Jenseits entschweben. Als einziger nicht diesem orgiastischen Rausch Erlegener bleibt Elsheimer zurück, er grübelt fortan, was ausgerechnet ihn denn ausgeschlossen habe.

Die Autorin ist als studierte Religionswissenschaftlerin bei diesem Stoff fürwahr in ihrem Element, ergeht sich in vielen klugen Reflexionen über die aus heutiger Sicht naive Darstellung Dantes, seine rigorosen, spätmittelalterlichen Vorstellungen. Die vielen historischen Figuren, denen Dante unter Führung Vergils im Jenseits begegnet, werden in Elsheimers Erzählung ergänzt um neuzeitliche Sünder von Stauffenberg bis Snowden, die Dantes rigider Klassifizierung der Sünder keinesfalls unterworfen werden dürften. Ob der Leser dieses Buch nun als Einführung in das berühmteste Werk Dantes auffasst oder es als ironisch erzählte Gelehrtensatire liest, sprachlich kommt er wie schon erwähnt voll auf seine Kosten. Das tröstet dann auch über einige Längen hinweg, die den Lesegenuss früher oder später zu schmälern beginnen, weil die danteverliebte Autorin sich unentwegt gar zu ausführlich in den Strukturen mittelalterlicher Jenseitsvorstellungen verliert. Im Roman ruft sich Elsheimer aus gleichartigen Abschweifungen meist auf gut schwäbisch zurück: «Herrgottzack!»

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Kategorie: Roman
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Meine geniale Freundin

ferrante-1Geniales Marketing

Der Hype um die unter Pseudonym schreibende italienische Schriftstellerin Elena Ferrante hat nun auch Deutschland erreicht, als erster Band in ihrem vierteiligen Romanzyklus erschien jüngst der Titel «Meine geniale Freundin». Die wilden Spekulationen der Medien über die Identität der Autorin sind für die Auflage mindestens ebenso förderlich wie die Verbindung der einzelnen Bände dieser Tetralogie durch Cliffhanger. Die in den USA besonders durch Kritikerpapst James Wood hochgepushte Rezeption ist in Deutschland zwar weniger euphorisch, Bestsellerstatus aber hat der Roman mühelos auch hier erreicht. Ein literarisches Meisterwerk, wie der Buchumschlag dem Leser verheißt, ein Literaturwunder gar?

Dieses neapolitanische Epos zweier Freundinnen wird von einer der beiden, Elena (sic!) genannt Lenù, aus einem Abstand von etwa sechzig Jahren erzählt. In einem kurzen Prolog erfahren wir, dass ihre Freundin aus Kindertagen, Lila, spurlos verschwunden ist, der Sohn sucht nach ihr. Spontan setzt sie sich an den Computer und beginnt ihre Geschichte aufzuschreiben «mit allen Einzelheiten, mit allem, was mir in Erinnerung geblieben ist». In zwei Kapiteln erzählt die Ich-Erzählerin aus dem Leben der Mädchen in einem der ärmsten Vierteln Neapels, sie beide eint der Wunsch, diesem prekären Milieu zu entfliehen. Was ihnen auch gelingt, bei jeder auf unterschiedliche Art allerdings. Sie entkommen nämlich ganz klassisch, durch Bildung und Heirat, dem Albtraum eines ihnen vorgezeichneten, archaischen Frauenlebens in den Slums von Neapel. Ein Entwicklungsroman mithin, beginnend bei der frühesten Kindheit und endend mit der alle Klischees bedienenden, pompösen und turbulenten Hochzeit der sechzehnjährigen Lila. Von Herkunft gleich, unterscheiden sich die beiden Busenfreundinnen grundlegend in ihrem Wesen. Während Lenù von einer Karriere als Autorin träumt, fleißig und brav in der Schule durch Leistungen glänzt, entsprechend gefördert wird und sogar aufs Gymnasium kommt, ist Lila hochintelligent, ein Wunderkind, Lenù geistig weit überlegen, aber so unangepasst und sprunghaft, dass sie scheitern muss, als unbezahlte Arbeitskraft in der Schumacherwerkstatt ihres Vaters landet und zuletzt, ganz konventionell und gegen ihre Art, den reichen Sohn des Lebensmittelhändlers heiratet.

Konventionell wird auch diese Geschichte erzählt, geradezu brav einsträngig, chronologisch, in einer klaren, leicht lesbaren Sprache, und zwar aus einer strikt feministischen Perspektive, – die Frauen dominieren in diesem breit angelegten Sittengemälde, alle Männer sind nur Randpersonen. Das Figurenensemble des Romans ist ziemlich üppig ausgefallen, was trotz vorangestellter Personenliste die volle Aufmerksamkeit des Lesers fordert. All diese vielen Charaktere sind stimmig beschrieben, die beiden in ständiger Konkurrenz zueinander stehenden Protagonistinnen werden psychisch geradezu durchleuchtet bei ihrem pubertären Selbstfindungsprozess, sympathisch allerdings werden sie dem Leser leider nicht.

Zweifellos ist dieser Roman gekonnt aufgebaut, man hat aber das Problem, dass er Fragment bleibt. Als Cliffhanger dient hier das Entsetzen Lilas, als ihr verhasster Ex uneingeladen auf ihrer Hochzeit auftaucht und dabei auch noch die Schuhe trägt, die sie mit ihrem Bruder mühsam von Hand gefertigt hat, ein unglaublicher Affront, der bei Lilas Naturell nicht ungesühnt bleiben wird, – aber bis zum Band vier fehlen noch etwa 1300 Seiten, man muss Geduld haben. Das wortreiche Geplapper der Autorin über Belangloses, Unwichtiges, verschärft durch viele Wiederholungen, löst schnell Langweile aus, man erkennt nicht recht, wozu man all diese Banalitäten denn lesen muss. Besonders nervig fand ich die irgendwann unerträglich werdende Lobhudelei der Ich-Erzählerin über ihre schulischen Leistungen, man fragt sich, ob da nicht etwa eine echte Elena durchschimmert hinter der Romanfigur. Genial, so mein Fazit, ist nur das Marketing der Verlage, nicht dieser Roman.

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Kategorie: Roman
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Allein unter Juden

Tenenbom, Allein unter Juden

Wann ist ein Buch ein gutes Buch? Wann ist es ein schlechtes Buch?

Das Lesen sollte Spaß machen, es sollte einen Erkenntnisgewinn geben und das Buch sollte mich im besten Fall nachdenklicher zurücklassen als es mich vorfand. Und, ist dieses Buch „Allein unter Juden“ des israelisch-amerikanischen Autors Tuvia Tenenbom ein gutes Buch?

Nachdem ich sein erstes, mir bekannt gewordenes Buch „Allein unter Deutschen“, das monatelang in den Bestsellerlisten zu finden war, schon mit Interesse gelesen hatte, wollte ich auch dieses Werk nicht unbeachtet lassen.

Tuvia Tenenbom, 1957 in Bnei Berak, in der Nähe von Tel Aviv geboren, stammt aus einer deutsch-jüdisch-polnischen Familie und lebt in New York. Er studierte u. a. englische Literatur, angewandte Theaterwissenschaften, Mathematik und Computerwissenschaften sowie rabbinische Studien und Islamwissenschaften. Er arbeitet als Journalist, Essayist und Dramatiker und schreibt für zahlreiche Zeitungen in den USA, Europa und Israel, darunter für Die Zeit und The Jewish Daily Forward. 1994 gründete er das Jewish Theater of New York. In der „Zeit“ veröffentlicht Tenenbom regelmäßig eine Kolumne. Man kann also leicht erkennen, dass Tuvia Tenenbom nicht eindimensional, sondern vielfach interessiert durchs Leben geht.

Der Inhalt des Buches ist schnell umrissen: ein Mann fliegt nach Israel, er bereist dieses Land, das augenscheinlich so wenige wirklich kennen, und über das so viele eine feste Meinung haben, ja man gewinnt den Eindruck, dass selbst seine Einwohner dieses Land nur durch die ihnen eigene Brille zu sehen vermögen, und er erzählt von seinen Erfahrungen und Erlebnissen bei dieser Reise.

Das macht er witzig und oftmals auf eine kindlich unbelastete Art, die Fragen stellt, ohne voreingenommen zu sein. Oder zumindest den Eindruck erweckt unvoreingenommen zu sein. Und durch die Schilderung der Erlebnisse während seiner Reise merke ich als Leser sehr schnell, dass es mit der Beurteilung der Situation in diesem Land vielleicht nicht so einfach wird, wie ich mir das bisher vorstellte.

Und ich merke, dass meine Gewissheiten über Gut und Böse, über Wahr und Falsch zu Ungewissheiten werden, dass sich geradezu ein Paradigmenwechsel einstellt, die Sichtweiseauf dieses Land sich während der unterhaltsamen, oftmals witzigen Lektüre grundlegend ändert.

Die Lektüre ist erhellend, manchmal kann ich nicht glauben was ich lese, doch da dieses Buch seit 2014 auf dem Markt ist, muss ich wohl davon ausgehen, dass diejenigen, die in der Beschreibung des Tuvia Tenenbom nicht so gut wegkommen, wobei noch einmal betonen ist, dass es in dem Buch nur indirekt um Anklage geht, sich bei falschen Behauptungen in der Zwischenzeit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gegen diese gewehrt hätten. Insoweit bleibt mein Mund nachhaltig offen vor Staunen ob des Geschriebenen.

Wenn man dann, getrieben von den Erkenntnissen der Lektüre, weiter voranschreitet auf dem Weg der Informationsbeschaffung über diese Situation, dann kommt man im Internet auf viele Seiten und stellt fest, dass es dort fast immer um eindimensionale Betrachtungen zum Thema geht. Jede Seite schaut durch die ihr eigene Brille und missachtet dabei den Fakt, dass die jeweils andere Seite vielleicht auch Recht haben könnte. Es gibt also keine Diskussion miteinander, es werden lediglich eigene Argumente und eigene Sichtweisen zu Wahrheiten erklärt. Vielleicht können wir Menschen nur so eine erträgliche Situation schaffen, die uns nicht ausschließlich in Ungewissheiten zurücklässt, sondern ein Gerüst von Sicherheiten schafft, das es uns ermöglicht morgens aufzustehen und uns dieser Welt zu stellen.

Und eine für mich sehr wichtige Erkenntnis aus der Lektüre dieses Buches hat der Autor selbst in einem Interview im Deutschlandradio geäußert hat:
Es gibt nichts Härteres auf dieser Welt, als ein gerechter Mensch zu sein, ein Liberaler durch und durch. In meinem ganzen Leben bin ich keinem begegnet. Liberal sein heißt, dass du jedermanns Meinung respektieren musst. Du hast über niemanden ein Urteil zu fällen.“

Das ist zugegebenermaßen schwer, doch nach der Lektüre dieses Buches will ich dennoch nicht nachlassen im Versuch auch gegenteilige Meinungen und Wahrheiten zuzulassen. Nein gerade nach der Lektüre des Buches will ich diesen Weg weiter beschreiten.

Kann ich dieses Buch empfehlen? Unbedingt! Doch ich gebe auch eine Warnung heraus. Wenn man sich auf dieses Buch einlässt, gibt es danach keine Gewissheiten mehr, nur mehr Fragen. Dieses Buch ist subjektiv, es ist anstrengend, es ist witzig.

Ist es ein gutes Buch? Ja, für mein Verständnis schon, denn es änderte meine Sichtweise, es machte mich interessiert, fragend, ratlos, wütend, hilflos, nachdenklich, es verstörte mich. Und das alles bei einem großen Lesevergnügen. Die Wut, die Ratlosigkeit und die Verstörung kommen mit der Süße des Spaß am Lesen wie bittere Medizin, die meine Mutter mir immer auf einem Stückchen Würfelzucker gab. Und wie damals wirkte die Medizin auch hier.


Kategorie: Erfahrungen, Sachbuch
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main

Surabaya Gold. Haschischgeschichten

Surabaya GoldBernd Cailloux, Jahrgang 1945, zählt zu den Autoren, die um 1967 von der Hippie-Bewegung angetörnt wurden. Wie viele junge Leute ging auch er in jenen kulturell und politisch bewegten Tagen auf die große Sinnsuche und entdeckte – neben Musiklokalen wie Düsseldorfs »Creamcheese«, dem Hamburger »Star Club« und dem »Closed Eye« in Berlin – die verbotene Droge Cannabis. Continue reading


Kategorie: Kurzgeschichten und Erzählungen
Verlag: Suhrkamp Frankfurt am Main