Bonjour tristesse

sagan-1Eine Stilistin der Einsamkeit

Aus dem umfangreichen Œuvre der französischen Bestseller-Autorin Françoise Sagan ragt der Roman «Bonjour tristesse» besonders hervor. Ihr Erstling von 1954, den sie als siebzehnjährige Studentin in nur sieben Wochen geschrieben hat, ist nicht nur ihr erfolgreichstes, der Roman ist auch ihr bekanntestes Werk. In einer «Le Monde» Umfrage von 1999 nach dem besten Buch des Jahrhunderts liegt es auf Platz 41 der Bücher, die den 17.000 beteiligten Lesern im Gedächtnis haften geblieben sind. Man glaubt es kaum, dass dieser vielfach ausgezeichnete, millionenfach verkaufte, in viele Sprachen übersetzte und 1958 von Otto Preminger verfilmte Roman damals wegen seiner Unmoral heftiger Kritik ausgesetzt war, er verstieß gegen die drögen Moralvorstellungen konservativer Kreise in diesem katholisch geprägten Land.

«Ich zögere, diesem fremden Gefühl, dessen sanfter Schmerz mich bedrückt, seinen schönen und ernsten Namen zu geben: Traurigkeit». Der erste Satz enthält auch hier, wenn man Edgar Allan Poe folgt, schon die Quintessenz der erzählten Geschichte. Dem sorglosen Leben der 17jährigen Cécile, die mit ihrem Vater und dessen junger Gespielin Elsa unbeschwerte Sommerferien an der Cote d’Azur verbringt, droht ein jähes Ende, als plötzlich Anne auftaucht, eine Freundin der vor fünfzehn Jahren verstorbenen Mutter, die erfolgreich ihren Vater bezirzt. Spontane Heiratspläne der beiden Vierzigjährigen verändern schlagartig das bisherige dolce far niente, entfremden sie ihrem eine neue Ehe bisher strikt ablehnendem Vater, beenden auch abrupt das vertrauensvoll kumpelhafte Einverständnis zwischen ihnen, – Cécile ist unendlich traurig.

Aber sie ersinnt eine List, um die drohende Eheschließung  zu verhindern, wobei die schmählich abservierte Elsa und der von Anne aus dem Haus verbannte, deutlich ältere Jurastudent Cyril, Céciles erste Liebe, bei dem sie gleich auch ihre Jungfräulichkeit verliert, die entscheidende Rolle übernehmen. Sie geben sich nämlich als verliebtes Paar aus, um Eifersucht und den Jagdinstinkt des casanovagleichen Vaters zu wecken. Der Frauenheld fällt auch prompt darauf herein und löst damit ungewollt ein dramatisches Finale aus. In Paris dann scheint das unbeschwerte Leben von Vater und Tochter weiterzugehen, alles ist wie früher, wären da nicht die nächtlichen Erinnerungen an diesen Sommer, bei denen etwas in Cécile aufsteigt, wie es im letzten Satz heißt, «das ich mit geschlossenen Augen empfange und bei seinem Namen nenne: Traurigkeit – komm, Traurigkeit». Ihr schlechtes Gewissen wird sie nun wohl ihr Leben lang begleiten, – vergleichbar perfide ist übrigens der intrigante jugendliche Held im deutlich amüsanteren Roman «Lob der Stiefmutter» von Mario Vargas Llosa mit gleicher Thematik.

Es ist die federleichte Sprache, in der diese melancholische Geschichte erzählt wird, aus einer fast noch kindlich naiven Perspektive der völligen Sorglosigkeit heraus, die ich besonders beeindruckend fand. Das Einfühlungsvermögen der Autorin in ihre damals gleichaltrige Protagonistin ist jedenfalls erstaunlich. Françoise Sagan zeichnet in kurzen Sätzen mit einfachen Worten, darin Hemingway ähnelnd, treffsicher ein psychologisch glaubwürdiges Bild ihrer sympathischen Romanfigur, deren entwaffnende Naivität ihre rücksichtslos egoistischen Ziele derart übertüncht, dass man ihr alles verzeiht als Leser. Der existentialistische Roman ist Ausdruck eines Lebensgefühls, welches die als «Stilistin der Einsamkeit» apostrophierte Schriftstellerin wie kein anderer mehrfach in ihren Werken beschrieben hat. Ihre von keinen Geldsorgen geplagten Figuren gehören der «armen, abgestumpften Rasse der Genussmenschen» an, wie es im Roman heißt, die damals, anders als in der Spaßgesellschaft unserer Tage, noch nicht derart dominant war. Insoweit ist «Bonjour tristesse» auch das Zeitzeugnis einer vergangenen Epoche, der schmale Band gehört ohne Zweifel zu den immer noch lesenswerten Klassikern der Weltliteratur.

Fazit: erfreulich

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Kategorie: Roman
Verlag: Ullstein Berlin

Ortswechsel

lodge-1Effekthascherische Trivialität

«Ein satirischer Roman» steht unübersehbar auf dem knallbunten Buchumschlag. Man ist also vorgewarnt und bereits auf Lustiges einstimmt, wenn man «Ortswechsel» von David Lodge zur Hand nimmt, 1975 erschienen, erster Teil einer später erweiterten Romanreihe des englischen Literaturwissenschaftlers und Schriftstellers. Es handelt sich um einen typischen Campusroman, dessen Protagonisten zwei Literaturprofessoren sind, die in einem englisch-amerikanischen Kooperationsprogramm ihre Arbeitsplätze tauschen, – und nicht nur das, wie das Cover schon andeutet.

«Hoch über dem Nordpol kamen am ersten Tage des Jahres 1969 zwei Professoren für englische Literatur in einer Gesamtgeschwindigkeit von 1200 Meilen pro Stunde einander näher». Die beiden vierzigjährigen Männer, beide in der Midlife-Crisis, absolvieren aus ganz unterschiedlichen Motiven ein Austauschsemester an der jeweiligen Partneruniversität und lassen für ein halbes Jahr Frau und Kinder daheim zurück. Philip Swallow kommt von der englischen Universität in Rummidge, ein camoufliertes Birmingham, Morris Zapp kommt von der Euphoric State an der Westküste der USA, für das Berkeley Pate stand, englische Provinz also und sonnig-hedonistischer, kalifornischer Campus. Was folgt ist ein «Clash of Civilizations» der moderaten Art, zu unterschiedlich sind doch die akademischen Systeme in den beiden angelsächsischen Staaten. Allein diese universitäre Andersartigkeit liefert schon reichlich Stoff für heiter ironische Beschreibungen des gegenseitigen Nichtverstehens. Lehrpläne, Prüfungen, Besoldungssysteme weichen ebenso voneinander ab wie Wohnverhältnisse, Familienleben, Essgewohnheiten, vom Klima ganz zu schweigen. Nur was die Sexualität anbelangt, – von Liebe ist im Roman übrigens keine Rede -, scheinen die Unterschiede nicht allzu groß zu sein. In Kalifornien allerdings sind die knackigen Studentinnen, – potentielle Beute der beiden Strohwitwer -, in dieser Hinsicht deutlich lockerer als ihre englischen Pendants. Gemeinsam sind beiden Hochschulen die aufflackernden studentischen Unruhen als Folge der 68er-Bewegung, die von Europa aus in die USA herüber geschwappt ist und nun den Campusbetrieb an den Unis lahm zu legen droht.

Als «Fundgrube für narrative Einfälle» hat David Lodge im Nachwort seine Idee von der erzählerischen Symmetrie bezeichnet, bei der alle Ereignisse des zweisträngig erzählten Plots sich im jeweils anderen Handlungsstrang spiegeln. Die Erzählform seines in sechs Kapitel gliederten Romans habe er in drei Kapiteln variiert, «um den Leser wach zuhalten», wie er schreibt. Er wechselt dabei vom konventionellen Erzählen zum Stil des Briefromans, es folgt ein Kapitel mit Notizen und Verlautbarungen im Zeitungsjargon, das Schlusskapitel schließlich mit seinem offenen Ende ist in Form eines Drehbuchs geschrieben. Sprachlich schlicht und leicht lesbar, wird diese Geschichte, zielsicher vorwärts drängend, flott erzählt, wozu neben jeder Menge Situationskomik auch die schlagfertigen, oft verblüffenden Dialoge der stimmig beschriebenen Figuren einiges beitragen.

Der kreative Plot mit üppiger Intertextualität strotzt nur so von köstlichen Seitenhieben auf die literarischen Fakultäten und auf versponnene Wissenschaftler, die wie Philips Frau die Frage nach ihrem Arbeitsgebiet mit «klassizistische Schäferidyllen» beantworten, oder die, wie Morris, ihre gesamte Forschungsarbeit unbeirrt Jane Austen widmen, nichts anderem. Ein solcher «satirischer» Roman, und das ist nun allerdings sein Problem, lebt davon, spielerisch möglichst viele Klischees zu seiner Thematik zu bedienen, um entsprechende Aha-Effekte beim Leser auszulösen, also lieb gewonnene Vorurteile zu bestätigen, Erwartetes zu liefern, nichts Ungewohntes, Neues, Widersprüchliches – oder gar Nachdenkliches. Wer platten Witz sucht wird hier fündig, schwarzen englischen Humor allerdings, subtil und intelligent, sucht man vergebens in diesem effekthascherischen Trivialroman.

Fazit: mäßig

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Kategorie: Roman
Verlag: Ullstein Berlin

Betrug

karasek-1Così fan tutte

Was sich hinter dem Buchtitel «Betrug» verbirgt ist ein uraltes Menschheitsthema, nichts Kriminelles, dem sich Autor Hellmuth Karasek da mutig stellt, wohl weil er als Literaturkenner über die Probleme zwischen Mann und Frau bestens Bescheid zu wissen glaubt. Liebe sei, erfährt man in seinem Roman, schließlich das Thema Nummer eins in der Literatur. Hier nun steht das gestörte Liebesverhältnis im Mittelpunkt, es ist der Betrug des Partners und seine Folgen, denen er sich widmet. Der Autor wendet sich dabei auch den wirtschaftlichen Folgen des Betrugs zu, bezieht den finanziellen Niedergang seines Protagonisten und die letztendlich materiellen Motive seiner Geliebten mit in seine Handlung ein.

Robert, der Held der Geschichte, Prototyp des Schürzenjägers, freischaffender Drehbuchautor, Essayist und gelegentlicher Rezensent in Hamburg, ist beruflich wenig erfolgreich, seinen gleichwohl hohen Lebensstandard verdankt er seiner wohlhabenden Ehefrau. Katta, zweite Frau des früh verwitweten Bankers Harald, mit dem Robert befreundet ist, macht ihm plötzlich Avancen, die Beiden beginnen ohne Zögern eine heiße Affäre. «Robert liebte seine Frau, und sie liebte ihn – bestimmt. Er hatte wahrlich keinen Grund, sie zu betrügen, aber er betrog sie bei jeder Gelegenheit. Danach peinigten ihn jedes Mal unbequeme Schuldgefühle». Ein guter Freund hatte ihm vor Jahren «kategorisch erklärt, so als handele es sich um ein naturwissenschaftliches Gesetz, dass man eine Frau maximal sieben Jahre sexuell begehren könne», Seitensprünge also etwas ganz Normales seien. Die nun folgenden heimlicher Treffen der beiden Untreuen sind von der ständigen Gefahr der Entdeckung bestimmt, wobei Robert eine panische Angst davor hat, die Katta geradezu lächerlich findet. Man streitet sich deswegen, trennt sich sogar, findet aber immer wieder zueinander, der tolle Sex zwischen ihnen ist gar zu verlockend. Bald aber stellt der gehörnte Freund ihn doch zur Rede, wenig später zieht Harald mit seiner Frau Katta nach München, die ehebrecherische Beziehung ist damit beendet.

Aber Robert kommt nicht von Katta nicht los, kann nicht verwinden, dass ihm seine Beute abhanden gekommen ist. In seiner Frau sieht er nur noch den Hemmschuh für sein Glück, sie ist es, die alles kompliziert gemacht hat für ihn, die wie ein Racheengel allem im Wege stand. Er verlässt sie ohne Abschied und geht auch nach München, sucht Katta und stellt fest, dass die inzwischen einen anderen Geliebten hat. Schließlich finden die Beiden aber doch wieder zusammen, wobei Robert sie über seine prekäre finanzielle Lage im Unklaren lässt, er schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch und lebt in ärmlichsten Verhältnissen, deren er sich schämt. Katta trennt sich von ihrem Mann, der neue Geliebte aber denkt nicht daran, Frau und Kind zu verlassen und mit ihr zusammen zu ziehen. «Komm, lass uns fort, nur für ein paar Tage», überredet sie Robert und fährt mit ihm in ein sündhaft teures Hotel am Starnberger See, nichtsahnend, dass er sich das eigentlich gar nicht leisten kann. «Jetzt haben wir es endlich geschafft» sagt sie am Morgen, aber Robert ist alles andere als glücklich. Er würde am liebsten alles ungeschehen machen und in den Schoß der Familie zurückkehren – und damit zu den finanziellen Quellen für sein sorgloses Leben. Und auf Katta wartet ein böses Erwachen.

Von Thornton Wilder stammt die Erkenntnis, im Leben der allermeisten Menschen gäbe es nichts anderes als «Geldverdienen, Genüsse und Gequatsche». Und genau dem entspricht auch dieser Roman, er ist nämlich Trivialliteratur durch und durch. Literarische Qualitäten sind keine auszumachen in dieser banalen Erzählung, weder die Thematik ist originell noch der Plot, und sprachlich hat der Autor einfach dem oben erwähnten Volk aufs Maul geschaut und darauf geachtet, es intellektuell nicht zu überfordern, gedankliche Tiefe findet sich nirgends im Roman, – der Auflage wegen, vermute ich mal.

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Kategorie: Roman
Verlag: Ullstein Berlin

Marionetten

51XJKMEY8WL

51XJKMEY8WL„Marionetten“ von John le Carré erschien 2008 in deutscher Sprache. Man darf annehmen, dass le Carré den Roman unter dem Eindruck der furchtbaren Ereignisse in New York etwa 2003, also heute vor über 10 Jahren geschrieben hat.

Im Januar 2002 entstand als Folge des 11. September 2001 das berüchtigte Gefangenenlager Guantanamo Bay auf Kuba. Von diesem Zeitpunkt an sind alle Männer verdächtig, die ein arabisches Aussehen haben oder einen schwarzen Bart tragen, schlimmstenfalls beides. Die echten Terroristen rasieren sich und verschwinden unsichtbar in der Menge.

Issa Karpow, die Leidensfigur im Buch, ist jung. Er kommt aus Tschetschenien und einen Bart trägt er auch. Zumindest anfangs, bis ihn Annabel Richter, eine junge Rechtsanwältin der Organisation Fluchthafen in Hamburg, dazu überreden kann, sich wenigstens den Bart abzurasieren.

Issa hat zwei Probleme – er sieht aus wie Terroristen eben aussehen, und er ist so naiv, wie man nicht sein darf, will man sich nicht verdächtig machen.

Issa ist illegal von Tschetschenien über Russland, die Türkei, Schweden und Dänemark nach Hamburg gekommen. Auf der langen Reise ist er immer wieder im Gefängnis gelandet, weil er sich allein durch seine Naivität verdächtig machte. Sein verstorbener Vater war zu Lebzeiten Oberst der Roten Armee, der es durch allerlei undurchsichtige Geschäfte zu einem stolzen Vermögen gebracht hat. Issa hält seinen Vater für einen Verbrecher und Mörder (er glaubt auch, dass er Issas tschetschenische Mutter auf dem Gewissen hat) und deshalb will er das Erbe seines Vaters Hilfsorganisationen zukommen lassen, die sich dem Wohl der Menschheit verschrieben haben. Wenn es noch eines zusätzlichen Verdachtsmomentes bedurfte, Issa endgültig in die Ecke eines hochgradig gefährlichen Terroristen zu rücken, dann ist es sein Wunsch, das Erbe zu verschenken.

Das Geld liegt auf einer Bank in Hamburg und nur deshalb ist Issa in die Hansestadt gekommen. Er ist auch fest davon überzeugt, dass deutsche Behörden jedem Asylsuchenden freundlich gegenübertreten, wie es in einem Rechtsstaat üblich ist, und er glaubt auch, dass er in Hamburg Medizin studieren wird. Vielleicht auch Jura oder beides. Naiv, wie er ist, hat er sich noch nicht entschieden. Und ein ehrbares Leben wird er in Deutschland führen, anders als sein Vater, den er so abgrundtief hasst, dass er den Vatersnamen, den –witsch zwischen Issa und Karpow, nicht führt. Die Parallelen zu dem, was wir aktuell in Deutschland erleben (das Jahr 2015 wird als das Jahr der Flüchtlingskatastrophe in die Geschichte eingehen!), sind unverkennbar, was nur den zwingenden Schluss zulässt, dass John le Carré über hellseherische Eingebungen verfügt haben muss, als er das Buch schrieb. Wie er auch gewusst haben muss, dass demnächst Träger längerer schwarzer Bärte automatisch als Terroristen eingestuft werden und arabische Frauen mit stärkerem Leibesumfang sofort in Verdacht geraten, einen Sprengstoffgürtel zu tragen.

Die Verantwortlichen für den 11. September, zumindest nach allem, was man bis heute weiß, haben längere Zeit in Hamburg gelebt, weshalb man laut le Carré in der Hansestadt glaubt, eine besondere Verantwortung bei der Bekämpfung des Terrorismus leisten zu müssen. Folgerichtig gibt es eine Antiterroreinheit, die – unabhängig von den offiziellen deutschen Sicherheitsbehörden – undercover ermittelt. Dazu kommen die üblichen Geheimdienste und auch die CIA darf nicht fehlen.

Die Behörden stehen unter Erfolgszwang und dieser Druck führt dazu, dass man Erfolge vorzeigen muss, koste es, was es wolle. Man darf vermuten, dass in jenen Jahren das Wort Kollateralschaden erfunden wurde.

Issa gerät sehr schnell ins Visier der Ermittler. Wegen seines Bartes, den er anfangs trägt, wegen seiner tschetschenischen Herkunft, der illegalen Einreise in Deutschland und seiner Naivität, sehr viel Geld verschenken zu wollen, ist er prädestiniert, den Terroristen zu geben.

An dieser Stelle muss ich die Schilderung der von le Carré erfundenen Figuren beenden, es würde dem Leser zu viel der Spannung nehmen. Nur so viel sei gesagt – der Autor schafft es auf unnachahmliche Weise, den Nervenkitzel von Kapitel zu Kapitel zu steigern und man ist geneigt, laut zu rufen: „Merkt ihr nicht – wollt ihr nicht merken, dass ihr den Falschen jagt?“

Das ist die Kernaussage dieses Romans, wie beinahe aller seiner Romane – die Geheimdienste erschaffen Feinde, wo keine sind und verlieren dabei die tatsächlichen Feinde aus den Augen. Und – das kommt noch hinzu – gleichgültig ob fiktiv oder real, die Dienste bekommen von jeder Regierung so ziemlich jedes Budget zur Pseudobekämpfung genehmigt, und jedes durch das Grundgesetz garantierte Persönlichkeitsrecht wird abgeschafft. Auch das ist eine Entwicklung, die wir gerade in mehreren westlichen Ländern erleben.

Ein Wort zu John le Carré. Wer seine Biografie kennt, weiß, dass er selbst nach dem Krieg beim britischen Geheimdienst war. Einem Interview, das er einem Journalisten gegeben hat, kann man entnehmen, dass er seine damaligen Arbeitgeber (übrigens eine Außenstelle Londons in Bonn) nicht ganz ernst genommen hat. Wie er auch einmal angedeutet hat, keinen Geheimdienst richtig ernst zu nehmen. Wenigstens zwei Altbundeskanzler haben eine sehr ähnliche Einstellung geäußert – Helmut Schmidt und Helmut Kohl.

Von besonderem Reiz ist die Sprache des Autors. Es ist dieser in beinahe jedem Satz anklingende, so typisch britische Zynismus, mit dem le Carré die diversen Akteure der deutschen Geheimdienstszene bloßstellt. Le Carrés Schilderungen werden nur noch von der Realität übertroffen, die wir seit Edward Snowden über in- und ausländische Geheimdienste erfahren haben oder vorher bereits wussten.

An dieser Stelle sei ein Abstecher in die reale Welt erlaubt. Murat Kurnaz, Sohn türkischer Eltern, in Deutschland geboren und aufgewachsen, mit deutschem Pass, hat von 2002 bis 2006 in Guantanamo eingesessen. Wie wir inzwischen wissen, gab es keinen ausreichenden Anfangsverdacht, darüber hinaus wurde ihm jegliche konsularische Betreuung seitens der deutschen Behörden verweigert. Kurnaz hat trotz der in Guantanamo praktizierten Folter wie Waterboarding nie ein Geständnis abgelegt, denn es gab nicht zu gestehen. Er hat für seine unrechtmäßige Inhaftierung nie eine Entschädigung erhalten, nicht einmal eine Entschuldigung wurde ihm zuteil. Die deutschen Behörden gingen sogar soweit, ihm nach seiner Entlassung aus Guantanamo die Einreise nach Deutschland zu verweigern, und man wollte ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkennen. Das ließ sich letztendlich dann doch nicht durchsetzen. Soweit bekannt, war seine Festnahme letztendlich auf eine Verwechselung zurückzuführen.

Es gibt mehrere Parallelen zwischen der fiktiven Person Issa Karpow in John le Carrés Roman Marionetten und den Erlebnissen des realen Murat Kurnaz. Beide waren zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort. Beide sind naive Zeitgenossen, die rein zufällig ins Räderwerk der Ermittler geraten. Und beide haben sich schon deshalb extrem verdächtig gemacht, weil sie kein Geständnis ablegten, weil sie nichts zu gestehen haben.

Die Geschichte des Murat Kurnaz ist unter dem Titel „5 Jahre Leben“ verfilmt worden, ein ungemein spannendes 2-Personen-Kammerspiel – Murat Kurnaz und der ihn verhörende Offizier. Marionetten ist unter dem Titel „A Most Wanted Man“ verfilmt worden. Den Chef der Undercover-Abteilung in Hamburg, Günter Bachmann, spielt der erst kürzlich verstorbenen Philip Seymour Hoffman. Es ist seine letzte großartige Rolle.

Noch ein Wort zum Tag des 9/11. Ich erinnere mich, als sei es gestern gewesen. Ich saß vor meinem Rechner, schrieb irgendetwas, rechts neben dem Editor hatte ich wie immer die Nachrichten aufgeklappt. Ich sah die Zwillingstürme des World Trade Centers, dann die schwarzen Wolken – und wollte es nicht glauben. Erst bei den Spätnachrichten abends begriff ich, was ich gesehen hatte. Der Tag hatte die Welt verändert.


Kategorie: Agentenroman, Belletristik, Spionage, Thriller
Verlag: Ullstein Berlin

Ein Grab voller roter Orchideen

Carol Blandish fällt ein Erbe von sechs Millionen US-Dollar zu, wenn sie aus der Nervenheilanstalt entkommen und sich vierzehn Tage in der Freiheit aufhalten kann. Plötzlich hat Carol viele Freunde, aber auch genauso viele Feinde. Doch ihr ärgster Feind ist sie selbst – Zeiten geistiger Vernuft wechseln mit Zeiten von Gewalttätigkeit ab.

Viel ist zu dem vorliegenden Buch nicht zu sagen. Es ist einfach nur auf Spannung und Unterhaltung angelegt. Wirklich überzeugend sind Handlung und Geschichte nicht. Sie wirken typisch amerikanisch oberflächlich und nichtssagend. Ein Buch wie dieses wird dem Lesr wirklich nicht lang in Erinnerung bleiben.


Kategorie: Kriminalliteratur
Verlag: Ullstein Berlin

Das Beste von allem

Das Beste von allem Von wegen Fernsehen hält vom Lesen ab. Von wegen Fernsehen stumpft ab und trägt nicht zur Bildung bei. Hätte ich nicht die grandiose Fernsehserie Mad Men gesehen, hätte ich dieses Buch nicht gelesen. Denn natürlich will man wissen, womit der gefährlich attraktive, geheimnisvolle Don Draper sich eine einsame Nacht verkürzt. So er denn mal ausnahmsweise eine hat. Natürlich will man mitreden können. Könnte ja sein, dass man den gefährlich attraktiven, geheimnisvollen Don Draper plötzlich im Aufzug trifft und er auf einen Whiskey Sour auf seine Bürocouch bittet.

Wer also aufmerksam den Mad Men zuschaut, sieht das Beste von allem. Sowieso, aber so lautet eben auch der Titel von Don Drapers Bettlektüre. Das Beste von allem ist ein amerikanischer Bestseller aus dem Jahre 1958, geschrieben von der 2005 verstorbenen Schriftstellerin Rona Jaffe. Anläßlich des überraschenden Erfolgs der Mad Men entstaubt, neu aufgelegt und für die deutsche Ausgabe auch neu übersetzt. Liebevoll verpackt in ein schickes Buchdesign, wahrscheinlich entworfen von Sterling,  Cooper, Draper, Price.

Sie verdienen das Beste von allem. Den besten Job, die beste Umgebung, die beste Bezahlung, die besten Kontakte. Inspiriert von dieser Stellenanzeige in der New York Times schrieb Rona Jaffe ihren Roman, der über einen Zeitraum von 3 Jahren 5 junge Frauen begleitet, die ihren Weg im New York der fünfziger Jahre suchen. Draper wollte wohl herausfinden, welche Wünsche junge,amerikanische Frauen in ihren Herzen tragen. Denn genau darum dreht sich letztendlich alles in diesem geschickt aufgebautem Roman. Der Leser lernt zunächst Caroline Bender kennen. Eine junge Frau, von der Liebe enttäuscht, klug, smart und natürlich hübsch. Sie beginnt als Schreibkraft in einem Verlag, arbeitet sich sehr schnell hoch und wird so eine der ersten Karrierefrauen ihrer Zeit. In ihrem Herzen sehnt sie sich aber immer noch nach der allumfassenden, allerfüllenden Liebe. Den anderen Frauen begegnet sie an ihrem Arbeitsplatz. Mary Agnes, die nur arbeitet, um ihre Aussteuer zu finanzieren. Barbara, eine junge, alleinerziehende, geschiedene Mutter – ein Skandal zu jener Zeit. Die flatterhafte April, die sich ins Showbusiness träumt und schließlich Gregg, eine junge Schauspielerin, die ein tragisches Ende finden wird.

5 junge Frauen auf der Jagd nach dem Glück und dem richtigen Leben in der großen Stadt. 5 junge Frauen, mit denen der Leser tief in die Moralvorstellungen und Werte jener Zeit eintaucht. Aber auch 5 junge Frauen, die der Leser durch das aufregende, pulsierende, alles möglich und machbar erscheinende New York der Nachkriegszeit begleitet. In den fünfziger Jahren war das Buch bestimmt ein Tabubruch und auch als solches konzipiert. Die Stadt und ihre Gesellschaft vibriert zwar vor Aufbruchsstimmung, aber das Frauenbild und die Geschlechterrollen sind noch klar determiniert. Wer außerehelichen Sex hat, gilt schon als Schlampe. Für die damalige Zeit war es eigentlich undenkbar, dass die fünf Frauen in dem Buch ihre Sexualität lebten und – noch schlimmer – darüber sprachen. Die Moralvorstellung heute ist sicher eine andere, aber das Buch funktioniert auch heute. Es überrascht, in wie vielen Aspekten das Buch heute genauso relevant ist wie damals.

In ihrem Geleitwort zur Neuauflage 2005 schrieb Rona Jaffe selbst: Das Buch handelt von Veränderung, wie sich die Träume verändern, wie sich das Leben verändert, wie alles, was einem zustößt, etwas anderes verändert Und das bleibt immer gleich. Genau so ist das. Das Buch berührt Frauen und Männer heute genauso wie in den 50er jahren. Es macht nachdenklich, es wühlt auf, aber es macht auch Spaß, die Frauen auf ihrem Weg zu begleiten. Ein bißchen ist es wie Sex and the City. Nur geschrieben und in den 50er Jahren angesiedelt. Aber genauso prickelnd. Womit sich der Kreis zum Fernsehen wieder geschlossen hätte.

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Kategorie: Romane
Verlag: Ullstein Berlin

Neulich in Neukölln

Uli Hannemann zog 1985 nach Berlin und landete ausgerechnet im tiefsten Neukölln. In herrlichen Wortbildern beschreibt er den Alltag in seinem Kiez mit distanziertem Wohlwollen und versprüht dabei rabenschwarzen Humor.

Der schreibende Taxifahrer und Lesebühnenmatador erzählt die Geschichte eines neureichen Münchener Neumieters, den er am offenen Fenster beim Telefonieren abhört, während dessen Kätzchen erstmals das Terrain erkundet und sogleich von fetten Ratten in mundgerechte Häppchen zerlegt wird. Er schildert die strahlende Wiedergeburt des Tante-Emma-Ladens als Onkel-Mehmet-Gemischtwarenhandel, bei dem es rund um die Uhr alles und nichts zu kaufen gibt. In seinem Argwohn gegen den Staat, der nichts ist als »ein schlampiger, alter Kumpel, der sich Bücher, Videos und Geld leiht und niemals zurückgibt«, spricht er dem Neuköllner aus dem Herzen, der in diesem Punkt zum gemeinsamen Widerstand findet.

In seinen Notizen von der Talsohle des Lebens skizziert Hannemann seine Mitmenschen als Alkoholiker, Schreihälse, Schläger, Krachmacher und Drogendealer, die ihn umzingelt haben.

Keinesfalls darf das Thema Hundekot fehlen, denn wer einmal in Pitbull-Scheiße getreten ist, weiß, dass er in Berlin-Neukölln unterwegs ist. Dort verhüllt die Kotschicht das öffentliche Straßenland zeitweise so flächendeckend, dass es für Rettungs-, Reinigungs- oder ähnlich verantwortliche Kräfte nahezu unmöglich ist, überhaupt in die Gegend vorzudringen. Die »Tretminendichte« in Neukölln sei die höchste von ganz Deutschland, konstatiert der Autor; gerade das Gebiet zwischen Hermannstraße und Flughafen Tempelhof sei zur buchstäblichen »No-Go-Area« geworden. Lediglich die Erfindung einer »Schlorkmaschine«, mit der die Haufen gezielt aufgesaugt werden können, schlügen Schneisen in das Grauen und verhinderten, den wohl anrüchigsten Kiez Deutschlands in letzter Sekunde vor der Vernichtung und dem Vergessen zu bewahren.

»Neulich in Neukölln« ist eine spröde Liebeserklärung an den Bezirk, der mit Rütli-Schule, Ehrenmorden, Hundekot und Unterschicht verknüpft ist. Es sind mit Biss und anarchischem Humor gefertigte Momentaufnahmen vom Alltagswahnsinn einer deutschen Innenstadt.

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Kategorie: Kolumnen
Verlag: Ullstein Berlin

Das Einstein-Projekt

Als Professor Marini auf unerklärliche Weise ums Leben kommt, gerät Mathematikdozentin Elisa Robledo, eine Mischung aus Albert Einstein und Marilyn Monroe, in Panik. Elisa, die eine Aura umgibt, die ihre Umwelt »Elisa-Mysterium« nennt, kannte Marini gut. Beide eint ein Geheimnis, das zehn Jahre zurück liegt.

Seinerzeit musste sie mit einem Team von Spitzenwissenschaftlern verschiedener Disziplinen ein Projekt der höchsten Geheimhaltungsstufe beenden, und nun regt sich ein düsterer Schatten der Vergangenheit. Wie Marini wird ein Teilnehmer des Geheimprojekts nach dem anderen auf grauenhafte Art und Weise ausgelöscht. Elisa ergreift die Flucht und bittet als einzigen Vertrauten ihren Kollegen und Freund Viktor um Hilfe. Die überlebenden Wissenschaftler spüren, dass die Vergangenheit auch sie einzuholen versucht. In panischer Angst versuchen sie, ihre seinerzeit jäh unterbrochenen Experimente wieder aufzunehmen und zum Abschluss zu bringen, um eine Erklärung für die rätselhaften Morde zu finden. Dazu kehren sie zum Ausgangsort ihrer Forschung auf einem militärisch abgesicherten Atoll im Indischen Ozean zurück, um einen Wettlauf mit der Zeit zu beginnen.

Der Thriller des auf Kuba geborenen und heute in Spanien lebenden Autors basiert auf dem physikalischen Phänomen der Zeit. Somoza hat einen Wissenschaftskrimi geschrieben, er setzt sich mit der für Laien kaum fassbaren String-Theorie auseinander und macht sie zur Basis seines Romans. Danach gibt es weit mehr Dimensionen als die vier, die uns bislang bekannt sind.

Bei der String-Theorie geht es um eine Verbindung zwischen der Relativitäts- und der Quantentheorie. Einsteins Relativitätstheorie trifft auf fast alle Situationen zu außer auf die Welt der Atome. Für diese greift die Quantentheorie, und beide gelten als die vollkommensten geistigen Schöpfungen, die der Mensch bisher hervorgebracht hat. Mit diesen beiden Theorien lässt sich nämlich fast die gesamte Wirklichkeit erklären. Das Problem ist nur, dass wir dafür beide benötigen, denn was auf der einen Ebene gilt, stimmt nämlich nicht auf der Ebene der anderen und umgekehrt.

Strings, auch Superstrings genannt, stehen für eine hoch komplexe mathematische Theorie. Danach sind die Elementarteilchen, aus denen das Universum besteht, also Elektronen, Protonen und die kleineren Teilchen, aus denen sie wiederum zusammen gesetzt sind, keine Kügelchen, wie bisher angenommen, sondern lange Schnüre, eben Strings. Könnten diese Schnüre geöffnet werden, dann werden dahinter weitaus mehr Dimensionen sichtbar. Da ebenso wie die materielle Welt auch die Zeit aus Strings besteht, ist die Forschung bemüht, mit Hilfe von Teilchenbeschleunigern die Strings zu öffnen.

An diesem Punkt setzt die Story an, denn die Wissenschaftler versuchen, Aufzeichnungen von Zeitstrings zu öffnen und damit eine Zeitreise in die Vergangenheit zu unternehmen. Sie sind fasziniert von den Möglichkeiten eines quasi fotografischen historischen Rückblicks, und militärische Kreise wiederum sind begierig, das Phänomen für eigene Machenschaften zu nutzen. Bei den Experimenten mit der Zeitmaschine kommt es trotz aller Sicherheitsmassnahmen zu einer Verkettung von unbezähmbarem Ehrgeiz einiger Forscher und den Unwägbarkeiten physikalischer Prozesse. So entspringt das Grauen einem der Zeitstrings und wird auf ungeheuerliche Weise real.

Somozas Krimi ist wie alle seine Werke bizarr und eigenwillig. Es gelingt dem Autor, die Spannung feingliedrig aufzubauen und diese bis zum Schluss des 560 Seiten starken Buches durchzuhalten. Nach seinem hoch dekorierten Krimi »Clara«, einem Werk um »hyperdramatische Kunst«, bei der Menschen als Leinwände benutzt, gestaltet, ausgestellt und verkauft werden, »Das Rätsel des Philosophen«, »Die Elfenbeinschatulle« sowie »Die dreizehnte Dame«, einem surreal, stockfinster und dabei extrem blutrünstigen Werk um »mentale Fürze« handelt es sich beim »Einstein-Projekt« um das fünfte in deutscher Sprache erscheinende Buch des Spaniers. Es ist zwar nicht sein stärkstes, doch wer spanische Autoren mag und sich gern auf Reisen ins Ungewisse einlässt, der wird von Somoza auch mit diesem Opus raffiniert und zuverlässig bedient.


Kategorie: Thriller
Verlag: Ullstein Berlin

Harte Männer tanzen nicht

Der Schriftsteller Tim Madden ist allein. Vor 24 Tagen hat ihn seine Frau Patty Lareine verlassen und nun ertränkt er seine Depressionen in Bourbon, was ihm in dem kleinen neuenglischen Kaff Provincetown nicht schwer fällt. Die Arbeit an dem geplanten Buch „In unserer Wildnis — Studien unter geistig Gesunden“ geht nicht so recht voran und so trifft es sich gut, dass er an diesem Abend in der Bar, in der er Stammgast ist, ein Pärchen kennen lernt, die Blondine Jessica und ihren Begleiter Lonnie.

Danach setzt Maddens Erinnerung aus, denn der Alkohol fließt in Strömen. Als er am nächsten Morgen erwacht, hat er eine neue Tätowierung am Arm, seine Kleidung und sein Wagen sind voller Blut und in seiner Erinnerung tauchen bruchstückhaft Bilder auf, Flashbacks, denen er aber nicht trauen kann, da er nicht sicher ist ob sie real oder seiner Phatasie entsprungen sind. Nach einem (unfreiwilligen) Gespräch mit dem Polizeichef will er sein Marihuana-Versteck überprüfen und findet dort einen abgetrennten Frauenkopf…

Norman Mailer ist einer der großen amerikanischen Schriftsteller, er schert sich einen Dreck um das, was man heute „political correctness“ nennt; seine Sprache ist ungeheuer kraftvoll, bisweilen derb und damit erschafft er prächtige Bilder und Figuren. All diese Fähigkeiten beweist er auch in „Harte Männer tanzen nicht“, eine Geschichte einer außergewöhnlichen Vater-Sohn-Beziehung und zugleich eine schonungslose Darstellung des verlogenen amerikanischen Kleinstadtmilieus, unter dessen Oberfläche Drogen, Hass, Sex und Gewalt lauern. Abgesehen davon liefert der Autor auch noch einen veritablen Thriller um brutale Morde und verschwundene Leichen. „Harte Männer tanzen nicht“ wurde auch durchaus gelungen verfilmt, die Regie führte Mailer selbst.

Zum Abschluss möchte ich euch nicht vorenthalten, woher der Titel des Romans stammt, es ist eine Episode, die Maddens Vater seinem Sohn erzählt: Der Mafia-Boss Frank Costello saß einmal mit seiner Freundin Gloria und einigen seiner Jungs in einem Nachtclub. Die Band spielt und Frank fordert seine Begleiter nacheinander auf, mit Gloria zu tanzen. Zuerst zieren sie sich, es ist schließlich die Freundin vom Chef, aber dann verlieren sie die Scheu und finden auch Gefallen daran. Einer von ihnen ist besonders mutig und fragt den Boss auf Glorias Bitte hin, ob er nicht auch eine flotte Sohle aufs Parkett legen wolle. Costello sieht ihn nur an, schüttelt langsam den Kopf und antwortet: „Harte Männer tanzen nicht.“

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Kategorie: Thriller
Verlag: Ullstein Berlin

1975 Im Jahr der Weiber

Sommer 1975. Vier Freunde: Appaz, Kerschkamp, Lepcke und Ratte sind sozusagen im Kollektiv durch das Abitur gefallen. Ungeachtet dieser Niederlage, an der ihrer Meinung nach ohnehin nur die Pauker und das System Schuld sind, beschließen sie, ihre lange geplante Frankreichreise anzutreten.

Zu diesem Zweck wird ein Kleinbus besorgt, ein rotweißer VW-Bus Baujahr 1964. Ausgerüstet mit Unmengen von Lebensmitteln und Getränken jeder Art beginnen die Vier, mit einem weiteren Freund, dem Ami, ihre Reise, die Heavy Tour 75. Kurz hinter Saarbrücken an der Grenze nach Frankreich gibt es den ersten Ärger, als Zoll und Polizei große Beute wittern, da fünf wild aussehende langhaarige Jungs die Grenze überqueren wollen. Nach einem kurzen Aufenthalt liegt Frankreich vor ihnen und es beginnt eine mehrwöchige Reise durch das Land. Sie lernen das Land kennen und Leute, die genau so wie sie auf der Reise sind, sie zelten an den Stränden des Meeres und sie sind Gäste bei Aussteigern und in Wohngemeinschaften.

»1975 Im Jahr der Weiber« ist eine wundervolle Geschichte voller Lebensfreude und gleichzeitig eine sympathische Erinnerung an eine unbeschwerte Jugend. An eine Zeit, in der die Feindbilder klar waren, an eine Zeit, die voll war mit Love, Peace und Rock n\’Roll. Beim Lesen spürt man den Sommerwind auf der Haut, schmeckt den Wein und hört das Knistern der Joints.

Dieses Buch ist eine große Freude.


Kategorie: Erinnerungen
Verlag: Ullstein Berlin

Maria, ihm schmeckt´s nicht

Italien ist spätestens seit Goethes »Italienische Reise« in Deutschland nicht nur literarisch ein Dauerbrenner. Nichts ist verkaufsfördernder in unseren Gefilden, als ein wenig »Italianitá«. Wer bestellt schon gerne »Kalbsrouladen«, wenn »Involtini di manzo« im Angebot sind. Und wehe dem Gastwirt, der ein Rehgoulasch als das bezeichnet was es ist, Goulasch eben, und nicht mindestens ein »Sugo vom Reh« daraus macht. Auch ein Neuwagen aus Wolfsburg, München, Ingolstadt oder sonst woher, verkauft sich einfach besser, wenn er vor der Kulisse von Amalfi fotografiert wurde statt vor einem Sonnenuntergang in der Lüneburger Heide.

Aber gerade weil das so ist, geht man natürlich erst einmal ein wenig auf Distanz, wird einem ein Buch angeboten, dass so viel italienischen »Lifestile« schon im Titel führt: »Maria« lautet unweigerlich das erste Wort. Dabei geht es nicht nur um italienische Frauen, sondern gleich um eine ganze Sippe. Vor dem geistigen Auge der Leserin und des Lesers spielen sich Szenen von rauschenden italienischen Festen ab, von wahren Pasta-Orgien, singenden Gondoliere und viel Herzschmerz, Vino, Urlaub, Robert de Niro, Al Pacino …

Um eines vorweg zu nehmen: Die Skepsis ist ganz und gar ungerechtfertigt. Die Geschichten in diesem Buch werden uns vom Autor in der Ich-Form erzählt. So sehr dieses Buch auch ein Roman ist, uns also in Geschichten entführt, die sich zumindest nicht eins zu eins so ereignet haben, so sehr spürt man doch beim Lesen das, was Jan Weiler in seinem Vorwort schreibt: »Es ist ein Roman über die Wirklichkeit (…)«.

Das Buch beginnt (wie sonst sollte ein Deutscher Aufnahme in eine italienische Sippe finden) vor der Tür des potentiellen Schwiegervaters seiner Angebeteten. Mit Blumen bewaffnet und bar jeder Vorstellung von dem, was ihn auf den folgenden über 260 Seiten erwartet, klopft er an die Tür eines Reihenhauses am Niederrhein. Der Papa jener Familie, in die er einzuheiraten gedenkt, gehört zur ersten »Gastarbeiter«-Generation, wie die Hunderttausende von Menschen, die Anfang der 60er Jahre in die Bundesrepublik zur (Hilfs-)Arbeit angeworben wurden, so merkwürdig verharmlosend-ablehnend genannt wurden. Im Moment, in dem unser »Held« die Schwelle des Hauses der Familie Marcipane überschritten hat, ändert sich viel für ihn. Er durchlebt auf den folgenden Seiten nicht mehr und nicht weniger als eine Transformation vom »Fremden« zum »Schwiegersohn«, oder wie sein Schwiegervater Antonio (wie sollte er auch sonst heißen!) ausruft: »Meine Sohn, ich habe eine Sohn! Wirste du sehen, du haste einhe neue Vater. Dasse muss gefeierte werde. Ursula, habbe wir Spumante?«

Klar, dass nach der Hochzeit die nicht kleine Zahl von Verwandten in Süditalien besucht werden muss. Und hier vollzieht sich dann vollends die Eingemeindung des deutschen Schwiegersohnes in eine ihm fremde Kultur. Diese Kultur lernt er ebenso schnell lieben, wie er einzelne aber unverzichtbare Teile davon fürchtet. Vor allem, wenn ihm die Fürsorglichkeit der italienischen Mama in Bezug auf ausreichende Ernährung zuteil wird:
»Möchtest du noch von dem Schinken?«
»Nein danke. Ich bin satt.«
»Es schmeckt dir nicht.«
»Doch, doch, es war toll, aber ich kann nicht mehr. Wirklich.«
»Maria, ihm schmeckt´s nicht.«
»Doch, doch, es schmeckt vorzüglich.«
»Na, danniss doch noch was.«
«Gut, ich, äh, esse vielleicht noch etwas Käse.«
»Na also. Und eine bistecca?«
»Um Himmels willen, nein danke. Ich kann nicht mehr.«
»schmeckt´s nicht?« (…)

So realitätstauglich dieser Dialog ist, so schön diese nicht wenigen witzigen Erlebnisse auch erzählt werden, so wenig lässt es Jan Weiler damit bewenden. Sein Buch handelt nicht nur von den für helles Auflachen und Schenkelklopfen geeigneten Momenten des italienisch-deutschen Verhältnisses. In einem Kapitel reist der »liebe Jung« mit seinem Schwiegerpapa Antonio allein nach Italia. Dort erzählt ihm Antonio die Geschichte seines Lebens, von den Bubenstreichen in Campobasso, der Fremdheit als Sproß eines zugereisten Sizilianers, seiner Sehnsucht nach Amerika, die ihn allerdings statt nach New York lediglich bis an den Niederrhein führte. Und dieses Kapitel ist es, das aus der Sammlung schöner, lustiger, herzlicher und teilweise skurriler Geschichten ein Buch macht, das mehr ist, als die flott geschriebene Befriedigung deutscher Sicht auf italienische Marotten oder sentimentaler italienischer Selbstbeschreibung des Lebens in der Emigration.

Jan Weiler war von 2000 — 2005 Chefredakteur des Magazins der »Süddeutschen Zeitung«. Seine Frau ist tatsächlich Italienerin. Mit ihr und zwei Kindern lebt er heute als freier Schriftsteller in der Nähe von München, der sicherlich italienischsten Stadt Deutschlands. Ob sein Schwiegerpapa Antonio heißt, wissen wir nicht — das ist aber auch nicht so wichtig. Dieses Buch ist eine Wohltat in jeder Beziehung. Zunächst einmal ist dies ganz körperlich gemeint: Die Lektüre ist Intensivtraining für das Zwerchfell. Es sollte nicht im Bett gelesen werden — zumindest dann nicht, wenn der Partner oder die Partnerin schon zu schlafen gedenkt. Sie werden ihn oder sie ständig durch lautes Gewiehere wecken. Zum anderen sind die Geschichten eine sprachliche Wohltat, weil sie flüssig geschrieben aber beileibe nicht banal sind. Und schließich tut das Buch auch deswegen gut, weil es ganz grundsätzlich Lust macht, weiterzulesen.


Kategorie: Humor und Satire
Verlag: Ullstein Berlin

Das Leben und das Schreiben

Was zeichnet einen guten Autor aus? Stephen King, sonst eher dafür bekannt, die Welt auf elegante Weise zugrunde gehen zu lassen, hat ein Buch über das Schreiben geschrieben. Ich habe schon einige Bücher über das Schreiben gelesen, und bei manchen habe ich mich gefragt: »Wenn das alles genau so geht, wie es hier steht. Warum schreibt der Autor dann keine Romane?« — Kann mir jemand das Kochen beibringen, wenn er nur theoretisches Wissen hat? Die Frage stellt sich bei diesem Buch nicht. Dass Stephen King Bücher schreiben kann, wird wohl niemand bestreiten.

Wer nun ein Arbeitsbuch erwartet, das eine Übung an die Nächste reiht, der wird enttäuscht. In diesem Buch erfährt man zum einen, wie Stephen King zum Autor wurde und zum anderen, wie er arbeitet. Das Buch ist wie eine Einladung zum Tee. Stephen King lädt ein. Man kommt und unterhält sich. Irgendwann hört man dann nur noch zu.

Er erzählt über seine Kindheit, wie und wo er aufwuchs. Wir erfahren, wie er mit seinen Kurzgeschichten abgelehnt wurde und wie er es weiter versucht hat. Das Gefühl, wie es war, als er seinen ersten wirklich großen Vertrag bekam, kann man fast nachfühlen. Er erzählt über Drogen, Probleme und dann über seinen fast tödlichen Unfall. Wie auch in seinen Geschichten, schaut er hierbei nicht weg. Man erlebt den Unfall mit seinen Augen. Seine Todesangst wird greifbar, und man kann seinen Ehrgeiz verstehen, sich möglichst schnell zu erholen. Dieser Teil des Buches liest sich wie ein Tagebuch, dass nie dazu geschrieben wurde, um je von anderen gelesen zu werden.

Im zweiten Teil lernen wir, wie »Der King« schreibt. Er plant seine Geschichten nicht, sondern fängt mit einer Idee an und schreibt los, ja wird so zum ersten Leser seiner Geschichten. Natürlich schreibt auch er nicht druckreif, also gibt es auch ein Kapitel, wo wir ein Beispiel seines ersten Entwurfs und seiner Änderungen dazu sehen.

Kein Sachbuch ist ohne Literaturhinweise am Ende und so macht auch dieses keine Ausnahme. Zusammengefasst das für mich beste Buch von Stephen King, dass ich bisher gelesen habe. Auch von den Büchern über das Schreiben, zählt dieses zu den nützlicheren. Denn besser als jede theoretische Anleitung, ist ein Praktikum, bei einem der es kann.


Kategorie: Kunst, Musik und Literatur
Verlag: Ullstein Berlin

Maria, ihm schmeckt´s nicht

Jan Weiler erzählt humorvoll aus der Ich-Perspektive was passiert, wenn man als Deutscher in eine deutsch-italienische Familie einheiratet. Mittelpunkt dieser Familie ist der Vater der Braut, Antonio Marcipane. Nach anfänglicher Skepsis als Schwiegersohn akzeptiert, wird der Protagonist von Antonio in die italienische Sicht der Dinge und seine Art zu leben eingeweiht. Die Fürsorge geht so weit, dass Nachts kontrolliert wird, ob denn auch die Fenster im Zimmer der Jungvermählten geschlossen sind.

Antonio Marcipane ist als Gastarbeiter vor vielen Jahren nach Deutschland gekommen, aber ein Großteil der Familie Marcipane lebt noch in Italien. Die dortigen Besuche sind Reisen in eine fremde Welt voller seltsamer aber liebevoller Gewohnheiten und Unmengen an italienischen Spezialitäten. Ganz nebenbei wird gleichzeitig die Lebensgeschichte von Antonio Maripane erzählt sowie von seinen Schwierigkeiten, im Wirtschaftswunder-Deutschland als Ausländer mit einer Deutschen eine Familie zu gründen. Ein Buch, welches einen liebevollen Einblick in italienische Gewohnheiten vermittelt und gleichzeitig ohne erhobenen Zeigefinger einen Appell für ein friedliches Zusammenleben ohne Vorurteile darstellt. Ideal für den nächsten Urlaub in der Toskana oder an der Adria.


Kategorie: Humor und Satire
Verlag: Ullstein Berlin

Fußballdeutsch

Beim Stichwort »Fußballdeutsch« denken Freunde gepflegter Sprache an begriffliche Blutgrätschen deutscher Kommentatoren, an Eindeutschungen aus dem Sturmtank, an Sprechblasen an der Kotzgrenze sowie an schillernde Stilblüten in Form einer Weizenbierdusche. Dass es noch schlimmer geht, beweist Ulf Geyersbach mit seiner Zusammenstellung von Sprechblasen der Kicker, Phrasen der Journalisten, und Worthülsen der Vereinsmeier und Politiker. Aus den lieblichsten Sprachverzierungen stellte er das Wörterbuch neudeutscher Fußballhöhen und -tiefen zusammen. Freunde intelligenter Sprachkritik sowie neugierige Sportfreunde werden gleichermaßen neugierig wie fassungslos reagieren.


Kategorie: Sprache
Verlag: Ullstein Berlin

Im Namen des Vaters

Zwei Schwestern aus einer sehr strengen baptistischen Glaubensgemeinschaft machen Urlaub in Griechenland. Dabei wird eines der Mädchen von einem jungen Mann geschwängert, der sie am Tag darauf verlässt. Als die Glaubensgemeinschaft von der Schwangerschaft erfährt, wird das Mädchen als unehrenhaft verstoßen und muss sofort seine Familie verlassen.

Elf Jahre später macht sich ihre Schwester auf, sie ausfindig zu machen und folgt ihren Spuren. Sie stößt auf ein Verbrechen, das mehr als ein Jahrzehnt ungeklärt ist und trifft auf ein Kirchenmilieu, dessen erklärte Frömmigkeit oft nur Schein ist.

Der spannende Krimi vor dem Hintergrund mächtiger Kathedralen und verkrusteter Verhältnisse nimmt den Leser bald gefangen und überrascht durch geschickte Handlungsführung und äußerst differenzierte wie einfühlsame Zeichnung der Akteure.


Kategorie: Kriminalliteratur
Verlag: Ullstein Berlin