Zwischen den Fronten

Der Titel lässt vermuten, dass es sich um das neue Buch um eine Biographie handeln könnte. Auch liest sich das Inhaltsverzeichnis so, als wenn ein alternder Autor Zeugnis ablegt von den vielen Schlachten, Stürzen, Krisen und Kriegen, die er miterlebt hat. Doch mitnichten.

Schon auf der ersten Seite schreibt Scholl-Latour, dass er erst daran denke, sich an die Biographie zu machen, wenn ihn das Alter ans Bett fesselt: „Dabei handelt es sich mitnichten um eine Biograophie, deren Niederschrift ich mir erst antun werde, wenn mein Gesundheitszustand mich zur benediktinischen Tugend der „stabilitas loci“ verurteilt.“

Vielmehr wird er auch weiterhin die Welt bereisen und hinterher mit dem erhobenen Zeigefinger warnen. Er kritisiert die üblichen Verdächtigen: Nicht nur die Deutschen samt Bundeswehrführung, Politik und Öffentlichkeit, sondern die gesamte westliche Welt. So schreibt er über den Afghanistaneinsatz: „Wer den Afghanistan – Krieg gewinnen will, und sei es auf die treuherzig dümmliche Masche „to win hearts and minds“, wer in Kabul eine Demokratie westlichen Modells einrichten möchte – trotz der Mahnungen und Warnungen, die von der eigenen Botschaft, den eigenen Kommandeuren und dem eigenen Nachrichtendienst vorliegen – der begibt sich auf die gleiche Ebene wie der ehemalige General und Außenminister Colin Powel, der aus Loyalität zu seinem Präsidenten dem Weltsicherheitsrat wissentlich gefälschte Dokumente unterbreitete.“

Doch Scholl-Latour kritisiert, um aufzuklären. Er legt der restlichen Welt einen Spiegel vor, er hinterfragt auch dort wo es weh tut und bisweilen nicht die political correctness erbietet. Aber Scholl-Latour weiß um seine Person, der Persona non grata: „Eine Spur grimmige Heiterkeit empfinde ich allenfalls, wenn ich bei den raren Fernsehdiskussionen, zu denen man mich als notorischen Störenfried noch einlädt, feststelle, dass die engagiertesten Bellizisten, die mir in der Anfangsphase des Konflikts so resolut und selbstsicher entgegentraten, wie vom Erdboden verschluckt sind.“

Auffallend: Im Gegensatz zu seinen beiden letzten Büchern „Russland im Zangengriff“ und „Weltmacht im Treibsand“ poltert er weniger stark gegen die Etablierten der Welt. Außerdem schreibt er fast entschuldigend: „In diesem Sinne mache ich mich an eine Veröffentlichung, an einen „Essay“, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und bewusst auf die individuelle Beurteilung ausgerichtet ist.“

Denn noch in Russland im Zangengriff schrieb er, dass alte Männer nichts zu verlieren hätten. Vielleicht wurde er beiseite genommen und eingebremst. Doch dies scheint weniger so zu sein, denn wer mit 83 noch durch alle Kontinente eilt und stets aufs Neue gegen die Missstände in der Welt anrennt, kann von irdischen Mächten nicht gebremst werden.


Genre: Erfahrungen
Illustrated by Propyläen

Russland im Zangengriff

Es war wieder Weihnachten. Pünktlich zum Fest gehörte für viele wieder ein neuer Schinken von Peter Scholl–Latour auf den Gabentisch. Welche Weltregion durfte es denn diesmal sein? Nach den USA und dem Nahen Osten in den letzten Jahren war 2006 das ehemalige Sowjetimperium dran. „Russland im Zangengriff“ wird aber sicher im Neuen Jahr wieder umgetauscht werden. Denn wie jedes Jahr braucht man auf das nächste Buch von Scholl-Latour nicht zu warten. Außerdem stehen meist eh die selben Weisheiten drin. Vielleicht gibt es dann: „China – Der gelbe Strom gen Westen“.

Verlorener Kampf am Hindukush und im Irak
Für den deutschen sicherheitspolitisch interessierten Leser kann es sich Scholl-Latour nicht nehmen, im Prélude über die Deutschen am Hindukush zu berichten. Wer meint hier nur wieder eine Kopie seiner Zeilen aus „Weltmacht im Treibsand“ (2005) zu lesen, sieht sich getäuscht. Neue Impressionen bringt er hier auf den Tisch.

Denn der Autor bereiste den Norden Afghanistans im Sommer 2006. Die Problematik vor Ort schildert er wie immer in seiner sprachlich treffenden Manier: „Dort überschneiden sich ja die Kraftlinien. In Kabul steht die ratlose Atlantische Allianz vor einem gordischen Knoten, und es ist kein Alexander in Sicht, der ihn mit seinem Schwert durchschlüge.“

Wie in seinem 2005 erschienen Buch über den Mittleren Osten rügt er die NATO Einsatzführung in Afghanistan. „Die Irakisierung Afghanistans ist in vollem Gange“, schreibt der langjährige Journalist und ehemalige Chefredakteur des Magazins Stern. Sowohl Afghanistan als auch den Irak gibt er für die westliche Allianz verloren: „Weder der Krieg im Irak noch der Feldzug in Afghanistan können von der westlichen Allianz gewonnen werden.“

Wahrheiten, die weh tun
Natürlich werden sich viele nicht dieser Meinung anschließen wollen, doch bislang waren seine Fingerzeige meist erstaunlich korrekt und zeugten von Sachverstand. Dass Wahrheit wehtut und betroffen Verantwortlichen schwer im Magen liegt, musste der Autor bei seiner Einreise nach Afghanistan erfahren. Er schreibt, dass er nicht gerade mit offenen Armen von der Bundeswehrführung in das Land am Hindukush gelassen worden sei. Trotzdem konnten wieder zahlreiche informelle Gespräche in seine Arbeit einfließen.

Selbstdarstellung a la Schröder
Sein Fachwissen bringt der Autor stets und gerne mit ein. Leider kokettiert er damit – manchmal zu oft. Die Selbstgefälligkeit bei Scholl-Latour ist in seinem Buch noch stärker als bei Schröders „Entscheidungen“ ausgeprägt. Gleichzeitig weiß er aber um seine Wirkung, wenn er schreibt: „Bei der Veröffentlichung dieses Buches bin ich auf den Vorwurf gefasst, dass ich kein Slawist sei und somit keine Berechtigung habe, die Lage in Russland zu schildern. Ich bin mir des Handicaps wohl bewusst. Aber welche Erkenntnisse haben denn die ´old Russia hands´ oder die unermüdlichen Kreml-Astrologen in den vergangenen Jahrzehnten zutage gefördert? Sie haben durchweg falsch gelegen mit ihren Prognosen, Deutungen und Personeneinschätzungen.“

Der Mann ist von sich überzeugt. Viele Male führt er dies ins Felde, weist auf seine langjährigen Korrespondentenerfahrungen zurück, die ihn als Experten auswiesen. Auch weiß er um sein fortgeschrittenes Alter, wenn er warnt und spitzbübisch zu lächeln scheint: „Nehmt euch vor alten Männern in acht, sie haben nichts zu verlieren!“

Reise durch die Geschichte
In allen Kapiteln fliegt der Autor wie üblich durch die Geschichte. Er nimmt den Leser mit auf seinen Reisen der allerjüngsten Vergangenheit im Frühjahr und Sommer 2006. Ferner erinnert er sich an frühere Exkursionen in diese Regionen und lässt diese Erinnerungen immer wieder Revue passieren. Gleichzeitig kombiniert er seine persönlichen Impressionen mit historisch-politischem Wissen.
Die einzelnen Kapitel zu Weissrussland, Russland, Tatarstan, Russisch-Fernost, Ussuri, Mandschurei, China und Ukraine können auch separat gelesen werden. Meist stehen am Anfang Landschaftsbeschreibungen der jeweiligen Region. Der Leser taucht ein in die Kälte Sibiriens, den Gestank betender Menschen oder erstarrt vor Ehrfurcht vor in Stein gehaunen Ikonen der russischen Vergangenheit.

Humor, Ironie
Auch kommt sein bissiger Humor nicht zu kurz und seine Lebensweisheiten bereiten einen kurzweiligen Lesespaß: „Aber Boris hat eine fröhliche, zupackende Art, und wenn er wirklich zur Unterwelt gehört, so kann ich im Rückblick auf ein langes Leben bestätigen, dass Ganoven oft verlässlicher und vergnüglicher sind als prinzipienreitende, prätentiöse ´Ehrenmänner´“.

Sehr oft gelingt es Scholl-Latour die Ironie durch die Verwendung sprachlicher Mittel zu forcieren. Er verwendet sehr oft treffende metaphorische Bilder, die den Inhalt für eine breite Leserschaft verständlich machen. So spricht er von politischem „Kesseltreiben“, „Professionellem Wanderzirkus“ verschiedener Organisationen oder von der „Futterkrippe von McDonalds“. Auch sehr schön: „Damals wehte an der hohen Kreml Mauer noch der eisige Hauch der Geschichte, ein Atem von Grauen und Furcht.“ Sprachlich überzeugt Scholl-Latour auf der ganzen Linie

Nach dem Buch ist vor dem Buch
Insgesamt könnte das Buch mit weniger Selbstgefälligkeiten auskommen. Die zahlreichen Einschübe über kleinere Begebenheiten ließen sich auch streichen, um sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Ferner wird das Buch dem Titel nur bedingt gerecht. Den erwähnten Zangengriff vom Cover des Buches verspürt der Leser recht selten. Der Titel verspricht mehr. Scholl-Latour kann den Druck auf das ehemalige Zarenreich nicht transportieren.

Der mittlerweile 80 Jahre alte Scholl-Latour ist sicher immer noch so agil, dass spätestens Weihnachten 2007 das nächste Werk zu kaufen sein wird. Dann vielleicht über China?


Genre: Politik und Gesellschaft
Illustrated by Propyläen

Weltmacht im Treibsand

Peter Scholl-Latour gilt als ausgebuffter Kenner des nahen und mittleren Ostens. Durch zahlreiche Reisen erwarb er sein Wissen über die Zusammenhänge vor Ort und den Menschen zwischen Maghreb und Hindukusch. Mit \“Weltmacht im Treibsand\“ zeigt er zugleich seine analytischen Fähigkeiten und entlarvt das Scheitern der USA im Irak, Afghanistan, Iran und Libanon. Obwohl 2005 erstmals erschienen, ist das Buch heute aktueller denn je.

Düstere Bilanz der Weltmacht
\“Die Bilanz sieht duster aus für die \’Weltmacht im Treibsand\‘. Alles deutet darauf hin, dass George W. Bush seinen Eroberungskrieg in Mittel-Ost, den er 2003 unter der Losung \’Iraqi Freedom\‘ auslöste, bereits verloren hat. Die Frage stellt sich heute immer dringlicher, auf welche halbwegs honorige Weise die US-Army sich aus dem mesopotamischen \’Quagmire\‘, aus diesem Morast, wie die amerikanischen Kritiker schreiben, absetzen kann\“, schreibt der Autor in seinen einleitenden Worten.

Irak und Iran als große Brocken
Im Verlauf des Buches versucht er den möglichen Weg aus diesem Morast für die USA aufzuzeigen. Dabei bietet er dem Leser nicht wie in vielen Büchern vor diesem einzelne kleine Häppchen, sondern mehrere große Brocken an. So beginnt er nach seinem aktuellen Vorwort mit der Tour d\‘ Horizon, einer Art Überblick über die Weltlage. Mittendrin im Treibsand, statt nur dabei die Weltmacht USA, die an verschiedenen Punkten der Welt ins Straucheln geraten ist. Diesen Kampf der religiösen Fanatiker tituliert er auch konsequent mit \“Gotteskrieger in Ost und West\“.

Deutschland am Hindukusch
Der nächste Gang besteht aus einem Allerlei aus Afghanistan. Schon 2005 vernahm Scholl-Latour die \“Warnzeichen aus Dien Bien Phu\“ am Hindukusch. Die Lage drohe zu eskalieren. In diesem Kapitel befasst er sich vor allem mit den deutschen Streitkräften am Hindukusch, auf die noch eine heiße Zeit zukommen werde. Wie recht Scholl-Latour (wieder einmal) gehabt hat, zeigt sich an der prekären Lage im Sommer 2006. Deshalb rät er bereits ein Jahr zuvor: \“Vielleicht täte die Berliner Regierung gut daran, sich rechtzeitig mit Moskau in Verbindung zu setzen, um im Extremfall eine zügige Evakuierung vorzunehmen.\“

Irak, Iran und Libanon
Das \“Ende des Heiligen Experiments\“ und \“Die Super-Intifada\“ und schließlich \“Gelbe Fahnen am \’bösen Zaun\‘ sind die Headlines über die Kapitel über den Iran, Irak und die Lage im Libanon. In diesen geht er den Ursachen des amerikanischen Scheiterns in der Nahostregion auf den Grund. Wie in früheren Büchern kann er hier auf zahlreiche Kontakte aufbauen. Gleichzeitig schlägt er historische Bögen von Timur bis Hitler, vom Mittelalter bis in das aktuelle Geschehen.

Irak:\“ Die Berufssoldaten von heute, die Donald Rumsfeld ins Zweistromland schickt, stammen meist aus ärmlichen, unterprivilegierten Schichten. Auf Grund ihres bescheidenen Bildungs- und Intelligenzniveaus begegnen sie den tückischen Gefahren des Orients mit wütender Hilflosigkeit.\“

Der Hund und sein Herrchen
Er kommt auch nicht umhin das Verhältnis von Großbritannien zu den USA auszuloten. Dies vor dem Hintergrund der Diskussion um die umstrittenen Haftanstalten von Abu Graib und Guantanamo. \“Am Ende dieser Sendung, noch unter dem Eindruck der beiden Haftanstalten, übt das strahlende Lächeln Tony Blairs, das er wieder einmal in unterwürfiger Gemeinsamkeit mit Präsident Bush in die Kamera fletscht, eine Schockwirkung aus.\“

\“Im Grenzdreieck zwischen Libanon, Syrien und Israel brauen sich neue Gewitter zusammen. Noch weiß niemand, wie sich die radikalen Veränderungen an Euphrat und Tigris oder am fernen Hindukusch auswirken werden\“, schrieb der Autor 2005. Im Sommer 2006 regnet es Bomben in Haifa und im Südlibanon.

Mit Herz und Hirn
Meist sachlich, aber auch mit ein wenig (all)wissender Ironie evaluiert er das Zeitgeschehen, greift auf frühere bereits erschienene Werke von ihm selbst zurück, rezitiert gekonnt andere Publizisten. Er bewegt sich trotz oder gerade wegen seines Alters meisterhaft durch Raum und Zeit des Nahen Ostens. In der Mitte des Buches finden sich einige Karten sowie ein Bild, das ihm immer wieder die Pforten öffnet. Ein Foto zeigt ihm mit dem Ayatollah Komeini.

Immer wieder, wenn er in einer scheinbar ausweglosen Lage ist, öffnet ihm als Beweis und nicht als Angabe ein gemeinsames Bild mit dem iranischen Revolutionsführer Komeini die Türen des Nahen Ostens. Gleich dem Motto \“Sesam öffne dich\“!

Dieses Buch ist all jenen zu empfehlen, die sich an Scholl-Latour noch nicht überlesen haben, ihn kennen lernen wollen oder wissen möchten auf welche Überraschungen wir uns noch einbestellen müssen.


Genre: Politik und Gesellschaft
Illustrated by Ullstein Berlin