Mittelmäßiges Heimweh

Es sind keine fantastischen Welten, in die uns Wilhelm Genazino entführt. Er erzählt uns keine abenteuerliche und spannende Geschichte mit großen und schillernden Charakteren. Der unauffällige Mensch in irgendeiner deutschen Großstadt, vielleicht Frankfurt, ist der Protagonist in vielen Romanen Genazinos, so auch in seinem neuesten Werk „Mittelmäßiges Heimweh“.

Dieter Rotmund ist Controller in einem Pharmakonzern und schafft den beruflichen Aufstieg zum Finanzdirektor; er, der am Anfang der Handlung regelmäßig mit der Bahn schwarz fährt, um am Wochenende seine Frau Edith und seine Tochter Sabine im Schwarzwald zu besuchen, leistet sich nun Maßanzüge. Parallel zum beruflichen Erfolg läuft die persönliche Katastrophe ab: Rotmunds Frau betrügt ihn mit einem Architekten aus dem Nachbardorf; sie haben sich entfremdet in ihrer Wochenendbeziehung; die rasche Zerstörung einer Familie nimmt ihren Lauf.

Die Stärke des Buches ist nicht die Geschichte, sondern die Art, wie der Autor sie erzählt. Ganz und gar außergewöhnlich ist, wie und was die Hauptfigur Dieter Rotmund beobachtet und welche Überlegungen und Gefühle das Erleben auslöst. Rotmund antwortet auf die Frage, wie es ihm geht: „Ich vereinsame gerade“. Oder er reflektiert: „Aus Verzweiflung über den Verlauf meines Lebens beiße ich in den Saum meines Unterhemds. Mit meinen im Unterhemd verbissenen Zähnen gelingt mir langsam die Zerkleinerung des Schmerzes.“ Passend zu solchen Sätzen gesellt sich zur realen Handlungsebene noch eine surreale: Rotmund verliert während eines Wirtshausbesuches am Anfang des Romans ein Ohr, später in einem Schwimmbad noch einen kleinen Zeh. Diese skurilen Elemente erinnern an Kafka und Gogol.

Die eigenwillige Art der Wortwahl und Wortschöpfungen lassen den Leser immer wieder stolpern, innehalten und nachdenken. Der an vielen Stellen durchscheinende Humor entschärft die schonungslose Darstellung von Vereinsamung und Entfremdung des modernen Menschen.


Genre: Romane
Illustrated by Hanser Verlag München
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