Wilhelm Genazino

Mittelmäßiges Heimweh. Roman

Carl Hanser, München 2007, ISBN-10: 3446208186 / ISBN-13: 978-3446208186

Der Controller Dieter Rotmund wohnt allein in einer großen Stadt. Er lebt getrennt von seiner Frau, die im Schwarzwaldidyll siedelt und sich dort auf seine Kosten selbst verwirklicht. Doch da ist noch Susanna, die geliebte Tochter. Beide besucht er jeweils zum Wochenende. Edith weicht ihm ständig aus. Sie stürzt sich in eine Affäre und zieht sich und das gemeinsame Kind schließlich ganz von ihm zurück.

Rotmund fällt im Gefühl des Zerfalls seiner Ehe immer stärker in ein gleichförmiges, langweiliges Leben. Seine Sehnsucht nach Frau und Kind verkümmert zur Gleichgültigkeit. Obwohl ihm der Schwarzwald inzwischen ganz gut gefällt, empfindet er für den Ort, an dem seine Lieben sind, bald nur noch mittelmäßiges Heimweh. Darauf bezieht sich der Titel des Romans.

Mittelmaß und Gleichgültigkeit machen das Leben Rotmunds aus. Selbst als er in einer Kneipe plötzlich ein Ohr verliert, irritiert ihn das nur leicht. Später kommt ihm sogar noch eine Zehe abhanden. Er scheint sich damit allmählich im Mittelmaß aufzulösen. Sein unscheinbares Leben wird ungenau. Eine kleine Qual hat ihr Zelt in ihm aufgeschlagen und drangsaliert ihn von innen. Da hilft auch keine sexuelle Beziehung mit einer Frau, die zufällig in sein Leben tritt.

Deutlich merkt er, dass sein Gefühlsleben stehen geblieben ist und sich nicht bewegen will, obwohl er es manchmal anzuschieben versucht. In diesem Stillstand fällt ihm auf, dass er Sehnsucht nicht mehr von Heimweh unterscheiden kann. Früher war ihm klar, dass Sehnsucht dem Heimweh vorausgeht: »Du liebst eine Frau, dadurch entsteht Sehnsucht. Indem sich die Sehnsucht zeigt, bildet sich nebenbei auch Heimweh nach der Landschaft oder der Stadt, in der die geliebte Frau zu Hause ist. Indem du die Frau liebst, wird die Sehnsucht gestillt, und das Heimweh verschwindet. So einfach war das einmal. Zuerst wurde die Sehnsucht mittelmäßig, jetzt auch das Heimweh«. Rotmunds Leben verdichtet immer mehr zum inneren Monolog eines Menschen, der den Glauben an erfüllende Partnerschaften ebenso wie das Gefühl inneren Glücks verloren hat.

Wilhelm Genazino zeichnet in dem ihm eigenen resignativen Stil das Bildnis eines Mannes, der die Fremdheit überwinden will und doch von Fremdheit zugewuchert wird. Er konzentriert sich mit seinem Roman auf den merkwürdigsten Punkt im Leben: auf den Punkt, da sich ein zuvor heftiges Interesse plötzlich aufzulösen beginnt. Lakonisch und gleichzeitig haarscharf in der Beobachtung schildert er den Wärmetod des Gefühls, die Abflachung aller Emotionen und ihr Verlöschen in Mittelmäßigkeit.

Ausgeprägt ist seine enorme Beobachtungsgabe von Personen und Ereignissen. Detaillierte Beschreibungen alltäglicher Banalitäten münden durchaus in eigenwillige, skurrile Erkenntnisse. »Es ist diese Wahrnehmung, die meine Melancholie über den vielleicht ausbleibenden Sinn vertreibt und mich wieder ins Leben zurückholt«, lässt er seinen Helden sagen. Genazinos Verfremdungstechnik hilft, die eigene Verzweiflung durch die Situationskomik des Alltags zu betäuben. Aufgelöst wird sie dadurch nicht.

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Es sind keine fantastischen Welten, in die uns Wilhelm Genazino entführt. Er erzählt uns keine abenteuerliche und spannende Geschichte mit großen und schillernden Charakteren. Der unauffällige Mensch in irgendeiner deutschen Großstadt, vielleicht Frankfurt, ist der Protagonist in vielen Romanen Genazinos, so auch in seinem neuesten Werk „Mittelmäßiges Heimweh“.

Dieter Rotmund ist Controller in einem Pharmakonzern und schafft den beruflichen Aufstieg zum Finanzdirektor; er, der am Anfang der Handlung regelmäßig mit der Bahn schwarz fährt, um am Wochenende seine Frau Edith und seine Tochter Sabine im Schwarzwald zu besuchen, leistet sich nun Maßanzüge. Parallel zum beruflichen Erfolg läuft die persönliche Katastrophe ab: Rotmunds Frau betrügt ihn mit einem Architekten aus dem Nachbardorf; sie haben sich entfremdet in ihrer Wochenendbeziehung; die rasche Zerstörung einer Familie nimmt ihren Lauf.

Die Stärke des Buches ist nicht die Geschichte, sondern die Art, wie der Autor sie erzählt. Ganz und gar außergewöhnlich ist, wie und was die Hauptfigur Dieter Rotmund beobachtet und welche Überlegungen und Gefühle das Erleben auslöst. Rotmund antwortet auf die Frage, wie es ihm geht: „Ich vereinsame gerade“. Oder er reflektiert: „Aus Verzweiflung über den Verlauf meines Lebens beiße ich in den Saum meines Unterhemds. Mit meinen im Unterhemd verbissenen Zähnen gelingt mir langsam die Zerkleinerung des Schmerzes.“ Passend zu solchen Sätzen gesellt sich zur realen Handlungsebene noch eine surreale: Rotmund verliert während eines Wirtshausbesuches am Anfang des Romans ein Ohr, später in einem Schwimmbad noch einen kleinen Zeh. Diese skurilen Elemente erinnern an Kafka und Gogol.

Die eigenwillige Art der Wortwahl und Wortschöpfungen lassen den Leser immer wieder stolpern, innehalten und nachdenken. Der an vielen Stellen durchscheinende Humor entschärft die schonungslose Darstellung von Vereinsamung und Entfremdung des modernen Menschen.

Egmont Vorwalter am 12.10.2007

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