Wilhelm Genazino

Die Liebesblödigkeit. Roman

dtv, München 2007, ISBN-13: 978-3-423-13540-5

Wilhelm Genazinos Held ist ein freischaffender Zivilisations-Apokalyptiker, der mehr schlecht als recht von Verträgen, Kolloquien, Tagungen und gelegentlichen Essays in Fachzeitschriften lebt. Dafür ist er reich mit den Segnungen der Liebe ausgestattet: Der 52jährige unterhält intensive und langjährige Verhältnisse zu zwei höchst unterschiedlichen Frauen. Dabei handelt es sich um die gescheiterte Konzertpianistin Judith sowie die Büroangestellte Sandra, die sich plötzlich der Hobbymalerei zuwendet.

Die dauerhafte Liebe zu diesen beiden schenkt ihm nach eigenem Dafürhalten eine wunderbare Doppelverankerung in der Welt. Er hält die Liebe zu zwei Frauen weder für obszön noch gemein oder besonders triebhaft. Sie ist ihm vielmehr eine bedeutsame Vertiefung aller Lebensbelange. Dem Ich-Erzähler ist jedenfalls das Bewusstsein dafür, dass sein Sexualleben polygam genannt wird und nach den herrschenden Auffassungen niederträchtig ist, im Laufe der Jahre abhanden gekommen. So wünscht er allen Männern zwei Frauen und allen Frauen zwei Männer, wenigstens phasenweise, denn das sei die Mindestüppigkeit, mit der wir den Kampf gegen unser armseliges Leben antreten können, ohne uns gleich dem Gesetz der Kargheit auszuliefern.

Sein eigenes Leben ist trotz dieser Üppigkeit von keimenden Krankheiten, diversen Zipperlein und einem spürbaren Alterungsprozess bestimmt. Er beobachtet Krampfadern und das Zucken eines Augenlids und erlebt das schleichende Nachlassen seiner Manneskraft. Das alles serviert ihm einen guten Schuss Todesangst. Außerdem fürchtet er, aufzufliegen. Was soll werden, wenn er plötzlich ins Krankenhaus muss und beide Damen prallen aufeinander?

Auf einem seiner Apokalypse-Seminare in den Schweizer Bergen reift sein Entschluss, sich von einer der beiden Beziehungen zu verabschieden. Aber von welcher der höchst unterschiedlichen Damen soll er sich trennen, oder soll er sich sowohl von Judith wie auch von Sandra lösen und es dann noch einmal völlig neu versuchen? Beim Abwägen der Vor- und Nachteile verfällt der Prediger des Weltuntergangs zunehmend in einen von ihm als Liebesblödigkeit bezeichneten Zustand. Tatsächlich rutscht er in eine Depression, die ihm jede Entscheidungskraft raubt. Er kriecht immer stärker in sein Schneckenhaus und kommt vollends ins Schwimmen, als er auf seine Ex-Frau Bettina trifft, der er lieber aus dem Weg gehen möchte.

Er spürt seine Feigheit, empfindet sich als Versager und erlebt sich als ein Katastrophenbefallener. Auch sein Umfeld, der Postfeind Bausback, der Panik-Berater Dr. Ostwald, Herr Mannschott, der Alkohol-Sekretär der Turbinenfabrik Schnellinger, der Empörungs-Beauftragte Morgenthaler und Dr. Blaul, der als Ekelreferent tätig ist, helfen ihm wenig bei der Lösung des Problems. Sie sind selbst alle Verlorene, merkwürdige Gestalten am Wegesrand, die einfach nur komisch wirken.

Nun erwartet der Leser, der dem Geschehen folgt, wohl eine Lösung oder eine jähe Wendung. Ob die Damen zu guter Letzt vielleicht sogar ihren langjährigen Freund und Liebhaber verlassen, ob er selbst eine Entscheidung fällt und sich vielleicht in ein hübsches junges Ding verliebt, das seinen Weg kreuzt? Geübte Genazino-Leser ahnen jedoch, dass sich der Fortgang der Handlung auflöst in einer Reflektion über Todesangst wie über das Todesangsttheater, das seinen Helden verwirrt. Wie immer bei diesem Autor ist der Roman relativ handlungsarm und dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, spannend bis zur letzten Zeile.


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Ich muss gestehen – ich war sehr skeptisch. Ich mag Genazinos Bücher wegen ihrer unaufdringlichen, unentschlossenen, diffusen, hirnverstopften Scheiterer. Wegen der undandyhaften Flanierer, der unter- (und dadurch nicht selten über-) forderten Brotberufler und nichtzupottekommenden Wahrnehmungsautisten. Wegen der noch von 68er-Hoffnungen unterspülten, enttäuschbaren, sich aber zu keinerlei Umsturz mehr aufraffen könnenden, weil bereits zu reflexiv gewordenen, mehr mit sich selbst als dem Großen und Ganzen hadernden, leis verzagten Vorsichhinwurschtler.
Dann kam der Erfolg für den Autor (Büchnerpreis), und es folgte dieser Roman über einen Mann, der zwischen zwei Frauen steht. Ich hatte nun die Befürchtung, der neue Ruhm könne dem Autor zu Kopf gestiegen sein - und Literatur ist halt mal Kopfsache - ; und dass, in abgewandelter Form, der Joseph-von-Westphalen-Effekt eintreten könnten: Vom kritisch-genauen Beobachter zum Weiberheldtheoretiker, dem aber im Laufe der sich immer schneller promiskuierenden Zeit die Feinde ausgehen, weswegen seine Frauengestalten immer nörgeliger, anachronistsicher und unglaubwürdiger werden, weil sie die ganze Last der Glücksverhinderung zu tragen haben.
Meine Skepsis war unbegründet, denn natürlich schafft es ein Held von Genazinos Gnaden, zwischen den Fronten zu stehen, ohne überflüssige Flottheit zu verströmen oder auch nur einen halbwegs kernigen, konkreten Konflikt im Sinne einer menage à trois zu durchleben (oder dessen kultivierte Vermeidung à la Jules et Jim (resp. Julian and Barnes)); die eben aus dem, was sie so genau negiert, ihre gewissermaßen exakte Melancholie gewinnt.
Denn natürlich geht es hier nicht ums >>hoppla, ich bin so frei(zügig)<<. Sondern hier bindet sich jemand, der sich ewig prüft, lieber zweimal ans Leben, um diesem nicht völlig abhanden zu kommen, zumal seine Freunde und Bekannten, ähnliche Nichtszustandebringer wie er und allesamt Leute, die ihre Nutzlosigkeit zum Beruf gemacht haben, diesem Zweck wohl nicht dienlich sein dürften.
Fazit: Genazino as usual. Und usual heißt bekanntlich gewöhnlich. Und gewöhnlich bei Genazino heißt bekanntlich: außergewöhnlich.

Lutz Uellendahl am 06.05.2009

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