Die einzige Frau im Raum

Die einzige Frau im Raum. In der Reihe “Starke Frauen im Schatten der Weltgeschichte” sind von derselben Autorin schon Biografien zu Lady Churchill, Mrs Agatha Christie, Frau Einstein u.a. erschienen. In vorliegendem Briefroman erzählt sie die Geschichte der Schauspielerin und Erfinderin Hedwig Eva Maria Kiesler besser bekannt als Hedy Lamarr.

Ikone der Frauenbewegung

“Lady Bluetooth” wurde sie in einer Ausstellung, die ihrem Lebenswerk gewidmet war, genannt. Ihre Zusammenarbeit mit dem Komponisten George Antheil wurde mit dem Ergebnis frequency hopping gesegnet. Dieses frequency hopping stellte die Grundlage für das heutige wifi zur Verfügung. Lamarr wollte es während des Krieges auch der US-Armee zur Verfügung stellen, um Torpedos abzuwehren, allein, die amerikanischen Betonköpfe waren nicht intelligent genug das Potential ihrer Erfindung zu erkennen. Und so ging Hedy Lamarr vorerst als “schönste Frau der Filmgeschichte” in die Annalen ein, bis sich findige Journalist:innen mit ihrem Vermächtnis genauer auseinandersetzten. Ein Ergebnis war auch der Film “Calling Hedy Lamas”, der in Zusammenarbeit mit ihrem Sohn Anthony Lauder entstanden war. Oder später auch “Bombshell”, eine Dokumentation über ihre beiden Karrieren vom ersten Nacktmodell der Filmgeschichte zur Ikone der Frauenbewegung als Erfinderin.

Hedy Lamarr Forever

Marie Benedict widmet sich Hedy Lamarr, die durch ihre Heirat mit einem österreichischen Waffenhändler Zugriff auf die Pläne des Dritten Reichs erlangte. Ein Wissen, das sie später nutzte, um an der Seite der Alliierten zu kämpfen. Im Jahr 1937 verließ sie ihren gewalttätigen Ehemann und floh über Paris und London nach Hollywood. Dort wurde sie zu Hedy Lamarr, dem weltberühmten Filmstar. Was keiner wusste: Sie war Erfinderin. Und sie hatte eine Idee, die dem Land helfen könnte, die Nazis zu bekämpfen und die moderne Kommunikation zu revolutionieren. Wenn ihr nur jemand zugehört hätte. Der Hype um die schönste Frau der Welt mit Köpfchen reißt also auch mit diesem Briefroman nicht ab. Denn nach einem nach ihr benannten Wissenschaftspreis, einem Theaterstück von Peter Turrini, einem Song von Johnny Depp über sie, zwei Dokumentationen, einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof, was kann da noch kommen? Als Ikone der Popkultur gilt sie übrigens auch spätestens nach der Adaptation als Catwoman in der Comicwelt, wie alte Zeichnungen beweisen. Auch Anne Hathaway berief sich auf Lamarr für ihre Interpretation von Catwoman. Oder Disney’s Snow White? Was kann da also noch kommen? Naja, vielleicht das WonderWoman Hedy Lamarr spielt? Sehen Sie hier selbst!

Marie Benedict
Die einzige Frau im Raum. Roman
Starke Frauen im Schatten der Weltgeschichte, Band 4
Übersetzt von: Marieke Heimburger
2023, KiWi-Paperback, 304 Seiten
ISBN: 978-3-462-00492-2
Kiepenheuer & Witsch


Genre: Biographie, Briefe, Roman
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Schreib ohne Furcht und viel

Camus – Casarès: Schreib ohne Furcht und viel. Ein Briefwechsel

Schreib ohne Furcht und viel. Was für ein Imperativ! Was für eine Liebesgeschichte! Sagenhafte 1568 Seiten umfasst dieser Briefwechsel – bei Rowohlt erstmals in Buchform – zwischen Albert Camus (1913-1960) und der Schauspielerin Maria Casarès. Eineinhalb Jahrzehnte dauerte ihre Liebesgeschichte, die vielleicht nur durch Camus’ tragischem Unfalltod am 4. Januar 1960 für immer ihr Ende fand. Aber als Zeugnis der Intensität ihrer unvergleichlichen Liebe wird nun der Briefwechsel zwischen den beiden mehr als 60 Jahre später öffentlich zugänglich.

Schreib ohne Furcht und viel

In Frankreich erschien dieser Briefwechsel schon 2017 und wurde geradezu zu einer literarischen Sensation. Ein Vorwort des Schriftstellers Uwe Timm, der in den 1970er Jahren seine Doktorarbeit über Albert Camus schrieb, eröffnet die erstmalige deutschsprachige Ausgabe beim Rowohlt Verlag. Er schreibt auch von dem 1967 zu trauriger Berühmtheit gelangten Studenten Benno Ohnesorg, der ebenfalls ein Camus-Fan war und sogar nach Nordafrika getrampt war, um dort “genau die Landschaft zu erleben, die der Autor so hymnisch in Hochzeit des Lichts beschrieben hat“. Camus und Casarès hatten sich im Frühjahr 1944 im besetzten Paris kennen und lieben gelernt. Er war damals 30, sie immerhin 21. “Ich brauche dich, um mehr als ich selbst zu sein“, schreibt er ihr liebestoll. Er selbst war im Alter von ihr bitter enttäuscht worden, als ihn sein erste Frau betrogen hatte. Außerdem war er als Kind von seiner Großmutter mit einem Ochsenziemer gedemütigt worden.

Solitaire und solidaire

Eine Zeit wird kommen, in der wir trotz aller Schmerzen leicht, fröhlich und aufrichtig sind“, schreibt Camus ihr hoffnungsvoll im Februar 1950. Tatsächlich hatten sich die beiden zwischen 1944 und 1948 wieder trennen müssen, da Camus’ Frau, Francine Faure, zu ihm stieß (sie waren durch den Krieg getrennt worden). Eigentlich begann die Beziehung erst richtig am 6. Juni 1948 als sie sich zufällig am Boulevard Saint-Germain wiedersahen. Wieder ein 6. Juni wie schon 1944 und wieder ein Zufall. Aber auch in den zwölf Jahren ihrer Beziehung waren sie oft getrennt, allerdings nur geographisch. Denn ihre Briefe schmiedeten ein unsichtbares Band, das Zeugnis gibt, wie intensiv eine Liebe auch in Abwesenheit des Geliebten empfunden werden kann. Vielleicht gerade in Abwesenheit des anderen. “Was jeder von uns in seiner Arbeit, seinem Leben etc. Tut, tut er nicht allein Eine Anwesenheit, die nur er spürt, begleitet ihn“, schreibt Camus ihr im selben Brief vom Februar 1950 aus dem auch seine Tochter, Catherine Camus, die ebenfalls ein Vorwort schrieb, zitiert.

“Aye!Que cara de tonta tienes hoy!”

Wenn man sensibel ist, neigt man dazu, Hellsichtigkeit zu nennen, was einen enttäuscht, und Wahrheit alles, was einem schadet. Aber diese Hellsichtigkeit ist genauso blind wie anderes.“, schreibt er ihr 1944 und spricht darin von “dieser Welle, die mich seit gestern trägt” und beschreibt es mit “mein Herz ist voll von Dir“. Dennoch weiß Camus natürlich auch, dass er sich in Geduld üben muss. Schließlich herrscht Krieg und zudem ist er ja noch verheiratet. Sie antwortet ihm: “ich warte darauf, zu existieren, bin nur Verheißung”. Ihre Seligkeit beim Erhalten eines Briefes von Camus lässt ihren Vater ob ihres Anblickes ausrufen: “Aye!Que cara de tonta tienes hoy!” (Oh! Was machst du heute für ein dummes Gesicht!) Eine Seligkeit, die an Schwachsinn grenzt, meint sie. Aber wer kennt das nicht, wenn er/sie verliebt ist?

Liebe in kleinen Dosen

“Ich bin jedes Mal hingerissen, wenn Du mir Deine Liebe schreibst. Ich zittere, und zugleich bricht alles zusammen“, antwortet Camus ihr und zeigt damit, dass es ihm ähnlich geht. Über ihren letzten Brief meint er: “ich lebe, auf seinem Grund, wie ein glückliches Wrack“. Kann man das überhaupt “leben” nennen, ohne den Geliebten zu sein? Jeder, der schon einmal eine Fernbeziehung hatte, weiß, dass gerade durch die Trennung, die Gefühle sich intensivieren. Und vielleicht (er)lebt man sich gerade dadurch selbst mehr. Man wird kühner und dankbarer und wagt Dinge zu sagen, die ansonsten des Alkohols oder anderer Substanzen bedürfte. Hemingway (sie liest ihn gerade) nennt Camus einen Trickser und für die Liebe die sie ihm bereitet bedankt er sich aus tiefsten Herzen. Aber an manchen Tagen weint das Herz dann wieder stundenlang, “trotz den Hoffnungen und Freuden, die ihm versprochen” worden sein mögen. Und an solchen Tagen schreibt man seinem Geliebten oder seiner Geliebten am besten Briefe. Voller Sehnsucht und Leidenschaft. Keine E-Mails.

Albert Camus, Maria Casarès
Schreib ohne Furcht und viel.
Eine Liebesgeschichte in Briefen 1944-1959
Übersetzt von: Claudia Steinitz, Andrea Spingler, Tobias Scheffel
2021, Hardcover, 1568 Seiten
ISBN: 978-3-498-00131-5
Rowohlt


Genre: Biographie, Briefe, Exil, Fernbeziehung, Frankreich, Krieg, Liebesgeschichte
Illustrated by Rowohlt

Fürst Lahovary. Mein abenteuerliches Leben als Hochstapler

Thomas Mann erkannte im Kriminellen vielfach Künstlerisch-Eigenstes wieder. Sein Werk »Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull« fußt auf den Memoiren von Georges Manolescu, der als »Fürst Lahovary« ein ebenso abwechslungsreiches wie abenteuerliches Leben als Hochstapler führte. Diese Memoiren aus dem Jahr 1905 liegen jetzt wieder vor. Weiterlesen


Genre: Biographien, Briefe, Memoiren
Illustrated by Manesse Verlag München

Ich bin dir halt ein bißchen zu revolutionär

„Ich bin dir halt ein bißchen zu revolutionär“

Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Dolf Sternberger

„Ich bin Dir halt ein bißchen zu revolutionär“  ist der dokumentierte Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Dolf Sternberger, der in Buchform von Udo Bermbach herausgegeben wurde.

Da dieser Artikel immer mehr Raum, Seiten und Wörter einnahm, habe ich daraus nun eine Kurzrezension und einen längeren Artikel zum Buch geschrieben. Der längere Artikel unterscheidet sich insofern, dass er zusätzlich einen Überblick über die Lebensläufe von Hannah Arendt, Dolf Sternberger und Udo Bermbach beinhaltet, kurz auf die Essays eingeht und Zitate enthält.

„Ich bin dir halt ein bißchen zu revolutionär“

Das Buch ist in folgende Teile gegliedert.

Hannah Arendt und Dolf Sternberger: Eine Freundschaft
Briefwechsel 1946 – 1975
„Organisierte Schuld“ von Hannah Arendt
„Konzentrationsläger“ von Hannah Arendt
„Rede an die Freunde“ von Dolf Sternberger
Anhang (Personenregister, Lebenslauf Hannah Arendt und Dolf Sternberger, Bildnachweis)

Bevor ich näher auf den Inhalt eingehe, möchte ich die Lebensläufe von Hannah Arendt, Dolf Sternberger und Udo Bermbach ein wenig näher betrachten und die Gemeinsamkeiten herausfiltern. Im Anschluß werde ich zwei oder drei wichtige Punkte des Briefwechsels versuchen, herauszuarbeiten.

Hannah Arendt (1906-1975)

Hannah Arendt gehört zu den wichtigsten Philosophinnen des 20. Jahrhunderts. Gerade in der heutigen Zeit werden ihre Werke zur Theorie der totalen Herrschaft viel gelesen.

Dolf Sternberger (1907-1989)

Dolf Sternberger wurde als Adolf Sternberger geboren, legte das A aber schon vor der Machtergreifung der Nazis ab.

Er lernte Hannah Arendt kennen, als er 1927 von der Universität Kiel, über Frankfurt zu Karl Jaspers nach Heidelberg wechselte.

Die „Die Wandlung“Die Zeitschrift Die Wandlung erschien von November 1945 bis Herbst 1949 monatlich. Sie wurde Karl Jaspers, Dolf Sternberger, Werner Krauss und Alfred Weber gegründet.

In „Die Wandlung“publizierten Berthold Brecht, Thomas Mann, Martin Buber, Carl Zuckmayer, T. S. Elliot, N. H. Anden, Jean Paul Sartre, Albert Camus und viele weitere.

Udo Bermbach (geb. 1938)

Udo Bermbach war Assistent bei Dolf Sternberger. Von 1971 bis 2001  war er Professor für Politische Theorie an der Universität Hamburg.

Zum Briefwechsel – oder –
Was verbindet Hannah Arendt mit Dolf Sternberger

Dolf Sternberger schrieb nach dem Krieg am 31.05.1946 den ersten dokumentierten Brief an Hannah Arendt.

In der Zeit von 1948 bis 1975 trafen sich die Beiden mehrfach, entweder in Deutschland oder in den USA.

In beider Werke spielen Aristoteles, Heinrich Heine, Niccolo Machiavelli und Augustinus eine große Rolle.

Keineswegs einig waren sich die beiden Freunde in der Beurteilung Heideggers und seiner Philosophie. Sicherlich lag das auch daran, dass Dolf Sternberger nicht darüber hinwegsehen mochte, dass sich Heidegger zum Nationalsozialismus bekannt hatte und Dolf Sternberger seine jüdische Frau nur mit großer Mühe, Glück und der Hilfe Alexander Mitscherlichs vor der Deportation retten konnte.

Hannah Arendt hatte die Größe die Person Heidegger und seine Philosophie getrennt betrachten und bewerten zu können.

Aus den Briefen ist auch zu entnehmen, dass das Ehepaar Sternberger einige Pakete mit begehrten Waren nicht nur für sich selbst, sondern auch für Freunde auf postalischem Weg überreicht bekam.

Sicherlich mag es zwischen Hannah Arendt und Dolf Sternberger Freundschaft, aber doch ein wenig eine ungleiche Beziehung, gewesen sein. Beim Lesen der Briefe fällt auf, dass Dolf Sternberger, der Forderndere war. Er wollte, dass Hannah Arendt mehr Artikel für „Die Wandlung“ schriebe und eine redaktionelle Rolle bei „Der Wandlung“ einnähme. Hannah Arendt lehnt das ab.

Zu den Essays von Hannah Arendt und der Rede von Dolf Sternberger

Von Hannah Arendt wurden insgesamt sechs Essays in „Die Wandlung“ veröffentlicht, die 1948 vom Springer Verlag unter dem Titel „Sechs Essays“ veröffentlicht wurde.

In „Ich bin dir halt ein bißchen zu revolutionär“ wurden die Essays „Organisierte Schuld“ und „Konzentrationsläger“ und eine Rede Dolf Sternbergers aufgenommen.

Ausführlicherer Beitrag zu „Ich bin dir halt ein bißchen zu revolutionär“

Meine Schlussgedanken „Ich bin dir halt ein bißchen zu revolutionär“

Die Herausgabe dieses Briefwechsels zwischen Hannah Arendt ist  eine Ergänzung des bisherigen Materials über die großartige Philosophin und ihre freundschaftlichen Beziehungen.

Für jeden, der an der Nachkriegszeit, Hannah Arendt, Dolf Sternberger oder an Philosophie überhaupt interessiert ist, ist dieser Briefwechsel lesenswert. Vor allem lässt sich aus diesen Briefen herauslesen, welch große Bedeutung Hannah Arendt schon damals hatte.

Bemerkenswert ist sicherlich auch, dass man in den Briefen vergeblich nach einem „Gespräch“ über die Zeit im dritten Reich sucht. Wahrscheinlich wollten beide dieser Zeit nicht noch mehr Raum zugestehen.

Udo Bermbach ist es gelungen, diesen Briefwechsel in Buchform mit ausführlichem Zusatzmaterial, wie den Essays, den Lebensläufen und einer lesenswerten Einleitung herauszugeben. Das Schönste sind die zahlreichen Bilder! Es handelt sich um ein bereicherndes Dokument der Zeitzeugen!

Vielen Dank!


Genre: Biographien, Briefe, Memoiren
Illustrated by Rowohlt

Paul Cézanne Ausstellung Paris 1907

Cezanne Ausstellung 1907 von Rilke besucht

Als der berühmte Schriftsteller und Poet Rainer Maria Rilke im Oktober 1907 in Paris weilte, fand ebendort eine Gedächtnisausstellung zu Ehren des ein Jahr zuvor verstorbenen Malers Paul Cézanne statt. Diese Ausstellung umfasste 49 Gemälde und sieben Aquarelle und begründete Cézannes Ruf als Vater der modernen Malerei und trug seinen Ruhm in die Welt, post mortem oder wie man halt so sagt. Rilke besuchte die Ausstellung mehrmals und schrieb über seine Eindrücke eine Serie von Briefen an seine Frau, die Bildhauerin Clara Rilke Westhoff. Diese Briefe gehören zu den wohl bedeutendsten Zeugnissen einer frühen Rezeption des Werks von Cézanne durch einen Dichter, der es vermag, seine Gedanken auch vom Werk des Malers inspirieren zu lassen. Rilkes Briefe enthalten zum einen erstaunliche künstlerische Einsichten und gehen inhaltlich weit über die klassische Kunstkritik hinaus, da sie auch viele persönliche Seiten des Dichters zeigen.

Briefe Rilkes über Cezanne

Rilke macht sich in einem Brief – viele davon werden übrigens auch mit der Originalhandschrift Rilkes als Faksimile abgedruckt – auch Gedanken über die künstlerische Arbeitsweise und das Arbeiten an sich. So schreibt er über Rodin und Van Gogh, dass der eine oder andere vielleicht die Fassung verlieren konnte, aber die Arbeit wäre noch hinter der Fassung gewesen, aus ihr hätte man nicht herausfallen können. „Es ist lauter Freude; es ist das natürliche Wohlsein in diesem Einen, an das nichts anderes heranreicht.“ Rilke sieht auch die Verkäufer am Seine-Ufer, die scheinbar nie ein Geschäft machen, „aber man sieht hinein und sie sitzen und lesen, unbesorgt, sorgen nicht um morgen, ängstigen sich nicht um ein Gelingen, haben einen Hunde, ver vor Ihnen sitzt, gut aufgelegt, oder eine Katze, die die Stille um sie noch größer macht, indem sie die Bücherreihen entlang streicht, als wischte sie die Namen von den Rücken“. Welch’ wunderbare Gedanken dieser Rilke doch formulieren kann, über scheinbare Nebensächlichkeiten, die doch den Reiz des Ganzen ausmachen!

Weiße Schwäne und schwarze Damen

„Leda“ heißt eines der hier abgedruckten Gemälde Cézannes und zeigt, wie der Schwan ihr in die ausgestreckte Hand beißt. Ihr Blick ist dabei so teilnahmslos, wie willig, denn sie nimmt es hin, was ihr beschert ist, ihre Brüste ebenso entblößt, wie ihre Gedanken. „La Dame en noir“ heißt ein anderes Gemälde aus den Jahren 1891/92 und ihr Blick ist melancholisch, ihr Kleid schwarz, aber die Blumen an der Wand und der Kirschbaum im Hintergrund zaubern einen Schatten auf ihre roten Bäckchen und gefalteten Hände. Auch Alte (Vieillards) porträtiert Cézanne und Rilke findet in seinen Briefen treffende Worte zum Werk Cézannes wie zum Leben zwischen Paris, Prag und Venedig. Der vorliegende, reich bebilderte Band führt erstmals und in höchster Druckqualität alle Werke Cézannes zusammen, die 1907 im Salon d’Automne zu sehen waren. Ihnen gegenübergestellt werden Rilkes Briefe, wodurch sich ein Zusammenhang zwischen bildender Kunst und ihrem Einfluss auf den Dichter herauskristallisiert. Zusätzlich wurden auch Einschätzungen und Zeugnisse bedeutender Zeitgenossen hinzugefügt, sodass die Publikation zu einem reich bebilderten, einzigartigen Gipfeltreffen zwischen einem der bedeutendsten Maler und einem der wichtigsten Dichter an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gerät.

Lothar Schirmer
Paul Cézanne Ausstellung Paris 1907. Rainer Maria Rilke
Rekonstruktion der Cézanne-Ausstellung im Grand Palais, …besucht, betrachtet und beschrieben von Rainer Maria Rilke, zusammengestellt und eingeleitet von Bettina Kaufmann, hrsg. von Lothar Schirmer.
200 Seiten, 69 farbige Abb. Format: 20 x 26 cm, gebunden.
Deutsche Ausgabe.
Schirmer/Mosel Verlag
ISBN: 9783829608213
39.80€


Genre: Briefe, Kunst, Poesie
Illustrated by schirmer/mosel

Rodins Aquarelle. Diese vollkommenen Wunderwerke

Rodin's Aquarelle. Diese vollkommenen Wunderwerke.

Rodin’s Aquarelle. Diese vollkommenen Wunderwerke.

„Fleurs humaines“ nennt Rilke die Zeichnungen Rodins in “Rodins Aquarelle. `Diese vollkommenen Wunderwerke´.” und fürwahr haben seine Aquarelle die in vorliegender Publikation des Insel Verlage sin Farbe abgedruckt sind etwas „Florales“, denn wie etwa seine kambodschanischen Tänzerinnen ihre Hände in die Höhe recken oder ihre Beine über die Erde schweben lassen erinnert tatsächlich an „menschliche Blumen“. Die Studien zu den kambodschanischen Tänzerinnenstammen aus dem Jahre 1906 und zeigen fröhliche Frauen bei ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Tanzen. Aber auch andere Aquarelle Rodins werden von Rilke kommentiert. So sieht er etwa in einer Zeichnung zu einem Gedicht von Charles Baudelaire aus den „Fleurs du Mal“ mit dem Titel „La Mort des Pauvres“ eine „hinreißende Schönheit“: „Die Federzeichnung, die neben das Gedicht gestellt ist, reicht mit einer Gebärde von so einfacher, fortwährend wachsender Großheit über diese großen Verse hinaus, daß man meint, sie erfülle die Welt von Aufgang nach Untergang“.

Freizügig, sinnlich, erotisch

„Oui, il faut travailler, rien que travailler“ war das Arbeitscredo des in Paris lebenden Bildhauers Auguste Rodin, den Rilke 1902 erstmals in seinem Atelier in der Rue d’Université besuchte. Im September 1905 begann Rilke als Privatsekretär des Künstlers Rodin zu arbeiten und kann seine intimen Beobachtungen über den Schaffensprozess so noch weiter vertiefen. Man könne sie vergleichen mit alten Bildern der Japaner oder mit jenen farbigen einfachen Fresken, die uns von Ägypten übrig geblieben sind, schreibt Paula Modersohn-Becker an ihren Mann, sie war es auch, die Rilke im März 1903 die Augen für das Werk Rodins geöffnet hatte. Beide zusammen hatten erkannt, schreibt Rainer Stamm im Nachwort, dass es sich bei den „freizügigen, sinnlich-erotischen, aquarellierten Zeichnungen Rodins nicht um Vorzeichnungen zu seinen Skulpturen handelte, sondern um einen eigenständigen Werkkorpus, der parallel zu den plastischen Arbeiten des Bildhauers entstanden und in seiner Unmittelbarkeit und zeichnerischen Freiheit in der europäischen Kunst ihrer Zeit vorbildlos war.“

Menschliche Blumenpracht

In einem anderen Kommentar vergleicht er die Zeichnungen der Tänzerinnen mit Herbarium-Blättern: „blumen sind da aufbewahrt worden und haben, bei vorsichtigem Vertrocknen, ihre unwillkürliche Gebärde zu einer endgültigen Intensität zusammengezogen, die ihr ganzes Gemeinsein wie in einem Zeichen enthält.“ Frauenakte werden in der vorliegenden Publikation ebenso abgebildet wie das Herbarium der kambodschanischen Tänzerinnen. Ein Nachwort von Rainer Stamm sowie Anmerkungen und ein Abbildungsverzeichnis ergänzen diese kostbare Veröffentlichung der „vollkommenen Wunderwerke“ Rodins.

Rainer Maria Rilke
„Diese vollkommenen Wunderwerke“
Rodins Aquarelle.
Insel Bücherei Nr. 1440
ISBN: 978-3-458-194408
15,00€


Genre: Briefe, Erfahrungen, Erinnerungen, Memoiren
Illustrated by Insel Frankfurt am Main

Romy Schneider – Film für Film

romyRomy Schneider Film für Film: 63 Filme hat die im Alter von nur 44 Jahren verstorbene Romy Schneider in ihrem kurzen Leben gedreht. Die Liste der berühmten Regisseure (Luchino Visconti, Orson Welles, Andrzej Zulawski und immer wieder Claude Sautet, u.v.a.m.) mit denen sie zusammengearbeitet hat ist lang, auch die ihrer Filmpartner und berühmten Kollegen, obwohl sie wohl am liebsten mit Alain Delon gedreht hat. Der vorliegende prächtige Bildband zeichnet die Karriere der Femme fatale Film für Film noch und kann so wie ein Lexikon benutzt werden für Filmfreaks und Romy-Fans ebenso wie für einfache Cineasten. Isabelle Giordano zeichnet in ihren Film-Rezensionen, die reich illustriert sind, ein intimes Porträt der Schauspielerin und des Menschen Romy Schneider. Vor allem soll aber eine selbstbewusste Frau gezeigt werden, die zum Symbol ihrer Zeit wurde, denn sie prägte nicht nur das Bild von Generationen, sondern wurde auch zum Vorbild für die heranwachsende neue Generation von Frauen.

Chronologie Romy Schneider Film für Film

Chronologisch nach den Jahrzehnten ihres Wirkens geordnet beginnt die Zusammenstellung mit einem Film aus den Fünfzigern „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“ und endet mit „Der Spaziergängerin von Sans-Souci“, ihrem letzten Film. Dazwischen liegen weitere 61 Filme, die sich mit unterschiedlichen Thematiken beschäftigen. Von den „Mädchenjahren einer Königin“ einmal abgesehen, stammt auch der verstörende Thriller „Nur die Sonne war Zeuge“ noch aus diesem ersten Jahrzehnt von Romys Schaffen. Spätestens ab den Sechzigern habe Romy Schneider die moderne Frau verkörpert, schreibt Giordano, die „sich befreien und ihr Schicksal selbst bestimmen wollten“. Ihre Persönlichkeit stehe für „eine Epoche, eine Generation und, noch tiefer reichend, für eine leidenschaftliche Suche nach Freiheit, einen Durst nach Anspruch und Perfektion“, so die Herausgeberin. Giordano sieht in ihr eine moderne Antigone, die wie einst die griechische Heldin laut und deutlich betone „Ich will alles!“

Romy und Alain am Pool

Der erste Film von Romy, der in den Sechzigern gedreht wurde, war „Die Sendung der Lysistrata“, allerdings fürs Fernsehen und nicht fürs große Kino. Aber „Lysistrata“ ist ein sehr politischer Film mit einem politischen Inhalt, geht es doch darum, dass sich die Frauen ihren Männern verweigern, um den Krieg zu verhindern. Der „Sexstreik“ steht somit am Beginn der Filmkarriere Romys in den wilden Sechzigern, in denen sie am Ende mit Alain Delon an einem Swimmingpool liegt und der Liebe frönt. „La piscine“ – so der Originaltitel von „Der Swimmingpool“ kam 1968 heraus und zeigt Romy in „voller sonnengebräunter und strahlender Schönheit“ zusammen mit Alain Delon in „katzenhafter Anschmigesamkteit (…) auf dem Höhepunkt ihrer Kunst und ihrer Verführungskraft“. Neugierige erfahren übrigens auch wo genau in Frankreich sich der Swimmingpool mit der dazugehörigen Villa befinden. Die einzigartige Atmosphäre des Films verdankt er wohl auch dem wirklichen Leben: Romy und Alain hatten ihre Beziehung schon hinter sich und wurden nun – durch die Drehareiten – zu echten Freunden. Aber das erotische Knistern zwischen den beiden ist vielleich gerade darauf zurückzuführen und – dass Romy schon Mutter geworden war.

Ein schöner Bildband mit einmaligen Szenen- und Standfotos, interessanten Geschichten zu den Dreharbeiten und viel Details über Romy. Die Journalistin und Kinoexpertin Isabelle Giordano zeichnet eine reich bebilderte Filmographie und ein intimes Portrait der großen Darstellerin, Bild für Bild von den Anfängen als Tochter des deutschen Vorzeige-Schauspielerpaars Magda Schneider und Wolf Albach-Retty über ihre ersten filmischen Ausflüge nach Frankreich (mit Alain Delon) und die Jahre der Hollywood-Produktionen bis zum Image der Grande Dame des französischen Films der 1970er Jahre und ihrem tragischen Ende in Paris.

Isabelle Giordano (Hg.)
Romy Schneider Film für Film
2017, Schirmer/Mosel, 256 Seiten,
206 Abbildungen in Farbe und Schwarzweiß.
Format: 24,5 x 28,5 cm, gebunden.
Deutsche Ausgabe.


Genre: Biographien, Biographien, Briefe, Dokumentation, Erinnerungen, Fotografie, Frauenliteratur, Kulturgeschichte, Memoiren, Reportagen
Illustrated by schirmer/mosel

Das Frausein in den Sechzigern

ferrante3Sich zu entscheiden, heißt jemandem wehtun“. Lena befindet sich in einem außergewöhnlichen Transformationsprozess, ganz so wie die bewegten Siebziger Jahre um sie herum. Es wird viel demonstriert und diskutiert und die Frauen werden sich ihrer unterdrückten Rolle im Patriarchat bewusst. Aber nicht nur die Arbeiter befinden sich im Ausstand, auch Studenten kommen zu ihren Prüfungen mit einer geladenen Pistole, um ein besseres Prüfungsergebnis zu erzielen. So ergeht es zumindest Pietro, dem Ehemann Lenas, der an der Hochschule in Florenz als Professor arbeitet. Der dritte Teil der Neapolitanischen Saga hat es in sich: privat und politisch.

Frausein unter Freundinnen

Mit dem Vorwurf konfrontiert „Liebesgeschichtchen“ zu schreiben räumt Lena in „Die Geschichte der getrennten Wege“ endgültig auf, denn sie zeigt sich zunehmend politisiert und wird sich ihrer Rolle als Frau in der Gesellschaft bewusst. Ihr zweiter Roman, den Lena während ihrer Ehe und zwei Schwangerschaften zu schreiben versucht, entpuppt sich zwar als Flopp, dafür thematisiert sie im dritten Buch ihr Frausein und die Rolle der Frauen in der (italienischen) Nachkriegsgesellschaft und davor: „Die Reduzierung meiner Person auf eine gedeckte Tafel für den sexuellen Appetit des Mannes, auf ein gut gekochtes Gericht, damit ihm das Wasser im Mund zusammenläuft.“ Und dennoch unterwirft sie sich der klassischen Stutenbissigkeit als sie ihrer Konkurrentin, Eleonara, der Frau ihrer Jugendliebe Nino, begegnet und misst sich mit ihr, um nicht gerade schöne Worte über sie finden. Aber das beruht bekanntlich auf Gegenseitigkeit.

Sprache der Klasse

Schöne sprachliche Bilder wie „Ich legte den Hörer auf, als hätte ich mich an ihm verbrannt“ oder „Mein Kopf war ein Tränenquell wie der des rasenden Rolands“ wechseln sich mit Überlegungen zur eigenen Sprachfindung ab. Denn der „Rione“ – das Viertel Neapels in dem Lena geboren wurde – nötigte ihr immer wieder dann seine Sprache auf, wenn sie nervös und unzufrieden war und das beeinflusste auch ihr Denken, obwohl sie längt in die höheren Sphären der Gesellschaft aufgestiegen ist und in Florenz lebt, mit einem hochangesehenen Ehemann, zwei Kindern und den Ariostas, einer einflussreichen Familie, im Hintergrund. Reife bestehe darin, denkt sich Lena, sich nicht zu sehr aufzuregen und die Wende zu akzeptieren, die das Leben nehme, „einen Weg zwischen der Praxis des Alltags und theoretischem Erkenntnissen einzuschlagen, zu lernen, sich anzusehen, sich zu erkennen, während man auf große Veränderungen wartete“. Mit einem gekonnt arrangierten Cliffhanger leitet Elena Ferrante zum vierten Teil der Neapolitanischen Erfolgssaga über, der aber auf Deutsch bei Suhrkamp erst am 5. Februar 2018 – mit dem Titel „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ – erscheinen wird. Man(n) kann es gar nicht mehr erwarten.

Elena Ferrante
Die Geschichte der getrennten Wege – Band 3 der Neapolitanischen Saga (Erwachsenenjahre)
Aus dem Italienischen von Karin Krieger
D: 24,00 € /A: 24,70 € /CH: 34,50 sFr
2017, gebunden, 540 Seiten
ISBN: 978-3-518-42575-6


Genre: Belletristik, Biographien, Briefe, Emanzipation, Erfahrungen, Erinnerungen, Feminismus, Frauenliteratur, Gesellschaftsroman, Memoiren
Illustrated by Suhrkamp Frankfurt am Main

Die Liebesgeschichten-Erzählerin

liebesgeschichtenerzaehlerinDie Strandpromenade von Scheveningen im Jahr 1969: Eine Frau, Marie, sitzt auf einer Bank, schaut dem Wellenspiel zu, atmet die herbe Seeluft. Sie ist von Haus aus die Ostsee gewohnt, die rauen Gezeiten der Nordsee sind ihr neu, die Kraft, welche dieses Meer entfaltet, ebenfalls.

Dennoch spürt sie etwas von dieser Kraft in sich. Sie ist dieser Tage frei von Pflichten, Mann und Kinder kommen auch einmal ohne sie zurecht. Finanziell scheint es in ihrer Familie aufwärts zu gehen, das gibt ihr ungewohnte Freiheiten. Sie hat Zeit und Muße, sich auf sich selbst und ihre Ambitionen zu konzentrieren. So recherchiert sie in niederländischen Archiven den Liebesgeschichten ihrer Vorfahren hinterher. Den Liebesgeschichten, von denen sie schon lange spürt, dass sie erzählt werden sollten. Die Geschichte des ersten Königs der modernen Niederlande, der mit einer Berliner Tänzerin eine uneheliche Tochter zeugt, welche wiederum in ihre mecklenburgische Adelsfamilie verheiratet wird. Die Geschichte des Urenkels der Tänzerin (Vater der Erzählerin), der Geschehnisse aus seiner Zeit als kaiserlicher U-Boot Kapitän nie ganz verwunden hat. Und schließlich ihre eigene Geschichte. Sie hat einen Spätheimkehrer geheiratet, einen Gutsbesitzersohn. Und sie entfernt sich immer weiter von ihm.

Friedrich Christian Delius, Träger des Georg-Büchner-Preises, verarbeitet auch in seinem neuen Roman „Die Liebesgeschichtenerzählerin“ Teile seiner eigenen Familiengeschichte. Delius‘ Romane beschäftigen sich meist mit der bundesrepublikanischen Geschichte, so ist er auch einer der Wenigen, die sich literarisch an den „deutschen Herbst“ wagten. Diesmal erzählt er Sequenzen aus dem ganzen letzten Jahrhundert, dieser von Kriegen nie vorher dagewesen Ausmaßes geprägten Epoche, wobei die Liebesgeschichte des niederländischen Königs und der Berliner Tänzerin dem Leser schon aus „Der Königsmacher“ bekannt sein könnte.

Marie nun, die designierte Liebesgeschichtenzählerin, ist das literarische Denkmal für Delius‘ Tante, Irmgard von der Lühe, die ihr Studium für die Familie abbrach und sich erste Sporen als Biographin verdiente – wie Marie. Von der Lühe publizierte auch später noch, allerdings sind von ihr keine Romane veröffentlicht. In Delius‘ Roman bleibt folgerichtig das Ende offen: Wird Marie es wirklich schaffen, „die Liebesgeschichtenerzählerin“ zu werden? Sie verspürt den inneren Drang, „altes verborgenes Wissen von Not, Liebe und Schmerz als von den Vorfahren geerbtes Wissen weiterzugeben“. Diese Marie ist keine Rebellin, sie will auch nicht ausbrechen aus ihrem Leben als umsichtige Hausfrau und Mutter, sie mag dieses Leben. Aber sie hofft darauf, dass dieses Leben auch für sie nun Zeit und Gelegenheit bereithält, ihrem kreativen Gestaltungswillen Raum zu geben. Wobei der Leser nie so recht weiß, ob die Recherche für Marie nicht doch eher so etwas wie eine Flucht aus der Realität bedeutet, um sich nicht allzu tief mit der eigenen Vergangenheit als ehemaliges BDM-Mädel auseinandersetzen zu müssen. Dennoch zeigt Delius anhand ihrer Geschichte, wie sehr politische Geschehnisse in das Leben Einzelner eingreifen. Sehr greifbares Anschauungsmaterial gerade auch in unseren turbulenten Zeiten, besonders auch für diejenigen, die meinen, aktuelle Geschehnisse hätten mit ihnen und ihren Leben nichts zu tun.

Delius erzählt mit leiser, sehr eleganter Sprache, seine Figuren beschreibt er behutsam, immer eine gewisse Distanz wahrend. Auch kritischen Themen wie dem der deutsch-niederländischen Aussöhnung nähert er sich mit sehr viel gebotenem Respekt und Feingefühl. So wie das Ende des Romans offen bleibt, ist auch im Roman selbst bei weitem nicht alles auserzählt. Die Leser mögen die Gelegenheit nutzen, Bruchstücke aus dem eigenen Erinnerungsfundus hinzuzufügen. Auf das, was Marie berichtet, hat sie einen liebevollen Blick, sie ist keine Zynikerin. Auch wenn sie – typisch für ihre Generation – beim Anblick der „Hippies“ im Amsterdam nicht anders kann, als zu denken, ihre Geschichte möge dazu beitragen, dass diese Gestalten erkennen, wie gut sie es doch haben.

Im Roman nimmt die Vater-Tochter-Beziehung einen weiten Raum ein. Viel eher noch als das, was man von einer „Liebesgeschichtenerzählerin“ erwartet, ist er das eigentliche Thema der Marie: der Vater, der nach dem enttäuschten Kaiser-Gehorsam nathlos zum Gottesgehorsam wechselte und Marie unbewusst im Geiste des calvinistisch geprägten Teils der Niederlande erzog. Aber sei es drum: Ist die Vater-Tochter-Beziehung nicht auch eine Liebesgeschichte? Die, aus der sich weitere entwickeln? Insofern folgt Marie dem Leitsatz ihres altes Deutschlehrers: Schreiben heißt ordnen. Auch einordnen. Im Zug auf der Rückfahrt von den Niederlanden am Rhein entlang ordnet Marie das Recherchierte in ihr eigenes Leben ein: Sie ist eine Überlebende und sie ist stolz darauf. Marie ist fest entschlossen, noch vor ihrem Fünfzigsten sich im Familienleben einen neuen Platz als „Liebesgeschichtenerzählerin“ zu erobern und keine Rücksicht mehr darauf zu nehmen, was vor den Augen der Eltern und des Ehemanns Bestand haben könnte. Und vor allem will sie nicht mehr den vom Vater eingebimsten Familien-Imperativ „Schlucks runter, schlucks runter“ befolgen. Immerhin.

Erstveröffentlichung dieser Rezension in den Revierpassagen.de


Genre: Biographien, Briefe, Memoiren, Romane
Illustrated by Rowohlt

Die Wahrheit sagen

Leben und Lieben in Zeiten des Krieges

formánek_mluviti-pravdu_coverJosef Formáneks zweiter Roman. In einer Straßenbahn auf die Welt gerutscht wurde der kleine Bernhard Mares von seiner Mutter bald weggegeben und seinem Schicksal überlassen. Mehr aus Zufall denn Überzeugung landet der „Sudetendeutsche“ bei der Waffen-SS und ist dort zwar nur der Fahrer, aber dennoch auf der Seite der Gewinner. Vorläufig. Als Kind hatten ihn seine tschechischen Klassenkameraden immer gehänselt, weil er der Deutsche war, als Erwachsener merkt er, dass er vielmehr Österreicher ist oder eigentlich sogar Tscheche. Und beinahe am Ende seines Lebens, auf der Suche nach seiner verschollenen Mutter in Caracas, findet er heraus, dass er eigentlich Jude ist. Sein ganzes Leben erzählt Mares – in einer Art Lebensbeichte – dem Schriftsteller Josef Formánek, der sich mit diesem auch im Buch im Dialog befindet. Selbst gezeichnet von seiner Alkoholsucht und dem gleichzeitigen Ekel und der Faszination an seiner Figur gelingt es Formánek ein wahrhaftiges Porträt eines Menschen zu zeichnen, das ehrlicher nicht sein könnte. Nicht umsonst lautet der Titel ja: „Die Wahrheit sagen“.

Wahre Liebe wartet

Der vielschichtige zweite Roman des tschechischen Schriftstellers, der gleichzeitig auch einen Verlag gegründet hat, um die Literatur seines Landes in der Welt besser bekannt zu machen, beginnt auf einer Müllhalde wo der Journalist dem Protagonisten begegnet. Der eine will eine Geschichte, der andere seine Sophie zurück. Die Liebschaft aus den Tagen bei der SS ist eigentlich auch der rote Faden dieses Lebens, denn eine wirkliche wahrhaft große Liebe kann einem tatsächlich das Leben retten. So geschehen im Falle Bernhard Mares, der zwanzig Jahre seines Lebens im Gefängnis verbrachte um dann als „letzter deutscher Soldat des Zweiten Weltkriegs aus der Gefangenschaft entlassen zu werden“. Das war erst 1969, das Jahr in dem Josef Formánek gerade seinen ersten Schrei in die Welt abgab. Denn obwohl es Mares nach dem Krieg bis zum kommunistischen Kreissekretär gebracht hatte, holte ihn doch die Vergangenheit ein. Eine seiner Liebschaften hatte ausgeplaudert, dass er früher einmal bei der SS war. Aber die große Liebe, Sophie, die trifft er immer wieder, wegen ihr bricht er sogar dreimal aus dem Gefängnis aus, nur um sie wieder zu “im Heustadel zu lieben” wie einst. Die Liebe ist aber genauso unmöglich wie sein Leben und am Ende, bei der letzten Begegnung in einem Prager Café muss wohl auch er einsehen, dass er sich getäuscht hat. Oder doch nicht? “Warum?” frägt er sie zuletzt noch, ihre Antwort: “weil es sonst ewig so weitergegangen wäre”. Lesen Sie es selbst wie Mares rückwärts: “remmi rüf”.

Einsiedlerkrebs auf Quartiersuche

Die Sprache des Romans erinnert an Bukowski, Céline, Kafka und zuletzt auch Hrabal, denn sie ist geradlinig, ehrlich und nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Stilistisch ist es als Dialog konzipiert, der immer wieder von lateinischen Zitaten und Sinnsprüchen unterbrochen wird. Der aufmerksame Leser wird auch bemerken, woher diese Sprüche stammen, wie sie den Krieg überlebten und wo er sie sich hinstecken kann. Die Reflektionen Formáneks, seine Gedanken über den Sinn des Lebens, die Liebe und den Tod, die er Mares in den Mund legt, sind prätentiös und wahrhaftig und reißen einen tatsächlich vom Hocker, etwa wenn er die Geschichte des Einsiedlerkrebses in seinem Kleiderkasten erzählt, der sich immer wieder größere Behausungen sucht, aber letztlich in seinem Schrank vertrocknet, weil er nichts größeres mehr findet. „Zum anderen, weil im Dunkel, in der Einsamkeit hinter dem Schrank, nicht nur Einsiedler sterben“, schreibt Formánek nicht ganz ohne Selbstmitleid. Immer wieder betont er auch, dass wir selbst die Meister unseres Schicksals wären und uns unser Leben ja auch selbst aussuchten, wie es auch in der psychologischen Richtung des Konstruktivismus heißt. „Nur in der Gegenwart, im einzelnen Augenblick kann man die Zukunft finden.“, alle Fragen nach dem Sinn seien aber sinnlos. Am Ende vergisst Josef Formánek auch nicht darauf eine von vielen Pointen einzubauen, denn als Mares von dem Buch erzählt in dem ein Computer die Wahrheit über den Sinn des Lebens errechnet und ihn dann ausspuckt lautet die Antwort im Gegensatz zum Original nicht „42“, sondern „48“, das Jahr in dem die Kommunisten die Tschechoslowakei für sich reklamierten.

Ein tiefsinniger Roman, den man gelesen haben muss, da er in seiner Vielschichtigkeit und Ehrlichkeit mindestens so viel über den Sinn des Lebens vermittelt, wie die lateinischen Zitate, die der Autor so gerne verwendet: Victrix fortunae sapientia (Siegerin über das Schicksal ist die Weisheit).

Josef Formánek
Die Wahrheit sagen. Brutaler Roman über die Liebe zum Leben.
Gekko Verlag
480 Seiten
ISBN-13: 978-8090635401
23 Euro


Genre: Biographien, Briefe, Dokumentation, Dystopie, Erinnerungen, Liebesroman, Memoiren, Politische Romane
Illustrated by Gekko

Doktor Wassers Rezept

Gustafsson Dr. Wasser Lars Gustafsson sagte über sich selbst, er fühle sich als Philosoph, dessen Werkzeug die Literatur sei. Wie etliche seiner Werke unterstreicht auch sein letzter Roman „Dr. Wassers Rezept“ dies eindrücklich.

Gustafsson war einer der bekanntesten und bedeutendsten Autoren Schwedens, er verstarb im April diesen Jahres im Alter von 80 Jahren. Erst im letzten Jahr erhielt er den Thomas Mann Preis. Seine Dankesrede zur Verleihung ist noch auf seinem Blog nachzulesen. In dieser Rede bekennt er, dass er Thomas Mann auch deshalb bewundere, weil Mann die Trivialität des absurden Lebens aufheben und ihn in eine ganz andere Sphäre versetzen konnte. Diese Worte muten nun nach Gustafssons Tod an, als hätte sich ein Kreis geschlossen. Umso mehr, als mit seinem letzten Buch ausgerechnet die Geschichte eines modernen Felix Krull zu seinem Vermächtnis wurde. Denn Gustafssons „Dr. Wasser“, der seine medizinische Laufbahn als Generaldirektor einer Klinik beendete und sich einen Namen in der Schlafforschung machte, ist gar kein Doktor med. Er ist „nur“ Bo Kent Andersson aus den schwedischen Wäldern, Fensterputzer und Hilfskraft in einer Reifenwerkstatt.

Der junge Bo Kent merkt früh, dass er klug ist, genau genommen: zu klug. Zumindest für das kleine schwedische Karbenning. In der Welt, in die er hineingeboren wurde, hilft ihm Klugheit nicht. Eigentlich müsste für ihn eine andere Welt her. Da findet er eines Tages die Leiche eines schon vor Monaten tödlich verunglückten Motorradfahrers – und dessen Papiere, die den Verunglückten ausweisen als Dr. Kurth Wolfgang Wasser, DDR-Flüchtling und approbierter Mediziner. Dieser Fund gibt ihm einen zufälligen Moment der Freiheit und er verwandelt den „eigentümlich durchsichtigen, fast unsichtbaren schmalen Typ aus Karbenning, die gläserne Mücke“ in einen angesehenen Wissenschaftler. Er entschied sich für den Identitätswechsel „nicht, weil ich mir besonders viel von diesem anderen versprach, sondern weil die Verführung, die von der Idee eines eigenen freien Willens ausging, unwiderstehlich war“. Nun verbringt er seinen Lebensabend als Gewinner, zumindest legen das die Ergebnisse seines Hobbys – Preisausschreiben in allen erdenklichen Formen – nahe. Aber hat er auch in seinem Leben gewonnen? Das ist die Frage, die ihn nun mit dem nahenden Lebensende vor Augen umtreibt. Kann es ihm wirklich reichen, dass er sich heiter fühlt und nicht unzufrieden?

„Doktor Wassers Rezept“ ist weit mehr als ein Schelmenroman über einen gewieften Hochstapler. Gustafsson erzählt mit der Geschichte seines Helden eine Geschichte über riskante Lügen, sinnliche Lieben und fragile Identitäten. Er folgt dabei allerdings keiner stringenten Chronik. Die Erzählung folgt – ganz Gustafssons Selbstverständnis entsprechend – einzig und alleine seinen philosophischen Gedankengängen. Die Versatzstücke des Lebens des Dr. Wasser werden dabei fragmentarisch nur zur Untermauerung der philosophischen Überlegungen gebraucht. Doch auch wenn die eigentliche Romanhandlung immer wieder unterbrochen wird, der doch man neugierig folgen möchte, ist „Dr. Wassers Rezept“ ein ungeheuer spannendes Buch. Spannend schon alleine wegen der Fragen, die das Buch aufwirft. Fragen, die sich wohl jeder zu irgendeinem Zeitpunkt seines Lebens stellt. Die ganz existentiellen Fragen darüber, wer man ist, wie man zu dem wird, der man sein möchte, ob man überhaupt die Freiheit hat, selber zu bestimmen, wer man ist und welche Verantwortung man damit übernimmt. Noch spannender, weil Gustafsson sich nicht scheut, zumindest in Teilen Antworten zu geben: „Nein, einen Sinn hat das Leben nicht. Aber man kann ihm einen Sinn geben, vielleicht war es das, was ich tat“.

Ganz besonders spannend ist noch eine ganz andere Frage, die der Roman allerdings nur am Rande aufnimmt: Wie konnte Dr. Wasser damit eigentlich durchkommen? Wieso hinterfragte nie einer die doch so offensichtlichen Diskrepanzen in seiner Geschichte? Selbst die, die ihn aus seiner Kindheit noch als Bo Kent kannten, schluckten die phantastische Geschichte von der Adoption durch ein DDR-Ehepaar und fragten nie weiter nach. „Niemand war wirklich daran interessiert, die Fäden zu entwirren“. Gustafsson findet auch darauf eine Antwort: „Die Menschen füllen Lücken gerne aus. Das ist eigentlich nicht so merkwürdig. Leben ist eine sinnstiftende Aktivität. Leben heisst zu deuten.“ Eine Antwort von bestechender Logik, die eine weitere Frage aufwirft: Wen von unseren Mitmenschen kennen wir eigentlich wirklich und wollen wir ihn überhaupt wirklich kennenlernen? Reicht uns nicht vielmehr das Bild, das wir uns von diesen machen?

Immerhin muss man Dr. Wasser zugute halten, dass er gut war auf seinem Gebiet der Schlafforschung. Er hatte diesen Beruf nicht gelernt, aber er war seine Berufung geworden. Sein Fachgebiet hatte er sich schnell ausgesucht, schien es ihm doch eines der wenigen medizinischen zu sein, auf dem er keinen Schaden anrichten konnte. Hat man auch nicht alle Tage – einen Hochstapler, der keinem je geschadet hat. So zeichnet Gustafsson ganz en passant noch das Bild eines Menschen, auf den ihn in Ansätzen durchaus die Bezeichung „Psychopath“ zutrifft, dem man aber seinen friedlichen, verkreuzworträtselten Lebensabend dennoch gönnt.

Diese Rezension erschien ebenfalls in den Revierpassagen.de


Genre: Biographien, Briefe, Memoiren, Romane
Illustrated by Hanser

Papa, ich hätte dich geliebt

Papa ich haette dich geliebtKlappentext:

Ein gewalttätiger und dem Alkohol verfallener Vater, tiefe Armut und die damit verbundene Ausgrenzung gegenüber „normal“ aufgewachsenen Kindern prägten Liane Andersons Kindheit, die ihr früh genommen wird. Viel zu jung spürt sie, dass sie selbst innerhalb der eigenen Familie ein entfremdendes Außenseiterdasein führt. Äußere Erscheinungsmerkmale, ein extrovertiertes Wesen und nicht zuletzt ihre Lust, auf der Bühne zu stehen, bilden einen unübersehbaren Kontrast zum introvertierten Leben der Menschen in ihrer Herkunftsfamilie.
44 Jahre müssen vergehen, bis ein Zufall an einem Weihnachtsfest ihr die schockierende Antwort auf all ihre Fragen beschert, warum sie so ganz anders ist. Denn der Mann, den sie zeitlebens für ihren Vater hielt, ist nicht ihr Vater. Und ihr Bruder nur zur Hälfte ihr Bruder.
Recherchen im Internet führen sie zu einem ihr unbekannten Mann, der ihr Leben mit einem Schlag vollkommen verändert. Eine packende Reise zum Ich beginnt, Liane hält es in einem fesselndem Tagebuch fest: Wer ist dieser Mann? Ist er der Vater, den sie sich immer gewünscht hat?
Ein aufrüttelnder Appell an mehr Offenheit und bekennende Verantwortung in einem noch immer düsteren Kapitel zahlloser Familiengeschichten mit erschreckend hoher Dunkelziffer: Kuckuckskinder ergreifen das Wort.

Mein Umriss:

Liane R. Anderson erfährt mit 44 Jahren, dass sie ein Kuckuckskind ist. Ihr bisheriger Vater nicht ihr leiblicher Vater ist und sie ihm von ihrer eigenen Mutter ins Nest gelegt wurde. Liane macht sich auf die Suche nach ihrem leiblichen Vater, dessen Namen sie von ihrer Mutter an Weihnachten, eher unabsichtlich erfahren hatte. Christian Gartening.
Sie recherchiert im Internet, erhält Hilfe von ihrer Freundin Judith und wird schnell fündig. Den Kontakt mit ihrem Vater herzustellen, war dann nur noch eine Frage der Zeit.
Bei der ersten Kontaktaufnahme ging sie noch etwas vorsichtig vor, denn sie wusste nicht, wer dieser Gartening war und wie er reagieren würde.
Entgegen ihrer schlimmsten Befürchtungen war er ein scheinbar offener und herzlicher Mensch, der ihr schnell sympathisch war. Dass er Forderungen stellte, übersah Liane zuerst. Bereitwillig ging sie für und mit ihm für die Familie einkaufen und zahlte auch bereitwillig die von ihm bestimmten Restaurantbesuche.
Am Anfang schlug sie alle Warnungen über ihren leiblichen Vater in den Wind. Es dauerte jedoch nicht lange, bis auch sie ihn durchschaute. Er wollte nur Geld und das sah er auch, indem er versuchte, sie zu einem Interview für eine Zeitung und später von einer Talkshow zu überreden. Das jedoch schlug sie aus, weil sie ihrer Mutter damit keinen Schaden zufügen wollte. An diesem Punkt angelangt spürte sie zum ersten Mal Christians Aggressionen und seine unflätige Ausdrucksweise. Auch welche Meinung er von ihr und ihrer Familie hatte, zeigte sich in diesem Moment…

Mein Eindruck:

Liane R. Anderson verfasste die Zeit zwischen dem 26. Dezember und dem 21. Juli in Tagebuchstil. Bei vielen wird diese Art, ein Buch zu verfassen, schnell langweilig und auch langatmig. Nicht so bei Liane, die „nur“ einen Teil ihrer Lebensgeschichte aufgeschrieben hat, es aber trotzdem schafft, einen an eben dieser Lebensgeschichte festzuhalten.
Sehr emotional geht sie an ihre Treffen mit ihrem Vater heran, den sie so gerne lieben können würde, der dies aber durch seine Herrschsucht nicht zulassen will. So emotionsgeladen wie die Autorin hier geschrieben hat, so wird man als Leser von den aufkommenden Emotionen mitgerissen. Teils den Tränen nahe, wollte ich Liane am Schlafittchen packen, sie schütteln und ihr zurufen, dass dieser Mann eine Tochter wie sie nicht verdient hat und sie ihn ziehen lassen soll.
Aber gerade als Tochter, wenn man nach der Liebe seines Vaters lechzt, die man nie bekommen hat, kann man ihr Verhalten nachvollziehen.
Liane schreibt nicht nur ein Tagebuch, das sich über ein halbes Jahr ihres Lebens erstreckt, nein, am Ende verfasste sie einen ans Herz gehenden Epilog, der zeigt, dass sie ihre ganze Mühe nicht als vergebens ansieht, sondern als weiteren wichtigen Schritt in ihrem Leben. Einem Schritt, bei dem sie nie die letzten an sie gerichteten Worte ihres biologischen Vaters vergessen wird.
Wie gerne hätte sie ihn geliebt.

Mein Fazit:

Man muss kein Fan von Biografien sein, um von diesem Buch gefesselt zu werden. Von mir erhält es die besten Empfehlungen

Danksagung:

Mein Dank geht an meine liebe Freundin Jutta Haas, die mir dieses wunderbare Buch überließ und an Liane R. Anderson, mit deren Erlaubnis ich das Cover in Verbindung mit meiner Rezension verwenden darf


Genre: Biographien, Briefe, Memoiren
Illustrated by 3.0

Wolfssonate

Wölfe und ungezähmte Frauen haben einen ähnlichen Ruf: Sie gelten als unberechenbar. Auch hinsichtlich Leidenschaftlichkeit und Mühsal weist die Geschichte der Wölfe merkwürdige Ähnlichkeiten mit derjenigen der Frauen auf. Wölfe und Frauen, so behauptet die Autorin der »Wolfsonate«, hätten schließlich gewisse psychische Eigenheiten gemeinsam: »Sinne, Spieltrieb und eine extreme Fähigkeit zur Aufopferung«.

Hélène Grimaud, eine der herausragendsten Interpretinnen von Brahms, Mozart und Bach, findet ihren Charakter in der Wolfsnatur wider und lässt deshalb in ihre literarisch ungewöhnliche Autobiographie immer wieder Fakten, Legenden und Mythen um dieses ungewöhnliche Raubtier einfließen.

Sie schildert ihre Kindheit als eine Periode der Verweigerung und des Nein-Sagens, bis sie im zarten Alter von neun Jahren das Klavier entdeckt, dem sie sich sofort mit Hingabe widmet. Bald wird sie ins Pariser Konservatorium aufgenommen, mit fünfzehn spielt sie ihre erste CD ein, und ein kometenhafter Aufstieg in den Himmel der großen klassischen Interpreten beginnt.

Die Autobiografie wirkt offen und relativ ungeschönt. So verschweigt Grimaud auch keine Niederlagen, die sie beispielsweise beim Moskauer Tschaikowski-Wettbewerb erlitt. Ihren künstlerischen Weg sucht sie allein, widerspricht dem Rat von Freunden und Förderern, akzeptiert die daraus resultierende Einsamkeit. Im Buch äussert sie das Bedürfnis »zu fliehen, weit weg, hoch, um allein meinen Weg zu finden«.

Gleichzeitig bemüht sich die Autorin, allzu private Details auszublenden und Beziehungen allenfalls anzudeuten. Jedenfalls folgt sie eines schönen Tages einem Herrn namens Jeff nach Florida. Die beiden leben in Tallahassee. Dort trifft die Pianistin bei einem nächtlichen Spaziergang einen Waldmenschen, der mit Alawa, einer Wölfin, zusammenlebt. Hélène findet spontan Kontakt zu dem halb domestizierten Tier und vergisst ab sofort die Musik, um sich Canis Lupus zu widmen. Mutterseelenallein zieht sie in kalte New York und gründet dort 1999 mit Helfern ihr »Wolf Conservation Center«.

Bald findet sie wieder zur Musik und lebt in ihrem Spiel die Animalität aus, die sie den Wölfen abschaut.

Das Klavier, Grimaud bevorzugt Steinway, ist für die Künstlerin ein unvergleichliches Instrument, »das schönste Werkzeug der Musik«, mit dem der Musiker seinen eigenen Gesang überträgt. »Auf der Klaviatur offenbart sich die gespielte Musik; der musikalische Plan bekommt Farbe und Flügel. Es handelt sich um eine lebendige Lektüre des Gesites, klangvoll für die Sinne, zu Herzen gehend.«

Im Ergebniss hat Hélène Grimaud ihren Weg gefunden,und die Pianistin ihren eigenen Ton. Die »Wolfssonate« lässt an dieser Entwicklung teilhaben, und sie leistet das in einer eigenen, fast mystischen Erzählweise, welche die Lektüre zu einem intimen konzertanten Erlebnis macht.

PS. Bei dieser Rezension bin ich befangen. Denn Hélène Grimaud habe ich mehrfach persönlich getroffen und bin ihrem Talent und ihrer Ausstrahlung erlegen. Wer sich für meine Begegnungen interessiert, findet auf meiner Homepage Interessantes über die großartige Künstlerin.


Genre: Biographien, Briefe, Memoiren
Illustrated by Blanvalet

Felders Traum

Felders Traum Elmar BereuterElmar Bereuter, der Verfasser von »Felders Traum«, der Lebensgeschichte des »schreibenden Bauern« Franz Michael Felder, genießt einen unschätzbaren Vorteil: Er entstammt selbst dem Bregenzerwald, jeder Gegend im österreichischen Voralberg, in der diese Tatsachengeschichte spielt.

Bereuter kennt die Welt der Berge, den Dialekt der Wälder, ihre Bräuche und Gewohnheiten und hat insofern beste Voraussetzungen, den Lebensweg des »Sonderlings« zu beschreiben. Mit entsprechendem Einfühlungsvemögen schildert der Autor die Bedingungen, unter denen der halbblinde Junge auf- und heranwuchs und zum geschriebenen Wort fand.

Im Dorf Schoppernau, zu Füßen der Kanisfluh, einem sagenumwobenen Bergmassiv, erblickte Franz Michael Felder am 13.05.1839 das Licht der Bergwelt. Der rebellische Bergbauernbub wurde keine 30 Jahre alt, er schuftete zeitlebends als Kleinbauer und fristete mit den Seinen ein kärgliches Dasein.

Die öffentliche Meinung, bestehend aus dem Willen von Großbauern, Käsebaronen, Vorstehern sowie dem ultrakatholischen Klerus bestimmte das Leben der Heuer, Küher, Sennen und ihrer Angehörigen bis in den kleinsten Bereich, und alle richteten sich danach. Unter diesem Druck, in dem jeder beobachtete, selbst beobachtet und beurteilt wurde, bedeutete schon allein die Infragestellung althergebrachter Sitten eine unerhörte Störung der allgemeinen Ruhe und des dörflichen Friedens.

Bereuter beschreibt, gegen welche enormen Widerstände der junge Felder seinen Lesehunger stillte, Zeitungen und Bücher besorgte, sich literarisch bildete und schließlich selbst zur Feder griff. Aufgrund der Armut seiner Zeitgenossen elektrisierten ihn sozialreformerische Ideen, die er mit der Lektüre aufsog und in Vereinen und durch Parteiengründung umzusetzen suchte.

Dass er dabei vor allem auf den Hass der Amtskirche stieß, die ihn offen von der Kanzel herab verleumdete und zum Teufel wünschte, ist ein Schwerpunkt dieses stets dicht an den bekannten biografischen Fakten, Briefen und Unterlagen orientierten Romans. Der schreibende Freigeist Felder musste aufgrund von Morddrohungen sogar zeitweise aus seinem Heimatdorf fliehen. Erst aufgrund der Aufmerksamkeit der Presse und dem großen und positiven Echo auf seine Veröffentlichungen wurde er halbwegs respektiert und in Frieden gelassen. Am 26. April 1869, kurz vor seinem 30. Geburtstag, starb der Verfasser von Romanen wie »Reich und Arm« an Lungentuberkulose.

Elmar Bereuter setzt mit seinem 500-seitigen Werk nicht nur Franz Michael Felder ein mehr als verdientes Denkmal. Er verfasste zugleich einen ungemein spannenden, in einem mächtigen Rutsch zu lesenden historischen Roman, der ein Signal gegen Ignoranz und Kleingeisterei setzt. Diese Biographie wird jedem gefallen, der sich für die Lebenswege von Außenseitern, die dem eigenen Stern folgen, interessiert.


Genre: Biographien, Briefe, Memoiren
Illustrated by LangenMüller

Zwölf Jahre als Sklave – 12 Years A Slave

Durch den mit einem Oscar als bester Film des Jahres 2014 ausgezeichneten Film »12 Years a Slave« des britischen Regisseurs Steve McQueen ist ein 1853 erschienener autobiographischer Text wieder ans Licht der Öffentlichkeit gekommen, der in seiner Eindringlichkeit das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Es handelt sich dabei um »Zwölf Jahre als Sklave« von Solomon Northup, die bewegende Autobiographie eines frei geborenen schwarzen Amerikaners, der entführt und versklavt wurde, ehe er endlich befreit wurde. Dieser Augenzeugenbericht schildert aus erster Hand die barbarischen Bedingungen, unter denen viele Schwarze in den Südstaaten arbeiten und vegetieren mussten.

Northup, den Sklavenhändler betäubten und seiner Familie entrissen, beschreibt eindringlich seine Erlebnisse als herrenloses Tier, das von seinen jeweiligen Besitzern nach Gutdünken herumgestoßen, misshandelt und verkauft werden konnte. Er bezeugt zugleich, dass es unter den Sklavenhaltern sowohl menschliche als auch grausame Männer gab.

Regisseur Steve McQueen hatte schon länger den Wunsch, einen Film über Sklaverei zu machen und über einen Schwarzen zu erzählen, der in die Sklaverei verschleppt wird. Aber er wusste nicht, wie sich so etwas tatsächlich abgespielt hatte. Seine Frau riet ihm, sich an einem historisch verbürgten Fall zu orientieren. So entdeckten sie das Buch von Solomon Northup. Steve McQueen im Interview: »Als ich es las, war ich fertig … Es war, als hätte ich das Tagebuch der Anne Frank in die Hände bekommen.«

Die Historikerin Petra Foede legte gemeinsam mit dem Buchgestalter und Setzer Rainer Zenz parallel zum Film eine Übersetzung der Erinnerungen Northups vor. Ihr E-Book brilliert (im Unterschied zu zeitgleich vorgelegten Ausgaben) mit Originalillustrationen, umfangreichen Anmerkungen, einem Nachwort zum weiteren Leben der Autors, zur Rezeptionsgeschichte des Buches sowie einer historischen Fotodokumentation.

Die Übersetzerin erläutert den Erfolg des Buches, der an »Onkel Toms Hütte« von Harriert Beecher Stowe anknüpfte, das ein Jahr (1852) früher erschienen war. Sie ordnet das Werk in einen Kreis von rund 80 ähnlichen Autobiographien ein, die seinerzeit eine neue Literaturgattung, die »Sklavenerzählung« (slave narrative), begründeten. Northups Werk erreichte Auflagenzahlen wie kein anderes Werk des Genres, deren Autoren sich der Antisklaverei-Bewegung verpflichtet sahen.

Die Lektüre der Lebensschilderung von Solomon Northup hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck über das Martyrium eines frei geborenen Amerikaners, der lediglich aufgrund seiner Hautfarbe in die Sklaverei verschleppt wurde. Es handelt sich um die ergreifende Schilderung eines der vielen traurigen Kapitel der amerikanischen Geschichte, die ohne Schwarzweißmalerei auskommt.


Genre: Biographien, Briefe, Memoiren
Illustrated by Kindle Edition