Tino Hemmann

Der unwerte Schatz. Erzählung einer Kindheit

Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2005, ISBN-10: 3938288418

Hugo Hassel wird Heiligabend 1931 in Leipzig als drittes Kind seiner Eltern, geboren. Der Vater lehnt den Jungen von Anfang an kategorisch ab, hatte er sich doch ein weiteres Mädchen gewünscht. Diese Ablehnung bekommt Hugo schon als acht Monate alter Säugling täglich in Form von übelster Züchtigung und Mißhandlung zu spüren. Um diese Qualen und Ängste aushalten zu können, erschafft er sich als »Schutzschild« eine zweite Persönlichkeit, seinen verstorbenen Zwillingsbruder Fritz, der an seiner Stelle die Pein und Demütigungen, die seine Familie im zufügt, erduldet.

Diese zweite Persönlichkeit manifestiert sich immer mehr in der Psyche des kleinen Jungen, proportional zu seinem Leidensdruck. Durch sein »merkwürdiges« Verhalten jedoch erzeugt er wiederum weitere Ablehnung und Unverständnis in seiner Familie. Die Lage spitzt sich zu als die Einschulung und die damit verbundenen Tests nahen. Hugo schafft es nicht, Fritz zu verheimlichen und muss daraufhin weitere Tests über sich ergehen lassen. Er erweist sich dabei jedoch als überaus intelligent und ist auch sonst ein Vorzeigebild der arischen Rasse, was ihm trotz der diagnostizierten Persönlichkeitsspaltung ermöglicht, zunächst auch weiterhin seinen Schulbesuch fortführen. Er bleibt allerdings weiterhin unter Beobachtung.

Schliesslich fällt das Augenmerk eines Professors der Abteilung für jugendliche Psychopathen auf Hugo. Sein Ziel ist es, das Gehirn des kleinen Jungen nach dessen Vergasung zu untersuchen, um damit Berühmtheit zu erlangen. Die von Hitler gewünschte Euthanasieaktion T4 und die Legalisierung dieser Morde erleichtern ihm sein Vorhaben natürlich enorm. Immer mehr verstrickt sich Hugo in den Ereignissen. Schliesslich muss die Mutter das Kind abtreten. Es beginnt für den kleinen Hugo ein Kampf ums Überleben …

Es ist dem Autor gelungen, das so brisante wie schwer fassbars Thema der Kinder-Euthanasie greifbar zu machen. Hemmann erzählt diese Geschichte klar und nüchtern, untermauert von historischen Fakten, die den Leser nicht die Realität der Ereignisse vergessen lassen. Ein hochtrabend literarischer oder blumiger Schreibstil wäre diesem Buch auch absolut nicht zuträglich gewesen. Der Focus muss auf der Geschichte bleiben, ohne Ablenkung. Wie ich finde, hat Hemmann da einen grossartigen Weg gefunden. Er schafft es, emotional so aufzuwühlen, dass sich das Grauen der Kinder-Euthanasie des Naziregimes in des Lesers Gedächtnis brennt.

Als Mensch mit Gefühlen muss man einfach den kleinen Hugo »adoptieren« und sinnbildlich in die Arme nehmen, um ihn vor seinem Schicksal zu bewahren. Natürlich hat es keinen Zweck, denn das Kind wird weiter gequält und schliesslich ausgelöscht, einer verblendeten Wissenschaft, Geltungssucht und einer fanatischen Ideologie geopfert.

Ein wichtiges Buch, dass man gelesen haben sollte!
Esther Schoenemann am 26.10.2006

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