Unendlicher Spaß

Auf dem Weg zum besseren Menschen

Im exklusiven Club der literarischen Überflieger ist David Foster Wallace mit seinem 1996 veröffentlichten Opus magnum «Unendlicher Spaß» das einzige US-amerikanische Mitglied. Er gilt als der innovativste postmoderne Schriftsteller, und sein voluminöser Roman, ein intellektuell solitäres Werk der englischsprachigen Belletristik, gilt als Meilenstein, Maßstäbe setzend und Horizonte öffnend für die Literatur des neuen Jahrhunderts. Erst 2009 wurde nach sechsjähriger Arbeit auch eine deutsche Übersetzung veröffentlicht, eine Sisyphosarbeit mit mehr als 1500 Buchseiten. Als sein literarisches Vorbild hat der Autor Thomas Pynchon bezeichnet, mich hat diese komplexe Prosa beim ersten Lesen in einigen Aspekten unwillkürlich auch an James Joyce erinnert.

Drogen und Tennis sind die beherrschenden Themen dieses dystopischen Romans, der zeitlich in einer nahen Zukunft angesiedelt ist mit radikalen politischen und sozialen Umwälzungen. Die USA, Kanada und Mexico haben den neuen Staat ONAN gebildet, der den Gregorianischen Kalender abgeschafft hat und das Recht auf die Benennung der Jahre an zahlungskräftige Firmen verkauft. Der überwiegende Teil des Plots ist demzufolge im Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche angesiedelt, das folgende Jahr wird das Jahr des Glad-Müllsacks sein. Frankokanadische Separatisten wollen sich der Videokassette «Unendlicher Spaß» als Waffe bedienen, ein Film, der seine Zuschauer schon nach wenigen Minuten unwiderruflich in den Geisteszustand von Kleinkindern versetzt und damit die Amerikaner zu wehrlosen Opfern ihrer unbändigen Konsumgier macht. Zentraler Handlungsort ist die Bostoner Enfield-Tennisakademie und eine nahegelegene Drogenentzugsanstalt. Die beißende Kapitalismuskritik des Autors wird sinnfällig durch seine sarkastische Beschreibung des geisttötenden, medialen Dauerfeuers, unter dem die manipulierten Menschen stehen und auf das sie zumeist hedonistisch einseitig durch extensiven Drogenkonsum reagieren.

Das Absurde ist hier aber nicht nur auf die Handlung selbst beschränkt, der verwegene Schreibstil von David Foster Wallace ergänzt gekonnt den wirren Plot durch eine ironisch eingebrachte Unzahl von Neologismen, Fremdwörtern und äußerst komplizierten Satzgebilden, in die neben vielerlei absurdem Fachjargon auch häufig ordinärer Alltagsslang mit eingebaut ist. All das aber ist in einer geschliffenen, grammatikalisch korrekten, glasklaren Sprache geschrieben und kongenial übersetzt, Chapeau! Leicht lesbar also, wären da nicht die immer wieder ausufernden, überlangen Wortkaskaden mit den ungewohnten, neuartigen Wortgebilden. Außerdem, und das ist typisch für DFW, wird der Lesefluss durch ein umfangreiches Glossar mit nicht weniger als 388 kleingedruckten Anmerkungen gestört, die allein schon 134 Buchseiten füllen, – beim Hin- und Herblättern sind allerdings die doppelten Lesebändchen sehr hilfreich.

Bleibt die Frage zu klären, ob die Lektüre lohnt? Dem ernsthaft literarisch Interessierten sei, allein der eigenen Belesenheit wegen, dieser Roman unbedingt empfohlen, er gehört nun mal zum literarischen Kanon. Was die schiere Textmasse anbelangt, so sei angeraten, in Etappen mit längeren Zwischenpausen zu lesen, wie ich es gemacht habe, – denn egal, wo man das Buch aufschlägt, man ist sofort wieder «drin» in diesem originären Text. Aber auch unvollständiges Lesen ist hier sinnvoll! Denn wer auch nur hundert Seiten davon gelesen hat, ist in jeder Hinsicht bereichert, hat den wichtigsten Roman eines der kreativsten Schriftsteller unserer Zeit kennengelernt und kann durchaus auch mitreden. Nicht zuletzt aber ist dieses satirische Textkonvolut mit viel Humor gewürzt, erheitert immer wieder mit überraschendem Wortwitz und allerlei narrativen Finessen, wird also seinem dem Hamlet entlehnten Titel vollinhaltlich gerecht. Glaubt man dem Feuilleton, ändert man sich als Leser nach «Unendlicher Spaß», wird sogar ein besserer Mensch. Na, wenn das kein Grund ist zum Lesen!

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Kurze Interviews mit fiesen Männern

Ironisches Psychogewäsch

Drei Jahre nach dem Opus magnum von David Foster Wallace erschien 1999 eine Sammlung von Geschichten unter dem ebenso deskriptiven wie amüsanten Titel «Kurze Interviews mit fiesen Männern». Der wichtigste und innovativste US-amerikanische Schriftsteller der Postmoderne glänzt hier wieder mit seinem geradezu verwegenen Sprachstil, der in einigen narrativen Aspekten an James Joyce erinnert und wohl auf seine Mutter Sally Foster zurückzuführen ist, deren Sprachbegeisterung ihn, wie er trotz sonstiger Vorbehalte gegen sie einräumte, entscheidend geprägt habe. Es geht im Wesentlichen um abnorme Beziehungen zwischen den Geschlechtern in diesem Band, wobei, wie der Titel schon ahnen lässt, den Männern allein hier die Rolle des Buhmannes zugewiesen ist, ein feministischer Ansatz also.

Geradezu als Lehrstück, als Quintessenz aus den 22 Geschichten, die noch folgen, beginnt das Buch mit «Ein stark verkürzter Abriss des postindustriellen Lebensstils», eine halbe Buchseite nur, in der jemand einen Mann und eine Frau einander vorstellt. Ein kommunikativer Akt mithin, der grandios fehlschlägt, – die Drei verstehen nichts, weil sie unehrlich sind, weil sie sich verstellen. Probleme mit der Verständigung aber durchziehen alle diese Geschichten von der Suche nach Identität. Da ist der 13jährige Junge, der an seinem Geburtstag erstmals auf den Sprungturm im Freibad klettert und nun schlotternd vor Angst nach unten starrt, oder die Ehefrau, die nach dreijähriger Ehe das abgekühlte sexuelle Verlangen mit allerlei Hilfsmitteln aus der Adult-World wieder gehörig aufheizen will. Um Sex geht es in vielen der Geschichten, sei es um machohafte Protzerei, um brutale Vergewaltigung, um ausgeklügelte Methoden der Anmache. Unter den insgesamt vier Geschichten des Buches mit dem Titel «Kurze Interviews mit fiesen Männern» ist am Ende eine, bei der ein junger Mann erzählt, mit welchen Tricks er ein schönes Mädchen auf einem Stadtfest zu einem One-Night-Stand verführt hat. Postkoital berichtet sie ihm dann von dem schlimmen Erlebnis, wie sie mal als Tramperin unbedacht bei einem Mulatten ins Auto gestiegen ist und voller Entsetzen zu spät erkannt hat, dass der Mann offensichtlich ein pathologischer Lustmörder ist. Und wie sie mit purer Willensanstrengung zwar nicht der Lust, aber doch dem Mörder entkommen ist. Ihre «Anekdote», wie er es naiv nennt, beeindruckt den jungen Mann derart, dass er am Schluss aus seiner lieblosen Rolle als Frauen vernaschender Macho herausfindet und glaubt, sie könne ihn retten. «Ich wusste, ich konnte lieben. Ende der Geschichte».

In einem intellektuellen Feuerwerk erzählt Wallace, human und wütend gleichermaßen, von der Reizüberflutung des modernen Menschen, von dem informellen Dauerfeuer, unter dem er steht und bei dem sich Quantität und Qualität diametral gegenüberstehen. Er setzt seinen fulminanten Wortschatz und seine ebenso geschliffene wie komplexe Syntax mit beißender Ironie ein, wobei er auch in dieser Sammlung psychologischer Skizzen wieder die für ihn typischen Fußnoten verwendet, was seine ironische Intention oftmals ins verächtlich Sarkastische verschärft. All die Selbstdarsteller, Neurotiker, Depressiven in diesen Geschichten sind keine sonderlich markanten Figuren, denen man vielleicht sogar Empathie entgegenbringen könnte als Leser. Sie treten vielmehr narrativ deutlich zurück hinter das Geschehen, welches Wallace wie ein brillanter Diagnostiker mit Akribie psychologisch seziert, damit pathologische Marotten entlarvend, wobei er allerdings nicht selten gehörig übertreibt.

Zugegeben, DFW ist nicht leicht zu lesen, ein wenig muss man sich schon anstrengen, will man ihm gedanklich folgen. Gleichzeitig aber bietet die Lektüre beste Unterhaltung, wobei sich unter den oft schreiend komischen Erzählskizzen, unter dem «Psychogewäsch», wie es im Buch selbstironisch heißt, die depressiven Krüppel unserer Konsum- und Mediengesellschaft verbergen, und davon gibt es mehr, als man glaubt.

Fazit: erfreulich

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Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Rowohlt Taschenbuch Reinbek

Der Besen im System

wallace-1Für Leser mit Sinn für das Absurde

Nach der Lektüre von «Unendlicher Spaß», seinem berühmten Erfolgsroman, war ich nun auch auf den Erstling «Der Besen im System» von David Foster Wallace neugierig, schon der Titel weckt ja gewisse Assoziationen. Eines vorweg: Es macht wenig Sinn, bei diesem amerikanischen Autor der Postmoderne eine Inhaltsangabe zu schreiben, wie es der Klappentext versucht. Dieser Roman folgt keiner literarischen Konvention und ist deshalb schwer fassbar mit den gängigen Maßstäben. Er ist surreal wie ein Bild von Salvatore Dalí, aber anders als in der Malerei ist in der Literatur ja eher Rembrand gefragt, ein klar erkennbarer und nachvollziehbarer Plot jedenfalls. Den sucht man hier vergeblich, auch wenn uns der schon erwähnte Klappentext das vorgaukelt und uns damit (bewusst?) in die Irre führt. Wittgenstein kommt nicht vor, und Ur-Oma Lenore bleibt ohne erkennbaren Grund spurlos verschwunden, bis zum Schluss. Der übrigens, wie es sich gehört im Surrealismus, mitten im Satz, auf Seite 624, abrupt endet, ohne Schlusspunkt eben, arglose Leser könnten an einen Fehldruck glauben.

Ähnlich wie beim Opus magnum findet sich der Leser auch in diesem satirischen Roman mit einer ziemlich komplexen Syntax konfrontiert, die seine volle Aufmerksamkeit fordert, ihn dann aber umso mehr mit spaßigen, unerwarteten, aufregenden Gedanken belohnt und ihn viele abstruse Situationen miterleben lässt in den diversen Handlungssträngen. Der unglaubliche Wortreichtum des Autors wird radikal, ironisch und völlig absurd eingesetzt. Neben hochgestochenen Fremdwörtern findet man absoluten Nonsens als Wortgebilde und, völlig gleichberechtigt, auch den vulgären Jargon des Alltags. Mit diesem Instrumentarium formt er ein literarisches Werk, das seinen Reiz gerade darin hat, in kein Klischee zu passen.

Negative Kritiken sprechen von einem durchgedrehten Roman, in dem ein kreatives Chaos herrsche, und bemängeln den Patchwork-Charakter der diversen, ziemlich wirr zusammengefügten Textabschnitte und Kapitel, einem Zettelkasten ähnlich. Da haben sie wohl Recht, einen Spielfilm könnte man schwerlich machen aus diesem Romanstoff, obwohl – man soll nie nie sagen! Denn in einem Film könnte man alle diese neurotischen Protagonisten und schrillen Charaktere wunderbar darstellen, sämtliche Figuren dieses Romans werden einem nämlich schnell sympathisch, so meschugge sie auch sein mögen. Im Kopfkino des Lesers funktioniert das jedenfalls bestens.

Für mich ist «Der Besen im System» nicht nur eine gnadenlose Abrechnung mit dem American Way of Live, sondern darüber hinaus allgemein mit unserer neurotischen Informationsgesellschaft, eine wirklich amüsante Lektüre außerdem, sehr empfehlenswert insbesondere für Leser mit Sinn für das Absurde, sie werden voll auf ihre Kosten kommen.

Fazit: erfreulich

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Der Preller

Dies ist Band 116 von Goldmanns Taschen-Krimis. Getreu dem Werbeslogan „Es ist unmöglich, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein!“ enthält die Anthologie die Kurzgeschichten „Schach dem König“, „Die Rennlotterie“, „Eine Aktienspekulation“, „Der fingierte Bankkrach“, „Mr. Limmerburgs Reinfall“, „Engster Wettbewerb und seine Folgen“, „Wie ein Fuchs in die Falle ging“, „Mr. Sparkes Detektiv“, „Der U-Boot-Jäger“, „Ein merkwürdiges Filmabenteuer“, „Das Mädchen von Gibraltar“, „Eine Spielklub-Razzia“, „Der Gelegenheitskauf“, „Der Fall der Dolly de Mulle“, „Der vierundsiebzigste Diamant“, „Filmkurse per Post“, „Der Zusammebruch der Biliter-Bank“ und „Schätze in Spanien“.

Insgesamt sind hier 18 Kurzgeschichten. Jeder dieser Texte ist rund 10 Seiten lang. Sie können daher nicht so ausgefeilt wie die Romane sein und geben von daher eher schlaglichtartig einen Überblick des englischen Autoren.

Wer das Gesammtwerk von Wallace kennenlernen möchte, sei an dieser Stelle dazu eingeladen, zu diesem Buch zu greifen.


Genre: Kriminalliteratur
Illustrated by Goldmann München

Der goldene Hades

„Der goldene Hades“, „Der Selbstmöder“, „Doktor Kay“ sowie „indizienbeweis“ heißen die Geschichten, die in diesem Buch enthalten sind.

Das Buch gehört sicherlich nicht zu den bekanntesten Werken des englischen Kriminalschriftstellers. Liebe, Erpressung und andere Unannehmlichkeiten des Lebens machen weite Teile der Handlung aus. Auch der Okkultismus, der sich zu Lebzeiten von Wallace einer gewissen Beliebtheit erfreute, ist in den Geschichten vertreten.

Inhaltlich sind die Geschichten auf Unterhaltung angelegt. Kennen sollte sie nur der Wallace-Fan, der das Gesamtwerk kennen möchte.


Genre: Kriminalliteratur
Illustrated by Wilhelm Goldmann Verlag München

Die Abenteuerin

Joe Grandman gibt auf seinem Landsitz bei London einen Gala-Empfang. Der Finanz- und Hochadel ist dazu eingeladen. Caroline Smith ist Detektivin. Sie soll den Schmuck der weiblichen Gäste vor einer berüchtigten Juwelendiebin schützen.

Das Buchen enthält die vier Kurzgeschichten „Die Abenteuerin“ (vor ihr stammt die Inhaltsangabe oben), „Der betrogene Betrüger“, „Die Privatsekretärin“ sowie „Der Herr im dunkelblauen Anzug“.

Es handelt sich dabei um Geschichten ganz im Stile eines Edgar Walalce, flott geschrieben und lediglich auf Unterhaltung angelegt. Irgendwelche technische oder gar psychologische Finessen kommen hier nicht vor. Der Leser erfährt von vornherein, wer Gut und Böse, wer der Verbrecher und seine Übeltaten sind. Wie wird ihm das Handwerk gelegt? Das ist die alles entscheidende Frage in den 4 Geschichten.​


Genre: Kriminalliteratur
Illustrated by Wilhelm Goldmann Verlag München

Die Millionen-Geschichte

„Die Millionengeschichte“, „Der Fall Stretelli“ und „Das Diamantenklavier“ heißen die drei Kurzgeschichten, die in diesem Buch enthalten sind. Giftmord, Erbschleicherei und andere Kriminalfälle kommen hier vor.

Wallace bietet hier genaus das, was er am besten kann, nämlich spannende, gut lesbare, wenn auch etwas oberflächliche Unterhaltung. Inhaltlich geht es nur darum, wie ein Verbrecher von der Polizei gestellt wird.

Wie populär und gut verkäuflich sind die Bücher von Wallace heute noch? Keine Ahnung; zumindest in Antiquariaten müßten seine Bücher noch zu finden sein. Wallace gehört zu den Klassikern des Kriminalroman-Genres. Wer sich für diese Art Literatur begeistern kann, sollte sich aber mit Wallace schon ein wenig auskennen.


Genre: Kriminalliteratur
Illustrated by Wilhelm Goldmann Verlag München

John Flack

John Flack ist ein gerissener Ganove, der eines Tages aus der Irrenanstalt von Broadmoor ausbricht. Larmes Keep ist eine ganz besondere Pension in Siltbury. Dort befindet sich unerkannt seine Zentrale, von wo aus er seine Beutezüge steuert. Margaret Beltman ahnt von alledem nichts, als sie ihre neue Stelle dort antritt.

Dies ist Band 51 der Goldmann Taschen-Krimis. Er bietet die Art von Unterhaltung, die wir von Edgar Wallace gewohnt sind, actionreich, dramatisch und oberflächlich, eben gan auf die Ergreifung des Täters angelegt.

London und Larmes Keep sind die Orte, auf die sich die Handlung konzentriert. Auch die Zahl der Personen ist überschaubar. Neben Miss Beltman gibt es den verliebten und alleskönnenden Scotland-Yard-Inspektor J. G. Reeder. Deneben gibt es das Personal und die Gäste der Pension – sie alle gehören zum Dunstkreis von John Flack, sind seine Familie und Kumpanen. Wer sich bei Wallace auskennt,wird hier nur noch den verarmten Adeligen vermissen.

Was auf den ersten Blick so spektakulär aussieht, ist doch ein wenig vorhersehbar, weil eben für Wallace typisch. Nichts ist so, wie es scheint. Es gibt viele doppelte Böden und Wände. Viele Figuren aben eine doppelte Identität. Viele Elemente könnte man getrost als faulen Zauber bezeichnen.


Genre: Kriminalromane
Illustrated by Wilhelm Goldmann Verlag München

Am Beispiel des Hummers

Hummer wollte ich immer schon einmal essen, aber es ist nie dazu gekommen. Mal schien er mir unerschwinglich teuer, mal hielt ich es für dekadent und deshalb ablehnenswert. Dann wieder wusste ich nicht, wie die Scheren fachgerecht geknackt werden müssen, um ohne öffentliche Blamage an das eiweißreiche Fleisch zu kommen. Jetzt habe ich David Foster Wallaces kurze Reportage über das Maine Lobster Festival gelesen und dadurch miterlebt, wie 25.000 Pfund fangfrischer Hummer in die Mägen von mehr als 100.000 Besuchern wandern. Ja, und irgendwie ist mir dadurch der Appetit auf die mit Furcht erregenden Zangen bewaffneten Krebstiere gründlich vergangen.

Dabei kommt der Text, ursprünglich für ein Gourmet-Journal geschrieben, wie ein Appetithäppchen daher: Wallace, Großmeister der Reportage, besucht das traditionelle Hummerfestival und beschreibt, was dort geboten wird. Tonnenweise Hummer wird direkt vom Kutter in den größten Hummerkessel der Welt geworfen und in kochendem Wasser gesotten, um dann im großen Fest- und Fresszelt von entfesselten Schlemmern verzehrt zu werden. Kochwettbewerb, Rummelplatz, Schönheitswettbewerb und Souvenirparaden bilden das Rahmenprogramm, mit dem der US-Bundesstaat Maine als weltgrößter Hummerlandeplatz punktet.

Der Leser erfährt, dass Hummer noch im 19. Jahrhundert als Dreckfraß galt, der zur Gefangenensättigung genutzt wurde. Denn der Hummer als alles vertilgender Müllschlucker des Meeres genoss den Status der Ratte, und derartiges Zeug war für den verurteilten Abschaum der Gesellschaft gerade gut genug. Inzwischen hat sich das grundlegend gewandelt, das aromatische weiße Fleisch der Krebstiere gilt als Delikatesse, das in seinen Rang als Luxusgut allenfalls dem Kaviar den Vorrang lassen muss. Das hat vielleicht auch mit der Zubereitungsart zu tun, denn zu Vorväters Zeiten wurden die Tiere komplett zermahlen und an die Sträflinge verfüttert. Hier setzt das Lobster Festival an, mit dem der US-Bundesstaat Maine Werbung für ein Produkt macht, das ihm die Natur quasi direkt auf den Tisch spült. Denn an keinem anderen Ort der Erde tummeln sich derartig viele Hummer.

Und genau über dieses Festival schreibt Wallace, ohne die Massenfütterung zu loben. Im Gegenteil: er schafft es, den Leser sanft an sein Thema heran zu führen, er begleitet ihn durch die schmatzenden Massen des Mega-Events, und er prüft – durch und durch Journalist – auch die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft in Bezug auf Nerven und Schmerz der Hummer. Nach der Lektüre des zu einem schmalen Büchlein aufgeblasenen Textes bleibt dem Leser der Hummer dann aber im wahrsten Sinne des Wortes im Halse stecken.

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Mehr über den Autor:
David Foster Wallace: Freitod mit 46


Genre: Reportagen
Illustrated by Arche Zürich

Schrecklich amüsant — aber in Zukunft ohne mich

Im Auftrag einer Edelgazette unternimmt der Autor eine Luxuskreuzfahrt in die Karibik. Mit messerscharfem Beobachtungsvermögen seziert er das Geschehen an Bord des schwimmenden Palastes. Entstanden ist eine literarische Reportage, die sich vor allem den grotesken Auswüchsen des Verwöhntourismus widmet.

Foster Wallace erkennt in dem professionell freundlichem Amüsierservice in engelhaftem Weiß, der sich ihm unter einer lapislazuliblauen Himmelskuppel bietet, eine der Hauptursachen dafür, dass er froh ist, wieder von Bord gehen zu dürfen ohne vorher zu verzweifeln. Für jeden, der plant, erstmals eine organisierte Schiffsreise zu buchen, ist die Lektüre des Essays eine genussreiche Trockenübung.


Genre: Humor und Satire
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln