Die Möglichkeit einer Insel

Houellebecqs Buch „Die Möglichkeit einer Insel“ thematisiert das Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft. Die Liebe, die Sexualität, Werte, das Altern, Religion und künstlerische Tätigkeit stehen im Mittelpunkt philosophischer und politischer Betrachtungen mehrerer Erzähler.
Vor der Lektüre des Romans muss aber nachdrücklich gewarnt werden: Dieses Buch ist nur etwas für erwachsene Leser, die mit Zumutungen, Abstoßendem und Abscheulichem umzugehen wissen. Der empfindsame Literturfreund wird vermutlich das Buch bald aus der Hand legen, weil ihm die Darstellung sexueller Handlungen und menschlicher Grausamkeiten unerträglich sind. Erbauliches und Trost findet sich bei Houellebecq wenig, Desillusionierendes und Deprimierendes dagegen viel. Aber, wer nach Erkenntnis strebt, darf Zumutungen eben manchmal nicht meiden.

Daniel, der uns die letzten Jahre seiner Lebensgeschichte erzählt, ist Zeitgenosse, lebt in Spanien und betätigt sich als Komiker. Er schreibt Sketche, Drehbücher und auch mal einen Rap, steht selbst auf der Bühne und vor der Kamera und lässt kein Tabuthema aus. Je geschmackloser und provozierender seine Produktionen sind, umso erfolgreicher, prominenter und vermögender wird er. Der Wille zu politischer Veränderung ist Daniel fremd, er bezeichnet sich selbst als „Kollaborateur“ und vergleicht sich und seine Kunst mit der Tätigkeit eines Hofnarren. Sein Urteil ist ohne Eitelkeit: „Ich wusste genau, dass keiner meiner billigen Sketche, keines meiner kläglichen Drehbücher, die mit dem Know-how eines gewieften Profis zusammengebastelt waren, es verdiente, mich zu überleben“. Daniel hatte mit zahllosen Frauen Sex; war ohne verliebt zu sein verheiratet und hatte einen Sohn, der ihm nichts bedeutete; lebte mit einer Frau in zweiter Ehe, die auf wechselseitiger Liebe basierte und dennoch scheiterte, weil die Sexualität erloschen war. Am Ende seiner vielfältigen Erfahrungen kommt er zu dem biologistischen Fazit: „Alle Energie ist sexueller Natur, und zwar nicht vorwiegend, sondern ausschließlich, und wenn ein Tier nicht mehr imstande ist, sich fortzupflanzen, ist es zu nichts mehr nütze; dem Menschen geht es genauso.“ Nach einer kurzen Zeit, in der er allein lebt, begegnet der 47jährige der 22 Jahre alten Esther und gerät in eine zügellose und selbstzerstörerische Beziehung mit ihr, die in Hörigkeit und Selbsterniedrigung endet.

Mit Daniels Autobiografie verwoben ist der Bericht über die Elohimiten. Sie verehren außerirdische Wesen und erwarten deren Wiederkehr. Die Sekte will zu Beginn ihres Aufstiegs, dass Sexualität unter Erwachsenen keinerlei Zwang und Einschränkungen unterworfen ist und jedes Sektenmitglied seinen Todeszeitpunkt selbst bestimmt. Von der Speicherung der Erbinformationen eines Menschen erhoffen sie sich in naher Zukunft von ihren Wissenschaftlern die Fähigkeit, Menschen zu reproduzieren, also wenn man so will: das ewige Leben, die Unsterblichkeit. Nach internen Auseinandersetzungen und krimireifen Ereignissen gelingt es der Führung der Elohimiten, den Zulauf neuer Mitglieder enorm zu steigern; sie bauen ihre Organisation aus, kaufen sich Anteile an einem TV-Sender und steigen so zu einer mächtigen internationalen Religionsgemeinschaft auf, die der im Niedergang begriffenen katholischen Kirche den Rang streitig macht. Dem Atheisten Daniel ist vom Sektenführer eine ganz besondere Rolle zugedacht. Er soll seinen Lebensbericht niederschreiben, der den Elohimiten sodann zu Propagandazwecken dienen könnte: „ Ich würde im übrigen…eine unabwendbare historische Entwicklung nur beschleunigen. Die Menschen würden in zunehmendem Maße den Wunsch haben,in völliger Freiheit zu leben, verantwortungslos und ständig auf der Suche nach Sinnengenüssen…und wenn sich das Alter mit seiner ganzen Last bemerkbar machte…würden sie sich das Leben nehmen; aber vorher würden sie der elohimitischen Kirche beitreten, ihren genetischen Code speichern lassen und so in der Hoffnung sterben, dieses dem Genuss geweihte Dasein ewig fortzusetzen.“

Neben Daniel lernt der Leser die beiden Erzähler Daniel24 und Daniel25 kennen. Sie sind Klone und leben 1000 Jahre nach unserer Zeit in einer Welt, die sich durch einschneidende Katastrophen radikal geändert hat. Hochentwickelte Technik und Wohlstand sind die Grundlagen der Gesellschaft der Neo-Menschen, während die Wilden wie Tiere auf niederstem Niveau und in archaisch organisierten Gesellschaften leben. Die Klone verbringen ihr Leben zurückgezogen und einsam, direkter und körperlicher Kontakt zu Artgenossen ist ihnen fremd, einzig über das Internet haben sie Verbindung untereinander. Sie scheinen unter ihren Lebensbedingungen nicht zu leiden, da ihre Gefühlswelt sehr reduziert ist. So kommt es zu einem überaus interessanten Experiment: Die Nachfahren Daniels lesen den Lebensbericht ihres Ahnen; und das bleibt nicht ohne Folgen …

Der Ich-Erzähler in Houellebecqs Roman ist ein Wesen, das unser Mitleid verdient, obwohl wir dieses edle Gefühl nur selten während der Lektüre empfinden. Glück und Zufriedenheit vermag Daniel nur sein Sexualtrieb zu verschaffen. Es ist ein erstaunliches Phänomen, dass ein Leben in großem Wohlstand, den täglichen Mühen und Anstrenungen einfacher Menschen enthoben, zu einem derartig verengten Blick auf das menschliche Leben führen kann. Für mich ist die Gedanken- und Gefühlswelt der Romanfigur, ohne dass ich die große Bedeutung menschlicher Sexualität leugnen wollte, Ausdruck einer verkrüppelten und verarmten Existenz. Houellebecqs Roman ist eine Provokation. Indem er uns diesen reduzierten Menschen in seinem trostlosen Leben in seiner eindimensionalen Welt vorstellt, nötigt er jeden vernunftbegabten Leser zum Nachdenken über die grandiose Vielfalt des menschlichen Lebens.


Genre: Science-fiction
Illustrated by Rowohlt
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