Russland im Zangengriff

Es war wieder Weihnachten. Pünktlich zum Fest gehörte für viele wieder ein neuer Schinken von Peter Scholl–Latour auf den Gabentisch. Welche Weltregion durfte es denn diesmal sein? Nach den USA und dem Nahen Osten in den letzten Jahren war 2006 das ehemalige Sowjetimperium dran. „Russland im Zangengriff“ wird aber sicher im Neuen Jahr wieder umgetauscht werden. Denn wie jedes Jahr braucht man auf das nächste Buch von Scholl-Latour nicht zu warten. Außerdem stehen meist eh die selben Weisheiten drin. Vielleicht gibt es dann: „China – Der gelbe Strom gen Westen“.

Verlorener Kampf am Hindukush und im Irak
Für den deutschen sicherheitspolitisch interessierten Leser kann es sich Scholl-Latour nicht nehmen, im Prélude über die Deutschen am Hindukush zu berichten. Wer meint hier nur wieder eine Kopie seiner Zeilen aus „Weltmacht im Treibsand“ (2005) zu lesen, sieht sich getäuscht. Neue Impressionen bringt er hier auf den Tisch.

Denn der Autor bereiste den Norden Afghanistans im Sommer 2006. Die Problematik vor Ort schildert er wie immer in seiner sprachlich treffenden Manier: „Dort überschneiden sich ja die Kraftlinien. In Kabul steht die ratlose Atlantische Allianz vor einem gordischen Knoten, und es ist kein Alexander in Sicht, der ihn mit seinem Schwert durchschlüge.“

Wie in seinem 2005 erschienen Buch über den Mittleren Osten rügt er die NATO Einsatzführung in Afghanistan. „Die Irakisierung Afghanistans ist in vollem Gange“, schreibt der langjährige Journalist und ehemalige Chefredakteur des Magazins Stern. Sowohl Afghanistan als auch den Irak gibt er für die westliche Allianz verloren: „Weder der Krieg im Irak noch der Feldzug in Afghanistan können von der westlichen Allianz gewonnen werden.“

Wahrheiten, die weh tun
Natürlich werden sich viele nicht dieser Meinung anschließen wollen, doch bislang waren seine Fingerzeige meist erstaunlich korrekt und zeugten von Sachverstand. Dass Wahrheit wehtut und betroffen Verantwortlichen schwer im Magen liegt, musste der Autor bei seiner Einreise nach Afghanistan erfahren. Er schreibt, dass er nicht gerade mit offenen Armen von der Bundeswehrführung in das Land am Hindukush gelassen worden sei. Trotzdem konnten wieder zahlreiche informelle Gespräche in seine Arbeit einfließen.

Selbstdarstellung a la Schröder
Sein Fachwissen bringt der Autor stets und gerne mit ein. Leider kokettiert er damit – manchmal zu oft. Die Selbstgefälligkeit bei Scholl-Latour ist in seinem Buch noch stärker als bei Schröders „Entscheidungen“ ausgeprägt. Gleichzeitig weiß er aber um seine Wirkung, wenn er schreibt: „Bei der Veröffentlichung dieses Buches bin ich auf den Vorwurf gefasst, dass ich kein Slawist sei und somit keine Berechtigung habe, die Lage in Russland zu schildern. Ich bin mir des Handicaps wohl bewusst. Aber welche Erkenntnisse haben denn die ´old Russia hands´ oder die unermüdlichen Kreml-Astrologen in den vergangenen Jahrzehnten zutage gefördert? Sie haben durchweg falsch gelegen mit ihren Prognosen, Deutungen und Personeneinschätzungen.“

Der Mann ist von sich überzeugt. Viele Male führt er dies ins Felde, weist auf seine langjährigen Korrespondentenerfahrungen zurück, die ihn als Experten auswiesen. Auch weiß er um sein fortgeschrittenes Alter, wenn er warnt und spitzbübisch zu lächeln scheint: „Nehmt euch vor alten Männern in acht, sie haben nichts zu verlieren!“

Reise durch die Geschichte
In allen Kapiteln fliegt der Autor wie üblich durch die Geschichte. Er nimmt den Leser mit auf seinen Reisen der allerjüngsten Vergangenheit im Frühjahr und Sommer 2006. Ferner erinnert er sich an frühere Exkursionen in diese Regionen und lässt diese Erinnerungen immer wieder Revue passieren. Gleichzeitig kombiniert er seine persönlichen Impressionen mit historisch-politischem Wissen.
Die einzelnen Kapitel zu Weissrussland, Russland, Tatarstan, Russisch-Fernost, Ussuri, Mandschurei, China und Ukraine können auch separat gelesen werden. Meist stehen am Anfang Landschaftsbeschreibungen der jeweiligen Region. Der Leser taucht ein in die Kälte Sibiriens, den Gestank betender Menschen oder erstarrt vor Ehrfurcht vor in Stein gehaunen Ikonen der russischen Vergangenheit.

Humor, Ironie
Auch kommt sein bissiger Humor nicht zu kurz und seine Lebensweisheiten bereiten einen kurzweiligen Lesespaß: „Aber Boris hat eine fröhliche, zupackende Art, und wenn er wirklich zur Unterwelt gehört, so kann ich im Rückblick auf ein langes Leben bestätigen, dass Ganoven oft verlässlicher und vergnüglicher sind als prinzipienreitende, prätentiöse ´Ehrenmänner´“.

Sehr oft gelingt es Scholl-Latour die Ironie durch die Verwendung sprachlicher Mittel zu forcieren. Er verwendet sehr oft treffende metaphorische Bilder, die den Inhalt für eine breite Leserschaft verständlich machen. So spricht er von politischem „Kesseltreiben“, „Professionellem Wanderzirkus“ verschiedener Organisationen oder von der „Futterkrippe von McDonalds“. Auch sehr schön: „Damals wehte an der hohen Kreml Mauer noch der eisige Hauch der Geschichte, ein Atem von Grauen und Furcht.“ Sprachlich überzeugt Scholl-Latour auf der ganzen Linie

Nach dem Buch ist vor dem Buch
Insgesamt könnte das Buch mit weniger Selbstgefälligkeiten auskommen. Die zahlreichen Einschübe über kleinere Begebenheiten ließen sich auch streichen, um sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Ferner wird das Buch dem Titel nur bedingt gerecht. Den erwähnten Zangengriff vom Cover des Buches verspürt der Leser recht selten. Der Titel verspricht mehr. Scholl-Latour kann den Druck auf das ehemalige Zarenreich nicht transportieren.

Der mittlerweile 80 Jahre alte Scholl-Latour ist sicher immer noch so agil, dass spätestens Weihnachten 2007 das nächste Werk zu kaufen sein wird. Dann vielleicht über China?


Genre: Politik und Gesellschaft
Illustrated by Propyläen
This entry was posted in . Bookmark the permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.