Basar der bösen Träume

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Ein Auto, das Leute frisst, ein Strand, an dem wie von Geisterhand Namen von bald Sterbenden geschrieben werden und ein Kindle mit magischen Qualitäten. Das sind nur einige der Protagonisten in »The Bazaar of Bad Dreams«; willkommen in der Welt von Stephen King! In dieser neuen Sammlung von Kurzgeschichten zeigt der Meister, dass er auch dieses Metier perfekt beherrscht. Er wird ja von Kritikern oft für seine angeblich allzu ausschweifenden Romane kritisiert (eine Einschätzung, die ich ganz und gar nicht teile), aber hier ist er zur Selbstdisziplinierung gezwungen und das funktioniert, die Pointen sitzen und treffen zielsicher.

»Basar der bösen Träume« enthält neben dem Hardcore-Fan bereits bekannten Stories wie »Mile 81«, »Bad Little Kid«, »Ur«, »Under the Weather« und »Blockade Billy« jede Menge neues Material und auch das ist richtig gut, der Leser wird immer wieder aufs Neue überrascht vom Einfallsreichtum und der Erzählkunst des Autors. Zu jeder Geschichte gibt es eine sorgfältige Einleitung über die Entstehung, die ebenso lesenswert ist wie die Story selbst. Enthalten ist übrigens auch »That Bus is Another World«, die Idee dafür hatte King, als er im November 2013 auf Europa-Tournee war, bei der Lesung in München erzählte er davon.

Für Fans ist das Buch sowieso ein Muss, für Neulinge ein prima Einstieg in das Alptraum-Universum von Mister King. Vergleichen lässt sich diese Geschichtensammlung (wie so vieles) mit einer Schachtel Pralinen, man kann sie nach und nach genießen, oder alles möglichst schnell hinunter schlingen. Ich habe mich für die zweite Variante entschieden, die erste lässt sich ja nachholen.

P.S.: Ich habe das Buch im amerikanischen Original gelesen und kann daher die Qualität der Übersetzung nicht beurteilen.


Genre: Horror
Illustrated by Heyne München

The Bazaar of Bad Dreams

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Ein Auto, das Leute frisst, ein Strand, an dem wie von Geisterhand Namen von bald Sterbenden geschrieben werden und ein Kindle mit magischen Qualitäten. Das sind nur einige der Protagonisten in »The Bazaar of Bad Dreams«; willkommen in der Welt von Stephen King! In dieser neuen Sammlung von Kurzgeschichten zeigt der Meister, dass er auch dieses Metier perfekt beherrscht. Er wird ja von Kritikern oft für seine angeblich allzu ausschweifenden Romane kritisiert (eine Einschätzung, die ich ganz und gar nicht teile), aber hier ist er zur Selbstdisziplinierung gezwungen und das funktioniert, die Pointen sitzen und treffen zielsicher.

»The Bazaar of Bad Dreams« enthält neben dem Hardcore-Fan bereits bekannten Stories wie »Mile 81«, »Bad Little Kid«, »Ur« und »Blockade Billy« jede Menge neues Material und auch das ist richtig gut, der Leser wird immer wieder aufs Neue überrascht vom Einfallsreichtum und der Erzählkunst des Autors. Zu jeder Geschichte gibt es eine sorgfältige Einleitung über die Entstehung, die ebenso lesenswert ist wie die Story selbst. Enthalten ist übrigens auch »That Bus is Another World«, die Idee dafür hatte King, als er im November 2013 auf Europa-Tournee war, bei der Lesung in München erzählte er davon.

Für Fans ist das Buch sowieso ein Muss, für Neulinge ein prima Einstieg in das Alptraum-Universum von Mister King. Vergleichen lässt sich diese Geschichtensammlung (wie so vieles) mit einer Schachtel Pralinen, man kann sie nach und nach genießen, oder alles möglichst schnell hinunter schlingen. Ich habe mich für die zweite Variante entschieden, die erste lässt sich ja nachholen.

P.S.: Die deutsche Ausgabe erscheint am 18. Januar 2016


Genre: Horror, Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Hodder & Stoughton

Dead Zone – Das Attentat

51BiafspSsL._SX312_BO1,204,203,200_Johnny Smith ist glücklich an diesem letzten Oktobertag 1970 und er hat allen Grund dazu: Er ist jung, voller Ideale, frisch verliebt und arbeitet mit seiner Freundin Sarah in einer High School als Lehrer; den beiden steht die Welt offen. Als Johny bei einem Jahrmarktbesuch am Glücksrad eine geradezu unheimliche Glückssträhne hat, ahnen sie nicht, dass dies ein Vorbote nahenden Unheils ist, denn auf dem Heimweg erleidet Johnny bei einem bizarren Autounfall schwere Kopfverletzungen und fällt ins Koma.

Es passiert viel in dieser Zeit: Der Vietnamkrieg eskaliert noch einmal bevor er endet, Nixon muss das Präsidentenamt aufgeben und ein skrupellos psychopathischer Provinzpolitiker namens Greg Stillson schickt sich an, nach höheren Weihen zu streben. Als Johnny Smith 1975 aus seinem langen Schlaf erwacht, hat sich auch seine private Welt ein Stückchen weiter gedreht: Seine alte Liebe Sarah ist inzwischen verheiratet und hat einen Sohn, während seine eigene Mutter dem religiösen Wahnsinn anheim gefallen ist. Er hat viel verloren, aber dafür etwas gewonnen, allerdings ein eher fragwürdiges Geschenk: Die Gabe, durch Berühren oder Gegenstände bestimmte Ereignisse aus deren Vergangenheit oder Zukunft zu erblicken. Johnny ist zunächst nicht glücklich darüber, er setzt seine Fähigkeit äußerst zögerlich und unwillig ein, bis er erkennt, dass sie auch Verantwortung und Verpflichtung bedeutet, besonders als er eine Vision erhält, wie die Welt unter einem Präsidenten Stillson aussehen könnte…

Stephen King hat mit diesem frühen Meisterwerk (Erstveröffentlichung 1979) die Messlatte für sich selbst sehr hoch gelegt: „Dead Zone“ gehört zu seinen besten Büchern. Die Geschichte des all-American guy John Smith (der Name spricht Bände), der zum Helden wider Willen wird, ist packend und einfühlsam erzählt und berührt den Leser zutiefst, da er sich der Faszination des Geschehens kaum entziehen kann. Auch die übersinnlichen Aspekte kommen überzeugend daher und jagen einem – etwa bei Johnnys Visionen während der Suche nach einem Frauenmörder – schon mal kalte Schauer über den Rücken.

Der Roman ist außerdem vielleicht Kings politischstes Buch überhaupt; neben einer Abrechnung mit dem Vietnamkrieg und der Nixon-Ära wird darin die uralte Frage nach der Rechtfertigung des Tyrannenmordes thematisiert und am Ende vom Autor höchst elegant gelöst. Ebenso reizvoll ist die Verquickung fiktiver und realer Personen, so begegnet Johnny zum Beispiel Jimmy Carter. Fans des Schriftstellers lernen hier auch zum ersten Mal das Städtchen Castle Rock kennen, das in späteren Werken Schauplatz und Katastrophen ist, sowie den dortigen Sheriff, der allerdings bereits in „Cujo“ wieder aus dem Verkehr gezogen wird. „Dead Zone“ wurde unter der Regie von David Cronenberg erfolgreich verfilmt, der Streifen mit Christopher Walken (Johnny) und Martin Sheen (Stillson) ist absolut sehenswert, was bei King-Adaptionen ja nicht ganz selbstverständlich ist.

Denkt man an Politiker wie Donald Trump, könnte der Roman bald erschreckende Aktualität erlangen…


Genre: Horror
Illustrated by Heyne München

Finders Keepers

Morris Bellamy ist zwar ein Gangster, aber kein gewöhnlicher. Er ist belesen und seine Begeisterung respektive Obsession für einen seit Jahrzehnten zurückgezogen lebenden Schriftsteller treibt ihn 1978 dazu, in dessen Haus einzubrechen, da dort angeblich unveröffentlichte Manuskripte lagern, die für ihn wesentlich wichtiger sind als das Bargeld des Greises. Er findet beides, tötet den Autor und versteckt die Beute in der Nähe seines Eigenheimes. Bevor Bellamy Gelegenheit hat, die heißersehnten Texte zu lesen wird er wegen eines anderen Verbrechens festgenommen und zu lebenslänglich verurteilt.

Mehr als 30 Jahre später lebt in dem ehemaligen Gangsterhaus Familie Saubers, die – inmitten der Rezession – gerade so eben über die Runden kommt. Als jedoch der Vater bei dem Anschlag des verrückten Mercedes-Killers schwer verletzt wird drohen sämtliche Dämme zu brechen; die beiden Kinder sehen bereits eine drohende Scheidung der geliebten Eltern heraufziehen. Da trifft es sich nur allzu gut, dass Teenager Peter eines Tages eine vergrabene Truhe mit Geld und Manuskripten findet. Auch Peter ist ein glühender Verehrer des ermordeten Schriftstellers und erkennt sofort, was da vor ihm liegt: Zwei unveröffentlichte Romane seines Lieblingshelden, die er begeistert liest. Mit dem Geld hilft Peter seiner Familie über das Gröbste hinweg, doch als das immer noch nicht reicht, entschließt er sich schweren Herzens, die Texte zu verkaufen. Ein schwerer Fehler, denn der Mörder ist inzwischen auf Bewährung draußen und really not amused, als er das Versteck leer vorfindet…

Als King-Fan der ersten Stunde (seine Werke waren in Deutschland noch gar nicht erhältlich) fällt mir Objektivität zugegebenermaßen schwer, aber ich werde wenigstens versuchen, meine Begeisterung zu begründen. In »Finders Keepers« schreibt Stephen King über etwas, von dem er definitiv eine ganze Menge versteht, nämlich von Literatur und wie sie das Leben nicht nur der Schreiber, sondern auch der Leser determiniert, im Guten wie im Bösen. Es ist nicht sein erstes Buch zu diesem Thema, wir erinnern uns an »The Dark Half« und »Misery«, aber wohl sein intensivstes; die Figur des Morris Bellamy verlangt auch hartgesottenen Horror-Konsumenten so einiges ab. Überhaupt sind die Charaktere wieder mit einer beeindruckenden Tiefe gezeichnet, auch und besonders die jugendlichen; King beherrscht das meisterhaft, wie schon so oft bewiesen. Sein Schreibstil ist gewohnt packend und faszinierend und der stringente Plot weist keine Längen auf.

»Finders Keepers« ist keine direkte Fortsetzung zu »Mr. Mercedes«, aber ein weiteres Buch in dieser Reihe mit den bekannten Protagonisten Bill Hodges, Holly Gibney und Jerome Robinson, die allerdings erst vergleichsweise spät in den Ring steigen. Auch sie haben sich weiterentwickelt, die Kenner von »Mr. Mercedes« werden das zu schätzen wissen. Der Roman ist höchst spannend, ein exzellenter Thriller und ein formidables Lesevergnügen. Angekündigt in dieser Reihe sind drei Bände, man darf sich schon auf den nächsten freuen und hofft, dass der Meister damit nicht zu lange auf sich warten lässt.


Genre: Thriller
Illustrated by Hodder & Stoughton

Revival

Wir schreiben das Jahr 1962, als der junge Pfarrer Charles Jacobs mit Frau und Sohn nach Harlow, Maine (natürlich in der Nähe von Castle Rock) kommt und sofort die Herzen der ländlichen Bevölkerung gewinnt, besonders das des kleinen Jamie Morton. Drei Jahre später jedoch schwört Jacobs nach einer Familientragödie seinem Gott öffentlich ab und die bigotten Dörfler verjagen ihn. Jamie wächst auf und widmet sich der Musik, seinen alten Freund vergisst er nicht.

Bis 1992 dauert es, bis die beiden sich wieder sehen. Jamie – auch er musste einige Schicksalsschläge hinnehmen – ist dem Heroin verfallen und auf dem Tiefpunkt angelangt, als er Jacobs auf einem Jahrmarkt trifft, wo der ehemalige Gottesmann mit mysteriösen Elektrizitätsshows auftritt. Dieser nimmt sich des Junkies an und heilt ihn tatsächlich von seiner Sucht, wenn auch nicht ohne Nebenwirkungen. Abrupt trennen sich ihre Wege wieder, aber die gemeinsame Geschichte ist noch lange nicht zu Ende, im Gegenteil…

Der erfolgreichste Autor der Welt hat mit »Revival« erneut ein Meisterwerk abgeliefert, Chapeau Mr. King! Es gelingt ihm immer wieder scheinbar mühelos, den Leser mit seinen Geschichten und Protagonisten zu fesseln und ihn erst freizugeben, wenn mit Bedauern das Ende erreicht ist. Der neue Roman erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte; nicht nur deswegen erinnert er ein wenig an »Dr. Sleep«. Auch Autobiografisches ist mit eingeflossen, Stichworte: Sucht, Musik und Verkehrsunfall.

»Revival« ist eines der härtesten King-Bücher seit langer Zeit und definitiv nichts für Zartbesaitete; auch die Schockmomente hat der Meister immer noch drauf. Allerdings sind diese nicht – wie bei vielen anderen Horror-Schreibern – Selbstzweck, sondern fügen sich logisch in den Plot ein. Die Handlung wird nicht mit der Peitsche vorangetrieben, sondern entwickelt sich zu Beginn eher langsam; King schreibt bisweilen gewohnt ausschweifend, aber nie langweilig. Als Leser seiner Bücher der ersten Stunde (damals waren die Bücher in Deutschland noch gar nicht erhältlich), kann ich »Revival« jedenfalls besten Gewissens weiter empfehlen.


Genre: Horror
Illustrated by Scribner

Böser kleiner Junge

Ein zum Tode verurteilter Kindermörder erzählt kurz vor der Hinrichtung seinem Anwalt die Geschichte, die ihn zu der (für Außenstehende unbegreiflichen) Tat trieb. Und diese Geschichte hat es in sich…

Über Stephen King muss man nicht viele Worte verlieren, seine Erfolge sprechen für sich. Auch hier beweist er wieder sein Erzähltalent und serviert dem Publikum ein spannend und flott geschriebenes kleines Meisterwerk. Das Ende kommt für den King-Kenner zwar nicht wirklich überraschend, aber das tut dem Genuss keinen Abbruch. Das E-Book enthält zusätzlich noch eine Leseprobe aus „Doctor Sleep“; für die Fans ist das allerdings kein Zusatznutzen, sie haben den letzten Roman längst gelesen.

Interessant an dieser neuen Kurzgeschichte ist, dass sie (zunächst) nur auf Deutsch und Französisch erscheint, da der Meister vom Empfang in diesen Ländern angesichts seines Besuchs im November offenbar so angetan war, dass er damit seinen Lesern dort danken möchte. Da ich an einer dieser Lesungen teilnehmen durfte, fühle ich mich natürlich besonders angesprochen. 😉

Amazon ist bekanntlich nicht gerade geizig im Aussprechen von Empfehlungen an seine Kunden anhand der bisherigen Käufe. Dass ich dennoch nur durch Zufall und an anderer Stelle von dieser Neuerscheinung erfuhr, kann ich deshalb nicht ganz nachvollziehen.


Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Heyne München

Doctor Sleep

Ich falle mit der Tür ins Haus und nehme schon mal das Wichtigste vorweg: Es war ein rundum gelungener Abend mit dem erfolgreichsten Schriftsteller der Welt, der auch ein richtig netter Kerl ist; überhaupt nicht abgehoben, sondern entspannt humorvoll und einfach muy simpatico. Bei seinem allerersten Besuch in Deutschland traf er im (selbstverständlich ausverkauften) Circus Krone-Bau in München auf 2.500 Gäste, die ihm nach eigenen Bekunden eine „Scheißangst einjagten“ (Autoren bevorzugen das Schreiben statt Auftritte in der Öffentlichkeit), die er sich jedoch nie anmerken ließ. Durch den Abend führte als Moderator Denis Scheck, der interviewte und auch übersetzte und seine Sache sehr gut machte.

Es begann mit einem Gespräch über die (ebenfalls schreibende) Königs-Familie und erste Eindrücke in Deutschland; natürlich verteilte der Meister die obligatorischen Komplimente. Für alle Videos entschuldige ich mich für die grenzwertige Bildqualität, die den Lichtverhältnissen und der Entfernung geschuldet ist; dafür ist wenigstens der Ton verständlich und der ist ja wichtiger:

Danach trug King ein Kapitel aus dem neuen Roman Doctor Sleep vor (die Präsentation desselben ist der eigentliche Anlass seiner Europareise), und weiter ging es mit dem Interview, diesmal war die Entstehung von Shining das Thema:

Nun wurden auch heiklere Dinge angesprochen, nämlich die Kubrick-Verfilmung und der Alkoholismus, sowohl der Familie Torrance aus den Romanen als auch des Autors selbst. Steve zollte zunächst dem Regisseur Respekt, bezeichnete Kubrick als Genie, lediglich die Umsetzung seines Buchs mag er nicht besonders:

Für einen weiteren Höhepunkt sorgte nun David Nathan (der deutsche Hörbuchsprecher) mit einem weiteren Kapitel aus dem neuen Roman, sein Vortrag war sogar besser als der des Meisters, aber er ist ja auch Vorleseprofi.

Im letzten Teil des Abends beantwortete King dann Fragen aus sozialen Netzwerken und gab auch dem Publikum Gelegenheit, Fragen zu stellen. Erneut bewies er seine Vorliebe für diverse F-Wörter, sichtlich angetan von der entspannten Atmosphäre, die er in den prüderen USA wohl so nicht vorfindet. Bemerkenswert, als er (gefragt nach autobiographischen Bezügen) meinte, dass jeder Autor lüge, wenn er den Mund aufmacht…

Noch eine klasse Nachricht für alle Fans: Roland und der Dark Tower lassen King nicht los, er denkt intensiv über neue Geschichten nach:

Dann war ein wunderbarer Abend (auch wenn es kein meet and greet mit dem Rezensenten gab) leider viel zu schnell zu Ende und Steve genoss die verdienten stehenden Ovationen der Fans aus aller Welt (auf dem Heimweg hörte man die verschiedensten Sprachen). Es war nicht nur für mich einfach ein tolles Erlebnis, diesen großartigen Autor und feinen Menschen einmal live und in Farbe erlebt zu haben!


Genre: Horror
Illustrated by Heyne München

Doctor Sleep

Wir alle erinnern uns noch gut an die Qualen des kleinen Danny damals im Overlook Hotel, die in der Zerstörung des Hauses und im Tod seines besessenen Vaters ihren Höhepunkt fanden. Doch die Geschichte ist damit noch nicht zu Ende, denn die mörderischen Geister (nicht nur aus Zimmer 217) geben keine Ruhe und so findet sich Dan Torrance fast 30 Jahre später an einem Wendepunkt seines Lebens wieder. Er schwört dem Alkohol ab, der seine psychischen Kräfte (das \“Shining\“) auf ein vordergründig erträgliches Maß gedrosselt hatte und versucht, sesshaft zu werden, das ständige Flüchten vor den Dämonen der Vergangenheit endlich aufzugeben. Beides gelingt auch und so ist er im Jahr 2013 seit zwölf Jahren trocken und in einem Hospiz tätig; offiziell als Hausmeister, aber weitaus mehr geschätzt als Begleiter der Patienten, denen er mit Hilfe seiner Fähigkeiten ein friedliches Sterben schenkt. Sein Leben verläuft also in geordneten Bahnen, die allerdings bald einem Rollercoaster gleichen werden…

2001 wird unweit von Dans Domizil Abra Stone geboren, die schon früh ihre Eltern mit paranormalen psychischen Fähigkeiten verblüfft und beunruhigt. Im Laufe der Jahre lernt sie, diese weitgehend für sich zu behalten um ihre Umwelt nicht zu verängstigen. Jedoch nimmt sie bereits als Kleinkind mentalen Kontakt zu Dan auf, wenn auch nur sporadisch und ohne persönliche Beziehung. Die Jahre vergehen ruhig und normal und Abra scheint zu einem ganz normalen Teenager heranzuwachsen…

\“True Knot\“ nennt sich eine Gruppe (meist ältlicher) Psycho-Vampire, die sich anstatt von Blut von den übernatürlichen Begabungen mancher Menschen ernähren, welche diese Transfusionen allerdings nicht überleben (am nahrhaftesten sind Kinder, die langsam zu Tode gefoltert werden). Die mörderische Sekte labt sich auch am allgemeinen Leid der Menschen bei Katastrophen und daran herrscht ja bekanntlich selten Mangel. Allerdings werden die Mitglieder mit zunehmender Zeit schwächer und so ist die Euphorie entsprechend groß, als sie durch Zufall auf Abras überwältigendes Shining-Potenzial aufmerksam werden. Sie wittern darin die große Chance, ihr Überleben zu sichern; Dan Torrance und sein junger Schützling stehen vor einem unausweichlichen Showdown…

Stephen King hat mit \“Doctor Sleep\“ nicht einfach eine Fortsetzung seines Erfolgsromans \“Shining\“ (1977) geschaffen, sondern erzählt vielmehr die Geschichte von Danny weiter, dem kleinen verlorenen Jungen aus dem Overlook Hotel. Dabei gibt es auch autobiografische Bezüge (Alkoholismus); im Vordergrund steht jedoch die Entwicklung eines Menschen, die ihn schließlich bereit macht für eine erneute Konfrontation mit den Mächten der Finsternis. Der eingeweihte Leser trifft neben alten Bekannten (Tony, Dick Halloran) auch faszinierende neue Protagonisten; allesamt (wie vom Meister gewohnt) überzeugend angelegt. Verschiedene Nebenhandlungen stören dabei nie die Stringenz des Plots.

Der Schreibstil ist wieder einmal flott und spannend und lässt stets die Empathie erkennen, die der Autor für seine Charaktere empfindet, er ist viel mehr als der \“Horror-Schriftsteller\“, als der er von vielen immer noch abgetan wird. King wird ja gern mal nachgesagt, dass er sich schwer damit tut, seine Geschichten zu einem überzeugenden Ende zu bringen, in \“Doctor Sleep\“ jedoch versteht er es meisterhaft, die verschiedenen Handlungsfäden am Schluss zusammenzuführen. Man mag ihm vorwerfen, dass er erneut eines seiner Lieblingsthemen (Kind mit besonderen Fähigkeiten) aufgreift, aber wenn das immer so genial gelingt wie hier, kann und soll er ruhig damit weitermachen!


Genre: Horror
Illustrated by Scribner

Joyland

\"Joyland\"Wer – wie der Rezensent – im Laufe der letzten drei Jahrzehnte rund 50 Bücher von Stephen King gelesen hat, der fragt sich bei jedem neuen Roman, den der Meister des subtilen Grauens vorlegt: Wie schafft der King of Horror es diesmal, den Leser zu binden und in den Mahlstrom seiner Erzählung hineinzuziehen?

»Joyland« ist auf der einen Seite eine subtile Geschichte aus dem Amerika der frühen siebziger Jahre, in welcher der Ich-Erzähler Devin Jones, aus heute abgeklärter Sicht schildert, wie er als 21-jähriger Student über den Verlust seiner ersten großen Liebe hinwegkam und dennoch seine Unschuld verlor. In Liebesdingen gänzlich unerfahren, hatte er sich in eine Kommilitonin verknallt, mit der er zwar heiße Liebesschwüre tauschte, doch nie so weit kam, »es« zu tun. Sie hingegen war hinter seinem Rücken längst mit anderen Typen aktiv und wühlte sich als Partygirl durch Kissen und Decken.

Hilfreich war dem jungen Mann bei der Bewältigung seines Schmerzes, das Studium auszusetzen und sich für ein Jahr als Helfer in einem Vergnügungspark zu verdingen. In diesem »Joyland« darf er als Mädchen für alles den Dreck der »Tölpel«, wie die Besucher heimlich im Mitarbeiterjargon genannt werden, wegwischen. Er muss die Attraktionen warten und bedienen: das Riesenrad, die Schießbude, die Whirly Cups, und das Horrorhaus. Seine besten Auftritte aber hat er im Fellkostüm des Parkmaskottchens Howie, eines Hundes mit großen Schlappohren und langem Schwanz, der die jüngsten Besucher mit lustigen Tänzen begeistert.

Doch da gibt es noch eine geheimnisvolle Geisterbahn, die ein Gespenst beherbergen soll. Der Geist einer ermordeten jungen Frau spukt angeblich in stockdunklen Kabinett. Deren Kehle wurde von einem unentdeckt gebliebenen Mörder während der Fahrt mit einem Rasiermesser durchgeschnitten, anschließend wurde das Opfer brutal aus dem Wagen geworfen.

Menschen mit seherischen Kräften können die unheimliche Erscheinung wahrnehmen und reagieren verstört, andere meiden die Geisterbahn und halten sie für verflucht. Devin jedoch will an keinen Spuk glauben. Er ist neugierig und versucht, die wahre Geschichte des Verbrechens zu recherchieren. Mithilfe von Freunden erfährt er dabei, dass auch in anderen Vergnügungsparks junge Frauen auf ähnlich bestialische Weise umgekommen sind. Es agiert offenbar ein Serientäter, auf den es allerdings kaum Hinweise gibt. Der junge Mann fühlt sich diesem geheimnisvollen Kirmesmörder nahe, er möchte das Rätsel gern lösen.

An jedem Morgen, den Devin den Strand entlang zu seiner Arbeitsstätte geht, sieht er in der Ferne einen behinderten Jungen, der dort Sauerstoff tankt, mit seiner Mutter sitzen. Er freundet sich mit dem Sterbenskranken an und versucht, ihm seinen größten Traum zu verwirklichen, einen Tag in dem Vergnügungspark verbringen zu dürfen. Zwischen den beiden wächst eine Freundschaft. Das Kind, das von einem baldigen Tod weiß, ist dankbar für die Zuwendung, die ihm der Ältere schenkt. Der Junge sieht Dinge, die Devin nicht wahrnehmen kann, er scheint über mediale Fähigkeiten zu verfügen. So übermittelt er seinem neuen Freund Informationen, die dieser aber nicht zu deuten versteht. Nach einer kleinen Romanze, bei der Devin endlich seine Unschuld verliert, läuft damit alles auf den großen Showdown im Joyland hinaus, wo Spaß sich blitzschnell in Horror verwandeln kann.

Erstaunlich ist bei diesem Buch, dass Stephen King die unendlich vielen Möglichkeiten, die ein solcher Vergnügungspark der Phantasie bietet, nicht nur nicht ausspielt, sondern sie nahezu ignoriert. Er beschränkt sich vielmehr auf die Schilderung des Studenten, der durch seine Neugierde eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen auslöst. Wer eine blanke Horrorstory erwartet, die den Leser über hunderte Seiten in Atem hält und ihn mit fieberhaften Augen Seite um Seite verschlingen lässt, wird mit diesem Werk weniger gut bedient. Geliefert wird vielmehr eine mit 352 Seiten für Stephen Kings Verhältnisse kurze, aber umso geschmeidigere Erzählung, die sowohl in der Personenführung wie der Dialogregie glänzend gebaut ist und in eine leicht überschaubare Kriminalhandlung mit übersinnlichen Momenten mündet.

Mit »Joyland« beweist der 1947 in Portland, Maine, geborene King die Bandbreite seines Könnens und erweist sich erneut als fantastischer Erzähler. Das eigentliche Thema des Buches ist indes fast philosophisch: Es ist die Konfrontation mit dem uns umgebenden Tod, der als Sensenmann jeden mitnimmt, ob er nun in Geld schwimmt, schreiend komisch oder auffallend gut bestückt ist. So muss sich auch der an Multipler Sklerose erkrankte kleine Junge in sein unvermeidliches Schicksal fügen, und das ist vielleicht sogar grausamer als das, was die Mordopfer erleiden.


Genre: Kriminalliteratur
Illustrated by Heyne München

Throttle

Vince ist der Anführer einer Motorrad-Gang, bestehend aus Veteranen der Kriege in Vietnam und Irak, darunter auch sein Sohn Race, mit dem ihn ein zwiespältiges Verhältnis verbindet. Da bei einem geplatzten Drogengeschäft die Dinge außer Kontrolle geraten sind, versuchen die Jungs erst einmal Land zu gewinnen, unschlüssig und uneins über das weitere Vorgehen.

Nach einem kurzen Aufenthalt in einer Raststätte bekommen es die Biker aus heiterem Himmel mit einem mächtigen Gegner zu tun: Ein Riesentruck, der sie nacheinander aufs Korn nimmt, scheinbar grundlos gnadenlos Jagd auf sie macht und sie über die menschenleeren Highways hetzt. Nun muss sich die zerstrittene Gruppe zusammenraufen, um eine Chance aufs Überleben zu haben…

Diese Kurzgeschichte ist eine Hommage an Richard Matheson’s „Duell“, das unter dem gleichnamigen Titel von Steven Spielberg erfolgreich verfilmt wurde. Zwangsläufig fehlt den Protagonisten etwas die Tiefe, aber dafür werden Action und Spannung gekonnt hochgehalten, dem Leser bleibt kaum Zeit zum Luftholen. Reizvoll dabei auch aus Sicht der Autoren der Vater-Sohn-Konflikt in der Geschichte, handelt es sich bei Joe Hill doch um den ältesten Sohn von Stephen King.

Die beiden haben ihre Kooperation souverän hinbekommen, man darf getrost annehmen, dass Großmeister King eher für die Entwicklung der Story zuständig war und dem Sohnemann die drastische Schilderung graphischer Details überlassen hat. Und ja, im Gegensatz zu Spielbergs Film wird auch ein Motiv für die Handlungen des durchgeknallten Truckers geliefert.

„Throttle“ ist beispielhaft für die Möglichkeiten des eBook, die gerade Stephen King schon früh erkannt hat, er bietet den Fans hier einen schnellen Happen für zwischendurch und verkürzt ihnen so die Wartezeit bis zum nächsten 900-Seiten-Wälzer.


Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by William Morrow

11.22.63

Jake Epping, 35, ist Englischlehrer in Lisbon Falls, einem Nest in Maine und führt ein eher durchschnittliches Leben. Das ändert sich jedoch schlagartig, als ihm sein Kumpel AL Templeton in der Abstellkammer seiner Imbissbude ein Tor in die Vergangenheit zeigt. Die Regeln sind einfach: Bei jedem Eintritt gelangt man zum 9. September 1958 und bei jeder Rückkehr sind in der Gegenwart genau zwei Minuten vergangen. Außerdem wird bei jedem erneuten Durchschreiten ein kompletter Reset gestartet, sämtliche bei vorherigen Besuchen ausgelösten Änderungen sind hinfällig.

Al hatte einen großen Plan: Er wollte in der Vergangenheit bis zum Jahr 1963 ausharren und den Mord an Präsident Kennedy in Dallas zu verhindern, indem er den Attentäter Lee Oswald vorher tötet. Lungenkrebs im Endstadium zwingt ihn jedoch zur vorzeitigen Rückkehr und er bittet Jake, den Job zu übernehmen. Dessen anfängliche Skepsis wird bald von Neugier besiegt und so stürzt er sich in das ungewöhnliche Abenteuer. Vor der Rettung des Präsidenten muss er aber noch einem Freund helfen und eine Familientragödie verhindern; er reist nach Derry (treue King-Leser wissen, was 1958 in Derry geschah). Doch das ist erst der Anfang, auf Jake wartet nicht nur die Liebe seines Lebens, sondern auch eine Vergangenheit, die sich partout nicht ändern lassen will…

Es gibt im Leben Momente, in denen man innehält, weil einem bewusst ist, dass das soeben Geschehene den Lauf der Geschichte nachhaltig verändern wird. Der 11. September war so ein Ereignis, die Ermordung von John F. Kennedy ein anderes. Es gibt darüber unzählige Bücher, Filme und Dokumentationen; Lou Reed hat ein wunderbar anrührendes Lied geschrieben („The day John Kennedy died“), auch Axl Rose sang: „It was my first memory when they shot Kennedy“. Und nun nimmt sich also der erfolgreichste Schriftsteller der Welt des Themas an.

King wählt dabei jedoch einen anderen Ansatz: Er lässt die Verschwörungstheorien (an die er übrigens im Gegensatz zu seiner Frau nicht glaubt) weitgehend außen vor und schickt seinen Ich-Erzähler in die Vergangenheit um diese zu ändern, mit allen (unbekannten) Konsequenzen. Er hält sich dabei eng an die historischen Vorgaben der Personen und Schauplätze im Dunstkreis von Oswald und verleiht dem Roman somit zusätzlich Authentizität. Natürlich ist auch das Leben in dieser Zeit ein weiteres Hauptthema und dieses Leben ist durchaus zwiespältig, denn neben der unbeschwerten Fröhlichkeit kleinstädtischer Tanzveranstaltungen und nachbarschaftlicher Empathie haben ebenso provinzielle Bigotterie und alltäglicher Rassismus ihren festen Platz. Highlights sind die problematischen Situationen, die bei Zeitreisen auftreten können: Wenn der Held beispielsweise nach seinem (nicht vorhandenen) Handy greift oder durch das laute Absingen obszöner Rolling Stones-Verse für Verwirrung sorgt.

Der Erzählstil ist packend, wie meist bei Stephen King, der Leser ist mittendrin im Geschehen und wird trotz einiger Längen im Mittelteil gefesselt von den Ereignissen. Da der Autor auch eine Reise in die eigene Vergangenheit unternimmt, gibt es ein Wiederlesen mit Protagonisten aus „Es“; Nostalgie pur für die Fans. Obwohl das Thema Zeitreisen schon bei „Langoliers“ behandelt wurde, weist der neue Roman eher Parallelen zu „Dead Zone“ auf, nicht nur weil dort ebenso durch ein politisches Attentat die Zukunft geändert werden soll, sondern auch wegen der nicht ganz unbedeutenden Nebenhandlungen. Und klar: Die Polizei von Dallas bekommt ordentlich auf die Mütze, mehr als bei „Tommyknockers“.

Stephen King wollte dieses Buch eigentlich schon 1972 schreiben und es ist gut, dass er gewartet hat, denn das Thema bewegt immer noch viele Menschen und es ist zu bezweifeln, dass er eine derart komplexe Aufarbeitung und Umsetzung schon in jungen Jahren hinbekommen hätte. Heute kann man mit Fug und Recht sagen, dass dem Meister wiederum ein großer Wurf gelungen ist.


Genre: Thriller
Illustrated by Hodder

Mile 81

Auf einem verlassenen Rastplatz am Rande eines Highways rollt ein Auto aus, ein undefinierbares Modell, mit Schlamm beschmiert. Langsam öffnet sich eine Tür, aber niemand steigt aus, im Gegenteil: Der Wagen wartet darauf, dass nichtsahnende Neugierige einsteigen…

Diese als exklusives E-Book veröffentlichte Kurzgeschichte ist typisch Stephen King: Spannend, unterhaltsam und nicht ganz unblutig. Trotz der Beschränkung auf vergleichsweise wenige Seiten sind die Charaktere treffend gezeichnet und ihr Handeln bleibt stets nachvollziehbar. Gewisse Parallelen zu „Christine“ sind vorhanden und von King auch selbstironisch gewürdigt. Für den Meister eine Fingerübung, für seine Fans ein echtes Lesevergnügen.

Als Zugabe gibt es noch einen Auszug aus „11.22.63“, dem mit Spannung erwarteten 1000-Seiten-Wälzer, der im November erscheint und sich mit dem Kennedy-Attentat beschäftigt.


Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Hodder

Ur

Wesley Smith ist Englischlehrer an einem kleinen College in Kentucky und gilt im Kollegen- und Schülerkreis als hoffnungslos rückständig, da er zum Lesen noch echte Bücher benutzt statt Computer oder E-Reader. Als es deswegen sogar zum Zerwürfnis mit seiner Freundin kommt beschließt Wesley aus Trotz, einen Amazon Kindle zu erwerben. Dieser trifft auch prompt ein (eigentlich zu prompt) und ist merkwürdigerweise pinkfarben statt weiß.

Beim Herumspielen mit seiner neuen Errungenschaft entdeckt Wesley bald den experimentellen Bereich (gibt es wirklich) und darin die UR-Funktionen (gibt es nicht wirklich). Aus Neugier sucht er darin nach seinen Lieblingsautoren und stellt verblüfft fest, dass persönliche Helden wie Hemingway oder Shakespeare weitaus mehr Bücher verfasst haben als allgemein bekannt; natürlich ein gefundenes Fressen für einen Literaturbesessenen! Doch der mysteriöse Kindle hat noch wesentlich mehr auf Lager, zum Beispiel Zeitungen aus der Zukunft…

Großmeister Stephen King hat diese Novelle exklusiv für den Amazon Kindle veröffentlicht und damit wieder einmal ein kleines Juwel aus der Feder geschüttelt. Die Geschichte ist extrem spannend und gewohnt empathisch erzählt, auch wenn die Hauptrolle diesmal nicht von kühnen Helden oder grauenvollen Monstern gespielt wird, sondern von einem E-Reader, der selbstverständlich entsprechend marketinggerecht in Szene gesetzt wird. King bewies sein Faible für technische Neuentwicklungen schon vor einigen Jahren, als er „Riding the bullet“ zunächst ausschließlich als Download im Internet verkaufte, insofern verwundert sein Engagement nicht. Aber auch seine eher klassischen Fans kommen auf ihre Kosten, gibt es doch ein Wiederlesen mit den Niederen Männern und dem Dunklen Turm.

Fazit: Unbedingt lesen, es muss ja nicht auf einem pinkfarbenen Kindle sein…


Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Storyville

Die Arena

Ort: Chester’s Mill, ein kleines Kaff in Maine, nahe der weltberühmten Stadt Castle Rock.
Zeit: Ein wunderbarer Oktobervormittag in der nicht so fernen Zukunft.

Der gewohnte Gang des Lebens wird jäh unterbrochen, als sich eine unsichtbare riesige Kuppel über den Ort senkt und ihn somit komplett von der Außenwelt abschneidet. An der unüberwindbaren Barriere zerschellen Flugzeuge sowie Autos und Menschen, die sich ihr nähern, kommen durch explodierende I-Pods oder Herzschrittmacher zu Schaden. Nachdem der erste Schock überwunden ist, zeigen sich sehr schnell die Machtverhältnisse in der Kleinstadt: Das Sagen und alles im Griff hat der Stadtverordnete Big Jim Rennie, ein bibelfester Gebrauchtwagenhändler, der zusammen mit korrupten Kollegen eine profitable Drogenfabrik betreibt und die Krise sofort auch als Chance begreift.

Der „Dome“ über Chester’s Mill erweckt natürlich umgehend das Interesse der Sicherheitsbehörden und Militärs, die jedoch samt und sonders mit ihren teuren Spielzeugen bei den Versuchen scheitern, das Ding zu knacken. So setzen sie ihre Hoffnungen auf einen Mann, der zufällig unter den Eingeschlossenen weilt: Dale Barbara (Barbie), ein Irak-Veteran, der sich jetzt als Aushilfskoch verdingt wird flugs reaktiviert und vom Präsidenten (eindeutig Obama, auch wenn er nicht namentlich genannt ist) persönlich mit umfangreichen Vollmachten ausgestattet, denn die Mächtigen vermuten, dass die Quelle für das Kraftfeld sich in der Stadt selbst befindet.

Während unter den Isolierten munter spekuliert wird, ob man es mit einem Werk Gottes, einem Angriff von Außerirdischen, Terroristen oder der eigenen Regierung zu tun hat, schart Big Jim – der nicht im Traum daran denkt, die Weisungen des Präsidenten zu befolgen – seine Truppen um sich. Jugendliche Straftäter werden als Hilfspolizisten angeheuert und unter dem Schutz der Uniform mutieren sie dann als moderne Hitler-Jugend folgerichtig zu sadistischen Mördern und Vergewaltigern. Mit der unnötigen Schließung von Supermärkten provoziert man gekonnt Aufruhr und Plünderung, um sodann den Notstand auszurufen und die kleine Diktatur perfekt zu machen. Aber auch Barbie hat Verbündete, und die braucht er dringend, denn es drängt die Zeit und nicht nur Nahrung und Energie gehen zur Neige, sondern es verändern sich auch die Lebensbedingungen innerhalb der Kuppel, wo Luftverschmutzung die Sterne rosa färbt und Sonnenuntergänge zu bizarren Spektakeln macht…

Stephen King ist ein Phänomen, nicht nur weil er der erfolgreichste Schriftsteller der Welt ist, nein, er versteht es auch immer wieder, seine zahllosen Anhänger mit neuen Plots zu begeistern, ohne dabei auf bewährte Standardthemen zu verzichten. Mit „Under the Dome“ (ich bevorzuge den Originaltitel statt der erneut selten dämlichen deutschen Variante; von einer Arena gibt es weit und breit keine Spur) ist ihm jetzt ein 1.100 Seiten starkes Epos gelungen, das den Vergleich mit seinen allergrößten Hits nicht zu scheuen braucht. Das Szenario Amok laufender Kleinstadtbürger erinnert an „Needful Things“ und die quasi-apokalyptische Eskalation des Kampfes Gut gegen Böse natürlich an „The Stand“ (man beachte zum Beispiel die Parallelen zwischen Phil Bushey und dem Mülleimermann).

Der Autor macht in eindringlicher und beklemmender Weise deutlich, wie schnell sich in einer abgeschotteten Gesellschaft in Extremsituationen autoritäre und faschistische Machtstrukturen entwickeln können, hier noch befeuert durch die abstruse Ideologie christlicher Fundamentalisten, die King in vielen seiner Werke an den Pranger stellt und genüsslich geißelt. Dennoch hält er auch Trost für den Leser parat; die Provinzdiktatur produziert konsequent ihre eigene Revolution.

King versteht wie kein Zweiter die Kunst, den Leser durch eine packende und stringente Handlung zu fesseln; auch bei mehr als tausend Seiten kommt nie Langeweile auf, nicht zuletzt deshalb, weil sich die Länge der einzelnen Kapitel doch recht übersichtlich darstellt (hier sei das gestattet, da man es mit einer Vielzahl von Protagonisten zu tun hat). Er ist ein Meister der Sprache, die er perfekt beherrscht und mit der er souverän spielt; immer wieder findet der Leser faszinierende Perlen in ganzen Sätzen oder einzelnen Wendungen. Durchaus innovativ ist die Grundidee des Buches mit der unsichtbaren Kuppel und auch die Umsetzung und Auflösung am Ende sind rundum gelungen. Fazit: Kein page-turner, sondern ein page-burner!


Genre: Thriller
Illustrated by Heyne München

Wahn

Für ein Jahr mietet Edgar Freemantle ein Haus auf Duma Key, Florida. Das auf Stelzen errichtete Gebäude ragt wie ein Schiff in den blauen Golf von Mexiko. »Big Pink« nennt der ehemalige Unternehmer das einsame Strandhaus, das rosa gestrichen ist.

Freemantle hat sich an diesen Zufluchtsort der frisch Verheirateten und fast schon Toten zurückgezogen, um sich von einem schweren Verkehrsunfall zu erholen. Dieser Unfall kostete ihn einen Arm und brachte ihm schwere Bein- und Schädelverletzungen ein.

Sein Broca-Zentrum, eine Region der Großhirnrinde, ist beschädigt. Dadurch hat er Wortfindungsschwierigkeiten und kann sich teilweise nur schwer erinnern. Sein Arzt rät ihm, spazieren zu gehen und »gegen die Hecke der Nacht« zu malen.

Edgar ist durch die Beschädigung seines Gehirns ungewöhnlich sensibel geworden und beginnt wie unter Zwang zu zeichnen. Auf seinen Bildern entstehen Situationen, die Vorhersagen gleichen. Er hat offensichtlich das zweite Gesicht, und seine Darstellungen beschreiben Vergangenes und künden Zukünftiges. Telepatische Schübe und eine unheimliche Hellsichtigkeit lassen ihn Zeichnungen und Gemälde fertigen, die düsteren Prophezeiungen gleichen.

Bei ausgedehnten Strandspaziergängen trifft er auf Wireman, einen Anwalt, der die Erbin einer ausgestorbenen Dynastie betreut und freundet sich mit ihm an. Der von Alzheimer verwirrten, uralten Elizabeth Eastlake gehört der gesamte Strandabschnitt. Freemantle bemerkt, dass Wireman ebenso wie die Hausherrin Kopfverletzungen haben. Sie fiel im zarten Alter von zwei Jahren von einem Ponywagen, der Anwalt überlebte einen Selbstmordversuch mit Pistole. Beide scheinen ebenso wie der Maler über überdeutliche Begabungen zu verfügen, Dinge und Ereignisse wahrzunehmen. Alle drei Personen sitzen damit in einem Boot und stellen sich die Frage, ob ihre ungewöhnlichen Fähigkeiten mit den Verletzungen bestimmter Hirnregionen oder mit der Gegend zu tun haben, in der sie wohnen. Schon bald werden sie von den Ereignissen aufgeklärt.

Freemantles Bilder schlagen fundamental ein und begeistern Fachwelt wie Publikum. Doch die Bilder, auf denen gelegentlich ein gespenstisches Schiff auftaucht, üben eine gefährliche Sogwirkung auf ihre Betrachter aus. Sie ziehen sie wie eine tückische Unterströmung an. Es ist, als ergreife etwas von ihnen Besitz, das über die Gemälde hinaus wirkt. Bald erkennt das neu entdeckte Malgenie, welche Grauen erregende Macht von seinen Bildern ausgeht. Mit seiner Kunst kann er zwar positiv wirken und sogar heilen. Er kann damit aber auch Leben vernichten, und viele Motive, die er wie im Fieber auf Leinwand schleudert, entfalten erst langsam ihre wahre Bedeutung.

Stephen King erweist sich mit »Wahn« erneut als exzellenter Erzähler und scheint kein Formtief zu kennen. Gemächlich entspinnt sich die Handlung, um bald eine eigene Dynamik zu gewinnen und zum Schluss für atemberaubendes Tempo zu sorgen. Ähnlich wie in seinem Psychothriller »Love«, die Biographie einer dreißigjährigen Ehe, die durch Höhen und Tiefen geht, spielt auch in »Wahn« die Liebe eines Mannes zu seiner Familie eine wesentliche Rolle. Außerdem verarbeitet King ein weiteres Mal die Schrecknisse eines schweren Verkehrsunfalls, der ihn vor einigen Jahren beinahe aus der Bahn warf.

Kings »Wahn« richtet ausnahmsweise kein Blutbad an, das Leser des Horrorkönigs beispielsweise von seinem Thriller »Puls« kennen. Der Leser wird dennoch oder gerade deshalb in Atem gehalten. Er erlebt das Grauen der Protagonisten, als diese versuchen, das Übel an der Wurzel zu packen, und er erfährt immer neue Überraschungen und unvorhersehbare Wendungen.

In seinen Grundzügen erschließt sich die Handlung des Werkes und sein voraussichtlicher Schluss recht früh aus vielen Details. King arbeitet beispielsweise mit einem Textversatz namens »Wie man ein Bild malt«, der die Kapitel einleitet. Dies erschließt dem Leser recht früh Details und Zusammenhänge. Das aber ist der Spannung eher förderlich, und so jagt der Leser knapp neunhundert Seiten lang atemlos dem enthemmt kreativen Erzähler nach.

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Genre: Horror
Illustrated by Heyne München