Der vielleicht größte Schatz. Wesentliches in wenigen Worten

Aphorismen zu schreiben, ist der Versuch, eine An- oder Einsicht in wenige Worte zu fassen – und glaubhaft zu machen, dass es dem nichts hinzuzufügen gibt. Mit diesem Satz definiert Markus Mirwald das literarische Genre, mit dem er sich bevorzugt beschäftigt.

Mirwald schreibt Aphorismen, aus lediglich einem Aussagesatz bestehende Gedanken. Er stellt darin die Frage nach dem Wesentlichen und lässt scheinbar Vertrautes in neuem Licht erscheinen. Er ermuntert seinen Leser zum Perspektivwechsel und möchte ihn zur Veränderung anregen, die durch Loslassen erreicht werden könne. »Perfektionismus ist die Neigung, durch den Fokus auf Details das Wesentliche aus den Augen zu verlieren«, formuliert er leichtfüßig, und wesentlich ist aus Sicht des Autors die Veränderung.

Mirwald ist ein Wahrheitssucher, folgt man seinen Texten. Typisch für seine Sicht sind Lebensweisheiten wie »Erst das Wissen um unser Unwissen verleiht uns jene Demut, die für eine weise Entscheidung vonnöten ist«. Über derartige Thesen lässt sich trefflich streiten, und auch das ist vom Autor intendiert.

Das Wissen um die Grenzen des eigenen Wissens treibt beispielsweise Forscher an, diese auszudehnen. Dabei liegt auch sehr viel unnützes Wissen wie Abfall am Wegesrand und verstopft die Gedanken. Hier ist also eine individuelle Selektion und Separation erforderlich. Erschwert wird das durch die gezielte Verbreitung von Unwissen durch Manipulation, also durch irreführende und falsche Informationen, die wir auch »Fake News« nennen.

Was ist also wissenswert und was nicht, lautet eine der Fragen, die mit dem Gedanken, den Mirwald äußert, zusammenhängen. Kommt dann noch die Komponente des Glaubens hinzu, der auch als »Nichtwissen« im christlichen Kontext mit dem vom Autor benutzten Begriff »Demut« korrespondiert, wird es schwierig. Denn wie behauptet sich der moderne Mensch im Dschungel der vielen Wahrheiten, die ihm von allen Seiten geboten werden und oft nur Unwahrheiten sind, wenn das Interesse offizieller Propaganda, die Wahrheit zu verbreiten (vor allem bei bedeutenden gesellschaftspolitischen Fragen wie Krieg und Frieden) ausgesprochen gering ist? Das Erblühen von Verschwörungstheorien ist dafür ein guter Indikator, der zugleich das breite Bedürfnis nach Wahrheit spiegelt.

So bietet sich mancher der Gedanken, die Mirwald in seinem Buch versammelt, als Ausgangspunkt für einen intellektuellen Gedankenaustausch an, und darin liegt auch der wesentliche Nutzen des Buches. Dabei zeigt der österreichische Autor auch Risiken und Nebenwirkungen der Wahrheitssuche, wenn er schreibt: »Kaum etwas ist so verhängnisvoll, wie der Versuch, sich Gewissheit zu verschaffen«.

Auf der Suche nach Wahrheit: Markus Mirwald

Ob es sich bei Mirwalds Texten tatsächlich um Aphorismen handelt, bleibt als literaturwissenschaftliche Frage. Weder findet sich bei ihm die für den Aphorismus typische antithetische Bauweise noch verwendet er das im Genre beliebte Paradoxon als »Schocker« für den Leser. Tatsächlich verfasst Mirwald Sentenzen, wie sie schon Schiller in der Weimarer Klassik einsetzte. Sentenzen sind in einen Satz präzis zusammengefasste subjektive Erkenntnisse von allgemeiner Bedeutung.

Mirwalds Buch ist ein ausgezeichneter Begleiter für Menschen, die gern philosophieren und nach eigenen Wegen suchen. Liebevoll als querformatiges Hardcover gefertigt, bietet es auf jeder Seite einen Sinnspruch, der sowohl handschriftlich als auch gesetzt abgebildet wird. »Nichts ist beglückender, als eine Aufgabe zu finden, die über uns selbst hinausführt«, heißt es an einer Stelle. Markus Mirwald scheint seine Erfüllung gefunden zu haben.

Nachtrag 05.09.2018

Inzwischen ist auch der zweite Band unter dem Titel »Bei Licht besehen« in identischer Ausstattung erschienen. Bezug der beiden Bände ist über www.wesentliches.at möglich.

 


Genre: Aphorismen, Sentenzen
Illustrated by Selbstverlag

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