Katie

Roman-Haiku

Die Schriftstellerin Christine Wunnicke hat mit dem Titel ihres 2017 erschienen Romans «Katie» einem spiritistischen Medium gehuldigt und damit, wie auch in anderen ihrer Romane, eine exzentrische, obsessive Figur in den Mittelpunkt gestellt. Hier ist es die historisch verbürgte Entfesselungskünstlerin Florence Cook, zu deren Lebensgeschichte untrennbar auch der ebenfalls reale Naturwissenschaftler und Parapsychologe Sir William Crookes gehört. Das literarische Markenzeichen der Autorin ist es geradezu, diesen realen Figuren mit ungezügelter Phantasie eine ins Groteske reichende Persönlichkeit anzudichten, – im besten Sinne des Wortes. In diesem absurden und komischen Roman wird das geschichtlich Überlieferte durch fiktive Seitenpfade mit Esprit zu einem aberwitzigen narrativen Labyrinth ergänzt, ein Triumph des Übersinnlichen.

In London fasziniert um das Jahr 1870 herum Florence Cook in ihren Séancen ihr abergläubiges Publikum. Gefesselt und in einem Schrank sitzend stellt sie einen Kontakt mit dem Jenseits her, wozu wie ein Cherub als verschleiertes Medium jeweils «Katie» als fluoreszierende Lichtgestalt erscheint, eine zweigeschlechtliche, mehr als zweihundert Jahre alte, walisische Piratentochter und mystische Kindsmörderin. Natürlich ruft der zu jener Zeit weitverbreitete Okkultismus auch eine skeptische Wissenschaft auf den Plan. Bereitwillig stellt sich Florence dem renommierten Parapsychologen Crookes zu Verfügung, der mit Hilfe ziemlich obskur erscheinender Apparate den unerklärlichen, von ihm selbst wahrgenommenen Phänomenen auf den Grund gehen will. Sie wohnt während dieser wissenschaftlichen Untersuchungen in seiner Villa, wo er auch sein Laboratorium hat. In langwierigen Experimenten versucht er zusammen mit seinem Assistenten, verborgenen Kräften auf die Spur zu kommen, sie forschen mit Hilfe der Spektroskopie an vielerlei Stoffen und Strahlungen. Um auf seiner emsigen Suche nach dem «vierten Aggregatzustand» letztendlich aber zu erkennen, dass es den wohl doch nicht gibt.

Mit viel Witz schildert Christine Wunnicke genüsslich diese Irrwege des Wissens, beschreibt zudem mit feiner Ironie jene regelmäßig in wilde Massenekstase mündenden Bühnenshows mit dem berühmten Medium. Ihre Romanfiguren in dem slapstickartig angelegten Plot erscheinen als okkulte Spinner, ohne dass sie jedoch zynisch bloß gestellt werden als der Magie hörige Trottel. Dieser esoterische Roman voller Spuk und Gespenstern ist leicht erkennbar als Satire angelegt und wird in einem dem Sujet angepassten, amüsanten Ton erzählt, knapp und mit überraschenden Wendungen. Zu den berühmtesten realen Figuren, die den Roman bevölkern, gehört Charles Darwin, in einer Nebenrolle allerdings, bei der es nur darum geht, ob er denn in den geheiligten Hallen der Royal Society eine Zigarre rauchen darf, – er darf nicht!

Sie sei durch puren Zufall bei einer Recherche zum Thema Spiritismus auf ihre beiden Romanhelden gestoßen, ein Foto habe die beiden Arm in Arm gezeigt, und in einer Danksagung am Ende schreibt Christine Wunnicke dazu: «Ich danke […], dass sie mir ihre Lebensgeschichten überließen». Im Interview hat die Autorin ihre aktuelle Vorliebe für kurze Texte als Roman-Haiku bezeichnet. «Es kriegt ein bisschen was Exemplarisches, es bleibt schwebend, man muss nicht alles ausführen, man kann auch Sachen besser offen lassen, als wenn man einen großen, dickleibigen Roman schreibt». Und in der Tat bleibt hier manches offen, aber so ist das nun mal beim Überirdischen. Die euphorische Rezeption bei den wenigen Kritiken im Feuilleton, aber auch bei Leser-Rezensenten, deutet darauf hin, dass die Autorin eine kleine literarische Nische bedient, – in der auch ich mich nicht wohlgefühlt habe. Selten ist es mir nämlich so schwer gefallen, beim Lesen bis zum Ende durchzuhalten, ich fand einfach keinen Zugang zu diesem Hokuspokus, vom Thema her nicht, aber leider auch nicht von der ebenfalls esoterischen sprachlichen Form.

Fazit: mäßig

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
Illustrated by Berenberg Verlag
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