Eine englische Art von Glück

Clash of Civilizations

Als in London geborene Tochter jamaikanischer Immigranten bereichert Andrea Levy mit ihrem 2005 erschienenen Roman «Eine englische Art von Glück» die multi-ethnische Literatur des englischen Sprachraums mit einem bemerkenswerten Epos. Wobei sie, anders als zum Beispiel Zadie Smith mit ganz ähnlicher Thematik in «London NW», sehr konventionell erzählt. Ihre Geschichte ist geprägt vom latenten Rassismus in der britischen Metropole, einem Schauplatz, den sie aus eigenem Erleben kennt. Der Roman brachte ihr literarisch den Durchbruch, wurde mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet und landete auf der BBC-Liste der hundert bedeutendsten britischen Romane. Zu Recht?

Der Roman ist auf zwei Zeitebenen angesiedelt, «1948» und «Vorher», wie die entsprechenden Abschnitte überschrieben sind. Da ist zunächst die stolze Hortense, die das Lehrerexamen in Jamaika abgelegt hat und davon träumt, nach England auszuwandern und im Mutterland des British Empire als Lehrerin zu arbeiten. Sie heiratet den eher einfach strukturierten Gilbert, ein ehemaliger Held der Royal Air Force, im Zivilleben Jamaikas allerdings ein Habenichts und Träumer. Hortense schickt ihren Mann nach London, er soll dort beruflich Fuß fassen und sie später nachkommen lassen, – was dann allerdings in einem ziemlichen Fiasko endet. Gilbert ist in einem armseligen Zimmer bei Queenie einquartiert, einer jungen Engländerin, die aus der Metzgerei des Vaters nach London geflüchtet ist und dort Bernard geheiratet hat, einen ebenso farblosen wie bornierten Buchhaltertypen, der mit seinem Vater in einem großen, eigenen Haus wohnt. Enttäuscht von der Ehe meldete Bernard sich zum Kriegsdienst, war später in Indien eingesetzt und ist nach Ende des Konfliktes nicht nach Hause zurückgekehrt, Queenie bleibt ohne Nachricht und will ihn irgendwann für tot erklären lassen. Die lebenslustige Frau hat schließlich eine ebenso kurze wie leidenschaftliche Affäre mit einem farbigen Soldaten, der wenige Tage später nach Amerika versetzt wird, sie wird ihn nie wieder sehen. Als ihr Mann nach Jahren doch wieder auftaucht, ist sie schwanger und bringt schließlich ein schwarzes Baby zu Welt.

In sieben zeitlich wechselnden Abschnitten erzählt die Autorin kapitelweise aus ebenfalls ständig wechselnder Ich-Perspektive von den Illusionen ihrer vier Protagonisten. Es ist ein tragik-komisches Geschehen, das sich ganz allmählich zu einem immer dichter werdenden Beziehungsgeflecht zwischen ihren Figuren entwickelt. Dominante Thematik ist der Rassismus im weißen London, in dem die «Nigger» ständigen Demütigungen und Pressionen ausgesetzt sind. Das städtische Leben im Kriege, wo die Bevölkerung unter den Bombenangriffen leidet, und in der entbehrungsreichen Nachkriegszeit bildet einen zweiten narrativen Schwerpunkt. Die Romanfiguren trotzen all den Rückschlägen und geplatzten Träumen unbeirrbar mit fast schon stoischer Gelassenheit, wobei dieser Clash of Civilizations zu absurden Situationen und Missverständnissen führt. All dies wird mit einem unterschwelligen Humor erzählt, der allerdings stets jamaikanisch bleibt, also kein typisch englischer, schwarzer Humor ist.

Die grundverschiedenen Protagonisten des Romans werden sprachlich durch individuelle Idiome charakterisiert, die beiden Jamaikaner sprechen ein mit Patois durchmischtes Englisch, Queenies Sprache ist durch Cockney gefärbt, während Bernards korrekte Sprache militärisch geprägt ist. Die virtuos getakteten Perspektivwechsel fördern zunehmend das Verständnis des Lesers für die verschiedenen Charaktere und enthüllen überraschende mentale Gemeinsamkeiten. Atmosphärisch dicht führt uns die Autorin in diverse Milieus ein, was auch die Kolonien mit einschließt, – und den Krieg natürlich, vor dessen Hintergrund sich das Ganze abspielt. Der im ersten Teil etwas zähflüssige, in epischer Breite erzählte Roman nimmt im letzten Drittel Fahrt auf und führt zu einem überraschenden, aber durchaus schlüssigen, melancholischen Ende.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Eichborn Verlag

Hausfrau

essbaum-1Ehebruch ist der Kracher

Viel Autobiografisches hat die US-amerikanische Schriftstellerin Jill Alexander Essbaum in ihrem Debütroman von 2015 verarbeitet, nicht nur den Handlungsort Dietlikon in der Nähe von Zürich, wo sie mit ihrem Mann selbst zwei Jahre gelebt hat, sondern auch die eigenen Erfahrungen als unglücklicher Expat in der Schweiz. Angesprochen auf Gemeinsamkeiten mit ihrer neurotischen Protagonistin Anna erklärte sie im Interview: «Ich war ebenso ständig traurig und depressiv». Anders als ihre Romanfigur aber habe sie erkannt: «Nicht die Schweiz hat mich unglücklich gemacht, sondern ich mich selbst». Vom amerikanischen Feuilleton zum Erotik-Bestseller hochgejubelt, ist die Rezeption hierzulande deutlich distanzierter, zu Recht?

Die 37jährige Amerikanerin Anna ist mit Bruno verheiratet, einem Banker bei der Credit Suisse. Sie hat drei Kinder und lebt als Hausfrau seit zehn Jahren komfortabel in der beneidenswerten Postkarten-Idylle des Züricher Umlandes, in Dietlikon, wo ihr Mann geboren ist, – alles scheint bestens zu sein. Aber sie ist innerlich zerrissen, fühlt sich einsam in einem Land, dessen Bewohner mental so völlig anders sind als ihre Landsleute. Sie bekommt keinen Kontakt zu den Schweizern, bleibt Außenseiter, nicht zuletzt der deutschen Sprache wegen, die sie nur rudimentär beherrscht. In einer depressiven Abwärtsspirale gefangen, aus der sie weder die Sitzungen mit ihrer Psychotherapeutin noch ein Deutschkurs zur besseren gesellschaftlichen Integration zu befreien vermögen, verfällt sie in eine ungehemmte Sexsucht. «Sie begehrte, begehrt zu werden», heißt es dazu, Sex wirkt wie ein Ventil für ihre innere Einsamkeit. Bedenkenlos fremdgehend, hat sie immer wieder einen neuen Liebhaber, ohne dass jemand etwas bemerkt. «Ob man einen Liebhaber hat oder zwanzig, ist auch egal» denkt sie, «Sie sind wie Chips. Man kann nicht nach dem ersten aufhören». Ihre von alldem nichts ahnende Freundin animiert sie einmal beim Plaudern auf einer Party, sich doch ruhig auch mal einen Liebhaber zu gönnen. Und weiter heißt es dann: «Ja, dachte Anna, Ehebruch ist der Kracher». – Man ahnt als Leser, das kann nicht lange gut gehen!

Der Roman ist flott geschrieben und leicht lesbar, er vermittelt manch Wissenswertes über unser Nachbarland und seine Bevölkerung, das Lokalkolorit ist bewundernswert stimmig eingefangen. Auch die Sprache wird im Deutschkurs thematisiert, die Meditationen über Wortbedeutungen dort wirken aber eher albern, und auch die Methoden der Psychotherapie erscheinen mir nicht gerade stimmig. Letzterem war sich wohl auch die Autorin bewusst, sie weist im Nachwort explizit darauf hin, dass es sich um reine Fiktion handelt dabei. Die parallelen Handlungsstränge und diverse Rückblenden treiben, in kleinste Textfragmente zerlegt, den Plot abwechselnd voran, er zieht den Leser allmählich immer tiefer in seinen Bann. Für literarische Voyeure, um auch das nicht unerwähnt zu lassen, bietet die Autorin reichlich Verbalerotik, geradezu klinisch orgasmusorientiert allerdings, ohne jede Sinnlichkeit, ohne lustvolle Raffinesse, – die typische Prüderie Amerikas ist unverkennbar.

Wer sich – wie ich – ohne jede Vorinformation an diese Lektüre macht, merkt womöglich am Ende erst, dass die Heldin ihren Namen nicht zufällig trägt. Auf die russische Anna wird schon auf Seite zwei dezent hingewiesen, wenn es um die verblüffende Pünktlichkeit Schweizer Bahnen geht, der letzten Satz des Romans lautet dann ebenso beziehungsreich: «Für den restlichen Nachmittag und bis tief in die Nacht verspäteten sich alle Züge». Mehr sei hier nicht verraten, – die Klassikleser wissen ja ohnehin Bescheid. Der spürbar dem Creative Writing verpflichtete Roman wirkt lehrbuchartig konstruiert, seine Protagonistin ist als Figur überzeichnet, sie nervt irgendwann regelrecht. Stark aber ist das Ende herausgearbeitet, man ist betroffen von der Zwanghaftigkeit des Abwärtsstrudels und der erschreckenden Einsamkeit der unglücksseligen Anna.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Eichborn Verlag

Schwarmintelligenz

SchwarmintelligenzKlappentext:

Fisch- oder Vogelschwärme bewegen sich in verblüffenden Formationen, gelenkt durch unsichtbare Gesetzmäßigkeiten. Unsere Begeisterung für die Schönheit komplexer Systeme in der Natur kommt nicht von ungefähr, sagt der Naturwissenschaftler Len Fisher: Sie faszinieren uns, weil wir uns selbst nach den Prinzipien von Schwarmintelligenz verhalten.
Unterhaltsam und anschaulich zeigt Len Fisher nicht nur, welche Bedeutung die Intelligenz der Vielen in der Natur und für unser Leben hat, sondern wie sie funktioniert: bei der Lenkung von Verkehrsströmen, in sozialen Netzwerken wie Twitter – und bei der Suche nach dem besten Restaurant.
Mein Umriss:
Len Fisher zeigt in Beispielen das Verhalten von Bienen-, Heuschrecken-, Vogel- und Ameisenschwärmen auf und wie sich diese wie ein zufällig zusammen gefügter Organismus reagieren. Dass sich auch Menschen das Schwarmverhalten , sobald sie sich in der Masse befinden, zu eigen machen, erklärt er auf anschauliche Weise unter anderem mit übersichtlichen Zeichnungen. Was aus Schwarmverhalten entstehen und wie dieses zu beeinflussen ist, veranschaulicht er in diversen Rechen- und Tabellenbeispielen.
Dass sich z.B. Bienen in ihrem Schwarmverhalten beeinflussen lassen, zeigte er anhand eines Beispieles, bei dem den Tieren die Nasonov-Drüsen mit einem Farbtupfer verklebt wurden.
Anhand der Anmerkungen am Ende des Buches lassen sich Fishers Recherchewege gut nachverfolgen, wobei die Möglichkeit gegeben ist, sich weiter in diese interessante Materie einzulesen.
Mein Eindruck:
Dieses Buch war für mich leider eine herbe Enttäuschung. Mit Euphorie machte ich mich ans Lesen, erfuhr jedoch nur etwas über das Verhalten der Schwärme, das Wie und Warum blieb Len Fisher mir schuldig. 187 Seiten mehr oder weniger Blabla um nichts und bis Seite 268 Querverweise auf seine Recherchepunkte ließen mich dieses Buch eher unbefriedigt weglegen.
Für ein Sachbuch zwar eher leicht verfasst, sodass sich jeder Leser relativ schnell in der Materie wieder findet, aber leider nicht so lehrreich und informativ, wie ich es von einem Sachbuch eines Naturwissenschaftlers erwartet hätte.
Len Fisher wäre besser bedient gewesen, nur die Recherchepunkte in einem Handout zu veröffentlichen und den Rest dem Leser selbst zu überlassen. Nur so wird dieser über kurz oder lang die Informationen sammeln können, die er gerne zu diesem wirklich überaus interessanten Thema haben möchte.
Mein Fazit:
Ein Buch, das zwar optisch gut aufgestellt ist, aber dessen Inhalt mehr als zu wünschen übrig lässt.

 


Genre: Sachbuch
Illustrated by Eichborn Verlag

Männer, die in Schränken sitzen

christoph_kesslerBei Titel und Genre des Buches musste ich spontan an Oliver Sacks wundervolles Buch »Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte« denken. Und tatsächlich ist Sacks Werk über die dunklen Seiten der menschlichen Seele durchaus vergleichbar mit den Geschichten, die Christof Kessler erzählt.

Kessler, ein Neurologe, schildert mehrheitlich Fälle aus dem angrenzenden Fachgebiet, der Psychiatrie. Als Chef einer Greifswalder Klinik begegnete er beispielsweise einem Lokomotivführer, den seine Kollegen anfangs für einen Schlaganfallpatienten hielten, der jedoch durch einen blutigen Unfall traumatisiert und daraufhin eines Teils seiner Erinnerung beraubt wurde.

In einem weiteren Fallbeispiel präsentiert er den zwangsgestörten Nachbarn, der seine Frau verliert, weil er sich gegen die Behndlung seines Ordnungswahns wehrt. Einem vermögenden Ossi, dessen raffgieriger Sohn den Vater lieber tot als lebendig sähe, konnte er indes nicht helfen; der Filius verhinderte dies und bedrohte den Kliniker.

In der titelgebenden Story beschreibt Kessler einen Patienten, der Erstickungsanfälle in Aufzügen, Flugzeugen, Restaurants und Sälen bekommt und nach langem Widerstand durch eine Therapie geheilt wird, bei der der Patient kontrolliert in einen Schrank gesperrt wird.

Überhaupt scheinen die psychisch Erkrankten eine panische Angst davor zu haben, für »verrückt« erklärt zu werdenu und hoffen geradezu auf eine organische Erklärung ihrer Leiden. Nach der Devise, lieber ein Schlaganfall als ein »Dachschaden«, geben sie sich größte Mühe, eine »richtige« Krankheit diagnostiziert zu bekommen. Und Patienten mit einer ernsthaften neurologischen Erkrankung wie Hirntumor oder Multiple Sklerose würden am liebsten hören, es liege eine psychische Störung vor.

Immer wieder erinnert die Lektüre der Kesslerschen Erinnerungen daran, wie gut es Patienten hatten, die in seine Klinik kamen. Ganz offensichtlich arbeitete der Neurologe mit einem Team hochqualifizierter, motivierter Kollegen. Typisch ist das eher nicht, das Elend von Neurologie und Psychiatrie in deutschen Praxen und Krankenhäuser ist weithin bekannt. Monatelange Wartezeiten auf einen Gesprächstermin bei vielfach überforderten Therapeuten wetteifern mit einem Streit der Schulen und Lehrmeinungen von der klassischen Psychoanalyse über die Verhaltens-, Gestalt- bis hin zur Schematherapie. Bevorzugt wird derjenige, der sich hilfesuchend an einen Seelenklempner wendet, mit Psychopharmaka vollgestopft, deren Nebenwirkungen die Persönlichkeit teilweis bizarr verändert, ihm aber scheinbar »hilft«. Diese Aspekte spart Christof Kessler aus, obwohl sie ihm zweifellos bekannt sein dürften.

Bei einigen Geschichten drängt sich das literarische Bestreben des Autors in den Vordergrund. In »MRSA« beispielsweise baut er eine mehr oder weniger wilde Kriminalgeschichte um eine Hähnchenmastanlage auf, die er laut polizeilichen Ermittlungen angeblich in Brand gesteckt haben soll, weil seine Visitienkarte am Tatort gefunden wurde. Kesslers Versuche, Kurzgeschichten zu schreiben, treten hinter den spannend geschriebenen Fallschilderungen zurück.

Christof Kesslers Buch bietet jedem, der an den Grenzbereichen zwischen Neurologie und Psychiatrie interessiert ist, vielfältige Ansätze, seine Umwelt wie auch das eigene Sein zu betrachten und verfügt dabei über einen hohen Unterhaltungswert.


Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen, Neurologie, Psychologie
Illustrated by Eichborn Verlag

Die Sehnsucht der Atome

Ein äußerst ungewöhnlicher Kriminalroman ist „Die Sehnsucht der Atome“ von Linus Reichlin. Denn bei der im Titel erwähnten Sehnsucht der Atome geht es um einen Lehrsatz der Physik, der als Grundlage für die Existenz von Leben gilt. Danach treiben Atome, die stets aus einem Kern und Elektronen, die diesen Kern umgeben, bestehen, einen Zustand an, in dem ihre Schalen voll sind. Lediglich das Heliumatom wird nicht getrieben von dieser Sehnsucht, sich zu binden und geht mit keinem anderen Atom eine Symbiose ein.

So wie das in sich ruhende Heliumatom fühlt sich auch Inspektor Hannes Jensen aus Brügge, der nach dem Tod seiner Frau keine neue Bindung eingegangen ist. Doch der Autor spielt Schicksal und führt ihm eine wunderschöne Frau zu, die ihn nicht nur vollkommen verwirrt, weil sie blind und herrisch ist, sondern zusätzlich noch über intuitive seherische Fähigkeiten verfügt, die ihm rätselhaft bleiben. Und das geschieht so:

Eine Morddrohung, die ein amerikanischer Tourist erhält, ruft Inspektor Jensen auf den Plan. Da er den Mann als paranoiden Alkoholiker einschätzt, nimmt er dessen Hilferuf nicht ernst und hinterlässt lediglich seine Visitenkarte bei den Zwillingskindern, die im Gefolge des Mannes eine Weltreise unternehmen. Doch schon am nächsten Tag ist der Tourist ohne erkennbare Spuren von Fremdeinwirkungen tot, und die Zwillinge sind verschwunden. Jensen, der sich schuldig fühlt, die Drohung nicht ernst genommen zu haben, macht sich auf die Suche nach den Kindern und will den Fall klären. Dabei wird er von einer geheimnisvollen Blinden begleitet, die offenbar mehr über den Fall weiß, als sie dem Kriminalbeamten mitteilt. Als die beiden feststellen, dass auch die Mutter der Zwillinge urplötzlich verstirbt, wird Ihre Reise zum Wettlauf gegen die Zeit. Denn parallel zu ihnen ist ein weiterer Mann, der sich gewalttätig seinen Weg bahnt, auf der Suche nach den beiden Kindern.

Die Irrfahrt führt sie schließlich in das Innere von Mexiko, wo eine legendäre Heilerin in einem abgelegenen Bergdorf Hof hält und auch die Zwillinge beherbergt. Hier laufen nun alle Fäden aus erklärbaren und unerklärbaren, aus rationalen und spirituellen Welten zusammen, und selbst der sich vermeintlich für einen mit der Struktur eines Heliumatoms ausgestattete Jensen sehnt sich in einer alkoholschweren Nacht nach Verschmelzung und nähert sich der schönen Blinden.

Reichlin präsentiert einen intelligenten Kriminalroman, der die klassischen Grenzen des Genres überschreitet und sich auch einer klassischen Lösung entzieht. Der Titel des Buches hatte mich lange davon abgehalten, es trotz Empfehlungen zu lesen, zumal meine Physikkenntnisse unterirdisch sind, und ich auch nach der Lektüre des Buches nicht verstanden habe, wie denn die Verschmelzung der Atome nun eigentlich funktioniert. Dabei war mir indes vorher klar, dass der Mensch kaum dem Heliumatom ähnelt und schon aufgrund seiner Struktur Partnerschaft sucht. Deshalb überraschte es mich auch nicht, als der Inspektor nach Genuss diverser Flaschen Rotwein und Tequila auf Verschmelzung drängte …

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Genre: Kriminalliteratur
Illustrated by Eichborn Verlag

Wer reinkommt, ist drin

VerenaCarlMünchen in den 90er Jahren. WG-Küchen, Boots zum Mini-Rock, die erste E-Mail Adresse, Szene-Clubs und die berüchtigten
harten Türen – wer reinkam, war drin.
„Wer reinkommt, ist drin“ war einst titelgebend für die allererste Folge der unvergessenen Fernsehserie Kir-Royal, nun ist es der Titel von Verena Carls neuem Roman. Passt prima, spiegelt auch ihr Buch das mitunter absurde Leben in der Münchner Lifestyle-Gesellschaft. Die Autorin nimmt uns mit auf eine Zeitreise in die 90er, dem möglicherweise letzten Jahrzehnt der Sorglosigkeit und wirtschaftlicher Unbekümmertheit. In eine Zeit, als ein schlichtes „Wir gehen bald online“ auch harte Türen öffnen konnte. Verena Carl entwirft ihr Panorama der 90er mit Hilfe zweier ganz unterschiedlicher Frauen, beide Mitte Zwanzig und auf der Suche nach einem möglichst anspruchsvollem Platz im Leben, am liebsten in der medialen Avantgarde jener Tage.

Zuerst lernen wir Ulli kennen, Tochter aus gutem pfälzischen Gastronomen-Haus, eine Land-Pomeranze wie aus dem Bilderbuch. Sponsered by Daddy, inklusive Kleinwagen und erstem PC macht sie sich auf zum Studium in die Weltstadt München und findet sich aus purem Zufall in einer WG wieder mit Johanna, genannt Jo. Jo, die weiß, was und wie es geht, Scheidungskind, dafür mit hippen Eltern. Jo, die das Wort Generation Praktikum erfunden haben könnte, trotzdem aber unbeirrt an ihre große, glamouröse Medienkarriere glaubt. Die beiden Frauen haben zunächst wenig gemeinsam, verbindende Konstante, besser Nicht-Konstante ist Sascha. Sascha kommt aus dem Osten, was ihm aber allenfalls eine interessante exotische Note verleiht – mit der Politik haben es weder Ulli noch Jo so, auch wenn man sich gerne abgeklärt gibt. Ulli begehrt Sascha, dieser wiederum Jo, diese weiß nicht so recht. Eigentlich ist es ihr lieber, nicht nur von Praktikum zu Praktikum zu hüpfen, sondern auch von Mann zu Mann. Im Zuge der beginnenden New Economy stolpern dann allerdings erst Ulli und dann der eigentlich gar nicht ehrgeizige Sascha die Karriereleiter hoch, während Jo…… „München, diese Glücksversprechungsmaschine, dieser einarmige Bandit mit den bunten Knöpfen. Was hatten sie da alles hineingeworfen, Jo und sie. Aber nie war herausgefallen, was sie sich gewünscht hatten in diesem lang vergangenen Sommer.“ Denn dann kommt alles anders und zweitens, als man denkt. Der Roman lebt von den unterschiedlichen Figuren, deren Geschichten sich nicht im Seichten verlieren, sondern durchaus auch Brüche durchleben und die sich überraschend und geschickt konträr, aber dennoch aufeinander zu entwickeln.

Verena Carl erzählt leicht und locker, ohne ins allzu Seichte oder Kitschige abzurutschen. Gerne erinnert man sich mit ihr an die vielen Attribute jener Epoche und schwelgt für eine kurze Zeit wieder im damaligen Gefühl der Leichtigkeit des Seins. Schnell erkennt man aber auch die Geschichten wieder, die klarmachen, wie zerbrechlich Lebensträume sind, und wie oft eine Chance nur durch den Zufall bestimmt wird. Der Buch ist sehr auf die persönliche Ebene seiner Figuren ausgerichtet, es ist ganz sicher kein politisch motiviertes. Und dennoch – ist es nicht gerade das Fehlen der politischen Diskussionen und Intentionen, die entlarvend sind für diese Zeit? Gerade heute kommt man bei der Lektüre nicht umhin, sich zu fragen, ob vieles von dem Chaos, der Nicht-Bereitschaft zu Verantwortung nicht auch in diesen schaumschlagenden 90er Jahren begründet liegt.
Fazit: Ungeachtet dieser Gedanken sei „Wer reinkommt, ist drin“ denjenigen empfohlen, die sich gerne noch mal an die 90er erinnern mögen, die gerne gut erzählte Lebensgeschichten lesen und die ein längst vergangenes Lebensgefühl noch einmal aufleben lassen möchten.

Die Autorin: Für die entworfenen Lebensläufe von Ulli und Jo hat Verena Carl Anleihen bei sich selbst getätigt. Die gebürtige Freiburgerin ging fürs Studium nach München, über die in den damals ganz neu aufkommenden, bis heute beliebten Poetry Slams kam sie zum Schreiben und lebt heute als freie Autorin und Journalistin in Hamburg. Sie absolvierte die Berliner Script Akademie, was dem Buch im Übrigen auch durchaus anzumerken ist. Dürfte sich prima als Drehbuch-Vorlage eignen. Da die Geschichte gerade auch für Akteure jedweden Medienzirkus sentimentale Erinnerungen an verschwenderischere Zeiten birgt, ist die Prognose, Ulli und Jo demnächst wenigstens im Fernsehfilm der Woche agieren zu sehen, wohl nicht allzu gewagt.
Mehr über die Autorin auf ihrer Homepage der schönen Worte.

Kleine Anmerkung zum Schluss:
„Wer reinkommt, ist drin“ ist eins der ersten Bücher, welches der Eichborn-Verlag in seinem neuen Zuhause unter dem Bastei Lübbe Dach herausgebracht hat. Bastei Lübbe hatte versprochen, den Stil des „frechen Verlages mit der Fliege“ beizubehalten. Der Anfang ist gemacht, hier stelle ich erfreut fest, ein typisches Eichborn-Buch in den Händen zu halten. Wenn es was zu meckern gibt, dann allenfalls am ziemlich pinken Cover. Hätte ich es so in der Buchhandlung gesehen, ohne vorher etwas darüber zu wissen, ich wäre daran vorbei gegangen. Fälschlicherweise in die Sorte Frauenlektüre eingeordnet, die ich nicht lese. Das ursprüngliche geplante Cover, noch auf der Webseite des Eichborn Verlags zu sehen, gefällt mir schon alleine wegen des im Buch so oft erwähnten Tulpenvorhangs wesentlich besser. Aber wie gesagt – wenn mehr nicht zu meckern ist – ist das Buch gut.

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Genre: Romane
Illustrated by Eichborn Verlag

Grau

\"grau\"Ein Mann sieht rot. Und das ist auch gut so. Denn Eddie Russett lebt in einer Welt, in der jeder Mensch nur eine Farbe sehen kann. Wenn er Glück hat. Denn es gibt auch noch die Grauen. Die, die gar keine Farbe sehen können und ganz unten in der Hierarchie als unterwürfige Drohnen ihres Kollektivs dienen müssen. In Eddies Welt ist Farbe zu einer Ware geworden, welche die soziale Hackordnung bestimmt. Machtbefugnisse basieren ausschließlich darauf, welche Farbe man wie gut sehen kann. Eddie steht kurz vor dem gesellschaftlichen Aufstieg, durch seine exzellente Rotsicht sind seine Chancen auf dem Heiratsmarkt bis hin zur Erbin eines Bindfadenimperiums gestiegen. Er lebt in einer Welt, 500 oder 600 Jahre nach dem \“großen Ereignis\“, genau weiß man das nicht. Es herrscht Löffelknappheit, dafür gibt es zum Glück Ovomaltine im Überfluss. Das Land ist fruchtbar. Es leben dort nicht allzu viele Menschen, dafür Sprungziegen und Antilopen. Äußere Zeichen früherer Zivilisation sind von wildwuchernder Megafauna verdeckt. Was der aggressive Rhododendron nicht schafft, wird durch verordnete Rücksprünge vernichtet. Höflichkeit ist verordnet, das Leben genau geregelt. Mit geschürter Angst vor Schwanattacken, Blitzeinschlägen und der Dunkelheit wird das Volk in Schach gehalten. Eddie fühlt sich nicht unwohl in dieser Welt. Wenn er nun noch lernt, seine Neugier und seine Kreativität im Zaume zu halten, dann steht einem erfolgreichen Leben als roter Präfekt nichts mehr im Wege. Womit er nicht gerechnet hat, ist die Liebe. Wider jede Vernunft verliebt er sich in Jane. Jane ist zwar wunderbar stupsnasig, aber eben auch der verachteten grauen Unterschicht zugehörig. Das ist fast genauso schlimm, als wenn sie Grüne wäre, denn intime Verbindungen zwischen Komplementärfarben sind verboten. Plötzlich hat Eddie mächtige Feinde, erfährt unbequeme, bestürzende Wahrheiten und seine Angebetete erwidert seine Liebe nicht. Sie ist nämlich nicht nur stupsnasig und eigensinnig, sondern hütet auch noch ein explosives Geheimnis, von dem Eddie bereits viel zu viel herausgefunden hat. So bleibt ihr nichts anderes übrig, als alles zu versuchen, Eddie den fleischfressenden Yateveo Bäumen zum Fraße vorzuwerfen.

Jasper Fforde hat eine perfekt entworfene Welt gebaut, bis ins kleinste Detail durchdacht , überbordend vor Phantasie und Ideenreichtum. Anschaulich zeigt er, wie eine Diktatur funktioniert, was sie sympathisch macht und was angreifbar. Zum Beispiel die unüberschätzbare Macht der Neugier und die Wahrheit. Fforde selber sagt, dass es erschreckend einfach war. eine Hierachie zu erfinden. Er begann mit ein paar ganz einfachen Regeln, schuf eine Ordnung, die auf Farbwahrnehmung beruht und \“sobald er einen Schuß Ehrgeiz und Missgunst zugab, kam ihm alles irgendwie entsetzlich vertraut vor.\“ Er fasst in seiner Dystopie so manches heiße Eisen an, bis hin zur institutionalisierten Sterbehilfe, enthält sich aber jeder Wertung. In \“Grau\“ entfaltet sich eine völlig neue, andersartige Welt. Abstrus und befremdend, in ihrem Wiedererkennungswert jedoch fast schon genial. Der Handlung tut es gut, dass Fforde nie der Versuchung erliegt, das \“große Ereignis\“ näher zu spezifizieren. Sein humorvoller Stil macht Spaß, besonders die versteckten Anspielungen auf unsere heutige Welt, sich z.b. manifestierend in Namen oder Buchtiteln. Die Handlung verliert nie ihren roten Faden, hat jedoch einige Längen. Gerade im letzten Drittel , wenn die chromatokologische Welt einmal hinreichend gezeichnet ist, ist es oft des Guten ein bißchen zuviel. Da wird eine Intrige nach der anderen gesponnen, Verschwörungen geplant und man wünscht sich, er würde jetzt irgendwann mal zum Punkt kommen.

Die Geschichte um Eddie Russett ist als Trilogie angelegt und trotz der erwähnten Kritikpunkte darf man gespannt und unüberschätzbar neugierig auf die Fortsetzung sein. \“Grau\“ ist ganz sicher kein Sprung zurück und mehr als nur ein Hüpfer nach vorne unter den allzu oft immer gleichen Zukunftsvisionen.

Der in Wales lebende Jasper Fforde wurde 2001 weltbekannt mit dem Roman \“Der Fall Jane Eyre\“ und erschrieb sich mit seiner Thursday Next Reihe eine beständige Fangemeinde. Ins Deutsche übersetzt wurde das Buch von Thomas Stegers. Bei all den von Fforde neu erfundenen Begriffen sicher kein leichtes Unterfangen, hier aber sehr gut und sorgfältig gelöst, wie im Fall des gerade im Deutschen sehr doppeldeutigen Mustermanns.

Zum Buch gibt es neben der Facebook Fanseite auch eine Microsite und einen Trailer. Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Genre: Science-fiction
Illustrated by Eichborn Verlag

Elf Leben

MarkWatson
„Überschätzen die Leute, was sie verändern können oder unterschätzen sie es?“ Um diese zentrale Frage menschlichen Daseins dreht sich ein kluges, überraschendes Buch des Briten Mark Watson. Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann einen Sturm entfachen oder jeder kennt jeden um höchstens 6 Ecken. Diese Theorien sind nicht neu, Wissenschaftller aller Couleur und sogar soziale Netzwerke wie Xing mühen sich, den Beweis dafür zu erbringen. Neu ist, dass ein Autor den Versuch wagt, sich dieser Theorien literarisch anzunehmen. Mit Elf Leben ist Mark Watson mehr als das gelungen.

Xavier Ireland ist der Domian Großbritanniens. Moderator einer nächtlichen Radiosendung, in der Menschen anrufen, die schlaflos in London ihre Geschichten wälzen und sich von Xavier die Lösung ihrer Probleme auf einem Silbertablett erhoffen. Xavier hört ihnen zu, agiert jedoch mehr am Rande dieser Geschichten. Wohl gibt er Hilfestellung, aber er mischt sich nicht ein. Der Leser vermutet schnell, dass dies mit seiner eigenen Geschichte zu tun hat. Wenig gibt er von sich preis. Gerade soviel, dass man weiß, Xavier ist in Australien aufgewachsen, er hatte dort Freunde und eine große Liebe – um von einem auf dem anderen Tag wegzugehen und auf einem fernen Kontinent unter neuem Namen ein neues Leben zu beginnen, als eben jener Radiomoderator. Erst die Begegnung mit der exzentrischen, vor Leben sprudelnden Pippa, die trotz ihres eigenen Schicksals nie aufhören kann, sich einzumischen, die Xavier zunächst nur widerstrebend als Putzfrau in sein Leben lässt – erst diese Begegnung und die aufkeimende Liebe brngt ihn dazu, sich seinem Leben und seiner Vergangenheit zu stellen. Eine Entscheidung herbeizuführen, was er mit seinem Leben wirklich anzufangen (ver)mag. Soweit der vordergründige Plot. Im Hintergrund kreuzen sich zehn weitere Lebenswege. Mit Xavier sind dies die titelgebenden elf Leben, deren Schicksale unausweichlich miteinander verbunden sind. Sie werden sich nie begegnen, nie voneinander erfahren, aber das Handeln Xaviers, besser gesagt, sein Nicht-Handeln bleibt nicht ohne Einfluss auf die Schicksale dieser Menschen und sein eigenes.

Die eingangs gestellte Frage beantwortet diese Buch mit einem klaren „Du kannst das Leben von jemand ändern, ohne es überhaupt zu wissen. Es ist viel einfacher, Dinge zu wissen, als sie zu beherrschen..“ Im Roman werden die elf Schicksalsfäden zusammengeführt, es schliesst sich ein Kreis. Anders und bestürzender als gedacht und erhofft. Dem Leser bleibt die Hoffnung, dass das Leben „Begnadigungen in letzter Minute“ gewährt und der Kreis ein Schlupfloch lässt.

Elf Leben ist ein kluges, tief beeindruckendes und lange nachwirkendes Buch. Anspruchsvoll ob der vielen sich kreuzenden Geschichten und handelnden Personen schafft der Autor den Spagat zwischen Leichtigkeit und Tiefsinn. Den Leser stößt er in ein Wechselbad der Gefühle – charmante, feinfühlige Momente und scharfsinnige Beobachtungen lassen ihn lächeln und Tränen blinzeln zugleich. Er gibt ihm keine Lösungen mit auf dem Weg, aber viele Denkanstöße. Mark Watson schreibt, als wäre ihm die Geschichte mit Leichtigkeit aus der Feder geflossen, als hätte er nur notiert, was das Leben ihm diktierte. Nicht wenige Kritiker zogen den Vergleich zu Nick Hornby, ich finde ihn zu bemüht. Hornbys Geschichten sind wie aus einem Guß, ein melancholischer Unterton schwingt immer mit. Bei Mark Watson ändert sich der Ton, als er beginnt, die Tragödie des Xavier Ireland zu erzählen und trotz der Dimensionen dieser Ereignisse und dem überraschenden Ende verliert das Buch nie seinen optimistischen Unterton. Watson findet eine eigene Sprache für seine Geschichte, lakonisch und stilvoll zugleich. Manche Sätze sind so leicht, aber pointiert, dass man erst locker über sie hinweg liest, um nach einem kurzen Innehalten nachdenklich und tief berührt zu ihnen zurückzukehren. Lange wiegt er den Leser in falscher Sicherheit. Vom leichten Ton der ersten Hälfte getragen, war ich mir ziemlich sicher, welcher Art das große Geheimnis ist, welches Xavier umgibt. Aber – selten so daneben gelegen. Die zugrunde liegende Tragödie ist alles andere als lapidar, sie ist vielmehr in der Tat ein Grund dafür, dass ein Mann so aus der Welt fallen kann wie unsere Hauptfigur. Zusätzlich stockt dem Leser irritiert der Atem, wenn Watson den Kunstgriff anwendet, by the way der Zukunft vorzugreifen. So endet eine entscheidende Begegnung mit der simplen Feststellung „Sie gaben sich die Hand. Zwei Männer, die sich nie mehr wiedersehen werden“. So, als ob doch schon alles vorherbestimmt und auch durch Einmischen nicht mehr zu ändern wäre. Ebenso überraschend endet der Roman nicht an der Stelle, wo der Leser es erwartet hätte. Watson schreibt es auch noch ganz deutlich „Hier könnte die Geschichte enden“. Doch das tut sie nicht. Genauso ist das Leben eben nicht. Es ist nicht wie die Scrabble-Turniere, mit denen Xavier seine Sonntagnachmittage verbringt.

Mein Fazit: Den Wert der Buchstaben in Elf Leben hat Watson definitiv mehr als verdoppelt. Ich empfehle dieses sehr besondere Buch – selten genug – uneingeschränkt.

Der Autor: Mark Watson ist ein in England sehr beliebter Romanautor, Kolumnist, Radio- und Fernsehmoderator und Stand-Up Comedian. Studierter Literaturwissenschaftler und Umweltaktivist, ausserdem als Blogger noch einer von uns. Elf Leben ist sein erstes in Deutsche übersetze Buch. Ich für meinen Teil hoffe inständig auf weitere.

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Genre: Romane
Illustrated by Eichborn Verlag

So viel Zeit

51l+gGmt2XL._SX314_BO1,204,203,200_Sagen, wie die Dinge sind. Klartext reden. Gerader Blick und offene Worte. Dafür sind wir berühmt berüchtigt. Wir hier im Ruhrgebiet. Geliebt, lange auch schon über die Grenzen des Ruhrgebiets hinaus ist dafür „unser“ Autor Frank Goosen.
Sein nach meinem Dafürhalten bestes Buch legte er vor zwei Jahren vor: „So viel Zeit“. Vor einigen Wochen nun legte ich dieses Buch dem geschätzten Mit-Rezensenten Ulrich Kretzler mit innigen Worten an sein Herz. Zu meiner Freude empfand er es genauso.

Bei Frank Goosen ist Fünf die magische Zahl, um Gefühle und Erinnerungen in den Griff zu bekommen.
Bei uns ist es die Zwei. Denn nun folgt: unsere gemeinsame Rezension zu diesem wunderbaren Buch. So viel Zeit muss jetzt einfach sein.

(Britta Langhoff in ruhrigem Schwarz, Ulrich Kretzler in bayerisch blau)
Konni, Bulle, Rainer und Thomas sind alte Bochumer Schulfreunde, die sich als inzwischen gestandene Mittvierziger mehr oder weniger eingerichtet haben in ihrem alltäglichen Leben, ohne jedoch selbst so richtig von dem überzeugt zu sein, was sie da tun. Allerlei Beziehungs- und andere Krisen tun ein Übriges, um nagende Zweifel zu schüren und so bleiben die regelmäßigen Doppelkopf-Abende einzige Konstante der gemeinsamen Freundschaft. Während einer dieser nicht immer harmonisch verlaufenden Veranstaltungen beschließen die vier – auch im Hinblick auf das bevorstehende 25-jährige Abiturtreffen – zu vorgerückter und feuchtfröhlicher Stunde eine Rockband zu gründen und sich so einen vermeintlichen Traum der verlorenen (?) Jugend zu erfüllen.

Gesagt, getan: Zügig werden die nötigen Instrumente (samt Roadie) erworben und allen Widerständen im jeweiligen persönlichen Umfeld zum Trotz die unvermeidlichen Übungen und Vorbereitungen aufgenommen. Die handwerklichen Grundlagen eignen sie sich vergleichsweise rasch an, aber dennoch müssen die Freunde feststellen, dass ihnen das gewisse Etwas fehlt und so erinnert man sich an den Schulfreund Ole, der früher genau dieses kreative Element verkörperte und damals direkt nach dem Abitur unter nie ganz geklärten Umständen nach Berlin geflohen ist. Man bricht also spontan auf in die Hauptstadt und setzt damit eine Kette von Ereignissen in Gang, die das Leben aller Beteiligten vom Kopf auf die Füße stellen werden…

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mir der Autor bis vor nicht allzu langer Zeit lediglich als Kabarettist, Hardcore-Fan des VfL Bochum und Kicker-Kolumnist ein Begriff war und so bin ich wieder einmal froh und dankbar, dass es hier in Blogsdorf Leute gibt, die wesentlich belesener sind als ich, denn sonst hätte ich definitiv etwas verpasst: Frank Goosen hat mit seinem vierten Roman nichts weniger als ein echtes Meisterwerk geschrieben.

Man spürt in seinem Buch viel Herzblut, was ja ein durchaus riskantes Unterfangen ist, denn allzu oft triefen solche Erzeugnisse von Pathos oder Wehleidigkeit. Der Autor vermeidet derartige Peinlichkeiten geschickt, indem er mit feinem Sprachwitz, ironischer Distanz und trockenem Humor bisweilen zwar Melancholie oder Nostalgie aufkommen lässt, sich dabei aber niemals in Sentimentalität oder falscher Verklärung der Vergangenheit verliert.

Es ist ein Buch, geschrieben von einem Mann über Männer, bei weitem aber kein Buch nur für Männer. Auch mich hat dieses Buch mitten ins Herz getroffen und von der ersten Seite tief in seinen Bann gezogen. Die Macht der Vergangenheit, beziehungsweise die Erinnerung an diese, treibt ja nun nicht nur die in einer Doppelkopfrunde konservierten Goosen’schen Protagonisten. Beruf erlernt, mehr oder minder Karriere gemacht, Ehepartner gefunden (und verloren), Kinder gezeugt und (v)erzogen, Eigenheim angeschafft, tolles Auto… – alles erreicht, was vor langer Zeit als „Lebensziele“ angepeilt war. Jetzt kommt die Ernüchterung und die Wehmut. Geht es nicht allen Forty-somethings so? Im Buch ist die wiederauferstandene Band ein demonstrativer Akt, dem Gefühl entgegenzuwirken, alt und verbraucht zu sein und damit zu der doch allgemeingültigen Gewissheit führt, „dass man immer noch Kontakt aufnehmen kann zu seinem früheren Ich“.

Ohne seine anderen alle von mir aufrichtig gemochten Bücher schmälern zu wollen: „So viel Zeit“ ist ein großartiger Roman mit hohem Unterhaltungs- und Wiedererkennungswert (nein, ich werde hier nicht verraten, in wem ich mich wiedererkannt habe), der neben Witz und ironischer Distanz auch Trauer und Gebrochenheit ohne Kitsch und Mitleidgedöns überzeugend zum Ausdruck zu bringen vermag.

Und so ist das Ergebnis rundum gelungen: Eine Hymne auf die Freundschaft, ein Plädoyer für die Verwirklichung von Träumen, eine Ode an die Musik, die Leben retten kann und last but not least eine Liebeserklärung an das Leben und die Menschen im Ruhrpott.

Ulrich Kretzler/ Britta Langhoff


Genre: Romane
Illustrated by Eichborn Verlag

Villa Ginestra

Ein sehr beeindruckender Debüt-Roman, weil der Autor wirklich etwas zu erzählen hat. Er ist reich!

Zwischen den Weltkriegen wird der Protagonist Harry, der zugleich der Ich-Erzähler ist, geboren. Er wächst in einer Welt des Geldes auf. Der Clan, der ursprünglich aus Amerika stammt, siedelt sich in ganz Europa an. Es gibt nur zwei Devisen in dieser Familie: Geld vermehren! Und Geld vermachen!
Erster Satz: “Kodizill, Nießbrauch, Nacherbe, Zusatzklausel, Testierfähigkeit, Ersatzvermächtnis – all diese Begriffe waren meiner Schwester, mir und unseren Cousinen und Cousins von frühster Kindheit an so geläufig wie anderen Kindern biblische Geschichten.”
Dieser Reichtum ist inhaftiert auf Geldkonten der Bank der Familie. Ihre Mitglieder leben sehr spartanisch, nur ein Minimum an Luxus wird ihnen vergönnt, gerade so viel, dass es zur Vermehrung förderlich ist, aber nie sinnlos vergeudet wird.

Harrys Tante Renée, die schillernde Figur im Roman, rebelliert gegen diese Traditionen. Sie entzieht ihr Geld der Hausbank, lebt in der extravaganten “Villa Ginestra” in Florenz und verschwendet ihren Reichtum an Kunst und Kultur. Sie ist dem Clan ein Dorn im Auge, und Harrys Vater versucht durch seinen Sohn, indem Renée ihm ihr Vermögen vermacht, wieder an das Familien eigene Geld heranzukommen. Und so besucht Harry seine Tante mit 14 das erste Mal, womit der Roman beginnt.

In der “Villa Ginestra” lebt ein ständiger Gast, Craig Perrin, der “Hausgeist”, ein Engländer mit spitzer Zunge. Künstler jeglicher Art kommen und gehen, und Renée als vorbildliche Gastgeberin gewährt allen ihre Individualität. Oft dient der Aufenthalt in der Villa für die Künstler als eine Zeit der Erholung aus der Schaffenskrise heraus, als eine Zuflucht. Bis dann der nächste Krieg vor der Türe steht.

Die Atmosphäre des Werkes ist sehr intensiv und wird von der einzigartigen Figur Renée getragen: Erhaben und gesättigt.
Durch diese Eigenschaften kann sie anderen Menschen ihre Persönlichkeit lassen, insbesondere Craig, der ihr nicht offenbart, warum er als dauerhafter Gast in der Villa lebt.

Aber die Erhabenheit und Sättigung findet sich auch in den anderen Ebenen wieder. Nicht nur die Handlungsebene bedient sich dieser Stimmung, auch die Ebene des Geldes, Anspielungen auf die jüdische Geschichte und deren Traditionen, und darüber hinaus die Ebene, die dem Leser den Spiegel vorhält.

Mit jeder Schicht der Charaktere, die der Ich-Erzähler offenlegt, offenbaren sich menschliche Schwächen. Aber nie mit erhobenem Finger, sondern stets im Stillen, was sehr nachdenklich stimmt.
Und so habe ich dieses Buch sehr ruhig und langsam genossen. Habe das Treiben der männlichen Figuren, das Buhlen um die Alleinherrschaft an der großen Lady verfolgt, und all ihre Züge in mir aufgesogen und reflektiert.

Fred Licht, der ein erfahrungsreiches Leben hinter sich hat (In Berlin 1928 geboren, nach Amsterdam, dann nach Paris verzogen, um 1936 zurück nach Deutschland zu ziehen. Doch 1940 mussten sie durch ihre jüdische Herkunft wieder über Paris und Italien nach New York umsiedeln. 1947 kehrte Licht zurück nach Europa, studierte in Basel Kunstgeschichte, und lebt seit 1959 verheiratet in Italien, Venedig. Bisher galten seine Veröffentlichungen kunsthistorischen Themen, dies ist sein erster Roman.), schreibt wie dieses reich!
Seine Sprache ist gediegen, und ich hoffe, dass ihm noch genügend Zeit verbleibt um weitere Romane schreiben zu können.

Eine wirkliche Empfehlung!


Genre: Romane
Illustrated by Eichborn Verlag

Mein Leben als Suchmaschine

Freitag früh. Sitze in der Küche und schaue aus dem Fenster. Schalte das Radio an. Spricht ein Mann drin. Redet über Lemgo. Klingt ziemlich monoton. Laut Ansager ist er »der lustigste Mann der Welt«. Na ja.

Fahre meinen Rechner hoch. Aktualisiere meine Podcasts. Da spricht der Typ schon wieder. Nennt sich »Horst Evers«.

Jetzt klingelt es zum Überfluss auch noch an der Tür. Der Postbote bringt ein Buch. Is ne Neuerscheinung. Mit Sperrvermerk. Stammt auch von diesem Evers. Muss ich lesen. Mist. Jetzt soll ich also auch noch arbeiten!

Schalte das Radio wieder aus.

Horst Evers, Träger des Deutschen Kleinkunstpreises 2008 und anderer Würden, hat es nach jahrelangem Tingeln durch Dorfschenken und Lesebühnen geschafft, sich an die Spitze der deutschsprachigen Geschichtenerzähler zu lesen. Seinen Stil beschreibt er in einer seiner Kurztexte selbst: »Kaum mehr Lust auf ganze Sätze. Für Verben zu müde. Objekt? Selten.«

Evers erzählt Geschichten. Sie sind kurz, vielleicht drei Minuten lang, und sie entfalten ihren Charme besonders, wenn der Verfasser sie selbst vorträgt. Dann betritt ein blasser, nahezu kahlköpfiger, tendenziell übergewichtiger Mann im roten Hemd die Bühne. Sein bloßes Erscheinen löst bereits Gelächter bei Stammhörern aus. Er spricht in bedächtiger Art und wirkt dabei so, als schaue er dem eigenen Gedanken bei dessen träger Entwicklung zu. Ihn kennzeichnet Lethargie und Schluffigkeit, und wüsste man es nicht besser, man würde ihn eventuell sogar für einen Trottel halten.

Horst Evers beschreibt sich in seinen Geschichten gern als naive Figur mit Sinn für alltägliche Schicksalsschläge. Häufig kommt sein Fahrrad abhanden, weil er vergisst, wo er es zuvor angekettet hat. Geschieht ihm derartiges bei einem seiner geliebten Kneipenbesuche, kehrt er zur Theke zurück und säuft weiter, da sich bekanntlich die meisten Probleme von selbst lösen. Gern verlegt er auch Kleidungsstücke, die er dann verzweifelt sucht. Im Ergebnis empfindet er sein gesamtes Leben als Suchmaschine und findet so auch den Titel seiner inzwischen dritten Geschichtensammlung in Buchform.

Wer allerdings hinter dem Buchtitel eine Sammlung von Storys rund um die EDV vermutet, der irrt. Evers ist vielmehr Spezialist für das Alltägliche. Er schildert die kleinen Irrungen und Wirrungen des Lebens und dehnt diese gern bis in die letzte Gehirnwindung aus. Im Schneckentempo seiner gedanklichen Entwicklung liegen der Reiz und auch der Witz des Everschen Humors. Er versteht es, kleine absurde Begebenheiten und Beobachtungen aus dem Alltag geschickt zu pointieren und zu humorvollen Anekdoten oder Liedtexten zu verarbeiten. Dabei gelingt es ihm, im Alltäglichen das Phantastische zu entdecken und dem Leser ein Schmunzeln zu entlocken, weil er sich wieder erkennt. Das ist die unnachahmliche Stärke des Autors und Kabarettisten aus Berlin.

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Genre: Humor und Satire
Illustrated by Eichborn Verlag

Heimsuchung

Das 20. Jh. im Zeitraffer gefasst.

Im Prolog beginnt Erpenbeck mit einer Zusammenfassung des Protagonisten, eines Seeufers östlich von Berlin. Vor vierundzwanzigtausend Jahren war das Land dort eine Eisfläche, später ein Gletschergebiet, dessen Eis mit der Zeit schmolz, woraus dann diese Seenplatte mit Hügellandschaft entstand.

Zu Beginn des 20. Jh. wird dieses Ufergrundstück in Parzellen aufgeteilt, verkauft, und bebaut. Die einzelnen Eigentümer stellen sich dem Leser vor, und zwischendurch taucht immer wieder der Gärtner auf, der der Handlung treu bleibt. Er verbindet quasi die einzelnen Schicksale.
Die Menschen am See durchleben das Kaiserreich, die Weimarer Republik, die Nazizeit, den Krieg, die DDR und den Mauerfall. Aber es sind außer dem Gärtner jeweils andere Figuren, manche sterben, andere werden vertrieben, einige kehren wieder. Die Grundstücke am See werden teilweise zur Pacht vom Gemeingut erworben, um dann arg umstritten zu werden wem welche Rechte und Besitzansprüche zugewiesen werden können.

Die Idee einen Ort als Protagonisten auftreten zu lassen, ist nicht neu. (“Die Brücke über die Drina” Ivo Andric, “Im April” Christina Viragh u.a.) Dennoch war ich von diesem Episodenroman sehr angetan, hält er doch in sachlich nüchterner Sprache, manchmal zynisch gespickt, das vergangene deutsche Jahrhundert fest. Ein Zeitzeugnis für kommende Generationen.

Für mich ganz persönlich kamen die einzelnen Schicksale zu kurz, sie sind lediglich angerissen. Aber das ist ein subjektives Empfinden als Liebhaber der Wälzer und Tiefe.

Der Roman ist nicht einfach zu lesen, man sollte sich – und das verdient er auch – eine Weile mit ihm beschäftigen. Denn er beinhaltet unsere Zeitgeschichte, zusammengerafft und wirkungsvoll transportiert.


Genre: Romane
Illustrated by Eichborn Verlag

Die Geschichte meiner Frau

Eine zeitlose Geschichte, die zeigt wohin Besessenheit führen kann!

Jacob Störr ist Seemann. Als grobschlächtiger Kapitän ist er auf den Meeren der Welt zuhause. Bis er eines Tages Lizzy kennen lernt. Sie ist eine Schönheit, grazil, leichtfüßig und ihr edles Auftreten sorgt überall für Aufregung und Entzücken.
Schon kurz nach der Heirat entdeckt der Seebär einen Nebenbuhler, der dem Paar nach Paris gefolgt ist. Doch das maßlose Auftreten des Protagonisten lässt den Rivalen schnell das Weite suchen, und die Zwei verbringen glückliche Monate.

An dieser ersten Reaktion des Kapitäns erkennt der Leser schnell, dass es sich hier im Roman um eine Figur dreht, die nicht so einfach zu nehmen ist. Sie ist in einer Vielzahl von Widersprüchen verstrickt, denn auf der einen Seite berichtet der Ich-Erzähler von gravierenden Fehlern seines Tun und Handelns, die er auch gerne ins Lächerliche zieht, und auf der anderen möchte er als der waghalsige Seemann erscheinen. Dementsprechend wirken seine Äußerungen oft bizarr.
Auch wird sehr schnell klar, dass er selber den Dreh- und Angelpunkt dieses Romans darstellt, der ein Selbstportrait und ein Entwicklungsroman zugleich ist.

Darauf folgen zahlreiche Episoden, die die Sucht des Protagonisten aufzeigen, nämlich die Eifersucht. Was hält er nicht alles seiner Frau vor? Was denkt er sich alles über ihre Freundinnen aus? Oho, ein Brieffreund, da muss doch noch etwas anderes dahinter stecken. All seine Gedanken verdichten sich immer mehr zu einem wahnsinnigen Phantasiebild. Dies wird zwar mit viel Humor und einer guten Portion Selbstironie vorgetragen, aber es gibt Stellen, da konnte ich als Leser nicht mehr. Ich musste das Buch beiseite legen, innehalten, und die groteske Egozentrik ein wenig absacken lassen.

Wohin dann diese Entwicklung, dieses fanatische Denken führt, wird ausführlich im letzten Drittel beschrieben. Es kommt zur Scheidung, und er begibt sich wieder auf See. Denn in den Jahren der Ehe vermochte er dies nicht, er musste sie tagtäglich sehen und überwachen. Acht Jahre umsegelt er darauf die Welt und kommt mit neuen Einsichten wieder an Land …

Der Roman liest sich recht flott, und ist sehr humorvoll geschrieben. Nur in der Mitte hatte ich mit der maßlosen Eifersucht meine Schwierigkeiten, die ich nicht ganz nachvollziehen konnte, die aber durch ihre starrsinnige Haltung den Roman sehr zeitlos macht, ja, ihn sogar aktuell wirken lässt.
Ein besonderes Vergnügen beim Lesen bereitet die handschmeichelnde Samtausgabe aus der „Anderen Bibliothek“ des Eichborn-Verlags – sicher auch sehr gut als Weihnachtsgeschenk geeignet.

Über den Autor:
Milán Füst wurde 1888 in Budapest geboren und verstarb dort 1967. Er gilt heute unter Kennern als einer der bedeutendsten Lyriker, Dramatiker und Essayisten Ungarns. Populär wurde er allerdings mit seinem einzigen Roman “Die Geschichte meiner Frau”, der in viele Sprachen übersetzt wurde.


Genre: Romane
Illustrated by Eichborn Verlag

Das Ouzo-Orakel

Bodo Morten ist in die Jahre gekommen und hat sich auf eine griechische Insel zurückgezogen. Aus dem einstigen Frauenversteher und Kampfsüffel ist ein vierschrötiger, rothaariger, barfüßiger Asket von dreiundvierzig Jahren in grünem Polohemd und kurzer Cargohose mit einem Rauschebart wie ein Bienenstock geworden. Der Sonderling und Frührentner wohnt seit vier Jahren am Ionischen Meer und führt in gynäkologischer Gelassenheit, die er sich anmeditiert hat, ein mönchisches Leben als Privatgelehrter. Sein in jede Minute geordnetes neues Schubladendasein verdankt er einem Intensivaufenthalt in der Psychiatrie, der ihn wieder auf die Füße gestellt hat

Das alles funktioniert gut, bis eines schönen Hochsommertages Bodos vom Eheleben frustrierte Jugendliebe Monika auf der Suche nach ihrem Göttergatten in dem griechischen Ferienort aufläuft, und er erneut in ihren meergrünen Augen versinkt. Ab sofort wird er Monika-Mentor, -Intimus und –Therapeut und verknallt sich schließlich in seine Prinzessin aus Kinderzeiten. Doch alles kommt anders als es kommen könnte, und der Schluss jener Episode endet burlesk in Schulzenscher Höchstform, zumal er auch wieder brennenden Durst bekommt und seine Kindheitserinnerung ihn an jene Kiosk-Krähe führt, die ihm beim Kauf von Alkoholika entgegen schmetterte: »Na, haddar wiedar Doäß?«. – Ja, Bodo hat wieder Durst, und seine Leber säuft wie ein Schwamm.

Der dritte Band der Hagener Trilogie schreitet schwerer aus als seine Vorgänger. Schulzens bemühtes Wortspiel und barocker Beschreibungsbombast kurvt zwischen Kunst, Kitsch und Karikatur. Der Protagonist entwickelt beispielsweise bei der Ausbreitung seiner Neugriechisch-Kenntnisse Oberlehrer-Attitüden, die ihm das Leben und dem Leser die Lektüre erschweren. Wie die Heringe beim Laichen verströmt der Autor sprachliches Ejakulat, das als Teppich trägen Tangs im Meer der Worte schwimmt. Bereits der Einstieg in den Roman verlangt Energie und Durchhaltevermögen. Übereinstimmend berichten Rezensenten, erstmals auf Seite 139 herzlich gelacht zu haben, als es im norddeutschen Platt um die Namensgebung des Gatten jener Monika geht. Und wie der Held seine Monika durch seine Gelehrsamkeit unfreiwillig auf Distanz hält, gelingt es auch dem Erzähler, den Leser seines in der Grundnote melancholisch gefärbten Dramas immer einen Fingerbreit auf Abstand zu halten.

Dabei ist alles genial genau beobachtet und bis in jede Zuckung und Zerrung liebevoll und haarklein beschrieben, da gibt es wenig anzumerken. Sprachgewalt macht Schulzens Trilogie zu einem der lesenswerten Werke der literarischen Hochkomik.

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Genre: Humor und Satire
Illustrated by Eichborn Verlag

Das Ouzo-Orakel

Nach »Kolks blonde Bräute« und »Morbus Fonticuli oder die Sehnsucht des Laien« ist »Das Ouzo-Orakel« der dritte Teil der »Hagener Trilogie«.
Bodo Morten, Hauptperson der Romanreihe, hat sich nach langem Aufenthalt in der Nervenheilanstalt, genauer: in der Neuroendokrinologisch-psychosomatischen Abteilung für Psychiatrie und Psychosomatik zu Bad Suden, an das Ionische Meer nach Griechenland zurückgezogen. Hier versucht er, sich von den bösen Geistern, die ihn bedrängen, sprich von Weibern und dem Suff zu verstecken. So lebt er ein behagliches Leben mit Freunden inmitten einer wunderschönen Natur. Sein ganzes Dasein gerät allerdings ins Wanken, als eines schönen Tages seine Kindheitsliebe Monika Freymuth in Kouphala auftaucht.

Während in den ersten beiden Romanteilen sprachlich wuchtig über exzessives Saufen und Sex berichtet wird, bietet der dritte Teil sprachliche Feinkost. Ob er über ein Schützenfest in seiner Kindheit berichtet oder über griechische Nächte schwärmt, es ist einfach meisterlich.

Ein herrliches Buch, ein Buch, das man nicht weglegen möchte.


Genre: Humor und Satire
Illustrated by Eichborn Verlag