Alle Toten fliegen hoch (Band 2: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war)

Der junge Held in Meyerhoffs zweitem Roman wächst zwischen Hunderten von Verrückten als jüngster Sohn des Direktors einer Kinder- und Jugendpsychiatrie auf – und mag es sogar sehr. Mit zwei Brüdern und einer Mutter, die den Alltag stemmt – und einem Vater, der in der Theorie glänzt, in der Praxis aber stets versagt. Wer schafft es sonst, den Vorsatz, sich mehr zu bewegen, gleich mit einer Bänderdehnung zu bezahlen und die teuren Laufschuhe nie wieder anzuziehen? Oder bei Flaute mit dem Segelboot in Seenot zu geraten und vorher noch den Sohn über Bord zu werfen?
Am Ende ist es aber wieder der Tod, der den Glutkern dieses Romans bildet, der Verlust, der nicht wieder gutzumachen ist, die Sehnsucht, die bleibt – und die Erinnerung, die zum Glück unfassbar pralle, lebendige und komische Geschichten hervorbringt.

Nun habe ich vier der geplanten 7 Bände des autobiografischen Romans von Joachim Meyerhoff gelesen. Dieser Band ist Band 2, obwohl er mE Band 1 sein sollte, denn hier geht es um Meyerhoffs Kindheit. Einer Kindheit inmitten Geisteskranker, die zugleich – weil für den Jungen Normalität – eine Art erweiterter Familie waren. Manche überaus geliebt, andere gefürchtet oder belächelt. So wie er selbst, denn die beiden älteren Brüder necken und verspotten ihn allzugern. Nur seine beängstigenden Tobsuchtsanfälle bringen sie zur Räson.

Den Auftakt bildet ein Toter, den der knapp Siebenjährige findet. Schon früh erkennt er, dass Leben und Tod untrennbar verbunden sind.

Liebevoll und detailliert beschreibt Meyerhoff den Alltag in der Psychiatrie, wir lernen die Insassen genau kennen, ihre Macken, die zum Teil amüsieren, dann traurig machen oder sie uns fürchten lassen. Der Autor behält auch in den berührendsten oder erschreckendsten Situationen einen leichten, sehr nahen Tonfall, übrigens einen literarisch ausgezeichneteten, bei. Niemals kitschig oder abwertend den gezeigten Personen gegenüber. Dieses Buch ist mir bisher das schönste und nahegehendste seiner Erinnerungsreihe.

 


Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Alle Toten fliegen hoch (Band 4: Die Zweisamkeit der Einzelgänger)

Autobiografie in Romanform

Endlich verliebt! In Hanna, Franka und Ilse. Eine blitzgescheite Studentin, eine zu Exzessen neigende Tänzerin und eine füllige Bäckersfrau stürzen den Erzähler in schwere Turbulenzen. Die Gleichzeitigkeit der Ereignisse ist physisch und logistisch kaum zu meistern, doch trotz aller moralischer Skrupel geht es ihm so gut wie lange nicht.

Am Anfang stand eine Kindheit auf dem Anstaltsgelände einer riesigen Psychiatrie mit speziellen Freundschaften zu einigen Insassen und der großen Frage, wer eigentlich die Normalen sind. Danach verschlug es den Helden für ein Austauschjahr nach Laramie in Wyoming. Fremd und bizarr brach die Welt in den Rocky Mountains über ihn herein. Kaum zurück bekam er einen Platz auf der hochangesehenen, aber völlig verstörenden Otto-Falckenberg-Schule, und nur die Großeltern, bei denen er Unterschlupf gefunden hatte, konnten ihn durch allerlei Getränke und ihren großbürgerlichen Lebensstil vor größerem Unglück bewahren.

Nun ist der fragile und stabil erfolglose Jungschauspieler in der Provinz gelandet und begegnet dort Hanna, einer ehrgeizigen und überintelligenten Studentin. Es ist die erste große Liebe seines Lebens. Wenige Wochen später tritt Franka in Erscheinung, eine Tänzerin mit unwiderstehlichem Hang, die Nächte durchzufeiern und sich massieren zu lassen. Das kann er wie kein Zweiter, da es der eigentliche Schwerpunkt der Schauspielschule war. Und dann ist da auch noch Ilse, eine Bäckersfrau, in deren Backstube er sich so glücklich fühlt wie sonst nirgends. Die Frage ist: Kann das gut gehen? Die Antwort ist: nein.

Der junge Schauspieler Meyerhoff ist mitten im Sturm-und-Drang-Alter, hat sein erstes echtes Engagement, trifft auf die ersten Frauen, lebt erste Liebesaffären und natürlich wilden Sex. Dazu kommt, dass er wie alle Jungschauspieler vor Leidenschaft brennt, endlich große Rollen spielen zu dürfen, keine „Bäume“, die maximal einen Satz sagen dürfen. Im verknöcherten Provinztheater ein Ding der Unmöglichkeit. So experimentiert der junge Mann nicht nur in der Liebe – die ihm einiges an Termin-Exaktheit abverlangt, auf dass keine der Damen mit der anderen Geliebten kollidieren möge – nein, er versucht ein One-Man-Stück auf die Bühne zu zwingen. Übt vor dem Spiegel, seinen sündteuren Lederschwanz perfekt peitschen zu lassen, zieht sich den Unmut des Theater-Prinzipals zu, da der Schwanz die Theaterwerkstatt eine irre Summe gekostet hat. Ergebnis der Vorstellung: vernichtend.

Meyerhoff führt die Leser in altbekannter Manier durch einen Abschnitt seines Lebens; humorvoll, selbst in den fürchterlichsten Situationen, Peinlichkeiten und Niederlagen. Ich halte ihn für einen ausgezeichneten Autor, der dementsprechend vielfach ausgezeichnet wurde. Ein Mann, der kein Blatt vor den Mund nimmt, dennoch literarisch schreibt. Er gibt sein letztes Hemd fürs Theater, fürs Schreiben. Ich bleibe Fan.


Genre: Autobiografie, Roman
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Alle Toten fliegen hoch (Band 1: Amerika)

Mit seinem Erstling »Alle Toten fliegen hoch« begibt sich Joachim Meyerhoff auf das schlüpfrige Parkett der Autobiografie. Der in einer norddeutschen Kleinstadt aufgewachsene Autor, Baujahr 1967, setzt im Alter von 17 Jahren mit seiner Ich-Erzählung an. Chronologisch schildert er ein Jahr, das er als Austauschschüler in Amerika verbrachte und ihn ganz offensichtlich prägte. Continue reading


Genre: Autobiografie, Erinnerungen, Humor
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Alle Toten fliegen hoch (Band 3: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke)

51ba5IlKS9LJoachim Meyerhoff ist Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters. Heute. Das Buch erzählt über den jungen Mann, der in München die Schauspielschule besucht, sich selbst grauenhaft findet, was unterstützt wird von seinen Lehrern. Er beisst sich aber durch, denn er will unbedingt ans Theater (was ihm ja auch gelungen ist, heute ist er ein begehrter und großartiger Darsteller). Allein, was er über die einzelnen Kurse in der Schule schreibt, ist himmlisches Vergnügen. Da wälzen sich die Schüler halb nackt im Fach Ausdruck des Körpers, da wird ständig im Sprachunterricht der arme Kerl genötigt, endlich ein P statt einem F bei Worten wie Pferd hören zu lassen (Norddeutsche haben es nicht so mit dem P), da sagt der Lehrer: „Atmen Sie nicht!“. Meyerhoff erstickt fast bei dem Bemühen, lautlos Luft zu holen und vieles mehr.

Dazu beschreibt er den herrlichen Haushalt seiner Großeltern, in dem er nun lebt, da er als Nordlicht in München die Schule besucht. Die Großeltern beginnen die Tage mit Schampus – der junge Meyerhoff daher auch. Die Tage, gefüllt mit „Alkohol für den guten Blutdruck“, machen ihn ums Haar zum Trinker, jedenfalls permanent besoffen. Seine Oma, ganz wunderbar, war einst ebenfalls Schauspielerin und ist es heute noch im ganz verrückten Alltag. Sie ist Dramatik pur. Ihr Lieblingsausruf, in allen Facetten, versteht sich: „Moa!!!“

Dieses Buch ist der 3. Band von Meyerhoffs biografischen Aufzeichnungen, ich habe alle drei gelesen. Wobei ich empfehle, Band 2 (Kindheit) vor dem Band 1 (Amerika) und dann diesen hier besprochenen zu lesen, dann ist es chronologisch! Alle drei waren jedenfalls für mich ein großes Vergnügen. Nicht nur inhaltlich (neben der Originalität geht es auch sehr oft um Schmerz und Verluste), auch schreiberisch. Denn Meyerhoff ist ein toller stilsicherer Schriftsteller, der die Gabe hat, bildhaft und kraftvoll zu formulieren. Ich hoffe, die Aufzeichnungen gehen weiter.

Lesen Sie!


Genre: Biographien
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