Sympathie für Faune

Ulli B. Laimers Gedichte berühren eine magische Welt. Nicht, dass wahre Lyrik dies nicht generell vermag, der herrschende Zeitgeist lässt solch kleine Wunder allerdings eher zufällig zu – meist übersieht die modernistische Zensur eher die geistige Welt, an der „magische“ Gedichte nippen, als sie zu vermissen.
Laimer kümmert das Spiritualitätstabu der modernen Literatur nicht: Sie formuliert, was sie denkt. Sie fasst in Worte, was sie spürt. Sie bekennt sich ausdrücklich zum „Diskurs mit einer beseelten Welt“.

Alles was existiert, lebt. Alles in der Welt ist beseelt. Diese Weisheit teilt sie mit den indianischen Ureinwohnern (und allen archaischen Nationen: von der Steppe Zentralasiens, bis in die Tundra, nach Lappland und Kanada; von den Plains zu den Indios Lateinamerikas, bis nach Australien und in die Voodookultur) ebenso wie mit den Ahnen des indoeuropäischen Kulturkreises. Sie schätzt speziell die keltische vormoderne Literatur, und hegt unzweifelhaft keine ästhetizistische, sondern eine aus dem Herzen aller Zeiten, aus Mutter Erdes Schoß geborene Sympathie für Faune.

Sie schreibt von der kreisrunden Zeit, besitzt einen zyklischen Zeitbegriff, wie ihn Rudolf Kaiser in „Gott schläft im Stein“, erläuterte. Die Zeit ist rund, alles kehrt wieder, kreisend um eine leere Mitte: Das Symbol der Nabe, die den Urgrund repräsentiert. Wir finden es in den Upanischaden ebenso wie im Tao Te King des Religionsstifters Lao Tse. Auch in Laimers Gedicht „Rad“ wird der Rhythmus der Rundheit beschworen.

Zu allen Zeiten und in der gesamten Welt war sich die Menschheit ganzheitlicher Weisheiten bewusst. Seit 2oo, 25o Jahren vielleicht glaubt eine intellektualistische Elite an den linearen Verlauf der Dinge. Und rennt wie verrückt in ihrem selbstgebauten Hamsterrad im Kreis. Die Literatur zappelt mit, an vorderster Front, weil sie sich mitsamt den Wissenschaften ab der Aufklärung anmaßte, die richtige Welt – die der Ratio und des sachlichen Verstands – zu beschreiben. Und weil sie heute den Anschluss an die Ressourcenvergabe nicht verlieren will.

Einen wohltuenden Pfad aus dem Käfig, der Kälte und der zynischen Finsternis weisen uns Ulli B. Laimers Gedichte. Oft sind sie ganz einfach schön. Wie: „Ich möchte wieder ein Baum sein“. Oder: „In mir, nächtens“, das zudem auf eindrucksvolle Weise die im aufgeklärten Äon verdrängten, nicht-benannten Wesen der Nacht besingt. In einer berauschend dunklen Tiefe, die an die „Nacht“ Novalis gemahnt.

Im Gedicht „Flut“ vereinigen sich Schönheit und ewige Weisheit auf mythische Weise:

Wenn/das Licht/schwächer wird/kehrt das Meer/in mir/zurück//Knie über/ Knöchel/stirngetaucht/Brandung mein Atem/lebendig/bis/zum/Horizont

In den Raum jenseits des Reichs der kahlen Vernunft entführt uns Laimers Lyrik. Selbst wenn manches schattig, fraglich und fragil erscheint, weiden ihre Verse uns auf Oasen sprießend saftigen Lebens, voll all der Schattierungen von Grün. Einhörner, Drachen, Waldgeister, Wölfe, Mond und Sonne, eine mütterliche Erde bevölkern ihre Gedichtlandschaften – von dort winken sie uns, auf dass wir über die zitternde Hängebrücke eilen, in der Anderswelt zumindest mit unserer Seele zu leben, Seite an Seite mit der glückvollen Phantasie.

Bestellbar im Buchhandel über ISBN 978-3-9503442-5-7


Genre: Lyrik
Illustrated by edition sonne und mond

Meine Sehnsucht wandert mit dem Sand

Die Gedichte Lieselotte Stieglers sind tatsächlich in dem Sinn Ge“dichte“, dass sie zu allermeist sehr knapp angelegt wurden. Auf überflüssiges ist verzichtet, dennoch nicht die Lyrik geschmäht, weil Stieglers Metaphern schön sind, das Spiel mit den Worten gekonnt und ihre Dichtkunst ausgereift ist. Wir sehen vor uns einzelne kleine Meisterwerke, wie Blüten auf einer Wiese: violette, gelbe, ziegelrote, doch ihre kurzen Gedichte hängen irgendwie auch alle zusammen. In „Andalusien“ etwa wachsen Dornen und Jasmin auf Ziegeldächern, das nächste Gedicht heißt: Dornen. Zuvor bereits besingt sie Lorca, erklingen die Jondos in Granada. Also bilden die einzelnen Blüten im exquisitesten Sinn eine Blumenwiese, an deren Ende zum Stadtrand hin sie jedoch vertrocknet und dürr daliegt – die politischen Gedichte gegen Schluss des Bandes.

Keinesfalls möchte ich von der Sammlung der Blüten in diesem Band sprechen. Denn Stiegler schreibt: „Pflücke nicht die Blume, die aus den Wolken wächst.“ Und warnt davor, uns die Worte untertan zu machen, um die damit umrissene Welt durch unsere Ratio zu fesseln. Sie selbst streift diese Fesseln immer wieder ab, schält sich aus den zu engen Wörtern heraus, speziell die der bannenden Liebesbeziehungen. Dann solche, die einen zu engen kneifenden Heimatbegriff beschreiben.

Poetisches, persönliches und politisches fließen im Gedichtband fast übergangslos ineinander: eine weitere Stärke des Büchleins. Flucht ist keine leichte Entscheidung. Eine tödliche Heimat für eine gemeine zu tauschen kein Honiglecken. Stieglers Empathie ist klug: sie fragt, wie sehr wir als Individualisten denn selbst wünschen „integriert“ zu sein.

Auf gewisse Weise haben wir ein einziges langes Gedicht vorliegen, dessen Pfad zwischen Sandelholz und Mandelbaum bis auf die Schutthalden der Gegenwart führt. Doch sie trauert nicht, beklagt nicht jammernd modernistisch die Existenz sondern hält Jubel und Kritik in ausgeglichener Schwebe, sodass wir von gekonnter ganzheitlicher Literatur sprechen können. Zumal die Gedichte verwurzelt bleiben, an der Erde haftend, wenn auch zum Himmel, in die Ewigkeit weisend. Abgehoben aber kommen sie beileibe nicht daher. Eher in einer wohltuenden Harmonie: vielleicht nicht wie ausgerissene Blumen, aber getrocknete Samen und Früchte und Blütenblätter, die nach Lavendel, Sandelholz und Orangenblüten duften.

Als Nachtrag möchte ich kurz auf das außergewöhnliche Cover von Sonja Henisch eingehen, das eine Seherin zeigt. Ein Bild, das die Attribute weiblicher Rundheit und Weisheit trägt, aber nicht barsch sexuell zu deuten ist. Die Figur ist unrealistisch gemalt, der Arm speziell kein menschlicher: eben weil es „die Seherin“ ist, die weist… die Scham ist nicht aus modemodernen Gründen rasiert, sondern verweist auf das Ungeschlechtliche wenngleich nicht Asexuelle – übersexuell wäre wohl das richtige Wort: Arm sowie die breiten Schultern spiegeln den männlichen Anteil wider, Becken, Rundungen, das lange Haar den weiblichen, die Gesichtslosigkeit entwürdigt nicht das Weib, sondern steht für das Überindividuelle. Die Chakra-Farben stellen die Figur ins richtige Licht. Die Nacktheit der Figur generell ist das Indiz unserer Nacktheit/Bloßheit vor dem Göttlichen/der Göttlichen Mutter. Sie hat nichts mit dem neoliberalen Entblößungsgeschäft des Kaufwertreizes gemein. Der Betrachter möge seine Augen schulen, bzw. öffnen, um nicht allein seine Vorurteile zu erblicken, sondern sich zu erweitern. Wie gesagt, ein spezielles Bild, das in die Zukunft weist, und die Gedichte Lieselotte Stieglers herrlich interpretiert.

Lieselotte Stiegler: „Meine Sehnsucht wandert mit dem Sand“, edition sonne und mond, 2o17, brosch, 7o S, ISBN: 978-3-9503442-3-3; 9.- € erhältlich unter bestellungen@sonneundmond.at


Genre: Gedichte, Lyrik
Illustrated by edition sonne und mond

Safa – Ufer oder Sprache

Regen, Gärten, Nacht, Leere, Vergessen, Schönheit: Begriffe um die die Gedichte Rudolf Kriegers kreisen. Bereits aus der Themenwahl lässt sich folgern, dass Krieger keine zeitgemäße Lyrik verfasst. Daher ist auch nachzuvollziehen, warum diverse Literaturbeiräte, die sich aus Universitätsprofessoren und anderen Beamten des Zeitgeists zusammensetzen, vermeinen den Druck seiner Lyrik nicht fördern zu sollen. Was sie wie üblich übersehen ist, dass Krieger seiner Zeit voraus ist – aber nicht im modernistischen ewig auf Neuerungen schneidig gerichteten Sinn, sondern im ganzheitlichen – in einem in Zyklen schwingenden – Geist, der kurzsichtige Betrachter glauben lässt, sie würden mit Althergebrachtem gelangweilt. Sie begreifen (noch) nicht, dass solch Lyrik exakt die Gegenwart erfasst einer Sehnsucht nach dem Bleibenden, nach den Wurzeln, dem Licht und der Nacht, in der jenseits des gleißenden Scheinwerferlichts der Neuzeit Ewiggültiges sich birgt, heranreift, in zeitgültigen Formen offenbart.
Kriegers Gedichte mäandern bzw. kreisen um die oben erwähnten Begriffe; unberechenbar aber konstant kehren seine Worte zurück zum Ausgangsort; erweisen dadurch dem zyklischen, dem weiblichen Sein der Welt Respekt; das Einbergende, das Runde, das Wiederkehrende und Ewige wird gefeiert. Der Versuch des promovierten Holzbildhauers (der herrliche Arbeiten mit Eis und Feuer schuf) funktioniert: er haucht den Begriffen Leben ein. Der Bildhauer vermag keinen Baum zu bauen; selbst der Begabteste schafft dies nicht. Aber als Dichter gelingt es Krieger seine Worte wie Blätter an den Stamm der Begriffe zu pfropfen; so erschreibt er Wirklichkeit, Dasein, Schönheit. Veredelt als Schriftsteller sein bildhauerisches Werk.
Das zyklische Kreisen der Wörter um die Ausgangsbegriffe bedeutet solchen Linearitäts-Fetischisten natürlich wenig, die Alleen hinaus in das Nichts anlegen, parallel zu den Boulevards des Zeitgeists, der in Sinnlosigkeit, Nihilismus, Destruktion sich verflüchtigt. Die Abläufe der Natur, das Weiche, die Rundheit, der Mond, die Nacht erschrecken die Fortschrittsgläubigen zutiefst. Ihr Fortschritt führt ja fort von allem was lebt, gedeiht, reift, pulst und quillt. Diese „männliche“ Angst vorm Leben, vor dem Nicht-Herstellbaren, Nicht-wissenschaftlich-und-technisch-Herbeiführbarem, Nicht-Kontrollierbarem spiegelt sich kalt in einer seit dem Beginnen der Moderne (mit James Joyce, Gottfried Benn, Friedrich Nietzsche) mathematisierten und entmoralisierten Literatur. Die Vorstellung der Unendlichkeit als Funktion der Linearität schafft Destruktion, Narzissmus, Ich-Vergottung: Die Wörter der Modernismus-Apologeten toben eisig ins Vakuum der Nichtwiederholbarkeit, des Vergehens ohne Wiederkehr, des kalten, leeren Todes hinaus. Kriegers Sätze jedoch kehren um, zurück, ja – kommen uns entgegen. Und bringen den Regen mit, Gärten, Vögel, auch Angst und Irritation; verweigern sich aber nie dem Leben, verdorren nicht in den Dornenbüschen der Verdrängungsliteraten, aufgespießt wie funkelnde Käfer. Sie spreizen die Flügel, manche flattern los, andere bleiben auf den Blüten sitzen – wandeln sich und sind doch die gleichen. Entfaltung, Leben, Wachstum in der Bestimmung, dem eingeschriebenen Leben ist ihr Sinn und Ziel. Das I Ging inspiriert Krieger, mystische Schriften christlicher und jüdischer Meister. Seine Gedichte beweisen im schönsten Sinn des Wortes ebensolche numinose Qualität. Sie Umkreisen das lebendig Sichtbare, um das Unsichtbare, das dahinter wirkt und west, erkenntlich zu machen. Wie Weihrauch vor dem Tempel beglaubigen sie die Wirkung des Luftzuges, des Windes, der als göttlicher Atem seine Arbeit beeinflusst bzw. beeinwindet
Und Schönheit manifestiert: „ich würde meine Zehen ausbreiten / über diese Landschaft / als nicht enden wollende Spitzen der Zehen / auf denen ich gerade fliege / ich würde die Gespräche mit den Blumen vertiefen / und in ihre Augen tauchen / bis die Schönheit, die Verbundenheit aus mir quillt / ich würde die Bäume fragen / ob sie meine Lehrer sein wollen / und ob sie mir das Schweigen beibringen können / damit kein Mensch aus mir spricht…“, heißt es im Gedicht „wenn ich noch einmal leben könnte“.
Solch mystische, wurzeltief lebendige Literatur tut unserer entleerten, entseelten Zeit bitter not.
Manfred Stangl
Rudolf Krieger: „Safa – Ufer oder Sprache“, edition sonne und mond, Wien, 2o17, 12o Seiten, Hardcover, ISBN: 978-3-95o3442-2-6


Genre: Lyrik
Illustrated by edition sonne und mond