Mendelssohn auf dem Dach

Die einzig wahre Verheißung

In seinem letzten, 1960 posthum erschienenen Roman «Mendelssohn auf dem Dach» beschreibt der heute weitgehend vergessene tschechische Schriftsteller Jiří Weil die Zeit nach der Annexion von Böhmen und Mähren durch die Deutschen. Der titelgebende jüdische Komponist stand neben vielen anderen als Statue auf dem Dach des zum «Haus der deutschen Kunst» umgewidmeten Konzerthauses Rudolfinum in Prag. Das war dem berühmt-berüchtigten Reichsprotektor Reinhard Heydrich natürlich ein Dorn im Auge, sie musste auf seinen Befehl hin umgehend entfernt werden. Als Leitmotiv zieht sich somit gleich von Beginn an die Musik durch die grauenvolle Geschichte der kleinen Leute, aus deren Opfer-Perspektive vom Wüten der Besatzer berichtet wird, ein Fanal geradezu menschlichen Schöngeistes auch in Zeiten dieser unsäglichen Barbarei. Der jüdische Autor hat Terror dieser Art nicht nur unter den Nazis selbst erlebt, er hat auch während der stalinistischen Säuberungen unter Verfolgung gelitten und war ab 1949 bis kurz vor seinem Tod mit einem Publikationsverbot belegt.

Im Stil eines Schelmenromans wird im ersten Drittel von der Entfernung des steinernen Juden erzählt, die sich insofern als unerwartet schwierig erweist, weil sich an den aufgestellten Statuen keine Namensschilder befinden. Der einfältige SS-Mann, der diesen Auftrag auszuführen hat, ist nicht schwindelfrei und traut sich nicht aufs Dach hinaus, seine beiden jüdischen Helfer aber, nicht minder ungebildet, sind nicht in der Lage, Mendelssohn Bartholdy zu identifizieren. Als er sie anweist, die Statue mit der größten Nase zu suchen, das müsse nach der herrschenden Rassenideologie der gesuchte Jude sein, hätten sie beinahe Richard Wagner umgerissen, der hatte nämlich die größte Nase unter den dort oben versammelten Musikern. Nach einigem Hin und Her und unter viel Gebrüll in den beteiligten NS-Dienststellen findet sich letztendlich dann eine tschechische Musikerin, die Mendelssohn eindeutig identifiziert. Die beiden Helfer beschießen spontan, die Statue nicht zu zerschlagen, sondern nur umzustürzen, so könne man sie später mal wieder aufstellen, wenn sich die Zeiten geändert haben, – ein verdeckter Akt des Widerstandes.

Schon in dieser einleitenden Episode dominiert neben der amüsanten, für die beteiligten NS-Schergen jedoch äußerst blamablen Aktion sinnloser Kunstschändung das bedrohliche Unheil für die tschechische Bevölkerung und die ständige Todesangst der von Deportation bedrohten Juden. In einem perfiden System werden Tschechen als Hilfskräfte in die Verwaltung mit einbezogen, müssen bei der Deportation der jüdischen Bevölkerung mitwirken, deren beschlagnahmten Besitz in Lagerhäusern sortieren und für das «Tausendjährige Reich» verwerten. Jiří Weil erzählt vom Wüten der Ursupatoren von Gestapo, SS und Wehrmacht, von dessen Auswirkungen auf das Leben in Prag, vom Widerstand beherzter Tschechen und von dem sensationellen Attentat, mit dem der vom «Führer» persönlich mit der «Endlösung der Judenfrage» beauftragte Massenmörder Reinhard Heydrich seine gerechte Strafe erhielt. Er erzählt vom Ghetto in Theresienstadt, das als KZ und als Transitstation für die Vernichtungslager im Osten gedient hat, und von den Hoffungen, die nach Stalingrad und dem Vormarsch der Roten Armee in all der Ausweglosigkeit aufzukeimen beginnt, auch wenn Prag schließlich als «judenfrei» nach Berlin gemeldet wird und das herbeigesehnte Ende noch lange auf sich warten lässt.

In einfach strukturierten, kurzen Sätzen entwirft Jiří Weil ein Bild des Grauens, bei dem Gut und Böse allzu klar unterschieden wird. Die Deutschen sind ausnahmslos brüllende Bösewichte übelster Sorte, Tschechen und Juden versuchen in ihrer Not, irgendwie zu überleben, wobei sie sich selbstlos gegenseitig beistehen. Tief betroffen von seiner Erzählung verzeiht man dem Autor diese arg idealisierende Darstellung in einem Roman, der die Kunst als einzig wahre Verheißung preist.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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