Berittener Bogenschütze

kronauer-2Das Mirakel der Realität

Man hat vom Höhepunkt ihrer Erzählkunst gesprochen bei Brigitte Kronauers 1986 erschienenem Roman «Berittener Bogenschütze», der nicht nur vom Titel her Rätsel aufgibt. Die mit vielen Preisen geehrte Schriftstellerin hat nach langen Jahren im literarischen Untergrund ihren ganz eigenen Erzählstil entwickelt, den sie nach ihrem erfolgreichen Romandebüt wie ein Markenzeichen konsequent weiterverfolgt und im vorliegenden, sechs Jahre später erschienenen Band auf die Spitze getrieben hat. Mit Realistik im Sinne üblicher Lesererwartungen hat ihr spezieller literarischer Stil rein gar nichts gemein, soviel vorweg!

Der vierzigjährige Matthias Roth ist Literaturdozent an einer nicht genannten deutschen Uni, sein Forschungsschwerpunkt scheint Joseph Conrad zu sein. Er ist allein stehend und lebt als möblierter Herr in zwei einfachen Zimmern beim Ehepaar Bartels. Nachdem Karin ihn verlassen hat, ist er zu Beginn des Romans mit der Biologiestudentin Marianne liiert, die gelegentlich bei ihm übernachtet. Frau Bartels kocht für ihn und erzählt ihm Geschichten über die Mitbewohner, die ihn wirklich nicht interessieren, die er aber aus reiner Höflichkeit über sich ergehen lässt. Als er seinen früheren Freund Fritz und dessen Frau in einer anderen Stadt besucht, staunt er über das für ihn rätselhafte Eheleben der Beiden, spekuliert darüber, wie nahe sie sich menschlich denn tatsächlich sein können. Von den alten Freunden ist nur Hans in der Stadt geblieben, er ist mit Gisela verheiratet und hat einen Job im Kulturamt; Matthias ist öfter bei ihnen eingeladen, die Drei verstehen sich gut. Als Marianne ihn wortlos verlässt, unternimmt er in den Semesterferien eine längere Reise nach Italien, wohnt einige Zeit bei Irene, einer allein stehenden Bekannten in Genua, ohne aber intim mit ihr zu werden, wie er es eigentlich vorhatte. Am letzten Tag seines Badeurlaubs hat er auf einer Wanderung in einem einsamen, mediterranen Tal eine Art Erweckungserlebnis. Zurückgekehrt trifft er zufällig Anneliese wieder, mit der er mal eine Nacht verbracht hatte, und bandelt nun wieder mit ihr an. Der Roman endet mit einer ihn vollends irritierenden Begebenheit: Als er eines Abends seine Freunde besucht, ist Hans noch nicht von der Arbeit zurück. Beim Teetrinken in der Küche kommen er und Gisela sich plötzlich für einen winzigen Moment nahe, man hört aber schon den Schlüssel von Hans in der Haustür. Völlig verwirrt nach schlafloser Nacht trifft Matthias die Beiden am nächsten Abend wieder, und alles ist wie immer, als wäre nichts geschehen.

Brigitte Kronauer versucht in ihrem Roman, den Dingen des Alltags auf den Grund zu gehen, Erkenntnisse zu gewinnen über die Geheimnisse dessen, was wir Wirklichkeit nennen. Ihr sensibler Protagonist ist ein ewiger Grübler, ein Skeptiker, der ständig sinnierend das Innere der sichtbaren Welt ebenso zu erforschen sucht wie das verbindende Beziehungsgeflecht ihrer Teile. Als sehr spezieller Entwicklungsroman, in dem nichts von Bedeutung passiert, enthält er fast ausschließlich tiefsinnige Reflexionen und äußerst detailverliebte Schilderungen. In einer kreativen, wortmächtigen Sprache lassen sie auf der Suche nach Erkenntnis, nach dem Mirakel hinter der Realität, vieles aufscheinen, das sich dem weniger genauen Betrachter völlig entzieht.

Der komplexe Roman erscheint mir ziemlich artifiziell, er ist wahrlich nicht einfach zu lesen mit seinen zuweilen komplizierten Satzgebilden, die partout alles, was ist, zu benennen suchen. Damit erfordert er einiges an Geduld, nötigt zudem den Leser auch zur Mitwirkung bei der Überfülle an Details, die da auf ihn einströmen und sich zu Bildern formen, permanent neue Assoziationen generierend. So sehr die exzessive, fast schon manische Beschreibungslust der Autorin auch zu bewundern ist, das Gros der Leser dürfte den Roman kaum wirklich goutieren, zu abseitig ist diese spezifische Erzählweise, von der schwierigen Thematik ganz zu schweigen.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Klett-Cotta Stuttgart

Teufelsbrück

kronauer-1Im Prinzip Ja

Fast alle Werke der Belletristik schmücken sich heute spätestens im Stadium der Taschenbuchausgabe verkaufsfördernd mit Zitaten des Feuilletons auf dem Umschlag, die, manchmal trickreich aus dem Gesamttext einer Rezension oder aus einem Interview herausgelöst, einen Kauf des Buches dringend nahelegen. Die ehemalige Deutschlehrerin Brigitte Kronauer trat nach langen Jahren im literarischen Untergrund 1980 erstmals mit einem Roman an die breite Öffentlichkeit und hatte dann 1983 mit «Berittener Bogenschütze» ihren literarischen Durchbruch, die Zahl der Ehrungen seither ist ebenso beeindruckend wie ihr vielschichtiges Œuvre. Über den schon zum Alterswerk zählenden, im Jahre 2000 erschienenen Roman «Teufelsbrück» schrieb die ZEIT: «Dieser Roman wird Literaturgeschichte machen». Der Literaturpapst seliger Zeiten MRR wird kurz und bündig im Klappentext zitiert: «Brigitte Kronauer ist die beste Prosa schreibende Frau der Republik». Stimmt das alles, grübelt man resümierend, nachdem man, neugierig geworden, das Buch glücklich zu Ende gelesen hat. Im Prinzip Ja, würde ich wie Radio Eriwan antworten, aber …

Der Roman ist in die drei Kapitel «EEZ», «Holunderburg» und «Schnee» eingeteilt, die jeweils wieder in drei durchnummerierte und mit «Abend» betitelte Unterkapitel gegliedert sind. Damit wird zeitlich die Erzählsituation umrissen, die Ich-Erzählerin Maria Frauenlob spricht an jenen neun Abenden zu einer imaginären Zuhörerin, deren Identität sich dem Leser erst ganz am Ende erschließt. Es geht um die Liebe zu einer Art Traummann, auf den Maria an einem äußerst profanen Ort trifft, im Konsumtempel des Elbe-Einkaufs-Zentrums. Leo verkörpert für sie das Idealbild eines Mannes mit einer maskulinen Ausstrahlung, der sie rauschhaft verfallen ist. Ihre Romanze erreicht den Höhepunkt auf einer gemeinsamen Reise nach Heidelberg, kühlt dann aber, einem Naturgesetz? folgend, allmählich ab und endet schließlich, ein für Maria langer mentaler Prozess, im Gebirge, in Fels, Eis und Schnee. So weit und so profan die Story, die wir auswendig kennen, so oft haben wir sie schon gelesen, da ändern auch zwei Tote und ein erfolgloser Selbstmörder nichts dran!

Gleich auf den ersten paar Seiten wird dem Leser klar, dass hier nicht der Plot im Mittelpunkt stehen wird, dass er es vielmehr mit der geradezu manischen Beschreibungswut einer kreativen Schriftstellerin zu tun hat, deren Phantasie und Wortgewalt in der Tat ihresgleichen sucht in der deutschen Literatur. Hier geht es nicht um Realität oder Plausibilität, hier wird ausnahmslos der inneren Wirklichkeit gehuldigt ohne Rücksicht auf zeitliche, räumliche oder logische Gesetze. Wir befinden uns hier im märchenhaften Reich der Poesie und Phantasie, im Zentrum von Marias romantischer Gedankenwelt, die sie genüsslich vor ihrer imaginären Zuhörerin ausbreitet. Das Alles ist durchtränkt von Anspielungen, Wahrnehmungen, Sehnsüchten aus Marias Innerstem, dem Unterbewussten. Die üppige Symbolik dieses Romans beginnt schon bei der Namensgebung der Figuren, sie bezieht deren berufliche Tätigkeiten ebenso mit ein wie den besonderen Charakter der Handlungsorte oder die grenzenlos ausschweifenden Exkursionen in Flora und Fauna, die selbst kleinste Details nicht aussparen und ihnen, geradezu beflügelnd, metaphysische Bedeutungen zuweisen.

Um auf Radio Eriwan zurückzukommen bleibt die Erkenntnis, dass dieser Roman in der Tat ein glänzendes Stück Prosa ist, weit über den Niederungen massentauglicher Romanproduktion schwebend, aber genau damit nun wirklich nur eine äußerst kleine, aufnahmefähige und –bereite Leserschaft erreichend, die elitär der «hohen» Literatur huldigt. Das ist nicht jedermanns Sache, dafür braucht man auch mehr als nur Spaß am Lesen, am angenehm unterhalten werden, man braucht Entdeckergeist auf der Suche nach neuen Horizonten, nach dem, was als in der Regel unsagbar in den Köpfen anderer vorgeht, so wie hier als berauschende Illusion in dem von Maria Frauenlob.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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