Clemens Meyer

Als wir träumten

Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2007, ISBN-13: 978-3-596-17305-1

Sie klauen Autos, um eine alte Frau zum Grab ihres Mannes zu fahren. Sie kämpfen für ihre Fußballmannschaft und treten als Chemie-Leipzig-Fans gegen die Lok-Schweine an. Sie rennen weg von zu Hause, wo die heile Welt längst ausgezogen ist. Sie werden die Größten im Viertel, als sie in der alten Fabrik einen eigenen Club aufmachen, Eastside. Sie kaufen sich nagelneue Unterhosen für zwanzig Mark das Stück, um im Swingerclub die richtigen Frauen abzukriegen. Sie dröhnen sich mit Alkohol und Drogen zu, bis die tödliche Grenze überschritten ist. Sie prügeln und sie verbünden sich mit anderen Cliquen, aber das alles „kapiert kein scheiß Richter. Is ‘ne Straßensache, n‘ Krieg, kapiert kein scheiß Richter.“ Und so müssen Danie und seine Kumpels immer wieder in den Jugendknast und sich dort gegen die echten Gangster behaupten. Danie, der vor kurzem noch in die schöne Katja verliebt war, die mustergültige Gruppenratsvorsitzende, die dann mit ihren Eltern in den Westen gehen mußte. Dann kam ein Montag, an dem die Jungs aus Neugier ins Stadtzentrum und unverhofft in einen Riesenmenschenauflauf gerieten und sich staunend und dank eines Ausweises von der Foto AG dem Zugriff der Bullen entziehen konnten. Inzwischen aber ist alles anders …
Clemens Meyers Roman ist schrecklich, er empört und nervt, macht wütend und traurig. Und doch kann man diese geballte Provokation nicht aus der Hand legen. Es fasziniert, wie Meyer das ganz alltägliche Leben junger Leute aus dem Leipziger Osten vor und nach der Wende beschreibt. Differenziert und unverfälscht und doch sensibel und mitfühlend. „Als wir träumten“ skizziert detailreich und eigenwillig das Bild einer verunsicherten, zerrissenen Jugendszene.
Kathrin Kowarsch am 16.06.2008

Seit ihrer Kindheit kennen sich Rico, Mark, Pitbull, Paul, Walter und Daniel. Sie leben in Reudnitz im Osten Leipzigs. 1989, als sie 12, 13 Jahre alt sind, finden in Leipzig die großen Demonstrationen statt. Jeden Montag versammeln sich abends Tausende von Bürgern in der Stadt, um mit brennenden Kerzen durch die Straßen zu ziehen und mit der Parole „Wir sind das Volk“ friedlich gegen den autoritären DDR-Staat zu demonstrieren. Einmal sind die Freunde auch mit dabei, ohne die geringste Ahnung, um was es überhaupt geht. Darüber allerdings, wie man die Polizei an der Nase herumführt und ihr, wenn es sein muss, entkommt, wissen sie Bescheid. Deshalb überstehen sie auch unbeschadet diesen Montag, an dem die Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten eingesetzt werden.
„Als wir träumten“ ist der erste Roman von Clemens Meyer, einem 31jährigen Schriftsteller aus Leipzig. In 34 Kapiteln erzählt Meyer auf über 500 Seiten zahlreiche Geschichten aus dem Leben von sechs Jugendlichen vor und nach der Wende. Damit aber kein falscher Eindruck entsteht: Gäbe es nicht dieses Kapitel „Versammlungen“ und ein paar andere, in denen von Veranstaltungen der jungen Pioniere oder aus der Schule erzählt wird, erhielte der Leser keine Hinweise, dass dieses Buch vor dem welthistorischen Hintergrund des Zusammenbruchs von Ostblock und kommunistischem deutschem Staat spielt. Politik gibt es im Leben der Leipziger Clique nicht. Die Jungen entziehen sich nach und nach dem Einfluss ihrer Familien (in denen z.T. unerträgliche Verhältnisse herrschen), dem Einfluss von Lehrern, Schule und Jugendorganisationen, sie treffen sich auf der Straße, in Abbruchhäusern und in Spelunken. Diebstähle, Einbrüche, Betrügereien, Sachbeschädigungen und Körperverletzungen sind an der Tagesordnung, ebenso Alkohol- und Drogenmissbrauch. Die Jungen sind Stammgäste auf dem Polizeirevier des Viertels, sie landen im Krankenhaus, im Jugendarrest und schließlich im Gefängnis. Die Mutter des Ich-Erzählers Daniel Lenz spricht stellvertretend für mehrere Eltern, wenn sie ihren Sohn verzweifelt und hilflos anbrüllt : „Du und dein Dreck! Du und dein Lügendreck!...Merkst du s nicht? Und die Leute, das Haus, Junge, wenn die Polizei ... wenn wieder die Polizei ... wie du aussiehst ... ein Schläger, wie dein Vater ... hau doch ab, hau doch einfach ab! ... Totschlagen sollen sie dich doch ... Verbrecher ... totschlagen.“ (312 /313)
Für die Freundschaft, so wie sie diese verstehen, für die Aufmerksamkeit und die Anerkennung der Anderen sind sie zu allem bereit. Für einige endet ihre Suche nach der eigenen Identität, nach Lebensinhalten und einem Ausweg aus der Leere und Orientierungslosigkeit tödlich. Am Ende findet nur der Ich-Erzähler zurück in ein halbwegs geordnetes Leben.
Das Buch „Als wir träumten“ ist kein Roman, auch wenn der Verlag das behauptet. Die einzelnen Kapitel stehen nur in einem lockeren Zusammenhang, sie folgen keiner Chronologie, es gibt keine Erzählstränge, keine durchgehende Handlung. Was alle Kapitel verbindet sind die Personen, von denen erzählt wird, und die Beibehaltung der Erzählperspektive. Aneinander gereihte Texte, fast beliebig austauschbar, ergeben keinen Roman. Dazu bedarf es einer Gesamtkomposition, jedes Kapitel ist notwendiger Teil eines Ganzen. Insofern wird mancher Romanliebhaber enttäuscht sein. Dennoch hat Meyer ein gutes Buch geschrieben, eine lesenswerte Sammlung kurzer Erzählungen, unter denen einige Glanzstücke zu finden sind, mit exzellentem Textaufbau und realistischen Dialogen. Mir fällt auf Anhieb kein literarisches Werk zeitgenössischer deutscher Literatur ein, das so echt und glaubwürdig die Jargons und Verhaltensweisen von Hooligans, Rechtsradikalen, Punks, Funktionären, Knackis und Nutten wiedergibt wie Meyers Kurzgeschichten.
In einem Interview antwortete Clemens Meyer vor kurzem auf eine Frage, er wisse nicht, was „Unterschicht“ bedeute. Mit seinen Erzählungen legte er ein einzigartiges Dokument über die Unterschicht in Deutschland der Gegenwart vor. „Als wir träumten“ wird, so vermute ich, auch in zehn oder fünfzehn Jahren genau aus diesem Grund noch gelesen werden.

Egmont Vorwalter am 17.06.2008

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