Fremde Seele, dunkler Wald

Triumph der Langsamkeit

Seine dörfliche Herkunft bildet auch in «Fremde Seele, dunkler Wald», dem sechsten Roman des österreichischen Schriftstellers Reinhard Kaiser-Mühlecker, den Erzählkosmos. Der Titel basiert auf einem Zitat Turgenjews: «Du weißt ja, eine fremde Seele ist wie ein dunkler Wald». Womit die Thematik des Romans bereits treffend angedeutet ist: Eine zerrissene bäuerliche Familie in einer drögen Dorfgemeinschaft als Fatum zweier junger Männer, die ihr Leben als Gefängnis empfinden und unbeholfen eine Weltflucht versuchen. Dem üblichen «Heile Welt»-Mythos des Heimatromans setzt der Autor hier seelische Ödnis in idyllischer Landschaft entgegen.

Ankerpunkt der düsteren Geschichte ist ein Bauernhof, in einem abseitigen Tal Oberösterreichs gelegen, über das in großer Höhe eine Autobahnbrücke gespannt ist, deren nicht abreißender Verkehrsstrom den permanenten Kontrast bildet zur dörflichen Ereignislosigkeit. Alexander und Jakob sehen für sich keine Zukunft auf dem im Niedergang befindlichen Hof der Eltern. Der Vater phantasiert von Geschäften, die sich als reine Luftnummern erweisen, vernachlässigt den Hof und verkauft heimlich nach und nach alles Land, am Ende auch das Vieh. Während der dreißigjährige Alexander nach einem religiösen Umweg schließlich Soldat wird und bei einem Blauhelmeinsatz im Kosovo mitwirkt, kann sich der halb so alte Jakob nach der Schule für keinen Beruf entscheiden und führt teilnahmslos den Hof weiter. Beide Brüder haben ein seltsam gestörtes Verhältnis zu Frauen. Alexander hat für einige Zeit eine Affäre mit der Frau seines Chefs, die seiner jedoch irgendwann überdrüssig wird. Seine verpasste große Liebe, wie er im Nachhinein schmerzhaft erkennt. Jakob gerät an Nina, die sehr bald schwanger wird, sie entfremden sich aber schnell und trennen sich ebenfalls. Das Figurenensemble wird ergänzt um einen fragwürdigen Freund Jakobs, der erst seine Nähe sucht und sich dann von ihm abwendet, am Ende sogar Suizid begeht. Der rückwärtsgewandte Großvater ist als Nazi zu Reichtum gekommen und ist finanziell unabhängig vom Hof. Er überrascht die Familie nach seinem Tod, weil er den Nachlass seiner geizigen Frau allein überlässt, die ihn einer rechten Partei vermachen will, womit die Familie endgültig leer ausgeht. Der latente Eskapismus schließlich wird durch die urchristliche Sektenführerin Elvira personifiziert, mit der Alexander früher ein Verhältnis hatte.

Die lähmende Sprachlosigkeit innerhalb der Familie, aber auch der wortkarge Umgang aller anderen Figuren miteinander ist ein typisches Merkmal dieser in Episoden aufgeteilten Erzählung. Über allem Geschehen lastet ein düsterer Schatten, komplementär dazu dominiert in den häufig eingestreuten Naturschilderungen Kälte, Schnee, Nebel, Regen, scharfer Wind. Erzählerisch ist dieser Roman ein Triumph der Langsamkeit, geradezu altväterlich in der Sprache und quasi in Zeitlupe wird hier die Geschichte der missglückten Seelenfluchten als beinahe schon psychopathisches Lehrstück vor dem Leser ausgebreitet. Zu lachen gibt es da rein gar nichts!

«Mir geht’s ja so schlecht!» «Warum geht’s dir so schlecht?» «Weil ich sauf.» «Und warum säufst du?» «Weil’s mir schlecht geht!» Die Lektüre hat mich unwillkürlich an diesen abgedroschenen Scherz erinnert. Beide Brüder sind keinesfalls lebensuntüchtig, sie scheitern nur immer wieder auf wundersame Weise an sich selbst, sie scheinen aus der Zeit gefallen. Weite Teile des Romans werden in Form des Bewusstseinsstroms erzählt, mit Fragezeichen an den Satzenden, und auch Dialoge der blutleeren, wenig sympathischen Figuren finden sich eher selten, es mangelt ihnen zudem entschieden an Empathie. Der auktoriale Erzähler lässt vieles ungesagt in seinem erzählerischen Labyrinth, und auch Plausibilität ist kein narratives Kriterium dieses trübsinnigen Plots. Dass verklausulierte Happy End aber beweist, dass dem Autor seine Geschichte selbst zu elegisch erschien, er hätte diesen Fauxpas sonst sicherlich vermieden.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by S. Fischer

Weit über das Land

Warum nicht?

Auch in dem Roman «Weit über das Land» greift der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm erneut seine Thematik des spontanen Ausbruchs aus der Normalität des Alltags auf. Anders aber als in der inflationären Aussteiger-Literatur geht es bei ihm nicht um den Traum von der einsamen Südseeinsel oder der Holzhütte in Alaska, seine Helden entfliehen dem Alltagstrott und dem sozialen Geflecht, in dem sie sich gefangen fühlen. Es geht also nicht um ein Paradies an fernen Horizonten, der Autor widmet sich vielmehr der Frage, ob ein einmal eingeschlagener Lebensweg mit all den gesellschaftlich als erstrebenswert angesehenen Ausformungen letztendlich wirklich das ist, was zählt im Leben, was der menschlichen Existenz einen Sinn zu geben vermag. Ein hochinteressantes Thema also, dem literarisch beizukommen jedoch äußerst schwierig ist.

Nach der Rückkehr von einer Urlaubsreise mit den Kindern, die Koffer sind noch nicht ausgepackt, sitzt Thomas auf der Holzbank vor dem Haus und trinkt mit seiner Frau ein Glas Wein auf den schönen Urlaub. Nachdem Astrid ins Haus gegangen ist, erhebt sich Thomas, läuft durch den Garten, öffnet leise das Tor und spaziert die Straße entlang Richtung Dorfausgang, – und er kommt nicht mehr wieder. Aus wechselnder Perspektive von Thomas oder Astrid erzählt Stamm stimmig und nachvollziehbar von den ersten Stunden, Tagen, schließlich Wochen und Monaten dieses wortlosen Verschwindens. Es gab keinen Streit, man führt ein gutbürgerliches Leben ohne finanzielle Sorgen, die beiden Kinder sind wohlgeraten und absolvieren ihre Schule ohne Probleme. Astrid informiert nach einigen Tagen vergeblichen Wartens die Polizei, und tatsächlich gibt es ein Lebenszeichen von Thomas, er hat Geld abgehoben und mit seiner Bankkarte in einem Sportartikelladen eingekauft. Doch weder Astrid noch der Polizei gelingt es, diese Spur aufzunehmen und Thomas zu finden. Während die Frau sich erstaunlich gut und irgendwie auch recht gelassen in ihr neues Leben fügt, zieht der ehemalige Steuerberater wie ein fahrender Geselle «Weit über das Land», schläft im Wald oder findet Unterschlupf in Heuschobern und Almhütten. Als sein Geld schließlich verbraucht ist, verdingt er sich immer wieder mal für einige Zeit als Gelegenheitsarbeiter. Er bleibt uns, wahrscheinlich aber auch sich selbst, in seinen Motiven bis zum Schluss ein Rätsel, das zu klären der Autor nicht bereit ist, – oder vielleicht auch gar nicht imstande ist. «Das kann doch alles nicht wahr sein» ist immer wieder Astrids einziger Gedanke.

In lakonisch kurzen Sätzen ohne Ironie erzählt Stamm seine völlig unromantische Geschichte eines rigorosen Selbstfindungstrips. Wobei er das Innenleben seiner beiden Protagonisten, die hier so abrupt und endgültig auseinander gerissen werden, psychologisch feinfühlig auslotet und dabei ein dichtes Netz von Möglichkeiten aufzeigt. Realität und Imagination geraten zunehmend durcheinander, der Leser ist gefordert, sich im Labyrinth der angedeuteten Optionen zu bewegen und dabei all seine Intuition kreativ einzusetzen. Wo soll das hinführen, fragt man sich da immer wieder, während man der durchaus stimmigen und anschaulichen Schilderung des zunehmend zeitgerafft erzählten, weiteren Lebensweges der beiden Romanfiguren folgt.

Erschreckende Erkenntnis dieses ungewöhnlichen Ausbruchs aber dürfte dessen Folgenlosigkeit sein, der banale Alltag erweist sich als doppelbödig, die Realitätsebenen verschieben sich zu unplausiblen Traumbildern. Außerdem stellt sich ein gewisses Unbehagen ein, die Moral als Instanz spielt nämlich bei alledem überhaupt keine Rolle, dementsprechend werden die Charaktere als weitgehend emotionslos beschrieben. Während Thomas von der schieren Freude an die Zukunft beseelt ist, führt Astrid ein Doppelleben als angepasste Witwe und Mutter, während sie innerlich komplizenhaft zu Thomas steht, an dessen Tod sie partout nicht glauben will. Und der Frage nach dem «Warum» steht hier die Frage entgegen: «Warum nicht?»

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by S. Fischer

Athena

Lug und Trug

Nach der Kopfgeburt des Zeus, nach der Göttin der Kunst also, hat John Banville seinen Roman «Athena» betitelt, dritter Teil der durch ihren Protagonisten lose miteinander verbundenen «Mördertrilogie». Der schon länger als Nobelpreiskandidat gehandelte irische Schriftsteller zeichnet sich insbesondere durch seinen sehr speziellen Schreibstil aus, der metaphernreich und voller philosophischer und mystischer Reflexionen immer wieder alles in Frage stellt, was gerade erzählt wurde. Als postmoderner Autor verwischt bei ihm endgültig der Unterschied zwischen Fiktion und Realität, vermag der Leser partout nicht mehr zu unterscheiden, was denn wahr ist und was unwahr, nichts mehr ist sicher. Er zählt mithin zu den schwierigen, – und zudem ganz unirischen -, Autoren, auf die man sich als geduldiger Leser ernsthaft einlassen muss, «Athena» sei nichts für Analphabeten, hat der begeisterte Marcel Reich-Ranicki süffisant dazu angemerkt.

Ein aus gutem Hause stammender Tunichtgut hat im ersten Band der Trilogie ein Dienstmädchen erschlagen, das ihn beim Diebstahl eines Gemäldes überraschte, und entwickelte sich im zweiten Band, während seiner zwölfjährigen Haft, scheinbar resozialisiert zu einem anerkannten Kunstsachverständigen. Im vorliegenden Band nun, der durchaus selbständig gelesen werden kann, soll er für einen Kunstsammler, – Transvestit und König der Dubliner Unterwelt -, Expertisen für acht gestohlene Gemälde niederländischer Meister zu mythologischen Themen aus Ovids Metamorphosen erstellen. Als Ich-Erzähler, der sich jetzt Morrow nennt, wie wir irgendwann beiläufig erfahren, schreibt er anfangs an seine Geliebte, die ihn verlassen hat, später wechselt zunehmend diese spezielle Erzählperspektive in die dritte Person.

In der leer stehenden alten Villa in Dublin, wo sich die Gemälde befinden, trifft er A., eine rätselhafte, ungehemmte junge Frau, die schon bald seine Geliebte wird und ihn zu exzessiven Liebesspielen verführt. Neben dieser dominanten Liebesthematik wird in einem zweiten, gleichermaßen bedeutenden Handlungsstrang von Tante Corky erzählt, deren Verwandtschaftsgrad ebenso fraglich ist wie ihre gesamte Lebensgeschichte. Morrow holt die greise, kauzige Dame aus dem Alternsheim zu sich nach Hause und betreut sie bis zu ihrem Tod, ein spontaner Akt der Menschlichkeit, den sie ihm völlig unerwartet mit einer hohen Erbschaft vergilt. Liebe und Tod mithin sind hier die beherrschenden Erzählstränge, zu denen sich, personifiziert durch Kommissar Hackett, eine kriminalistische Thematik ebenso gesellt wie die der Malerei, zwischen Kunstdiebstahl, Original und Fälschung.

In Banvilles surrealer Erzählwelt voller Chaos und rätselhafter Unbestimmtheit verwischen die Grenzen zwischen Liebe und Verrat, zwischen Lust und Ekel. Es herrscht darin eine beunruhigend morbide Dekadenz, die er mitunter durchaus ironisch in ausufernden Erzählbögen vor seinen Lesern ausbreitet, damit subversiv unentwegt Zweifel säend am bereits Erzählten. Dabei steht der freie Wille zurück vor dem unentrinnbaren Schicksal, nichts scheint determiniert, alles bleibt vage. Die wirren Obsessionen des Ich-Erzählers, von dessen Person der Leser letztendlich wenig erfährt, folgen unentwegt den Spuren antiker Mythen. All das ist in einer klaren, metaphern- und anspielungsreichen Sprache geschrieben, äußerst detailverliebt, in den Schilderungen der Figuren ebenso wie in denen der Orte, wobei die Geschichte auffallend wenig Dialoge enthält. Fast alles in dieser Erzählung ist ebenso eine Kopfgeburt wie Athena (oder A.?) selbst, es artikuliert sich recht pathetisch als nicht abreißender, oft ziemlich wirrer Gedankenfluss des sinnierenden Ich-Erzählers. Ein typischer Versager übrigens, von dessen Tätigkeit als Gutachter man (leider) gar nichts erfährt, immerhin aber werden den sieben Kapiteln des Romans jeweils kenntnisreiche Beschreibungen der gefälschten Bilder vorangestellt, – allesamt vermutlich ebenfalls Zitate, also auch Lug und Trug.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Prawda

The fear starts here

Was der Buchtitel «Prawda» verheißt, «Wahrheit» nämlich, das findet sich in den eigenwilligen Romanen der Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe eher selten, ihr literarisches Markenzeichen ist vielmehr ihre mit Komik angereicherte, überbordende Phantasie, – «Eine amerikanische Reise» ist also alles andere als ein touristischer Bericht. Auf den Spuren zweier russischer Schriftsteller, Ilja Ilf und Jewgeni Petrow, folgt Hoppe achtzig Jahre später deren von der Zeitung «Prawda» initiierten Reise durch die USA. Die beiden waren damals als Autorenduo mit ihren satirischen Romanen überaus populär, und nach ihrer viermonatigen Amerikatour verfassten sie das amüsante Buch «Einstöckiges Amerika» sowie einen Fotoband. Ihnen zu Ehren wurde 1982 ein neu entdeckter Kleinplanet «3668IlfPetrow» benannt.

«Red Ruby» tauft die reiselustige Felicitas Hoppe im September 2015 den rubinroten Ford Explorer (nomen est omen), mit dem sie in weniger als sechzig Tagen die USA durchqueren will, den beiden Russen folgend, etwa zehntausend Meilen liegen vor ihr. Mit an Bord sind drei in einem skurrilen Auswahlverfahren selektierte Reisegefährten, deren Schrulligkeit allein dem Roman schon eine amüsante Färbung gibt. Da ist zunächst mal Foma, der einzige Mann der Gruppe, ein Landschaftsgärtner mit russischen Wurzeln «auf der Suche nach dem größten Kaktus der Welt». Er wechselt sich mit MsAnnAdams am Steuer ab, einer sich geradezu zwanghaft an ihre Handtasche klammernden und den «Distanzplan» in Händen haltenden Kettenraucherin aus Wien, die mit wahrhaft enzyklopädischem Wissen gesegnet ist. Jerry Miller aus Halle schließlich arbeitet an einem fotografischen Projekt mit dem beziehungsreichen Arbeitstitel «Bräute am Wegrand». Die zwar nicht führerscheinlose, aber fahrunwillige Autorin, die sich «Frau Eckermann» nennt, sitzt hinter dem Fahrer auf der Rückbank des geräumigen SUVs, in ihrem «Torcqueville-Erker», und zitiert immer wieder mal den französischen Historiker Alexis de Torcqueville, dessen berühmtes Hauptwerk «De la démocratie en Amérique» sich ebenfalls auf eine Amerikareise gründet.

Zu den Sehenswürdigkeiten, die das muntere Quartett ansteuert, gehören unter anderen die Niagarafälle, die Werkstatt von Thomas Edison, die Ford-Werke in Detroit, ein elektrischer Stuhl, der Zaun von Tom Sawyer, das kuriose Museum für den Wirbelsturm Katrina, zwischendurch hält Hoppe Vorträge bei «Radio Goethe». Sie besucht auch Frankensteins Haus, über dessen Eingang es aus dem Maul einer schaurigen Maske tönt: «The fear starts here», – ein Slogan, der sich noch öfter findet im Roman. Unfreiwillig verbringt die Ich-Erzählerin eine Nacht in einem Bergwerksstollen, trifft den Maler Brueghel den Allerjüngsten, den «Pharao» Barak Obama im Weißen Haus, schließlich die Regie-Legende Quentin Tarantino. «Schriftsteller halten sich niemals an Fakten», heißt es beziehungsreich im Roman, und so ist denn diese mit Skurrilem üppig angereicherte Reise in jeder Hinsicht weit eher ein Ausflug in poetische Sphären denn ein faktenbasierter Bericht.

Diese hoppesche Sicht der Dinge, ausschließlich literarisch bestimmt also, ist eine Art Gegenwelt zur schnöden, so gar nicht froh machenden Realität, ihre poetisch gefärbte Perspektive ist nur von eigenen Phantasien befeuert und artikuliert sich in einer kreativen, mit Sinnsprüchen, Neologismen und Zitaten durchsetzten Sprache. «Notieren Sie das bitte, Gentlemen!» fordert Hoppe schnippisch immer wieder ihre Leser auf. Erfreulich ist auch die komödiantische Intertextualität des Romans, deren amüsanteste für mich das immer wieder neu abgewandelte Zitat des berühmten ersten Satzes aus Tolstois «Anna Karenina» ist. Nicht alle Besonderheiten ihres spezifischen Schreibstils aber haben mich überzeugt, ihr «wirklich (tatsächlich)» beispielsweise hat mich sogar ziemlich genervt, manchen Leser dürfte zudem auch der furiose Wirbel mit wilden Phantasmagorien und Assoziationen schwindelig machen. The fear starts here?

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Nur ein Spielmann

Ein verkannter Poet

Wer Andersen sagt, meint Märchen, – und versäumt durch diese ebenso weit verbreitete wie voreilige literarische Zuordnung womöglich, auch den Romancier Hans Christian Andersen kennen zu lernen. Der dritte seiner insgesamt sechs Romane, 1837 erschienen, brachte ihm vor allem in Deutschland literarisch den Durchbruch, «Nur ein Spielmann» wurde ein Riesenerfolg. Es waren seine Romane, die den Dänen in Europa und im englischsprachigen Raum überhaupt erst bekannt machten, nicht seine 156 Märchen. Erfreut berichtet er 1852 in einer Tagebuchnotiz von einer Begegnung mit Amerikanern, die ihm erzählt hätten, «dass ich so weit verbreitet in Amerika gelesen werde, dass alle meine Romane an den Bahnhöfen verkauft werden». Vermutlich verdankt Andersen diese Popularität dem damals neuartigen Typus des Gegenwartsromans, der den ausländischen Lesern einen Einblick in das Alltagsleben eines fremden Landes ermöglichte, das zu jenen Zeiten die meisten niemals selbst würden bereisen können. Der Roman hat in seiner Modernität, in seiner Abkehr von der bis dahin üblichen, retrospektiv erzählten, biedermeierlicher Romantik, einen berühmten Landsmann auf den Plan gerufen, den Philosophen Søren Kierkegaard, der dem Werk einen wütenden, achtzigseitigen Verriss hat angedeihen lassen. Aber das war vor 180 Jahren!

Wir haben es mit einem melancholischen Entwicklungsroman zu tun, dessen beide Protagonisten ganz unterschiedliche Schicksale haben. Mit biografischen Bezügen zur eigenen Vita erzählt Andersen von Christian (sic!), dem Sohn eines armen Schneiders, der davon träumt, mal Musiker zu werden. Im herrschaftlichen Nachbarhaus wohnt ein reicher Jude, der seine Enkelin Naomi bei sich aufzieht. Der schüchterne Christian verliebt sich heftig in das schöne Mädchen. Auf dem Dach ihres Hauses nistet ein Storchenpärchen, und als das Haus eines Tages bis auf die Grundmauern abbrennt und auch die Störchin hoch oben im Nest verbrennt, weil sie ihre Jungen nicht verlässt, wird nur Naomi gerettet, – der Schneider nimmt die Waise vorerst bei sich auf. Leitmotivisch begegnet uns der Storch bis zum Ende immer wieder mal in dieser Geschichte, und zwar als Symbol für Reisen, für die Sehnsucht nach fernen Ländern, aber auch für Treue. Aus Christian und Naomi jedoch wird nie ein Paar, zu verschieden sind ihre äußeren Prägungen. Da ist die bittere Armut, in der Christian aufwächst und aus der er sich als mäßig begabter Geiger letztendlich nicht befreien kann. Auch zum Seemann taugt er nicht, wie er schnell erkennen muss, ihm fehlt ganz einfach der Mut zur kühnen Tat. Naomi hingegen, der das behütete Leben in Wohlstand zu langweilig wird, brennt mit einem Kunstreiter vom Zirkus durch und reist durch halb Europa, trennt sich schließlich aber von ihm. Der reiseerprobte Autor baut neben Kopenhagen auch die Metropolen Wien und Paris – kontrapunktisch zum einfachen Landleben – als Handlungsorte mit ein in seinen elegischen Roman. Weniger spektakulär und komfortabel hingegen ist Christians Weg, er schlägt sich recht und schlecht durchs Leben und ist am Ende des Romans «nur ein Spielmann».

Andersen erzählt seine berührende Geschichte mit ihrer Vielfalt an Motiven in einer betulichen Sprache und mit reichlich zeitbedingtem Pathos, durch die Neuübersetzung von 2005 ist sie aber flüssig lesbar. Immer wieder sind darin ziemlich naive religiöse Bezüge und nicht immer überzeugende, philosophische Reflexionen eingewoben, es finden sich aber auch wunderbar plastische Natur- und Landschaftsbeschreibungen, seine Figuren sind zudem sehr lebensecht beschrieben. Der linear und erfreulich stringent erzählte Plot lässt keine Langeweile aufkommen, die große Stärke jedoch ist das uns Heutigen zumeist unbekannte Lokal- und Zeitkolorit dieses Romans. Als hilfreich erweisen sich die fast zweihundert vom Autor selbst eingefügten Fußnoten und ein äußerst informatives Nachwort mit nützlichen Infos zu diesem sozialkritischen Roman und seinem als Romancier völlig verkannten Autor.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by S. Fischer

An einem Tag wie diesem

Der Mann ohne Leidenschaften

Mit seinem 2006 erschienenen dritten Roman «An einem Tag wie diesem» hat der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm ein Werk geschaffen, das Kritiker und Leser mit seiner stilistisch zurück genommenen, verhaltenen Erzählweise ziemlich irritiert hat. Diese sprachliche Reduktion diene dazu, hat der Autor erklärt, die narrativ heraufbeschworenen Bilder realer erscheinen zu lassen, aber auch der Inhalt einer Geschichte dürfe keinesfalls von deren erzählerischer Qualität ablenken. Wirklich?

Andreas, aus einem Schweizer Dorf stammend, ein Junggeselle Anfang vierzig, der seit achtzehn Jahren in Paris als Deutschlehrer arbeitet, ist der Protagonist dieser Geschichte. Die Freude an seinem Beruf hat er allmählich verloren, Paris ist ihm fremd geblieben, er ist bindungsunfähig, äußerst genügsam und lebt so vor sich hin, ein monotones, ereignisarmes, zielloses Leben. Seine zwei Geliebten trifft er regelmäßig jeweils an einem Jour fixe, wobei diese Beziehungen rein sexueller Natur sind, er behandelt die Frauen recht lieblos. Als sein Arzt mit ihm über das Untersuchungsergebnis einer Gewebeprobe sprechen will, verlässt er kurz entschlossen das Wartezimmer. Der starke Raucher fürchtet sich vor der Diagnose, er beschließt resigniert eine Zäsur, will aus seinem bisherigen Leben ausbrechen. Spontan kündigt er in seiner Schule, löst seinen Haushalt auf, verkauft seine kleine Eigentumswohnung, – vom Erlös wird er einige Jahre lang leben können. Und er legt sich einen alten Citroen 2CV zu, das Auto seiner Jugendtage. Als er im Lehrerzimmer seine Sachen zusammenpackt, lernt er die junge Praktikantin Delphine kennen, die sich spontan in ihn verliebt und ihn auf seiner geplanten Autotour begleiten will. Was folgt ist eine Reise in die Vergangenheit, magisch nämlich zieht es Andreas zu jenem Dorf hin, in dem er geboren wurde und wo seine Jugendliebe Fabienne immer noch lebt. Er hat ihr seine Liebe nie gestanden, und sie hat später dann seinen Freund geheiratet.

Trotz der minimalistischen Erzählweise mit kurzen Hauptsätzen, adjektivarm, metaphernlos, uninspiriert, zieht die Geschichte ihre Leser mit, kommt trotz aller Vorhersehbarkeit so etwas wie Spannung auf, man will wissen, wo dieser Selbstfindungstrip letztendlich hinführen soll. Über dem Geschehen liegt eine apathische Stimmung, alles was geschieht ist belanglos und undramatisch. Der Held bleibt dem Leser im besten Falle gleichgültig in seiner emotionslosen Lethargie, die er selbst als Bescheidenheit bezeichnet, er ist und bleibt Unsympath bis zum eher kitschigen Ende. Völlig unplausibel aber ist, wie denn ein derart blutleerer Typ, teilnahmslos, ohne erkennbare Leidenschaft oder gar sexuelle Gier, die Frauen so scheinbar mühelos erobern kann. Selbst seine Traumfrau Fabienne lässt sich mal eben zwischendurch auf einer hölzernen Aussichtsplattform von ihm vernaschen, – das erste und das letzte Mal zugleich, ihre Ehe steht nicht zur Disposition, sie ist glücklich verheiratet. Und Delphine, die er ungerührt fortgeschickt hat, lächelt ihn beim kinoartigen Showdown mit Sonnenuntergang am Meer glücklich an, als er, ihr nachreisend, sie auf einem Campingplatz wieder findet, – und auch seinen Arzt will er nun endlich mal anrufen!

Sinnverlust, Burnout, Midlifecrisis, die Panik vor einem unerfüllten oder gar ungelebten Leben ist zweifellos ein ergiebiges und hoch interessantes literarisches Thema. So ist dem Roman denn auch ein Zitat von Georges Perec vorangestellt: «Es ist ein Tag wie dieser hier, ein wenig später, ein wenig früher, an dem alles neu beginnt, an dem alles beginnt, an dem alles weitergeht». Ein berühmter Lebensverweigerer in der Literatur ist auch der Ulrich in Musils Roman «Der Mann ohne Eigenschaften», wo der Held an der schieren Überfülle von Möglichkeiten scheitert. Leidenschaft allerdings, die in Peter Stamms Roman nicht mal ansatzweise vorkommt, kann man dem Ulrich nicht absprechen, seine Liebe zur Schwester gipfelt schließlich im Inzest.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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Die stillen Trabanten

Melancholische Erzählwelt

Dass Clemens Meyer erzählen kann wie kaum ein zweiter Schriftsteller im deutschen Sprachraum, wird durch sein neues Buch «Die stillen Trabanten» eindrucksvoll bestätigt. Und wie schon in seinem letzten Roman «Im Stein» erschafft er auch in dieser Sammlung von Erzählungen ein düsteres, zerrissenes, melancholisches Bild unserer Gegenwart, in dem die autobiografischen Bezüge den Ton angeben und einen sehr eigenen Blickwinkel zur Folge haben. So liefert die Eisenbahn als meyersches Faszinosum gleich mehrfach den Hintergrund seiner allesamt im deutschen Osten angesiedelten Geschichten. Es fehlt dabei natürlich ebenso nicht das Pferderennen als weitere Leidenschaft Meyers wie auch das spezielle Milieu der Kneipen und Imbissbuden, der Gelegenheitsjobs und prekären Verhältnisse, und es herrscht auch hier die Nacht als geheimnisvoll dunkle Erzählzeit vor. Thematisch wird Verlust in diesen Erzählungen als Leitmotiv ebenso eingesetzt wie die Vergeblichkeit menschlichen Bemühens, – und Humor findet sich natürlich nicht mal ansatzweise.

Der Band ist in drei durch jeweils eine prologartige Szene eingeleitete Teile gegliedert, die ihrerseits wiederum drei Erzählungen enthalten. Es beginnt im Teil «Eins» mit der zarten Liebesgeschichte eines jungen Wachmannes und einer russischen Emigrantin am Zaun eines Ausländer-Wohnheims, die zaghafte gegenseitige Annäherung einer Wagonputzfrau der Eisenbahn und einer Angestellten beim Bahnhofsfriseur, schließlich eine wehleidige Reminiszenz an die ehemalige Strandbahn einer kleinen Stadt an der Ostsee, die nach dem Zweiten Weltkrieg stillgelegt und abgebaut wurde. Der Teil «Zwei» erzählt von einem Wohnungseinbruch und einer verwirrten alten Frau in einem Abbruchhaus, vom Besitzer einer Imbissbude, der vom 14ten Stock seines Hochhauses nächtens auf die Lichter der Trabantenstadt schaut und beim Rauchen im Treppenhaus seiner ebenfalls dort rauchenden, muslimischen Nachbarin allmählich näher kommt. Sodann wird von einem heruntergekommenen ehemaligen Jockey erzählt, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt und unbedingt einmal das exklusive Pferderennen auf Eis in St. Moritz miterleben möchte. Im letzten Teil ist zuerst von der Geschichte eines Lokführers zu lesen, der mit seinem Güterzug nachts einen lachenden Mann auf den Schienen überfährt und den dieser Schienensuizid psychisch derart belastet, dass er die Witwe des Selbstmörders aufsucht. Unter dem Titel «Die Rückkehr der Argonauten» beschreibt der Autor in der nächsten Geschichte den Besuch eines Mannes bei seiner Mutter im trostlosen ehemaligen «Kohlenviertel» der Stadt, wo er auch seine Kumpels von früher trifft, und in der letzten Geschichte wird von einem Schriftsteller berichtet, der sich im Exil in Moskau während des Zweiten Weltkrieges mit der Störtebeker-Sage beschäftigt, wobei interessante Bezüge bis in die spätere DDR hergestellt werden.

Aus all dem, was wir da lesen, spricht eine äußerst genaue Beobachtungsgabe des Autors, der die tiefsten menschlichen Befindlichkeiten akribisch ausleuchtet, der narrativ einfühlsam auch die allerfeinsten Regungen und Sehnsüchte atmosphärisch dicht erfasst. Sprachlich gekonnt setzt er dabei oft Zartes unmittelbar neben Härte, bildet stilistisch die raue Realität ebenso ab wie den schönen Traum. Wobei häufig beides ineinander geht bei seiner Erzählweise, was erhöhte Aufmerksamkeit des Lesers erfordert und zudem abrupte Stimmungswechsel bewirkt. Die Erzählperspektiven bei den neun Geschichten wechseln zwischen erster und dritter Person, vieles ist auch in Form des inneren Monologs erzählt.

Diese Geschichten aus den Randbezirken der ostdeutschen Gesellschaft sind mit ihren vielen Andeutungen und unvermittelten Zeitsprüngen wahrlich keine leichte Lesekost. Clemens Meyer findet allerdings für seine sorgsam ausgewählten Themen wunderbar einprägsame Bilder und zieht damit den Leser stimmungsmäßig tief hinein in seine sehr spezielle, melancholische Erzählwelt.

Fazit: erfreulich

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Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by S. Fischer