Das Hotel New Hampshire

irving-1Mit Sonnenuntergang

Der US-amerikanische Schriftsteller John Irving ist einer jener polarisierenden Autoren, deren Romane man entweder ganz toll findet, um sich damit jubelnd in die zugehörige Fan-Gemeinde einzureihen, oder eher miserabel, womit man sich in der Rolle des schwarzen Storches befindet, also ein störender Andersartiger ist inmitten weißer Artgenossen. Auch nach zwei Jahrzehnten Abstand habe ich beim Wiederlesen seines wohl bekanntesten Romans, «Das Hotel New Hampshire», 1982 auf Deutsch erschienen, keinen Zugang gefunden zu dieser Art des Erzählens, – von der misslungenen Verfilmung mal ganz abgesehen. Mein Unvermögen also?

Es handelt sich um einen klassischen Coming-of-Age-Roman. Die Geschichte wird strikt aus der Ich-Perspektive erzählt, von John Berry, der anfangs zehn Jahre alt ist, und sie erstreckt sich zeitlich über etwa dreißig Jahre, von Anfang der vierziger bis Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, deckt also seine späte Kindheit ab bis zur Heirat mit vierzig. Um diese zentrale Figur herum gruppiert Irving eine geradezu absurd skurrile Familie mit fünf Kindern und einem Großvater sowie diversen Gestalten mit wunderlichen Namen wie Susie der Bär, Freud, Kreisch-Annie, Die Alte Billig, Die Dunkle Inge, Ernst der Pornograph, Schraubenschlüssel, Schwanger, Fräulein Fehlgeburt und viele andere mehr. In diesem dubiosen Panoptikum fällt auf, dass den starken Frauenfiguren wie zum Beispiel Franny, Johns ein Jahr älterer Schwester, die der intellektuelle Mittelpunkt der Familie ist, schwache Männer gegenüberstehen wie der antriebslose John oder sein schwuler Bruder Frank. Gleiches gilt für die jüngere, kleinwüchsige Schwester Lilly, die einen erfolgreichen Roman schreibt, und den jüngsten Bruder Egg, der ziemlich einfältig erscheint nicht nur durch seine Schwerhörigkeit. Zum typischen Instrumentarium dieses Autors gehören ferner literarische Versatzstücke, die sich auch in manchen anderen Romanen von ihm finden: Männersportarten wie Football, Motorräder, Bären, Zirkus, Prostitution, Homosexualität, Vergewaltigung, Inzest, Macho-Sex. Nicht sehr abwechslungsreich sind auch seine autobiografisch geprägten Lieblingsschauplätze, hier New Hampshire, New York und Wien, und seine bevorzugten Milieus wie Hotels, Schulen, Bordelle.

Aus all dem entwickelt der Autor seine handlungsreiche, trotz einiger überraschender Wendungen aber merkwürdig spannungsarme Geschichte, man schwimmt als Leser mit im Erzählfluss, hat aber nie Schwierigkeiten, das dicke Buch beiseite zu legen für eine längere Lesepause. Wir erleben diese chaotische Familie und all die skurrilen Randfiguren in ihren drei Hotels, lesen von diversen Schicksalsschlägen: Flugzeugabsturz der Mutter und des jüngsten Sohnes, Attentatsversuch auf das Wiener Opernhaus, Erblindung des Vaters, Selbstmord der jungen Schriftstellerin. Irving erzählt seine ausufernd pralle Geschichte in einer anspruchslosen, äußerst vulgären Sprache, mit der er seinen Figuren den ordinären Jargon der Halbstarken und des Rotlichtmilieus in den Mund legt, erweist ihr damit aber einen Bärendienst, der seine moralische Intention konterkariert. Er wäre nämlich kein typisch amerikanischer Autor, wenn er nicht zu guter Letzt eine wohlfeile Botschaft verbreiten wollte, wobei er den «Gatsby» seines Kollegen Fitzgerald als maßlos bewundertes Vorbild heranzieht. «Bleib immer weg von offenen Fenstern» heißt es rührselig bei Irving, womit gebetsmühlenartig eine unbeirrbar optimistische Lebensmaxime bekräftigt wird, sich ja nie unterkriegen zu lassen, egal wie dick es kommt.

Ordinär verbalisierter Sex ersetzt in dieser naiv märchenhaften Erzählung die Liebe, sämtliche Beziehungen zwischen den Protagonisten wirken seltsam oberflächlich, Trauer und Schmerz, seelische Verletzungen werden nassforsch weggebügelt von einer alles übertönenden Zuversichtlichkeit im «Land der unbegrenzten Möglichkeiten». Ein Roman wie ein lauter, kitschiger Hollywoodfilm, mit Sonnenuntergang am Ende.

Fazit: miserabel

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
Illustrated by Diogenes Zürich

Avenue Of Mysteries

 

51oVJJvF+kL._BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-v3-big,TopRight,0,-55_SX324_SY324_PIkin4,BottomRight,1,22_AA346_SH20_OU03_1970: Juan Diego ist 14 und lebt in einer Baracke neben einer Müllhalde in Mexico, wo er autodidaktisch das Lesen und sogar Fremdsprachen erlernt. Seine um ein Jahr jüngere Schwester Lupe kann Gedanken lesen und manchmal in die Zukunft blicken; wegen eines Sprachfehlers versteht sie allerdings nur ihr Bruder, der dann als (selektiver) Übersetzer tätig wird. Durch einen bizarren Unfall(?) werden die beiden zu Waisen und landen in einem Jesuitenheim für »verlorene Kinder«. Der Aufenthalt dort ist jedoch nicht von Dauer, ihr Weg führt die Geschwister in einen Zirkus, wo der Bruder als Seiltänzer eingesetzt werden soll, während die Schwester die Gedanken der Löwen lesen soll. Es kommt ganz anders…

 

2010: Juan Diego ist inzwischen ein leidlich berühmter und erfolgreicher Schriftsteller (wie so viele Helden aus Irvings Romanen), lebt in Iowa und tritt eine Reise zu den Philippinen an. Schon im Flugzeug lernt er zwei geheimnisumwitterte Frauen (Mutter und Tochter) kennen, die auch nach der Ankunft immer wieder auftauchen und verschwinden. Juan Diego erlebt dort diverse Abenteuer und nicht zuletzt dank seiner Experimente mit verschiedenen Medikamenten träumt er intensiv von seiner Jugendzeit; Träume, in denen sich Vergangenheit und Gegenwart begegnen, dann vermischen und schließlich nach und nach Realität werden…

 

Wer diese Inhaltsangabe für arg verschwurbelt hält, hat natürlich recht, aber der Autor macht es dem Rezensenten auch nicht leicht, Irving-Kenner wissen, wovon ich rede. Auch »Avenue of Mysteries« ist wieder ein episches Werk, ein typischer John Irving, mit vielen kleinen Geschichten, voll wortwitziger Fabulierkunst und dennoch präzisen Formulierungen. Die Protagonisten (nicht nur die Hauptfiguren) sind sorgfältig ausgearbeitet, der Leser lacht und weint mit ihnen und trifft jede Menge herrlich skurriler Charaktere: Der amerikanische Missionar, der sich in eine transsexuelle Prostituierte verliebt, der ernsthafte Katholik, dessen Tante sich eine Muräne als Haustier hält und (quasi als Dreingabe) die verschiedenen Heiligen Jungfrauen Mexikos, um nur einige zu nennen.

 

John Irving ist einer der ganz großen Autoren der Gegenwart, eine seiner immer wiederkehrenden Themen sind »Verlust und Gewalt, die bizarr und völlig unerwartet passieren«, wie er einmal in einem Interview verriet. Das allein ist noch keine Kunst, aber die Art und Weise, wie er eben diese Themen schriftstellerisch umsetzt, ist schlichtweg exzellent. Obwohl vordergründig eher unpolitisch, beschäftigt sich der Autor in seinem neuen Roman mit diversen gesellschaftlich relevanten Themen und beleuchtet beispielsweise den Einfluss von Glauben, Religion und Kirche; er tut dies kritisch, aber ohne dabei den Zeigefinger zu erheben.

 

Irving ist ein Erzähler im besten Sinne, der den Leser fesselt, weil er stets den Überblick behält und nie den Faden verliert. Auch »Avenue of Mysteries« ist ein opulent ausschweifendes Buch, das man langsam und bedächtig lesen sollte, denn die Geschichte und die erzählten Ereignisse benötigen Zeit um ihre Wirkung vollständig zu entfalten. Die Belohnung dafür ist ein exquisites Leseerlebnis, ein kraftvoller Roman mit vielen Facetten, mal heiter, mal tragisch, oft melancholisch, aber stets zutiefst anrührend.

 

P.S.: Bisher ist das Buch nur in Englisch und Niederländisch erhältlich. Laut Angaben von SPIEGEL ONLINE, wo der Roman nun ebenfalls rezensiert wurde, erscheint die deutsche Ausgabe am 23.03.2016.

 


Genre: Belletristik
Illustrated by Simon & Schuster

Letzte Nacht in Twisted River

41fBYGsgFkL._BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-v3-big,TopRight,0,-55_SX324_SY324_PIkin4,BottomRight,1,22_AA346_SH20_OU03_New Hampshire 1954: In einer kleinen Holzarbeitersiedlung verdient sich der verwitwete Koch Dominic (genannt Cookie) seinen Lebensunterhalt bis eines Tages sein Sohn Danny die Freundin des örtlichen Polizeichefs mit einem Bären verwechselt und kurzerhand pfännt (= mit einer Pfanne erschlägt). Gezwungen zur Flucht verschlägt es die beiden zunächst nach Boston, wo sie in der italienischen Gemeinde rasch heimisch werden und eine neue Liebe (Cookie) respektive eine gediegene Ausbildung (Danny) verpasst bekommen. 13 Jahre hält das fragile Glück, doch dann ist Constable Carl (der mit der bärigen Freundin) ihnen wieder auf den Fersen und sie setzen sich erneut ab, diesmal nach Vermont.

Auch hier finden sie sich prima zurecht, Cookie experimentiert (nicht nur in der Küche) mit asiatischen Einflüssen und Danny ist inzwischen selbst Vater und auf dem besten Weg, ein erfolgreicher Schriftsteller zu werden. Den Kontakt zur alten Heimat halten sie über ihren Freund Ketchum, ein grobschlächtiger aber herzensguter Holzarbeiter, der alles tut, um die beiden Exilanten vor dem verrückten und rachsüchtigen Cop zu beschützen. Allerdings können weder er noch eine weitere Flucht bis nach Kanada den unvermeidlichen Showdown nach fast 50 Jahren verhindern; die Dinge nehmen ihren Lauf und es kommt wie es kommen muss…

Es fällt nicht leicht eine Inhaltsangabe zu liefern, die diesem Epos gerecht wird, denn zu vielschichtig sind die Ereignisse in diesem neuen grandiosen Roman des begnadeten Erzählers John Irving. Natürlich finden wir jede Menge Liebe und Beziehungen, sowie tragische Tode und Verluste, die aber nie zu Bitterkeit führen, da sie als normaler Bestandteil des Lebens empfunden werden. Und natürlich gibt es auch Bären und schwergewichtig skurrile Frauengestalten wie Injun Jane, Six-Pack Pam oder Lady Sky, eine nackte Fallschirmspringerin, die im Schweinestall landet. Überhaupt die Charaktere: Wieder einmal gelingt es dem Romancier, liebenswert warmherzige und humorvolle Gestalten zu erschaffen, die den Leser tief anrühren, mit denen er nur zu gern Freud und Leid teilt und die er mit dem Zuklappen des Buches noch lange nicht vergisst.

Irvings fulminantes Werk umfasst fünf Jahrzehnte und ganz nebenbei serviert er als Soundtrack zum Leben der Protagonisten die dazu gehörige amerikanische Geschichte. „Last Night in Twisted River” ist somit auch ein politisches Buch; der Autor nimmt zum Beispiel kein Blatt vor den Mund, wenn die Rede auf den vorigen US-Präsidenten kommt. Keineswegs nur deswegen kann ich den Roman uneingeschränkt wärmstens ans Herz legen, denn viel zu selten stößt man heutzutage auf derartigen literarischen Hochgenuss wortwitziger Fabulierkunst. Irving-Fans werden das Epos lieben und für alle anderen ist es die perfekte Chance für den Einstieg in das Werk dieses außergewöhnlichen Schriftstellers. Zu wünschen wäre freilich, dass bald auch den Nobelpreisrichtern die Nordlichter aufgehen und dort nicht immer nur belanglose Brabbler á la Herta „Lieschen“ Müller prämiert werden.


Genre: Romane
Illustrated by Diogenes Zürich

In One Person

Bill Abbot ist fast 70 und blickt zurück auf ein bewegtes Leben. Aufgewachsen in einem Provinzkaff in Vermont stellt er früh fest, dass er sich zu Frauen und Männern gleichermaßen hingezogen fühlt; wahrlich keine einfache Prüfung in den prüden und bigotten 50er Jahren. Seine Familie steigert die Verwirrung noch: Da gibt es den Großvater, der im ortsansässigen Theater vorzugsweise Frauenrollen spielt, den Vater, der unter mysteriösen Umständen verschwand und die Mutter, die unter der zerbrechlichen Schale harte Geheimnisse bewahrt.

Dennoch verleugnet er seine Vorlieben nicht und geht seinen Weg, kämpfend dabei nicht nur gegen die Vorurteile und Anfeindungen der Heteros, sondern ebenso mit dem Misstrauen der Homos. Hilfe und Unterstützung findet Bill dabei in der Literatur und so verwundert es nicht, dass er (wie so viele Irving-Helden) schließlich selbst Autor wird. Er findet viele Liebschaften (beiderlei Geschlechts) und einige Freunde, von denen allerdings etliche das AIDS-Zeitalter nicht überstehen. Bill bewahrt sich trotzdem seine Empathie und Menschlichkeit; er bleibt ein suchender Erkunder.

Es fällt nicht leicht, zu diesem Roman eine klare und stringente Inhaltsangabe zu liefern; zu umfangreich ist der Plot und zu ausschweifend Irvings Erzählstil. Geboten wird definitiv keine leicht verdauliche Kost, auch wenn des Autors feinsinniger Humor und seine Vorliebe für skurrile Charaktere (Bären gibt es diesmal keine, dafür wieder mal Ringer) durchaus ihren Platz finden. Andererseits gehen die minutiös geschilderten Leiden sterbender AIDS-Patienten tief unter die Haut, ebenso wie die Nöte der Homo-, Bi- und Transsexuellen in der freien Welt der USA.

Ich habe den Eindruck, John Irving schreibt seine Bücher mit zunehmendem Alter immer kompromissloser: Wenn in früheren Werken sexuelle Inhalte eher zurückhaltend angedeutet wurden, ist die Sprache jetzt explizit und lässt an Offenheit nichts zu wünschen übrig. Auch bei politischen Themen positioniert er sich inzwischen so eindeutig, wie er das kürzlich in Interviews vor der US-Präsidentenwahl getan hat.

Irving ist einer der Großen der Weltliteratur, das bestätigt er wieder einmal mit seinem neuen Roman. „In One Person“ ist ein kraftvolles Buch mit vielen Facetten, mal heiter, mal tragisch, aber stets zutiefst anrührend. Der Autor überzeugt wie immer mit seinen Ideen und Anliegen, das wichtigste davon ist diesmal das überaus eindringliche Plädoyer für die Toleranz der Vielfalt.


Genre: Romane
Illustrated by Simon & Schuster