Der Zeitdieb

Unwiederbringliche, gestohlene Zeit

Im europäischen Vergleich ist Island eine Hochburg der Buchleser, ein fruchtbarer Boden also für die in ihrer Heimat populäre, vielgelesene Schriftstellerin Steinunn Sigurðardóttir. Mit ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Roman «Der Zeitdieb» hatte die Autorin auch bei uns großen Erfolg, ihre in verschiedene Sprachen übersetzte Geschichte einer obsessiven Liebe wurde in Frankreich mit prominenten Stars verfilmt. Anders aber als in den üblichen Romanen dieses Genres wird das Thema hier im engen Kontext mit den großen Sinnfragen des Menschseins behandelt, wird Liebe als sinnstiftendes Element unseres Daseins geistvoll hinterfragt.

Alda Ívarsen stammt aus einer bourgeoisen Familie in Reykjavík, ihren Job als Lehrerin betrachtet sie eher als schönes Hobby denn als Berufung oder gar als Broterwerb, die ebenso attraktive wie sinnliche junge Frau ist finanziell unabhängig. «Ich bin zu früh da, denn meine Uhr geht nach» heißt es unter dem Titel «Feierlicher Schulbeginn» flapsig gleich im ersten Satz. Vor der Kirche trifft die Ich-Erzählerin dann auf den neuen Kollegen Anton, der künftig Geschichte unterrichten wird, ein gut aussehender Mann, etwas jünger als sie. Ihr Kollegium überrascht sie anschließend im Lehrerzimmer mit einer Geburtstagstorte, sie ist 37 Jahre alt geworden an diesem 18ten Oktober. Seit einiger Zeit hat die lebenslustige Alda ein Verhältnis mit Steindór, dem Lateinlehrer, der verheiratet ist und drei kleine Kinder hat. Er will unbedingt noch mit zu ihr an diesem Abend, denn sie hat angekündigt, sich von ihm zu trennen, um seine Familie nicht zu zerstören, – was er aber nicht wahr haben will. Am nächsten Morgen findet man ihn tot am Strand, und sie macht sich Vorwürfe, seine Kinder nun doch vaterlos gemacht zu haben. Einige Wochen später, «am kürzesten Tag des Jahres», beginnt zwischen ihr und Anton, dem neuen Geschichtslehrer, eine leidenschaftliche Affäre, die große Liebe, – die dann genau hundert Tage dauert. Am ersten April nämlich geschieht ihr das, was Steindór geschehen ist, sie wird verlassen, und zwar ebenfalls endgültig. War das Rache, waltet da eine überirdische Gerechtigkeit? «Der Abschiedskuss ist seiner Natur nach langgezogen und hat einen salzigen Beigeschmack. Da möchte ich doch lieber den ersten Kuss in Erinnerung behalten», sinniert die Atheistin unbeirrt.

Was diesem ersten Drittel des Romans folgt ist ein in Form innerer Monologe und fiktiver Briefe artikuliertes, endloses Lamento der aus der Bahn geworfenen, fassungslosen Alda. Deren weiteres Leben ist nun von immer neuen, fantasierten Szenarien dessen bestimmt, was gewesen wäre, hätte er sich anders entschieden. Und sie findet in ihren rastlosen Gedankenschleifen – durchaus selbstbewusst – ständig neue Argumente dafür, warum er sich anders hätte entscheiden können, – ja müssen! Sie bleibt allein, von wenigen kurzen Affären abgesehen, Anton war absolut der einzige Mann, für den sie ihre Freiheit je geopfert hätte. Er wird später Kultusminister, sie liest zuweilen in der Zeitung von ihm, sieht ihn aber nie wieder. Die immer noch schöne, selbstbewusste Frau unternimmt häufig ausgedehnte Reisen, ohne dabei allerdings ihre Liebessehnsucht je überwinden zu können.

Aus ironischer Selbstdistanz, schon fast lakonisch, aber immer amüsant erzählt, strömt Aldas Leidensgeschichte in vielerlei Facetten wie ein Redeschwall auf den Leser ein. Wobei besonders nach dem Bruch der Beziehung stilistisch zunächst die lyrischen Elemente dominieren, ehe dann im letzten Dritte allmählich diese wunderbar leichtfüßige, poetische Prosa wiederkehrt. In wie hingehaucht wirkenden, lebensklugen Reflexionen stehen da neben der Liebe das Alter und das Sterben im Fokus. Die inzwischen recht betagte Alma hat hellsichtig vorgesorgt für einen selbstbestimmten Tod und hortet im Nachttisch reichlich Schlaftabletten und Malzbier – zum Runterspülen. Sie wird letztendlich an der unwiederbringlichen, gestohlenen Zeit sterben!

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Verlorener Morgen

Rumänisches Epos

Der im Original 1983 erschienene Roman von Gabriela Adameșteanu ist unter dem Titel «Verlorener Morgen» nun auch ins Deutsche übersetzt worden, sehr spät allerdings. Wird doch dieses wichtigste Werk der in ihrer Heimat äußerst prominenten rumänischen Schriftstellerin vom Feuilleton als Meisterwerk des vergangenen Jahrhunderts gefeiert. Wobei erstaunlich ist, dass in der Ära Ceaușescu ein durchaus düsterer, sozialkritischer Roman wie dieser überhaupt publiziert werden konnte. Er wurde verschiedentlich als rumänische Version von «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» apostrophiert, einerseits wohl, weil die 76jährige Autorin einst ihre Examensarbeit über Proust geschrieben hatte, andererseits aber gibt es auch thematisch und im ausschweifenden Erzählgestus Ähnlichkeiten.

In vier Teilen erzählt sie von der wechselvollen Geschichte ihres Heimatlandes, wobei die den ersten und letzten Teil des Buches füllende Rahmenhandlung nur einen einzigen Tag im Bukarest des Jahres 1980 beschreibt. Deren Protagonistin ist eine griesgrämige Alte, die in einem atemlosen Wortschwall mürrisch fluchend über ihr Schicksal klagt. Schon mit elf Jahren musste sie für eine ganze Horde von kleinen Geschwistern sorgen. Während der Ehe hatte sie dann ganz allein einen armseligen kleinen Vorstadtladen betrieben, der sie nur recht und schlecht ernährt hat, ihr nichtsnutziger Mann hatte sich nie darum gekümmert. All das wird zumeist als innerer Monolog während des einen Tages erzählt, an dem sie durch Bukarest streift und vergebens bei ihrer Schwägerin und bei der Tochter einer ihr von früher her verpflichteten Arbeitgeberin um Geld bettelt. Diesem vom Elend der Jugendjahre, jahrzehntelanger harter Arbeit und bitterer Altersarmut erzählendem, plebejischem Außenroman steht in zwei Kapiteln ein Innenroman gegenüber, der in die Jahre 1914 beziehungsweise 1916 zurückspringt. Im Milieu bürgerlicher Salons wird da, mit französischen Phrasen und Redewendungen durchsetzt, in der Villa eines Professors über die aktuelle Politik Rumäniens schwadroniert sowie über ein künftiges Rumänien. Des Professors Tagebücher, in denen im dritten Teil des Romans die Frage nach den künftigen Kriegsverbündeten diskutiert wird, sind ohne geschichtliches Vorwissen allerdings kaum zu verstehen.

Dieser aus typisch weiblicher Sicht geschriebene Roman des persönlichen und gesellschaftlichen Scheiterns gleitet trotz seiner unerquicklichen Grundstimmung niemals ins Sentimentale ab. Er beschreibt vielmehr sachlich, aber äußerst assoziationsreich das Schicksal seiner vielen Figuren, thematisiert mit scharfem Blick Vergänglichkeit und Altern. Historisch steht einerseits die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg im Blickpunkt, dessen Folgen den Romanfiguren ebenso wenig bekannt sind wie der 1980 noch nicht absehbare Sturz des Diktators Ceaușescu und der Zusammenbruch des kommunistischen Regimes. Beides sind faszinierende Perspektiven der noch völlig ahnungslosen Rumänen vor zwei weitreichenden politischen Zäsuren.

Erzählt ist dieses gesellschaftliche Panorama einerseits im wüsten Jargon der Unterschicht, in der Gossensprache einer verbitterten alten Frau, durchsetzt mit vielen Flüchen, andererseits im gehobenen Parlando des Bildungsbürgertums mit seinen vielen französischen Einsprengseln, die allerdings nur frankophile Leser goutieren dürften. Der historisch brisante Mittelteil des Zwanzigsten Jahrhunderts mit den beiden Weltkriegen ist hier völlig ausgespart, offensichtlich ein Tribut an die Zensur. Gabriela Adameșteanu deutet letztendlich das Elend der kommunistischen Neuzeit in Rumänien als Folge des großbürgerlichen Untergangs. Bei aller Virtuosität des Romankonstrukts und der Vielfalt an verwendeten Erzählperspektiven stört dann irgendwann doch die weit ausholende Erzählweise, anders als bei Proust ist die Textflut hier nämlich nüchtern und sachlich, also nicht poetisch und schöngeistig. Als langatmiges Epos allenfalls für rumänisch orientierte Leser zu empfehlen!

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Die andere Bibliothek

Süßer Ernst

Die Liebe eines Spindoktors

Die schottische Schriftstellerin Alison Louise Kennedy hat jüngst mit «Süßer Ernst» einen Liebesroman der besonderen Art vorgelegt, weit ab vom gewohnten, genretypischen Herz-Schmerz-Kitsch. Was bei ihrem großen irischen Kollegen der 16. Juni 1904 war, ist bei ihr der 10. April 2015, sie erzählt wie Joyce von einem einzigen Tag im Leben ihrer beiden Protagonisten. Womit die Gemeinsamkeiten aber noch nicht erschöpft sind, denn wie beim «Ulysses» gleicht auch dieser besondere Tag ihrer im Fokus stehenden Figuren einer Odyssee, hier nicht durch Dublin, sondern kreuz und quer durch London.

Meg und Jon heißt das Paar, das ganz unzeitgemäß per Zeitungsannonce zusammenfindet, er hatte anonym über einen Postfach-Absender angeboten, bis zu zwölf Liebesbriefe an alleinstehende Frauen zu schreiben, auf die er keine Antwort erwartet. Meg hat ihm aber geantwortet, sie ist hin und weg von der unglaublichen Einfühlsamkeit, die seine Trostbriefe erkennen lassen. Und sie bricht denn auch die Anonymität, indem sie tagelang die Postfiliale belauert, wo sich sein Postfach befindet, und kann ihn nach einigen Fehlversuchen auch tatsächlich identifizieren als den anonymen Briefschreiber. Beide sind seelisch zutiefst beschädigt, geradezu traumatisiert, und die exakt 24 erzählten Stunden des Romans spiegeln das chaotische Leben im Moloch London im ebenso wirren Tagesablauf der beiden Protagonisten wider, von 6:42 Uhr bis 6:42 Uhr des Folgetages.

Der labile, 59jährige Jon ist von seiner untreuen Frau geschieden und hat sich resigniert in eine armselige Einzimmerwohnung eines prekären Stadtteils zurückgezogen. Als Spindoktor in Westminster muss er, der politischen Räson wegen, die oft unerquickliche Realität geschmeidig so umformulieren, dass sie der Öffentlichkeit, also dem Wähler, als weniger negative «Wahrheit» präsentiert werden kann. In seinem Ministerium ist er der überaus geschätzte Meister solch geschönter Verlautbarungen – und hasst sich dafür! Meg ist eine 45jährige, alkoholkranke, bankrotte Wirtschaftprüferin, die, völlig deprimiert, in ihrem Leben keinen Sinn mehr erkennen kann. Nach ihrem erfolgreichen Entzug mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker hat sie einen schlechtbezahlten Job im Tierheim angenommen und lebt in einem verwahrlosten kleinen Haus, das sie von ihren Eltern geerbt hat, – sie fühlt sich «scheißallein». Am jenem 10. April 2015 ist sie seit genau einem Jahr trocken und will das nun bei ihrem ersten Treffen mit Jon, als eine Art zweiter Geburtstag, gebührend feiern. Für beide ist dieser Tag jedoch eine Odyssee mit immer neuen Hindernissen und unerwarteten Begegnungen, ihre Verabredung zu Essen muss mehrfach verschoben werden, es bleibt schließlich sogar fragwürdig, ob es überhaupt dazu kommen wird.

Die als Desillusionistin bekannte Autorin verknüpft in ihrem Abgesang auf das Modern Life gekonnt die sozialen und politischen Probleme ihres Landes und verdeutlicht sie durch die Berufe ihrer verstörten, frustrierten Protagonisten, zeigt deren seelische Unbehaustheit und tiefe Skepsis in Liebesdingen auf. Ihrer latenten Sehnsucht nach Geborgenheit stellt sie kritisch eine heutige, wenig erfreuliche Lebensrealität gegenüber, die den steten Niedergang des einst so stolzen British Empire überdeutlich aufzeigt. Die im steten Wechsel auktorial und, – als kursiv gesetzter, innerer Monolog -, multifokal aus der Perspektive beider Protagonisten erzählte Geschichte über die Verheerungen, die ein solcherart manifestierter Selbsthass anrichten kann, wird häufig durch kurze, meist einseitige Einschübe unterbrochen. In denen dann zusammenhanglos erfreuliche, tröstliche, herzerwärmende Begebenheiten aus dem Alltag erzählt werden, die eine den gesamten Text überlagernde Melancholie angenehm konterkarieren. Es ist faszinierend zu lesen, wie A. L. Kennedy nicht nur die Widersprüche der britischen Gesellschaft offenlegt, sondern sich auch mit viel Empathie behutsam dem hier allzu zarten Pflänzchen der Liebe widmet.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Ich war Diener im Hause Hobbs

Retardieren als Stilmittel

Mit ihrem dritten Roman «Ich war Diener im Hause Hobbs» hat die österreichische Schriftstellerin Verena Rossbacher geradezu ein Paradebeispiel für die literarische Methode des unzuverlässigen Erzählens geliefert. Und beginnt damit gleich im Prolog: «Dies ist eine einfache Geschichte», – was ja auch schon der ins wohlgeordnet Beschauliche weisende Buchtitel suggeriert. Das stimmt sogar bis weit über die Buchmitte hinaus, dann allerdings wird ihre Geschichte von Täuschung und Betrug im letzten Drittel denn doch zunehmend kompliziert. Und lockt bewusst auf falsche Fährten, um dann in einem verwirrenden Sumpf von Andeutungen und Mutmaßungen mit dem Satz zu enden: «Es ist ein wahnsinnig schlampiger Tag». Gleich zu Beginn findet der Diener und Ich-Erzähler im blutbespritzten Pavillon der pompösen Villa seiner Arbeitgeber einen Toten, und auch da schon wird der Leser zunächst im Unklaren gelassen, wer der Tote denn eigentlich ist. Wie konnte es dazu kommen? Er versucht im Nachhinein, die Hintergründe des damaligen Geschehens zu verstehen.

Aus dem Abstand vieler Jahre erzählt Christian von seiner ersten Anstellung als frischgebackener Absolvent einer renommierten Dienerschule bei der neureichen Züricher Familie Hobbs, bei der er mehr als zehn Jahre beschäftigt war. Ausführlich berichtet er als stiller, zur Diskretion verpflichteter Beobachter vom mondänen Leben in der Villa am Zürichsee, von der Familie des vielbeschäftigten Staranwalts Hobbs und seiner ebenso attraktiven wie charmanten, kunstinteressierten Frau, den beiden netten kleinen Kindern und dem Zwillingsbruder des Hausherrn, der im Gartenpavillon wohnt, in dem sich auch sein Maleratelier befindet. Christian hält unbeirrt an den altehrwürdigen Ritualen der snobistischen Butler-Zunft fest, deren verstaubtes Image geradezu ideal zum servilen Selbstverständnis des jungen Mannes passt. In ausgedehnten Rückblicken erzählt er zudem von seiner Jugendzeit als Hipster und eher passiver Teil eines vierblättrigen Kleeblatts von aufmüpfigen Schulfreunden, die auch Jahre später noch sehr eng befreundet sind. Als seine Freunde mit der weltoffenen Frau Hobbs anlässlich eines Besuchs in Feldkirch, dem Vorarlberger Geburtsort von Christian, zusammentreffen, entwickelt sich zu seinem Entsetzen eine kumpelhafte Beziehung zu der unkomplizierten Dame des Hauses, die ihm als distinguierter Butler äußerst peinlich ist. Von ihm ungewollt entwickelt sich eine Eigendynamik, mit der das Schicksal seinen Lauf nimmt.

In seiner geradezu zwanghaft betriebenen Rekonstruktion deckt der traurige Held schichtweise nicht nur diverse verborgene Geheimnisse auf und schaut in menschliche Abgründe, er betreibt damit en passant auch eine Suche nach der eigenen Realität. In großen Bögen erzählt Verena Rossbacher von dieser Selbstverwirklichung, von Schein und Sein, von Lüge und Betrug. Sie tut dies ironisch und demaskiert dabei genüsslich den Kunstbetrieb ebenso wie die heutige Wohlstandsgesellschaft. Die allesamt sympathischen Figuren ihrer rätselhaften Geschichte sind stimmig beschrieben, ihre Diktion erinnert allerdings an die verstaubte Vorlage eines Arthur Conan Doyle und wirkt dadurch, trotz der oft eher surrealen Wendungen in ihrem verzwickten Plot, ziemlich artifiziell.

Die im Prolog listig geweckte Neugier wird leider durch lange Exkursionen des gedanklich trägen, schwerfälligen Protagonisten auf eine harte Probe gestellt: «Aber ich schweife ab» heißt es öfter, – und oft vergisst er dabei sogar die Frage, die er selbst aufgeworfen hat. Störend ist vor allem, dass vieles allzu lange offen bleibt und man sich als Leser dann in einem Wirrwarr verschiedenster Erzählfäden irgendwie zurechtfinden muss. Dieses künstliche Retardieren mit allen Mitteln, mit erzählerischen Umwegen und gedanklichen Sackgassen, mit immer neuen Wendungen stört den Lesegenuss erheblich, zumal es letztendlich zu nichts hinführt, sondern in einer enttäuschenden Leere endet. Nichts stimmt da mehr!

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Das Handbuch der Inquisitoren

Der Leser als literarischer Großinquisitor

Eine Befragung simulierend erzählt der portugiesische Schriftsteller António Lobo Antunes in seinem Roman «Das Handbuch der Inquisitoren» vom Ende des Salazar-Regimes, das er am Schicksal seines Protagonisten und dessen Familie spiegelt. Das 1997 erschienene Buch gilt als ein Klassiker der Weltliteratur, sein Autor wird zudem seit Jahrzehnten als Nobelpreiskandidat gehandelt, – bisher vergebens. Der Kommunist und Psychiater rechnet in diesem vielschichtigen Werk rigoros vor allem mit der verhassten Diktatur des sogenannten Estado Novo ab, wobei er konsequent die Perspektive der «kleinen Leute» einnimmt. Neben unglücklichen Liebesgeschichten werden dabei auch Krankheit, Alter und Tod thematisiert, und die Angst vor den Gewaltexzessen dieses autoritären Regimes ist ebenfalls allgegenwärtig. Wir haben es, wie in vielen Romanen seines umfangreichen Œuvres, hier auch wieder mit einer düsteren Geschichte des Untergangs zu tun.

Der Protagonist Francisco, genannt «der Doktor», ist ein einflussreicher Minister unter Salazar und lebt wie ein Feudalfürst auf seinem pompöse Landgut Palmela in der Nähe Lissabons. Auf ein Wort von ihm erledigt ein Major vom Geheimdienst skrupellos alle seine Aufträge, diskret und zuverlässig. Das Unglück dieses Tyrannen beginnt, als seine Frau Isabel ihn betrügt und schon bald auch verlässt. Die Frau des Apothekers wird seine Geliebte, kein Dienstmädchen ist vor ihm sicher, und die Köchin bekommt heimlich ein Kind von ihm, bei dem der Veterinär als Geburtshelfer fungiert. In einer jungen Kurzwarenhändlerin meint er schließlich Isabel zu erkennen und macht sie zu seiner Mätresse. Mit der Nelken-Revolution 1974, dem Sturz des Salazar-Regimes, endet schließlich seine Allmacht, er wird entlassen, verarmt, das Gut verkommt zusehends, er verbarrikadiert sich aus Angst vor den Kommunisten und droht, jedem von ihnen «eine Kugel zwischen die Hörner» zu verpassen, der sich ihm auch nur nähert. Am Ende des Romans liegt er als Greis hilflos in einer Pflegestation: «Pipi Herr Doktor Pipi wir wollen doch nicht den sauberen Schlafanzug schmutzig machen nicht wahr Herr Doktor?»

Folgt man Heimito von Doderer, könnte man folgern, dies ist ein Werk der Kunst, weil man kaum eine kurzgefasste, stimmige Inhaltsangabe davon schreiben kann. Der in fünf Abschnitte unterteilte, gesellschaftskritische Roman mit 29 Kapiteln, abwechselnd als Bericht oder Kommentar betitelt, lässt nicht weniger als 19 Ich-Erzähler zu Wort kommen. Wer da jeweils spricht bleibt oft erst mal im Dunkeln, bis dann irgendwann beiläufig ein Hinweis Klärung bringt. Äußerst hilfreich ist hier übrigens der detaillierte Artikel in Wikipedia, welcher das Wirrwarr dieses komplexen Stimmen-Konstrukts aufdröselt und die inneren Zusammenhänge auch in zeitlicher Hinsicht verdeutlicht. Denn sprachlich unterscheiden sich diese Erzählerfiguren selbst in ihrem Bewusstseinsstrom nicht voneinander, obwohl sie doch ganz verschiedenen sozialen Schichten angehören. Stilistisch auffallend sind die häufig fehlende Interpunktion sowie die nach einem Absatz durch Gedankenstrich eingeleitete wörtliche Rede, vor allem aber kommen einem viele sich wörtlich wiederholende, längere Textpassagen zunächst recht befremdlich vor.

«Ich möchte die Kunst des Romans verändern. Ich möchte eine neue, nie dagewesene Art erfinden, die Dinge auszudrücken», hat António Lobo Antunes selbstbewusst erklärt. Trotz der anfänglichen Schwierigkeiten liest man sich schnell ein in diese vielstimmige, anspruchsvolle Prosa und folgt gespannt dem dramaturgisch verwickelten Geschehen. Der Leser selbst fungiert dabei als literarischer Großinquisitor, es gibt nämlich keine moderierende Autorenstimme. Und so ist er als Leser es folglich auch, bei dem die Fäden der Handlung zusammenlaufen und richtig sortiert und aneinander gefügt werden müssen, selbst wenn sich ihm nicht immer alles sofort und stimmig erschließt. Aber es lohnt sich allemal und öffnet neue Horizonte!

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by Luchterhand

Fräulein Nettes kurzer Sommer

Frauenfeindliche Spätromantik

Mit dem Katastrophenjahr der Anette von Droste-Hülshoff hat die äußerst vielseitige Schriftstellerin Karen Duve einen faszinierenden Stoff gefunden, mit dem sie der berühmten Dichterin in ihrem Roman «Fräulein Nettes kurzer Sommer» ein weiteres Denkmal gesetzt hat. Die fiktional angereicherte Geschichte spielt im kleinadeligen Milieu ihrer weitverzweigten, im Münsterschen angesiedelten Familie, ergänzt um viele Geistesgrößen der Zeit, die als gerngesehene Gäste dort verkehren. Mit «kurzer Sommer» im Titel wird auf eine Zäsur im Leben des im Familienkreis nur «Nette» genannten, aufmüpfigen Freifräuleins angespielt, die sich nicht nur prägend auf das weitere Leben des Dichterin, sondern auch auf ihr späteres Werk ausgewirkt hat.

«Was tatsächlich im Sommer 1820 auf dem Böckerhof vorgefallen ist, liegt im Dunkeln», heißt es im ersten Satz des dickleibigen Romans. Heinrich Straube, ewiger Student in Göttingen, von seinem Studienfreund August von Haxthausen, dem Onkel von Nette, alimentiert und als neuer Goethe hoffungslos überschätzt, ist 1819 Gast der Familie. Er wird von August überschwänglich als «Phänomen an scharfem Verstande» vorgestellt, «… von dem schon jetzt das Licht des zukünftigen Ruhmes ausstrahlt», «… und ein Geruch wie von einem nassen Hund», ergänzt Nette vorlaut. Trotz dieses peinlichen Fauxpas verliebt Straube sich in die wenig attraktive, aber geistig brillante Nichte seines Freundes und stellt ihr nach. Als sich das Freifräulein in einem schwachen Moment von dem eher hässlichen jungen Mann küssen lässt, wähnt der sich am Ziel seiner Wünsche, «Sein Glück war gemacht», heißt es dazu im Roman. Eine grandiose Fehleinschätzung, denn sowohl der Standesunterschied als auch die konträren Konfessionen der Beiden lässt eine Ehe absolut undenkbar erscheinen.

Nach dieser Einleitung und einem kurzen Hinweis auf den verheerenden Ausbruch des Vulkans Sumbava östlich von Java, der das Wetter weltweit auf Jahre hin verändert hat und durch monatelangen Dauerregen auch in Westfalen Missernten und Hungersnöte zu Folge hatte, erzählt Karen Duve im Rückblick vom ereignislosen Leben ihrer Protagonistin im Kreise der adeligen Großfamilie auf ihren verschiedenen Landgütern, ein im Ritual erstarrtes Dasein. Sie berichtet zudem vom lustigen Studentenleben in Göttingen, von langweiligen Kuraufenthalten und beschwerlichen Reisen. Neben anderen Bewerbern bemüht sich der charismatische Jurastudent August von Arnswaldt um Nette, insgeheim und vorgeblich, um ihre Treue zu testen, was dem Schönling denn auch gelingt, – die ach so sittsame Nette lässt sich von ihm küssen. Als Fräulein Nette ihn nach diesem Ausrutscher strikt zurückweist und ihre unverbrüchliche Liebe zu Straube beteuert, berichtet Arnswaldt Straube von diesem Vorfall. Beide wenden sich von ihr ab und sehen sie nie wieder, und auch die Familie hat sie nun gegen sich, alle hacken auf ihr herum, – ein Katastrophenjahr für sie!

Mit fleißig recherchierter Detailfülle, von der ein zwölfseitiges Literaturverzeichnis zeugt, erzählt Karen Duve in ihrem spätromantischen Gesellschaftsroman kenntnisreich vom Leben auf den westfälischen Landgütern und von den vielen interessanten Gästen und Freunden. Zu denen gehören die eifrig Märchen sammelnden Gebrüder Grimm ebenso wie Hoffmann von Fallersleben. Und sogar Heinrich Heine taucht darin auf und widerspricht Straube, der ihn im Gespräch den letzten Romantiker nennt: «Ich bin die Überwindung der Romantik!» Die eher lakonisch erzählte Geschichte ist unterhaltsam und bereichernd zugleich, sie vermittelt ein authentisch wirkendes Bild dieser frauenfeindlichen Epoche. Leider bleibt ausgerechnet die berühmte Protagonistin in ihren literarischen Aspekten ziemlich blass in diesem ansonsten in epischer Breite erzählten Roman, der mir speziell beim ritualisierten, immer gleichen Familienleben denn doch zu ereignislos erscheint. Trotzdem ist er eine den Horizont des Lesers erweiternde, angenehme Lektüre.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Galiani

Töchter

Auf Kolportage-Kurs

Lucy Fricke hat mit ihrem Bestseller «Töchter» einen Roman vorgelegt, der thematisch an zwei Roadmovies erinnert, die sie in ihrer Geschichte sogar selbst anspricht. Wie in «Thelma und Louise» und auch in «Tschick» geht es um eine groteske Flucht mit dem Auto, welches hier nicht nur als Gefährt, sondern auch als Rückzugsort aus prekären Verhältnissen dient. Und die zwei Heldinnen in Frickes Roadtrip stehen, – genau wie in den genannten Spielfilmen -, auch ziemlich bald vor der Frage, wie finden wir da wieder raus? Die Autorin hätte als Titel eben so gut «Väter» wählen können, denn um die geht es den beiden Frauen letztendlich.

Die Ich-Erzählerin Betty ist eine alleinstehende Schriftstellerin um die vierzig, deren gleichaltrige Freundin Martha sie bittet, ihren todkranken Vater in eine Sterbeklinik in der Schweiz zu bringen. Der möchte unbedingt in seinem eigenen Auto dorthin gefahren werden, und da Martha sich nach einem schweren Unfall nicht mehr selbst ans Steuer setzt, soll ihre beste Freundin sie beide chauffieren. Während der Fahrt in dem klapperigen alten VW-Golf, die die Frauen nur widerstrebend antreten, gesteht der Vater irgendwann, dass die Sterbeklinik nur ein Vorwand war, in Wirklichkeit wolle er an den Lago Maggiore. Seine Jugendliebe, eine gelernte Krankenschwester, habe ihn dorthin eingeladen, um ihn bis zum nahen Tod selbst zu pflegen. Die beiden Freundinnen beschließen, nachdem sie ihn dort abgesetzt haben, nicht sofort wieder heimzufahren. Betty möchte nach ihrem geliebten Ziehvater suchen, der sie und ihre Mutter einst so schmählich verlassen hatte und sich dann nie mehr gemeldet hat, angeblich sei er seit zehn Jahren tot. In einem kleinen Dorf in Italien findet sie tatsächlich sein Grab, bei weiteren Recherchen stößt sie allerdings auf eine Front des Schweigens und bekommt Zweifel. Bis sie schließlich doch noch den Tipp erhält, auf einer abgelegenen griechischen Insel weiter zu suchen.

Dieser Roman über die Leerstellen, die durch Vaterlosigkeit entstehen, zählt zur Kategorie der Pageturner, mit flotter Feder erzählt Lucy Fricke ihre Geschichte in einer leicht lesbaren Sprache. Ihr Plot ist klug konstruiert und erzeugt mit seinen immer wieder überraschenden Wendungen den geschickt dosierten Sog beim Leser, der turbulenten Handlung weiter zu folgen. Die Autorin streut dabei allerlei philosophische Betrachtungen und Lebensweisheiten in ihre tragische Geschichte ein und betont ihren Realismus, indem sie zum Beispiel im Buch Esoterik definiert als «Die schlimmste vorstellbare Wahrnehmung der Wirklichkeit». Das alles ist amüsant zu lesen, ohne dass es einem gleich «die Lachtränen in die Augen treiben» würde wie dem im Klappentext zitierten, für Klamauk anfälligen Dennis Scheck. Über ihren oft abgetauchten, zwielichtigen Ziehvater tröstete Betty ihre Mutter mit den Worten: «Mach dir keine Sorgen, Mama, er ist bloß für die Mafia unterwegs. Wahrscheinlich wäre sie erleichtert gewesen. Besser einer, der nachts Leute umlegte, als dass er Frauen flachlegte».

Die allesamt maroden Figuren dieses satirischen Romans sind ziemlich konturlos, ihre Vita bleibt weitgehend im Dunkeln, man wüsste aber gerne mehr, das würde auch das Verständnis des Plots erleichtern. Bei der von Lebensbilanzen und Sterbensfragen dominierten Thematik des Romans stehen den beiden Heldinnen in ihrer nicht nur altersbedingt kritischen Lebensphase zwei lebensmüde Vaterfiguren gegenüber. In der Dramatik dieser illusionslosen Geschichte vor zumeist malerischer Kulisse ist allerdings ein gewisses Pathos nicht zu übersehen. Lakonisch wird immer wieder seelisch Verschüttetes zutage fördert, bedauerlich aber ist, dass diesem narrativen Element nicht weiter nachgegangen wird, es fehlt an gedanklicher Tiefe. Neben einigen Ungereimtheiten werden leider auch derart viele Klischees bedient, dass die Geschichte allzu vorhersehbar wird, sie gleitet teilweise sogar in die Kolportage ab, das Ende ist dann nur noch purer Kitsch!

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Luchterhand

Rameaus Nichte

Warum liebe ich diesen Mann?

Das erste in Deutschland erschienene Buch der US-amerikanischen Schriftstellerin Cathleen Schine spielt mit seinem Titel «Rameaus Nichte» auf ein von Goethe 1805 übersetztes Werk Diderots an, aber nicht nur damit. Es zitiert auch thematisch das posthum veröffentlichte und vielbeachtete Buch «Rameaus Neffe», ein philosophisch feinsinniger Lehrdialog zwischen Meister und Schüler, der die Seele eines gescheiterten Künstlers offenlegt und als erstes Auftreten des Typus ‹Intellektueller› gilt. Bei Cathleen Schine wird diese Thematik auf eine unerwartet äußerst erfolgreiche Buchautorin angewendet, die an der Realität und an sich selbst scheitert bei ihrer verzweifelten Suche nach der eigenen Identität.

Margaret Nathan, eine attraktive New Yorker Geisteswissenschaftlerin Ende zwanzig, verheiratet mit einem charismatischen Literaturprofessor, findet ein unveröffentlichtes Manuskript mit dem Titel «Rameaus Nichte», eine anonym verfasste Einführung in die Philosophie. Sie übersetzt das Traktat, stellt dabei aber fest, dass es in weiten Teilen aus Plagiaten verschiedenster Autoren des 18ten Jahrhunderts kompiliert ist und in Wahrheit einen geschickt kaschierten pornografischen Inhalt hat. Durch diese Arbeit gerät ihre Gewissheit über die seit zwölf Jahren glückliche Ehe mit Edward Nathan immer mehr ins Wanken, sie beginnt ihre Liebe und ihre Rolle als rundum zufriedene, beneidenswerte Ehefrau kritisch zu hinterfragen: «Warum liebe ich diesen Mann»? In einem von ihrer sinnlichen Phantasie angeheizten Prozess der Selbstfindung sucht die an sich eher schüchterne junge Frau schließlich den Kontakt mit potentiellen Sexpartnern. Sie bandelt, nachdem ihr schwuler Lektor von vornherein ausscheidet, zaghaft zuerst mit einem belgischen HiFi-Hersteller an, der sie aber abweist. Dann versucht sie, obwohl sie keiner lesbische Orientierung hat, ebenfalls vergeblich, ihre lebenslustige Freundin Lilly, eine feministische Autorin, zu verführen, um dann endlich doch noch mit ihrem adonisgleichen Zahnarzt im Bett zu landen. Den von ihr als Befreiung gedachten und herbeigesehnten Ehebruch hat sie nun wirklich in die Tat umgesetzt, – ohne dabei aber das gefunden zu haben, was sie suchte. Ihre sexuelle Selbstverwirklichung erweist sich als totaler Fehlschlag, sie ändert nichts.

Der dreiteilig aufgebaute Roman schildert im ersten Teil die Uni-Szene, Partyleben und Small Talk der New Yorker Intellektuellen mit belanglosen Disputen um Halbwahrheiten, im zweiten dann eine kunstsatte, bereichernde Reise der Heldin nach Prag, bei der sie erstmals seit der Hochzeit ganz auf sich selbst gestellt ist, da ihr smarter Mann sie nicht begleiten kann. Der dritte, die Hälfte des Buches umfassende Hauptteil schließlich behandelt die Irrungen und Wirrungen ihrer schwierigen Selbstfindung, ihre hilflosen Eskapaden, die allesamt nicht zur gewünschten Emanzipation führen. Sozialer Schein und privates Sein sind nicht unbedingt deckungsgleich, lautet das Fazit dieses puzzelartig angelegten Eheromans.

Wie schon die Titel andeuten, handelt es sich hier um zwei ineinander verschachtelte, gleichnamige Romane, zwei ironisch durchleuchtete Zeitepochen also, das Buch im Buch ist dabei das von der Heldin übersetzte Manuskript von «Rameaus Nichte». Diese innere, die Verführung und Entjungferung eines Mädchens, – der Nichte Rameaus nämlich -, erzählende Geschichte vom Anfang des 18ten Jahrhunderts ist in einer der Barockzeit nachempfundenen Sprache geschrieben, die zwar zeitgerecht ist, aber auch bis zur Unlesbarkeit verklausuliert. Hingegen ist die Ende des 20ten Jahrhunderts angesiedelte Geschichte einer modernen Lebens- und Liebeskrise amerikanisch knapp und salopp erzählt. Sie glänzt mit den funkelnden, geistreichen Dialogen ihrer durchweg sympathischen Figuren und den weitläufigen inneren Monologen der Protagonistin. Der Lesegenuss dieser intellektuell anspruchsvollen Lektüre wird zusätzlich durch einen köstlichen Humor bereichert.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Schlafes Bruder

Hypnos und Thanatos

Der Debütroman «Schlafes Bruder» des österreichischen Schriftstellers Robert Schneider blieb sein bis heute mit Abstand größter Erfolg. Das 1992 erschienene Buch wurde in mehr als dreißig Sprachen übersetzt, diente als Vorlage für den gleichnamigen Spielfilm und erfuhr diverse weitere Adaptionen. Der von einem Bergbauern-Ehepaar aus Vorarlberg adoptierte Autor hat darin offensichtlich nicht nur Erfahrungen der eigenen Jugendzeit verarbeitet, er hat vor allem seine fundierten musikalischen Kenntnisse als Organist für das Hauptmotiv seiner Erzählung verwendet. Trotz ähnlichem Schauplatz ist der zeitlich am Anfang des 19ten Jahrhunderts angesiedelte Roman alles andere als einer der typischen, kitschigen Alpenromane. In diesem Entwicklungsroman wird vielmehr eine düstere, mystische Geschichte aus einem so gar nicht idyllischem Bergbauerndorf in Vorarlberg erzählt.

Elias Alder wird 1803 als leiblicher Sohn eines katholischen Seelsorgers geboren und wächst auf dem Bauernhof des Ehemannes seiner Mutter auf, die ihn ausgesprochen lieblos behandelt. Im Alter von fünf Jahren erlebt er eine wundersame Erweckung, sein Gehör verschärft sich auf unerklärliche Weise und seine Pupillen werden gelb, fortan wird er deswegen gehänselt. Sein nunmehr überirdisches Gehör ist sogar in der Lage, den Herzschlag eines ungeborenen Mädchens zu vernehmen, in der er, fanatisch verklärt, die große Liebe seines Lebens erkennt, – die dann tatsächlich, als seine Cousine Elsbeth, im Nachbarhaus geboren wird. Sein phänomenales Hörvermögen weckt denn auch seine an Wunder grenzende Musikalität, er wird ohne jede Förderung, voll autodidaktisch, zu einem geradezu jenseitigem Organisten und gewinnt, obwohl er nicht mal Noten lesen kann, sensationell einen bischöflichen Wettbewerb. Als Elsbeths Bruder wegen einer brutalen Misshandlung durch seinen Vater im Zorn dessen Hof in Brand steckt und damit eine Feuersbrunst auslöst, der das halbe Dorf zum Opfer fällt, rettet Elias todesmutig die kleine Elsbeth aus den Flammen. Aber trotz seiner lebenslangen, geradezu besessenen Liebe zu dem Mädchen erklärt er sich ihr gegenüber nie, – sie heiratet schließlich einen anderen. Elias erkennt nach einem zweiten mystischen Erweckungserlebnis, bei dem sich seine Augenfarbe wieder in grün zurück verwandelt, dass er nunmehr von dieser schicksalhaften Liebe erlöst ist.

«Erlösung aber», heißt es im Roman, «ist die Erkenntnis der Sinnlosigkeit allen Lebens». Der Titel des Romans spielt auf die griechische Mythologie an, das rigorose Liebesverständnis von Elias gipfelt nämlich in seiner Überzeugung, dass der Schlaf die ideale, grenzenlose Liebe letztendlich verhindere. Thanatos jedoch, der Gott des Todes, ist der Bruder von Hypnos, dem Gott des Schlafes, «Schlafes Bruder» also.

Robert Schneider hat seinen Roman in einer stimmig der Erzählzeit angepassten, altertümlichen, zugleich manieriert anmutenden Sprache geschrieben, die mit mundartlichen und religiösen Begriffen sowie mit eigenen Wortschöpfungen gespickt ist. Er hat damit ein durch Inzest und naivste Religiosität geprägtes, ländliches Milieu abgebildet, dessen Brutalität geradezu verstörend auf den Leser wirken muss. Seine damit ausgedrückte Kritik an den Verhältnissen wird durch die beiden Leitmotive Musik und Liebe konterkariert, beides aber kann letztendlich das menschliche Scheitern nicht verhindern. Das Genie seines Protagonisten stempelt ihn in seinem inzestuösen Heimatdorf, in dem es nur zwei Familiennamen gibt, zum misstrauisch beäugten Sonderling, dessen Genie in einer drögen Umwelt letztendlich verkrüppelt. Das Debüt des umstrittenen Autors wurde seinerzeit im Feuilleton kontrovers diskutiert, es wurde ihm romantisierendes Pathos vorgeworfen, was aber nicht zutrifft. Ich habe diese Geschichte vielmehr als köstliche Satire gelesen, die ironisch ein wohlfeiles literarisches Idyll demontiert, außerdem als beißende Kritik an der eifernden Kirche mit ihrer das Volk verdummenden Dogmatik.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Reclam Verlag

Baron Wenckheims Rückkehr

Zwiespältige Parabel

László Krasznahorkai, ein Meister der Apokalypse, gehört zu den bedeutendsten ungarischen Schriftstellern der Gegenwart. Sein jüngster Roman «Baron Wenckheims Rückkehr» bedeute eine Wende in seinem bisher «melancholischen und resignativen Werk», wie er im Interview erklärt hat, es sei sein erster humorvoller Roman. Der vor allem im englischen Sprachraum gefeierte Autor wurde 2015 mit dem dort wichtigsten Literaturpreis ausgezeichnet, die Jury des Man-Boocker-Preises bezeichnete ihn als «einen visionären Schriftsteller von außergewöhnlicher Intensität, dessen sprachlicher Ausdruck die Beschaffenheit der heutigen Existenz in Szenen einfängt, die besorgniserregend, befremdlich, erschreckend komisch und oft überwältigend schön sind». Das in der schwülstigen Laudatio als visionär Gelobte endet auch hier allerdings wieder in einer Apokalypse, der Weg dorthin ist jedoch urkomisch.

Der vor 46 Jahren aus Ungarn vertriebene Baron Béla Wenckheim hat sich in Südamerika durch seine Spielleidenschaft in den Ruin getrieben, er sitzt in Haft. Seine wohlhabende Familie holt den verwirrten, spindeldürren Mann nach Wien zurück und kleidet den völlig Verwahrlosten neu ein, ehe sie ihn mit dem Zug in seinen ungarischen Geburtsort Gyula weiterschickt, den der alte Mann vor seinem Tod unbedingt noch einmal sehen will. Boulevardpresse und Fernsehen bauschen diese Heimkehr medial derartig auf, dass die wildesten Gerüchte entstehen, angeblich würde der steinreiche Adelige seine Stadt finanziell äußerst großzügig unterstützen. Verwaltung und Einwohnerschaft malen sich eine glänzende Zukunft aus für die hoffnungslos heruntergekommene Stadt, manche Leute beginnen sogar schon, sich zu verschulden in Erwartung des Geldsegens, der da bald auf sie nieder regnen wird.

Mit seinem üppigen Ensemble wahrhaft wunderlicher Figuren zeichnet László Krasznahorkai das Panorama einer Provinzstadt im Ungarn von heute, die auf ihren Heilsbringer wartet. Da ist der unfähige Bürgermeister, der korrupte Polizeichef mit seiner aus zwei Dutzend Rockern bestehenden Motorrad-Bande, ein verwilderter Professor, der im Dornbusch-Ödland dahinvegetiert, Marika, die Jugendliebe des Barons, Dante Szolnoki, ein redegewandter Krimineller, der sich dem Baron als Sekretär andient, und viele skurrile Typen mehr. Der Autor beschreibt das alles in einer glanzvollen Sprache mit vielen parallelen Erzählsträngen und erschließt seinen Plot großenteils mit stimmigen Dialogen, oft aber auch als Bewusstseinsstrom oder innerer Dialog. Wobei seine kunstvoll konstruieren Sätze sich immer über mehrere Seiten hinweg erstrecken und die direkte Rede ohne Satzzeichen einbinden, «ungewöhnlich lang, weil ja auch unser Denken ein endloser stürmischer Prozess ist und keine Punkte kennt», hat er dazu angemerkt. Nach anfänglichen Problemen liest man sich aber doch schon bald ein in diese virtuos konstruierten Endlossätze, sei skeptischen Lesern versichert.

In seiner zeitgeschichtlichen Parabel über ein rückständiges, korruptes Ungarn, das ihm offensichtlich peinlich ist, hat László Krasznahorkai ein vernichtendes Urteil über seine Heimat gefällt, auch wenn er dies deutlich erkennbar satirisch überzeichnet, sich am Ende gar ins Surrealistische hineinsteigert. Unfähigkeit, Faulheit und grenzenlose Dummheit sind fürwahr nicht gerade schmeichelhafte Wesensmerkmale seiner Landsleute, auch wenn er recht wohlwollend über sie schreibt. Seine hanebüchene Story ist mit häufigen kontemplativen Einschüben angereichert und bietet gute Unterhaltung vor allem durch den köstlichen Humor, der das verrückte Geschehen permanent überlagert, nicht selten aber auch in Klamauk ausartet. Mehr als ein Wermutstropfen ist außerdem eine gewisse Langatmigkeit, manches ist erzählerisch einfach zu breit ausgewalzt in dem fast 500seitigen Roman, dessen apokalyptisches Ende mich ebenfalls nicht überzeugen konnte. Und so hinterlässt dieses stilistisch erstklassige Buch leider einen sehr zwiespältigen Eindruck.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by S.Fischer Frankfurt am Main

Erinnerung eines Mädchens

Weder Fisch noch Fleisch

Die in Frankreich als literarische Legende geltende Annie Ernaux hat mit «Erinnerung eines Mädchens» ihrem überwiegend autobiografischen Œuvre jetzt auch noch die Geschichte ihrer sexuellen Initiation hinzugefügt. Mit der Verarbeitung ihres Lebens hat sie ihr ureigenes Sujet gefunden, in ihrer spezifischen Gedächtnisliteratur verschmelzen Individuelles und Kollektives symbiotisch miteinander.

«Es gibt Menschen, die überwältigt werden von der Gegenwart anderer» lautet der erste Satz in einer Art Vorwort. Gebannt von der Präsenz eines dominanten Mannes wird die knapp 18jährige Annie Duchesne zum willenlosen Opfer ihres «Herrn», den die Autorin, wie auch andere ihrer Figuren, nur mit einem Buchstaben benennt. Das Mädchen, behütetes Einzelkind aus einfachen Verhältnissen, streng katholisch erzogen, steigt am 14. August 1958, von Rouen kommend, aus dem Zug, um als Betreuerin in einem Erholungsheim für Kinder zu arbeiten. Drei Tage später landet sie mit H, dem breitschultrigen Chefbetreuer, während einer wilden Party im Bett. Das erstmals aus der strengen Obhut ihrer Eltern befreite, völlig unerfahrene, naive Mädchen ist fasziniert von dem orgiastischen Treiben und lässt willenlos alles mit sich geschehen. Es gelingt H aber nicht, in sie einzudringen, sie ist total verkrampft, er wendet sich abrupt von ihr ab. Sie stürzt sich daraufhin in wahllose Abenteuer mit anderen Kollegen, ohne dass es dabei aber je zum Vollzug kommt. Diese Zäsur in ihrem Leben wird begleitet von Phasen der Bulimie und Kleptomanie, sie ist völlig aus der Bahn geworfen und wird von ihren Kollegen gnadenlos verhöhnt. Lebenslang begleitet sie nun diese traumatische Erfahrung und die tiefe Scham darüber. Ihre Jungfernschaft verliert sie erst sechs Jahre später bei dem Mann, den sie heiratet, fortan heißt sie Annie Ernaux.

Dieses Buch einer problembeladenen Emanzipation ist eher aus einer soziologischen Perspektive heraus geschrieben als aus einer literarischen, Sentimentalitäten, Tränen womöglich kommen da gar nicht erst auf. Die Autorin hat für ihr absolut eigenständige Werk eine kühne Konstruktion gewählt, indem sie versucht, sich als Autobiografin, aus einem Abstand von mehr als sechzig Jahren schreibend, neben das junge Mädchen von damals zu stellen, quasi parallel aus deren damaliger Perspektive zu erzählen. Dementsprechend wechselt in den fraktionell aufgeteilten Abschnitten immer wieder der Erzähler, wird häufig von der ersten zur dritten Person umgeschaltet, vom «ich» zum «sie». In ihrer narrativen Symbiose von Autobiographie und Chronik will die Autorin keine Interpretationen akzeptieren, nichts glätten. «Ich konstruiere keine Romanfigur. Ich dekonstruiere das Mädchen, das ich gewesen bin». Bei ihrer Suche nach Wahrheit im Erinnerten nutzt Annie Ernaux zur Recherche alle Möglichkeiten der modernen Kommunikation, ohne dass sie der inneren Wahrheit damit auch wirklich nahe kommt.

Ihr Leben ist, wie nicht anders zu erwarten, von früh an literarisch geprägt, das essayistische Buch weist mit seiner üppigen Intertextualität deutlich darauf hin, zitiert zudem auch Spielfilme und Musiktitel. Der Leser erlebt den Prozess des Schreibens unmittelbar mit, er wird zudem sehr direkt mit den Zweifeln am Erinnerten, an den scheinbaren Gewissheiten konfrontiert. Stilistisch nüchtern und präzise geschrieben, wirkt ihr lakonisch anmutender Text ohne jedes Pathos gleichwohl verstörend. Unbehaglich war mir als Leser, dass etliche Ungereimtheiten und andere Zweifel hier ja nicht einfach als Fiktion abgetan werden können, es ist erklärtermaßen alles autobiografisch, also real. Als Mann frage ich mich aber auch, ob geschildertes Gefühlschaos und daraus resultierendes Verhalten denn wirklich Realität gewesen sein können. Ich habe meine Zweifel an diesem Seelenstriptease, aber auch an dieser poststrukturalistischen Literatur. Sie ist weder Fisch noch Fleisch, sie überzeugt mich als psychologische Studie ebenso wenig wie als Belletristik.

Fazit: miserabel

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Genre: Autobiografie
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Von den fortschreitenden Übertretungen des Major Aebi

Homer-Komplex

Der Roman «Il maggiore Aebi» des italienischen Schriftstellers Gianluigi Melega ist 1997 mit dem bandwurmartigen Titel «Von den fortschreitenden Übertretungen des Major Aebi» auch in Deutschland erschienen. Mit Übertretungen sind sexuelle Grenzüberschreitungen eines pathologischen Lüstlings gemeint, ein Sujet mithin, für das der Marquis de Sade hier einige Motive beigesteuert hat, SM allerdings ausgenommen. Die obsessiv ausgelebte Libertinage des steinreichen, pensionierten Majors bildet die narrative Oberfläche dieses Romans, unter der – durchaus ironisch – philosophische Betrachtungen nach dem Sinn des Lebens abgehandelt werden, und nebenbei auch noch Interna der Schriftstellerei.

Der Schweizer Major Aebi ist nach dem frühen Tod seiner Frau unerwartet reich geworden und kommt auf die famose Idee, seinem biederen Leben zu entfliehen, die Grenzen seiner geheimen Lüste auszuloten, seiner bis dato unterdrückten Sexualität nunmehr freien Lauf zu lassen. Der Sechzigjährige fährt nach Wien, um sich eine dralle junge Kellnerin, die ihm beim letzten Besuch mit seiner Frau im Hotel Sacher aufgefallen war, gefügig zu machen, was ihm mühelos gelingt. War bei Trude noch Geld im Spiel, erobert er Frau Grunwald, eine etwas ältere Filialleiterin aus der ererbten Firma, allein durch seine Überredungskünste, die bei ihr bis dato tief verborgene Gelüste auslösen, sie ihm bedingungslos hörig machen. Die Dritte im Bunde einer Ménage à quatre ist die lesbische Filmschauspielerin Gerda, die er mit tätlicher Hilfe von Frau Grunwald als weitere Gespielin dazu gewinnt. Die ausufernden Orgien dieses sexuellen Quartetts nehmen immer gewagtere Formen an, werden auch ins Freie verlegt und damit zusätzlich exhibitionistisch aufgeheizt, bis es schließlich so weit kommt, dass auch Kinder einbezogen werden. Das bringt den perversen Major letztendlich dann für sieben Jahre ins Gefängnis.

Während dieser Zeit schreibt er ein Buch über die Geschichte seiner Ausschweifungen, die er mit seiner absurden philosophischen Theorie als legitimes, sinnstiftendes Menschenrecht ansieht. Dieses unveröffentlichte Manuskript eines kriminell gewordenen Erotomanen landet nach dessen Tod bei dem namenlos bleibenden Ich-Erzähler, und was der da liest, könnte von ihm selbst sein. Als Journalist beginnt er zu recherchieren, er will den nachgelassenen Text ergänzt und überarbeitet dann selbst herausbringen, wir lesen quasi das Buch im Buch. In Rückblenden berichtet er von seinen Gesprächen mit dem Wüstling und von dessen libertären Phantasien, wobei das eher dröge, schweizerische Naturell des Majors hier ironisch einen kontrastierenden Hintergrund bildet. Es geht also um perverse Altmänner-Phantasien in diesem erotischen Roman, der hart an der Grenze zur Pornografie vorbeischrammt bei den – allerdings eher distanziert beschriebenen – schamlosen Sexszenen, die bei aller Deutlichkeit aber nie abstoßend obszön wirken.

Dieses Spiel mit lasziven Phantasien wird abwechselnd aus Sicht des Majors und aus der personalen Perspektive des Ich-Erzählers in einer sehr kultivierten Sprache erzählt, mit stimmigen Dialogen, einem raffiniert konstruierten Plot folgend. Besonders reizvoll fand ich die üppige Intertextualität des Romans, immer wieder stößt man auf Bücher und Schriftsteller. Das gipfelt dann im «Homer-Komplex», einem literarischen Äquivalent zum Universalgesetz der Schwerkraft: «Es ist das Gefühl, das jeder Schriftsteller kennt: den Schöpfungsakt zu wiederholen, wie ein hypothetischer Allmächtiger die Dinge aus dem Nichts heraus entstehen zu lassen. Dieses Allmachtsgefühl ist es, das alles, was man schreibt, zu etwas Neuem und Erlaubtem macht, ohne dass damit irgendein Gefühl von Schuld verbunden wäre». Den Prozess des Schreibens handelt Gianluigi Melega durch sein Alter Ego im Roman ab, dem Ich-Erzähler, der an vielen Stellen den Leser ganz direkt anspricht.  Und beziehungsreich lautet schließlich der letzte Satz: «Odysseus segelte einen Meter neben mir, dem ewigen Acheron zu».

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Ammann Verlag Zürich

Der kleine Prinz

Wenn lesen glücklich macht

Der Erfolg der 1943 veröffentlichten Erzählung «Der kleine Prinz» hat dem französischen Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry einen immensen literarischen Ruhm eingetragen. Keines seiner anderen Werke war auch nur annähernd so erfolgreich, er hat damit einen zeitlosen Weltbestseller geschrieben. Die gesamte Auflage des in mehr als 270 Sprachen übersetzten Buches liegt bei etwa hundert Millionen, die Zahl der Ehrungen und künstlerischen Umsetzungen des Stoffes ist Legion, es gibt allein zwei Opern, diverse Bühnenfassungen und musikalische Adaptionen, es gibt Verfilmungen, Hörspiele und Comics, in Japan ist dieser zauberhaften Geschichte sogar ein eigenes Museum gewidmet. Nach Auslaufen der Urheberrechte sind diverse Verlage als Trittbrettfahrer mit wenig überzeugenden Neuübersetzungen des Büchleins auf diesen weltweiten Erfolgszug aufgesprungen. Was ist denn nun die Ursache dieser schon mehr als sieben Jahrzehnte andauernden Euphorie?

Eins vorweg, «Der kleine Prinz» ist kein Märchenbuch für Kinder, auch wenn sein Protagonist ein kleiner Bub ist, der ganz allein auf einem winzigen Asteroiden lebt, «Der Planet seiner Herkunft war kaum größer als ein Haus», heißt es im Buch. Um der Einsamkeit dort zu entfliehen, andere Menschen kennen zu lernen, hat er ihn verlassen. Auf sechs nahe gelegenen anderen kleinen Planeten trifft er zuerst einen König, der ihn als seinen Untertanen betrachtet, dann einen Eitlen, den er bewundern soll, einen Säufer, der säuft, um zu vergessen, dass er säuft, einen Unternehmer, dem angeblich alle Sterne gehören, einen Laternenanzünder, der seine Pflicht allzu ernst nimmt, und einen Geografen, der dicke Bücher schreibt, in denen nichts von den wichtigen Dingen des Lebens geschrieben steht. Der Geograf rät ihm, den Planeten Erde zu besuchen, «er hat einen guten Ruf». Ich-Erzähler dieser Geschichte ist ein Pilot, der wegen Motorschadens in der Wüste notlanden musste, beide sind sie quasi vom Himmel gefallen, wie sie lachend feststellen. Sie freunden sich schnell an, und der Prinz erzählt von seinem Planeten, seiner Reise auf die Erde und von seinen Erlebnissen.

Als ungewöhnlich filigran gezeichnete Parabel angelegt, enthält diese berührende Geschichte auch Elemente der Fabel, die Pflanzen und Tiere können selbstverständlich sprechen. Eine Rose, ein Fuchs und eine Schlange gehören somit zu den handelnden Figuren, letztere sogar mit tödlichem Auftrag. Mit dem Besuch der sechs Planeten verweist Saint-Exupéry auf menschlich allzumenschliche Schwächen, er legt behutsam moralisch Fragwürdiges bloß, indem er die unverdorbene Perspektive des Kindes benutzt. «Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar» ist eines der Schlüsselzitate des kleinen Prinzen. Damit will der Autor Mut machen für die Dinge des Lebens, die wirklich wichtig sind, für die es sich lohnt zu leben, ein flammendes Plädoyer für die Menschlichkeit also. Es gibt einige autobiografische Bezüge in diesem Text, die empfindliche Rose mit den vier Dornen kann als Hinweis auf den Ehekonflikt des Autors angesehen werden. Seine Einsamkeit in New York, wo er das Buch im Exil geschrieben hat, fließt ebenso ein wie die Bruchlandungen, von denen er selbst so einige hingelegt hat als Pilot, eine Notlandung in der Sahara (sic!) eingeschlossen. Die Fliegerei sei eigentlich eine Flucht vor den irdischen Sorgen, hat er seine Passion mal zu erklären versucht.

Was ist denn nun «Der kleine Prinz», ein philosophisch verklausuliertes Märchen? Ich weiß es nicht, ich weiß nur, wie schön es ist, dieses Buch zu lesen! «Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es dir sein, als lachten alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache. Du allein wirst Sterne haben, die lachen können!» tröstet der Prinz den Piloten beim Abschied. «Wenn du dieses Buch gelesen hast, wirst du froh sein, es getan zu haben», möchte ich schamlos plagiierend jedem potentiellen Leser zurufen!

Fazit: erstklassig

 

Nachwort

Ich wohnte einst in einem durch Eingemeindungen zur Großstadt mutierten netten Städtle im Badischen. Einer der drei Dezernenten in der SPD-geführten Stadtverwaltung war ein streitbarer CDU-Bürgermeister, dem die damals noch junge Partei «Die Grünen» als Opposition politisch heftige Grabenkämpfe geliefert hat, auch ich als Bürger habe mich über diesen ehrgeizigen Querkopf oft sehr geärgert.

Eines Tage konnte man in der Zeitung lesen, er sei an Krebs erkrankt, wenige Monate später starb er daran. Unter den vielen Traueranzeigen war auch eine von der Partei «Die Grünen», der folgendes Zitat vorangestellt war: «Und wenn du dich getröstet hast, wirst du froh sein, mich gekannt zu haben», als Quelle wurde «Der kleine Prinz» von Antoine de Saint-Exupéry genannt.

Das hat mich damals tief getroffen, weil damit ein Grat an Menschlichkeit zum Ausdruck kam, eine Bereitschaft zur Versöhnung, die den rauen politischen Diskurs plötzlich verstummen lies und all das unerbittliche Gezänk schlagartig relativiert hat. Mir ging dieses Zitat dann nie mehr aus dem Kopf bis zum heutigen Tage.

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Genre: Erzählung
Illustrated by Karl Rauch Verlag Düsseldorf

Animal triste

Ohne Liebe kein Leben

Aus dem Œuvre der Schriftstellerin Monika Maron ist insbesondere der Roman «Animal triste» von 1996 bekannt geworden, nicht zuletzt durch konträre Besprechungen im Feuilleton, dem aber eine fast einmütig positive Beurteilung durch die Leserschaft entgegensteht. Zwei Wörter aus jenem – keinem der üblichen Verdächtigen zuzuordnenden und häufig in abgewandelter Form anzutreffenden – lateinischen Zitat «Post coitum omnia animal triste» bilden den wunderbar deskriptiven Titel dieses Buches. Denn auch hier herrscht stets Tristesse nach dem Beischlaf, glaubt man der Autorin.

«Doch von zwei Dingen schnell beschloss ich eines, dich zu gewinnen oder umzukommen» sagt Penthesilea im Liebeswahn. Es geht um die Kraft der Liebe in diesem Roman, und um deren zerstörerische Wirkung, dieses Kleist-Zitat wird hier zum oft artikulierten Leitmotiv. Die namenlose Ich-Erzählerin, Paläontologin in einem Ostberliner Museum für Naturkunde, erzählt als Greisin im Rückblick von ihrer grenzenlosen Liebe zu Franz, einem Ameisenforscher aus Ulm, den sie unter dem riesigen Skelett eines Brachiosaurus kurz nach dem Mauerfall kennenlernte. Für sie war es die versäumte Jugendliebe, eine Liebe, die einmalig ist, die sie weder erwartet noch gesucht habe, eine Leidenschaft zumal, von der sie bisher nur geträumt hatte. Fortan lautete ihr Credo: «Man kann im Leben nichts versäumen als die Liebe», bedingungslos stürzte sie sich in diese Amour fou und verlor jeden Kontakt zur Realität. Beide waren etwa fünfzig Jahre alt damals, sie hatte eine Ehe hinter sich und den Kontakt zu ihrer einzigen Tochter verloren, er war verheiratet und musste ihre Liaison unbedingt geheim halten, er könne seine Frau nicht verlassen, weil sie «so wenig für ein Unglück trainiert sei». Er hat ihr das gleiche Parfüm geschenkt, das auch seine Frau benutzt, nach gehabtem Coitus fährt er immer pünktlich um halbeins nach Hause und raucht im Auto Pfeife, um verräterische Gerüche zu überdecken. Diese unterschiedliche Art von Liebe, ihre grenzenlose Leidenschaft gegenüber seiner ausschließlich lustgesteuerten Liebe, ist natürlich zum Scheitern verurteilt, die rasende Eifersucht der Protagonistin zerstört am Ende denn auch ihren Liebestraum. Sie entflieht endgültig der Welt, zieht sich in eine Art innere Emigration zurück und lebt völlig isoliert nur noch von der Erinnerung.

Erzählt wird diese eskapistische Geschichte als innerer Monolog, in dem die Heldin die Beziehung zu Franz noch einmal intensiv durchlebt. Wobei hier, ganz im narrativen Stil des unzuverlässigen Erzählens, permanent Wunsch und Wirklichkeit durcheinander geraten. Sie weiß niemals sicher, ob sie etwas tatsächlich gesagt hat oder nur sagen wollte. Aber auch, wie viele Jahrzehnte das alles her ist, weiß sie nicht, sie hat sich geistig völlig aus Zeit und Wirklichkeit herausgelöst. Der sonst meist nüchterne, eher essayistische Stil von Monika Maron ist hier einer einfühlsamen Prosa gewichen, die in einfachster Diktion eindringlich und stimmig von den Ungeheuerlichkeiten der Liebe berichtet, von den inneren Tumulten, die sie auslöst, von der Liebe als Fluch. Eine Handlung ist kaum vorhanden, berichtet wird vielmehr über einen Zustand, den man in seiner Unbedingtheit als Liebeswahn bezeichnen muss. Die Ich-Erzählerin begreift den Sinn ihres Lebens im Nachhinein, aus dem Abstand von Jahrzehnten, einzig und allein im Einssein mit ihren Geliebten.

Der Epochen-Wandel, das Scheitern der DDR, wird in diesem introvertiert angelegten Roman zwar angedeutet, spielt aber nicht wirklich eine Rolle, liefert vor allem auch keine nachvollziehbare Begründung für das Geschehen. Vielmehr wird hier der Frage nachgegangen, was es bedeutet, im Alter zu begehren und, aus Frauensicht, dem Verfall der körperlichen Attraktivität unterworfen zu sein. Es sind zudem Reflexionen über das Alleinsein im Alter, über das Vergessen und das Verdrängen. «Ohne Liebe kein Leben» ist ja Penthesileas Maxime, ein Naturereignis mithin!

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by S. Fischer

Unterwelt

Ein Kanon-Roman

Mit dem berühmten «Schuss, der um die ganze Welt zu hören war» beginnt das Opus magnum des US-amerikanischen Schriftstellers Don DeLillo, der mit seinem umfangreichen Œuvre alle Jahre wieder auch als Kandidat für den Nobelpreis im Gespräch ist. Auf fast tausend Seiten breitet dieser üppige, postmoderne Roman mit dem Titel «Unterwelt» ein fulminantes Panorama der amerikanischen Gesellschaft vor dem Leser aus. Vom 3. Oktober 1951, dem Datum des legendären Baseballspiels zwischen den Giants und den Dodgers, in dem dieser gewaltige Schlag in die Zuschauerränge hinein das Spiel überraschend entschieden hatte, bis hin zum Jahre 1992 reicht die Erzählzeit dieses in epischer Breite erzählten Gesellschaftsromans, der die Spezifikationen einer «Great American Novel» sogar übertraf. Denn Don DeLillo hat das amerikanische Leben hier nicht nur wirklichkeitstreu und einfühlsam dargestellt entsprechend der einschlägigen Definition von William De Forrest, er hat es in popkultureller Weise narrativ ausgeweitet in Richtung Hyperrealismus.

Der historische Ball dient als Leitmotiv, er taucht bis zum Schluss immer wieder mal auf in diesem vielstimmigen Erzählreigen und landet auf verschlungenen Wegen am Ende bei Nick Shay, einem der Protagonisten. Zudem stellt der Ball assoziativ die Brücke dar zu einem weiteren Grundmotiv, denn der Kern einer Atombombe hat den gleichen Durchmesser wie der Ball. Aber dass einen Tag nach dem berühmten Ballschlag von der UDSSR ein Atombombentest durchgeführt wurde, bleibt da fast schon eine Marginalie. «Ich glaube, ich habe versucht, die Unterwelt des Kalten Krieges zu erzählen» hat der Autor angemerkt. Ein weiteres, sich wiederholendes Motiv ist der Müll, Nick ist Manager eines Unternehmens der Müllverwertung. Die Straßen der Bronx wiederum, dem berüchtigten Stadtteil von New York, in dem der italienischstämmige Autor aufgewachsen ist, ersticken regelrecht im allgegenwärtigen Abfall, der dort scheinbar niemandem auffällt, geschweige denn stört. Nicks ehemalige Geliebte, die Künstlerin Klara Sax, bemalt Militärschrott, ausgemusterte und in der Wüste abgestellte B-52 Bomber der US Air Force, und auch die Probleme des Atommülls werden in einem Kapitel thematisiert, in Kasachstan besichtigt Nick eine Anlage zur Vernichtung radioaktiven Abfalls.

Das Prekariat nimmt einen breiten Raum ein in diesem Gesellschafts-Panorama, zu dessen handelnden Figuren Penner, Drogendealer, Nutten, Graffitisprayer oder Autodiebe zählen, aber auch ein ganzes Panoptikum von Personen aus dem Mittelstand. Sogar einige Prominente aus Politik und Showbusiness geben ein kurzes Gastspiel wie der FBI-Direktor John Edgar Hoover oder der berühmte Filmschauspieler Frank Sinatra mit seinen unrühmlichen Mafiakontakten. Der in sechs Teile mit jeweils mehreren Unterkapiteln sowie einem Prolog und Epilog gegliederte Roman vom American Way of Life lässt kaum eine soziologische Thematik aus, Ehe, Fremdgehen, Klosterleben, skrupelloser Kapitalismus, Konsumfetischismus, Medienterror, Pubertätsnöte, Vater-Sohn-Problematik und anderes mehr. Immer wieder mal wird das traumatische Bild vom ohne Abschied spurlos verschwundenen Vater in dem prägnanten Satz zynisch heraufbeschworen: «Vater ging Zigaretten holen». Geradezu bedrückend ist auch die Passage, in der sich ein bekannter Komiker peinlich unbedarft über die Kubakrise auslässt.

Don DeLillo verknüpft die vielen Motive seiner Amerika-Saga aus der Epoche des Kalten Krieges kunstvoll miteinander, er leuchtet in einer journalistisch knappen Sprache mit realitätsnahen Dialogen deren unzählige Facetten aus, wobei sich auktoriale und personale Erzählperspektive abwechseln. Das liest sich angenehm leicht, ist unterhaltend und kontemplativ anregend, wobei er weitsichtig den Cyberspace mit einbezieht, die neue Welt künstlicher Intelligenz, die er ebenso skeptisch wie ironisch vorausdeutet. Die Lektüre dieses dem literarischen Kanon zugerechneten Romans lohnt sich also in jeder Hinsicht.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln