Zwischen den Fronten

Der Titel lässt vermuten, dass es sich um das neue Buch um eine Biographie handeln könnte. Auch liest sich das Inhaltsverzeichnis so, als wenn ein alternder Autor Zeugnis ablegt von den vielen Schlachten, Stürzen, Krisen und Kriegen, die er miterlebt hat. Doch mitnichten.

Schon auf der ersten Seite schreibt Scholl-Latour, dass er erst daran denke, sich an die Biographie zu machen, wenn ihn das Alter ans Bett fesselt: „Dabei handelt es sich mitnichten um eine Biograophie, deren Niederschrift ich mir erst antun werde, wenn mein Gesundheitszustand mich zur benediktinischen Tugend der „stabilitas loci“ verurteilt.“

Vielmehr wird er auch weiterhin die Welt bereisen und hinterher mit dem erhobenen Zeigefinger warnen. Er kritisiert die üblichen Verdächtigen: Nicht nur die Deutschen samt Bundeswehrführung, Politik und Öffentlichkeit, sondern die gesamte westliche Welt. So schreibt er über den Afghanistaneinsatz: „Wer den Afghanistan – Krieg gewinnen will, und sei es auf die treuherzig dümmliche Masche „to win hearts and minds“, wer in Kabul eine Demokratie westlichen Modells einrichten möchte – trotz der Mahnungen und Warnungen, die von der eigenen Botschaft, den eigenen Kommandeuren und dem eigenen Nachrichtendienst vorliegen – der begibt sich auf die gleiche Ebene wie der ehemalige General und Außenminister Colin Powel, der aus Loyalität zu seinem Präsidenten dem Weltsicherheitsrat wissentlich gefälschte Dokumente unterbreitete.“

Doch Scholl-Latour kritisiert, um aufzuklären. Er legt der restlichen Welt einen Spiegel vor, er hinterfragt auch dort wo es weh tut und bisweilen nicht die political correctness erbietet. Aber Scholl-Latour weiß um seine Person, der Persona non grata: „Eine Spur grimmige Heiterkeit empfinde ich allenfalls, wenn ich bei den raren Fernsehdiskussionen, zu denen man mich als notorischen Störenfried noch einlädt, feststelle, dass die engagiertesten Bellizisten, die mir in der Anfangsphase des Konflikts so resolut und selbstsicher entgegentraten, wie vom Erdboden verschluckt sind.“

Auffallend: Im Gegensatz zu seinen beiden letzten Büchern „Russland im Zangengriff“ und „Weltmacht im Treibsand“ poltert er weniger stark gegen die Etablierten der Welt. Außerdem schreibt er fast entschuldigend: „In diesem Sinne mache ich mich an eine Veröffentlichung, an einen „Essay“, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und bewusst auf die individuelle Beurteilung ausgerichtet ist.“

Denn noch in Russland im Zangengriff schrieb er, dass alte Männer nichts zu verlieren hätten. Vielleicht wurde er beiseite genommen und eingebremst. Doch dies scheint weniger so zu sein, denn wer mit 83 noch durch alle Kontinente eilt und stets aufs Neue gegen die Missstände in der Welt anrennt, kann von irdischen Mächten nicht gebremst werden.


Genre: Erfahrungen
Illustrated by Propyläen

Medienmenschen

Wir leben in einem Informationszeitalter. Medien sind Teil des Ganzen. Ohne sie würden wir nicht informiert werden. Doch immer mehr nutzen Menschen die Medien zu eigenen Darstellung. Presse- und Öffentlichkeitsarbeiter haben Hochkonjunktur. Fast jeder hat einen Pressesprecher. Selbst der arbeitslose Heiko hatte 2006 einen, um seine Interessen den Medien und damit den Rezipienten kund zu tun.

Im Verlag Solibro ist dazu jetzt das passende Buch erschienen. Hierin interviewten mehrere Nachwuchsjournalisten Medienmenschen Deutschlands. Neben Ex-Außenminister Joschka Fischer, finden sich Fernsehkoch Tim Mälzer oder aber Sportlerin Franziska van Almsick in dem Buch.

Insgesamt stehen 30 Frauen und Männer aus dem öffentlichen Leben Rede und Antwort zu Fragen wie: Hatten Sie da manchmal Angst vor der nächsten Enthüllung?“ (Joschka Fischer) oder Hatte sich das Spiel mit den Medien, das Sie zu beherrschen meinten, gegen Sie gewendet? (Michel Friedmann).

Dabei nehmen die Interviewten kein Blatt vor den Mund. Ob dies auch nur wieder Inszenierungen seien, oder aber wahrhaftig sind – das stellen selbst die Macher des Buches in Frage. Vielmehr gehe es den Autoren darum, wie Inszenierung funktionieren könne. Denn Medienkompetenz heißt heute, diese Mechanismen zu durchschauen – ohne Anspruch auf letzte Gewissheit.“

Trotzdem ist dieses Buch allen empfohlen, die hinter die Kulissen der Medieninszenierung blicken wollen – auch wenn der so genannte Medienkanzler Gerhard Schröder als interviewte Person leider fehlt.


Genre: Ratgeber
Illustrated by Unbekannter Verlag

Einfach besser texten

Schreiben kann jeder, texten aber nicht. So jedenfalls die Anfangsmessage
des Buches Einfach besser texten“ von Stefan Gottschling aus dem Gabalverlag. Der Direktmarketer und jahrelange Berater im Texten stellt sein neues Buch vor.

Was zunächst schwerfällig anmutet, entpuppt sich als leichte Lektüre. Die
Zeilen von Gottschling lesen sich nach einem Kapitel über die schwere deutsche Grammatik als leichte Kost. Der Autor versteht sein Handwerk. Es geht weiter im flockigen Sauseschritt.

Das Buch können diverse Schreiber auch für den Schnelleinstieg nutzen: Vier Seiten stehen für den PR Texter bereit. Auch werden die Journalisten versorgt. Und nicht zu vergessen: Die Liebesbriefschreiber. Diesen widmet der Autor mehrere Seiten.

Das Layout des Buches is up to date. Zahlreiche Grafiken erleichtern das Verständnis. Ebenso ist ein Internetworkshop im Angebot. Im Gegensatz zum Buch von Wolf Schneider: Deutsch! Das Handbuch für attraktive Texte“ scheint Gottschlings Werk für eine breitere Zielgruppe bestimmt. Denn das Buch ist rundherum peppiger und wirkt nicht so verstaubt und überladen wie Schneiders Textratgeber.

Somit ist dieses Buch von Gottschlng allen schreibenden Leuten zum Einstieg empfohlen. Für Berufscracks ist es etwas zu seicht. Diese können eher Schneiders Buch nehmen, sind sie doch gewohnt härte Kost zu konsumieren.


Genre: Ratgeber
Illustrated by Unbekannter Verlag

Propaganda

Edward Bernays wusste es bereits 1928. Public Relations ist enorm wichtig, um Firmen und Organisationen in ein gutes Licht zu rücken. Image ist alles. Jetzt erschien die deutsche Übersetzung zu seinem Klassiker Propaganda“ im Orange Press Verlag.

Wenn der Leser nicht wüsste, dass das Buch im Original vor 80 Jahren erschienen ist, könnte er den Eindruck bekommen, das Buch ist von heute. Denn der Autor stellt mit seinen Aussagen fundamentale Thesen und Begründungen auf, die heute aktueller sind, denn je.

Zwar hat er nur die Demokratie der USA im Blick, wenn er sich mit dem Thema auseinandersetzt. Dennoch lassen sich Aussagen wie Denn oft wird nur anhaltendes, ehrliches und tief greifendes Informieren die Öffentlichkeit dazu bringen, die Absichten eines Industrieunternehmens, Bildungsträgers oder Staatsmannes zu verstehen und zu akzeptieren. Ungenaue Informationen oder falsche Informationen aus zweifelhaften Quellen können enorme Folgen haben, darum muss der Berater in PR- Fragen stets wachsam sein“, ins Allgemeine übertragen.

So schreibt bereits ZDF Moderator Ulrich Kienzle im Vorwort über das Wesen von Propaganda und Image: Auch wenn es zynisch klingt: Die Terroristen von al Quaida haben bisher weltweit weniger Menschen getötet, als in Deutschland jährlich durch den Autoverkehr ums Leben kommen.“

Leider wirkt der Text des Buches mitunter langatmig und die Kapitel sind nicht modern in großen Kapiteln angeordnet. Der Autor schreibt vielmehr in einer losen Kapitelsammlung, die jeweils zu einem bestimmten Unterthema geschrieben sind:

Trotzdem sei allen Pressesprechern und PR Beratern dieses Buch zu empfehlen, um einen kurzen Einstieg in die Historie der PR zu liefern. Sicherlich werden die einen oder anderen feststellen, dass bestimmte Passagen heute in der PR Arbeit nicht mehr so vorbehaltlos übernommen werden könnten oder sollten. Denn viele Dinge fallen heute in die Rubrik Marketing und Werbung.


Genre: Ratgeber
Illustrated by Unbekannter Verlag

Endstation Kabul

Achim Wohlgethan war als Fallschirmjägersoldat in Afghanistan. Seine persönlichen Erfahrungen seines ersten Einsatzes in Kabul hat er jetzt zu einem Buch Endstation Kabul verarbeitet. Zusammen mit Offizier Dirk Schulze schildert er in abenteuerlicher Manier seinen Auftrag und seine Aufgaben in Kabul. Der Untertitel Als deutscher Soldat in Afghanistan  ein Insiderbericht verspricht einiges.

Worum geht es? Das Autorengespann erzählt die Geschichte des Stabsunteroffiziers Achim Wohlgethans, der 2002 nach Kabul in den Einsatz fliegt. Zunächst ist er in der Operationszentrale innerhalb des Lagers eingesetzt. Nach kurzer Zeit erhält er immer mehr Aufträge, die ihn zunehmend außerhalb des Lagers agieren lassen. Dabei kommen dem Fallschirmjäger, ausgebildeten Hubschrauberpiloten, Einzelkämpfer und Scharfschützen seine umfangreichen Spezialkenntnisse zu Nutze.

Seine Aufträge werden dabei immer spezieller und gefährlicher: Aufklärung, Personenschutz, Beschaffung geheimer Informationen, Zusammenarbeit mit niederländischen Kommandokräften. Bei dieser Palette an Sonderaufträgen nimmt der Titelheld den Leser mit in modrige Abwassergräben, in die dunkle Nacht Kabuls, in lebensgefährliche Situationen. Zusammen mit Achim Wohlgethan steht der Leser Auge in Auge mit dem afghanischen Kämpfer in den Bergen Kabuls.

Diese Authentizität gelingt dem Autorenteam durch atmosphärische Beschreibungen bei Zugriffen, Erkundungsgängen, Prügeleien, strammen Märschen, Begegnungen mit Einheimischen. Der Leser fühlt die Schmerzen, spürt den nieder rinnenden Schweiß, erlebt die Gedankengänge des Stabsunteroffiziers mit, riecht den Gestank von Exkrementen und faulem Obst. Durch die Ich-Perspektive im gesamten Buch, verschwimmen die Grenzen zwischen Erzähler und Rezipient.

Während Wohlgethan von Auftrag zu Auftrag eilt, teilt er aus: Er urteilt über Vorgesetzte im Positiven wie Negativem, hält die Kameradschaft zu seinen niederländischen Waffenbrüdern hoch, hinterfragt das Verhältnis von militärischen Führern zu ihren Geführten, kritisiert das Herausputzen des Feldlagers bei ranghohem Besuch. Hierbei redet er Klartext. Dabei spricht er in der typischen Soldatensprache (deutsche Teile), die aber auch für Nichtmilitärs verständlich ist, denn er erklärt in einfachen Sätzen schwierige Fachbegriffe. Ferner kennzeichnet den Schreibstil eine saloppe und gleichzeitig witzige Lockerheit (schossen munter weiter). Genau das macht das Buch so lesenswert.

Obwohl sicherlich viele Soldaten Einzelheiten im Buch kritisch hinterfragen und vielleicht fachliche Mängel feststellen werden, ersetzen die Autoren diese durch die Spannung und dem Gefühl des potentiell Erlebbaren. Denn bei vielen Darstellungen können einsatzerfahrene Frauen und Männer sagen Ja, das habe ich auch schon so erlebt. Ob es sich nun um gute oder schlechte Vorgesetze handelt  die es immer gibt  oder um die sogenannte Monkeyshow, dem Herausputzen des Feldlagers oder wenn aus Sicht des Stabsunteroffiziers falsche Prioritäten der übergeordneten Führung getroffen werden: Eines bleibt – Die subjektiven Empfindungen und Wahrnehmungen des Achim Wohlgethan sind unbestreitbar  zudem spannend geschrieben. Ein Ausschnitt der Wirklichkeit der Bundeswehr am Hindukush.


Genre: Erfahrungen
Illustrated by Econ Berlin

Bekenntnisse eines Nachtsportlers

Verrückt geniales Sportbuch

Comedians haben ein großes Mitteilungsbedürfnis – dafür werden sie schließlich bezahlt. Doch scheint es jetzt Trend zu sein Bücher zu schreiben. Nach Hape Kerkeling und Dieter Nuhr hat es nun auch Wigald Boning gepackt. Der Komiker, bekannt aus „RTL Samstag Nacht“ und „Clever!“ legt ein Buch im Rowohlt Verlag vor. Der erstaunte Leser stellt sich die Frage: Muss das sein? Ja es muss, handelt es sich bei den „Bekenntnissen eines Nachtsportlers“ um ein kleines Motivationsbuch für alle Sportmuffel.

Olympiagold bringt Boning zum Laufen
2ooo. Olympische Sommerspiele. Heike Drechsler gewinnt Gold für Deutschland. Dieser Sieg stellt den Ausgangspunkt der sportlichen Karriere von Boning dar. Gleichzeitig fällt der Startschuss für sein nachfolgendes Buchprojekt. Von enormen Eifer und Trainingsfleiß beseelt, beschließt der Comedian spontan mit dem Ausdauersport zu beginnen. Und, dass obwohl er mit Zeit nicht gerade gesegnet ist. Außerdem befürchtet er um sein Image bei öffentlichen Sportauftritten. Boning schreibt: „Für einen Fernsehfritzen ist es immer eine gefährliche Sache, öffentlich in Grenzbereiche vorzustoßen, weil ihm in der Grauzone zwischen Tunnelblick und Sauerstoffzelt die Kontrolle über seine mediale Performance entgleiten kann.“

Über Stock und Stein zur nächsten TV Sendung
Seine Schlaflosigkeit in der Nacht kombiniert er mit Trainingseinheiten. Mit einer Kopfleuchte bewaffnet, bereitet er sich neben normalen Waldläufen auf diverse Marathons vor. Zwischen Drehterminen für „Clever“ Sendungen und Filmpreisverleihungen schafft es Boning sein Trainingspensum permanent auszubauen. Perfekte Planung ist alles. Er nimmt den Leser mit auf die Berge, in die dunklen Wälder und querfeldein durch Bayern. Er lässt sich von Johann Mühlegg die Berge raufhetzen, fährt mit dem Fahrrad von Köln nach Paris, nimmt an 24 Stunden Bike Rennen teil und wandert von Bayern nach Italien.

Durchgeknallt und auf der Flucht
Manchmal gerät selbst dieser ausgeflippte Mann ins Grübeln: „Kann man überhaupt 100 Kilometer am Stück laufen? Klar, Wehrmachtsoldaten auf der Flucht aus sibirischen Kriegsgefangenenlagern, gehetzt von ausgehungerten Wölfen, außerdem Reinhold Messner, wenn er Geld braucht, und irgendwelche arbeitslosen Profilneurotiker, um ins Fernsehen zu kommen – aber normale Leute?“ Kurios, dass er sich noch zu den Normalpersonen zu zählen. Das ist er beileibe nicht.

Der Mann scheint etwas am Kopf zu haben, mutet es dem Leser an, wenn Boning seine Trainings- und Ernährungspläne wortgewandt schildert. Dabei scheint ihn nichts aufzuhalten: Weder Komaattacke nach Flüssigkeitsmangel zu Trainingszwecken oder 24 Stunden Tretboottour auf einem kleinen Tümpel. Der Komiker bleibt sich treu. Die durchgeknallte Type ist mit seinem Humor so freakig wie die Zeilen in seinem Buch. Diejenigen, die seinen Humor mögen, werden das Buch lieben und sich gleich auf Fahrrad schwingen. Die anderen Leser werden mit dem Kopfschütteln und sagen: Der ist krank.

So kommt er nicht umhin selbst festzustellen: „Im Regelfall sind professionelle Komiker gemütliche Pummels mit allerlei körperlichen, seelischen und sozialen Defekten, ich jedoch fühle mich in der Blüte meiner Jahre, energiegeladen wie ein Druckwasserreaktor, sexy und begehrenswert, ein besonders glänzender Zacken in der Krone der Schöpfung. Kurz: Das geilste Stück Fernsehen seit Erfindung der Gummilinse.“


Genre: Humor und Satire
Illustrated by Rowohlt

30 Minuten für erfolgreiche Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Kurzer Überblick über das gute Image

„Möchten Sie wissen, wie Sie auch in einem kleinen oder mittelständischen Unternehmen von PR profitieren können – und das bei minimalem Einsatz von Zeit, Geld und Arbeitskraft?“ Diese rhetorische Eingangsfrage ist auf dem Einband von „30 Minuten für erfolgreiche Presse- und Öffentlichkeitsarbeit“ zu lesen. Und auf knapp 80 Seiten versucht Jens Ferber dem Leser die wesentlichen Punkte über Public Relations näher zu bringen.

Wohin geht die Reise?
Doch was ist eigentlich das Ziel guter PR? Diese Frage beantwortet der Autor an verschiedenen Stellen des Buches. So schreibt er: „Ziel von PR ist es, die Mitarbeiter, Kunden, Nachbarn, Lieferanten, Medien usw. für das Unternehmen zu interessieren und positiv zu stimmen. PR will Vertrauen stiften, will helfen, ein gutes Image aufzubauen.“ Mit Hilfe dieses kleines Handbuchs ist die Erfassung grundsätzlicher PR Tipps auch schnell möglich.

Schnelle Wissensvermittlung
Wie andere Bücher der 30 Minuten Reihe des Gabal Verlages werden Zusammenfassungen in blauen Lettern gehalten. Diese kontrastieren eindrucksvoll und laden zum schnellen Blättern ein. Auch blau unterlegte Seitenoberbegriffe helfen den Lesern bei der schnellen Wissensaneignung. Flink und flott geschrieben, ist dieses Büchlein ein schneller Leckerbissen für Zwischendurch. Geübte PR Profis werden sicherlich ihre Finger davon lassen oder haben diesen 80 Seiten bereits zu Beginn ihrer Ausbildung gelesen.

30 Minuten reichen nicht aus
Innerhalb von 30 Minuten soll der Inhalt sich angeeignet werden. So wie alle Bücher aus der Buchreihe. Zum Überfliegen der Kapitel Grundlagen, drei Säulen guter PR sowie PR nach innen und außen reicht es schon. Als kleines Handbuch genutzt, benötigt auch der geübte Leser schon gut eine Stunde. Wenn der PR Interessierte nochmals nachschlägt, ist es mit 30 Minuten nicht getan.

Kurz und gut
Um sein PR Wissen aufzufrischen bzw. um sich schnell in die Thematik einzuarbeiten, ist dieses Buch ein Leckerbissen für Zwischendurch. Alle, die berufsbedingt einen größeren Hunger auf schwerere Kost haben, sollten zu weiter führenden Literatur greifen.


Genre: Ratgeber
Illustrated by Gabal Heidesheim

Unternehmen Barbarossa

Viel Abenteuer, wenig Kritik!

Es gibt Bücher, die kann man immer wieder lesen. Paul Carells „Unternehmen Barbarossa“ gehört hier zweifellos dazu. Dieser bisweilen anmutende Abenteuerroman, der den Ostfeldzug der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg vom Überfall bis Stalingrad aufzeigt, ist Spannung per exellence.

Anschaulich schildert der Autor wie sich das Kämpfen und Sterben ereignet hat. Mit ähnlichem Schwung wie Jünger (In Stahlgewittern) geht er dabei zu Werke:

“Wie eine riesige, unsichtbare Sichel fährt die Garbe in die vorderste Welle der stürmenden Sowjets und wirft sie aufs Eis. Auch die zweite Welle wird niedergemäht. Wer wissen will, wie sowjetische Infanterie stürmen und sterben kann, der muss bei Rostow am Donufer gelegen haben.“

Sicherlich gewinnt der Leser den Eindruck hier wird das Gemetzel überhöht und Wohlgefallen geäußert. Dem ist aber nicht so. Dieser dynamisch packende Schreibstil gehört zum Autor. Pathos und Trauer liefert er mit selben Worten:

“Aber erst müssen ihm die Stiefel von den erfrorenen Füßen geschnitten werden. Er umwickelt seine Beine mit Mullbinden, Fußlappen und zwei Pferdedecken, die er mit Bindfaden befestigt. Dann klettert er auf das vorderste Sturmgeschütz.“

Oder aber:

“Pferde und Reiter, dicht zusammengedrängt, bis zum Bauch im Schnee, waren tot. Sie waren stehen geblieben, wie sie auf Befehl gerastet hatten, starr und erfroren, ein entsetzliches Denkmal des Krieges.“

Kritik an fehlender Auseinandersetzung mit moralischen Aspekten wie Verbrechen oder unmenschliche Behandlung der Soldaten, Sinnfragen geht der Autor offensiv an. Diese Punkte lässt er bewusst aus. Er konzentriert sich auf die rein militärische Schilderung der Ereignisse. Natürlich mit dem Schuss Abenteuerroman, der Zusatzdichtungen enthält:

“Der Lauf der Ereignisse hat Hitler vollauf recht gegeben. Der Chronist, der sich im Rahmen der Kriegsgeschichte halten will, muss das akzeptieren. Politische, moralische und philosophische Erwägungen stehen auf einem anderen Blatt.“

Es fehlte das letzte Bataillon wie er immer wieder schreibt. Doch kritisiert er nicht, dass dieses Bataillon irgendwann immer gefehlt hätte, da der Diktator Hitler immer weiter immer mehr wollte.

Somit waren die militärischen Operationen von vornherein zum Scheitern verurteilt. Wenn nicht in Stalingrad, dann am Ural. Oder noch später. Hitler war Anfang und Ende. Ohne Hitler kein Zweiter Weltkrieg.


Genre: Historischer Roman
Illustrated by Unbekannter Verlag

Gibt es intelligentes Leben?

„Sind wir nicht alle irgendwie ein bisschen dummdödeligdoof? Und: Warum akzeptieren wir das nicht einfach?“ Diese Fragen wirft Dieter Nuhr in seinem neuen Buch „Gibt es intelligentes Leben?“ auf. Er begeistert mit intelligentem Witz und sprachlicher Eloquenz. Nicht umsonst ist er der einzige deutsche Künstler, der sowohl den Deutschen Kleinkunstpreis als auch den deutschen Comedypreis gewonnen hat.

So hat er auf seiner Suche nach Intelligenz die halbe Welt bereist, dabei aber nicht all zu viel Intelligentes erlebt: „Wenn Blödheit den Menschen in den Selbstmord treiben könnte, wäre Überbevölkerung wahrscheinlich kein Thema mehr auf dieser Welt. Aber wir hätten ein Problem mit der Enge auf unseren Friedhöfen.“

Intelligenz und Intelligenz sind zwei Paar verschiedene Schuhe, wie er immer wieder feststellt. Alles scheint relativ: „Es gibt zum Beispiel Menschen, die können zwei und zwei nicht zusammenzählen, anderen Menschen aber glaubhaft vermitteln, dass fünf als Lösung gar nicht so schlecht ist. So einer verfügt über emotionale Intelligenz.“

Zahlreiche schöne bunte und skurrile Fotos im Buch deuten von der Intelligenz in der Welt – oder halt vom Abhandensein selbiger. Und, stets mittendrin statt nur dabei: Dieter Nuhr. Er wolle mit seiner Präsenz auf den Fotos dem Leser vermitteln, dass er auch überall nach intelligentem Leben gesucht habe, so der Autor.

Verbunden mit den Bildern sind die genialen Bildunterschriften. Diese sind noch besser als der eigentliche Text. Sie bringen kurz und knapp in eloquenter Brillanz Nuhrs Weisheiten witzig auf den Punkt: „Südsee. Man stellt sich das Leben auf Palmeninseln paradiesisch vor. Aber eine Ernährung, die ausschließlich auf Caipirinhas und Kokosnüssen basiert, ist auf Dauer nicht gut für den Blutzuckerspiegel.“

Dass Nuhr sich von anderen Comedians unterscheidet, beweist nicht nur, dass er ein Buch geschrieben hat. Auch die Art und Weise des Herangehens stellt ihn auf eine andere Stufe als die restlichen Spaßmacher Deutschlands..

So verpasst er seinem Werk einen intellektuellen Touch, der pädagogisch wertvoll ist. Durch die zahlreichen Rezitationen und Bezüge auf Kant, Heidegger und Nietzsche merkt der Leser, dass Dieter Nuhr ein Studierter ist. Der Historiker spricht über Bartholin-Drüsen oder sozialer Konditionierung. Welch anderer deutscher Comedian käme schon auf eine solche Idee bzw. kennt denn überhaupt diese Begriffe?

So kommt Nuhr auch nicht umhin seine politische Auffassung durchblicken zu lassen. Religiöse Ereiferer und politische Ideologen lehnt er ab. Genauso stellt er die Weltpolizistenrolle der USA in Frage, wenn er zum Beispiel über den Amerikaner schreibt: „Er glaubt, wenn jemand anders lebt als er selbst, dann muss er durch einen Diktator dazu gezwungen worden sein. Und zack, schon steht er vor der Tür und befreit den Unterdrückten, vorausgesetzt, der wähnt eine Ölquelle sein Eigen, aber das ist ein anderes Kapitel.“

Manchmal jedoch vergisst der Autor lustig zu sein. So scheint es jedenfalls, wenn er beispielsweise die Dicken in Deutschland im Visier hat. Natürlich gäbe es wenige mit Stoffwechselstörungen. Doch die meint er aber nicht. Er nimmt die auf die Schippe, die zuviel Nahrung konsumieren. Das Rezept für ein schlankeres Leben ist logisch einfach wie er schreibt: „Da hilft nur weniger essen und weniger Selbstbetrug. Eine der großen Lügen der Menschheit lautet: Ich verstehe das nicht, ich esse gar nichts. Doch. Man sieht es.“ Klare Worte

Von solchen wenigen ernsten Momenten im Buch von Dieter Nuhr abgesehen, bieten die 190 Seiten ein wahres Pointenfeuerwerk. Die Kracher zünden immer: Mal prasselnd komisch, mal prickelnd frisch.


Genre: Humor und Satire
Illustrated by Rowohlt Tb.

Innerparteiliche Demokratie in Deutschland

Die deutsche Verfassung, das Grundgesetz, von 1949 bestimmt, dass der innere Aufbau der politischen Parteien in Deutschland demokratisch sein müsse. Eine derartige Bestimmung gab es vor 1933 nicht- die Idee dazu allerdings schon. Woher kommt dieses Konzept der innerparteilichen Demokratie eigentlich? Wer hat es entwickelt? Wer hat sich für dieses Konzept eingesetzt? Wer hat die innerparteilichen Verhältnisse in der Vergangenheit aus demokratisch-pluralistischer Sicht kritisiert? Und ist die „Muss“- Bestimmung in Artikel 21 des Grundgesetzes bis heute erfüllt?

Diese Fragen ermunterten Andreas Gonitzke, sich eingehender mit diesem Thema zu beschäftigen. So eingehend, dass letztendlich sogar ein Buch aus diesem Interesse entstand.
Seine Studie zur deutschen Parteiengeschichte und -kritik untersucht das Konzept der innerparteilichen Demokratie vom Kaiserreich bis zur deutschen Wiedervereinigung.
Andreas Gonitzke sagt über seine Arbeit: “Obwohl die innerparteiliche Demokratie erst 1949 im Bonner Grundgesetz als Verfassungsprinzip verankert wurde, kann ich überzeugend argumentieren, dass die Idee einer demokratischen Parteienverfassung eine längere Traditionslinie aufweist.”

Um die Frage zu beantworten, woher die Idealvorstellung einer demokratisch organisierten Partei kommt, erklärt der Autor zunächst knapp und präzise die Entstehung und politische Bedeutung des Konzepts der innerparteilichen Demokratie in Deutschland. Nach einer Einordnung dieses Entwurfs in die politische Theorie und Praxis vom Kaiserreich bis zur Weimarer Republik befasst er sich mit den totalitären Parteien, die er als Gegenmodell zu den demokratischen analysiert. Für die Nachkriegszeit beantwortet er die Fragen, ob und in welchem Umfang Konzepte der innerparteilichen Demokratie bei dem Entwurf der bundesrepublikanischen Verfassung eine Rolle spielten. Zudem verfolgt er, wie das dabei eher noch abstrakt gehaltene Ideal der innerparteilichen Demokratie durch konkrete Ausführungsbestimmungen in den 1960er Jahren zu einem verbindlichen Parteingesetz wurde. Abschließend diskutiert er die Praxis des Gesetzes bis zur deutschen Wiedervereinigung.
Seine Studie überschreitet den Rahmen einer abstrakten politischen Ideengeschichte. Vielmehr stellt sie die Diskrepanz zwischen Realität und Anspruchsdenken umfassend heraus, und erklärt, warum die reale Parteiengeschichte von einer konstruktiven Parteienkritik partiell unbeeinflusst blieb.

„Ich freue mich, dass diese Studie im Überschneidungsbereich zwischen Politischer Wissenschaft und Geschichtswissenschaft in der neuen Reihe DemoKrit veröffentlicht werden konnte und nun für jedermann zugänglich ist“, sagt Gonitzke stolz über seine erste Buchveröffentlichung. Er glaubt, dass es dadurch eventuell gelinge, durch diese fächerübergreifende Arbeit zur Praktizierung von Methodenvielfalt zu ermuntern. „Oder ich kann damit zum nachdenken animieren, ob es vielleicht (wie Karl Popper sagt), ohnehin nur eine einzige wissenschaftliche Methode gibt: die Methode, die aus der Konstruktion von Thesen und Theorien besteht und darin, diese Thesen und Theorien kritisch zu überprüfen, vor allem an der Erfahrung.“


Genre: Politik und Gesellschaft
Illustrated by Meidenbauer

Stark texten, mehr verkaufen.

Stark texten, mehr verkaufen.
Kunden binden, Kunden binden mit Mailing, Web und Co.

Im heutigen Informationszeitalter ist es wichtig gelesen zu werden. Nicht nur Journalisten und Werbetexter leben davon Impact mit ihren Texten zu erzielen.

Wer heute nicht untergehen will, braucht Texte, die Wirkung erzielen. Jetzt ist dazu ein Buch im Gabler Verlag erschienen, dass sich mit dieser Thematik auseinandersetzt.

“Stark Texten . Mehr Verkaufen“ ist in erster Linie an Werbe- und PR Texter adressiert. Doch es bietet mehr. Durch seine praktischen Übungen, anschaulichen Beispiele kann jeder, der immer schon einmal seine Texte aufpolieren wollte davon profitieren.

Jeder Journalist lebt davon seine Texte so aufzubereiten, dass sie schnell und gut aufgenommen werden. Andernfalls mag der Leser den noch so guten Inhalt nicht gern lesen. Er quält sich.

Gib dem Leser Zucker, könnte somit die Botschaft lauten. Diesen Zucker nimmt der Konsument dieses Buches auf.

An einzelnen Stellen ist das Buch jedoch ein wenig zu technisch und es fehlen unterstützende Grafiken. Dennoch ist das Buch ein Muss für alle Texter und die, die es noch werden wollen.


Genre: Ratgeber
Illustrated by Gabler

Der Glückspilz

Vom Pech ein Glückspilz zu sein

„Was passiert, wenn ein hoffnungslos unbegabter Schauspieler in einer drittklassigen Fernsehserie den eifersüchtigen Ehemann gibt? Er wird zum Star. Wenn nämlich ein hoffnungslos übergeschnappter Kritiker ihn zum umjubelten Helden kürt. Doch wie all die anderen bemitleidenswerten Glückspilze der heutigen Gesellschaft erlebt er bald seine unaufhaltsame Selbstzerstörung“, ist auf den Einband eines der letzten Bücher von Ephraim Kishon geschrieben.

Das Buch „Der Glückspilz“ ist eine intime Bilanz des Lebens des vor allem in Deutschland bekannten Satirikers. Hier offenbart er die Höhen und Tiefen eines unterdurchschnittlich talentierten Schauspielers, eines Normales.

Nicht wie ein Drama, sondern sinuskurvenförmig verläuft sein satirischer Roman. So nehmen sich die Kapitelüberschriften von „Tiefpunkt“, „die Wende“ bis hin zu „Siegeszug“, „Im Himmel“ und „Das schwarze Loch“ und schließlich „Happy End“ als Richtungsmesser für die Geschichte aus.

In seinem Werk kommt er zu so manch philosophischen Gedanken, der die zwischenmenschlichen Beziehungen auslotet: „Ein Mann, der keine Angst vor seiner Frau hat, ist kein Mann“.

Oder aber: „Manchmal hält das Schicksal haarsträubende Überraschungen für uns bereit und der liebe Gott kann auch nicht alle unsere Fragen beantworten, wahrscheinlich weil er mit seinem geliebten Universum überfordert ist.“

Im Grunde genommen ist der Glückspilz des Buches ein armes Würstchen, das seine Fehler erkennt, aber nicht umhin kann, sich der menschlichen Schwäche hinzugeben: „Die Scham, die sich zu meiner Depression gesellte, gab mir den Rest. Dass sie, mein herzensgutes Hildelein, am Krankenbett meines alten Vaters saß, während ich im Hotel mit 9,5 Promille in Carlas Popo biss, oh ja, ich hatte alles verdient, was das Schicksal für mich bereithielt.“

Das Buch hat zahlreiche lustige, traurige Wendungen parat. Schließlich lässt Kishon seinen Protagonisten am Ende folgendes Fazit ziehen. Vielleicht sogar über sein eigenes Leben? „Auf dem letzten Absatz dämmerte mir, dass der Gelehrte keineswegs ein Hellseher war, sondern einfach nur die grundlegenden Eigenschaften eines ganz gewöhnlichen Menschen beschrieb, eines Mannes, wie ich ihn gerade im Spiegel gesehen hatte. Und so ließ er mich wissen, dass meine wahnwitzige Geschichte eigentlich eine ganz alltägliche Geschichte ist.“


Genre: Humor und Satire
Illustrated by Bastei Lübbe Bergisch Gladbach

Ausgewanderte Wörter

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er etwas erzählen. So heißt es im Volksmund. Passend dazu lag auf dem Gabentisch ein Buch über deutsche Wörter, die sich auf die Reise in die weite Welt machten. „Ausgewanderte Wörter“ zeichnet den Weg von deutschen Wörtern nach, die den Weg in andere Sprachen gefunden haben.

Blitzkrieg, Kindergarten und Angst – typische Worte, die der ein oder andere bereits im Ausland bereits gehört haben mag. Doch dieses Buch offenbart darüber hinaus weitere heitere, kuriose Geschichten über den Wanderweg von Butterbrot, Poltergeist oder Mannschaft.

In kleinen Abschnitten werden die Geschichtchen vom Otto Normalbürger erzählt. Ohne die redaktionelle Bearbeitung versteht sich. Dadurch erlangen die Beiträge eine sehr nahe Authentizität, die sehr unterhaltsam ist.

Dieses Buch stelle nur eine Auswahl der interessanten Beiträge zur internationalen Ausschreibung „Ausgewanderte Wörter“ dar, steht im Einband. Und diese kleine Auswahl macht Appetit auf mehr. Ähnlich Bastians Sicks „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ ist hier Potential für eine ganze Serie. Sicherlich gibt es noch Tausende von kuriosen Wortwanderschaften aus der deutschen Sprache in die weite Welt.

Diese lohnt es sich zu suchen und zu finden.


Genre: Sprache
Illustrated by Hueber

Russland im Zangengriff

Es war wieder Weihnachten. Pünktlich zum Fest gehörte für viele wieder ein neuer Schinken von Peter Scholl–Latour auf den Gabentisch. Welche Weltregion durfte es denn diesmal sein? Nach den USA und dem Nahen Osten in den letzten Jahren war 2006 das ehemalige Sowjetimperium dran. „Russland im Zangengriff“ wird aber sicher im Neuen Jahr wieder umgetauscht werden. Denn wie jedes Jahr braucht man auf das nächste Buch von Scholl-Latour nicht zu warten. Außerdem stehen meist eh die selben Weisheiten drin. Vielleicht gibt es dann: „China – Der gelbe Strom gen Westen“.

Verlorener Kampf am Hindukush und im Irak
Für den deutschen sicherheitspolitisch interessierten Leser kann es sich Scholl-Latour nicht nehmen, im Prélude über die Deutschen am Hindukush zu berichten. Wer meint hier nur wieder eine Kopie seiner Zeilen aus „Weltmacht im Treibsand“ (2005) zu lesen, sieht sich getäuscht. Neue Impressionen bringt er hier auf den Tisch.

Denn der Autor bereiste den Norden Afghanistans im Sommer 2006. Die Problematik vor Ort schildert er wie immer in seiner sprachlich treffenden Manier: „Dort überschneiden sich ja die Kraftlinien. In Kabul steht die ratlose Atlantische Allianz vor einem gordischen Knoten, und es ist kein Alexander in Sicht, der ihn mit seinem Schwert durchschlüge.“

Wie in seinem 2005 erschienen Buch über den Mittleren Osten rügt er die NATO Einsatzführung in Afghanistan. „Die Irakisierung Afghanistans ist in vollem Gange“, schreibt der langjährige Journalist und ehemalige Chefredakteur des Magazins Stern. Sowohl Afghanistan als auch den Irak gibt er für die westliche Allianz verloren: „Weder der Krieg im Irak noch der Feldzug in Afghanistan können von der westlichen Allianz gewonnen werden.“

Wahrheiten, die weh tun
Natürlich werden sich viele nicht dieser Meinung anschließen wollen, doch bislang waren seine Fingerzeige meist erstaunlich korrekt und zeugten von Sachverstand. Dass Wahrheit wehtut und betroffen Verantwortlichen schwer im Magen liegt, musste der Autor bei seiner Einreise nach Afghanistan erfahren. Er schreibt, dass er nicht gerade mit offenen Armen von der Bundeswehrführung in das Land am Hindukush gelassen worden sei. Trotzdem konnten wieder zahlreiche informelle Gespräche in seine Arbeit einfließen.

Selbstdarstellung a la Schröder
Sein Fachwissen bringt der Autor stets und gerne mit ein. Leider kokettiert er damit – manchmal zu oft. Die Selbstgefälligkeit bei Scholl-Latour ist in seinem Buch noch stärker als bei Schröders „Entscheidungen“ ausgeprägt. Gleichzeitig weiß er aber um seine Wirkung, wenn er schreibt: „Bei der Veröffentlichung dieses Buches bin ich auf den Vorwurf gefasst, dass ich kein Slawist sei und somit keine Berechtigung habe, die Lage in Russland zu schildern. Ich bin mir des Handicaps wohl bewusst. Aber welche Erkenntnisse haben denn die ´old Russia hands´ oder die unermüdlichen Kreml-Astrologen in den vergangenen Jahrzehnten zutage gefördert? Sie haben durchweg falsch gelegen mit ihren Prognosen, Deutungen und Personeneinschätzungen.“

Der Mann ist von sich überzeugt. Viele Male führt er dies ins Felde, weist auf seine langjährigen Korrespondentenerfahrungen zurück, die ihn als Experten auswiesen. Auch weiß er um sein fortgeschrittenes Alter, wenn er warnt und spitzbübisch zu lächeln scheint: „Nehmt euch vor alten Männern in acht, sie haben nichts zu verlieren!“

Reise durch die Geschichte
In allen Kapiteln fliegt der Autor wie üblich durch die Geschichte. Er nimmt den Leser mit auf seinen Reisen der allerjüngsten Vergangenheit im Frühjahr und Sommer 2006. Ferner erinnert er sich an frühere Exkursionen in diese Regionen und lässt diese Erinnerungen immer wieder Revue passieren. Gleichzeitig kombiniert er seine persönlichen Impressionen mit historisch-politischem Wissen.
Die einzelnen Kapitel zu Weissrussland, Russland, Tatarstan, Russisch-Fernost, Ussuri, Mandschurei, China und Ukraine können auch separat gelesen werden. Meist stehen am Anfang Landschaftsbeschreibungen der jeweiligen Region. Der Leser taucht ein in die Kälte Sibiriens, den Gestank betender Menschen oder erstarrt vor Ehrfurcht vor in Stein gehaunen Ikonen der russischen Vergangenheit.

Humor, Ironie
Auch kommt sein bissiger Humor nicht zu kurz und seine Lebensweisheiten bereiten einen kurzweiligen Lesespaß: „Aber Boris hat eine fröhliche, zupackende Art, und wenn er wirklich zur Unterwelt gehört, so kann ich im Rückblick auf ein langes Leben bestätigen, dass Ganoven oft verlässlicher und vergnüglicher sind als prinzipienreitende, prätentiöse ´Ehrenmänner´“.

Sehr oft gelingt es Scholl-Latour die Ironie durch die Verwendung sprachlicher Mittel zu forcieren. Er verwendet sehr oft treffende metaphorische Bilder, die den Inhalt für eine breite Leserschaft verständlich machen. So spricht er von politischem „Kesseltreiben“, „Professionellem Wanderzirkus“ verschiedener Organisationen oder von der „Futterkrippe von McDonalds“. Auch sehr schön: „Damals wehte an der hohen Kreml Mauer noch der eisige Hauch der Geschichte, ein Atem von Grauen und Furcht.“ Sprachlich überzeugt Scholl-Latour auf der ganzen Linie

Nach dem Buch ist vor dem Buch
Insgesamt könnte das Buch mit weniger Selbstgefälligkeiten auskommen. Die zahlreichen Einschübe über kleinere Begebenheiten ließen sich auch streichen, um sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Ferner wird das Buch dem Titel nur bedingt gerecht. Den erwähnten Zangengriff vom Cover des Buches verspürt der Leser recht selten. Der Titel verspricht mehr. Scholl-Latour kann den Druck auf das ehemalige Zarenreich nicht transportieren.

Der mittlerweile 80 Jahre alte Scholl-Latour ist sicher immer noch so agil, dass spätestens Weihnachten 2007 das nächste Werk zu kaufen sein wird. Dann vielleicht über China?


Genre: Politik und Gesellschaft
Illustrated by Propyläen

Helden wie wir

»Ich kann von mir behaupten, durch ein ganzes Panzerregiment Geburtshilfe genossen zu haben …«, so beginnt Thomas Brussigs Buch »Helden wie wir«. Dieser Roman aus der Wendezeit zählt zu den besten auf dem deutschen Büchermarkt. Mit Witz, politischem Hintergrund, sprachlichen ausgefeilten Passagen ist es ein Vergnügen dieses Werk zu verschlingen. Mehr als zwei Tage sind dafür nicht nötig, denn einmal angefangen, fällt es schwer es wegzulegen.

Brussig enttäuscht seine Fangemeinde nicht. Wie in allen seinen Büchern verbindet er gekonnt die Lebensgeschichte eines Normalos mit der großen Weltpolitik – stets in der Wendezeit angesiedelt.

In »Helden wie wir« geht es um Klaus Uhltzscht, der die Berliner Mauer mit seinem Penis zum Einsturz gebracht hat! Er, der Sachenverlierer, Multiperverse und persönliche Blutspender Erich Honeckers, packt aus und erzählt seine ruhmreiche Lebensgeschichte, die, wie er selbst meint, nobelpreisverdächtig ist. »Eine Lesevergnügen aller erster Ordnung«, steht auf dem Einband geschrieben.

Mehr noch. Dieses Buch lädt dazu ein, es mehrmals zu lesen. Mehrere Stellen können leicht auswendig gelernt werden, so sehr brennen sich die Bilder ins Gedächtnis. Der Protagonist, der die Stasi observierte, über mehrere Seiten sich selbst zum Höhepunkt bringt, es mit der dicken fetten Wurstfrau treibt oder sich in einer Linie mit Lenin und Einstein sieht.

Einige Hänger hat das Buch dennoch. Aber diese können nichts an dem kurzweiligen Vergnügen trüben, die Brussig dem Leser bereitet. Ähnlich wie im Film »Forrest Gump« wirft der Autor den Helden in scheinbar belanglose Alltagssituationen, die aber bei näherer Betrachtung sich im politischen Umfeld bewegen.

Gerade deshalb ist dieses Buch allen Besserwessis, Wendehälsen, Spätgeborenen und immerfort jammernden Ossis empfohlen. Der Kinofilm kam leider bei weitem nicht an das Buch heran.


Genre: Humor und Satire
Illustrated by Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main