Die Lieben meiner Mutter

schneider-1Psychogramm einer Egomanin

Bekannt geworden ist Peter Schneider als Chronist des revolutionären Umbruchs von 1968, der mit seiner Erzählung «Lenz» 1973 ein zum Kultbuch gewordenes Zeugnis von dessen Scheitern geschrieben hat. Zeit seines Lebens hatte dieser Schriftsteller Briefe seiner Mutter aufbewahrt, ein Schatz, den er nun gehoben hat und der Anlass war für sein 2013 erschienenes Buch «Die Lieben meiner Mutter». Die im Klappentext werbewirksam verheißene Pikanterie einer Ménage-à-trois weist allerdings in die falsche Richtung. Gegenstand dieser Erzählung ist vielmehr die tragische Liebessehnsucht einer leidgeprüften jungen Frau mit vier Kindern in den Wirren des Kriegsendes und der frühen Nachkriegszeit, die in einem zweiten Handlungsstrang das Erinnern des Autors an seine Kindheit bis zum frühen Tod der Mutter im Jahre 1950 thematisiert.

Die in Sütterlin geschriebenen Briefe konnte Schneider selbst kaum entziffern, erst zusammen mit einer schriftkundigen Freundin hat er die Bedeutung und Tragweite dieses Konvoluts erkannt und die Texte mit ihrer Hilfe schließlich in Lateinschrift transkribiert. Völlig unerwartet stößt er dabei auf eine Dreiecksgeschichte, die Mutter hatte offen ausgelebte Beziehungen zu anderen Männern, wobei das Verhältnis zu Andreas, einem egozentrischen Opernregisseur und Freund ihres Mannes, am längsten andauerte, sie seelisch dann auch am tiefsten verletzt hat. Heinrich, ihr meist in der Ferne weilender Ehemann, ein erfolgreicher Komponist und Dirigent, ist offensichtlich eingeweiht, lebt aber ganz in den höheren Sphären seiner Musik, von Eifersucht ist nicht mal ansatzweise etwas zu entnehmen aus den wiederentdeckten Briefwechseln. In der Sammlung von Schriftstücken sind außer Briefen des Vaters auch solche der Liebhaber enthalten. Wobei die Briefe der Mutter oft wohl nur Entwürfe waren, wo Briefumschläge fehlen, die vermutlich also nie abgeschickt wurden, tagebuchartig gleichwohl ihre Sehnsüchte und Alltagsprobleme offenbaren.

Auf der packend geschilderten Flucht vor der Roten Armee ist die Mutter mit ihren vier Kindern nach unsäglichen Mühen schließlich in bayerischen Grainau gelandet. Sie ist auf sich allein gestellt in den Nöten der Nachkriegszeit, schlägt sich mit Näharbeiten durch. Der Autor schildert in dieser Erzählebene seine Kindheitserlebnisse, wobei ihm die Briefe so manches in die Erinnerung zurückrufen, was er längst vergessen hat nach mehr als sechs Jahrzehnten. Mit den Zitaten aus den Briefen zeichnet er ein Psychogramm seiner Mutter, deren Sehnsucht nach Liebe sich nicht erfüllte, deren Liebesschwüre die Liebhaber eher verschreckt haben. Sie verzweifelt an der Lieblosigkeit der Männer, ihre Gefühle prallen ab an einer undurchdringlichen Hülle, die sie umgibt, die nur beim Tête-à-tête nicht vorhanden zu sein scheint.

Nüchtern im Stil beschreibt der Autor seine Entdeckung einer Unbekannten, die zwar seine Mutter war, beileibe aber keine Heldin, deren ebenso unkonventionelles wie rücksichtsloses Liebesleben, soweit es aus den Briefen zu entnehmen ist, ihn deutlich merkbar irritiert. Er arbeitet bei seinen Zitaten jeweils mit kurzen Auszügen, oft nur mit einzelnen Sätzen, die stilistisch manieriert, nicht selten auch kitschig erscheinen im Vergleich zu seiner eigenen, ungekünstelten Sprache. Beklemmend für mich war die Unbedingtheit, mit der die Mutter als egoistische Geliebte, für die ihre Kinder in diesen Phasen nur noch ein Klotz am Bein sind, dem vermeintlichen Glück hinterher jagt. Den Horizont erweiternd sind die Schilderungen der prekären Lebensumstände damals, nicht gelungen jedoch ist die Verschmelzung der beiden Themenkomplexe, Liebeswirren der Mutter und Kindheit des Sohnes, in einen homogenen Erzählfluss. Gleichwohl ist all das mit Gewinn zu lesen, und wie der Sohn die für ihn vermutlich ziemlich peinlichen Erkenntnisse aus dem emotional aufgeputschten Liebesleben seiner Mutter verarbeitet hat, aus männlicher Perspektive auch noch, das ist durchaus bewundernswert.

Meine Website: http://ortaia.de


Kategorie: Roman
Verlag: btb Verlag

Die Erfindung des Lebens

ortheil-2Schaut her, ich bin’s

Nicht erfunden, hineingefunden hat sich Johannes, Held des Romans «Die Erfindung des Lebens» von Hanns-Josef Ortheil, in das Leben, nach erheblichen Startschwierigkeiten allerdings, von denen dieser dickleibige Roman im Wesentlichen berichtet. Genau das Gegenteil passiert dem Leser, er wird von der ersten Seite an emotional mitgerissen, hat keinerlei Startprobleme, ist zunehmend fasziniert und taucht gerne immer tiefer in die Geschichte hinein, bei mir war es jedenfalls so. Der Protagonist darf als Alter Ego des Autors angesehen werden, allzu deutlich sind die Parallelen beider Viten. Ein mitreißender Entwicklungsroman also, dessen Stationen ebenso einfühlsam wie detailliert geschildert werden, dabei die Psyche der durchweg sympathischen Figuren auslotend bis in die letzten seelischen Tiefen.

Johannes ist ein kleiner Junge im Vorschulalter, der stumm ist wie seine Mutter. Die hat den Tod von vier Söhnen im Krieg und in der frühen Nachkriegszeit psychisch nicht verarbeiten können und ist in die Sprachlosigkeit geflüchtet, hat sich völlig abgekapselt von der Welt. Zum fünften und letzten Sohn aber ist von Anfang an eine so abnorm innige, regelrecht symbiotische Beziehung entstanden, dass er nicht sprechen lernt und ebenfalls stumm ist. Die Überwindung dieser Sprechblockade, der mühsame Weg von Johannes durch die Schule bis zum Abitur, das anschließende Musikstudium in Rom und dessen jäher Abbruch sowie sein zaghafter Neubeginn als Schriftsteller sind Inhalt des Plots. Ortheil beschreibt all diese Stationen in einer sprachlichen Präzision, die ihrerseits allein schon faszinierend ist. Er schildert minutiös die subtilen Beziehungen der kleinen Familie, die rührenden und letztendlich auch erfolgreichen Bemühungen des Vaters bei der Überwindung der Stummheit von Johannes. Wobei die Musik eine entscheidende Rolle spielt, denn mit dem Klavier vom Onkel wird für ihn ein Tor geöffnet, durch das er allmählich Anschluss an die Außenwelt findet, den mit der Mutter gebildeten Kokon der Sprachlosigkeit verlässt.

Der Autor nimmt sich viel Zeit, seine elegische Geschichte zu entwickeln, er erzählt sie aber so mitreißend, dass beim Leser niemals Ungeduld aufkommt. Im Hintergrund sind dabei stets die psychischen Hemmnisse und sozialen Defizite erkennbar, die das Leben des Protagonisten beeinträchtigen. All das wird in einer äußerst kunstvoll verschachtelten, zweisträngig aufgebauten Geschichte beschrieben, in der die Zeiten, Erzählebenen und Perspektiven häufig und wahrhaft virtuos wechseln. Johannes, der Autor also, ist nämlich mehr als dreißig Jahre später nach Rom zurückgekehrt und schreibt nun in dieser ihm vertrauten Umgebung den Roman über seine Jugendzeit. Aber auch nach so großem zeitlichem Abstand hat er immer noch Probleme mit menschlichen Kontakten, ist einfach für manches nicht ansprechbar, die schwierige Jugend wirkt immer noch nach.

Bei aller Freude über die emphatische und erzählerisch hinreißende Geschichte kommt gegen Ende des Romans Missbehagen auf, denn der Held wird zunehmend idealisiert, erlebt glücklichste Fügungen, alles gelingt ihm und alle Welt schaut bewundernd zu ihm auf. Peinlichste Szene ist das einstündige Debütkonzert seiner Klavierschülerin unter freiem Himmel auf einem Platz im Rom, nach dem er anschließend, ungeplant und widerstrebend zunächst, als Lehrer selbst auf die Bühne geholt wird, um dann das Publikum mit Zugaben zu begeistern, geschlagene zwei Stunden lang! Der Herausgeber des renommiertesten deutschen Verlages reißt ihm das unfertige Manuskript seines ersten Buches geradezu aus der Hand. Es gibt Eitles mehr in dieser zwischen Biografie und Fiktion oszillierenden Geschichte, was die Freude an der Lektüre dann doch einigermaßen trübt, weil sie ins Kitschige abgleitet. Das wäre nicht nötig gewesen!

Meine Website: http://ortaia.de


Kategorie: Roman
Verlag: btb Verlag

Die große Liebe

ortheil-1Jenseits vom üblichen Kitsch

Der Begriff Fiktion, und nichts anderes ist ja ein Roman, «work of fiction» eben, wie es im Englischen heißt, bedeutet zwar nicht zwingend, aber letztendlich doch häufig Realitätsferne, so auch bei dieser Geschichte. In Italien, dem Land, wo die Zitronen blühen, wie Goethe dichtete, dem Handlungsort dieser Erzählung also, heißt Roman «romanzo», und mit weiblicher Endung wird «romanza» daraus, was Romanze bedeutet. Damit sind wir dem, um was es geht in diesem Buch, bereits sehr nahe. Im Übrigen hat sich Hanns-Josef Ortheil ja auch getraut, mit «Die große Liebe» einen auffallend deskriptiven Titel für seinen Roman zu wählen, der aber einen nicht gerade unbedeutenden Teil der potentiellen Leserschaft abschrecken dürfte. Bei mir wäre es jedenfalls so, denn das Genre Liebesroman liegt mir gar nicht. Nun war dieses Buch aber als Geschenk in meine Hände gelangt, also habe ich es auch brav gelesen – und war überrascht, angenehm sogar.

Der Plot ist simpel, zwei nicht mehr ganz junge Menschen begegnen sich und spüren, dass sie zueinander gehören. Nicht wie Romeo und Julia sich verzehrend, jauchzend, leidenschaftlich, ohne die übliche Herz-Schmerz-Dramatik also, sondern eher nüchtern und fast emotionslos. Beide sind seltsam kühl und reserviert, in ihren Empfindungen aber sich scheinbar völlig sicher, auch ohne große Worte. «Ich liebe dich» kommt nicht vor bei dem, was sie sich zu sagen haben. Diese wohltuende Abgeklärtheit allein wäre schon überraschend genug bei einem Roman mit solch kitschverdächtigem Titel, die unspektakuläre Selbstverständlichkeit, mit der sich diese harmonische Geschichte unaufhaltsam und nahezu problemlos auf ein positives Ende hin entwickelt, ist nicht minder erstaunlich. Beides zusammen macht den Roman auch für Verächter dieses literarischen Genres goutierbar, wie ich lernen durfte. Es wird damit nämlich eine gewisse Spannung erzeugt, denn die vielfach ja völlig anders vorgeprägte Leseerwartung wird bis zuletzt konterkariert, – und das ist gut so!

Die Geschichte spielt in der Jetztzeit, alles passiert innerhalb weniger Tage. Handlungsort ist die italienische Region Marken, an deren adriatischer Küste ein deutscher Dokumentarfilmer auf die Direktorin eines meeresbiologischen Museums trifft. Der aus München stammende Ich-Erzähler schwelgt in Genüssen, wie sie nur Italien bieten kann, das Ambiente ist jedenfalls stimmig geschildert, und Essen und Trinken spielen dabei unübersehbar die Hauptrolle, Restaurant, Café oder Bar sind häufig Ort der Handlung. Meeresbegeisterte dürften sich sogar über detailverliebte Beschreibungen der örtlichen Flora und Fauna freuen, mir waren diese Passagen etwas zu langatmig. Köstlich hingegen sind die Schilderungen der Einheimischen, ihrer Marotten, Ansichten, Gewohnheiten. Ganz selten ist sogar Humor im Spiel in diesem Roman, wenn der Protagonist sich zum Beispiel mit dem Vater seiner Liebsten über die Frage unterhält, warum die Italiener nicht ins Wasser gehen, und wenn doch, dann nur bis zum Bauch und nur zu musikbegleiteter Wassergymnastik. Gut beobachtet, kann ich als jemand, der seit mehr als zehn Jahren in den Marken lebt, nur bestätigen, und wäre ich dabei gewesen bei diesem launigen Gespräch, hätte ich wohl angemerkt, dass ja nur ganz wenige hier schwimmen können, auch wenn sie direkt am Meer wohnen, selbst die Fischer nicht!

Ortheil, Professor für kreatives Schreiben, hat seine Geschichte sehr distanziert, regelrecht unterkühlt erzählt, wortgewandt zwar und präzise, aber wenig liebevoll. Auch seine Figuren verkörpern nicht gerade das pralle Leben, sie erscheinen dem Leser als sehr rational, äußerst beherrscht, seltsam nüchtern. Und die Story lässt am Ende keine Fragen offen, alles wird gut. Die literarische Wirkung, die auf diese Weise erzeugt wird, ist ziemlich verblüffend, es lohnt sich, als Leser solch eine Erfahrung auch mal zu machen, Fiktion mal ganz anders zu erleben, jenseits vom üblichen Kitsch.

Meine Website: http://ortaia.de


Kategorie: Roman
Verlag: btb Verlag

Der Fall Kurilow

nemirowsky-3Exekution eines Hampelmanns

Vier Jahre nach dem literarischen Durchbruch von Irène Némirowski erschien 1933 ihr Roman «Der Fall Kurilow». Die Handlung ihrer spannenden Geschichte ist im Russland des Jahres 1903 angesiedelt, in der Zeit kurz vor dem Beginn der revolutionären Umwälzungen, die mit dem «Blutsonntag» 1905 einen ersten Höhepunkt erreichten und mit der «Oktoberrevolution» 1917 endeten.

«Auf der menschenleeren Terrasse eine Cafés von Nizza hatten sich, angezogen durch die Glut eines roten Kohleöfchens, zwei Männer niedergelassen» lautet der erste Satz des Romans. Léon M. ist einer der Beiden, der Andere, ein ehemaliger Polizist, spricht ihn als Marcel Legrand an, den er als mutmaßlichen Revolutionär 1903 zeitweilig beschattet hatte, das Ganze ist dreißig Jahre her. Die in einer Art Geheimdienstjargon nur in Andeutungen geführte, kurze Unterhaltung dreht sich um die revolutionären Aktivitäten im zaristischen Russland, dem von beiden Seiten ohne Rücksicht auf Menschenleben geführten Kampf um die Beseitigung des zaristischen Regimes. Damals war der Polizist als Personenschützer für die Sicherheit eines allseits verhassten Ministers namens Kurilow verantwortlich, auf den der Revolutionär Léon M. ein Attentat verüben sollte. Dieser geschickt vorgeschalteten Szene folgt der «eigentliche» Roman, der rückblickend die damaligen Ereignisse aus der Sicht des Attentäters schildert. «Ich habe im Hinblick auf eine eventuelle Biografie mit der Niederschrift dieser Notizen begonnen» erläutert der Ich-Erzähler Leon den Anlass für seinen umfassenden Bericht.

Es gelingt ihm, sich mit falscher Identität als Arzt bei Kurilow einzuschleichen, der lieber von einem ausländischen Hausarzt betreut werden will, weil er die russischen für unfähig hält. In dieser Position kommt Leon dem krebskranken Opfer sehr nahe, fast zu nahe, denn er beginnt den «Pottwal», wie der skrupellose Minister mit Spitznamen genannt wird, trotz seines hassenswerten Charakters und der verübten Missetaten als bemitleidenswerten, armseligen Menschen zu sehen, eine im Privaten geradezu lächerliche Figur. Denn ohne die Insignien der Macht, ohne sein Ministeramt ist er ein Nichts, wie sich zeigt, als er plötzlich sein Amt verliert und nun, völlig haltlos, mit sich selbst nichts mehr anzufangen weiß. Leon beginnt zu zweifeln, ob die von einem revolutionären Komitee geplante Exekution überhaupt noch sinnvoll ist. Als dem Nachfolger des Ministers ein schwerwiegender Fehler unterläuft, kommt der «Pottwal» doch wieder in Amt und Würden. Kurz darauf wird endlich auch Ort und Zeitpunkt des Attentates festgelegt, von den Terroristen ganz gezielt daraufhin geplant, eine größtmögliche öffentliche Wirkung zu erreichen, das verhasste Zarenregime also vor aller Augen möglichst effektiv bloßzustellen.

Die aus der Täterperspektive erzählte Geschichte entlarvt die Hauptakteure des zaristischen Regimes allesamt als «prächtig ausstaffierte Hampelmänner, von denen nichts geblieben ist». Der Roman gewährt dem Leser Einblick in ein ungerechtes und feudales Regime. Man ist als Leser geneigt, sich auf die Seite der Revolutionäre zu schlagen, Verständnis für ihre Ziele zu entwickeln, auch wenn sich später daraus, mit der UDSSR, ein ebenso schlimmes Unrechtsregime etabliert hat. Welches heute wiederum, mit dem «lupenreinen Demokraten» an der Spitze, als politisches System kaum weniger autoritär ist, und an die Stelle des Adels sind jetzt die Oligarchen getreten, es geht heute mitnichten gerechter zu als damals. Durch ihre einfache, geradlinige Erzählweise, mit einfühlsamer Charakterisierung ihrer beiden Hauptfiguren und einem gut durchdachten Plot erzeugt die Autorin einen erzählerischen Sog, der fast an einen Krimi erinnert und bewirkt, dass man den angenehm lesbaren, kurzen Roman nicht mehr aus der Hand legt, auch wenn man von Anfang an weiß, was passieren wird.

Meine Website: http://ortaia.de


Kategorie: Roman
Verlag: btb Verlag

Das Zentrum

saramago-2Heraus aus Platons Höhle

Innerhalb seines umfangreichen Œuvres zählt «Das Zentrum» des Nobelpreisträgers José Saramago zu den besonders stark von Symbolik geprägten Romanen. Nach «Die Stadt der Blinden» und «Alle Namen» ist dies der dritte Roman des Portugiesen, den ich gelesen habe, erschienen im Jahre 2000 und damit aus der selben Schaffensperiode stammend wie die beiden anderen. Kennzeichnend für die Themen dieses Schriftstellers und auch hier die Handlung prägend ist die tiefe Humanität, die seine Geschichte ausstrahlt, seine unbeirrte Zuversicht zudem, in jedem Menschen stecke auch ein guter Kern. Trotz kafkaesk anmutender Szenen in einer menschenfeindlichen Administration gelingt es seinen Figuren, kleine Leute allesamt, sich in diesem Spannungsfeld zu behaupten, eine schützende Nische für sich zu finden und im Übrigen die Hoffnung niemals aufzugeben.

Titelgebend für den Roman ist ein molochartig wachsender Geschäftskomplex, der eine Stadt in der Stadt bildet als riesiges Einkaufszentrum einschließlich Vergnügungspark und Wohnsilo. Der verwitwete, 64jährige Töpfer Cipriano beliefert dieses Zentrum mit Tongeschirr, sein Schwiegersohn arbeitet dort als Wachmann. Mit beißender Ironie schildert Saramago die nur dem Profit verpflichteten Verhältnisse in diesem Konsumtempel, – die rüden Geschäftsmethoden, die aberwitzigen Attraktionen des Vergnügungsparks und die entmenschlicht anmutenden Bedingungen für die dort wohnenden Mitarbeiter. Ein gigantisches Plakat an der Fassade kündet von dem Geist, der da herrscht: «Wir würden ihnen alles verkaufen, was sie brauchen, wenn es uns nicht lieber wäre, sie würden alles brauchen, was wir ihnen verkaufen können.» Saramagos sarkastische Kapitalismuskritik weitet sich zu einer umfassenden Kritik der modernen Gesellschaft, wenn er die Lieferfahrten von der Töpferwerkstatt ins Zentrum schildert, vom idyllischen Dorf auf dem Lande über die trostlosen Außenbezirke mit ihren endlosen, plastiküberspannten Gemüsefeldern und den verwahrlosten Vorstadtregionen bis ins Verkehrsgetöse der unwirtlichen Großstadt.

Mit der Kündigung des Liefervertrages steht Cipriano vor dem Aus, sein Versuch, das Zentrum nunmehr mit bemalten Tonfiguren zu beliefern, scheitert ebenfalls, alle seine Mühen waren umsonst. Als dem Schwiegersohn eine Dienstwohnung im Zentrum zugewiesen wird, in die er ebenfalls mit umziehen wird, ist für ihn und seine schwangere Tochter das Töpferleben endgültig beendet. Eine später bei Erdarbeiten entdeckte, streng bewachte Höhle unter dem Zentrum erweckt seine Neugier, er steigt verbotener Weise hinab und findet dort sechs Tote. Das sind wir, erkennt er hellsichtig. Was folgt ist eine dem Höhlengleichnis von Platon entsprechende Allegorie auf den befreienden Ausstieg aus der Welt der vergänglichen Trugbilder in eine Welt des unverfälschten Seins. Er kehrt spontan in sein Haus zurück, erklärt sich endlich der ihn liebenden Nachbarin, der Schwiegersohn kündigt sein Dienstverhältnis und verlässt mit seiner Frau die gefängnisartige Wohnwabe. Alle Vier brechen auf in ein neues Leben, fahren mit dem klapprigen Lieferwagen hinaus in die Welt, einem unbestimmten Ziel entgegen.

In unnachahmlicher Weise hat der Autor seinen nachdenklich machenden Roman mit klugen Reflexionen, Andeutungen und Symbolen angereichert. Seine Figuren sind äußerst sympathisch und verblüffend lebensklug, was sich in den vielen köstlichen, nahtlos in den Erzählfluss eingebetteten Dialogen niederschlägt, die fiktiv sogar den zugelaufenen Hund mit einbeziehen. Immer wieder auch muss man schmunzeln über den feinsinnigen, hintergründigen Humor des Autors, der seinem Plot mit allerlei überraschenden Wendungen die nötige Spannung verleiht und so die Mutmaßungen des Lesers als auktorialer Erzähler schelmisch konterkariert. Der letzte Satz des Romans zitiert das neueste Plakat des Zentrums: «Baldige Eröffnung der Platonschen Höhle, Exklusiv-Erlebnis, einzigartig auf der ganzen Welt, kaufen sie jetzt ihre Eintrittskarte.»

Meine Website: http://ortaia.de


Kategorie: Roman
Verlag: btb Verlag

Aller Tage Abend

erpenbeck-1Der Reiz des Irrealis

Zufall bestimmt unser Leben, und das gilt nicht nur für die Mutationen in der Darwinschen Theorie, sondern auch für unser Schicksal, den Tod eingeschlossen. «Was wäre wenn» lautet die Kardinalfrage, der Jenny Erpenbeck in ihrem Roman nachgeht, denn auch wenn gestorben wird an einem Tage, so ist doch längst noch nicht «aller Tage Abend». Der Modus einer als unwirklich hingestellten Annahme, der Irrealis also, dient hier als Mittel zum Zweck, in fünf Bücher gegliedert erlebt der Leser nämlich entsprechend viele Varianten des Lebens einer jeweils identischen Protagonistin. Einen Triumph des Konjunktivs, ein faszinierendes Spiel mit den Möglichkeiten erleben wir in diesem erstaunlichen Plot, bei dem unverkennbar das Leben von Hedda Zinner, hoch dekorierte DDR-Schriftstellerin und Großmutter der Autorin, als Anregung gedient haben dürfte.

Die anschaulich geschilderte Lebenswelt galizischer Juden ist der geschichtliche Hintergrund des ersten Buches, in dem ein 1902 geborenes Mädchen noch im Säuglingsalter plötzlich an Atemstillstand stirbt. Durch die zwischen die Kapitel geschalteten Intermezzi werden Alternativen für das Geschehen aufgezeigt, hier also wird die Frage aufgeworfen, wie wäre die Geschichte weitergegangen, wenn durch eine beherzte Schockbehandlung die Atmung wieder eingesetzt hätte? Das erfahren wir im zweiten Buch, wo wir sie als junge Frau im Wien des Jahres 1919 wiedertreffen, sie wird Mitglied der Kommunistischen Partei und fristet mehr schlecht als recht ein karges Leben, das gewaltsam durch Mord auf Verlangen endet. Nach dem zwischengeschalteten Intermezzo erleben wir sie als Siebenunddreißigjährige im dritten Buch in Moskau, wohin sie sich als inzwischen verheiratete Kommunistin mit ihrem deutschen Mann geflüchtet hat. Sie stirbt in russischer Gefangenschaft nach einem grotesken Justizverfahren, bei dem das Urteil von vornherein feststeht. Als angesehene Schriftstellerin erleben wir sie im real existierenden Sozialismus der DDR anschließend wieder, dem Arbeiter- und Bauernparadies auf deutschem Boden, wo sie als Sechzigjährige sehr profan durch einen Sturz auf der Kellertreppe stirbt. Im fünften Buch schließlich sehen wir sie nach der Wende als demenzkranke greise Dame im Altersheim wieder, wo sie ihre letzten Tage verbringt und schließlich stirbt.

Ein allwissender Erzähler, aus häufig wechselnder Innensicht der verschiedenen Personen berichtend, spiegelt in diesem Roman die Brüche eines ganzen Jahrhunderts in einem einzigen Frauenleben wieder. Der historische Kontext ist stets präsent in diesem Roman, die Österreichische Monarchie zunächst, die Aktivitäten der Kommunistischen Partei im Wien der Zwischenkriegszeit, der Aufstieg der Nazis, der Stalinismus in Russland, die Realität eines zweiten deutschen Staates nach dem verlorenen Weltkrieg, die Wiedervereinigung schließlich. Viele Figuren der Erzählungen bleiben namenlos, werden allenfalls nach ihrem Verwandtschaftsgrad als Mutter, Tochter, Vater, Mann oder auch nur mit den Anfangsbuchstaben ihrer Namen bezeichnet, was an Usancen der Geheimdienste erinnert.

Das Ganze erscheint mir arg konstruiert, es ist außerdem melancholisch auch ziemlich überfrachtet, emotional strapaziös jedenfalls, fast depressiv machend. Durch das Verwirrspiel mit den Figuren wird es zuweilen recht schwierig für den Leser, der Handlung zu folgen. Die Sprache ist teilweise hölzern und an manchen Stellen schlicht absurd, mir fehlte gelegentlich jedes Verständnis dafür, Sammler von Stilblüten hingegen dürften ihre helle Freude daran haben. Ein äußerst fragwürdiges Stilmittel in meinen Augen, denn sprachliches Unvermögen darf man wohl ausschließen bei dieser Autorin. Ihr zweifellos ambitioniertes Vorhaben ist misslungen, als Leser wird man wahrlich nicht mitgerissen von dieser Geschichte, und von den wenigen darin enthaltenen philosophischen Gedanken auch nicht wirklich bereichert. Schade eigentlich!

Meine Website: http://ortaia.de


Kategorie: Roman
Verlag: btb Verlag

Leidenschaft

nemirovsky-1Der Schatz im Koffer

Als von den Nazis verfolgte Jüdin kam die vor dem zweiten Weltkrieg in Frankreich recht erfolgreiche Schriftstellerin ukrainischer Herkunft Irène Némirovsky 1942 im KZ Auschwitz um. Ihr Schicksal vorausahnend hatte sie ihren beiden Töchtern einen Koffer mit Tagebüchern und Manuskripten übergeben, der durch die Wirren des Krieges gerettet werden konnte und dann jahrzehntelang unbeachtet blieb. In diesem Koffer wurde 2005 unter anderem auch das vollständige Manuskript des bis dato als Fragment angesehenen Romans «Chaleur du sang» entdeckt, der daraufhin zwei Jahre später in Frankreich erstmals publiziert wurde. Im Nachwort der deutschen Erstausgabe unter dem Namen «Leidenschaft» werden von den Herausgebern die äußerst interessanten Hintergründe zu Autorin, Werk und speziell zu diesem Roman näher beleuchtet. Eine solche Wiederentdeckung nach sechzig Jahren ist ja wahrlich kein alltägliches Ereignis in der Literatur, und das macht neugierig, mich jedenfalls!

Der schmale Band enthält eine schnörkellos erzählte, spannende Geschichte aus der tiefsten Provinz Frankreichs in den 1930er Jahren, eine idyllische Gegend, die einen ganz besonderen, bäuerlichen Menschenschlag hervorgebracht hat, bodenständig, schwerfällig, misstrauisch, verschlossen. Ich-Erzähler Silvio ist ein weitgereister Mann, den es in seinen jungen Jahren in die Fremde hinausgezogen hat, der viel erlebt hat dabei und sein Leben in vollen Zügen zu genießen wusste. Nun ist er alt, fristet ein bescheidenes Leben in einem baufälligen Haus, bedauert zuweilen, all sein Geld verprasst zu haben und jetzt unter so armseligen Verhältnissen leben zu müssen. Aber er hat sich abgefunden damit, unterhält gute Beziehungen zu seiner Cousine Hélène und deren Mann François, ein in seiner unverbrüchlichen Liebe geradezu modellhaft wirkendes Ehepaar. Colette, deren Tochter, die kurz vor der Heirat mit dem um einiges älteren Jean steht, wünscht sich nichts sehnlicher als eine genau so innige Liebe, eine ebenso harmonische Ehe wie die ihrer Eltern. Es kommt anders, aber mehr will ich zum Plot nicht sagen, um nicht die Spannung zu zerstören. Ich selbst hatte gottlob vorweg nichts über diesen Roman gelesen und konnte so die Dramatik der Geschichte ungeschmälert genießen.

Aber auch wenn man deren Ausgang kennt, ist «Leidenschaft» ein wunderbares Leseerlebnis, in einer angenehm zu lesenden Sprache nämlich wird sehr anschaulich ein umfassendes Sittengemälde der damaligen Zeit gezeichnet. Das alles wird geradlinig und ohne langatmige Umwege erzählt von Silvio, diesem etwas schrulligen alten Knaben, der es aber faustdick hinter den Ohren hat, so mein Eindruck, und der einem vom ersten Satz an sofort sympathisch ist. Überhaupt ist die Figurenzeichnung der Autorin bemerkenswert, wie bei einem in wenigen Strichen skizzierten Portrait wird hier das Wesen der Protagonisten knapp, aber absolut treffsicher in der Wortwahl beschrieben. Und es sind auch nicht die Befindlichkeiten der Protagonisten, die uns in Romanen heutiger Zeit ja oft bis zum Überdruss vorgeführt werden, es sind vielmehr die realen Handlungen ihrer Figuren, auf die sich Némirovsky, schnell und zielsicher voranschreitend, konzentriert. Dabei benutzt sie als Stilmittel die wunderbaren inneren Monologe ihres Ich-Erzählers ebenso wie die glaubhaften, realitätsnahen Dialoge ihrer uns geradezu greifbar nahe erscheinenden Figuren. Deren schicksalhafte Verbindungen vor dem gesellschaftlichen Hintergrund der Provinz mit seinen festgefügten Normen, der Scheinmoral und den Eigenarten der Landbevölkerung ergeben ein Psychogramm, in dem glühende Liebe und wilde Leidenschaft den unverrückbar scheinenden Konventionen gegenübersteht und nur im Verborgenen ausgelebt werden kann.

Die romantischen Illusionen einer jungen Frau werden auf radikale Weise zerstört in dieser spannenden Geschichte. Schade nur, dass sich all dies auf wenig mehr als hundert Seiten abspielt, ich hätte gerne noch lange weiter gelesen.

Meine Website: http://ortaia.de


Kategorie: Roman
Verlag: btb Verlag

Regeln des Tanzes

stangl-1Der Froschkönig-Impuls

«Sollte man alles, was gesagt wird, unter die Knute der Verständlichkeit zwingen»? fragt Niklas Luhmann, der große Sozialwissenschaftler. Aber sicher doch, würde ich antworten, denn Sprache dient nun mal der Verständigung, es ist ihr eigentlicher Zweck, wo sie unverständlich bleibt, ist sie zwecklos. Was mir noch nie passiert ist als Leser, hier war der Impuls fast übermächtig: Ich hätte das Buch nämlich öfter mal am liebsten gegen die Wand geworfen, so hat mich der Roman «Regeln des Tanzes» von Thomas Stangl frustriert beim Lesen, – um schließlich genervt zwar, aber doch brav durchzuhalten bis zum Schluss. Manchmal kommt da noch was, hofft man ja immer, hier aber leider vergebens.

Im Wien des Jahres 2000 haben «bösartige Gnome» die Macht im Lande übernommen, eine rechtslastige Koalition, die nebenbei auch einen Geburtsfehler der Europäischen Gemeinschaft aufgedeckt hat, denn einen Ausschluss oder ein Instrumentarium von wirksamen Sanktionen gegen einen politisch abgedrifteten Mitgliedsstaat sieht der Vertrag nicht vor. Zwei Studentinnen, die der Uni schon für eine Weile den Rücken gekehrt haben, Mona und ihre fast bis zum Schluss namenlos bleibende Schwester, bewohnen gemeinsam eine von der Mutter finanzierte Wohnung, aus der Mona plötzlich ohne Nachricht spurlos verschwindet. Sie hat sich den Demonstranten gegen die verhasste Regierung angeschlossen, irrt allein ziellos durch Wien, taucht mal hier mal dort in der Menge auf – einmal sieht die Schwester Mona sogar ganz kurz aus der Ferne – ehe sie wieder verschwindet. Es gelingt ihr schließlich, einem jungen Polizisten den Revolver zu stehlen, und sie bringt sich damit um. Andrea, ihre Schwester wendet sich später dem Butō zu, einem modernen japanischen Ausdruckstanz, sie tritt in Hinterzimmer-Theatern auf, bewegt sich in einem künstlerischen Untergrund von absoluten Außenseitern.

In einer zweiten Zeitebene der Jetztzeit begegnet uns der dritte Protagonist, Dr. Walter Steiner, ein alternder Kunsthistoriker im Ruhestand, gelegentlich noch als Gutachter tätig, der in gleicher Weise wie die beiden Schwestern ziellos dahin treibt, wie diese ratlos am Rande seiner eigenen Existenz zu stehen scheint, fast wortlos neben seiner Frau Pre her lebend, die ihn schließlich denn auch kommentarlos verlässt, um ihm später lapidar eine kurze Nachricht auf den Anrufbeantworter zu sprechen. Bei seinen ziellosen Streifzügen durch Wien findet er zufällig in einer Mauerspalte zwei Filmrollen mit Fotografien. Er lasst sie entwickeln und trifft mit Hilfe der Bilder nach langer Suche auf Andrea. Höhepunkt dieses wundersamen Plots ist dann ein gemeinsamer Auftritt der Beiden, bei dem ihm die Butōtänzerin die Kleider vom Leibe schneidet und ihm dann eine trockene Ganzkörperrasur angedeihen lässt, sein Geschlechtsteil eingeschlossen natürlich. Als das Licht angeht, erkennt er im peinlich hüstelnden Publikum unter den 23 Zuschauern Pre, seine Exfrau, eine mich unwillkürlich an Heinrich Manns «Professor Unrat» erinnernde Szene.

Was will mir der Autor sagen mit alldem, fragt sich der ratlose Leser, so er von meinem Schlage ist. Über weite Strecken in Form des Bewusstseinsstroms und ausschweifenden inneren Monologen erzählt, erzeugt Stangl, in einer allerdings klaren, unmanierierten Sprache, völlig verquere Zerrbilder einer Welt, die total kaputt zu sein scheint, in der nichts mehr stimmt und alles sinnlos geworden ist, in der sich seine beziehungsarmen Protagonisten folgerichtig auch nicht mehr zurechtfinden können. Alle drei, nicht nur die Selbstmörderin, erscheinen mir wie Psychopathen, die sich hilflos in einem vom Autor inszenierten Chaos bewegen, das leider völlig unglaubwürdig, weil regelrecht konstruiert ist. Ich war jedenfalls froh, diesem literarischen Alptraum nach knapp dreihundert Buchseiten glücklich entronnen zu sein, habe mir aber geschworen: Künftig werde ich den Wurf an die Wand praktizieren bei derart verkorksten Romanen.

Meine Website: http://ortaia.de


Kategorie: Roman
Verlag: btb Verlag

Landgericht

krechel-1Auch posthum eine tragische Gestalt

Oh Gott! Schon das Coverbild erzeugt Unbehagen, man riecht ja förmlich das Bohnerwachs. Soll man so einen Roman lesen, aus dem Gerichtsmilieu auch noch, ist denn die Nachkriegszeit nicht schon hinreichend thematisiert worden von Koeppen, Böll, Schlink und vielen anderen? Nein, ist sie nicht! Aber das weiß man erst, wenn man dieses Buch gelesen hat. Worum geht es? Ein hoffnungsvoller junger Richter wird als Jude Opfer des Naziterrors. Er verliert seine Stellung, muss seine beiden halbjüdischen Kinder nach England in Sicherheit bringen und schließlich selbst ins Exil nach Kuba flüchten. Seine nichtjüdische, als Unternehmerin in der Kinowerbung erfolgreiche Frau bleibt allein in Berlin zurück, wo man ihr mit Drohungen ihre Firma zum Schandpreis abtrotzt. Das Paar ist aus der Bahn geworfen worden, sie versuchen nach dem Ende dieses Albtraums in die bürgerliche Existenz zurückzufinden, die auseinander gerissene, sich fremd gewordene Familie wieder zu vereinen. Daran scheitern sie gründlich, und dieses Scheitern ist eine einzige Tragödie.

Ursula Krechel erzählt in Rückblenden von den glücklichen Berliner Jahren des Ehepaares, vom Exil des Protagonisten in Kuba, wo er unter demütigenden Umständen bei einem schmierigen Rechtsanwalt arbeitet, eine Geliebte findet und mit ihr ein Kind hat, das er aber nie sehen darf. Alles in Kornitzers Leben ist von Brüchen gekennzeichnet, er ist und bleibt ein Aus-der-Bahn-Geworfener, der sich nach Rückkehr und beruflicher Wiedereingliederung allmählich immer mehr in einen aussichtslosen Kampf mit der Bürokratie hineinsteigert, damit sogar seine Gesundheit ruiniert, nur um seine legitimen Ansprüche auf Wiedergutmachung durchzusetzen. Aber auch hierbei scheitert er letztendlich und stimmt schließlich resigniert einem Vergleich zu. Das eigentliche Leben hat er total versäumt, hat wertvolle Jahre sinnlos vertrödelt bei der Suche nach Gerechtigkeit in eigener Sache. Hier liegt für mich das eigentliche Dilemma Kornitzers, dieses überkorrekten Juristen, der an der kalten Logik von Gesetzen und Vorschriften scheitert, die er selbst, als Richter, akkurat und folgerichtig angewendet hat.

Was ist nun das Besondere an diesem Buch? Diese Geschichte geht einem unter die Haut, mir jedenfalls, und zwar wie schon lange keine andere mehr. Man ist tief betroffen, denn es gelingt der Autorin mühelos, einem die Protagonisten sehr nahe zu bringen, fast schon zu nahe. Es ist die Ohnmacht des Menschen vor den geschichtlichen Ereignissen, die Ironie des Schicksals, die bitteren Erfahrungen und Enttäuschungen, die dieses Leben begleiten, und alles das wird hier in einer unspektakulären, ruhigen, fast juristisch sachlichen Sprache erzählt, der man gleichwohl die Empathie anmerkt, mit der die Figuren geradezu liebevoll beschrieben werden. In dieser schönen Prosa hat für mich des Öfteren die Lyrikerin durchgeschimmert, deren Sprache mir fast ein wenig zaghaft erscheint, indem sie zum Beispiel sehr häufig fußnotenartig in Klammern gesetzte Anmerkungen, Relativierungen, auch Zweifel in den Text einschiebt, sehr häufig mit einem Fragezeichen endend. Genau dieses Fragezeichen aber setzt beim Leser die Bereitschaft voraus, mitzudenken und auch weiterzudenken.

Noch eine Anmerkung zum Schluss des Romans: Kornitzer ist gestorben, da erhält Sohn George ein Schreiben mit dem Briefkopf «Biografisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933», das die Bitte enthält, einige Angaben zu Lebensdaten seines verstorbenen Vaters beizutragen, damit er in die geplante Enzyklopädie aufgenommen werden kann. Der von seinem Vater völlig entfremdete George aber bleibt merkwürdig untätig, zum Entsetzen seiner Frau, die absolut nicht verstehen kann, warum er ihm diese letzte Ehre nicht erweist. Das Handbuch erscheint schließlich, aber Dr. Richard Kornitzer kommt darin nicht vor, und so bleibt er auch posthum eine tragische Gestalt.

Meine Website: http://ortaia.de


Kategorie: Roman
Verlag: btb Verlag

Pfaueninsel

hettche-2Ein leises Buch

Als (schon etwas älteres) Berliner Kindl hat mir der Romantitel «Pfaueninsel» schöne und ferne Erinnerungen an ein beliebtes Ausflugsziel wachgerufen, die ich mit dem neuen Roman von Thomas Hettche nicht nur wieder auffrischen, sondern auch um viele interessante Details ergänzen konnte. Der Mythos der Insel in der Havel dient dem Autor als exotischer Hintergrund seiner Biografie des kleinwüchsigen Schlossfräuleins Marie. Die Vorlage für seine Protagonistin bildet die historisch belegte Schlossjungfer Marie Strakow (1805-1878), deren Grabstein sich auf dem Friedhof Nikolskoe in Berlin-Wannsee befindet.

Marie Strakon, wie sie im Roman heißt, kommt als Kind mit ihrem kleinwüchsigen Bruder auf die Insel und verbringt dort ihr ganzes Leben, ohne sie je wieder zu verlassen. Nur an einem einzigen Tage ist sie, als ältere Frau schon, zu einem kurzen Besuch in Berlin, einer frisch aufgeflackerten Liebe wegen, die sich aber als Illusion erweist. Schockierend und sie ihr ganzes Leben verfolgend ist gleich zu Beginn der Geschichte eine überraschende Begegnung Maries mit Königin Luise, die auf der Suche nach einem verschlagenen Ball ihr im Wald plötzlich gegenübersteht und sie erschrocken «Monster» schimpft.

Den preußischen Königen diente die Pfaueninsel als Refugium, das sie zu einem künstlichen Paradies umgestalten ließen nach den naiven Vorstellungen der damaligen Zeit. Dazu gehörten denn auch neben den dort angesiedelten Pfauen und einer Vielzahl anderer freilebender Tiere eine Bepflanzung mit exotischen Gewächsen aus aller Welt sowie eine Menagerie. Hettche schildert in seiner auf umfangreichen Recherchen basierenden Geschichte die stetige Fortentwicklung dieser Insel im Neunzehnten Jahrhundert, erzählt von den Mühen und Rückschlägen bei dem Unsummen verschlingenden Versuch, mit Gewalt der Natur ins Handwerk zu pfuschen.

All dies ist eng mit der Lebensgeschichte von Marie verwoben, die als Zwerg zusammen mit ihrem Bruder ebenso zu der Kuriositätensammlung des Königs gehört wie ein Riese und ein Mohr. Es ist beklemmend zu lesen, wie Marie ihr Leben lang unter dem Fluch des bösen Wortes der Königin steht, als «Monster» eine Sonderrolle einnimmt. Als sie vom Neffen ihres Ziehvaters schwanger wird und einen gesunden Buben zur Welt bringt, muss sie enttäuscht erleben, wie sie allein gelassen wird, später wird ihr sogar das Kind weggenommen. Es gelingt Thomas Hettche, das subtile Beziehungsgeflecht seiner vielen, anschaulich geschilderten Figuren einfühlsam darzustellen, sie alle erscheinen geradezu leibhaftig vor dem Auge des Lesers.

Flora und Fauna nehmen einen breiten Raum ein in diesem ruhig erzählten Entwicklungsroman, in dem es um Naturfrevel, Schönheit, Menschenwürde und Seelenleben, aber auch um das Verrinnen der Zeit geht. Hettches minutiöse Naturbeschreibungen dürften allerdings nicht jedermanns Sache sein, und besonders langatmig wirken detaillierte Inventarlisten des Zoos mit Arten, die allenfalls Biologen etwas sagen. Absolut überflüssig aber und als Fremdkörper wirkend sind meiner Meinung nach die Gott sei Dank wenigen voyeuristischen Passagen, inzestuöse Spiele zwischen den beiden Zwergen zum Beispiel oder eine Orgie beim König, den Marie mit Fellatio beglückt. Das prächtige Palmenhaus der Pfaueninsel ist am Ende Schauplatz für den Tod der achtzigjährigen Marie. Sie trifft dort ein letztes Mal auf Peter Schlemihl, jener Figur von Chamisso gleich, dem Mann ohne Schatten, im Bunde mit dem Teufel. Ein verheerendes Feuer bricht aus, in dem Marie umkommt, – sie hat es selbst gelegt. Hettches Prosa lässt den Leser bei seinem Ausflug in eine fremde Welt ziemlich betroffen zurück, aber auch auf angenehme Weise bereichert von einem so wunderbar «leisen» Buch.

Meine Website: http://ortaia.de


Kategorie: Roman
Verlag: btb Verlag