Der Frauenplan

Zu beanstanden, dass der >>Frauenplan<< eigentlich kein Plan sei, da er weder konkrete Absichten formuliere (weshalb mit seiner Hilfe logischerweise auch keine viva activa in Angriff genommen werden könne) noch etwas mit Frauen zu tun habe (oder nur insofern, als der Kieseritzky-notorische Ich-Erzähler als durchweg Nichtabgeneigter mit viel Weib an seiner Seite durch sein bizarres Leben stolpert) – es hieße, Athen mit einem Bannfluch für Eulen zu belegen. Und wichtiger ist ja auch, dass der Autor einen Plan hat. Aber hat er? Man könnte auf die Idee kommen, dass nicht. Dass die durch die 300 Seiten des Buches gewissermaßen zwangsläufig sich ergebende Biographie des Protagonisten lediglich simuliert werde. Derweil im Grunde nur verschiedene Unternehmungen zerhackt und übers Buch gestreut würden, die weder einen Plot noch eine halbwegs konsistente Biographie einer halbwegs konsistenten Persönlichkeit mit sich brächten - oder wenigstens die konsistente Ausarbeitung eines konturschwachen Protagonisten, was aber schon deswegen nicht geschehe, weil dieser Typus >>lebensängstlicher Unterlassungskünstler<< praktisch durch jedes seiner Bücher schliddere. Man brauche nur die Probe aufs Exempel zu machen und eines der in der Regel kurzen Kapitel des Frauenplans mit einem ebenfalls beliebigen Kapitel aus >>Anatomie für Künstler<< zu vertauschen, und man stelle fest, dass keines der betreffenden Bücher seiner Substanz beraubt werde. Dieser Versuch würde allerdings davon profitieren, dass sowieso alle Protagonisten mit einem >>K<< beginnen. (Was zeigt, dass man noch längst kein Kafka sein muss, um nominale Selbstverstümmelung zu betreiben. Allerdings liegt kaum ein Vergleich ferner als der mit Kafka; ist das Taumeln bei Kieseritzky doch ungleich kapriziöser, eleganter, burlesker und vor allem Theorielastiger; Katastrophen werden analysiert, georganigrammt und wie auf Nadeln aufgespießt. Während man die Prosa Kafkas in einem Bereich zwischen Realität und Alptraum ansiedeln könnte, liegt sie bei Kieseritzky irgendwo zwischen System und Schmetterling.) Man habe es folglich, könnte man zu Ende wettern, mehr mit einer lockeren Ansammlung kleiner Szenen, verrutschter Dialoge und Aphorismen zu tun als mit einem epischen Werk. Mit einem Sammelsurium von Desasterforschern, Verhinderungstheoretikern und Lebensvermeidungsstrategen, das man gefahrlos wie einen Regenwurm zerteilen könne. Statt einen Roman zu lesen, stolpere man also allenfalls von Sprachjuwel zu Sprachjuwel. Harter Tobak. Und >>allenfalls<< geht nun wirklich zu weit. Oder nicht? Der Autor dieser Zeilen scheiterte beim Versuch, einen >>echten Kieseritzky<< an den Mann zu bringen, als er beim Wettbewerb >>Der schönste erste Satz<< mittels >>Die Onanie ist ein trauriges Laster<< eine Reise nach New York zu gewinnen hoffte. Er legte ein paar Germanistengerechte Klugscheißersentenzen über Versmaß und Metrik dazu, fabulierte über den kurz vor der Rente stehenden Begriff >>Laster<<, der in diesen unversponnenen, unexquisiten, ungrazilen und unpreziösen – maW: Kieseritzkyfernen – Zeiten, in denen erlaubt ist, was beliebt, eben so wenig überleben zu können scheint wie das an Rückenmarksschwund zwingend gekoppelte privatmoralische Vergehen an sich und war guter Dinge. Gewonnen hat natürlich ein vermutlich weitaus staatstragenderes Entree von Günther Grass. Schauen wir noch auf ein anderes Juwel von exemplarischer Undeutlichkeit. Wir befinden uns in einem Dialog zwischen Hauptfigur und dem Buchhändler und Goetheenthusiasten Lambert, der im Wesentlichen dadurch >>charakterisiert<< wird, dass er dem besonderen Augenblick nachjagt (ohne ihn zu erwischen, natürlich): >>Ob dieser Plan (gemeint ist der Frauenplan) nur theoretisch sei oder auch schon Praxis.
Erst Theorie, sagte ich, dann Praxis und während der Praxis Überprüfung der Theorie und notfalls Revision, je nachdem.<< Man muss solche Sätze lieben, sonst fällt es schwer, sie zu mögen, und man verwechselt sie mit blödem, gedrechselten Gewäsch. Es ist ein bisschen wie bei >>Der Witz<< von Gerhard Polt. Die Umstände werden geschildert (Party, Erdnüsse, >>solche Chips<<), die Vortragsart wird beleuchtet, >>dieses Gesicht, diese Mimik – einfach phänomenal … und der Herr konnte diesen Witz wirklich phantastisch erzählen<<, usw. – nur vom Witz selbst kein Wort. Auf derartige Enttäuschungsarrangements muss man bei Kieseritzky solange gefasst sein, wie man mit den handelsüblichen Erwartungen an seine Texte herangeht. Wenn die eindrucksvolle, Elogenreiche Vita >>des weltweit führenden Stressvermeiders<< und analytischen Philosophen entfaltet und mit sämtlichen Details seines (natürlich maßvollen) Alltags geschmückt und wenn sein (selbstredend moderater) Scotchverkehr genau quantifiziert wird, dann will man auch Genaueres wissen. Man erfährt aber nichts, weil der vorgeblich konfuse und zu dumme Ich-Erzähler Unwichtigeres zu tun hat. Also lauwarme Luft? In einem erzählerischen Vakuum ohne Plot, ohne Persönlichkeitsentwicklung? Und ohne Verwicklungen? Denn natürlich ist dieser Katastrophengetränkte Kosmos völlig Tragödienfrei. Man sieht sich, man schätzt sich, man betritt die Konversationszone und verlässt sie wieder, um unverändert seiner Wege zu gehen, man beschenkt sich gelegentlich mit Gottesbeweisen, die >>eher possierlich als reputierlich<< sind und gerät auch mal in ein Bewerbungsgespräch, dessen Zustandekommen allein schon erstaunt, da doch zuvor um einen >>stresslosen<< Job ersucht wurde, >>unter der Voraussetzung einer geringes Kontaktes mit Menschen<<. Es bedarf einiger Präparierung, damit man solche Kröten nicht nur gerne schluckt, sondern auch immer weiter lecken möchte (was ein Fall für den Dilemmaforscher, den es hier natürlich auch gibt, wäre), und hinnimmt, dass der Arbeitgeber im weiteren Verlauf des Gespräches darüber doziert, dass das Leben >>eine hochkomplexe Angelegenheit, gerade im Hinblick auf sog. zwischenmenschlichen Bereich<< sei. Und indem der Leser also sämtliche dem profanen Alltag geschuldeten Reflexe abgelegt hat, befindet er sich mitten im Kieseritzkyschen Universum, dem vielleicht hermetischsten überhaupt. Und mehr kann man von Literatur nicht verlangen, als dass sie sich ein schickes Paralleluniversum zusammenfaselt - hier ein Panoptikum bildungsüberfressener Zauderer, die sich gegenseitig in ihren jeweiligen Schieflagen, Eigenbrötlereien und ihrer >>Diskretion<< dem Leben gegenüber bestärken mit ihren Spiegelfechtereien. Als hätten Lacan und der späte Wittgenstein eine Familie >>intensiver Nichtse<< (so wird der Ich-Erzähler am Buchende genannt) gegründet, die lieber mit sich selbst spielt, statt >>nach draußen<< zu gehen. Was man ihr nicht verdenken möchte.


Genre: Romane
Illustrated by Klett-Cotta Stuttgart