Otherland 4 • Meer des silbernen Lichts

Der vierte und letzte Band der »Otherland«-Reihe reißt die auf der Suche nach den verlorenen Kindern befindlichen Gefährten vollständig auseinander und lässt sie in verschiedenen Simwelten wieder auftauchen. Sie erleben dort atemberaubende Verfolgungsjagden und hasten von einem lebensbedrohenden Abenteuer in Märchen- und Mythenwelten in die nächste Umgebung.

Die umherirrenden Reisenden stoßen auf immer neue Rätsel: Wer steckt hinter dem Betriebssystem, das als »Der Andere« bezeichnet wird und offenbar intelligentes Leben beherbergt? Wo stecken die offline im Koma liegenden Kinder, die ins Netz gelockt und dort offensichtlich missbraucht wurden? Wie gelingt es den Gefährten, sich aus den Klauen des Netzes zu befreien und wieder offline zu gehen? Welche der vielen Gestalten ist real, welche nur reiner Code? Schaffen es die in der realen Welt fieberhaft um das Leben ihrer online gefangenen Freunde kämpfenden Personen, in das Herz des Unternehmens einzudringen, das Otherland betreibt?

Es gelingt dem Autor trotz erheblicher Längen und einer schier unübersehbaren Schar von Akteuren, die Handlung bis zum letzten Augenblick im Griff zu behalten. Die endlos vielen Handlungsfäden, die er im Laufe der Ereignisse spinnt, nimmt er auf und bindet sie wieder zusammen. So gibt er in sich schlüssige Antworten. Er erzeugt ernorme Spannung, wobei er den Einsatz von Cliffhangern stark strapaziert.

Williams zeichnet seine zentralen Figuren überzeugend und in sich schlüssig: Die Programmiererin Renie ist die kühne und nie allzu verbissene Heldin der Geschichte. Der Buschmann !Xabbu spielt ihren weisen Freund. Paul Jonas ist der Spielball des Schicksals, sich selbst und den anderen ein Rätsel. Martine gibt die blinde Seherin, die dank ungewöhnlicher Sinneskräfte schier unmögliche Dinge vollbringt, eine Zauberin, eine gute Hexe.

Den Part des Bösen übernimmt der nach Unsterblichkeit strebende Multimilliardär Jongleur, der ein wenig an Bill Gates erinnert, sowie sein mordender Ziehsohn Dread, der sich letztlich gegen ihn wendet. Sellars ist die vom Militär missbrauchte Kampfmaschine, der seine Fähigkeiten zur Änderung der Zeitläufe einsetzen will. Die vielen hundert um die Hauptrollen herum agierenden Charaktere sind differenziert ausgearbeitet. Allerdings verlangt es vom Leser viel Aufmerksamkeit, jeden Strang im Auge zu behalten.

Tad Williams Tetralogie ist vor allem deshalb ein lesenswertes Werk, weil er das Basismaterial des Genres auf die Verhältnisse der Multimediawelt hochrechnet. Er verarbeitet literarisch die symbiotische Beziehung, die Menschen mit Maschinen eingehen. Damit stellt er sich weniger als Fantasy-Autor im Geiste von Tolkien und seinem unerreichten »Herr des Ringe« vor. Vielmals präsentiert der Verfasser ein komplexes und in sich geschlossenes Stück durchaus realistisch scheinender Zukunftsliteratur.

Williams wirft die Frage nach der Entwicklung der virtuellen Realität ebenso auf wie er die Möglichkeit einräumt, für kurze Zeit ein Gott zu werden und in eine Welt einzutreten, die aktiv verändert, ja vernichtet werden kann. Interessant ist die Betrachtung, wie im virtuellen Raum zwischen Mensch und Maschine unterschieden werden kann, zumal auch künstliche Intelligenz programmierte Gefühle zeigen kann.

Für jeden, der sich gern und viel im Internet tummelt, stellt sich irgendwann die Frage, in welchem Leben er sich mehr bewegt und besser zurechtfindet. Dabei ist die Entwicklung klar: immer mehr Leute unterschiedlichsten Alters, neben Kids vor allem die Generation 50+ bewegen sich teilweise ganztags im virtuellen Raum und richten sich in Blogs, Chatrooms, sozialen Medien und Second Life mit ihren unterschiedlichsten Interessen und Neigungen bequem ein.

Ob sie in naher Zukunft ganz in einen wie auch immer gearteten virtuellen Leben aufgehen? – Vieles spricht derzeit dafür, und das Kolossalwerk »Otherland« beschreibt anschaulich, wohin die Entwicklung laufen könnte.

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Genre: Cyberspace-Saga, Fantasy, Science-fiction
Illustrated by Heyne München

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