Das Floß der Medusa

franzobel-1Mich fragt ja niemand

«Der Mensch ist zu allem fähig», so das nicht gerade verblüffende Fazit von Franzobels neuem Roman «Das Floß der Medusa». Franz Stefan Griebl, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, hat damit ein Kabinettstück geschaffen innerhalb seines breit gefächerten literarischen Œuvres, er thematisiert eine seit zweihundert Jahren weitgehend ignorierte Schiffskatastrophe, die in ihrer verstörenden Ungeheuerlichkeit ihresgleichen sucht. Der österreichische Autor hat die als Handlungsgerüst dienenden historischen Fakten fiktional sehr originell ergänzt und dabei allzu Splatterhaftes geschickt vermieden, seine nautische Geschichte hat mich streckenweise eher an «Der Seewolf» und Ähnliches erinnert, nicht an Horror. Es ist sein überbordendes Erzähltalent, das den dafür empfänglichen Leser derart in Bann zieht, dass er die viehischen und am Ende sogar kannibalischen Szenen als ganz normal empfindet innerhalb der spannenden Geschichte. Spannend deshalb, weil man zwar weiß, wie es ausgeht, aber nicht, wie genau es denn dazu gekommen ist. Und mit seinem Figurenensemble gibt er der Historie ein Gesicht, personifiziert er das unglaubliche Geschehen und schafft damit reichlich Raum für Emotionen.

1816 war die französische Fregatte «Medusa» mit 400 Menschen an Bord auf eine Sandbank gelaufen. Das Schiff musste aufgegeben werden, die vorhandenen Rettungsboote reichten nicht aus für alle Passagiere und die Mannschaft, 147 Menschen konnten sich nur auf ein aus Holzteilen der Fregatte gebautes Floß retten, das aber wegen der Meeresströmung nicht wie geplant in Schlepp genommen werden konnte, man überließ es schließlich kurzerhand seinem Schicksal. Nur 15 Schiffbrüchige hatten überlebt, als das manövrierunfähige Floß nach 13 Tagen gefunden wurde, und von denen starben bald darauf dann noch mal fünf.

Mit viel Recherchearbeit hat der Autor das tragische Geschehen detailliert und plausibel beschrieben, es dramaturgisch überformt und seinen oft grotesken Figuren Leben eingehaucht, wobei er ebenso kreativ wie nonchalant Anleihen beim Film nimmt und einzelne seiner Charaktere mit Schauspielern wie Alain Delon oder Lino Ventura typisiert. Oft hat er für mein Empfinden allerdings zu dick aufgetragen, denn bis auf einige Wenige ist sein Personal weder physisch noch psychisch als Sympathieträger angelegt. Es sind zumeist rohe, gemeine, gefühllose, rabiate Mannsbilder, die auch körperlich abstoßend wirken, die hässlich sind mit allerlei Handicaps. Was übrigens auch für die wenigen Frauen an Bord gilt, denn selbst die wunderschöne Tochter des Gouverneurs ist durch ein großes Feuermal im Gesicht abstoßend entstellt.

Franzobel entlarvt mit viel Gespür für das Skurrile lächerliche Hierarchien, barbarische Rituale der christlichen Seefahrt, rücksichtslose politische Ränkespiele, groteskes Unvermögen, er weist auf menschliches Elend hin, vor allem aber auf den rasanten moralischen Verfall in existentiellen Ausnahmesituationen. In seiner monströsen Geschichte erzählt er, wie seine Schiffbrüchigen den eigenen Urin trinken, gierig das Fleisch der täglich neu anfallenden Leichen verschlingen, ohne Skrupel Schwache und Verletzte umbringen, die kaum eine Überlebenschance haben, um dadurch selbst mit den wenigen Vorräten noch so lange leben zu können, bis womöglich Rettung kommt. All das ist temporeich erzählt, mit ständigen Perspektivwechseln, direkter und erlebter Rede, kursiv gesetzten Bewusstseinsströmen, Geisterreden und kassandrahaft mystischem Raunen der Fregatte selbst. «Nichts für frankophile, Rotwein trinkende, Käse degustierende Modefuzzis» schreibt Franzobel im einleitenden Kapitel über seine potentiellen Leser. Zugegeben, ich hätte den Roman seiner Thematik wegen bestimmt nicht gelesen, wäre er nicht unter den Buchpreis-Finalisten, die ich mir nun mal vorgenommen hatte, alle zu lesen. Und siehe da, jetzt nach der Lektüre dieser sechs Romane würde ich Franzobel den Preis zuerkennen und nicht Robert Menasse, – aber mich fragt ja niemand!

Fazit: erfreulich

Meine Website: http://ortaia.de


Kategorie: Roman
Verlag: Zsolnay Wien

Geopfert

Gus Dury ist ein ehemaliger Reporter und aktueller Trinker und erklärt sich wider besseres Wissens bereit, die Ermordung des Sohnes eines Freundes aufzuklären. Dazu säuft und prügelt er sich quer durch Edinburgh und macht weder vor russischen Menschenhändlern noch vor korrupten Regierungsmitgliedern halt, denn er hat eine Mission zu erfüllen und aufgeben steht nicht auf seiner Agenda…

„Geopfert“ ist (trotz des wieder mal selten dämlichen deutschen Titels) ein herrlich erfrischendes Buch mit einem echten hard boiled Helden, der irgendwie aus der Zeit gefallen ist und sich nicht anfreunden und abfinden mag mit der schönen neuen schottischen Metropole, hinter deren glänzender Fassade jede Menge Dreck verborgen ist. Verdorbene Politiker, skrupellose neureiche Gangster und natürlich eine mysteriöse femme fatale; dieser Roman enthält alles, was das Herz begehrt.

Tony Blacks Schreibe ist frech, realistisch, machomäßig und erinnert an Mailer oder Hemingway, scottish noir at it’s best. In UK sind bereits drei weitere Bücher der Gus-Dury-Reihe erschienen, und ja, ich werde sie alle lesen, der Autor hat das mehr als verdient.


Kategorie: Kriminalromane
Verlag: Zsolnay Wien

Kollateralschaden

Der Einband ist vom optischen Erscheinungsbild nicht so mein Favorit. Ein undefinierbares eigentlich-nicht-Orange. Ich glaube, man hatte Angst mit einer österr. Partei in Verbindung gebracht zu werden und so ziert ein vielleicht kräftiges Pfirsichfarben das 3cm dicke Buch. Hardcover, weil relativ frisch herausgekommen. Die Einbandgestaltung von einer Werbeagentur vorgenommen, wird brav im Umschlag erwähnt, ist aber eher Marke “das hätte ich selbst nicht viel schlechter hingekriegt” und zeigt von Selbstbewusstsein.
Da gab der Titel “Kollateralschaden” schon mehr her, denn er machte mich sehr neugierig. Kurz hineingeblättert, das macht man so bei Büchern, um andere zu beeindrucken. Ebenso wie man bei einem frisch eingeschenkten Weinglas die Nase tief ins Glas hängen soll, bevor man den ganzen Inhalt auf Gedeih und Verderb mit “hopp und ex” kippt.

Ich mag Bücher, wo viele Leute vorkommen eigentlich nicht. Es soll klein, amikal und persönlich bleiben, selbst auf bedruckten Seiten. In diesem Buch ist es ganz anders. Ob ich es dann gewählt hätte, wenn ich es vorher wüsste was da auf mich zukommt?
Das sind Fragen, die auch in diesem Werk vorkommen. Nicht was wäre, wenn die Ente, das Buch zur Seite gelegt hätte. Aber zum Beispiel, was gewesen wäre, wenn D. nicht die Autoschlüssel am Fahrersitz liegend eingeschlossen gesehen hätte, sondern auf der Suche nach dem Bein eines vermeintlich auf der Autobahn erlegten Hirsch-Reh-oder vielleicht doch braunpelzigen Menschen, irgendwo am Abhang verloren geglaubt und stundenlang gesucht hätte, obwohl sie doch gut verschlossen im nicht zugänglichen Auto lagen. Was für ein Glück, dass sie wohlbehütet am Fahrersitz liegen und man dadurch wenig erschöpft, trotz herangeeilter nichts ausrichtender Hilfe, die rechte hintere Fensterscheibe einschlagen kann.
Was alles in 60 Minuten passieren kann und zwar zwischen 16.30 und 17.30 Uhr an einem stinknormalen Tag. In einem Supermarkt, wo man gedankenverloren statt zur Margarine zum Butterschmalz greift und dabei über sich, den nächsten und die Welt nachdenkt. Der Lehrling, der sich aus finanziellen Gründen keine Markensportschuhe kaufen kann und sie schlussendlich einem ko geschlagenen Regalsurfer abziehen konnte und unbemerkt davongeht. Was genau der Sportschuhträger im Supermarkt machen wollte und den Freund anhielt dies zu filmen, kann ich nur vermuten. So etwas ist mir in der Art noch nie untergekommen, aber ehrlich gesagt, ich wollte schon des öfteren einmal zum Weihnachtsabverkauf gestapelte Keksberge zusammenstürzen sehen, indem man ganz unauffällig dem mit System gestapelten Berg einen Tritt versetzt und er in sich stürzt. Sind wirklich auch in der Mitte Keksschachteln, oder ist es da hohl und sieht nur nach mehr aus?
Oder H! Wird er sterben, weil er unglücklich auf ein Regal fiel, während einer Überfall schrie und ihn zur Seite schubste, obwohl er eigentlich nur Geschenkpapier kaufen wollte, das er vorher beim Plaudern in der Trafik vergaß zu kaufen. Geschenkpapier für ein Geschenk, das noch nicht ausgesucht wurde, weil H. eigentlich nicht weiß, in welchem Zustand er seine Frau aus der Privatklinik abholen wird. Es ist ein Eingriff, der für viele Frauen normal ist, die Gebärmutter wird entfernt, vielleicht Krebsverdacht, das wird die Untersuchung in der Pathologie zeigen. Aber H. malt sich aus, was wäre wenn, und seine Frau nicht mehr lange am Leben sein wird, oder er bekommt sie als Pflegefall nach Hause? Wie sieht das mit der Bedienerin aus, wird sie bleiben, wo kann man eine neue finden, die doch nur unter der Hand weitergereicht wird und überhaupt wie sieht das mit den staatlichen finanziellen Zuwendungen aus? Sicherheitshalber aber Geschenkpapier kaufen, man will doch nicht den Teufel an die Wand malen. Was er nicht weiß, seine Frau hat unter der Hand mit dem Operateur vereinbart, denn sie ist keine normale Patientin, sondern eine privat Zahlende, sie lässt sich ein bisschen von ihrer Fettschürze wegnehmen. Das muss keiner wissen und immerhin passiert das in einem Aufwaschen, as muss schon im Preis drinnen sein. Und dann ist da noch der Klodeckel, der vergessen wurde hinaufzuklappen und zu einer peinlichen Situation herbeiführte, allerdings nicht im Supermarkt, sondern nur in der Erinnerung. Alles in einem Mischsupermarkt aus Billa und Merkur, da wo man als sechster an der Kassenschlange wartender Kunde “Kassa bitte” rufen darf und dann zu langsam ist, um die neu eröffnete Kassa zu stürmen. Noch nie passiert – doch, kann doch nicht sein.
Und der Inhalt, die Geschichte dieses Buches? Gibt es keine, es ist ganz normaler Alltagswahnsinn, sehr inhaltsstark und amüsant! Man findet sich immer wieder, sogar in den vielen Mitwirkenden und sieht sie förmlich geistesabwesend ihre Einkaufswagen schieben.
Kategorie empfehlenswert!

Was mir nicht gefiel: Die Wortwahl “albern” und “Feierabend” gehören in kein österr. Werk, da bin ich hart und unbeugsam.


Kategorie: Romane
Verlag: Zsolnay Wien

Die italienischen Schuhe

Fredrik Welin, ein ehemaliger Arzt, hat sich vor vielen Jahren nach einem medizinischen Kunstfehler auf seine Schären-Insel zurückgezogen. Bei einer notwendigen Operation hatte er einer jungen Patientin den falschen Arm amputiert! Hier in der Einsamkeit teilt er sein Leben mit Hund und Katze und hat nur noch selten Kontakt mit der Außenwelt. Es scheint, dass er kein Interesse mehr am Leben hat. Das ändert sich schlagartig, als an einem eisigen Wintertag plötzlich seine Jugendliebe Harriet, die er vor vielen Jahren ohne Angabe von Gründen verlassen hat, scheinbar aus dem frostigen Nichts auf seiner Insel auftaucht.

Harriet, die schwer an Krebs erkrankt ist, bittet ihn um einen letzten Gefallen. Gemeinsam mit Fredrik möchte sie einen verwunschenen Waldteich aufsuchen, jenen Ort, von dem er ihr vor fast vierzig Jahren erzählt hatte. Nach anfänglicher Empörung über diese Ruhestörung und die Erinnerung an sein schändliches Verhalten in der Vergangenheit willigt er in den Plan ein und sie beginnen ihre gemeinsame Reise in den Norden des Landes. Dort erfährt er von Harriet, dass er eine Tochter hat. Louise, ihre gemeinsame Tochter, wohnt tief versteckt in den Wäldern Nordschwedens. Hier lernt er auch Freunde und Bekannte seiner Tochter kennen, unter anderem einen alten italienischen Schuhmachermeister, der vor dem lauten Leben der Städte Italiens in die Einsamkeit und Ruhe der Wälder geflohen war. Diese Reise in den Norden verändert Fredrik so sehr, dass er bereit ist, sein Leben zu überdenken und zu ändern.

H. Mankell hat ein interessantes Buch über das Älterwerden, die Einsamkeit und die verlorenen Momente des Lebens geschrieben und das in einer Anschaulichkeit, dass man bei der Lektüre zum Nachdenken über das eigene Leben angeregt wird.


Kategorie: Romane
Verlag: Zsolnay München

Brandmauer

Spannend gestrickter Krimi um eine fanatische Organisation, die computergesteuert die Weltbank lahm legen und damit eine weltweite Wirtschaftskrise auslösen will. Kommissar Wallander ist auch diesmal mit ungeheurer Intuition und viel Glück gesegnet. Kaum glaublich, wie kompetent eine relativ schlecht ausgestattete Polizeieinheit in der schwedischen Provinz agiert. Extrem komplizierte und verschachtelte Fälle werden mit endloser Hingabe und selbstlosem Einsatz gelöst.

Auch in diesem Buch zieht Mankell eine gehörige Portion Sozialkritik wie einen unwilligen Hund am Halsband in das Geschehen. Kein Werk ohne die scheinbar unumgänglichen Reflexionen zu Überfremdung, Wertverlust und die hungernden Kinder in Afrika. Hier klebt ein Autor in seiner eigenen Biografie und beschwert sein Werk in unnötiger Weise.


Kategorie: Kriminalliteratur
Verlag: Zsolnay München