Juli Zeh
Spieltrieb
Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2004, ISBN-10: 3895610569 / ISBN-13: 978-3895610561
Wenn man sich im Buchladen umsieht, trifft man sie nicht selten nebeneinander an: Musil und Nabokov. Doch was im Buchladen das Alphabet ordnet, ist im Roman Spieltrieb die Schriftstellerin Juli Zeh. Ada heißt die Protagonistin in diesem, wie in Nabokovs Roman „Ada oder Das Verlangen: Aus den Annalen einer Familie“ (hier geht es ebenfalls um zwei Hochbegabte). Musil dient vor allem sprachlich, in den bildhaften Naturbeschreibungen als Vorbild. Und auch direkt im Roman trifft Ada auf Musils „Mann ohne Eigenschaften“. Das Buch wird als Schullektüre in ihrer Klasse gelesen.
Trotz Parallelen zu anderen Büchern ist Spieltrieb als eigenständiges Buch genial und ist auch ohne Kenntnisse über Nabokov, Musil oder Nietzsche absolut lesenswert. Juli Zeh geht der Frage nach: Was, wenn es keine Moral und Religion mehr gibt? Wer kann noch wissen, was gut oder böse ist?
Diese Entscheidung überlässt sie in der Gerichtsverhandlung der Richterin, die die kalte Sophie genannt wird. Sie äußert die Befürchtung, den Fall nie entscheiden zu können. Am Ende wird doch ein Urteil gefällt, und wie das lautet, muss schon jeder selber lesen...
Ada, nicht schön, dafür hochbegabt und schnell, kommt als 14 jährige Schülerin auf das Erns-Bloch-Gymnasium in Bonn. Sie wurde aus ihrer alten Schule verwiesen, nachdem sie einen Schüler grundlos und brutal nieder prügelte. Sie ist Außenseiterin und distanziert sich von ihren Mitschülern. Nur hin und wieder demonstriert sie ihre Überlegenheit, in dem sie die Gespräche der „Prinzessinen“ provokant und destruktiv kommentiert. Ihre Kontakte sind, auch außerhalb der Schule, kühl und distanziert. Erst als Ada auf Alev trifft, der ein Jahr später auf die Schule kommt, findet sie in ihm einen Gleichgesinnten. Alev ist Halb-Ägypter, Viertel-Franzose und in vielen Ländern aufgewachsen. Er ist schön und intelligent, gleichzeitig kleinwüchsig und diabolisch. Alle Mädchen fühlen sich zu ihm hingezogen. Auch Ada kann sich dem nicht entziehen und so teilt sie ihre Zuneigung mit unzähligen anderen. Doch zwischen den beiden entwickelt sich eine spezielle Abhängigkeit, sie fühlen sich durch „No-thing“ verbunden. „No-thing, das Nichtvorhandensein einer Vorstellung von Richtig oder Falsch, ein leerer Zwischenraum.“ Sie erkennen hierin den Gegner der Menschheit. „Das Nichts ist die Abwesenheit von Dingen, ein leerer Raum, den menschliches Wollen unablässig zu füllen versucht.“ Sie glauben an nichts und kennen keine Moral. Zusammen geben sie ein eingespieltes Team ab, spielen sich gegenseitig die Bälle zu und geben im Unterricht den Ton an.
Im ironisch, pessimistischen Geschichtslehrer Höfi finden sie einen ebenbürtigen. In einer Unterrichtsstunde beschimpft Höfi sie, „Mit euch kann man nicht reden. Ihr seid furchtbar altmodisch. Nihilisten!“. Alev korrigiert, „Schlimmer. Die Nihilisten glauben immerhin, dass es etwas gebe, an das sie nicht glauben konnten.“ Ada führt fort, „Wir sind die Urenkel der Nihilisten.“ Doch kurz darauf stürzt sich Höfi vom Dach der Schule und mit ihm verschwindet der einzige, der den beiden etwas entgegensetzen konnte. Die letzen Worte die er an Ada und Alev richtet sind, „...euch bleibt nur eins: Amor fati, die Liebe zu allem, was ist. Ich wünsche euch das Beste.“ Sie beschließen ihren Plan jetzt erst recht umzusetzen.
Smutek, der gutmütige Deutsch- und Sportlehrer, der Ada zu einer Langstreckenläuferin machen möchte, ist das perfekt Opfer der beiden. Und er steht mächtigen Gegnern gegenüber: Alev der überlegene Spielmacher, der die Menschen zu allen möglichen Absonderlichkeiten bringt und Ada mit ihrem scharfen Verstand. Am Beispiel des Gefangenendilemmas demonstriert Alev Smuteks Berechenbarkeit und damit die Berechenbarkeit der Menschheit.
Ada verführt den Lehrer in der Turnhalle. Um ihn zur Kooperation zu bringen benötigen sie ein Druckmittel: Alev fotografiert. Sie erpressen ihn. Durch diese Zwickmühle, will Alev ihn letzten Endes zu seiner persönlichen Freiheit verhelfen. Er möchte ihm die Chance zu echten Entscheidungsmöglichkeiten eröffnen „eine Chance zur Menschwerdung, und somit sind wir – sein Schöpfer. Beziehungsweise... Sagen wir: sein Prometheus.“
Es ist der Willen zur Macht, wie Smutek im Laufe der Geschichte erkennt, der die beiden antreibt. Er sucht nach den Beweggründen dieser möglicherweise neuen Generation, „Gelegentlich hatte er (Smutek) sich gefragt, woraus diese Überlebenden der Postmoderne Kraft und Antrieb schöpfen. Die Antwort darauf schien das Vorglühen einer neuen Epoche anzuzeigen... Fassungslos stand er vor der Auskunft, die der soeben angetroffene Zettel ihm erteilte: Alles geht, alles kommt zurück, ewig rollt das Rad des Seins. Man wollte den Selbstzweck, den Willen zur Macht. Spieltrieb. Daher also nahmen sie ihre Kraft.“
Das Spiel geht weiter. Smutek wird zum regelmäßigen Sex mit Ada erpresst, doch die Ereignisse nehmen eine Wendung, als sich zwischen den beiden mehr entwickelt und Smutek sich auflehnt...
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