Die Gärten der Finzi-Contini

bassani-1Alles verloren, nichts verloren

Von einer hohen Mauer umgeben liegt das hochherrschaftliche Anwesen mit dem als Domus magna bezeichneten Herrenhaus und seiner parkartigen Gartenanlage, auf deren gewaltige Dimensionen der Plural im Titel des Romans «Die Gärten der Finzi-Contini» schon hindeutet. Dieses Buch von Giorgio Bassani gehört zum Zyklus des «Romans von Ferrara», es trägt unverkennbar autobiografische Züge mit sehr vielen Parallelen in den Biografien von Ich-Erzähler und Autor.

Die Geschichte spielt sich in der Zeit des Faschismus ab, kurz vor dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs, als durch die Rassegesetze von 1938 die Juden in Italien plötzlich verschiedenen Pressionen ausgesetzt sind, die zunächst nur vom Vorlesungsverbot an der Universität bis zum Ausschluss aus dem Tennisverein reichen. Daraufhin öffnet die bis dahin von der Öffentlichkeit weitgehend abgeschirmt lebende jüdische Familie Finzi-Contini ihren privaten Tennisplatz für Freunde ihrer erwachsenen Kinder, und so kommt der namenlos bleibende Ich-Erzähler wieder mit Micòl, der schönen und klugen Tochter des Hauses zusammen, mit der er einst nur eine kurze Begegnung im Schulkindalter hatte. Die beiden verstehen sich blendend, führen viele anregende Gespräche miteinander, als er aber verliebt ungeschickte Annäherungsversuche unternimmt, bleibt Micòl kühl und abweisend, einem zaghaften Kuss gar weicht sie aus. Wohin soll das denn führen, fragt sie irritiert, sollen wir uns etwa verloben? Standesunterschiede und wohl auch seine angestrebte Profession als Poet stehen dem, unausgesprochen allerdings, offensichtlich entgegen. Sie bleiben trotzdem gute Freunde, er aber leidet still an dieser unerfüllten Liebe, bis es ihm eines Tages gelingt, sich davon völlig zu lösen. Bei seinen Studien nämlich ist er auf ein englisches Zitat bei Stendhal gestoßen, «all lost, nothing lost», das ihn auf den Boden der Realität zurückholt. Daraufhin meidet er konsequent jeden weiteren Kontakt zu Micòl und ihrer Familie.

Die vier Teile des schwermütigen Romans werden von Prolog und Epilog eingerahmt. Bei einem Besuch der etruskischen Gräberstadt Cerveteri, erfahren wir im Prolog, beschließt der Ich-Erzähler, seinen langjährigen Wunsch, über die Finzi-Continis zu schreiben, nun endlich in die Tat umzusetzen. Er erinnert sich nämlich an die monumentale Familiengruft der Familie, in der aber außer dem frühverstorbenen Sohn niemand von den anderen ihm bekannten Angehörigen begraben liegt. Denn sie alle wurden im Herbst 1943 nach Deutschland deportiert, und keiner weiß, ob sie denn überhaupt ein Grab gefunden haben. Im Nachwort erinnert er sich an die prophetischen Worte von Micòl, der die Zukunft an sich eine entsetzliche Vorstellung sei, der sie, durchaus hedonistisch, die Gegenwart bei weitem vorziehe, und mehr noch «die geliebte sanfte, barmherzige Vergangenheit». Er endet mit den schönen Satz: «Und weil dies, – ich weiß – nur Worte waren, die üblichen trügerischen und verzweifelten Worte, die nur ein richtiger Kuss ihr vom Mund genommen hätte, sei gerade mit ihnen und nicht mit anderen Worten das wenige besiegelt, woran das Herz sich zu erinnern vermochte».

Mir wurde erst nach der Lektüre klar, warum diese einseitige Liebesgeschichte so seltsam blutleer geschildert ist. Für den Autor nämlich war Homosexualität, wie ich seiner Biografie entnehme, wohl zeitlebens ein Problemthema, seine Ehe könnte eine ähnlich camouflierende Funktion gehabt haben wie einst die von Thomas Mann mit seinen sechs Kindern. So jemand aber ist kaum in der Lage, die knisternde erotische Spannung zwischen Mann und Frau realitätsnah in Worte zu fassen, damit hatten beide Literaten gleichermaßen ihre Probleme. Aber das ist nun wirklich nur eine Facette dieses im Übrigen sehr berührenden, gefühlvoll und ruhig erzählten Romans, der einen in seiner Tragik zutiefst betroffen macht.

Fazit: erfreulich

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
Illustrated by Wagenbach

Der Reiher

Dieser Roman schildert den letzten Tag im Leben von Edgardo Limentani, einem jüdischen Rechtsanwalt und Landbesitzer aus der oberitalienischen Stadt Ferrara. Limentani beschließt an diesem Tag endlich einmal wieder in die Valle, einer südlich des Po-Deltas gelegenen Sumpflandschaft, auf Jagd zu gehen. Limentani fährt in die Sümpfe, legt dabei einen Stopp ein, führt ein Gespräch mit dem Gasthauswirt Bellagamba und unternimmt einen Versuch, sich mit seinem Cousin Ulderico zu verabreden. Auf der Rückfahrt verschenkt Limentani die gesamte Jagdbeute, die obendrein gänzlich von seinem Jagdhelfer erlegt wurde. Er ruht sich im Gasthaus von Bellagamba aus, bevor er in sein Haus zurückkehrt, um sich dort in sein Zimmer zurückzuziehen. Für immer.

So wenig in „Der Reiher“ äußerlich geschieht, so intensiv wird die Lektüre durch das, was sich in Edgardo Limentani und durch das, was mit ihm geschieht. An das Ende dieses 152 Seiten umfassenden Romans angelangt, weiß der Leser, dass Edgardo Limentani beschlossen hat, seinem Leben ein Ende zu setzen. Im Alter von 45 Jahren. So wenig, wie offensichtlich an diesem Tag geschehen ist und den der Autor Giorgio Bassani so eindringlich zu schildern vermag, so schwer wiegt für Limentani diese Gleichförmigkeit und von Banalitäten strotzende Handlung. Neben der Hauptfigur Limentani wird Bassanis Geschichte von wenigen Personen bevölkert. Der Inhaber eines Gasthauses mit Zimmern, namens Bellagamba, der Jagdhelfer, der in den Sümpfen Edgardo Limentani nicht nur führt und hilft, sondern eigentlich allein für die Jagdausbeute sorgt sowie Ulderico, der Cousin des Landbesitzers spielen eine Rolle. Und die Zeit, in der diese Geschichte spielt: Wenige Monate nach dem Ende des italienischen Faschismus und der Kapitulation Nazi-Deutschlands.
Bellagamba ist ein Faschist der ersten Stunde und begegnet Limentani fast unbefangen. Sein Cousin hatte Mussolini ebenso begeistert zugejubelt, wie er sich nun mit dem neuen, demokratischen System, arrangiert. Sein Jagdhelfer zeigt ihm eine Zielstrebigkeit in der Jagd, die ihm vor lauter grüblerischer Selbstbefragung abgeht. Kurz nach dem Ende des Faschismus, nach Krieg und Holocaust kann ein Tag so banal sein, als ob eigentlich nichts geschehen wäre. Giorgio Bassani, einer der Großen der italienischen Literatur des 20. Jahrhunderts, wurde oft als einer der „leisesten Schriftsteller Europas“ bezeichnet. Tatsächlich erzählt Bassani in seinen Romanen und Erzählungen in einer Beiläufigkeit vom Leben der Menschen in seiner Heimatstadt Ferrara, die durchaus etwas atemberaubendes hat. Bassani beschreibt eine über jahrhunderte entstandene, einmalige, scheinbar voll assimilierte Kultur des Judentums in Ferrara. Das Wissen darüber, dass es wenig bedurfte, um das zu Negieren und dass diese Kultur mit dem Holocaust unwiederbringlich untergegangen ist, bewirkt eine Intensität dieser Erzählungen, die literarisch ihresgleichen sucht.
Alfred Andersch formulierte schon 1968: „Die Größe Bassanis kann daran erkannt werden, dass der Leser seiner Bücher sich der Stadt Ferrara nicht mehr als Tourist nähern kann, weder als naiver noch als kenntnisreicher. Ferrara wird ihn in erster Linie als Schauplatz der Erzählungen Bassanis interessieren.“


Genre: Belletristik
Illustrated by Klaus Wagenbach Berlin

Die Gärten der Finzi-Contini

„Papa“, fragte Giannina, „Warum sind alte Gräber nicht so traurig wie neue?“. „Weiß Du“, antwortete er (der Vater), „die vor kurzem Verstorbenen sind uns noch näher, und darum haben wir sie lieber. Aber die Etrusker sind doch schon so lange tot“ – und wieder erzählte er ein Märchen -, „daß es ist, als ob sie nie gelebt hätten, als wären sie schon immer tot gewesen.“
Wieder entstand eine Pause, noch länger als zuvor. Aber dann (wir waren inzwischen bis kurz vor den weiten Platz am Eingang zur Nekropole gekommen, wo in dichter Abfolge Wagen und Reiseautobusse standen) war die Reihe an Giannina, uns eine Lektion zu geben.
„Aber, so wie du das sagst, glaube ich jetzt, daß die Etrusker doch gelebt haben, und ich habe sie so lieb wie alle anderen.“

Im Prolog zu seinem Roman „Die Gärten der Finzi-Contini“ erzählt Giorgio Bassani diese kleine Geschichte, die sich während eines Ausfluges zum etruskischen Gräberfeld von Cerveteri, umweit von Rom ereignet. Der Dialog zwischen dem kleinen Mädchen Giannina und ihrem Vater über die Bedeutung der Erinnerung an die Toten deutet auf eines der Hauptmotive der Literatur des Ferrareser Autors Bassani hin: „auch die Dichter, falls sie wirklich welche sind, kommen immerzu aus dem Totenreich zurück. Sie sind drüben gewesen, um Dichter zu werden, um sich von der Welt zu lösen. Sie wären aber keine Dichter, versuchten sie nicht, von dort zurückzukommen, in unsere Mitte…“ So zitiert Ute Stempel in ihrem hervorragendem Nachwort Giorgio Bassani. Aber natürlich hat die Erinnerung für den jüdischen Autor eine nicht nur künstlerisch-ästhetische Bedeutung, sondern vor allem auch eine sehr perönliche, menschliche und politische.
1916 als Sohn einer wohlhabenden assimilierten jüdischen Familie im oberitalienischen Ferrara geboren, verbrachte er seine Kindheit und Jugend in dieser wunderschönen Stadt. 1934 legte er hier sein Abitur ab und studierte ab 1935 an der Universität der Stadt Bologna Literaturwissenschaft. Trotz der auch in Italien 1939 eingeführten faschistischen und antisemitischen Rassengesetze konnte er seine Abschlussarbeit an der Universität Bologna vorlegen. Nach dem Studium wurde er im antifaschistischen Untergrund aktiv, fiel den Faschisten in die Hände und kam 1943 für kurze Zeit in Haft. Wie durch ein Wunder geriet er nicht den deutschen Besatzungstruppen in die Hände. Damit blieb ihm nicht nur das Schicksal eines Großteil seiner Familie, sondern der gesamten jüdischen Gemeinde Ferraras erspart. 1943, nach dem die deutsche Wehrmacht Italien besetzte, wurden sie von diesen in deutsche Vernichtungslager deportiert und dort ermordet.
Bassani geht 1943 nach Rom und bleibt bis zu seinem Ableben im Jahre 2000. Seine Literatur allerdings dreht sich nur um seine Heimatstadt Ferrara. Seine Bücher fasste er unter dem Sammeltitel „Il romanzo di Ferrara“, „der Roman von Ferrara“ zusammen.

Sein Roman „Die Gärten der Finzi-Contini“ gilt als sein gelungenster. Sein persönlichstes Buch ist es auf jeden Fall. Autobiographisch geprägt stellt es uns die jüdisch-bürgerliche Welt Ferraras aus der Perspektive eines jüdischen Kindes vor, das sich im Laufe der Handlung zum jungen Erwachsenen entwickelt. Wir lernen eine Welt kennen, die durch den Antisemitismus zusammenbricht – und die sich darauf nicht vorbereitet hat. Der Antisemitismus erreichte auch in Italien mit den durch die faschistischen deutschen Besatzungstruppen ab 1943 durchgeführten Deportationen italienischer Juden in deutsche Vernichtungslager seinen unfassbaren Höhepunkt.
Der italienische Faschismus war, weit davon entfernt ungefährlich zu sein, nicht von vorneherein und in gleicher Intensität wie der Nationalsozialismus vom Antisemitismus motiviert und geprägt.
Der Vater des Ich-Erzählers wird uns als italienischer Jude, „Doktor der Medizin und Freidenker, Kriegsfreiwilliger und Faschist mit der Mitgliedskarte von 1919“ vorgestellt. ER ist alles andere als ein Antifaschist. Im Gegenteil. Er ist Mitglied der faschistischen Partei
Italiens. Wir erfahren, dass sich ein Großteil der jüdischen Gemeinde (des männlichen Teils, genauer gesagt) den Faschisten angeschlossen hatte. Wir werden mit der Lektüren auch erfahren – was wir aus der Historie längst wissen – dass es Ihnen trotzdem nicht genutzt hat.
Dieser jüdische Faschist, der Vater des Ich-Erzählers, wird zudem als Antagonisten zu eines weiteren, weitaus wohlhabenderen Mitglied der jüdischen Gemeinde Ferraras dargestellt. Professor Finzi-Contini, ein sich aristokratisch gerierender Großgrundbesitzer und Bewohner eines großen Anwesens in Ferrara, Eigentümer riesiger, teil landwirtschaftlich genutzter Gärten, entzieht sich diesem Assimilierungsdruck, ist nicht Mitglied der Faschisten, lässt seine Kinder von Hauslehrern unterrichten und besucht eine eigens für ihn und mit seinen finanziellen Mitteln restaurierte Synagoge.
Dessen Tochter, Micol, hat es dem Ich-Erzähler angetan. Schon als Junge lugt er in der Synagoge unter dem Betgewand seines Vaters hervor um dieses Mädchen zu beobachten.
Micol lädt ihn – unerlaubterweise – ein, über den Zaun zu klettern und in den Garten zu kommen. So beginnt eine über Jahre sich entwickelnde Liebesgeschichte. Eine unerfüllte allerdings. Der Antisemitismus, der Ausschluss der Juden aus dem öffentlichen Leben und das Zurückgeworfensein auf einen Mikrokosmos lassen diese Liebe nicht erblühen.

Giorgio Bassani schildert diese Geschichte auf eine eindringliche Art und zugleich mit einer unsentimentalen Klarheit. Vielleicht berührt diese Geschichte gerade deshalb. „Die Gärten der Finzi-Contini“ ist große Literatur.


Genre: Romane
Illustrated by Manesse Zürich