Peter Scholl-Latour
Zwischen den Fronten. Erlebte Weltgeschichte
Propyläen 2007, ISBN-10: 3549073321 / ISBN-13: 978-3549073322
Der Titel lässt vermuten, dass es sich um das neue Buch um eine Biographie handeln könnte. Auch liest sich das Inhaltsverzeichnis so, als wenn ein alternder Autor Zeugnis ablegt von den vielen Schlachten, Stürzen, Krisen und Kriegen, die er miterlebt hat. Doch mitnichten.
Schon auf der ersten Seite schreibt Scholl-Latour, dass er erst daran denke, sich an die Biographie zu machen, wenn ihn das Alter ans Bett fesselt: „Dabei handelt es sich mitnichten um eine Biograophie, deren Niederschrift ich mir erst antun werde, wenn mein Gesundheitszustand mich zur benediktinischen Tugend der „stabilitas loci“ verurteilt.“
Vielmehr wird er auch weiterhin die Welt bereisen und hinterher mit dem erhobenen Zeigefinger warnen. Er kritisiert die üblichen Verdächtigen: Nicht nur die Deutschen samt Bundeswehrführung, Politik und Öffentlichkeit, sondern die gesamte westliche Welt. So schreibt er über den Afghanistaneinsatz: „Wer den Afghanistan – Krieg gewinnen will, und sei es auf die treuherzig dümmliche Masche „to win hearts and minds“, wer in Kabul eine Demokratie westlichen Modells einrichten möchte – trotz der Mahnungen und Warnungen, die von der eigenen Botschaft, den eigenen Kommandeuren und dem eigenen Nachrichtendienst vorliegen – der begibt sich auf die gleiche Ebene wie der ehemalige General und Außenminister Colin Powel, der aus Loyalität zu seinem Präsidenten dem Weltsicherheitsrat wissentlich gefälschte Dokumente unterbreitete.“
Doch Scholl-Latour kritisiert, um aufzuklären. Er legt der restlichen Welt einen Spiegel vor, er hinterfragt auch dort wo es weh tut und bisweilen nicht die political correctness erbietet. Aber Scholl-Latour weiß um seine Person, der Persona non grata: „Eine Spur grimmige Heiterkeit empfinde ich allenfalls, wenn ich bei den raren Fernsehdiskussionen, zu denen man mich als notorischen Störenfried noch einlädt, feststelle, dass die engagiertesten Bellizisten, die mir in der Anfangsphase des Konflikts so resolut und selbstsicher entgegentraten, wie vom Erdboden verschluckt sind.“
Auffallend: Im Gegensatz zu seinen beiden letzten Büchern „Russland im Zangengriff“ und „Weltmacht im Treibsand“ poltert er weniger stark gegen die Etablierten der Welt. Außerdem schreibt er fast entschuldigend: „In diesem Sinne mache ich mich an eine Veröffentlichung, an einen „Essay“, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und bewusst auf die individuelle Beurteilung ausgerichtet ist.“
Denn noch in Russland im Zangengriff schrieb er, dass alte Männer nichts zu verlieren hätten. Vielleicht wurde er beiseite genommen und eingebremst. Doch dies scheint weniger so zu sein, denn wer mit 83 noch durch alle Kontinente eilt und stets aufs Neue gegen die Missstände in der Welt anrennt, kann von irdischen Mächten nicht gebremst werden.
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