Lew Nikolajewitsch Tolstoj

Anna Karenina

Albatros Verlag, Düsseldorf

"Anna Karenina" ist schwere Kost – mit seinen ca. 1000 Seiten ist er einer unbekannteren Romane Lew Nikolajewitsch Tolstojs, der außerdem „Krieg und Frieden“ und „Auferstehung“ geschrieben hat. 1873-1878 entstanden, gehört „Anna Karenina“ zum russischen Realismus, was prägend für das Werk ist. Die Gesellschaft Russlands des 19. Jahrhundert wird realistisch beleuchtet. Das heißt bei Tolstoj nicht nur Ausschmückung der Handlung sondern auch ein Kapitel Lebensphilosophie, dazu jedoch später mehr.

Formal ist der Roman in 8 Teile geteilt und umfasst das Geschehen und Schicksal dreier Familien.
Anfangs wird der Leser vom Ehebruch des Fürsten Stiwa Oblonskij unterrichtet und dass seine Frau Dolly unter diesen Umständen auf keinen Fall weiter mit ihm zusammen leben könne. Anna Karenina, die Schwester Oblonskijs, kommt die Familie besuchen und steht Dolly bei – schließlich überredet sie die Freundin, sich von der Liebe führen zu lassen und rettet die Ehe der Oblonskijs, die schon verloren geglaubt war.
Kitty, die Schwester Dollys, hat ein Auge auf Wronskij, einen Junggesellen, geworfen und versucht ihm den Hof zu machen. Einen Heiratsantrag Lewins hatte sie zuvor abgelehnt.

So verwirrend sich die Konstellation im ersten Moment darstellt, durchleben die hier vorgestellten Personen während des Romans eine bewegte Zeit. Der Hauptkonflikt entbrennt, als Anna Karenina und Wronskij aufeinander treffen und sich unsterblich ineinander verlieben. An dieser verbotenen Liebe (Anna Karenina ist unglücklich verheiratet) und der darauf folgenden Affäre zwischen beiden, werden ethische Fragen wie Ehebruch und Treue dargestellt. Lange verheimlicht Anna Karenina die Affäre vor ihrem Mann – bis sie von Wronskij schwanger wird. Nach der schwierigen Geburt, die für Anna Karenina fast den Tod bedeutet hätte, gestattet ihr Mann die Scheidung. Eigentlich hätte nun alles gut enden können, das neue Liebespaar hätte sich auf dem Land ein schönes Leben machen können, doch das Schicksal nimmt seinen Lauf. Anna Karenina stimmt der Scheidung lange nicht zu, um ihren ersten Sohn (Serjoscha) nicht zu verlieren. Ein Jahr hatte sie ihn schon im Stich gelassen, als sie mit Wronskij umhergereist war.
Gesellschaftlich geächtet zieht sich Anna Karenina zurück und Wronskij stürzt sich in die Arbeit. Anna sieht keinen Lebensinhalt mehr, das Landleben genügt ihr nicht mehr, sie will mehr. Außerdem beschleicht sie das Gefühl, ihr Mann würde fremdgehen und sie verlassen. Die nicht endenden Wahnvorstellungen Annas führen immer wieder zu Konflikten zwischen dem Paar. Anna will sich nicht scheiden lassen, obwohl man so in der Gesellschaft rehabilitiert wäre und das zweite Kind Annas, Annie, einen rechtmäßigen Vater hätte. Lange ist Anna mit ihren Zweifeln allein. Schließlich stimmt Karenin der Scheidung zu – doch die Tragödie scheint unabwendbar. Anna Karenina stürzt sich, keinen Ausweg mehr sehend, vor einen Zug. Besonders bitter ist für sie: die beiden anderen Ehen gehen gut aus. Kitty wird mit Lewin glücklich und auch Stiwa und Dolly raufen sich wieder zusammen.

„Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre Weise unglücklich“ ist der Eingangssatz des Romans und wird gleichzeitig als „Anna Karenina Prinzip“ bezeichnet. In einer glücklichen Familie stimmen viele Faktoren, während eine unglückliche Familie lediglich einen Faktor braucht, der nicht stimmt, um unglücklich zu sein. Dieser Faktor ist für Anna Karenina der Umstand, dass sie ihren Sohn nichts sehen kann. Sie will „Sich von dem Befreien, was einen beunruhigt“, will ihr eigenes Leben in die Hand nehmen und scheitert an den gesellschaftlichen Konventionen. Die großen Themen des Werkes sind Liebe, Familie und der Sinn des Lebens. Ist eine Familie alles? Wofür lohnt es sich zu leben? Darf man sich scheiden lassen und seinem Herzen folgen? Diese Fragen beantworten viele der Romanfiguren für ihre Situation. Dabei fällt die psychische Zeichnung der Figuren auf: Plastisch sind ihre Gedanken, strukturiert, gut nachvollziehbar. Doch auch politisch aktuelle Probleme der damaligen Zeit werden beleuchtet. Die Bauern als Bevölkerungsmehrheit mit ihrem Leben und deren Problemen werden charakterisiert durch die Figur des Lewin, der zugleich die Suche nach dem Guten und dem Lebenssinn aufschlüsselt. Verschiedene Lebensentwürfe werden gezeigt und miteinander verglichen, was den Roman zu einem Gesellschaftsroman macht.
Im letzten Kapitel findet Lewin sich und den Sinn seines Lebens. Breit und ausführlich ist die Sinnsuche dargestellt, nach mehreren Lebenskrisen findet Lewin den Sinn in seinem Leben:
„Wenn das Gute eine Ursache hat, ist es nicht mehr gut, wenn es Folgen hat – belohnt wird zum Beispiel –, ist es ebenfalls nicht mehr gut. Also steckt das Gute außerhalb der Verkettung von Ursache und Wirkung. Und dieses Gute kenne ich genau; wir alle kennen es.“ (S.949)

Alles in allem ist "Anna Karenina" noch immer lesenswert und aktuell, obwohl der Roman schon über 100 Jahre alt ist. Lebensfragen werden diskutiert und beantwortet, Beziehungen analysiert und obwohl der Roman dem Realismus zuzuordnen ist, stellt sich beim Lesen keine Langeweile auf Grund des Umfangs oder der Ausschmückungen ein.
Anja Lange am 18.11.2009

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