Kaffee und Zigaretten

In »Kaffee und Zigaretten« sammelt Ferdinand von Schirach 48 Gedankenschnipsel. Diese könnten aus Tagebüchern stammen oder als kurze Beobachtungen aufgezeichnet worden sein.

Ferdinand von Schirach polarisiert mit seinem übersichtlichen Kaffeehaus-Büchlein. Ob er sich darin als »großartiger Erzähler« (New York Times) oder als »außergewöhnlicher Stilist« (Independent) zeigt, mag dahingestellt bleiben. Die in dem Band versammelten kurzen Notizen und Betrachtungen, Aperçus und Erzählungen hinterlassen einen flüchtig-schalen Eindruck.

Jedenfalls erklärt sich Schirach zum leidenschaftlichen Raucher. »Zigaretten sind die Verbündeten des Rauchers, sie begleiten ihn in seinen Triumphen, sie sind in seinen Niederlagen bei ihm, und sie enttäuschen ihn nie«, meint der Autor. Wir lesen, dass er ein silbernes Zigarettenetui seines Vaters nutzt, und ein Feuerzeug aus Schildplatt. Für ihn ist das ein Schutz gegen die Hässlichkeit und Brutalität der Welt.

Wiederholt bricht der gelernte Strafverteidiger durch. So erzählt er recht nüchtern vom Fall des Frauenmörders Wehmeyer, der als letzter vor Abschaffung der Todesstrafe am 11. Mai 1949 in Moabit hingerichtet wurde. In der Nacht vor der Exekution soll Wehmeyer in seiner Zelle viel geraucht haben.

Schirachs Kanzlei lag später in der Nähe der Hochschule der Künste. Drei Jahre lang übte dort eine Japanerin bei geöffnetem Fenster auf dem Klavier. Manchmal, wenn Schirach unter ihrem Fenster vorbei ging, hörte er ihr eine Zigarette lang zu.

Aber auch tiefgründige Gedanken schimmern durch Schirachs Kurzprosa. Er lobt das Bild des Haikus, es sei einfach und vollkommen. Er widerspricht damit der gängigen Lehrmeinung, Literatur, Theater und bildende Kunst seien dann bedeutend, wenn nur wenige sie noch verstehen und spielt damit auf Martin Heidegger an, der schrieb: »Das Sichverständlichmachen ist der Selbstmord der Philosophie«.

Sind es also philosophische Einlassungen, die Schirach für das Buch zusammenstellte? Einfach und vollkommen sind die Texte nicht zu nennen, da bleiben zu viele Brüche und auch Fragezeichen. Dass die Telefontarife der Telekom »Magenta« ebenso wie eine Kleinstadt in der Lombardei heißen, ist eher unter unnützem Wissen zu verbuchen.

Kurz berichtet der Autor von einem Ausflug in die jordanische Wüste. Dann schreibt er übergangslos: »Am 4. Januar 1960 will Albert Camus mit der Bahn nach Paris fahren.«

In einem anderen Text referiert er die Geschichte eines Mannes, der sich einen alten Wagen restaurieren lässt und damit umherfährt. Jeder hat ihm von der alten Karre abgeraten, er setzt seinen Willen durch, will sein persönliches Glück finden. Dazu zählt auch die Verwendung eines Schrankkoffers von Louis Vuitton aus dem Jahre 1904, in dem er seine Reisekleidung transportiert. Eingestreut in die Geschichte findet der Leser dann eine kurze Schilderung des Freitodes von Stefan Zweig und seiner Frau Lotte. Ob ein Zusammenhang besteht, bleibt verborgen.

Der Rezensent rätselt, und er findet, wahrscheinlich weil er passionierter Nichtraucher ist, leider keine Antwort. Vielleicht fehlt ihm neben dem Nikotin einfach nur der erforderliche Schuss Snobismus, der zum Genuss der Schirach-Melange passt.


Genre: Kurzprosa
Illustrated by Luchterhand
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