Die Muchachas-Trilogie

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So schnell kann es gehen. Gerade noch feierten wir ein frohes Wiedersehen mit Josephine Cortès und ihren Töchtern, tanzten mit ihr in den Tag, stürzten uns kopfüber ins Leben, schon müssen wir uns wieder verabschieden und lassen liebgewordene Muchachas „nur einen Schritt vom Glück entfernt“ zurück.

Teil drei der neuen Trilogie von Katherine Pancol ist erschienen und ihre LeserInnen schauen zurück auf einen Frühling, der von ganz besonderen Freundinnen begleitet wurde. In den Monaten März, April und Mai erschien jeweils ein Teil der Muchachas-Saga und versorgte uns mit sehnlich erwarteten Neuigkeiten über die Frauen, die uns teilweise schon seit Katherine Pancols erster Trilogie so vertraut waren. Die Schicksale der Muchachas werden unabhängig voneinander erzählt, wobei sich ihre Wege gelegentlich kreuzen. Wir lesen von ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen und Schicksalen, aber eines verbindet die Frauen: der Wille, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen und ihm das Beste abzutrotzen.

Die Erwartungen waren nach der überraschenden ersten Trilogie hoch geschraubt und – auch wenn ich die Muchachas sehr gerne gelesen habe – der Nachfolger erreicht die selbst gelegte Latte nicht ganz. Die Geschichten sind nicht so dicht wie von der Autorin gewohnt und kratzen wenig mehr als die Oberfläche. Katherine Pancol erzählt Geschichten von Liebe und Freundschaft, von Mode und Kunst, vom Leben in großen Städten und bodenständigen ländlichen Gebieten, von Rache und großen Gefühlen. Das alles in ihrem ganz eigenen Stil: mal plaudert sie unterhaltsam , mal gleitet sie unvermutet in nachgerade phantastische Geschichten ab, immer aber mit viel Liebe und Empathie zu ihren Figuren. Katherine Pancol ist eine Erzählerin, die mit Herzblut erzählt, man könnte sagen, in gutem Sinne ist sie eine begnadete Märchenerzählerin. Das kann sie, damit macht sie ihren LeserInnen viel Freude. Aber – sie wäre gut beraten, wenn sie es auch dabei belassen würde.

Was sie nicht kann, ist Sozialkritik. Sie erzählt in den Muchachas in bekannter Manier von der ehrgeizigen Hortense, der talentierten Geigerin Calypso, der verträumten Josephine. Dass sie zwischendurch Anleihen bei Erfolgsformaten wie Sex and the City nimmt – geschenkt. Kann man machen, hätte sie eigentlich nicht nötig. Aber all diese Geschichten reichen ihr diesmal nicht. Sie hat den Ehrgeiz, ein dunkles Thema mit in ihren Roman zu packen – und verhebt sich daran ganz gewaltig. Es geht diesmal auch um Gewalt in der Ehe und Mißbrauch in der Familie. Im Nachwort erzählt sie eine beobachtete Begebenheit, die sie zu diesem schweren Thema gebracht hat. Dieser Bericht ist wahrhaftig und macht betroffen, man glaubt der Autorin sofort, wie wichtig es ihr danach war, dies in ihre Bücher mit aufzunehmen.

Alleine – sie schafft es nicht, diese Betroffenheit, diese Wahrhaftigkeit mit in die Erzählung zu nehmen. Sie bleibt ihrem Märchenstil treu, wirkt dadurch vage und das hinterlässt beim Leser ein äußerst schales Gefühl. An keiner Stelle, zu keiner Zeit wird wirklich klar, warum Leonie – die mißhandelte Ehefrau und Frau – das alles einfach so hingenommen hat und schon gar nicht, wie sie zulassen konnte, was mit ihrer Tochter geschah. Die Erklärungsversuche im dritten Band jedenfalls sind noch weniger als halbherzig. Wo Pancol es sonst an jeder Stelle mit Leichtigkeit schafft, den Leser zum Komplizen zu machen, hier verärgert sie. Klassischer Fall von gut gemeint ist noch nicht gut gemacht.

Den ungetrübtesten Lesespaß hat man daher mit Band 2, in dem sich vor allem Hortense und ihr Umfeld kopfüber ins Leben stürzen und die Geschichte von Leonie und ihrer Tochter außen vor bleibt. Zu Beginn von Teil 3 haben es alle Figuren an einen Wendepunkt geschafft, von dem aus sie dem Ende ihrer Geschichten zustreben. Es liegt bei ihnen selbst, wie sie das Erlebte verarbeiten, sie haben es selbst in der Hand, den letzten Schritt zum Glück zu wagen. Für einige ist dies die Zeit der Befreiung. Oder Hoffnung. Das ganz besondere Markenzeichen der Autorin hier wie auch in der ersten Trilogie: Sie gesteht ihren Figuren das Recht auf Rache zu und ermöglicht damit den Lesern das Vergnügen einer erlebten Stellvertreter-Gerechtigkeit. Und bei aller Scheherazade-Phantasterei widersteht sie der Verlockung von grandiosen Happy Ends. Dabei hätte man ihr das noch nicht einmal übel genommen. Aber so bleibt die Hoffnung auf eine Fortsetzung. Auserzählt sind die Geschichten noch nicht. Da geht noch was.

Alles in allem: Trotz der bemängelten Stellen war es schön, diesen Frühling von den Muchachas begleitet zu werden. Wie die Jahreszeit verhießen auch die Geschichten der Freundinnen einen neuen Aufbruch. Leicht zu lesen, aber nicht so leicht zu vergessen. Sagen wir es mit der Autorin: „Niemand erinnert sich am Ende seines Lebens an die Nächte, in denen er gut geschlafen hat“. Aber an die Muchachas werden wir sicher noch ein bißchen denken.

Noch einmal der bereits in der ersten Rezension gegebene Hinweis: Die einzelnen Teile sind nicht ins sich abgeschlossen, die „Muchachas“ sind eher eine Serie zum Lesen als eine herkömmliche Trilogie.


Genre: Romane
Illustrated by Carl´s Books

Muchachas – Tanz in den Tag

Der Leser nun ist mit den Eichhörnchen traurig. Traurig aus nur einem einzigen Grund: Weil er sich von liebgewonnenen Charakteren und wundersamen Geschichten verabschieden muss.“ Das schrieb ich vor etwas mehr als zwei Jahren nach beendeter Lektüre von „Montags sind die Eichhörnchen traurig„, dem dritten Band der Josephine-Trilogie, mit der sich die französische Überraschungs-Erfolgsautorin Katherine Pancol in die Herzen von Millionen Lesern geschrieben hatte.

Und ich war ehrlich traurig. So, so gerne wollte ich wissen, wie es mit der liebenswerten, leicht verrückten französischen Sippschaft weitergeht. Aber nun! Nun ist Schluß mit traurig. Katherine Pancol ist wieder da und mit ihr die ewig zaudernde, aber stets tapfere Josephine, ihre ehrgeizige Tochter Hortense und ihre verträumte Tochter Zoé. Und ich weiß endlich, wie es mit ihnen weitergegangen ist. Dennoch – um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen – die Familie Cortès steht diesmal nicht im Mittelpunkt der neuen Saga von Katherine Pancol. Bei den „Muchachas“ geht es um gleich mehrere Frauen. Ihre Schicksale werden unabhängig voneinander erzählt, wobei sich ihre Wege auf unterschiedlichste Art und Weise kreuzen. Wir lesen von ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen und Schicksalen, aber eines verbindet die Frauen bei aller Verschiedenheit: der unbedingte Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen und das ganz eigene Glück zu finden.

Muchachas1Im gerade erschienenen ersten Teil der „Muchachas -Tanz in den Tag“ bekommt die Geschichte von Stella und ihrer Mutter Leonie, die unter dem gewalttätigen Vater und Ehemann leiden, den größten Raum. Die junge Schrotthändlerin Stella lernen wir als mutige alleinerziehende Mutter kennen, ihre Mutter Leonie ist durch die ständigen Mißhandlungen und Demütigungen ihres Mannes nur noch ein Schatten ihrer selbst. Während die anderen Geschichten weitestgehend in den Metropolen dieser Welt spielen, entdeckt man in Stellas und Leonies Geschichte eine andere, eine dunklere Welt, die des ländlichen, eigentlich bodenständigen Bourguignon.

Josephine und ihre Tächter tauchen als mit diesen Frauen verbundene Nebenfiguren wieder auf und so erfahren wir quasi by the way nach und nach, wie es ihnen ergangen ist. Reicht aber völlig, um die Neugier zu befriedigen, sogar Junior taucht wieder auf. Darüberhinaus lernen wir noch einige neue Charaktere kennen – so die auf den ersten Blick unscheinbare Musikerin Calypso. Und auch wenn von ihnen im ersten Teil nur am Rande die Rede ist, wir ahnen schon, dass sie in den weiteren Teilen eine größere Rolle spielen werden. Spannung aufbauen, das kann die Pancol unberufen.

Die einzelnen Teile der Muchachas sind nicht in sich abgeschlossen, das Projekt ist eher als ein großer Roman in drei Teilen angelegt. Es ist mehr eine Serie zum Lesen als eine herkömmliche Trilogie. Glücklichwerweise müssen wir diesmal nicht allzu lange auf die Fortsetzungen warten, alle drei Teile werden dieses Frühjahr hintereinander weg erschienen. Jeden Monat ein Band, so ist der Plan. Sozusagen binge-reading nach dem Vorbild des bei visuellen Serien so beliebt gewordenen binge-watching. Inclusive Cliffhanger. Diverser Cliffhanger, um genau zu sein.

Die Muchachas erscheinen als preisgünstigeres Soft-Cover. Band 2 „Muchachas – Kopfüber ins Leben“ erscheint am 11. April und der finale dritte Band „Muchachas – Nur ein Schritt zum Glück“ am 9 Mai. Danach gibt es dann auch eine ausführliche Rezension und Bewertung des gesamten Romanprojekts. Für Band eins gibt es auf jeden Fall schon mal eine klare Leseempfehlung – ich habe sehr gerne mit den Muchachas in den Tag getanzt.


Illustrated by Carl´s Books

Montags sind die Eichhörnchen traurig

Eichhörnchen Montag Happy End. Die Guten haben ein verdient gutes, die Bösen ein verdient böses Ende bekommen. Alle sind glücklich.
Bis auf die Eichhörnchen und den Leser.

Nachdem wir 2011 die Welt mit den gelben Augen der Krokodile sahen und 2012 den langsamen Walzer der Schildkröten tanzten, ist der Leser in diesem Jahr nun mit den Eichhörnchen traurig. Traurig aus nur einem einzigen Grund: Weil er sich mit dem dritten Band der Josephine-Trilogie, mit der sich die französische Überraschungs-Erfolgsautorin Katherine Pancol in die Herzen von Millionen Lesern geschrieben hat, von liebgewonnenen Charakteren und wundersamen Geschichten verabschieden muss.

Aber vor die Trauer hat die Autorin das Lesen gestellt. Und zum dritten Mal in Folge enttäuscht sie nicht, wird den mittlerweile hoch geschraubten Erwartungen gerecht. Die ersten Rezensionen des dritten Teils, die im letzten Jahr aus Frankreich rüberschwappten, waren nicht eindeutig positiv. Keine Ahnung warum, vielleicht ist auch einfach mein Französisch zu schlecht. Ich für meinen Teil habe auf jeden Fall wiederum keine 20 Seiten Lektüre gebraucht, um vollends in den Bann der Geschichte gezogen zu sein und am liebsten die ganzen 823 Seiten in einem einzigen Rutsch zu lesen. Eichhörnchen sind zwar keine Schildkröten, aber Walzer tanzen können sie auch.

Einmal noch dürfen wir ein Wiedersehen mit der ganzen verrückten Sippschaft feiern. Diesmal steht kein einzelner Protagonist im Vordergrund, allen Charakteren wird gleichberechtigt Raum gegeben, alle Handlungsstränge werden zusammengeführt – schließlich ist es ja auch eine erkleckliche Menge an Geschichten, die zu Ende erzählt werden wollen, auf deren Inhaltsangabe hier aber aus Gründen des Lesevergnügens weitestgehend verzichtet wird.

Zu Beginn des dritten Teils spürt man die Nachbeben der schrecklichen Ereignisse, mit denen Band zwei endete. Die Wogen sind noch lange nicht geglättet, aber sie sind dabei, abzuebben. Josephine durchquert noch einmal ein Tal der Tränen, bevor sie zu sich selbst und ihren Bedürfnissen findet, als Vorbild dient dabei durchaus ihre ehrgeizige Tochter Hortense, der der Erfolg Recht gibt. Shirley muss sich von ihrem Sohn Gary abnabeln und umgekehrt, ihre verrückte Geschichte und das, was diese Geschichte mit ihr gemacht hat, bekommt breiten Raum. Nicht fehlen darf natürlich auch der naseweise Junior, seine knuddeligen Eltern und schon mal gar nicht die abgrundtief böse Mutter Josephines.

Es bleibt beim Charakter eines modernen Märchens. Ausgiebig wird wieder Stellvertreter-Gerechtigkeit geübt, die böse Hexe wird zwar nicht auf den Scheiterhaufen, aber immerhin aus ihrer Wohnung gezerrt. Einige wenige neue Figuren werden sparsam eingeführt, gerade diese tragen aber zur Katharsis bei. So wie Josephines ehrgeizige Tochter Hortense unermüdlich auf der Suche nach dem gewissen Etwas ist, so ist es auch die Autorin. „Manche Menschen leben wie hinter einem Nebelschleier und dieser Schleier muss sich erst heben. Aber alle haben – auch ohne es zu wissen – einen Platz hinter dem Nebel.“

Katherine Pancol hat ihren ganz eigenen, sehr besonderen Stil. Sie liebt Sprache und behandelt diese genauso sorgfältig wie ihre Charaktere und Geschichten. Man merkt, dass die Autorin sich viel Arbeit mit ihren Büchern macht. Bei aller Phantasie sind ihre Bücher immer sorgfältig recherchiert, die Geschichten an keiner Stelle hingeschludert. Wohlgemerkt, viel Arbeit! Keine Mühe. An den Worten, die sie Josephine über das Schreiben in den Mund legt, merkt man deutlich, wie viel Freude die Autorin an ihren Figuren und ihrer Erzählung hat. Genau dieses Fehler jeglicher Last zeichnet Pancols Schreibstil aus. Die Bücher – insgesamt fast zweieinhalbtausend Seiten – wirken an keiner Stelle bemüht, ihre Sätze sind mit leichter, froher Feder geschrieben. An keiner Stelle gibt sie dem heute üblichen Drang, alles zu verdichten, nach und gibt ihrer Geschichte Raum und Zeit. Ich bleibe dabei: eine Scheherazade im besten Sinne.

Fazit: Alle drei Bände dieser außergewöhnlichen Trilogie sind ein seltener Glücksfall für alle, die Schmöker lieben. Selten noch hat man so mitreißend über Erfolg, Demut, Lügen, Verrat, Familien, die Liebe und das Leben gelesen.

Kleine Bemerkung am Rande: Meiner Meinung nach eignen sich alle drei Bände außerordentlich gut für Lesekreise. Ich habe alle Bände zeitgleich mit einer Freundin gelesen und sich über die verschiedenen Charaktere und ihre Entwicklung auszutauschen, war noch einmal ein Extra-Vergnügen für sich.

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Genre: Romane
Illustrated by Bertelsmann München

Der langsame Walzer der Schildkröten

Der_langsame_Walzer_der_SchildkrötenVor einem Jahr faszinierten uns die gelben Augen der Krokodile, in diesem Jahr nun dürfen wir mit Joséphine den langsamen Walzer der Schildkröten tanzen. Teil zwei der Erfolgssaga von Katharine Pancol um Joséphine Cortès und ihre bunt chaotische Familie ist da! Klare Warnung vorab: Es besteht erneut erhöhte Suchtgefahr!

Zwei Jahre, nachdem Joséphine überraschend zur Bestseller-Autorin avancierte, hat sich in ihrem Leben einiges verändert. Mit Zoé, ihrer jüngeren Tochter ist sie in einen noblen Stadttteil von Paris gezogen. Hortense, ihre Älteste, studiert in London und verfolgt äußerst zielstrebig ihren Traum von einer Karriere als erfolgreiche Modedesignerin. Iris, Joséphines gleichermaßen schillernde wie farblose Schwester, hat sich selbst in eine Nervenheilanstalt weggeschlossen, kann sie sich doch in der guten Pariser Gesellschaft nicht mehr blicken lassen. Keine gute Zeit für die geheime Liebe zwischen ihrem Mann und Joséphine. Auch Liebhaber Luca sorgt für Komplikationen. Josephine selbst tut sich schwer, mit den Ereignissen Schritt zu halten, ihr geht das alles zu schnell. Sie ist noch dabei, sich in ihrem neuen Viertel einzuleben, zudem sind es merkwürdige Nachbarn, die sie dort vorfindet. Schlimmer noch, sie sind nicht nur merkwürdig, sondern auch äußerst gefährlich – für ihr eigenes und das Leben ihrer Liebsten. Mehr kann hier an dieser Stelle über den Inhalt nicht verraten werden, ohne die Freude am Buch zu schmälern.

Leben und Schreiben gehen oft Hand in Hand.“ So sagt es Joséphine im Buch und bedauert dabei, dass heutzutage niemand mehr en Detail schreibe, niemand mehr sich richtig Zeit lasse. Katherine Pancol hat einen Roman geschaffen, der auch Joséphine gefallen würde. Denn genau das ist es, was den Stil der französischen Überraschungs-Erfolgsautorin ausmacht: Sie gibt einer Familiengeschichte Raum und Zeit, erzählt ihre Geschichten sorgfältig und mit großer Beobachtungsgabe aus, getragen von einer spürbaren, empathischen Liebe zum Leben und den Menschen. Auch der langsame Walzer ist wieder ein Schmöker im besten, traditionellen Sinne, mal bittersüß, mal fröhlich, gelegentlich auch grausam. An keiner Stelle gleitet Pancol ins Triviale, gerne aber ins Absurde, ja Phantastische. Aber ist es nicht genau das, was wir gerne lesen möchten? Gibt es Schöneres, als eine Geschichte erzählt zu bekommen? Gut erzählt zu bekommen, berührt von ihr zu sein, unterhalten, beglückt und gleichzeitig traurig. Eine Geschichte, deren Erzählerin das Kunststück fertig bringt, ihre Figuren bei aller Phantasie lebensnah so zu gestalten, dass man sich an jeder Stelle mit ihnen identifizieren kann.

Es ist ein ganzes Füllhorn wundersamer Überraschungen, die Katherine Pancol in die Waagschale des Buches wirft. Dazu bedient sie sich all jener Zutaten, die man seit jeher an guten Märchen schätzt. Es gibt die weiße Königin, die gute Fee, eine Hexe, einen schwarzen todbringenden Ritter, den Ritter in schimmernder Rüstung, böse Mütter und Stiefmütter, einen Fluch und den Tod als läuterndes Element, dazu Legionen von Nebenrollen und Nebenhandlungen. In diesem Sinne ist Katherine Pancol wohl so etwas wie die Scheherazade unserer Zeit. Eine Geschichtenerzählerin, die ein leidenschaftliches Plädoyer für das Leben hält und dafür, ihm eine Chance zu geben, sich langsam entwickeln zu dürfen. Sich wie Joséphine dem Tempo unserer Zeit, der Oberflächlichkeit und der Geltungssucht auch mal entziehen zu dürfen. So wie die Schildkröten, mit denen man einen Walzer auch nur langsam tanzen darf.

Teil zwei hält, was Teil eins versprach. Am Anfang kommt man schwer in die Geschichte hinein. Trotz der geschickt in Teil zwei eingebrachten Erklärungen und Verknüpfungen zu den gelben Augen ist es doch viel, was man aus seinem Gedächtnis kramen muss, um dem Roman folgen. Es empfiehlt sich daher meines Erachtens zwingend, die Trilogie in der entsprechenden Reihenfolge zu lesen. Es ist zwar möglich, den langsamen Walzer zu tanzen, ohne vorher in die gelben Krokodilsaugen geblickt zu haben, aber sicher nur der halbe Spaß.

Gespannt darf man sein auf Teil drei, dessen poetischer Titel: „Am Montag sind die Eichhörnchen im Central Park traurig“ neugierig macht, dem aufmerksamen Lesen aber auch schon ein klein wenig verrät, wer wohl im Mittelpunkt des dritten und letzten Teils steht.

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Genre: Romane
Illustrated by C. Bertelsmann München

Die gelben Augen der Krokodile

Pancol_KDie_gelben_Augen_der_Krokodile_111265Es ist schon einige Zeit her, dass ein Bericht im Sonntags-Feuilleton über eine französische Neuentdeckung und eine nicht nur in Frankreich Erfolge feiernde Trilogie meine spontane Neugier weckte. Die Rede war von einem fein gezeichneten, mitreißenden Familienroman, einem echten Schmöker – genau das, was ich zu gerne lese und was mir allzu oft als übersteigerte, intellektuelle Selbstbeweihräucherung oder als Kitsch pur serviert wird. Zum Ende des Bücherjahres 2011 ist es soweit. Teil eins der Trilogie ist übersetzt und enttäuschte mich nicht. Auch in Deutschland kann man sich nun mit den gelben Augen der Krokodile in eine französische Sippe verlieben. 

Witzig und anrührend erzählt die Autorin Katherine Pancol ein modernes Märchen über eine Pariser Familie. Im Mittelpunkt stehen zwei Schwestern, die schöne Iris und die komplexbeladene Josephine. Iris mit den vorstellbar blauesten Augen der Welt wird zwar von einem zwanghaften Geltungsbedürfnis getrieben, hat aber weder Lust noch Disziplin, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Josephine, frisch verlassen von ihrem nichtsnutzigen Ehemann, der mit einer Jüngeren skurrilen Selbstverwirklichungsideen hinterher jagt, ist Historikerin am Küchentisch, Expertin für das 12. Jahrhundert und schlägt tapfer die Alltagsschlachten einer alleinerziehenden Mutter. Die Geschichte der Schwestern dreht sich um einen Roman im Roman. Iris behauptet auf einer Soiree aus einer Laune heraus, einen Roman über das 12. Jahrhundert in Arbeit zu haben und kommt aus der Nummer nicht mehr heraus. Josephines Geldsorgen lassen sie ein unmoralisches Angebot ihrer Schwester annehmen. Sie schreibt den Roman, Iris veröffentlicht ihn unter ihrem Namen und vermarktet ihn erfolgreich nach allen Regeln medialer Kunst. Für Josephine ist das Schreiben zunächst nur ein Mittel zum Zweck, doch ihre neu entdeckte Kreativität verändert sie. Sie wird selbstbewusster, aufbegehrender, verliebt sich sogar und bekommt ihr Leben in den Griff. Iris aber erkennt im Strudel der nachfolgenden Ereignisse, dass es für sie schon zu spät könnte, um aus ihrem Leben mehr als eine Farce zu machen.

In diese Kernhandlung sind diverse Nebenhandlungen eingeflochten, nach und nach werden immer mehr Figuren und ihre Geschichten eingeführt  Ein gewagtes Unterfangen, doch dank der leichten, aber klaren Sprache der Autorin verliert der Leser nie den Überblick über die ganze Sippschaft und ihren eigenwilligen Dunstkreis. Katherine Pancol nutzt die Aschenputtel-Thematik, um mitreißend über Erfolg, Demut, Lüge, Verrat, Familien und das Leben zu erzählen. Ihre Charaktere und Geschichten sind gelegentlich so surreal und abstrus überzeichnet, dass man sich unwillkürlich fragt: Ist das nun wirklich so kitschig, fantastisch absurd oder spielt die Autorin hier gekonnt mit Klischees? Ihr sprachliches Niveau, der Wechsel zwischen Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit, der immer wieder aufscheinende bissige Humor, all dies führt mich zu der Meinung: Katherine Pancol jongliert geschickt mit Klischees und Stilmitteln. Auf hohem Niveau gelingt es ihr, eine besondere Atmosphäre zu verdichten und ihre Charaktere tief emotional zu begleiten. Sie beweist augenzwinkernden Sinn für Alltagskomik – etwa, wenn es um Josephines Kinder geht, den schlussendlich nur noch trotteligen Ex-Ehemann oder um den liebenswerten Stiefvater und seine junge Geliebte. Die Schilderung französischer Lebensart und der boshafte Blick auf die Pariser High Society tun ihr Übriges, um dieses Buch zu einem besonderen Lesevergnügen werden zu lassen. Der Stilmix weckt Erinnerungen sowohl an den Filmklassiker „eine einfache Geschichte“ als auch an „die fabelhafte Welt der Amelie“.
Ich habe dieses Buch gerne gelesen. Endlich mal wieder ein Schmöker, der diesen Namen verdient, mit dessen Charakteren ich so mitgefühlt habe, dass ich gelegentlich der Versuchung nicht widerstehen konnte, vorzublättern, um wenigstens grob den Fortgang der Geschichte zu erfahren, bevor ich das Buch abends aus der Hand legen musste. Aber auch ein Buch, welches den an vielen Fronten kämpfenden Frauen unserer Zeit durchaus kathartische Erlebnisse beschert. Wenn nämlich genau die Frauen vom Karussell des Lebens fallen, die anderen schon immer auf die Nerven gingen und deren Leben unnötig noch schwerer machten.

Fazit: Wer gerne ohne Verzicht auf geistreiches Niveau in Familiengeschichten schmökert, ist mit den gelben Augen gut beraten. Ich jedenfalls freue mich sehr auf die sich laut Verlagsinformation in Vorbereitung befindlichen Teile zwei und drei der Trilogie, um schnellstens zu erfahren, wie es mit Josephine und ihren Lieben weiter geht.
Die Frage, was dies alles mit Krokodilen zu tun hat, werde ich hier übrigens nicht beantworten. Dieser Einfall ist viel zu skurril, fantastisch, überraschend und wirklich witzig, als dass ich ihn in einer Rezension vorwegnehmen werde.

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Genre: Romane
Illustrated by C. Bertelsmann München