Letzter Bus nach Coffeeville

Hendersons „Letzter Bus nach Coffeeville“ bietet gleich drei Lesarten auf einen Streich. Der Roman ist eine in kurze Biographien gefasste Abhandlung über die Entwicklung alternativer Denkungsarten in den USA, ein sich träge entwickelndes Roadmovie voller Sprachwitz und zugleich eine durchaus bedrückende letzte Reise, die im vollen Bewusstsein der eigenen Endlichkeit angetreten wird.

Eugene Chaney, oder Doc, wie ihn die meisten aufgrund seines Berufes nennen, hat seiner großen Liebe Nancy ein Versprechen gegeben, das er in seiner Konsequenz nicht bis zum Ende durchdacht hat. Nancy hat Angst, ebenso wie ihre Mutter an Alzheimer zu erkranken, dement und hilflos zu werden. Sie bittet deshalb ihren Freund Doc, ihr beizustehen, wenn sie das Gefühl hat, die Krankheit umfängt sie derart, dass sie keine freie Entscheidung treffen kann. Sie möchte in Coffeeville sterben und seine Aufgabe wäre es, sie dorthin zu begleiten, ihr einen sanften Tod zu ermöglichen und nach ihrem Tod ihre Anwälte zu kontaktieren.

Kennengelernt haben sich die beiden in den rebellischen Sechzigern an der Uni, wo sie der Bürgerrechtsbewegung beitraten und gegen Rassendiskriminierung kämpften. Auf einer Versammlung lernte Doc auch einen Schwarzen namens Bob kennen, der bald zu einem engen Freund und Vertrauten wird. Mit dem Ende des Studiums verlieren sich jedoch die Freunde und hören Jahrzehnte nichts voneinander.

Bob beispielsweise absolviert eine seltsame Karriere als Hochleistungs-Scharfschütze und killt im Auftrag eines US-Geheimdienstes missliebige Politiker. Irgendwann wird es ihm zu viel, er rettet Che Guevara das Leben, wechselt mit Hilfe kubanischer Guerilleros die Identität und gelangt auf abenteuerlichen Wegen in die Staaten zurück.

Als nach vierzig Jahren der entscheidende Anruf von Docs bester Freundin aus verflossenen Zeiten kommt, trifft er Vorbereitungen, um Nancys letzte Reise zu organisieren. Gemeinsam mit Bob organisiert er die lange Fahrt. Docs Patensohn Jack bietet dazu einen zwölf Meter langen, uralten Tour-Bus, der einstmals den Beatles gehört haben soll. Unterwegs nehmen sie noch einen jungen Ausreißer auf, der sie auf der Reise begleitet.

Die Fahrt verläuft voller Hindernisse und auch kurioser Zwischenfälle, die die Gefährten immer fester zusammenschweißen. Als sie schließlich in Coffeeville ankommen, liegt eine lange Reise voller Abenteuer und Gefahren hinter ihnen.

Mit seinem Roman versucht Henderson, anhand individueller Biographien der Akteure sowie ihrer Väter und Vorväter, eine kritische Geschichte der USA zu zeichnen. Er macht dies an konkreten Figuren fest, die sich so verhalten, wie es aus ihrem Charakter, ihrer Vorgeschichte und dem Fluss der Ereignisse folgt. Die Lektüre wird allerdings durch das Einfügen immer neuer Figuren und die entsprechenden Rücksprünge in die Geschichte mühsam. Erst in der zweiten Hälfte des mehr als 500 Seiten starken Werkes nimmt der Roman Fahrt auf und zeigt durchaus satirisch auf, wie sich die heile Welt der Südstaaten immer wieder mit den Realitäten reibt.

Durchgängig hält das große Thema Freundschaft wie ein roter Faden die gesamte Geschichte zusammen. Einmal begründet, bindet sie ein Leben lang, auch wenn die Freunde aus Studentenzeiten fast ein halbes Jahrhundert nicht voneinander gehört haben. Es sind Menschen, die zu ihren Versprechungen stehen und sie auch einhalten.

Kann der Leser auf der einen Seite schallend lachen, ich empfehle als Leseprobe nur den Besuch von Jack und Eric auf einer Erweckungsveranstaltung (S. 418 ff), wird der Tenor gleich wieder tieftraurig. Es geht um das Stichwort Tod und menschenwürdige Sterbehilfe, ein Thema, das viele von uns sicherlich lieber wegschieben als anzusprechen.

Dem Leser ist natürlich von Anfang an klar, wie die Reise im letzten Bus nach Coffeeville für Nancy endet. Paul Henderson spielt aber noch eine weitere Karte aus, die einerseits wunderschön, andererseits tieftraurig ist. „Letzter Bus nach Coffeeville“ ist ein Roman, bei dem man gelegentlich schallend lachen und dann wieder wie ein Schlosshund heulen kann.

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Genre: Roadtrip, Romane
Illustrated by Diogenes
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