Die Tournee

Jörg Fauser’s letzte Tournee

Fausers letzte Tournee: In „Tournee“ stecken eine ganze Menge den Autor prägende Geschehnisse und Impressionen und eine Menge Furor, mit dem der „Igelkopf im Ledermantel“ auch seine Kritiker begeisterte. So ähnlich steht es im Nachwort von Band 9 der Werkausgabe Jörg Fausers, die aus aktuellem Anlass derzeit bei Diogenes noch erweitert wird. „Ich bin Schriftsteller“, soll Fauser einmal gesagt haben, „ein Angehöriger einer Minorität, einer Randgruppe. Mir zunächst finde ich Schwindler, Gauner, Stromer, Wahnsinnige, Nutten, Weltverbesserer, Arbeitsscheue, Tippelbrüder etcetera. Man hört das nicht gern, aber da sind wir, da gehören wir hin…“. Continue reading


Genre: Roman
Illustrated by Diogenes Zürich

Batman: Der weiße Ritter

Joker gegen Batman einmal anders (Variantcover)

Der Ausnahmekünstler Sean „Punk Rock Jesus“ Murphy bestritt sowohl die Zeichnungen als auch die Story dieses außergewöhnlichen Batman-Abenteuers in der Reihe Black Label, das vergeblich Vergleiche sucht. Der Joker nennt sich hier Jack Napier, eine Referenz an den ersten Batman Film, aber auch Harley Quinn und die Ex-Psychiaterin Harleen Quizel haben aufsehenerregende Auftritte in dieser ganz besonderen Geschichte um den dunklen Ritter. Und wer ist nun dieser „weiße Ritter“?

Joker und Batman: Yin und Yang

Das Kinn von Murphys Batman hat einige Kanten und genauso widerwillig hört sich der Superheld ex machina die Reden seines Widersachers Joker an, wenn dieser um ihn wirbt. Schließlich seien sie längst so etwas wie ein „Pärchen“ und diese würden sich auch streiten: „Wir sind ein Team, Bats! Das ist unsere Dynamik. Fehlt nur der Versöhnungssex.“ Das wäre dann wohl der Faustkampf der beiden, der ist allerdings auch nicht jugendfrei. Blutig und erbarmungslos sind ihre Begegnungen und der Joker beteuert, dass er Gotham ursprünglich eigentlich nur zum Lachen bringen wollte, er wohl aber einfach ein schlechter Komiker sei. Selbstzweifel und Selbstkritik: das kennt man normal nur von den Guten.

Der weiße gegen den dunklen Ritter (Variantcover)

Der weiße gegen den dunklen Ritter

Und tatsächlich dreht Sean Murphy die klassische „Liebesgeschichte von Joker und Batman“ komplett um, denn als Jack Napier tut der Joker erstmals Gutes, verbündet sich mit den Bewohnern der Slums von Backport und baut Bibliotheken. Denn er will Batman mit seinen eigenen Waffen schlagen. Auch er ist schließlich ein Vigilante und ohne ihn würde es die ganzen Superverbrecher vielleicht gar nicht geben. Selbst Commissioner Gordon ist von der Wandlung des Saulus zum Paulus begeistert und will Jack Napier Glauben schenken.

Batman, der Narzisst

„Du bist ein Narzisst, der an Dysthymie und einer schizoiden Persönlichkeitsstörung leidet“ attestiert dem Joker hingegen seine Gespielin und Ex-Psychiaterin Harleen Quizel, die sich alsbald als Neo Lady Joker bewähren will. Als auch noch Nightwing und Ex-Robin sich dem GTO Anti-Terrorkommando anschließen, ist Batman plötzlich (fast) ganz allein. Aber auch Geheimnisse über die Wayne Familie kommen ans Tageslicht. Das Ende von Batman alias Bruce Wayne? Mitnichten.

Tatsächlich eine der großartigsten Batman-Storys aller Zeiten.

Sean Murphy

Batman: Der Weisse Ritter Softcover

2019, Softcover, 220 Seiten

Storys: Batman: White Knight 1-8

Panini Comics

22,00 €


Genre: Comic, Graphic Novel, Krimi
Illustrated by Panini Comics

Erinnerungen an Kurt Cobain

Erinnerungen an Kurt Cobain

Erinnerungen an Kurt Cobain: 25 Jahre nach seinem selbstgewählten Freitod am 5. April 1994 ist der Sänger der Band Nirvana, der es gelang Punk mit Metal und Rock zu verschmelzen immer noch in aller Munde. Gerüchte über seinen Selbstmord, die ihn gerne auch als Mord darstellen, sind seither ebenso wenig verstummt, wie Schuldzuschreibungen an seine Frau Courtney Love, die gerade nach dem Tod Kurts ihre erste Platinplatte verbuchen konnte. Titel: Live through This.

Kurt oder Kurtney?

Nur eine Woche nach Kurts Freitod – am 12. April – erschien die Platte von Courtney’s Band Hole und stürmte die Charts. Natürlich ist ein Zusammenhang zwischen den Ereignissen völlige Spekulation, denn sowohl der zufällig passende Titel als auch der Veröffentlichungstermin waren lange vorher schon geplant. Danny Goldberg, der lange Zeit Nirvana managte und noch immer ein gutes Verhältnis zu Courtney Love hat, weist alle Gerüchte über eine angebliche Schuld Courtneys am Selbstmord Kurts aufs Schärfste zurück. Aber jeder der die beiden kannte, weiß auch, dass sie es war, die ihn zum Heroin brachte und auch in der Band und deren Umkreis den Spitznamen Yoko nicht unverdient bekam. Hätte sie die „Beatles der Neunziger“ ebenso auseinandergebracht wie Yoko Ono zuvor die originalen Beatles?

Kurt vs. Boddah

Danny Goldberg beschreibt Kurt Cobain, als einen Menschen, der immer genau wusste was er tat und alles stets gut plante, was ihm vorschwebte. Auch die Zukunft der Band hätte Kurt genau kontrolliert. Als er nach dem Erfolg von Nevermind die Songschreibertantiemen alle für sich reklamiert und nunmehr drei Millionen Dollar pro Jahr mehr Geld bekam als Krist und Dave, steckte vielleicht ebenso Courtney dahinter? War sie nicht nur die Yoko, sondern sogar die Nancy Spungen von Nirvana? Natürlich ist jeder für sein Leben selbst verantwortlich. Der sensible und politisch korrekte Kurt, der stets gegen Machos und Männlichkeit Partei ergriff und Frauen immer verteidigt, war vielleicht zu labil, den Druck, der auf ihm lastete, zu ertragen. Jedenfalls hatte er immer viel Humor bewiesen und sich durch Freundlichkeit gegenüber seinen Mitmenschen ausgezeichnet. Ganz ohne Starallüren. Aber manchmal verkroch auch er sich in ein Loch und war unerreichbar. Und Boddah gewann am Ende.

Danny’s Erinnerungen an Kurt

Danny Goldberg’s flammender Appell, sich von Drogen fern zu halten, da sie alle Gute in einem Menschen zerstören, kann also nur applaudiert werden, denn das ist wohl die einzige Lehre, die man aus so einem verschwendeten Leben wie das Cobain’s ziehen kann. So schade. Als Quellen für seine Biographie verwendete Goldberg Fax-Nachrichten, Memos und Briefe, die Kurt ihm während ihrer vierjährigen Zusammenarbeit geschickt hatte und seine eigenen Erinnerungen, zahlreiche Gespräche mit den Schlüsselfiguren in Cobain’s Leben – mit Musikerkollegen, Familienmitgliedern sowie Medienvertretern.

Danny Goldberg

Borchardt, Kirsten (Übersetzung)

Erinnerungen an Kurt Cobain
1.Auflage April 2019, 296 Seiten, Broschur
21,5 x 14

ISBN 978-3-85445-662-9

Hannibal Verlag

22,00 EUR


Genre: Biographie, Club 27, Rockmusik
Illustrated by Hannibal

Businesstipps vom Rockstar

Band oder Brand? Gene Simmons, der Rockstar: Seine Gruppe Kiss gehört zu den führenden Hard Rock Metal Bands die von den Siebzigern bis heute überlebt haben. Demnächst gehen Kiss aber dennoch auf ihre Abschiedstournee „End of the Road“. In „So wird man Rockstar und Millionär“ verrät der Frontman von Kiss sein Erfolgsrezept.

Die Kunst des Businessman

Bis heute haben Kiss weltweit über 100 Millionen CDs und DVDs verkauft und über tausend Merchandise-Produkte abgesetzt. In 13 einfachen Grundsätzen – nach Sun Tzus Klassiker „Die Kunst des Krieges“ – erklärt Gene Simmons in vorliegendem Buch seine praktischen Tipps für den finanziellen Erfolg im 21. Jahrhundert. Als Sohn armer israelischer Einwanderer wurde für ihn der amerikanische Traum Wahrheit. Aber Simmons schreibt dies weniger seiner eigenen Genialität oder Zufällen zu, sondern einem guten Marketing und Promotion Konzept. Und für alle die es gleich wissen wollen: „Staatspräsidenten, Unternehmensvorstände und Rockstars haben alle eine Gemeinsamkeit mit dir: Sie kamen als ganz normale Menschen auf die Welt! Den Rest machen einige Faktoren und Variablen aus, nicht zu vergessen ein unerschütterliches Arbeitsethos.“

Rockstar: Dienst an sich selbst

Gene Simmons (geborener Chaim Witz) spricht im zweiten Teil seine Leser direkt mit „DU“ an und verrät ihnen, wie sie sich selbst zur Marke, zur Brand, aufbauen können. Im ersten Teil erzählt er vor allem von seinem eigenen Weg und wie er es als armer Jude aus Ungarn und Sohn einer Holocaustüberlenden in den USA zu etwas bringen konnte, wofür er diesem Land über alles dankbar ist. Als Kind hatte er einen Freund namens Schlomo und einen Skarabäuskäfer, den er immer bei sich trug. Gene Simmons ist auch ein bekennender Comicleser – was man seinem Bühnenkostüm – wohl auch ansieht und lobt die amerikanische Kultur, die es einem Immigranten wie ihm ermöglichte, seinen Traum zu verwirklichen. Im Hannibal Verlag – der Verlag der Stars – sind auch noch zwei weitere Bücher über Kiss erschienen. Er war einmal stolzer Besitzer des Action Comics mit der ersten Superman-Geschichte und konnte es um 800.- Dollar versetzen. Dieser „fiduziarische Dienst an sich selbst“ war wohl einer der Trigger für seine spätere Karriere.

Gene Simmons
So wird man Rockstar und Millionär
Mein Erfolgsrezept
1. Auflage, 2015, 224 Seiten, Broschur
Format: 21 x 14
ISBN 978-3-85445-473-1
19,99 EUR
Hannibal Verlag


Genre: Biographie, Ratgeber, Rockbands
Illustrated by Hannibal

Heimat: Moabit

Tarantino-like wird diese Moabit-Geschichte aus dem Kommissar-Gereon-Rath-Universum im verruchten Berlin der 1920er aus drei Perspektiven erzählt: aus der von Adolf I. (Winkler) von Moabit, dem Schränker, der des Gefängniswärters und der seiner Tochter, Charlotte „Lotte Charly“ Ritter, auch bekannt als die Freundin des Kriminalkommissars. Adolf Winkler gehört dem Ringverein Berolina an und wird kurz vor seiner Entlassung Opfer eines Mordanschlages. Er gehört noch zur alten Garde der Kriminellen und hat ein gewissey Ganovenehrgefühl: „Dass die Berolina niemals mit Zuhältern und Drogenhändlern zusammenarbeiten wird. Dass ihr, wenn der Venuskeller so gut läuft, eben das Schutzgeld verdoppeln müsst.“, ordnet er aus dem Knast heraus seinen Berolina-Ringbrüdern an. Aber auch er ist ein Auslaufmodell, so wie man es aus einigen Mafiafilmen kennt, die ebenfalls von der Ehrhaftigkeit der ersten Generation der „ehrenwerten Gesellschaft“ überzeugt sind.

Babylon Berlin

„Fällst in die Finsternis, die so gnädig lockt und dir Erlösung von allen Schmerzen und Sorgen verspricht.“, räsoniert Winkler und will nichts von Marlow, dem „Dr. M.“, der mit Kokain und Morphium handelt, wissen will. „Berolina macht keine Geschäfte mit Drogenhändlern“, beharrt Adolf I. und die drei Jahre in Moabit hat er gerne für die Berolina abgesessen. Aber auch der „Wächter“, Ritter, ist ein Gefangener. Er wohnt im Anbau am Gefängnis  und fühlt sich jeden morgen als „träte ich meine Strafe an sobald ich meinen Arbeitsplatz betrete (…) und wir Wärter sehen in unserer Schicht den Himmel kaum öfter als die Gefangenen“. Sein Kollege Kleinschmidt hat ein lachses Verständnis der Dienstvorschriften und so dürfte es auch kein Zufall sein, dass der grad aufs Klo muss, als Winkler am Gefängniskorridor überfallen wird.

Sex and Crime

Kat Menschiks letzte Literaturillustration 2018

„Ich habe noch nie viel erzählt. So gut es geht versuche ich, die kalte brutale Welt des Gefängnisses nicht mit nach Hause zu nehmen, in die Nähe meiner Familie zu lassen“, was gar nicht so einfach ist mit einer Dienstwohnung die direkt an die Gefängnismauer grenzt. Und so wird unweigerlich auch seine Tochter in die düstere Welt des Verbrechens mit hineingezogen. Aber sie hat noch die Wahl auf welcher Seite sie stehen möchte: auf der des Gesetzes oder der der Gesetzesbrecher. „Knastlotte“, wie sie von ihrer reichen Freundin Greta scherzhaft genannt wird – weil sie ja beim Gefängnis wohnt – schleicht sich nächtens gerne davon, geht tanzen, studiert tagsüber. Und eines Nachts beobachtet sie eine Szene, die ihr Leben verändern wird: „Eine neue Wirklichkeitszusammensetzung, eine gnadenlose unerbittliche Wirklichkeit die es nicht juckt, wenn man sie nicht wahrhaben will, die einfach nur da ist und verlangt, dass man es mit ihr aufnimmt.

Zwanziger Jahre

Das Graphic Design von Kat Menschik, die Werbeplakate und Werbeinserate aus alten Zeitungen, Porträts von Damen und Herren, Luxuartikel, einen Raben, die Gefängnismauer in knallbunten Farben abbildet, macht die vorliegende Geschichte nicht nur zu einem Leseabenteuer, sondern auch zu einem visuellen Genuss der Sonderklasse.

Kafka illustriert von Kat Menschik

Die Autoren:

Volker Kutscher, geboren 1962, arbeitete nach dem Studium der Germanistik, Philosophie und Geschichte zunächst als Tageszeitungsredakteur, bevor er seinen ersten Kriminalroman schrieb. Heute lebt er als freier Autor in Köln. Mit dem Roman »Der nasse Fisch«, dem Auftakt seiner Krimiserie um Kommissar Rath im Berlin der Dreißigerjahre, gelang ihm auf Anhieb ein Bestseller, dem bisher fünf weitere folgten. Die Reihe ist inzwischen in viele Sprachen übersetzt.

Das neueste Buch von Kat Menschik

Kat Menschik ist freie Illustratorin. Ihr Gartenbuch ‘Der goldene Grubber. Von großen Momenten und kleinen Niederlagen im Gartenjahr’ (2014) wurde zum fulminanten Dauerseller und unter die 25 schönsten Bücher des Jahres gewählt. Seit 2016 gestaltet Kat Menschik bei Galiani ihre eigene Buchreihe, in der zuletzt Volker Kutschers ‘Moabit’ (2017) und Edgar Allan Poes ‘Unheimliche Geschichten’ (2018) erschienen. Gemeinsam mit Tilman Spreckelsen veröffentlichte sie 2018 ‘Der Held im Pardelfell’.

Kat Menschik/Volker Kutscher:
Moabit
Illustrierte Buchreihe
Galiani-Berlin
88 Seiten, Leinen
ISBN 978-3-86971-155-3
2017
Deutschland  18,00 €/Österreich 18,50 €


Genre: Babylon Berlin, Krimi, Noir, Sex and Crime, Zwanziger
Illustrated by Galiani

Tod und Trauer

Texte zu Tod und Trauer: Beinahe als lapidar könnte man das Zitat von Gotthold Ephraim Lessing nennen, das Titel dieser Sammlung von Texten wurde, die sich explizit mit Trauernden und Hinterbliebenen beschäftigt, Menschen, die von einem schweren Schicksalsschlag und dem Verlust eines nahen Menschen getroffen wurden: „… und diese Erfahrung habe ich nun auch gemacht”.

Tod und Trauer in der Literatur

Natürlich ist das Zitat, das aus einem Brief Lessings an Johann Joachim Eschenberg, ein Understatement, denn wer wirklich von dem Verlust eines geliebten Menschen getroffen wurde, der findet oft nicht die richtigen Worte und schweigt lieber. Zu groß ist das Unbehagen, das sich beim Tod eines Angehörigen oder Freundes breit macht, ist man doch stets auch der eigenen Vergänglichkeit gemahnt. Aber trauern ist deswegen noch lange nicht egoistisch, denn wer sich die Zeit dafür nimmt, kann danach auch wieder andere beschenken. „Nach Hause gehen wir Geschwister zusammen“, schreibt etwa Marie Luise Kaschnitz in „Als meine Mutter starb“, „jedes von uns hat eine andere Mutter gehabt, nur die Schauplätze der Kindheit hatten wir gemeinsam, aber das ist vielj.“ Peter Weiss wiederum bezeichnet seine Eltern als „Portalfiguren“ und schreibt: „Die Trauer, die mich überkam, galt nicht ihnen, denn sie kannte ich kaum, die Trauer galt dem Versäumten, das meine Kindheit und Jugend mit gähnender Leere umgeben hatte.(…) Die Trauer galt dem Zuspät, das uns Geschwister am Grab überlagerte und das uns dann wieder auseinandertrieb, ein jedes in sein eigenes Dasein.“

Verlust und Vergebung

Auch Simone de Beauvoir macht sich Gedanken über den Verlust ihrer Mutter und ihres Mannes, Jean-Paul Sartre: „Hinter denen, die diese Welt verlassen, erlischt die Zeit; und je älter ich werde, desto mehr schrumpft meine Vergangenheit.“ Tröstend sind da viel eher die Worte von Hermann Hesse an die Familie Calw: „Oft habe ich die Empfindung ihrer Gegenwart und Liebe stärker als je zuvor zu ihren Lebzeiten.“ Das vorliegende Trostbuch für Trauernde mit Texten aus der Literatur zum Tod eines nahen Menschen, ist bei der edition momente erschienen.

Elisabeth Raabe u. Paul Raabe (Hg.)
“… und diese Erfahrung habe ich nun auch gemacht”
Texte zum Tod eines nahen Menschen
Neuausgabe
116 Seiten / Gebunden / Leseband
€ 18,- / sfr. 25.90
ISBN 978-3-0360-6002-6
edition momente


Genre: Ratgeber, Tod, Trauer, Verlust
Illustrated by edition momente

Russ Manning’s Tarzan

Russ Manning lehnte die Gestalt des Tarzan wieder mit Unterstützung von Bill Stout, Mike Royer und Dave Stevens so eng wie möglich an Burroughs’ Originalvision an. Gemeinsam schufen sie insgesamt 22 Geschichten für die Sonntagsbeilagen und 9 Abenteuer für Tageszeitungen. „Tarzan: Die kompletten Russ Manning Strips“ erschien beim Bocola Verlag in acht Bänden: Sämtliche Dailies und Sundays von 1967 bis 1979, wurden als restaurierte Nachdrucke der im Besitz des Edgar-Rice-Burroughs-Archivs befindlichen Proofs präsentiert. Mit vorliegendem achten Abschlussband kommt die Reihe zu einem fulminanten Ende.

Tarzan und Korak in Action

Burroughs und Manning waren sich gar nicht so unähnlich: beide hatten in der Armee gedient, beide waren Familienmenschen, liebten die Natur und waren abenteuerlustig und tierfreundlich, so setzt Henry G. Franke III sein in Band 7 begonnenes Vorwort fort. Mit dem Nachdruck sämtlicher Tarzan-Zeitungsstrips sei auch ein lang ersehnter Wunsch des Illustrators Manning erfüllt worden, denn die Hardcover Ausgabe seiner Werke bedeutet auch so etwas wie Respekt, das man seinem Werk nun entgegenbringt. Schließlich ist es doch ein Unterschied, ob man auf dem groben Papier von Tageszeitungen oder in einer so vornehmen Ausgabe wie dieser des Bocola Verlages veröffentlicht wird. Auch Dave Stevens klagt in seinem Beitrag, dass seine feinen Linien in der Reprografie der Zeitungen reine Zeitverschwendung gewesen wären. „Vergeude deine Zeit nicht mit schönen Originalen. Man sieht sie sowieso nicht“, habe ihm Russ Manning selbst ans herz gelegt. Aber mit der hier vorliegenden achtbändigen Bocola Ausgabe hält man nun doch so etwas wie ein Original in den Händen, das zur schönsten Zeitverschwendung der Welt beiträgt: Comics lesen.

Herzschmerz im Dschungel

In den hier vorliegenden letzten Abenteuern Tarzans aus Russ Mannings Feder begeben wir uns als Leser auf eine Reise ins moderne Afrika, aber auch in das vorzeitliche, von Sauriern bevölkerten Pal-ul-don. Tarzan kämpft im vorliegenden Abenteuer nicht nur gegen wildgewordene Bienen, Krokodile und den aufständischen General Fernandez, sondern auch gegen das Ried, in das seine Jane entführt wurde. Flugsaurier und schwarze Panther können dem Dschungelhelden nichts anhaben, wenn es darum geht, seine Liebste so schnell wie möglich zu retten. Für sie taucht er um sein Leben, tötet Riesenechsensaurier oder auch falsche Götter. Geschickt wird von Russ Manning aber auch eine Geschichte von Tarzans Sohn, Korak, in die vorliegende Geschichte eingewoben und so die Spannung zur Rettung Janes noch erhöht. Nur leider verliebt sich Korak unsterblich in eine Tempeldienerin und bedarf bald selbst der Hilfe seiner Eltern „Gut möglich! Aber es gibt einen untröstlichen jungen Mann, der gerade die Erfahrung macht, dass jemand der etwas begehrt und verdient, sein Ziel nicht zwangsläufig erreicht.

Eine wunderschöne Werkausgabe, die Russ Mannings Vermächtnis um die Comic-Kunst mit einer achtbändigen Hardcoverausgabe in bester Reproduktion würdigt.

 

Edgar Rice Burroughs Tarzan. Die kompletten Russ Manning Strips 1976 – 1979
Band 8. Abschlussband
(Sundays 2383 – 2519)
Hardcover-Querformat (29,8 x 22,8 cm),
152 Seiten, Farbe
Vorwort: Henry G. Franke III, Dave Stevens, Uwe Baumann
Übersetzung: Barbara Propach
ISBN 978-3-939625-78-0
24,90 EUR [D] / 25,60 EUR [A] / 35,50 sFr [CH]
Bocola Verlag

 

 

 


Genre: Abenteuer, Afrika, Comic, Kolonialismus
Illustrated by Bocola

Auf dem Jakobsweg

Paulo Coelho machte sich 1986 – also vor mehr als einem Vierteljahrhundert – selbst auf die Roata Compostela, den Jakobsweg, und schrieb danach darüber sein erstes Buch, das in einer neuen Taschenbuch deluxe Ausgabe beim Diogenes Verlag mit eigenem Notizbuch erschienen ist. Das Notizbuch ist ebenfalls mit Coelhos beliebten Kalendersprüchen versehen und lässt dennoch noch viel Platz für eigene Eintragungen, sollte man sich tatsächlich auch einmal auf den Weg machen wollen.

Das Schwert und die Zeit

Die insgesamt elf Exerzitien oder Rituale, die dem Ich-Erzähler in vorliegendem Buch von seinem geistigen Führer Petrus auf dem Jakobsweg empfohlen werden, lassen sich aber auch schon jetzt – zuhause – in die Tat umsetzen. Es sind einfache spirituelle Übungen, die sich leicht umsetzen lassen und so den Jakobsweg Coelhos auch in den eigenen vier Wänden nachvollziehbar machen. Aber es geht natürlich auch die Geschichte, die der brasilianische Autor von seiner ersten großen Reise – getrennt von Frau und Kind – erzählt. Sein sehr persönliches Tagebuch seiner Pilgerreise nach Santiago de Compostela beginnt mit Selbstzweifeln und Aufschüben. Über ein halbes Jahr braucht Paulo, um sich endlich auf den Wege zu machen, sein Schwert zu finden. Das Schwert steht in seiner Mythologie für den Weg zu sich selbst, für die Macht sein Leben selbst zu bestimmen. „Wir sind es, die den Rhythmus der Zeit bestimmen.“

Pilgern für Christen

Der Leser erfährt aber auch von dem Gemeinsamkeiten aller Weltreligionen. So verlangt etwa nicht nur muslimische Tradition eine Pilgerreise nach Mekka, sondern auch das Christentum kennt davon drei: Der erste führt zum Grabe Petr in Rom, der zweite zum Heiligen Grab Christi in Jerusalem und der dritte zu den Reliquien des Apostels Jakobus. Der Weg erhielt den Weg „Compostela“, was nichts anderes bedeutet als Sternenfeld und die Reisenden erkennen sich an dem Symbol der (Jakobs-)Muschel. Die 700 Kilometer zwischen Jean Pied de Port nach Santiago wurden schon im 14. Jahrhundert von einer Million Menschen erwandert. Seither sind es bedeutend mehr geworden und einer davon war auch Paulo Coelho. „Jede Reise ist ein Akt der Wiedergeburt“, schreibt er, und doch ist das Entscheidende der Weg, denn wie beim Sex entscheide auch das Vorspiel über die Intensität des Vorspiels, so Coelhos Führer Petrus. „Nur wer das Geräusch der Gegenwart wahrnimmt, kann die richtige Entscheidung treffen.“ Die beste Zeit in sich zu gehen ist ohnehin das Jahr zwischen Weihnachten und Neujahr. Ein wichtiges Buch, über das man sich selbst eine Meinung bilden sollte indem man es endlich liest. Auch erschienen als Hardcover Pappband mit 288 Seiten um € (D) 14.90 / sFr 19.90* / € (A) 15.40.

Paulo Coelho
Auf dem Jakobsweg
Inklusive Notizbuch mit Zitaten
Aus dem Brasilianischen von Maralde Meyer-Minnemann. Mit einem Vorwort des Autors
2018, Taschenbuch deluxe, 368 Seiten
ISBN: 978-3-257-26141-7
€ (D) 15.00 / sFr 20.00* / € (A) 15.50
Diogenes Verlag


Genre: Esoterik und Grenzwissenschaften, Exerzitium, Ratgeber, Reise, Spiritualität, Tagebuch
Illustrated by Diogenes

Emanzipation hier und jetzt

Emanzipation heißt schlichtweg Befreiung. Das muss nicht unbedingt das Patriarchat sein. Mensch kann sich von allem befreien. Das weiß auch die Journalistin und Bloggerin Katrin Rönicke, die in der Reclam Reihe „100 Seiten“ „vom Baum der Erkenntnis bis Google“ (so der Titel des ersten Kapitels) alle Befreiungsversuche der Menschheit auflistet und kommentiert. Ihr Buch ist aber keine Auflistung geworden, sondern ein interessanter Versuch über die Befreiung.

Industrialisierung und Eroberung der Welt

Durch die Befreiung von der Vorstellung von Gott und die damit verbundene „Entzauberung der Welt“ (Max Weber) durch die Wissenschaften wurde (fast) alles erklärbar gemacht. Aber einen wesentlichen Anteil an dieser Befreiung hatte die Industrialisierung, die die bisherigen Lebensumstände revolutionierte. Im Deutschland des 19. Jahrhunderts sank der Anteil der Landarbeiter von 73 Prozent auf 38 Prozent, während der Anteil der städtischen Arbeiter von 17 auf 55 Prozent stieg. Kolonialismus und Eurozentrismus trugen wesentlich zur Versklavung der Welt bei, denn die Europäer fühlten sich trotz ihrer Aufklärung anderen Kulturen stets überlegen.

Befreiung im Zeitraffer

Neben einer anschaulichen Graphik mit Konterfeis der Betreffenden führt Rönicke auch die Köpfe der Emanzipation auf, die mit Solon beginnt und Marthin Luther King endet. Auch das Rad der Fortuna dient zur Illustration ihres aufschlussreichen Textes zur Emanzipation in der europäischen Geschichte. Schlagworte wie Eurozentrismus oder White Supermacy werden in eigenen Schaukästen genauer unter die Lupe genommen, aber auch ein Brockhaus Konversationslexikon aus dem Jahre 1911 mit einer Fotoreihe zitiert, die die Entwicklungslinie der Menschheit zeigt und in der weißen Germanin seine Vollendung erfährt.

Emanzipation vom Rollback

Dass sich ein gewisser „anti-emanzipatorischer Backlash“ in den letzten Jahren breitmacht ist aber noch lange kein Grund zum Fürchten. Denn wer die Geschichte kennt, weiß, dass es jederzeit wieder anders kommen kann. Spätestens nach dem nächsten Weltkrieg. Weiter Stichworte: Adam und Eva und die Folgen bis ins Mittelalter,

Auf dem Weg zur Aufklärung, Emanzipation der Schwarzen, Emanzipation konkret: Wie geht sie und was braucht sie?, Die Geschichte der Emanzen – von den Suffragetten bis #MeToo, Die Utopie als erster Schritt – Emanzipation beginnt mit der Frage, was (anders) sein könnte. Im Anhang befinden sich eine Menge Lektüretipps zur Weiterführung der Befreiung.

Katrin Rönicke
Emanzipation. 100 Seiten
Originalausgabe
Broschiert. Format 11,4 x 17 cm
100 S. 7 Abb. und Infografiken
ISBN: 978-3-15-020439-9
10,00 €


Genre: 100 Seiten, Essay, Nachschlagewerk
Illustrated by Reclam Verlag

Liebe als Therapie

Ehe mit Liebe als Therapie

Charlotte, Steve und die Psychotherapeutin Sandy treffen sich jede Woche zum selben Termin: der Eheberatung. Eigentlich sind die beiden schon getrennt und führen auch andere Beziehungen, aber scheiden wollen sie sich dennoch (noch) nicht lassen. Sandy widdert gerade darin eine Chance für die Ehe der beiden. Auch wenn sie nur bei 1:1000 steht.

Liebe ist die beste Therapie

In der Praxis von Sandy stehen immer vier Stühle. Einer für die Frau, einer für den Mann sowie einer für die Paartherapeutin mit unorthodoxen Methoden. Denn den vierten Stuhl hat sie reserviert, der bleibt leer, er steht für die Ehe, die die beiden aufgebaut haben. In den Gesprächen geht es natürlich auch immer wieder um die gemeinsamen Kinder und wer sie schlussendlich bekommt, sie dienen beiden Ehepartnern als Druckmittel gegenüber dem jeweils anderen. Aber da Steve für die Trennung verantwortlich ist, weil er Charlotte während der Ehe betrog, hat er argumentativ immer das Nachsehen, auch wenn er sich redlich bemüht, ein besserer Vater zu sein. Als Ehemann ist er ja gescheitert. Plötzlich will er die Kinder nämlich nicht mehr nur jedes zweite Wochenende sondern die ganze Zeit. „Eine Trennung ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass man wieder zusammenkommt“, meint die Therapeutin. Aber hat sie überhaupt noch Hoffnung?

Chance 1:1000

In witzigen Dialogen wird eine Eheleben nacherzählt, das seine Höhen und Tiefen hatte und nun zu einer einfachen Beziehung wurde. Denn eine Beziehung ist es nach wie vor, das, was Charlotte und Steve verbindet. Auch wenn sie das nicht glauben wollen. Es gehe nicht um Rechte und es gehe nicht um Regeln, so Sandy, sondern darum, seine Gefühle zu zeigen und nicht zu verstecken. „Der Trick ist, das Muster zu erkennen“, sagt Sandy bei einer Einzelsitzung, denn auch das ist möglich und fördert den Erfolg der Paarsitzung. Die Alternative zu einer nicht funktionierenden Ehe ist eben nicht „Die große Liebe“, die bekommt man ohnehin nicht. Aber vielleicht sollte man einfach öfter mit seiner „Ehe“ reden. Sie sitzt ja ohnehin im Stuhl vis a vis.

Unterhaltsame Prosa in pointierte Dialoge gebettet. Ein Buch für alle Therapiefans und solche die es noch werden wollen.

John Jay Osborn
Liebe ist die beste Therapie
Aus dem Amerikanischen von Jenny Merling
2018, Hardcover, 288 Seiten
ISBN: 978-3-257-60922-6
€ (D) 18.99 / sFr 24.00* / € (A) 18.99
Diogenes Verlag


Genre: Dialog, Ehe, Liebe, Roman, Therapie
Illustrated by Diogenes Zürich

Tarkovskij Film für Film

Andrej Tarkovskij: Der Regisseur von Filmen Iwanowo detstwo (Iwans Kindheit), Andrej Rubljow, Soljaris (Solaris), Serkalo, Stalker, Nostalghia und Offret (Sacrificatio; Opfer) ist zwar schon seit mehr als 30 Jahren tot, sein Werk wird aber wohl die Ewigkeit überdauern. In einer neuen Publikation des Schirmer/Mosel Verlages wird nun noch einmal Rückblick und Einkehr gehalten, auf das Vermächtnis einer der bedeutendsten Regisseure unseres Jahrhunderts. Das Werk ist auf Deutsch und Englisch mit unterschiedlichen Titeln erhältlich.

Film für Film, Polaroids und Essays

Die vorliegende Publikation, die von seinem Sohn herausgegeben wir, versammelt visuelles Material über jeden seiner sieben Spielfilme, seine Aufzeichnungen, private Fotografien und neuesten Einsichten über sein Werk und Leben. 350 farbige oder s/w Fotografien, darunter auch Polaraids, Stillbilder seiner Filme, stehen im Mittelpunkt dieses hochwertigen Buches, das 2018 erschienen ist und sich gleich in den ersten Zeilen mit der Krankheit aller im Exil lebenden Künstler unabhängig ihrer Nation oder Herkunft beschäftigt: Nostalgia. Am 29. Dezember 1986 starb Tarkovsky im Exil an eben dieser „Krankheit“, wohl auch darum, weil ihm Zeitlebens jedwede Anerkennung in seiner Heimat – der UdSSR – verweigert worden war. Aber gerade in diesem Jahr regte sich in der Sowjetunion erstmals ein Lichtstrahl: Glasnost und Perestroika manifestierten sich in Michael Gorbatschow, der Mann, der die Geschichte beendete.

Der „goldene Westen“ ohne Seele

Andrei Tarkovsky fand aber auch kritische Worte für seine Gastgeber, den Westen, die Hans-Joachim Schlegel in seinem Vorwort auszugsweise zitiert: „Here in the West people are mainly prroccupied solely with themselves. If you tell them that the meaning of life lies in sacrificing oneself for others, they will probably laugh themselves silly and won’t take you seriously. Nor will they believe you when you say that man was certainly born solely to be happy. And that there are certainly more important things than personal success and commerical advantage. But obviously here in the West no one believes any more in the immortality of the soul.“ Ernste Dinge schön gesagt, beinahe wie Tarkovsky’s Filme die von den meisten Cinematagraphen neben den Werken Ingmar Bergmans, Robert Bressons, Louis Bunuels, Akira Kurosawas stehen und die Spiritualität auch in den Westen wieder zurückbrachten.

Neben den bereits erwähnten Bildern finden sich auch kurze Essays von Sartre, Nykvist, Bergman, Sokurov sowie Interviewauszüge mit Andrei Tarkovsky in vorliegendem Bildband.

Andrej Tarkovskij jr./Hans-Joachim Schlegel/Lothar Schirmer
Andrei Tarkovsky
Film by Film, Stills, Polaroids & Writings
ISBN: 9783829608114
2018, 288 Seiten, 350 colour and duotone plates.
Format 19 x 24 cm, Hardcover. Englische Ausgabe.
Film by Film, Stills, Polaroids & Writings
Schirmer/Mosel.


Genre: Bildband, Biographien, Film, Fotobuch, UdSSR
Illustrated by schirmer/mosel

Der tragikomische Kafka

Wagenbach, prononcierter Kafka-Kenner und ehemaliger Verlagsleiter des gleichnamigen Verlages hat sich Zeit seines Lebens über „die Schulweisheit vom dunklen Kafka geärgert“ und immer wieder einen Kafka voll hintergründigem Humor, unerwarteter Wendungen, mit einer Vorliebe für das Paradoxe und mit einer Neigung zur Ironie des Absurden ausgegraben und hervorgekehrt. Dies ist auch das Anliegen dieser Auswahl an Auszügen aus seinen Romanen und Kurzgeschichten, die der Herausgeber hier zusammengestellt hat.

Der tragikomische Kafka

In „Der Verschollene“ – besser bekannt unter dem Titel „Amerika“ kommt Kafkas Hang zu spitzbübischem Humor besonders gut zur Geltung handelt das Romanfragment doch von dem sechzehnjährigen Karl Roßmann, der einem modernen Simplicissmus gleich die Tücken der Neuen Welt kennenlernt. Ein Auszug aus „Der Verschollene“ ist in vorliegender Publikation unter dem Titel „Slapstick“ abgedruckt und erzählt die Episode von der Reinigung der Wohnung der Opernsängerin Brunelda in gewohnt süffisant-witzigem Ton, so wie wohl auch Wagenbach „seinen“ Kafka gerne sieht. Aber auch sonst gibt es mannigfaltige Beweise für Wagenbachs These von einem „lustigen Kafka“. Man erinnere sich nur an den „Ein Bericht für eine Akademie“ in dem Kafka – oder der Erzähler – in die Rolle eines Affen schlüpft, um von seiner Menschwerdung zu erzählen: „Verzicht auf jeden Eigensinn war das oberste Gebot, das ich mir auferlegt hatte; ich freier Affe, fügt mich diesem Joch.“

Kafka voller Humor

Eine andere Geschichte erzählt von der tragikomischen Sorge des Trapezkünstlers, dem die eine Stange nicht reicht und der sich zu viele Gedanken macht. „Erstes Leid“ ist eine Episode aus seinem Leben übertitelt, die von seiner Weigerung vom Trapez zu steigen erzählt und seinen Impresario ernsthafte Sorgen bereitet, selbst als er ihm endlich eine zweite Stange und Trapez besorgt. In einem Ministeriums- oder Versicherungsbüro wiederum spielt die Geschichte von dem Beamten, dem seine Kollegen die täglichen Aktenberge neiden. „Warum wurde er gerade hier so unbeherrschbar müde, wo niemand müde war oder wo vielmehr jeder und immerfort müde war, ohne das dies aber die Arbeit schädigte, ja es schien sie vielmehr zu fördern“. Wen diese Worte vom witzigen Kafka nicht überzeugen, der kann sich in vorliegender Anthologie mittels der anderen Auszüge aus Kafkas Werk gut Appetit machen auf das eigentliche große Werk Kafkas, das jeder einmal gelesen haben sollte.

Franz Kafka
Ein Käfig ging einen Vogel suchen
Komisches und Groteskes
Zusammengestellt von Klaus Wagenbach
SALTO. 2018
144 Seiten. 11 x 21 cm. Rotes Leinen. Fadengeheftet. Gebunden mit Schildchen und Prägung
18,– €
ISBN 978-3-8031-1335-1
Wagenbach Verlag


Genre: Anthologie, Humor, Komik, Kurzgeschichten
Illustrated by Wagenbach

Kafkas Wien

Eine ganz besondere Beziehung: Kafka und Wien

„Portrait einer schwierigen Beziehung“ lautet bewusst der Untertitel dieser reich bebilderten und umfassenden Publikation des Kafka-Experten Hartmut Binder, das sich mit Kafkas Verhältnis zur Hauptstadt der österreichisch-ungarischen Monarchie beschäftigt, zu der ja auch Kafkas Prag zählte.

Portrait einer schwierigen Beziehung

Hartmut Binders „Untersuchung“ behandelt die Reisen, die Kafka in die Habsburgermetropole gemacht hat, seine Kuraufenthalte oder als Patient in den in der Umgebung liegenden Sanatorien in Pernitz und Kierling. Außerdem werden kulturelle Einflüsse aus Wien und Budapest thematisiert, denen er auch in seiner Heimatstadt durch den Besuch von Cafés oder Varietés und Kabaretts ausgesetzt war. Auffallend an seiner persönlichen Biographie ist ja auch die Tatsache, dass sowohl er selbst als auch seine Geschwister Namen von bekannten Habsburgern trugen. Wohl wollte Kafkas Vater, Hermann Kafka, damit auch seine Kaiserfreundlichkeit ausdrücken, was wirtschaftlich gesehen für den Einzelhandelskaufmann sicherlich nützlich und opportun erschien.

Kafka und die „Hauptstadt“

Schon als Knabe wurde er Zeuge der Besuche Franz Josefs in seiner Heimatstadt, wie Hartmut Binder eindrucksvoll mittels Zeitzeugnissen belegt. „Kafkas Wien. Portrait einer schwierigen Beziehung.“ liest sich nämlich wie ein Bilder buch oder ein Familienalbum und ist so detailreich und unterhaltsam gestaltet, dass man sich schnell in der guten, alten Zeit verliert. So erfährt man etwa auch, dass der Autor eines der wichtigsten Werke der Weltliteratur zwar in Geographie und Geschichte stets gute Leistungen brachte, im Abitur in Deutsch aber nur die Note „befriedigend“ erhielt. Wien dürfte Kafka zum ersten Mal in der Endphase seiner Gymnasialzeit gesehen haben, da ihn sein Lieblingsonkel, Dr. Siegfried Löwy, dorthin mitnahm. Die Metropole habe aber nur einen „zwiespältigen und unkonturierten Eindruck“ hinterlassen, so Binder und an seine Freundin Hedwi soll er einmal geschrieben haben: „In dieser großen mir ganz undeutlichen Stadt Wien bist nur du mir sichtbar.“

Hartmut Binder schöpft aus einem schier unendlichen Quellenmaterial, das er zu einer lesenswerten und unterhaltsamen Lektüre über Kafkas Wien zusammenstellt und mit Fotos von Personen und Stadtansichten sowie Dokumenten der damaligen Zeit reichhaltig illustriert. So entsteht ein lebendiges Bild einer vor 100 Jahren untergegangen Epoche, an die man heute oft reumütig zurückdenkt, wenn man von der „guten, alten Zeit“ spricht. „Kafka kam nicht als Tourist nach Wien, sondern als Durchreisender, als Kongressteilnehmer, als Liebender, als Schwerkranker und schließlich als Sterbender.“ Er kehrte in einem Zinnsarg der Wiener Städtischen Bestattungsanstalt an die Moldau zurück. „Kierling bei Klosterneuburg ist durch ihn in die Literaturgeschichte gekommen“, wie Anton Kuh prophetisch-ironisch zusammenfasst.

Hartmut Binder
Kafkas Wien. Portrait einer schwierigen Beziehung.
Durchgehend farbig bebildert
19 x 25 cm, 456 Seiten
Deckenband, Fadenheftung, Schutzumschlag, Lesebändchen
ISBN 978-3-89919-282-7
€ 49,90 (D)€ 51,40 (Ö)
Vitalis Verlag


Genre: Biographie, Literatur, Stadtführer
Illustrated by Vitalis Verlag

Aquaman-Anthologie

Aquaman – demnächst im Kino und jetzt schon bei Panini

Am 20. Dezember kommt er in unsere Kinos: Aquaman, der König der größten aller Welten, der Unterwasserwelt! „Man halte sich die Welt vor Augen. Macht man sich ihre Größe bewusst, erkennt man, wie klein man eigentlich ist. Die gewaltigen Ozeane. Ihre Durchschnittstiefe beträgt 4 km, aber an einigen Stellen reichen sie 11 km tief. Sie bedecken fast 361,2 Millionen m2 der Erdoberfläche. Sie sind zwei Drittel des Planeten. Siebenundneunzig Prozent der globalen Biosphäre. Im Vergleich dazu ist ein Mensch ziemlich unbedeutend.“ So steht es jedenfalls in einer der Geschichten dieser Anthologie über den König der Sieben Weltmeere. Und da soll noch einer behaupten, aus Comics lerne man nichts!

Aquaman: Im Kino und in einer Anthologie

Rechtzeitig zum Start des Aquaman-Kinofilms enthält dieser Prachtband die besten und wichtigsten Geschichten aus fast acht Jahrzehnten Aquaman-Historie, denn Aquaman war neben Batman und Superman einer der ersten Superhelden und wurde 1941 – kurz nach den beiden Erstgenannten – von Mort Weisinger und Paul Norris aus der Taufe gehoben. Zuletzt erführ der Beschützer der Ozeane aber auch einige Neuinterpretation und mutierte vom wilden Fantasy-Held bis hin zum grimmigen Kraftprotz der Moderne. Waren die ersten Storys über den Meerkönig noch merklich an ein jugendliches Publikum gerichtet und ließen ihn noch auf Delfinen reiten und mit Walen sprechen, brachte der Relaunch ab den Neunziger Jahren eine Art König Arthur (voller Name: Arthur Curry) im Stile der Sword & Sorcery hervor, der ähnlich einem Thor der Unterwasserwelt sich gegen andere Götter oder Meeresbeherrscher stemmen muss.

Vom Superheld zum König

„Droh mir nicht! Ich bin kein hilfloser Flüchtling auf einem sinkenden Schiff“, ruft Aquaman in einer seiner ersten Abenteuer dem deutschen Nazi-U-Boot-Kapitän entgegen. 1941, als Aquaman erfunden wurde, herrschte Krieg zwischen den USA und dem Deutschen Reich. Aber auch später noch war eine politische Komponente der Storys nicht zu leugnen, hatte Aquaman es doch immer wieder mit einem rachsüchtigen Halbbruder, einem auferstandenen und machtbesessenen Vater und allerhand Intrigen und Verschwörungen zu tun: „Verrat, Machtgier, Geschwistermord“. Aber auch persönliche Verluste wie den Tod seines Sohnes oder die Trennung von seiner Frau Mera muss Aquaman verschmerzen. Eine der besten Geschichten in vorliegendem Band stammt von Gerry Conway/Chuck Conway und handelt von der Gründung der Justice League of Detroit. Sie ist voller street-credibility und slang und sicher nicht jugendfrei, aber voller Gags und Dilemma: kann sich ein Superheld überhaupt ein Privatleben leisten? Natürlich sind auch Peter David und Geoff Johns, die beide den neuen Aquaman erfanden, der nun in die Kinos kommt, in dieser Anthologie vertreten.

Jede Menge Hintergrund-Infos und einige der besten Aquaman-Storys aller Zeiten von den unterschiedlichsten Autoren und Zeichnern und das alles in einem Band: die Aquaman-Anthologie neu bei Panini und demnächst in Ihrem Kino.

Aquaman-Anthologie
2018, Hardcover, 404 Seiten
Storys: More Fun Comics 73; Adventure Comics 174, 260, 269, 444, 452 & 475; Aquaman (Vol. 1) 18, 57 & 63; Justice League of America (Vol. 1) Annual 2; Aquaman (Vol. 5) 2 & 34; Aquaman (Vol. 6) 17 & 18; Aquaman (Vol. 7) 0, 1, 18 & 24; Aquaman: Rebirth 1
35,00 €
Panini Verlag


Genre: Anthologie, Comics, Graphic Novel
Illustrated by Panini Comics

Die Traumfabrik

Die Traumfabrik – Teil 2

Die Anfangstage des Kinos

„Das Kino inspiriert sich am Leben. Warum sollte sich das Leben nicht auch vom Kino inspirieren lassen?“ Der Autor Laurent Galandon und der Zeichner Fréderic Biller haben mit der Reihe „Die Traumfabrik“ eine reizvolle Geschichte aus bunten Bildern erschaffen, die in den 1920ern spielt und deren Ästhetik gut rüberbringt. Die Anfangstage des Kinos sind das eigentliche Thema in das die beiden ihre LeserInnen entführen: Im ersten Teil DIE TRAUMFABRIK 1 drehten Célestin, Constance und Marcel heimlich ihren Film, nachts, wenn das Studio leer war. Für Célestin geht dabei sein Traum in Erfüllung, doch dann werden sie erwischt dabei erwischt und haben Legitimationsprobleme. Die Schauspielerin Véronika Forsans konnte gerade noch Schlimmeres verhindern, aber Célestin fragte sich vor allem: Wer hat ihn und seine Freunde verraten?

„Hurerei für die Augen“

In der vorliegenden Fortsetzung der Geschichte werden die Protagonisten nun sogar verhaftet und die Schauspielerei gerät als „Hurerei für die Augen“ in Verruf. An einer Stelle geht der gutmütige Riese Célestin sogar selbst ins Kino und schaut sich Nanook – die Geschichte einer Eskimofamilie an, ein Film, der kürzlich bei den Wiener Festwochen, quasi 100 Jahre später, sogar mit Live-Musikbegleitung durch Tanya Tagaq gezeigt wurde. Aber das Frankreich der 1920er Jahre, in der Célestin mit seiner Familie auf dem Land aufwächst und in der Kanzlei seines Vaters aushilft hat natürlich auch einen ganz besonderen Reiz. Aber als er aus der Provinz in die Großstadt, um seiner wahren Leidenschaft nachzugehe, muss er auch lernen, dass die Träume des einen, die Albträume der anderen sind.

Für Cineasten und Comicfans

Der Autor Laurent Galandon und der Zeichner Fréderic Biller zeigen in schönen, aufmunternden Bildern, wie sich das Kino nach dem Leben richtet und das Leben nach dem Kino, denn die Träume entstehen schließlich ähnlich, wie die Gedanken: im Kopf. „Die Stumme und der Gauner“ erzählt die Geschichte eines Verrats, der sich freiwillig aufklärt, doch dann erst wirklich in seine Abgründe schauen lässt. Ein Lesevergnügen nicht nur für Cineasten.

Laurent Galandon/ Fréderic Biller
DIE TRAUMFABRIK 2: DIE STUMME UND DER GAUNER
(Originaltitel: La Parole du Muet 2)
2018, HC, 48 Seiten
16,00 €


Genre: Comics
Illustrated by Panini Comics