Gerhard Schröder
Entscheidungen. Mein Leben in der Politik
Hoffmann und Campe 2006, ISBN-10: 3455500145
Wenn Politiker ihre Memoiren schreiben (lassen) darf man sich auf etwas gefasst machen. Abrechnung mit dem politischen Gegner, Lob und Anerkennung für die Mitstreiter. Rechtfertigung des eigenen Handelns. Gerhard Schröders Werk »Entscheidungen« aus dem Verlag Hoffmann und Campe enttäuscht den Biographienleser nicht. Alle Klischees werden bedient. Aber das Buch bietet zudem Schröderschen Witz wie ihn seine Gegner kritisierten und seine Anhänger liebten. Auch spart er nicht an Selbstkritik.
»Die Arbeit an diesem Buch ist für mich eine große Herausforderung gewesen und zugleich ein Gewinn …«, schreibt der Exkanzler gleich zu Beginn seines Werkes. Der Gewinn wird sicherlich in den hohen Absatzzahlen gemessen. Denn das Buch ist für jeden interessant: Ob Gegner oder Schröderfan.
Keine Einzelheiten — große Schritte
In den insgesamt zehn Kapiteln verliert er sich nicht in Details, sondern geht auf seine »wesentlichen politischen Stationen und Entwicklungen« ein. Diese hätten nicht nur ihm, sondern auch seinen Freunden und Weggefährten einiges abverlangt. So schlägt er den Bogen von seinen ersten politischen Schritten samt Ministerpräsidentschaft in Hannover über den 11. September und deutsche Soldaten am Hindukush hin zu Russlands und Europas weltpolitischer Stellung. Schlusspunkt bildet natürlich die aus seiner Sicht unentschiedene Wahl 2005.
Kritik an seinen Gegnern
Sein Buch ist auch eine Abrechnung an seinen Vorgänger und seine Kontrahenten während seiner Kanzlerschaft. So schreibt er Helmut Kohl »eine totale Ahnungslosigkeit« zu, als dieser von den blühenden Landschaften im Osten nach der Wende sprach. An mehreren Stellen im Buch schießt er sich auf seinen Vorgänger ein. Erst unter Rot-Grün seien Reformen konkret angegangen worden. Den Fortschritt haben 16 Jahre Kohl zunichte gemacht. Man habe sich von der Einheitseuphorie blenden lassen und jahrelang keine Hand an Reformen gelegt.
Während er mit Kritik an der jetzigen Kanzlerin spart, schätzt er den bayerischen Ministerpräsidenten sehr negativ ein. Stoiber hält er für überbewertet und spricht ihm jede Führungsfähigkeit außerhalb seines Bayerns ab.
Lob für seine Mannen
Klar, dass er seinen Weggenossen ein fast durchweg positives Zeugnis ausstellt. Allen voran lobt er Joschka Fischer, den Gestalter der deutschen Außenpolitik, der selbst noch im Trainingsanzug angehetzt an seinem Schreibtisch erscheint und sich briefen lässt.
Eher durchwachsen schildert er sein Verhältnis zu Oskar Lafontaine. Er schreibt über ihn: »Bis heute halte ich an meiner Einschätzung fest, nie wieder einen so begabten politischen Menschen kennen gelernt zu haben« Schröder hinterlässt jedoch den Eindruck von Lafontaines Ausstieg sehr enttäuscht zu sein. Aus verständlichen Gründen.
Medienkanzler kanzelt die Medien ab
Der sogenannte Medienkanzler erwähnt kurioserweise nicht, wie er seine Medienattraktivität für sich nutzte oder wie er es geschafft hatte zum selbigen aufzusteigen. Viel mehr äußert er massive Kritik an der Berichterstattung während seiner Amtsjahre. Immer wieder schreibt er von »Propagandamühlen, Medienoffensiven, Trommelfeuer.«
Er kritisiert zudem, dass kein einziges deutsches Blatt die Berichterstattung im Vorfeld des Irakkrieges hinterher relativierte oder sich dafür entschuldigte: »Doch kann ich mich nicht erinnern, dass auch nur einen einzige deutsche Zeitung, die für die Beteiligung Deutschlands an diesem Krieg eintrat und am Ende jeden Begründungszusammenhang aus Washington ungeprüft akzeptierte, bei ihren Lesern für eine Berichterstattung entschuldigt hätte. Nein, die Größe der New York Times ... hat keine deutschsprachige Zeitung gezeigt.«
Humor gegenüber dem politischen Alltag
Trotz aller Kritik an anderen spart er nicht an Ironie, Witz und Selbstreflexion. So kommt der Leser ins Schmunzeln wenn Gerhard Schröder den politischen Alltag im Bundestag schildert: »Mir stand das übliche Ritual bevor: meine Rede, die zu erwartende geschliffene Antwort des damaligen Oppositionsführers Friedrich Merz, dröhnende Banalitäten des Vorsitzenden der FDP und schließlich der komödienhafte Auftritt des Bayern Michael Glos.«
Er bezeichnet den Vorsitz des UN Sicherheitsrates im Vorfeld des Irakkrieges durchaus als Wink des Schicksals. Denn dadurch gewann Deutschland für den Abstimmungsprozess ungleich mehr Gewicht hinzu.
Entscheidungen über Neuwahlen
»Ich musste an der eingeschlagenen Politik fest halten. Die Agenda 2010 war eine Kursbestimmung, die aufzugeben für mich undenkbar und für die SPD eine Katastrophe gewesen wäre. Hätte der Druck relevanter Teile von Partei oder Fraktion mich davon gezwungen, wäre mein Rücktritt unvermeidlich gewesen. Das war die Lage. So sah ich sie, und das war der Grund, warum ich Franz Müntefering mit der Idee der Neuwahlen konfrontierte«, begründet er erneut seine Entscheidung für die vorgezogenen Neuwahlen 2005.
Noch zu viele Kritiker vermuteten hinter dem Neuwahlencoup eher einen Zusammenhang mit der folgenden Gazpromanstellung. Sowohl sein Engagement während seiner Amtszeit als auch danach begründete er mit der Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Denn ohne die Energiereserven Russlands wäre Deutschlands weitere Entwicklung in Gefahr, so Schröder.
Der Vollblutpolitiker
Wie hartgesottene Stürmer im Fußball stets dort hin gehen wo es weh tut, so verstand sich Schröder als Mann fürs Grobe. »Wem es in der Küche zu heiß ist, der sollte nicht Koch werden«, bringt er sein politisches Credo auf den Punkt. Wer vorne mitspielen will, muss auch einstecken können von den Medien, innen- und außerparteilichen Gegnern und vom Wähler. Und dies vermittelt er eindrucksvoll auf den über 500 Seiten seiner »Entscheidungen«.
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