Ein Diktator zum Dessert

Ein Diktator zum Dessert

Rose liebt gutes Essen, Sex und Rockn’Roll, jungen Männern blickt sie nur zu gerne hinterher und wenn sie sich nicht gerade unter dem reizenden Nickname „rollige Mieze“ auf Datingportalen herumtreibt, bekocht sie tout Marseille in ihrem Restaurant am Hafen.

Das alleine wäre noch nicht besonders, wenn da nicht ihr biblisches Alter wäre. So manches ihrer Rezepte hat sie bereits vor 100 Jahren erlernt, denn sie selbst blickt auf stolze 105 Jahre zurück. Das hindert sie aber nicht daran, ihren Colt immer griffbereit an der Frau zu tragen. Nicht etwa, weil sie Angst hätte. Rose hat vor nichts und niemanden Angst. Sie hat ein mörderisches Jahrhundert überlebt, ihr Leben gleicht einem Extrem-Ritt durch blutrünstige Epochen. Den Genozid an den Armeniern, die Terrorherrschaft der Nazis, den Exzeß des Maoismus – immer und überall war unsere Rose durch einen mal mehr, mal weniger glaubwürdigen Zufall nach dem anderen mittendrin. Das einzige, worauf sie nun noch sinnt, ist Rache. Daher der Colt. Eines Tages erhält sie eine rätselhafte Todesanzeige. Der von Rose mit Nachforschungen beauftragte Nachbarsjunge ist pfiffig genug, das Rätsel zu lösen, findet allerdings auch noch andere Geheimnisse heraus. Wird Rose erzählen, wieso sie 1942 und 1943 unauffindbar war und vor allem, welchen Diktator sie zum Dessert verspeiste?

Soweit zum Inhalt. Manch einer wird zurecht aufmerken und ein Deja-Vu vermelden. Noch in der Einleitung des Romans beleuchtet der Autor sein Sujet selbstironisch, indem er seine Protagonisten folgenden Dialog führen lässt: „Einen Arbeitstitel habe ich auch >Meine ersten hundert Jahre< , „Guter Titel. Die Leute lieben Hundertjährige. Dieser Markt wächst im Moment rasend schnell.“ Das war es dann leider allerdings auch schon mit der Selbstironie. Das Gefühl, dass da ein Autor bewußt auf einen Erfolgszug aufgesprungen ist, verläßt einen von da an nicht mehr. War etwa der hundertjährige Fensterspringer in Frankreich nicht so erfolgreich und dachte sich da der in Frankreich für seine kontroversen Schriften bekannte Autor Franz-Olivier Giesbert, es wäre eine gute Idee, der Grande Nation ihre eigene hundertjährige Lichtgestalt zu geben? Wie auch immer – die selbst errichtete Meßlatte ist zu hoch. Was wohl in erster Linie der Hauptfigur geschuldet ist.

Man würde Rose gerne mögen, aber der Funke springt nicht über. Sie wirkt in allem zu aufgesetzt und übertrieben, dazu seltsam holzschnittartig. Nicht einmal für Mitleid reicht es, dafür hat Rose einfach von allem den berühmten Tacken zuviel. Vor allem von Opportunismus, der weit über den von ihr beschworenen Pragmatismus hinausgeht. So sorry, aber ein Diktator ist eben nichts, was man mal so eben zum Dessert weghappst. Auch über die Flatulenzen des „GröFaz“ haben sich schon andere wesentlich gekonnter lustig gemacht. Und zwar ohne überflüssigerweise zu versuchen, Sympathien für „den Mensch hinter den Gräueltaten“ zu erwecken. So nimmt es nicht Wunder, dass eine Salamanderdame stets ihre einzige Freundin bleibt. Schwer vorstellbar, dass irgendjemand sonst Rose zur Freundin hätte haben wollen. Vor allem auch, weil es bei Rose noch lange nicht dasselbe ist, wenn zwei das Gleiche tun. Sie hat ihr Leben nach der Maxime „Fehler verzeiht man am schnellsten, wenn du sie gar nicht erst zugibst“ ausgerichtet. Das galt aber ausdrücklich nur für ihre eigenen Fehler. Der Umkehrschluß – Vergebung – ist für sie vollkommen undenkbar, Rache ist die einzige Gerechtigkeit, die für sie zählt.

Einem großen Irrtum unterliegt sie auch, wenn sie sagt „In der Vergangenheit hätte ich mehr als genug Grund gehabt, mein Schicksal zu beweinen, aber ich habe mich stets dagegen gewehrt„. Dieser Satz wird nicht richtiger, je gebetsmühlenartiger sie ihn wiederholt. Das Einzige, wogegen sie sich gewehrt hat, war das Weinen. aber während das Schicksal ihr geschah, hat sie sich oft genug einfach nur geduckt und ist mit dem Strom geschwommen. Um Ausreden nie verlegen. Eigentlich weiß sie, „Das Glück wird uns nicht geschenkt, man muss es erzeugen,„-  aber für ihr Unglück macht sie ihr wechselvolles Schicsal und nie sich selbst verantwortlich. So bleibt das Einzige, was Rose vermittelt Chuzpe und unbedingten Überlebenswillen. Sie zahlt einen hohen Preis dafür, aber zugeben wird sie das nie.

So sehr es den Figuren des Buches auch an Tiefe mangelt, auf der sachlichen Ebene leistet der Autor Überzeugungsarbeit. Die übermittelte Historie geht genug in die Substanz, um Überzeugungsarbeit zu leisten, aber nicht so en detail, dass es langweilig würde. Die „große“ Geschichte vermittelt er überzeugend, sicher ist es auch ein großer Verdienst, den weitestgehend vergessenen Genozid an den Armeniern zu thematisieren. Seine Liebe zu historischer Korrektheit zeigt sich auch im für einen Roman sorgfältig zusammengestellten Glossar am Ende des Buches. Aber die „kleine“ Geschichte, Rose‘ Geschichte bleibt blutleer und ist einfach zuviel des Guten. Weniger wäre da mehr gewesen. Franz-Olivier Giesbert hat eigentlich einen wunderbaren leichten, lockeren Schreibstil. Sein Buch ist gut strukturiert und klar aufbereitet, nie ist der Leser irritiert, er weiß immer, wo er sich befindet, obwohl das Buch zwischen etlichen Zeitzonen und Orten hin-und herspringt. Es krankt aber daran, dass der Autor sich nicht zwischen Tragik und Komik entscheiden kann. So verliert sich manches Kapitel in übertriebener Coolness. Ganz offensichtlich fällt es ihm nicht leicht, rüden Tonfall zu prononcieren, nachgerade wirkt es fast so, als sei ihm der in Dialogen verwendete Straßenslang peinlich.

Der Autor ist in Frankreich eine bekannte Medienpersönlichkeit. Als Journalist, Kolumnist, Fernsehmoderator und Autor ist Giesbert in Frankreich oft Tagesgespräch, nicht zuletzt berühmt durch seine scharf gezeichneten Enthüllungs-Porträts der Präsidenten Chirac und Mitterrand. Doch welche Motivation ihn zu „Ein Diktator zum Dessert“ trieb, erschließt sich nicht. Politisch inkorrekt zu sein alleine reicht nicht für Witz und verhindert in diesem Fall auch nicht, dass Etliches zu weichgezeichnet und verharmlost daherkommt. Oder wollte Giesbert das Jahrhundert der Massenmörder anhand einer Protagonistin begreiflich machen, die auf den ersten Blick harmlos daherkommt, auf den zweiten aber letztendlich auf einer Stufe mit diesen steht? Was auch immer ihn getrieben haben mag, man bleibt mit einem Gefühl der Irritation zurück. Und was die Hundertjährigen angeht: Um an Jonassons Held heran zukommen, fehlt dann doch vielleicht die Prise Wahnsinn.

Diskussion dieser Rezension gerne im Blog der Literaturzeitschrift 


Genre: Historischer Roman
Illustrated by Carl´s Books