Täuschung

roth-2Postkoitales Verwirrspiel

Im umfangreichen Werk von Philip Roth finden sich charakteristische literarische Konstanten, zu denen das Judentum und die US-amerikanische Gesellschaft ebenso gehören wie Ehe und Sexualität im Kontext eines typisch männlichen Selbstentwurfs. Es gehört aber auch sein Spiel mit Identitäten dazu, bei dem er sich häufig hinter einem Alter Ego versteckt oder gleich in persona auftritt. Und natürlich ist diese Figur dann als Schriftsteller ebenfalls in den Schreibprozess integriert, es geht also letztendlich darum, den kreativen Prozess offen zu legen, mit dem eine literarische Identität erschaffen wird. Auf die Spitze getrieben hat Roth dieses kunstvolle Verwirrspiel in dem 1990 erschienenen Roman «Täuschung», dritter Teil einer vierbändigen Autobiografie, dessen ironischer Titel bereits andeutet, was auf den Leser zukommt. Denn literarische Lebensbeichte und unbekümmert ergänzte Fiktion sind kaum auseinander zu halten, zum vollen Verständnis sind deshalb einige Kenntnisse über Autor und Werk unabdingbar, auch um intertextuelle Bezüge richtig interpretieren zu können.

Der Roman ist ohne Exposition vollständig in Dialogform geschrieben, nur wörtliche Rede also, es bleibt jeweils offen, wer da gerade spricht. Ein amerikanischer Autor namens Philip und seine englische Geliebte treffen sich zum Sex in seinem spartanisch eingerichteten Arbeitszimmer, mit einer Plastikmatte auf dem Boden «für Rückenübungen und Ehebruch». Speziell der Modus des Ehebruchs gibt ihrem geheimen Treiben den Kick, löst ihre Beziehung aus dem drögen Alltag heraus. Alle diese Dialoge ihrer «postkoitalen Intimität» entstammen dem Notizbuch des Schriftstellers, der sie dort im Wortlaut festgehalten hat. Auf seine Frage beispielsweise, wie sie denn ihrem Ehemann einen blauen Fleck erklärt hätte, antwortet sie: «Ich habe gesagt: Dieser blaue Fleck stammt aus einer stürmischen Umarmung mit einem beschäftigungslosen Schriftsteller in einem Wohnhaus ohne Fahrstuhl in Notting Hill».

Kurze amüsante Dialogskizzen dieser Art werden ergänzt durch andere Gespräche, wobei gegen Ende insbesondere das lange Gespräch des Schriftstellers mit seiner Frau einiges klärt. Sie hat nämlich sein Notizbuch gefunden und macht ihm nun Vorwürfe, fühlt sich erniedrigt. «Wie kannst du dich von etwas erniedrigt fühlen, das überhaupt nicht den Tatsachen entspricht? Das bin nicht ich. Es ist weit davon entfernt, ich zu sein – es ist eine Posse, es ist ein Spiel, es ist eine Inszenierung meines Ich». Im letzten Abschnitt telefoniert der Schriftsteller Jahre später mit seiner ehemaligen Geliebten. Sie erzählt ihm, dass sie damals schwanger geworden sei, aber nicht von ihm. Auch dass sie sich in seinem Buch wieder erkannt habe, sich entblößt fühle davon. Und wirft ihm vor, sie habe nur als literarische Inspiration gedient für ihn. «Du liebst deine Schreibmaschine mehr, als du je irgendeine Frau lieben könntest». «Ich denke nicht, dass das bei dir so war. Ich glaube, ich habe euch beide gleichermaßen geliebt», erwidert er. Und deutet an, dass er dieses Telefonat ja ebenfalls in einem Buch verarbeiten könnte. Ein kaum entwirrbares Wechselspiel zwischen Romanfigur, Ich-Erzähler und Autor also, das Philip Roth da treibt.

Das Buch ist schnörkellos geschrieben und leicht lesbar, ein stringenter Plot ist allerdings nicht vorhanden. Der Sinn einiger Einschübe wird ebenfalls nicht deutlich, der Abschnitt mit Olina und Ivan aus Prag zum Beispiel. Oder die Szene mit einer Polin, die Philip, der vor zehn Jahren ihr Geliebter war, in der U-Bahn sieht, – der aber erkennt sie nicht und eilt davon. Zum seinem Dialog-Roman sagte Roth: «Ich wollte ausprobieren, ob das funktioniert. Und es schien mir zu passen: Ehebruch und Gespräch gehören zusammen». Er wollte eine englische Lady beim Ehebruch zeigen, Noblesse plus Libido also, seine Perspektive jedoch ist machohaft, die Wortwahl brutal direkt und völlig unerotisch. Ein Roman mithin, der irritiert und polarisiert zugleich.

Fazit: lesenswert

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Die Rebellion + Die Legende vom heiligen Trinker

roth joseph-1Wahrheit und Gerechtigkeit

In diesem Band sind zwei Werke des in relativ wenigen Schaffensjahren entstandenen, umfangreichen Œuvres von Josef Roth zusammengefasst, «Die Rebellion», sein erstes größeres Prosawerk, und die Novelle «Die Legende vom heiligen Trinker», 1939 in seinem Todesjahr erschienen. Sie umschließen, wie der Klappentext erläutert, «Lebenswerk und geistige Haltung des österreichischen Erzählers … auf exemplarische Weise». Seinen Zeitgenossen war er hauptsächlich als Journalist bekannt, der überwiegende Teil seiner veröffentlichten Werke stammt aus dieser Tätigkeit. Der wechselvolle Lebensweg des jüdischen Schriftstellers ist geradezu ein Abbild der politischen Verhältnisse zwischen den beiden Weltkriegen, ein unstetes Leben auf der Flucht, das in Brody in Galizien begann und im Exil in Paris endete.

Der Roman «Die Rebellion» ist eine bitterböse Satire auf den Obrigkeitsstaat, erzählt wird die Geschichte des Kriegskrüppels Andreas Pum. Sie beginnt im Kriegsspital, sarkastisch heißt es da gleich eingangs: «Er hatte ein Bein verloren und eine Auszeichnung bekommen. Viele besaßen keine Auszeichnung, obwohl sie mehr als nur ein Bein verloren hatten». In einer raffiniert naiven Sprache erlebt man den Wandel des einfältig erscheinenden, unbeirrt und optimistisch an den wohltätigen Staat glaubenden Invaliden zum Rebellen. In einer kafkaesk anmutenden Szenerie wird er immer tiefer in ein unheilvolles Geschehen hineingezogen, bei dem sich sein Glaube an die Obrigkeit zusehends verliert, er schließlich sogar für fünf Wochen unschuldig im Gefängnis landet. Sein äußerst bescheidenes Lebensglück wird dadurch völlig zerstört, seine Frau wendet sich von ihm ab, nach der Entlassung muss er als Toilettenwärter arbeiten. Eine durch den ihm wohl gesonnenen Gefängnisdirektor erwirkte Revision erlebt er nicht mehr, und schon im Delirium versunken, erscheint er vor dem himmlischen Richter. In einer rebellischen Schmährede befreit er sich von den Lasten seiner gequälten Existenz und zürnt gegen die schreienden Ungerechtigkeiten in dieser Welt. «Ich will deine Gnade nicht! Schick mich in die Hölle!» schleudert er Gott entgegen. Man findet ihn tot in der Herrentoilette, seine Leiche aber kam, «weil gerade Leichenmangel war und obwohl sie nur ein Bein hatte, ins Anatomische Institut».

In der Novelle «Die Legende vom heiligen Trinker» erlebt der unter den Brücken von Paris lebende, alkoholsüchtige Clochard Andreas Kartak eine wundersame Reihung glücklicher Zufälle. Er trifft auf wohlmeinende Menschen, die ihm unverhofft immer wieder aufs Neue Geld zukommen lassen, ihn aus seinen prekären Verhältnissen befreien. Dem ersten dieser Gönner kündigt er, der sich als Ehrenmann fühlt, die Rückzahlung der erhaltenen zweihundert Francs an, um schließlich aber doch jedes Mal damit zu scheitern, dieses Geld wie vereinbart einem Priester in der Kapelle mit der Statue der heiligen Therese von Lisieux zu übergeben. Denn er vertrinkt und verprasst immer wieder den unverhofften Geldsegen. Bei seinem letzten Versuch, sein Versprechen zu erfüllen, wartet er in einem Bistro gegenüber der Kapelle auf das Ende der Messe, als plötzlich ein junges Fräulein eintritt, das er für die heilige Therese hält, die sein Geld jedoch nicht annehmen will, ihm vielmehr selbst hundert Franc schenkt. Vom Schlag getroffen «fällt er um wie ein Sack» und stirbt schließlich in der Sakristei, wohin man ihn gebracht hat. Josef Roth, selbst dem Alkohol verfallen, beendet seine Novelle mit dem hoffnungsvollen Satz: »Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod»!

Beide Geschichten sind in einer wunderbar klaren, ruhigen Sprache verfasst, die in wohlgesetzten Worten mit einem eher einfältig anmutenden Duktus den Hauptanliegen des Autors, Wahrheit und Gerechtigkeit, eine mahnende Stimme verleiht, deren Sog man sich als Leser wohl kaum entziehen kann.

Fazit: lesenswert

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Nemesis

roth-1Aus dem Klischee-Baukasten

Als hoch gepriesener US-amerikanischer Schriftsteller liefert Philip Roth mit «Nemesis» seinen, wie er selbst beteuert hat, letzten Roman ab. Die Idee dazu kam ihm durch eine Freundin, die Filmschauspielerin Mia Farrow, die als junges Mädchen an Kinderlähmung erkrankt war. Aber auch die Lektüre von «Die Pest», dem grandiosem Roman von Albert Camus, hat ihn wohl inspiriert. Schon lange als nobelpreiswürdig angesehen, ist ihm, wie auch vielen seiner erfolgreichen nordamerikanischer Kollegen, diese höchste Ehrung bisher versagt geblieben, und zwar wegen der Trivialität ihrer Literatur, so der pauschale Vorbehalt der Jury. Ist diese Kritik denn zutreffend, fragen wir uns.

Die Rachegöttin Nemesis dient dem Miesepeter aus New Jersey, wie der Autor wegen seiner eher trübsinnig machenden Romane mal genannt wurde, als aussagekräftiger Titel für seine düstere Geschichte einer Polio-Epidemie, die zur Zeit des Zweiten Weltkriegs spielt, als man der heimtückischen Krankheit also noch weitgehend hilflos gegenüberstand. Durch eine raffinierte Konstruktion in drei Kapiteln gelingt es Roth, seiner eher langweiligen Story eine gewisse Dramatik zu verleihen, die vermutlich manche Leser zu fesseln vermag. Arnie Mesnikoff, der Ich-Erzähler und überzeugte Atheist, steht dabei in krassem Gegensatz zur jüdischen Hauptfigur Bucky Cantor, einem blitzsauberen, hehren Sportmenschen, der leibhaftige Idealtypus des American Hero. Beide erkranken an Poliomyelitis, gehen aber, wie man in einer Art Showdown erst ganz am Ende der Geschichte erfährt, völlig unterschiedlich mit ihrem Schicksal um

Warum lässt Gott uns leiden, warum lässt er grausame Kriege zu, warum überzieht er uns mit solch verheerenden Epidemien? Alles Fragen, an denen sich die Theologen aller Religionen seit Jahrhunderten abarbeiten, ohne auch nur ansatzweise eine überzeugende Antwort zu finden. An genau dieser Frage scheitert auch der gläubige Romanheld, der nicht nur mit seinem Schicksal hadert, sondern, schlimmer noch, an seinen Selbstzweifeln leidet und sich eine Mitschuld an der Ausbreitung der Epidemie einredet. Was für den lebensklugen Ich-Erzähler die Tyrannei der Umstände ist, aus denen man pragmatisch das Beste machen muss, das ist für den vor lauter Moral- und Ehrgefühlen geradezu mystisch überhöhten Helden die pure Theodizee. Er steht der unheilvollen Melange von Schicksalsschlägen und nicht verifizierbaren Selbstvorwürfen jedenfalls völlig ratlos gegenüber.

Ein Abgrund des Trivialen tut sich auf in diesem Roman, Klischees im Übermaß jedenfalls, vom kriminellen Vater, im Kindbett gestorbener Mutter, wahren Gutmenschen als Großeltern, makellosem Doktor als Schwiegervater, bösen Italienern und guten Juden, idyllischem Indianercamp, selbstlosem Liebesverzicht bis hin zum göttergleichen Speerwerfer, der uns am Ende des Buches vorgeführt wird. Hollywood lässt grüßen! Schade eigentlich, denn der Stoff gäbe einiges her, erinnert in seiner Tragik ja durchaus an griechische Dramen. Erzählt ist diese holzschnittartige Geschichte von Idealen, Moral, Verantwortung, Vorurteilen, Schuld und Sühne in einer einfachen, knappen, humorlosen Sprache ohne Raffinesse und Esprit. Lesevergnügen sieht anders aus! Und was die künstlerische Qualität solcher literarischen Produkte anbelangt, hat das Nobelkomitee wohl ausgesprochen weise geurteilt.

Fazit: mäßig

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Sexsucht

Allein in Deutschland leben schätzungsweise eine halbe Million sexsüchtige Menschen. Von Außenstehenden wird diese nichtstoffliche Sucht nicht als Erkrankung wahrgenommen, sondern als Übertreibung. Dabei sind die finanziellen und gesundheitlichen Folgen für die Betroffenen gravierend.
Das betrifft die Partnerschaft genauso wie den Arbeitsplatz oder den allgemeinen sozialen Bereich.

Roth ist Jahrgang 1952, Dr. med. und als Psychiater, Psychosomatiker und Psychotherapeut mit eigener Praxis tätig. Ausbildungstätigkeit, Veröffentlichungen und Vorträge kommen hinzu.

Er liefert eine Definition von Sexsucht. Er beschreibt ihre Entstehung, Verlauf und Behandlung. Von konkreten Beispielen ausgehend werden dann die Zusammenhänge erläutert.

Der Autor spricht Bereiche wie die Psychologie sowie Sexual- und Gesellschaftswissenschaften an. Auch wenn die menschliche Ebene im Vordergrund steht, gelingt es Roth, so allgemeinverständlich zu formulieren, daß auch ein fachlicher Laie den Ausführungen folgen kann. Ohne plump, effekthaschend oder sonstwie abwertend zu sein, führt das Buch in eine Welt ein, über die in der breiten Öffentlichkeit kaum (neutral) gesprochen wird.


Genre: Gesundheit
Illustrated by Christoph Links Verlag Berlin

Angriff auf Amerika

1940 in Europa: Die Deutsche Wehrmacht hat Polen überfallen und Europa mit Krieg überzogen. Die Nazis haben mit der systematischen Verfolgung und Ermordung der Juden begonnen und rüstet sich für den Überfall auf die Sowjetunion.
1940 in den USA: Präsident Franklin Delano Roosevelt kandidiert zum dritten Mal für die Präsidentschaft. Seine Regierung unterstützt Großbritannien im Kampf gegen die Nazis mit Rüstungsgütern und finanziellen Hilfen. Die Republikaner nominieren im Juni Charles A. Lindberg zum Präsidentschaftskandidaten. Lindbergh ist nicht nur ein international bekannter Flughelden, der als erster nonstop den Atlantik mit einem Flugzeug überquerte.
Lindberg ist auch Isolationist, tritt also gegen jegliche Einmischung der USA in den Krieg gegen die Nazis ein, er ist Antisemit und ein kaum verhohlener Bewunderer Hitlers.
Bei den Präsidentschaftswahlen geschieht das Unerwartete: Roosevelt verliert die Wahlen. Lindbergh ist der neue Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

Eine absurde Vorstellung? Was aber wäre geschehen, wenn die USA tatsächlich nicht in den Kampf gegen die Nazi-Horden eingetreten wäre? Wie sähen die USA aus, wenn sie sich von einem antisemitischen Präsidenten regiert worden wären?

Im 2006 erschienenen Roman von Philip Roth geschieht genau das. Rot lässt die Leserinnen und Leser diese USA durch die Augen eines jüdischen Kindes in Newark erleben. Das Kind erzählt uns von schleichenden Verwandlungen in seiner Umgebung, in der Schule und in der Familie. Er erlebt, wie die Erwachsenen in der jüdischen Gemeinschaft, in der er lebt, sich gegen die Niederlage von Präsident Roosevelt stemmen und sie doch nicht verhindern können. Er muss hilflos mit ansehen, wie sich die jüdische Gemeinschaft in seinem Stadtteil durch „Einbindung“ in die „neue“ amerikanische Gesellschaft spaltet. Sein eigener Bruder wird zu einem Fan des neuen Präsidenten Lindbergh. Ein Riss geht – nicht nur – durch seine Familie. Das ganze Land gerät an den Rand eines Bürgerkrieges.

In „Angriff auf Amerika“ lässt Roth das Bild einer liberalen Gesellschaft entstehen, die sich in rasender Geschwindigkeit in ihr Gegenteil verkehrt. Newark, die Stadt am Rande New Yorks, wird zu einer von Rassisten belagerten Stadt. Die USA, deren Entstehungsgeschichte erst durch Immigration und das Zusammenleben verschiedener Nationalitäten und Religionsgemeinschaften geprägt wurde, verwandelt sich in einen nationalistischen und rassistischen Staat.

Ein spannender Roman, ein politisches und psychologisches Lehrstück und ein Stück großer Literatur.


Genre: Romane
Illustrated by Rowohlt

Die Erzählungen

\"Joseph

Joseph Roth (1894-1939) gilt manchen als ein Wunderrabbi im Kleid des Gentlemans, der mit dem Alphabet heilen konnte, anderen als schiffbrüchiger österreichisch-ungarischer Monarchist, der seinen Kummer über den Niedergang der Habsburger in Hektolitern Alkohol ersäufte. Selbst charakterisierte sich der galizische Jude, österreichische Dichter und katholische Trinker Roth als »böse, besoffen, aber gescheit« und traf damit wohl ins Schwarze.

Roth, dessen Texte zum Feinsten zählen, was die deutsche Literaturgeschichte zu bieten hat, wurde durch seine Romane »Hiob«, »Radetzkymarsch« und »Kapuzinergruft« berühmt. In der Vor-Hitler-Zeit war er einer der bestbezahlten Zeitungsschreiber Deutschlands, im Exil galt er als einer der kompromisslosesten Gegner des Nazi-Terrors. Doch die politische Entwicklung gab ihm den Rest und machte aus einem fröhlichen Zecher einen zerrütteten Alkoholiker. Schluck für Schluck beging er Selbstmord und verbrannte wie ein bengalisches Feuerwerk. Ein jetzt vorliegender Band mit seinen gesammelten Erzählungen lädt ein, sich mit Joseph Roth zu beschäftigen.

Als »eine der schönsten Legenden, die im 20. Jahrhundert gedichtet wurde« (Marcel Reich-Ranicki) hinterließ Roth »Die Legende vom heiligen Trinker«, die kurz vor seinem Tod entstand. In dieser Erzählung wird der dem Alkohol verfallene Clochard Andreas von einem Unbekannten mit 200 Francs beschenkt. Die soll er, falls es ihm eines Tages möglich sei, in einer bestimmten Kapelle zugunsten der Heiligen Therese von Lisieux hinterlegen. Andreas geht von seinem unerwarteten Reichtum gut essen, wäscht sich, lässt sich rasieren und besucht ein Café. Dort spricht ihn ein Herr an, der seine schäbige Kleidung bemerkt und bietet ihm einen Job als Möbelpacker an. Als Lohn werden 200 Francs vereinbart.

Andreas führt die vereinbarte Arbeit gewissenhaft aus und erwirbt, weil er sich bereits einer neuen Klasse zugehörig fühlt, eine lederne Brieftasche. Am nächsten Sonntag geht er zu der Kapelle, um einen Teil seiner Schuld zu zahlen, versackt jedoch in einer Eckkneipe. Dort trifft er auf Karoline, eine verflossene Liebe. In einem Nebel von Hochprozentigem erinnert er sich, wie er vor vielen Jahren aus dem polnischen Schlesien nach Paris kam, da man in Frankreich Kohlenarbeiter suchte. Er hatte bei Landsleuten logiert. Dabei verliebte er sich in die damals verheiratete Karoline, und als ihr Mann sie eines Tages zu Tode schlagen will, schlägt er den Mann tot. Dafür saß er zwei Jahre im Gefängnis, dann folgte sein Absturz in den Alkohol, der ihn bis unter die Brücken von Paris führte. Als ihm in der Nacht die Heilige Therese im Traum erscheint und an seine Schuld erinnert, verlässt er Karoline.

In der Reihe der Wunder, die Andreas widerfährt, entdeckt er plötzlich einen Tausend-Francs-Schein in der frisch erworbenen Brieftasche. Er wechselt sie in einem Tabac und sieht dort das Foto eines ihm bekannten Landsmanns, der inzwischen zum Fußballstar avancierte. Er spürt diesen alten Kumpel auf, wird herzlich von ihm in die Arme geschlossen, mit frischer Kleidung beschenkt und zum Essen geladen.

Am Sonntag geht Andreas wieder Richtung Kirche, um der Heiligen Therese ihr Geld zu erstatten. Doch dort trifft er auf einen weiteren Freund aus der Vergangenheit, Woitech, dem er sein gesamtes Geld schenkt, um ihm aus einer angeblichen Not zu helfen. Und wieder fließt Alkohol in Strömen.

Nun kreuzt erneut jener Herr seinen Weg, der ihm die ersten 200 Francs geschenkt hat, und der Mann schenkt ihm erneut Geld. Das verzehrt Andreas in einer Bar. Am Sonntag geht er wieder voll guter Vorsätze zu der Kapelle. Ein Polizist spricht ihn unterwegs an und überreicht ihm eine fremde Brieftasche, die er angeblich verloren habe. Darin liegen 200 Francs. Ein Kumpel verleitet ihn jedoch erneut zum Saufen, bevor Andreas die Kirche betreten kann. An der Theke kippt er plötzlich um und wird in die gegenüber liegende Sakristei geschleppt, wo er mit einer Bewegung, als wollte er in die linke innere Rocktasche greifen und seine Schulden zahlen, einen letzten Seufzer tut und stirbt.

Mit dieser wunderschönen Novelle setzt sich Roth mit seiner eigenen Trunksucht auseinander und macht dabei immer wieder die Ehrenhaftigkeit deutlich, die ihn sein gesamtes Leben auszeichnete. Nach der »Legende vom heiligen Trinker« schrieb der Autor nur noch ein letzte Erzählung, »Der Leviathan«. Darin geht es wieder um einen im Grunde ehrenhaften Mann, den Korallenhändler Nissen Piczenik. Dieser Mann glaubte, dass die Korallen, mit denen er sein Leben lang handelte, lebendige Wesen seien, die Jehova dem Leviathan anvertraut habe, der sich auf dem Urgrund aller Wasser ringele, und die Verwaltung über alle Tiere und Gewächse des Ozeans, insbesondere über die Korallen, ausübe. Piczenik wird jedoch durch einen Konkurrenten, der künstliche Korallen aus Zelluloid zu einem Spottpreis verkauft, aus der Bahn geworfen und letztlich zum Trinker, bevor er auf dem Boden des Meeres mit seinen geliebten Korallen eins wird.

Traurige Figuren und unglückliche Schicksale sind es, die Roth in seinen Erzählungen beschreibt. »Jede Seite, jede Zeile, ist wie die Strophe eines Gedichts, gehämmert mit dem genauesten Bewusstsein für Rhythmus und Melodik«, schrieb sein Freund und Gönner Stefan Zweig über den Autor, der mit nur 44 Jahren verschied und uns ein fulminantes Werk hinterließ.

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Empörung

Marcus Messner, College Schüler aus Newark bei New York. Jude. Metzgersohn. Marcus Messner flieht 1951 vor der von ihm als Alptraum empfundenen Fürsorge seines Vaters durch einen Schulwechsel. Aus dem liberalen, urbanen und prosperierenden Newark an der US-Ostküste zieht er nach Ohio, in das konservative College von Winesburg. Hier will er sich auf das Lernen konzentrieren, will sich nicht ablenken lassen. Marcus Messner will in Ruhe gelassen werden. Juden sind in Winesburg eine Randgruppe. Kirchenbesuch verbindlich – in einer christlichen Kirche. Gemeinschaftssinn ist Pflicht. Keine Chance für Marcus Messner in Ruhe gelassen zu werden.
Was folgt, ist die Geschichte der Auflehnung gegen eine subtile, sich nie offen artikulierende Unterdrückung. Umso subtiler der Druck auf Marcus wird, umso unnachgiebiger wird er, umso fundamentaler wird sein Widerstand. In ihm wächst die Empörung.

Schon das dem Roman vorausgeschickte Motto, ein Zitat von E. E. Cummings aus „i sing of Olaf glad and big“ : „Olaf (auf dem was einst Knie waren) wiederholt schier unablässig: nicht jeden Mist fress ich“ macht stutzig.
Die Überschrift des ersten Kapitels „Unter Morphium“ steht quasi wie ein Damoklesschwert über den ersten 190 Seiten der insgesamt 200 Seiten (die Auflösung wird erst im zweiten Kapitel geliefert), die der Roman umfasst. Dessen erste Sätze beschreiben den historischen und politischen Kontext der Geschichte: „Ungefähr zweieinhalb Monate nachdem die gutausgebildeten, von den Sowjets und den chinesischen Kommunisten mit Waffen ausgerüsteten Divisionen Nordkoreas am 25. Juni 1950 über den 38. Breitengrad vorgedrungen waren und mit dem Einmarsch in Südkorea das große Leid des Koreakriegs begonnen hatte, kam ich aufs Robert Treat, ein kleines College in Newark, benannt nach dem Mann, der die Stadt im siebzehnten Jahrhundert gegründet hatte.“
Die Jungen seines Jahrgangs, so erzählt uns Marcus Messner, wollen ihren Abschluss machen um dann als Offiziersanwärter bei den Marines anheuern zu können, um sich in Korea den Kommunisten in den Arm zu werfen. Zugleich hoffen alle, dass der Krieg vor ihrem Abschluss zu Ende sein möge. Ohne Abschluss von der Schule abzugehen ist gleichbedeutend mit sofortiger Rekrutierung als einfacher Soldat, als Kanonenfutter für die erste Reihe. Die Angst, die mit diesem Wissen einhergeht ist für die Jungen sehr konkret und hat Gesichter und trägt Namen. Die großen Brüder, die älteren Cousins waren erst fünf Jahre zuvor von den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs, aus Europa, aus Japan, aus Indochina zurückgekehrt. Oder eben nicht.

Das zweite Kapitel des Romans umfasst fünfeinhalb Seiten. Marcus hat seinen Widerstand in Winesburg nicht eingestellt. Seine Empörung ist gewachsen und in der Konsequenz bedeutet dies für Marcus: „Verschwinden Sie! Gehen Sie! Sie haben Marschbefehl! Packen Sie ihre rebellische Überheblichkeit und scheren Sie sich noch heute Abend aus Winesburg fort!“ Kein happy ending rettet diese Geschichte.


Genre: Romane
Illustrated by Hanser

Mein Leben als Mann

Philip Roth ist ein zeitgenössischer amerikanischer Autor und gilt als einer der ganz großen; ginge es nach Marcel Reich-Ranicki hätte er schon lange den Literaturnobelpreis erhalten. Der Roman „Mein Leben als Mann“ erschien 1993 als Taschenbuch in deutscher Sprache , umfasst 351 Seiten und handelt vom Trennungs- und Scheidungskrieg eines Ehepaares.

Der Jude Peter Tarnopol wächst in Yonkers, New York, in einer kleinbürgerlichen Familie zusammen mit zwei Geschwistern sorglos auf. Nach Schule und Universität betätigt er sich als Literaturdozent und Schriftsteller, sein erster Roman macht ihn in der literarisch interessierten Welt sehr bekannt. 1959 heiratet er 26jährig Maureen, eine Frau, die er nicht liebt und die schon zwei Ehen hinter sich hat. Drei Jahre nach ihrer Heirat hebt das Ehepaar auf Peters Betreiben die eheliche Gemeinschaft auf, die Ehe endet rechtlich gesehen aber erst Jahre später mit dem Unfalltod Maureens, die sich bis zum Schluss geweigert hatte, in eine Scheidung einzuwilligen.

Das Thema Ehe hat in der Literatur eine lange Tradition, seit dem 19. Jahrhundert befassen sich Schriftsteller damit und schufen Werke, die bis heute gelesen werden, denken wir nur an „Effi Briest“(1895 ) von Theodor Fontane, an „Madame Bovary“(1857) von Gustave Flaubert oder „Anna Karenina“(1877/78 ) von Leo Tolstoi. Solange es die Ehe als gesellschaftliche Institution gibt, wird sie Sujet der Literatur bleiben. Und so erstaunlich es klingen mag : es gibt immer wieder literarische Werke, die das Thema um neue inhaltliche oder formale Aspekte bereichern.

Was ist das Besondere an Roths Roman? Es ist die Textstruktur, der Aufbau. Die Komposition und die damit verbundene Absicht machen das Buch unverkennbar zu einem Werk moderner Literatur. Viele Male wird die Perspektive gewechselt, aus der die Personen und die Handlung betrachtet werden. Als Schriftsteller legt Tarnopol zwei fiktive Geschichten vor, die seinen Werdegang und seine Ehe zum Gegenstand haben, als Betroffener versucht er sich an einer autobiografischen Behandlung des Themas. Dabei gibt Roth seitenweise Dialoge wieder, die Tarnopol mit seinem Psychotherapeuten Dr. Spielvogel führt, zitiert Briefe, in denen sich Bekannte oder Verwandte zur Ehekrise äußern, und berichtet detailliert über den Inhalt von Telefonaten, in denen andere sich über Peter und Maureen auslassen. Dr. Spielvogel veröffentlich über seinen Patienten einen Aufsatz in einer Fachzeitschrift, der von Tarnopol gelesen und einer harten Kritik unterzogen wird.. Auch das gestohlene Tagebuch Maureens sowie die Bemerkungen einer Frau aus Maureens Therapiegruppe bringen neue Interpretationsvarianten der Vorkommnisse …

Dieses formale Element des Perspektivwechsels wird bis an die Grenzen ausgeschöpft mit der Folge, dass sich das Bild des Lesers über den Ehekrieg und die beteiligten Personen permanent verändert. Kaum ist ein Urteil gefasst, muss es schon wieder revidiert werden. Jedes Urteil ist nur vorläufig und das bleibt bis zum Ende so : erfahren hat der Leser viel über Peter und Maureen, ein Urteil ist ihm nicht möglich.

Roths Roman zu lesen ist kein Vergnügen, auch wenn die sprachliche Darstellung größtenteils meisterhaft ist und mancher Dialog spannend und fesselnd. Aber vielleicht liegen ja auch die Aufgaben eines literarischen Werkes gar nicht darin, uns zu erfreuen und zu erbauen.


Genre: Romane
Illustrated by Rowohlt