Nachgetragene Liebe

haertling-1Von der Seele geschrieben

In dem autobiografischen Band «Nachgetragene Liebe» widmet sich der 1933 geborene Schriftsteller Peter Härtling seiner eigenen Vergangenheit, er erinnert sich darin an seine Kindheit bis hin zum Ende des Zweiten Weltkriegs, zeitlich also denkungsgleich mit der unsäglichen Geschichte des Nationalsozialismus. Es ist eine späte Aufarbeitung des Verhältnisses zu seinem Vater, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seiner Erinnerungen war Härtling immerhin schon sechzig Jahre alt. Im umfangreichen Werk dieses vielseitig interessierten, mit Vielem befassten Autors hat die Thematik des Erinnerns und der Bewältigung der Vergangenheit, sowohl in seiner Lyrik als auch in seiner Prosa, einen gewichtigen Anteil.

«Mein Vater hinterließ mir eine Nickelbrille, eine goldene Taschenuhr und ein Notizbuch, das er aus grauem Papier gefaltet und in das er nichts eingetragen hatte als ein Gedicht Eichendorffs, ein paar bissige Bemerkungen Nestroys und die Adressen von zwei mir Unbekannten. Er hinterließ mich mit einer Geschichte, die ich seit dreißig Jahren nicht zu Ende schreiben kann». Diesen einleitenden Worten folgt eine im Präsens erzählte Geschichte, beginnend mit den ersten Entdeckungstouren des fünfjährigen Peter Härtling auf dem Dreirad, der wissbegierig seinen Heimatort Hartmannsdorf bei Chemnitz erkundet. Schon die ersten Seiten dieser Erzählung erzeugen einen Sog, dem man sich als Leser kaum entziehen kann, mir ging es jedenfalls so, man fühlt sich wohl im Strom der Worte und will mehr wissen. Besonders reizvoll dabei ist die ungewohnte Ich-Perspektive eines Kindes, aus der heraus der Autor erzählt, er hat dafür eine überzeugende sprachliche Form gefunden, die man nirgendwo als aufgesetzt oder unglaubwürdig empfindet.

Härtlings Vater erscheint abweisend, fast unnahbar, ist als Richter und später als Rechtsanwalt immer beschäftigt, er ist die Respektsperson der Familie, nur selten auch Vollstrecker von Strafen, kümmert sich aber sonst kaum um die Erziehung des Sohnes. Umso stärker ist deshalb die Beziehung zur Mutter und zu den Großeltern, zu Onkeln und Tanten, die Peter in regem Wechsel gerne besucht. Zunehmend jedoch spielt die politische Situation in dieses friedliche Leben hinein, die Familie zieht nach Olmütz in Mähren um, wo sich Peter der Hitlerjugend anschließt, eine unbedachte und grobe Provokation seinen regimekritischen Eltern gegenüber, er entfernt sich dadurch erschreckend weit von seinem Vater. Der hilft als Anwalt tschechischen und jüdischen Mitmenschen gegen die Naziwillkür, ohne viel bewirken zu können, und wird bald zur Wehrmacht eingezogen, Peter sieht ihn für längere Zeit nicht mehr. Gegen Kriegsende, die Front rückt immer näher, taucht der Vater unerwartet wieder auf und evakuiert die Familie nach Zwettl in Niederösterreich. Dort hilft er im Chaos der Truppenauflösung als Offizier beherzt den flüchtenden Soldaten, indem er ihnen unautorisiert Entlassungsscheine ausstellt. Allmählich erscheint er dem vom Endsieg träumenden Peter in einem ganz anderen Licht. Kurz darauf jedoch stirbt der Vater in russischer Gefangenschaft, ohne dass Peter Gelegenheit zu einer Versöhnung mit ihm hatte, ohne dass er vorbehaltlos wieder Sohn werden konnte.

Als Zeitdokument beleuchtet dieses Buch eindrucksvoll das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte, vor dessen Hintergrund sich schicksalhaft eine Vater-Sohn-Beziehung entwickelt, die mit ihrer zunehmender Entfremdung die politischen Ungeheuerlichkeiten widerspiegelt. Präzise erinnert, ebenso detailreich wie glaubhaft erzählt, entsteht das damalige Leben vor dem Auge des Lesers, und mittendrin immer Peter Härtling, der sich Jahrzehnte später hier offensichtlich etwas von der Seele schreiben musste.

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Kategorie: Roman
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Der Virtuose

moor-1Ein Trockenstoß

Mit Caravaggios Gemälde I Musici auf dem Frontdeckel und dem Titel «Der Virtuose» ist die Thematik des Romans von Margriet de Moor gekonnt verdeutlicht, auch die Zeit des Barock ist damit bereits benannt. Aber es geht um mehr als nur Musik, zu den Genüssen dieser als sinnenfroh beschriebenen Epoche gesellt sich hier als weiterer Aspekt die Liebe, in der reduzierten Spielart einer bedenkenlos ausgelebten und virtuos praktizierten Sexualität allerdings, beides bedingt sich geradezu. Den besonderen Kick aber erhält diese thematische Gemengelage noch dadurch, dass ausgerechnet ein Kastrat als Protagonist hier Virtuose und Liebhaber in Personalunion ist.

Der Erlös aus dem Verkauf seines Sohnes Gasparo ist der Einsatz in einem Spiel, welches sein spielsüchtiger Vater verliert. Der Sohn, mit einer wunderschönen Stimme gesegnet und von Carlotta maßlos bewundert, verschwindet daraufhin für immer aus dem Dorf, er landet in einem der einschlägig bekannten Internate für Kastraten. Jahre später trifft ihn Carlotta, lebenshungrige Tochter des damaligen Spielgewinners und inzwischen mit dem wesentlich älteren und wohlhabenden Berto verheiratet, in Neapel wieder, er ist ein gefeierter Sänger geworden. Binnen kurzem macht sie den unerfahrenen Jüngling zu ihrem Geliebten, ihr heißes Begehren ist unverkennbar auch musikalisch inspiriert. Denn sein betörendes Äußere als unmännlich schön erscheinender Adonis wirkt ebenso anziehend auf sie wie die himmlische Stimme, mit der er sein ihm zu Füßen liegendes Publikum verzaubert.

Mit viel Sachverstand schildert de Moor den Opernbetrieb jener Zeit, in der das Geschehen auf der Bühne zuweilen skurrile Formen annahm, bis hin zu – auf offener Bühne ausgetragen – Rivalitäten zwischen den Sängern. Allzu häufige Exkursionen in die tiefsten Geheimnisse der Phonetik und in die Besonderheiten zeitgenössischer Partituren, samt deren diverser Varianten der Interpretation, überfordern musiktheoretische Laien wie mich allerdings hoffnungslos, sie tragen daher auch rein gar nichts zum Lesegenuss bei. Eher kommen Voyeure auf ihre Kosten, sie erfahren immerhin, dass Sex mit Kastraten sehr wohl möglich ist, was auch ich nicht wusste, und was ein «Trockenstoß» ist. Carlotta lebt ihre hedonistische Maxime erfrischend offen aus, Musik und Sex, und zwar in Kombination miteinander, bilden nun mal ihr ganzes Lebensglück. Diese Hymne auf die Wollust ist eine Bejahung des menschlichen Daseins ohne Wenn und Aber. Emotional allerdings ist ihr Lover eine herbe Enttäuschung, mehr als freundschaftliche Zuneigung empfindet er nicht für sie, die Musik steht an erster Stelle in seinem Leben, und Frauen als solche sind ihm ebenfalls nicht so wichtig, ein schöner Gesangsschüler lockt ihn nicht weniger, ist am Ende sogar wichtiger für ihn als Carlotta. Sexuelle Anziehungskraft, eine Binsenweisheit ja eigentlich, hat eine kurze Halbwertszeit, sie taugt auf Dauer nicht als Bindemittel.

Der Roman ist in einer lebhaften, kurzweiligen Art geschrieben, sprachlich gekonnt und leicht lesbar mit gedanklichen Sprüngen, die den Leser zuweilen fordern, ohne ihn allerdings je den Faden verlieren zu lassen. Das Lokalkolorit ist plastisch eingefangen, bis auf ein kurzes Intermezzo über das Leben von Carlottas Zofe bildet der Kleinadel Neapels den gesellschaftlichen Hintergrund und die barocke Oper dessen alles beherrschende Projektionsfläche. Dabei wird dann auch klar, warum die Frauenrollen damals mit Kastraten besetzt waren, die man heute bei der Aufführung Alter Musik nur unzureichend durch Countertenöre zu ersetzen sucht. Was jedoch den Sex anbelangt, hätte der musikalischen Kunst eher die Erotik als Liebeskunst entsprochen, mit vergleichbaren emotionalen Empfindungen. Der Roman hingegen fokussiert das Geschehen einseitig auf den fleischlichen Akt, von dem wir ja wissen, dass er im vorliegenden Fall stets mit einem Trockenstoß endet, ein mit der fehlenden Erotik in dieser Geschichte durchaus vergleichbares Manko.

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Kategorie: Roman
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Das periodische System

levi-1Belletristik vs. Populärwissenschaft

Chemie war im Gymnasium, lang ist’s her, eines der unerfreulichsten Fächer für mich, und so habe ich «Das periodische System» von Primo Levi denn auch einigermaßen skeptisch zur Hand genommen. Zum Teil mag es an meiner inzwischen gewachsenen Aufnahmebereitschaft liegen, ohne Zweifel jedoch ist es dem italienischen Chemiker und Schriftsteller vor allem gelungen, mit seinem diesbezüglichen Erzähltalent mein Interesse für den einst verschmähten Unterrichtsstoff zu wecken, mir die damals vergällte Lehre von den Stoffen – mangels Fachkenntnissen natürlich nur rudimentär – verständlich und damit auch einigermaßen zugänglich zu machen. Denn in den 21 Kapiteln seines autobiografischen Buches, deren jedes nach einem chemischen Element benannt ist, finden sich wahrhaft spannende Geschichten, – insoweit sollte das Buch Pflichtlektüre sein für Chemielehrer, deren Schüler einzuschlafen drohen.

Es sind nicht nur spannende Geschichten, die der jüdische Autor und Auschwitz-Überlebende zu erzählen weiß, es sind auch sehr bewegende Episoden aus seinem Leben, chronologisch lose aneinandergereiht, meist ohne direkten Zusammenhang. Beginnend mit einem Rückblick auf seine Vorfahren, dem er das träge Gas «Argon» als Kapitelüberschrift vorangestellt hat. «Das Wenige, was ich von meinen Vorfahren weiß, lässt sie diesen Gasen ähnlich erscheinen» schreibt er im ersten Kapitel, bei dem die Überlieferung innerhalb der Familie oder die Fantasie des Autors, vermutlich jedoch beides zusammen, in Anekdoten verpackt wahrhaft skurrile Ahnen aufzeigt, die eher Karikaturen sind als reale Figuren. Schon im zweiten Kapitel «Wasserstoff» geht es dann aber um Chemie, ein missglückter Laborversuch bei seinem Schulfreund, der mit einem Knall endete und bei dem Wasserstoff eine Rolle spielte, wie Levi richtig vorausgesagt hatte. Im Laufe seines Lebens als Chemiker wird er immer wieder mit Phänomenen konfrontiert, für die es zunächst keine logische Erklärung gibt, oder mit Problemen in der Produktion, die schwer in den Griff zu bekommen sind. Es ist tatsächlich auch für Laien interessant, wenn der Autor beschreibt, wie er sich dem Thema genähert, welche Erklärungen, welche Lösungen sich ergeben haben. Das erinnert sehr stark an kriminaltechnische Untersuchungen, man verfolgt viele Spuren, die alle nichts ergeben, bis dann endlich die richtige Fährte gefunden ist, die zum Erfolg führt.

Sicherlich das am meisten berührende Kapitel unter der Überschrift «Cer» handelt von seiner Zeit in Auschwitz, wo er als Häftling für die IG-Farben in einem Labor beschäftigt war. Unter Lebensgefahr hat er sich dort mit einem Freund zusammen durch Diebstahl von Cereisen und Umarbeitung zu runden Feuersteinen, wie sie für Feuerzeuge gebraucht werden, ein für ihr Überleben wichtiges Tauschgut geschaffen, mit dem sie genug Brot eintauschen konnten, bis schließlich die Rote Armee im Januar 1945 das KZ befreit hat. In einem ebenfalls beklemmenden Kapitel schildert er seinen geschäftlichen Kontakt zu einem ehemaligen Angestellten der IG-Farben, der ihn damals in Auschwitz fachlich überwacht hatte und nun, allerdings vergeblich, mit dem schweren Erbe seiner Vergangenheit umzugehen versucht.

Levi schreibt so begeistert von seinem Beruf, «der eigentlich ein Sonderfall, eine besonders wagemutige Form von Lebenskunst sei», dass auch der Leser unwillkürlich mitgerissen wird. Weniger beeindruckend ist allerdings die sprachliche Umsetzung seiner Geschichten, sein Schreibstil ist sachlich und schlicht, die Handlung geradlinig simpel, seine blutleeren Figuren bleiben unkonturiert, sie vermögen kaum Empathie zu wecken, und alles Private ist weitgehend ausgeblendet. Zwei deutlich früher entstandene, nicht autobiografische Kapitel hätte der Autor besser ganz weggelassen, sie wirken literarisch fast peinlich. Populärwissenschaft also, oder doch Belletristik? Ich bin mir da nicht so ganz sicher bei diesem zwiespältigen Buch!

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Kategorie: Roman
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Der Schmerz

duras-1Das auf ewig Unfassbare

Die französische Autorin Marguerite Duras ist als prägende Vertreterin des «Nouveau Roman» bekannt, ein Begriff, den Roland Barthes für eine neue Gattung in der Literaturwelt etabliert hat. Mit dem Band «Der Schmerz» hat sie 1985, wie sie im Vorwort schreibt, alte Texte veröffentlicht, die sie vier Jahrzehnte nach der Niederschrift in ihrem Landhaus wiedergefunden hatte, an deren Existenz und erst recht an deren Entstehung sie sich absolut nicht mehr erinnern konnte. «Ich stand vor einer phänomenalen Unordnung des Denkens und des Fühlens, an die ich nicht zu rühren wagte und der gegenüber ich die Literatur als beschämend empfand». Der Stil, in dem sie verfasst sind, weist allerdings schon deutlich auf ihre später erschienene Prosa einer distanziert beschriebenen, eigengesetzlichen Welt hin.

Im ersten, fast die Hälfte des gesamten Buches umfassenden Teil mit dem Titel «Der Schmerz» schreibt die Autorin in chronologischer, tagebuchartiger Form über die albtraumhafte Trennung von ihrem Mann, der kurz vor Kriegsende als Mitglied der Résistance von den Nazis nach Deutschland deportiert wurde. Nach der Befreiung des KZs Buchenwald im April 1945 wartet sie verzweifelt auf ein Lebenszeichen von ihm, sie klammert sich wie eine Ertrinkende an jeden Strohhalm, verfolgt unbeirrt jede Spur, geht jedem Gerücht nach. Ein Auf und Ab der Gefühle, sie will wenigstens Gewissheit, und wenn es nur die im höchsten Grade wahrscheinliche Bestätigung seines Todes ist. Eines Tages kommt dann ein Anruf von Morland, einem Mitstreiter aus der Résistance, der in Wirklichkeit François Mitterand heißt, der spätere Staatspräsident Frankreichs: Ihr Mann lebe, man habe ihn im KZ Dachau aufgespürt. Halbtot wird er nach Paris gebracht, er ist nur noch ein menschliches Wrack, sterbenskrank, ohne realistische Überlebenschancen. Das Unwahrscheinliche geschieht gleichwohl, er überlebt und kommt ganz allmählich wieder zu Kräften, schreibt schließlich sogar ein Buch über seine Erlebnisse in Deutschland. Nach langen Monaten der Rekonvaleszenz kann sie ihm dann schließlich sagen, dass sie sich scheiden lassen müssen, dass sie ein Kind wolle, von einem anderen Mann. Trotzdem sitzt das Trauma ihrer durchlittenen Ängste auch nach mehr als einem Jahr immer noch so tief, dass sie schon zu weinen anfängt, sobald sie nur seinen Namen hört. Das Schreiben über diese Rückkehr, ihr Versuch, etwas über diese erloschene Liebe zu sagen, löst allmählich ihre ungeheuren inneren Spannungen. Und so schreibt sie, geradezu erleichtert, als Schlusssatz: «Ich wusste, dass er es wusste – dass er wusste, dass ich zu jeder Stunde eines jeden Tages dachte: Er ist nicht im Konzentrationslager gestorben.»

Der zweite Teil beginnen mit der Geschichte eines Gestapomannes, der am 1. Juni 1944 ihren Mann verhaftet hat, «eine bis in die Einzelheiten wahre Geschichte», wie sie im Vorwort schreibt. Durch den Kontakt mit ihm erhofft sie sich Informationen über ihren Mann, aber auch die Résistance profitiert davon. Beide belauern sich gegenseitig, es ist ein permanentes Katz-und-Maus-Spiel – bis zur Befreiung von Paris durch die Alliierten. Es folgen zwei Geschichten, im Vorwort als «heilige Texte» bezeichnet, über die sie dort schreibt: «Thérèse, das bin ich. Die, die den Denunzianten foltert, das bin ich. Die, die gern mit Ter, dem Milizionär, schlafen möchte, ebenfalls ich». Es folgen zum Schluss zwei weitere kleine, fiktionale Texte.

Mit der für sie charakteristischen schlichten, geradezu kargen Sprache und den besonders im Tagebuchteil vorherrschenden, stakkatoartigen Kurzsätzen wahrt Marguerite Duras die Distanz zu dem Grauen, über das sie schreibt und das den Leser, vermutlich gerade dadurch, besonders tief berührt. Ein lesenswerter Beitrag zum unmöglich erscheinenden Verständnis des auf ewig Unfassbaren!

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Kategorie: Roman
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Jugend an der Isar

ben-chorin-1Eine Trouvaille

«Je älter man wird, desto näher rückt einem die Jugend» heißt es im Vorwort zur dritten Auflage der Jugenderinnerungen von Shalom Ben-Chorin. Mit den beiden Zwiebeltürmen der Frauenkirche und dem Turm des Alten Peters ist der Ort des Geschehens auf dem Titelbild unschwer als München zu erkennen, der Heimatstadt des damals 15-Jährigen Autobiografen. Nur der Name will nicht so recht zu Bayern passen, aber zu jener Zeit hieß er ja noch Fritz Rosenthal, Sohn jüdischer Eltern, der früh den Vater verlor und in diesem Buch seine Jahre als Pennäler bis zu seiner Emigration nach Jerusalem beschreibt. Für einige wenige Eingeweihte als Journalist, Schriftsteller und Religionswissenschaftler bekannt, dürfte sein Name den meisten heute aber nichts mehr sagen, so war es bei mir jedenfalls, bis mir dann zwei Zufälle auf die Sprünge halfen. Vor einigen Jahren wurde ich beim Spaziergang auf eine kleine Menschansammlung aufmerksam, und als dann auch noch Musik ertönte, gesellte ich mich unter die Zuschauer. Eine neue Münchner Straße wurde im Rahmen einer kleinen Feier nach Ben-Chorin benannt. Und beim Stöbern im Buchantiquariat stieß ich kürzlich nun wieder auf den fremdartigen Namen und erwarb spontan diese Jugenderinnerungen.

Dramaturgisch wirkungsvoll beginnt die Erzählung mit dem Weihnachtsfest 1928, als Fritz seiner Mutter kategorisch erklärt: «Ich mache diesen Klimbim nicht mehr mit». Irritiert von der Gedankenlosigkeit, mit der jüdische Familien Weihnachten ganz selbstverständlich auch feierten, genau wie die Christen, rebellierte er und verließ auf der Stelle das Haus. Obdachlos in eisiger Nacht fand er vorerst Unterschlupf bei einer orthodoxen jüdischen Familie. Um aber bald zu begreifen, dass vieles in der dort praktizierten Ausübung der Religion zur Farce erstarrt war, zu liturgischer Geste und sinnlosem Brauchtum verkümmert. Diese frühen Erfahrungen des Autors und seine weitere Entwicklung bis hin zur sieben Jahre später erfolgenden Emigration ist fulminant erzählt und von einer derartigen Fülle an Eindrücken, Erkenntnissen, Erlebnissen und Begegnungen, dass es kein Wunder ist, wenn das Namensregister des Buches fast vierhundert Persönlichkeiten auflistet. Darunter alles, was Rang und Namen hatte in der deutschsprachigen Literatur und natürlich in der Münchner Szene der Intellektuellen.

Die jüdische Religion und der Zionismus, die Bemühungen jener Zeit um einen eigenen jüdischen Staat nehmen breiten Raum ein in dieser Autobiografie, die rein persönlichen Belange des Autors und seiner Lebensumstände treten da deutlich zurück. Aber es gibt auch köstliche Schilderungen vom schulischen und studentischen Leben in München, Festen in Schwabing, schönen Stunden auf dem Monopteros im Englischen Garten, ja sogar als Filmschauspieler in Geiselgasteig hat sich der Autor versucht. Das alles unter dem drohenden Unheil des Nationalsozialismus, dessen Gefahren er schon früh geahnt hat. Und so ist er, als die Repressionen zunahmen, mit Hilfe der Familie seiner Frau nach Jerusalem ausgewandert, solange das noch ging. Dort nahm er später den Namen an, unter dem er dann bekannt wurde, was im neuen Staate Israel damals ausdrücklich gefördert wurde, um die schnelle Integration der Neuankömmlinge auch durch die jüdischen Namen zu festigen.

Über sieben bewegte Jahre eines jungen, dem Judentum und der Literatur verpflichteten Mannes wird hier klug, detailreich und in wohl formulierter Sprache berichtet, eine lohnende Lektüre also, die vielen Lesern neue Horizonte öffnen dürfte.

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Kategorie: Biografie
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Verteidigung der Missionarsstellung

haas-1Alle Kreter sind Lügner, sagte der Kreter

Na bitte, es geht doch! Ein pseudo-philosophischer Roman der Postmoderne à la Jonathan Safran Foer, von einem österreichischen Schriftsteller geschrieben, ein Sprachwissenschaftler, Werbetexter und hoch gelobter Krimiautor außerdem, wenn das nichts ist! Da sage noch einer, die heutige deutschsprachige Literatur sei nicht kreativ und avantgardistisch! Dieses werbewirksam betitelte Buch wirkt wie eine literarische Anwendung des Paisleymusters, dessen Ornamentik sich geradezu klassisch im vielfach auf sich selbst zurückführenden Text spiegelt, ein Tabubruch mithin, folgt man Alfred Tarski, dem Hohepriester der logischen Semantik. Aber was ist denn nun das Besondere an diesem Roman?

Wolf Haas hat die absurde Konstruktion seiner Geschichte mit unendlich vielen Sprachspielereien derart auf die Spitze getrieben, dass der Leser seine liebe Not hat, dem Plot zu folgen, wenn er es nicht sowieso vorzieht, sich einfach nur amüsiert im Fluss der Worte treiben zu lassen, ohne überhaupt irgend etwas verstehen zu wollen. Die Erzählperspektive wechselt ständig, Wahres und Fiktives sind kaum unterscheidbar, man gerät in sprachliche Fallen, erlebt dauernde Abschweifungen, endlose Zirkel und Spiegelungen. Immer wieder gibt es bei den Dialogen zwei Versionen, der nur imaginierte und der dann tatsächlich gesprochene Text. Eine weitere Skurrilität sind die häufigen, in eckige Klammern gesetzten Überarbeitungskommentare und Korrekturanmerkungen, mit denen der Autor geschickt die Phantasie des Lesers in seine überbordende Story einbezieht und die Entstehung der Geschichte selbst zur Geschichte wird. Man blickt dem Autor quasi über die Schulter, der gelesene Text wirkt wie ein vorläufiger Entwurf. Kein Wunder also, dass Wolf Haas als Figur höchstpersönlich den Roman bevölkert.

An einer Stelle des Buches (Seite 119) taucht das Verb herunteraxolotln auf, eine nette Wortschöpfung des Autors, die auf die Plagiatsaffäre um den Roman «Axolotl Roadkill» von Helene Hegemann hinweist. Was die eigenwillige Typografie und die verschiedenen Layout-Spielchen anbelangt sind allerdings auch in Falle Haas die Anleihen bei Foer nicht zu übersehen. Vertikal und diagonal angeordnete Sätze, bis zur Unlesbarkeit verkleinerte Schrift, chinesische Schriftzeichen zwischendurch, aber auch auf ganze Seiten ausgedehnt, fahrstuhlartig sich verschiebende Textblöcke über mehrere Seiten. All das könnte man euphorisch als eine grandiose typografische Spielwiese bezeichnen, auf der eine liebenswerte Verarschung des Lesers stattfindet, aber auch als pure Seiten-Schinderei des Autors und seines Verlages, immerhin sind es fast 50 von insgesamt 239 Seiten, auf denen man nichts zu lesen braucht, weil sie entweder leer sind oder nichts Sinnvolles enthalten.

Skurril, satirisch, originell, amüsant, unterhaltsam, intelligent, tiefgründig könnte man den Roman wohlwollend nennen, ein Höhepunkt der deutschsprachigen Produktion des Jahres 2012. Man hätte auch Recht, wenn man sagt, der Roman ist manieriert, überdreht, wirr, abstrus, durchgeknallt, entsetzlich, unerträglich, weil man partout keinen persönlichen Zugang dazu findet, einen konventionellen Text bevorzugt. Ernsthaftigkeit ist jedenfalls keine kennzeichnende Eigenschaft dieses ungewöhnlichen Romans, es kommt hier wirklich nur auf den Leser an. Und all die widersprüchlichen Kritiken sind absolut wahr, ganz im Sinne von Alfred Tarski!

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Kategorie: Roman
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Sofies Welt

gaarder-1Gegen den Dornröschenschlaf des Alltagslebens

Der Roman «Sofies Welt» bringt seine Leser ziemlich listig, quasi durch die Hintertür dazu, sich intensiv mit einem Sachbuch über die Geschichte der Philosophie zu beschäftigen. Man könnte dem norwegischen Autor Jostein Gaarder also mit Recht einen Etikettenschwindel vorwerfen, denn welcher andere Roman noch, und als ein solcher ist dieses Buch ja deklariert, hat denn ein derart umfangreiches Sach- und Namensregister, 16 engbedruckte Seiten? Pädagogen, und Gaarder ist einer, müssen manchmal eben notgedrungen zu derartigen Tricks greifen, um Interesse für ihr spezielles Thema zu erwecken. In diesem Fall also, um Menschen aus dem «Dornröschenschlaf des Alltagslebens» zu reißen, wie es gleich am Anfang dieses Buches mal so schön und treffend heißt, um sie für Philosophie zu interessieren, vielleicht sogar zu begeistern. Und das ist ihm grandios gelungen, sein 1991 erschienenes Buch hat, inzwischen übersetzt in viele Sprachen, schnell absoluten Bestsellerstatus erreicht mit mehr als 40 Millionen verkauften Exemplaren. Ganz so dröge und denkfaul scheint das Publikum also doch nicht zu sein, – das lesende zumindest!

Bestimmt hat noch ein zweiter Kniff des Autors nicht unwesentlich zur Popularität seines Buches beigetragen, denn es orientiert sich in Sprache und wissenschaftlichem Gehalt am erwartbaren Verständnis-Horizont jugendlicher Leser, für diese Zielgruppe wurde es eigentlich auch geschrieben. Es tauchen auch immer wieder mal altbekannte Gestalten in der Geschichte auf, so werden beispielsweise Rotkäppchen, die Gans von Nils Holgerson oder das Mädchen mit den Schwefelhölzchen in die Geschehnisse mit einbezogen. Dadurch wird die eigentliche Thematik kein bisschen geschmälert, es geht knallhart um Philosophie auf Hunderten von Seiten dieses dicken Buches, die Märchenelemente lockern den zu vermittelnden Stoff aber gehörig auf, sie dienen zuweilen sogar modellhaft der Verdeutlichung bei verzwickten Fragen. Und die gibt es reichlich, immer nach dem Motto: Wer nicht fragt bleibt dumm!

Ein Blick ins umfangreiche Inhaltsverzeichnis zeigt, dass von den frühen Mystikern und Naturphilosophen bis hin zum Existentialismus alle wichtigen philosophischen Strömungen und deren bedeutendste Vertreter in chronologischer Folge abgehandelt werden, immer im Kontext der historischen Gegebenheiten. Vom Leser wird da volle Aufmerksamkeit gefordert. Hoch anzurechnen ist dem Autor, dass er sein Thema immer auch mit Seitenblicken auf andere Disziplinen wie Astrophysik, Biologie oder Psychologie, schließlich aber auch auf soziologische und technologische Entwicklungen der Neuzeit abhandelt. Die Rahmengeschichte hingegen, das Romanhafte also, ist an sich banal und würde allein den Leser nicht fesseln, mich haben speziell die langen Dialoge von Lehrer und altkluger, nur als Stichwortgeber fungierenden Schülerin als total unrealistisch gestört. Gleichwohl, damit wird die komplexe Fülle von Informationen und Fakten aufgelockert, was einen nicht unwesentlichen Beitrag zur wahrhaft erfreulichen Rezeption dieses Werkes geleistet haben dürfte.

Literarisch raffiniert allerdings ist der Aufbau des Plots mit zwei ineinander verschachtelten Handlungsebenen, in deren äußerer es um ein Buch mit dem Titel «Sophies Welt» geht, geschrieben von einem UN-Major im Libanon als Geburtstagsgeschenk für seine Tochter Hilde, deren innere Ebene aber eben jener Philosophie-Kursus von Sofie ist, der als Kern des Ganzen ja der eigentliche Inhalt des Buches ist. Diesen informativen Kurs hat man übrigens en passant komplett gelesen am Ende, wodurch wir Leser, so ist zu vermuten, alle miteinander nicht dümmer geworden sind. Denn welcher Normalleser verfügt schon über derart umfassendes philosophisches Wissen, dass ihm das Buch wirklich nichts mehr bringt? Gaarder treibt seine Fiktion auf die Spitze, wenn er, nachdem Hilde «Sophies Welt» ganz gelesen hat, deren beide Protagonisten Alfredo und Sofie gleichwohl weiter agieren lässt, dem «inneren» Buch und seinem Ende quasi entsprungen, als Geister sozusagen, die natürlich unsichtbar sind für alle anderen Menschen. Schön, dass es solche Bücher gibt, kann ich abschließend nur sagen!

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Kategorie: Roman
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Tauben fliegen auf

abonji-1Mahnzeichen für den Balkankrieg?

Ich, der diese Rezension schreibt, um seine Eindrücke und Empfindungen nach erfolgter Lektüre festzuhalten, der künftige Leser, der in Erwartung hilfreicher Hinweise meine Kritik an diesem Roman liest, das Feuilleton, welches das Buch zumeist hochjubelte, Ich, den das Buch überhaupt nicht überzeugt hat, Melinda Nadj Abonji, die sich über renommierte Buchpreise freuen darf, Ich, der hinzufügt, wenn einen solche und noch deutlich längere Satzkaskaden nicht irritieren, der Leser, der fragt, lohnt sich das Lesen also doch, Ich, der antwortet, dann eventuell.

Die der Autorin biografisch ziemlich nahestehende Ich-Erzählerin Ildiko beschreibt ihre idyllisch scheinende ärmliche Kindheit in der Vojvodina und ihr anschließendes, vergleichsweise komfortables Leben bis zum Erwachsenwerden in der Schweiz. Mir war beim Lesen oft so, als ob ich die Protagonistin und die mit ihr symbiotisch verbundene Schwester jungmädchenhaft rumalbern hörte bei dem atemlos scheinenden Stakkato des Textes, diesem sehr speziellen Schreibstil der jungen Autorin, der beim Poetry Slam vielleicht erfolgreich ist, in einem Roman auf Dauer aber ziemlich nervt, mich jedenfalls.

Der Stoff des Romans gibt einiges her. Liebevoll und berührend werden die vielen Figuren detailreich beschrieben, die engere Familie ebenso wie der große Verwandtenkreis und auch die vielen Freunde und Nachbarn. Diese mit Anekdoten reich ausgeschmückte Beschreibung einer archaischen, kunterbunten Balkanwelt mit ihren materiellen Alltagssorgen, ihren unüberschaubar großen Familienclans, ihren ausufernden Fress- und Saufgelagen, diese minutiöse Schilderung erscheint mir merkwürdig unreif, aus Sicht naiver junger Mädchen erzählt, glorifizierend und mystifizierend gleichermaßen. Es geht dabei um Familienkonflikte, Liebesbeziehungen, Landleben, Traditionen, andererseits um Wohlstandsgesellschaft, Missgunst, Ausländerfeindlichkeit, Assimilationsdruck, und ganz im Hintergrund auch um den unsäglichen Balkankrieg.

Wir erfahren nebenbei so manches, zum Beispiel dass die beliebtesten Schwarzarbeiter die Pfarrer sind (sic!), welchen Nöten eine Serviertochter in einem Schweizer Café ausgesetzt ist und vieles Anekdotische mehr. Alles das wird überaus warmherzig geschildert und ist trotz der erwähnten stilistischen Marotte durchaus angenehm zu lesen. Woran es mangelt ist eine auch nur einigermaßen interessante Handlung, von tieferen Einsichten, die manche gute Lektüre zu vermitteln vermag, ganz zu schweigen. Fehlt Handlung weitgehend und geistiger Gehalt komplett, bleibt nur die Sprache, der Schreibstil als Motiv zum Lesen. Aber der ist einfach viel zu manieriert, wovon mein einleitender Versuch einer Nachahmung künden soll. Buchpreiswürdig also ist dieser Roman in keinem Fall! Sind womöglich die Buchpreise als Mahnzeichen für den Balkankrieg missbraucht worden, frage ich mich als total irritierter Rezensent.

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Kategorie: Roman
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Was am Ende bleibt

fox-1Die heile Welt bleibt außen vor

«Die besten Geschichten schreibt das Leben selbst», sagt eine Volksweisheit, deren Wahrheitsgehalt man mit Hilfe der US-Schriftstellerin Paula Fox und ihrem 1970 erschienenen Roman «Was vom Leben bleibt» prüfen kann. Die in New York lebende Autorin wird als Klassikerin der Moderne angesehen, war lange Zeit vergessen und ist in Deutschland besonders mit dem vorliegenden Roman bekannt geworden, über den sich einst das Literarische Quartett recht löblich äußerte. Vergleicht man die ebenso wechselvolle wie tragische Biografie von Paula Fox mit der hier erzählten, blutarmen und beklemmenden Geschichte, hat die Fiktion ihres Romans eindeutig das Nachsehen gegenüber der ereignisreichen Realität eines Lebens, das im Findlingsheim begann, weil ihre irisch/kubanischen Eltern, beide aus der Filmindustrie, zu jung und unreif waren, sie aufzuziehen. Fox selbst gab ihre eigene Tochter als Dreijährige zur Adoption frei und war später dann überglücklich, sie als Erwachsene wiederzufinden.

So war nicht überraschend, dass die Heldin ihres Romans, die Übersetzerin Sophie Bentwood, kinderlos ist. Kinder kommen allenfalls als Störenfriede im Buch vor, die nur Lärm, Schmutz und Unordnung produzieren. Otto Bentwood ist ein erfolgreicher Rechtsanwalt, dessen Freund gerade die Kanzleigemeinschaft mit ihm aufgekündigt hat, worunter er sehr leidet, denn obwohl es ihm finanziell gut geht, fühlt er sich unbehaglich, so alleingelassen von seinem langjährigen Weggefährten. Es sind verschiedene äußere Faktoren, die das Leben des saturierten Mittelschichtpaares Ende Dreißig zunehmend eintrüben. Der Biss einer verwahrlosten Katze wird von Sophie nicht ernst genommen, Ottos Angst wegen einer möglichen Tollwutansteckung zieht sich wie ein Leitmotiv durch die gesamte Geschichte. Fox konterkariert damit den verlogenen «American Way of Life», stellt ihm die damals meist völlig ignorierten Schattenseiten der Wohlstandsgesellschaft gegenüber. Ein gehobenes Wohnviertel, strotzend vor Schmutz auf seinen Straßen, ein aggressiv bettelnder Neger, wie man sie damals noch ungeniert nannte, der unerwünscht in die Wohnung kommt, der Einbruch ins Ferienhaus der Bentwoods als übler Fall von Vandalismus, bei dem der starke Verdacht besteht, dass mit der Betreuung des Hauses durch einen Einheimischen der Bock zum Gärtner gemacht wurde, womit auch diese ländliche Idylle für das Paar nun allen seinen früheren Charme verloren hat.

Sophie zeigt sich antriebslos, kann sich nicht für ein neues Übersetzungsprojekt entscheiden, sorgt sich nicht wegen der Tollwutgefahr, ist trotz Drängen von Otto kaum dazu bereit, einen Arzt aufzusuchen und sich untersuchen zu lassen. Ihr Eheleben ist mit den Jahren langweilig geworden, in einer längeren Rückblende wird über ihre Liaison mit einem Mann berichtet, die schon bald enttäuschend für sie endet. Sogar mit einer langjährigen Freundin, die viele Affären hat, bricht sie abrupt, ausgelöst durch ihren unkontrollierten Wutanfall, bei dem Neid im Spiel sein mochte. Dazu passt dann auch die Schlussszene, bei der Otto ein Tintenfass gegen die Wand wirft, wütend über seinen Ex-Kompagnon, der ihn nicht in Ruhe lässt, «ich bin verzweifelt« ins Telefon kreischt. Die an der Wand in schwarzen Linien zu Boden rinnenden Tintenstreifen symbolisieren im Schlussbild den endgültigen Zusammenbruch der mühsam aufrecht erhaltenen Lebenslüge der Beiden.

Obwohl wenig passiert, lastet über der banalen Erzählung eine unheilvolle Stimmung, mit viel Distanz zum Geschehen ist sie in einer knappen Sprache geradezu unpersönlich erzählt. Das Leben sei nicht heiter und unbeschwert, die Menschen scheiterten an sich selbst. Dieses Psychogram eines Paares fügt dem ewigen Thema Mann und Frau Facetten hinzu, bleibt jedoch sprachlich wie auch im Plot merkwürdig uninspiriert. Keine rasant zu lesende, ereignisreiche Geschichte also, wie sie das Leben schreibt, vielmehr eine Lektüre für illusionslose Realisten, – die heile Welt bleibt außen vor.

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Kategorie: Roman
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Tortilla Flat

steinbeck-1Geschichte einer Naturgottheit

Die Ritter der Tafelrunde haben Pate gestanden für diesen Schelmenroman des amerikanischen Nobelpreisträgers John Steinbeck, wie uns das Vorwort erläutert, eine Thematik, die dem Autor jedenfalls sehr vertraut war, hat er doch, viel später allerdings, sogar eine moderne Übersetzung der Sage um König Artus geschrieben. Auch in «Tortilla Flat» geht es um solch eine mystisch erhobene, zentrale Figur, die hier jedoch aus einem ganz anderen Milieu stammt, welches man nach heutigem Sprachgebrauch als Prekariat bezeichnen würde. Danny, der Held des Romans, ist ein bettelarmer, kleinkrimineller Lebenskünstler. Um ihn scharrt sich, wie in der Artussage, eine wachsende Gruppe von Gleichgesinnten, allesamt Landstreicher und Tagediebe wie er. Sie sind Brüder im Geiste sozusagen, in den Tag hinein lebende Nichtstuer, die Leichtigkeit des Seins genießend mit ihrer naiven Zuversicht.

Ort der Handlung ist die namensgebende Siedlung oberhalb von Monterey in Kalifornien, in der nach dem Ersten Weltkrieg unter armseligsten Bedingungen die Paisanos leben, eine ethnisch gemischte Gruppe alteingesessener Bewohner dieser kleinen Küstenstadt, und Tortilla Flat ist ein Slum an deren Rande, ohne feste Straßen, Wasser und Strom. Als Dannys Großvater stirbt, wird aus dem obdachlosen Habenichts über Nacht der Eigentümer zweier baufälliger Holzhütten. Zögernd nur entschließt er sich, eine dieser alten Hütten zu beziehen, und mit dem neuen Besitz ändert sich nun schlagartig sein Leben. Er erlebt das jedoch eher als Last denn als Bereicherung. Schließlich vermietet er eine der Hütten an seinen besten Freund, obwohl klar ist, dass er nie auch nur einen Cent Miete erhalten wird. Und nach und nach kommen immer neue, skurrile Mitbewohner hinzu.

In einem lose verbundenen Zyklus von siebzehn Geschichten erlebt der Leser den alltäglichen Kampf dieser bunten Clique ums Essen und Trinken. Bei Letzterem handelt es sich fast ausschließlich um Wein, der, aller Prohibition zum Trotz, in Mengeneinheiten von Gallonen konsumiert wird von der trinkfesten Bruderschaft. Nur im äußersten Notfall verdingt sich mal einer von ihnen als Tagelöhner, ansonsten lebt man vom listenreichen Schnorren oder kleineren Diebstählen. Am liebsten sitzt man müßig in der Sonne und erzählt sich die neuesten Geschichten, den Tratsch und Klatsch der kleinen, pazifischen Küstenstadt. Und auch für die sexuellen Bedürfnisse ist gesorgt, es findet sich immer eine Frau, ob verheiratet oder nicht, wobei manche Schwangere später nicht mehr zu sagen vermag, wer von dieser Clique denn als Vater in Frage käme. Steinbeck wäre kein Nordamerikaner, wenn er diesen Aspekt menschlicher Existenz nicht derart verklausuliert erzählen würde, dass man entsprechende Textpassagen wortwörtlich in jedem Märchenbuch abdrucken könnte.

Mit der Burleske um die «Naturgottheit» Danny will Steinbeck, wie es in seinem Vorwort heißt, «jetzt und für immer das spöttische Lächeln von den Lippen säuerlicher Gelehrter verbannen». Man darf den Roman nicht kurzerhand als Hymne auf das einfache Leben interpretieren, er ist eher als Gegenentwurf zum Tanz ums Goldene Kalb zu sehen, als Abgesang auf eine Gesellschaft von Konsumidioten mit ausschließlicher Fixierung auf alles Materielle, in Geldeinheiten Messbare, wo jedweder Müßiggang und eine fatalistische Genügsamkeit von vornherein suspekt sind. Wunderbar plastisch sind Steinbecks Figuren dieser gesellschaftlichen Randgruppe beschrieben, und er lässt sie äußerst schlitzohrig agieren, obwohl sie immer auch ein wenig trottelig wirken, auf ihre spezielle Art aber grundehrlich sind. Das ist oft ziemlich verblüffend, vielleicht jedoch gerade dadurch aber sehr amüsant zu lesen, man kommt aus dem Schmunzeln nicht mehr heraus. Und Dannys Tod schließlich und seine Beerdigung wird liebevoll ironisch zu einem grandiosen Ereignis verklärt, das einen Platz in der Weltgeschichte verdiene, zumindest aber in der von Monterey.

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Kategorie: Roman
Verlag: dtv München

Paare, Passanten

strauss-1Kunst plus Haltung

Als Schriftsteller ist Botho Strauß hauptsächlich durch seine erfolgreichen Bühnenstücke bekannt, sein episches Werk besteht neben einigen wenigen Romanen aus schwer einzuordnender Prosa, zu der auch «Paare, Passanten» gehört. Wir haben es hier nicht mit einem Roman im klassischen Sinne zu tun, auch wenn dieses 1981 erstmals erschienene Prosawerk später in die Bibliothek «Große Romane des 20. Jahrhunderts» der Süddeutschen Zeitung aufgenommen wurde. Vielmehr handelt es sich um eine fragmentarische Textsammlung zu verschiedenen Themen, die dem 37jährigen Autor auf der Seele brannten, man merkt sein Engagement, aber auch seine Ungeduld angesichts ihm gegen den Strich gehender Erscheinungen, Befindlichkeiten, Fehlentwicklungen, und zwar solche des Menschen im Allgemeinen und der bundesrepublikanischen Gesellschaft jener Jahre im Besonderen. Insoweit verspricht dieser Prosaband aus der Feder eines Dramatikers, der hier wie dort gerne Tacheles redet, reichlich Material zur geistigen Auseinandersetzung zu liefern, und in der Tat, der Leser bekommt Impulse für das Training seiner grauen Zellen in überwältigender Fülle.

In sechs Abschnitte gegliedert und aus der Ich-Perspektive erzählt breitet der Autor seine Beobachtungen und Reflexionen in unterschiedlich umfangreichen, skizzenhaften Textfragmenten vor dem Leser aus. Es beginnt wie im Buchtitel mit «Paare», dem längsten Abschnitt, in welchem Beobachtungen aus dem unerschöpflichen Fundus der Beziehungen zwischen den Geschlechtern analysiert werden, allerdings aus einer unverkennbar männlichen Sicht, was denn auch prompt scharf kritisiert wurde. Verblüffend ist, wie genau Botho Strauß hinschaut, selbst aus den kleinsten Regungen seiner Probanden, – denn so kommen sie einem wirklich vor, seine Figuren aus der Gegenwart Anfang der Achtzigerjahre -, zieht er messerscharf seine Schlüsse, entlarvt er unterschwellig Vorhandenes als Ursache auffälliger menschlicher Verhaltensweisen. Nach, wie ich meine, weniger interessanten Betrachtungen im Abschnitt «Verkehrsfluss», die im Wesentlichen die Verhaltensphysiologie betreffen, wendet sich der Autor im dritten Abschnitt unter dem Titel «Schrieb» dem zu, was literarisch interessierte Leser nun sehr direkt berührt, der Schriftsteller als solcher nämlich, einerseits als Kunstschaffender, wenn er denn gut ist, und andererseits als Denker und Mahner. Seine Haltung erscheint dabei nicht weniger wichtig als seine Schreibkunst, Erstere setzt vielmehr, was seine Reputation anbelangt, langfristig die Maßstäbe. Dabei plädiert der Autor vehement für ein von jedweder Dialektik befreites Denken, auch wenn wir so «auf Anhieb dümmer» denken würden.

Nach zwei weiteren Abschnitten unter den Titeln «Dämmer» und «Einzelne» folgt im letzten, zweitlängsten Abschnitt «Der Gegenwartsnarr» eine Analyse des Autors zu Themen wie Angst, Atomkrieg, Nazi-Erbschaft, Identität, Glaube, Kunst, Ökologie, aber auch zu verschiedenen Aspekten der Tagespolitik jener Zeit, zum technischen Fortschritt und natürlich zu den Medien. All diese mehr oder weniger kurzen Skizzen fügen sich zu einem Gesamtbild, das uns eine überaus pessimistische Weltsicht eines deutschen Autors präsentiert, der sich fast schon wie ein Misanthrop gebärdet in seiner grenzenlos scheinenden Skepsis. Denn all die Übel dieser Welt sind selbstgemacht, von «Gegenwartsnarren», so sein Tenor.

Nun haben wir es leicht, mehr als dreißig Jahre später schlauer zu sein, die düsteren Vorhersagen sind mal wieder nicht eingetroffen, warum sollte es Botho da besser ergehen als Kassandra? Gleichwohl ist es lohnend, den von Neologismen (Saisonliteraten, Grauzonengeschlecht) nur so wimmelnden Reflexionen, Aphorismen und Kurzgeschichten dieses sprachlich hochklassigen Autors zu folgen. Den Leser erwartet eine nicht gerade leichte, völlig humorfreie, aber sehr bereichernde Lektüre eines kunstsinnigen Mahners, den außer seiner literarischen Kunst auch eine unduldsame Haltung kennzeichnet.

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Kategorie: Roman
Verlag: dtv München

Der dritte Mann

green-graham-1Roman vs. Spielfilm

Der britische Schriftsteller Graham Greene gilt als der Autor mit den meisten Nominierungen für den Nobelpreis, erhalten hat er ihn nie. Manchen galt er als nicht idealistisch genug oder als nicht hinreichend moralisch, Anderen als kommunismusverdächtig oder zu wenig liberal, nach seiner Konversion den Katholiken als zu ketzerisch, den Atheisten als zu katholisch, ein Individualist also, der schwer einzuordnen war. Literarisch thematisiert er, häufig in Form von Abenteuer-, Spionage- oder Kriminalgeschichten, die Problematik von Schuld, Treue und Verrat, kein Wunder, gab es in seiner bewegten Vita immerhin auch eine kurze Phase geheimdienstlicher Tätigkeit. Fast alle seine Werke sind verfilmt worden, so auch der Roman «Der dritte Mann», mit Orson Welles in der Hauptrolle einer der unsterblichen Klassiker des Spielfilms. Wobei der Zitherspieler Anton Karas mit seinem Harry-Lime-Theme eine kongeniale Filmmusik geschaffen hat, die ihrerseits lange Zeit ein Gassenhauer war, Synonym geradezu für diesen berühmten Thriller.

Im Vorwort seines Romans schreibt Green: «Der dritte Mann wurde nicht geschrieben, um gelesen, sondern um gesehen zu werden». Für das geplante Filmprojekt mit Carol Reed als Regisseur sollte er das Drehbuch schreiben, mehr als ein paar Zeilen, eine Idee, lagen aber noch nicht vor. «Es ist für mich nahezu unmöglich, ein Drehbuch zu schreiben, ohne den Stoff zunächst als Erzählung zu behandeln», lässt er uns wissen. Diesem Unvermögen also verdanken wir einen spannenden Roman, die zeitlich im Wien der Nachkriegszeit angesiedelt ist, als die Stadt sich unter dem Vier-Mächte-Status in einer politisch seltsam anmutenden Konstellation befand. Die dafür symptomatischen Polizeistreifen mit ihren vier aus den jeweiligen Siegernationen stammenden Militärpolizisten, immer zusammen in einem Jeep, jeder in der Uniform seines Landes, dürften für jüngere Leser, vermute ich mal, kaum noch vorstellbar sein. Der Schwarzmarkt blühte damals, es gab viele Schieberbanden, die illegal mit allem Möglichen handelten und die Polizei in Atem hielten. In diesem Milieu ist die ziemlich mysteriöse Geschichte von Harry Lime angesiedelt, die von einem englischen Polizisten, Oberst Calloway erzählt wird.

Rollo Martins, unter dem Pseudonym Buck Dexter wenig erfolgreicher Autor billiger Wildwestromane, bekommt durch Vermittlung seines Freundes Harry den lukrativen Auftrag, in Wien einen bestimmten Zeitungsartikel zu schreiben. Als er dort eintrifft, erfährt er, dass Harry bei einem Verkehrsunfall getötet wurde. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des Ich-Erzählers Calloway, abwechselnd wird immer wieder protokollartig das Geschehen neutral geschildert, die Polizeiakten zitierend, die über Lime angelegt sind. Denn der war, zum Entsetzen seines gutgläubigen Freundes, in kriminelle Schwarzmarktgeschäfte verwickelt. Nach und nach gelingt es Martins zusammen mit dem Oberst, die Hintergründe des rätselhaften Todes vom Lime aufzuklären, hier mehr zu erzählen verbietet sich aber. Einerseits, um die Spannung nicht zu verderben, andererseits ist der Fortgang der Geschichte vielen Kinobesuchern längst hinreichend bekannt.

«Tatsächlich ist der Film besser als die Erzählung», schreibt Green im Vorwort. Dem kann ich nicht zustimmen, denn der Film, der in meinem Kopf entstand, als ich das Buch jetzt gelesen habe, war ebenso spannend, ebenso unterhaltend, er war darüber hinaus aber auch amüsant. Der schwarze englische Humor schimmert häufiger durch, und besonders köstlich ist für Buchleser der literarische Abend im British Council, den Martins alias Dexter zu bestreiten hat, unter diesem Synonym wurde er nämlich mit einem namensgleichen berühmten Autor verwechselt. Als er dort gefragt wird, wie er denn James Joyce literarisch einordnen würde, antwortet er zum Erstaunen des Auditoriums: «Ich habe noch nie von ihm gehört». Es lohnt also doch, zu lesen!

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Kategorie: Roman
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Die Rebellion + Die Legende vom heiligen Trinker

roth joseph-1Wahrheit und Gerechtigkeit

In diesem Band sind zwei Werke des in relativ wenigen Schaffensjahren entstandenen, umfangreichen Œuvres von Josef Roth zusammengefasst, «Die Rebellion», sein erstes größeres Prosawerk, und die Novelle «Die Legende vom heiligen Trinker», 1939 in seinem Todesjahr erschienen. Sie umschließen, wie der Klappentext erläutert, «Lebenswerk und geistige Haltung des österreichischen Erzählers … auf exemplarische Weise». Seinen Zeitgenossen war er hauptsächlich als Journalist bekannt, der überwiegende Teil seiner veröffentlichten Werke stammt aus dieser Tätigkeit. Der wechselvolle Lebensweg des jüdischen Schriftstellers ist geradezu ein Abbild der politischen Verhältnisse zwischen den beiden Weltkriegen, ein unstetes Leben auf der Flucht, das in Brody in Galizien begann und im Exil in Paris endete.

Der Roman «Die Rebellion» ist eine bitterböse Satire auf den Obrigkeitsstaat, erzählt wird die Geschichte des Kriegskrüppels Andreas Pum. Sie beginnt im Kriegsspital, sarkastisch heißt es da gleich eingangs: «Er hatte ein Bein verloren und eine Auszeichnung bekommen. Viele besaßen keine Auszeichnung, obwohl sie mehr als nur ein Bein verloren hatten». In einer raffiniert naiven Sprache erlebt man den Wandel des einfältig erscheinenden, unbeirrt und optimistisch an den wohltätigen Staat glaubenden Invaliden zum Rebellen. In einer kafkaesk anmutenden Szenerie wird er immer tiefer in ein unheilvolles Geschehen hineingezogen, bei dem sich sein Glaube an die Obrigkeit zusehends verliert, er schließlich sogar für fünf Wochen unschuldig im Gefängnis landet. Sein äußerst bescheidenes Lebensglück wird dadurch völlig zerstört, seine Frau wendet sich von ihm ab, nach der Entlassung muss er als Toilettenwärter arbeiten. Eine durch den ihm wohl gesonnenen Gefängnisdirektor erwirkte Revision erlebt er nicht mehr, und schon im Delirium versunken, erscheint er vor dem himmlischen Richter. In einer rebellischen Schmährede befreit er sich von den Lasten seiner gequälten Existenz und zürnt gegen die schreienden Ungerechtigkeiten in dieser Welt. «Ich will deine Gnade nicht! Schick mich in die Hölle!» schleudert er Gott entgegen. Man findet ihn tot in der Herrentoilette, seine Leiche aber kam, «weil gerade Leichenmangel war und obwohl sie nur ein Bein hatte, ins Anatomische Institut».

In der Novelle «Die Legende vom heiligen Trinker» erlebt der unter den Brücken von Paris lebende, alkoholsüchtige Clochard Andreas Kartak eine wundersame Reihung glücklicher Zufälle. Er trifft auf wohlmeinende Menschen, die ihm unverhofft immer wieder aufs Neue Geld zukommen lassen, ihn aus seinen prekären Verhältnissen befreien. Dem ersten dieser Gönner kündigt er, der sich als Ehrenmann fühlt, die Rückzahlung der erhaltenen zweihundert Francs an, um schließlich aber doch jedes Mal damit zu scheitern, dieses Geld wie vereinbart einem Priester in der Kapelle mit der Statue der heiligen Therese von Lisieux zu übergeben. Denn er vertrinkt und verprasst immer wieder den unverhofften Geldsegen. Bei seinem letzten Versuch, sein Versprechen zu erfüllen, wartet er in einem Bistro gegenüber der Kapelle auf das Ende der Messe, als plötzlich ein junges Fräulein eintritt, das er für die heilige Therese hält, die sein Geld jedoch nicht annehmen will, ihm vielmehr selbst hundert Franc schenkt. Vom Schlag getroffen «fällt er um wie ein Sack» und stirbt schließlich in der Sakristei, wohin man ihn gebracht hat. Josef Roth, selbst dem Alkohol verfallen, beendet seine Novelle mit dem hoffnungsvollen Satz: »Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod»!

Beide Geschichten sind in einer wunderbar klaren, ruhigen Sprache verfasst, die in wohlgesetzten Worten mit einem eher einfältig anmutenden Duktus den Hauptanliegen des Autors, Wahrheit und Gerechtigkeit, eine mahnende Stimme verleiht, deren Sog man sich als Leser wohl kaum entziehen kann.

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Kategorie: Roman
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Der englische Patient

ondaatje-1Mit Herodot in der Wüste

Aus dem breit angelegten Œuvre des kanadischen Schriftstellers Michael Ondaatje ragt der im Erscheinungsjahr 1992 mit dem Booker Price prämierte Roman «Der englische Patient» besonders hervor. Nicht zuletzt wegen der mit 9 Oscars prämierten Verfilmung wurde er später weltberühmt und damit auch einem größeren Lesepublikum bekannt. Vor allem die Kinobesucher werden sich fragen, ob die Lektüre des Romans lohnend sei, was ich hier schon mal bejahen kann, mit Einschränkungen allerdings.

Zu dem titelgebenden Patienten und seiner jungen Krankenschwester Hana, die in der zerbombten und von den zurückweichenden deutschen Truppen verminten toskanischen Villa San Girolamo hausen, gesellt sich außer dem Dieb und britischen Geheimdienstler Caravaggio, ein Freund von Hanas verstorbenem Vater, auch Kip, ein junger Sikh im britischen Militärdienst, der dort als Minenräumer arbeitet. Caravaggio interessiert sich für den mysteriösen Patienten, den Hana für einen Engländer hält, Kip wiederum hat eine kurze Affäre mit Hana. Die vier Protagonisten sind Strandgut des Zweiten Weltkrieges, sie sind allesamt desillusioniert einer paralysierenden, noch sehr nahen Vergangenheit entronnen. Die Handlung ist zweisträngig aufgebaut, sie wechselt zwischen Kriegsende 1945 und der Zeit vor und während des deutschen Afrikafeldzuges in Libyen und Ägypten. In Rückblenden erzählt der Patient von seiner Arbeit als Forscher in der libyschen Wüste und von der heftigen Liebesbeziehung zu der frisch angetrauten Frau eines Kollegen, die tragisch endet, – Filmbesucher kennen die spektakuläre Szene. Caravaggio gelingt es in seinen Gesprächen mit dem Patienten, dessen Identität zu enthüllen, es handelt sich um den Ungarn Graf Ladislaus de Almásy, der für die Deutschen spioniert hat, für Rommel.

Als Schriftsteller der Postmoderne benutzt Ondaatje hier wie auch in vielen seiner anderen Werke eine fragmentarische Erzählweise, die fotografischen Schnappschüssen ähnelnd einen Teil des Plots behandelt, um sich dann unvermittelt wieder einem anderen zuzuwenden. Zwischen Krankenbett und Saharaforschung oszillierend werden auf diese Art in den zehn Kapiteln des Romans beide Strängen der Handlung parallel vorangetrieben. Ergänzt wird dies durch Rückblenden in Caravaggios Spionagezeiten sowie den minutiös geschilderten Arbeiten von Kip bei der hochriskanten und immer komplizierter werdenden Entschärfung von Bomben und der Räumung von Minenfeldern. Diese Abschnitte werden jeweils aus der Perspektive der einzelnen Figuren erzählt, wobei diese selbst merkwürdig seelenlos bleiben, keine Empathie erzeugen. Abweichend von der ansonsten durchgängig auktorialen Erzählsituation tritt Ondaatje im letzten, «August» überschriebenen Kapitel als personaler Erzähler auf, wenn er über Hana schreibt: «Sie ist eine Frau, die ich nicht gut genug kenne, um sie unter meine Fittiche zu nehmen, sollten denn Schriftsteller Flügel haben, und ihr für den Rest meines Lebens Schutz zu gewähren.» Er führt das Schicksal der anderen Figuren nicht näher aus, nur Kip erscheint am Ende als in seine Heimat zurückgekehrter, verheirateter Arzt, der im August 1945 entsetzt den Abwurf der ersten Atombomben zum Anlass genommen hatte, seinen Dienst zu quittieren.

In einer zweiseitigen Danksagung nennt der Autor am Schluss des Buches die Quellen für seine detaillierten Beschreibungen, akribisch recherchierend hat er es meines Erachtens mit dieser Detailfülle allerdings übertrieben, weniger wäre hier mehr gewesen. Zweifel habe ich nach der Lektüre auch gehabt, ob und wie das alles zusammengeht, was ich da so gelesen habe über Liebe, Wüste, Krieg, Bomben, Minen, Italien. Die Passagen, in denen es um Herodot geht, dessen Buch der Patient, mit eigenen Notizen angereichert, ständig bei sich trug und aus dem Hana ihm vorliest, waren für mich die erfreulichsten in diesem vielschichtigen Roman, der von den Verheerungen berichtet, die der Krieg anrichtet, – und manchmal auch die Liebe.

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Kategorie: Roman
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Sudelbücher

lichtenberg-1Gar nicht hohl

Er selbst nannte sie «Sudelbücher», jene uns überlieferten acht Wachstuchhefte, zwischen 1764 und 1799 entstanden und ein Jahrhundert später, 1901 erstmals vollständig herausgegeben, die von Georg Christoph Lichtenberg als «vermischte Einfälle, verdaute und unverdaute» charakterisiert wurden. Es waren Arbeitsmaterialien für ihn, Notizen, Anmerkungen, Entwürfe auch, die meist Fragment blieben, dem Zufall zu verdankende, spontan niedergeschriebene Einfälle philosophischer, politischer, historischer und psychologischer Art, deren innere Ordnung einzig in der Chronologie liegt. All dies war niemals zur Veröffentlichung bestimmt, worin ein besonderer Reiz liegt, denn unredigiert verraten sie natürlich weit mehr vom Wesen ihres Verfassers, sind wahrhaft authentisch, nicht auf ihre Anfechtbarkeit hin bereinigt oder entschärft. Nicht selten allerdings sind diese ziemlich unverblümt formulierten Einfälle entlarvend, zeigen gnadenlos die Widersprüche und Irrtümer auf, die selbst einem großen Denker wie Lichtenberg unterlaufen können, womit er sich de facto einer rigorosen Selbstkritik unterworfen hat.

Die Großen jener Zeit suchten den Kontakt mit dem berühmten Göttinger Physikprofessor, dessen universale Bildung neben vielen der Fachkollegen auch so unterschiedliche Geister wie Kant oder Goethe zum regen Gedankenaustausch reizte, den Weimarer allerdings mit seiner Farbenlehre, nicht der Literatur wegen. Beidem übrigens, Farblehre und Dichtkunst, wie auch der Philosophie Kants, stand Lichtenberg ablehnend gegenüber. So wie er sich überhaupt recht streitlustig zeigte, unbeirrt seinem Prinzip treu bleibend, alles immer wieder kritisch zu hinterfragen, Dogmen nicht zu akzeptieren.

Die Sudelbücher sind keine Sammlung von Aphorismen, auch wenn sie viele enthalten, und so wird auch ihr Verfasser im deutschsprachigen Raum meist an vorderster Stelle genannt in dieser literarischen Disziplin, zusammen mit Novalis und Nietzsche. Sie enthalten zudem Denksprüche, wie sie auch Goethe in seinen «Maximen und Reflexionen» gesammelt hat. Ihren Verfasser weisen die Sudelbücher damit als scharfen Beobachter, als Menschenkenner und witzigen Kommentator aus, der originelle Ideen und Erkenntnisse zu Papier bringt und dabei den berühmten französischen Kollegen La Rochefoucauld oder Montaigne in nichts nachsteht, – letzteren übrigens hält er für einen Schwätzer. Auch die Kirche bekommt ihr Fett ab, «Die Religion, eine Sonntagsaffäre», schreibt er, oder: «Manche Leute beten nicht eher, als bis es donnert». Seine Skepsis kommt auch in der listigen Frage zum Ausdruck, ob denn Gott katholisch sei. Oder, noch krasser: «Da sie sahen, dass sie ihm keinen katholischen Kopf aufsetzen konnten, schlugen sie ihm wenigstens seinen protestantischen ab». Und der Physiker ist erkennbar, wenn er anmerkt: «Dass in Kirchen gepredigt wird, macht deswegen die Blitzableiter auf ihnen nicht unnötig».

Auf den Leser wartet eine kurzweilige Lektüre, bestens portionierbar in kleinen Texthäppchen, ein Buch also, dass man immer wieder mal zur Hand nimmt, auch wenn man es schon komplett gelesen hat. Lichtenbergs Verhältnis zu Büchern scheint distanziert zu sein, wie einem Brief zu entnehmen ist: «Da ich schlechterdings kein Holz mehr kaufen mag, so habe ich mir vorgenommen, Bücher zu brennen … und da hoffe ich doch einmal einen warmen Fuß zu kriegen». Vom Buch als idealem Brennmaterial ist auch in den Sudelbüchern mehrfach zu lesen. «Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinguckt, so kann freilich kein Apostel heraus sehen». Und nicht nur für Buch-Rezensenten, auch für geplagte Deutschlehrer mag die berühmte Frage tröstend sein, mit der die wahre Ursache von Meinungsverschiedenheit bei literarischen Werken ultimativ geklärt ist: «Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?» In diesem Buch bestimmt nicht!

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Kategorie: Essay-Sammlung
Verlag: dtv München