Mein Leben als Mann

Philip Roth ist ein zeitgenössischer amerikanischer Autor und gilt als einer der ganz großen; ginge es nach Marcel Reich-Ranicki hätte er schon lange den Literaturnobelpreis erhalten. Der Roman „Mein Leben als Mann“ erschien 1993 als Taschenbuch in deutscher Sprache , umfasst 351 Seiten und handelt vom Trennungs- und Scheidungskrieg eines Ehepaares.

Der Jude Peter Tarnopol wächst in Yonkers, New York, in einer kleinbürgerlichen Familie zusammen mit zwei Geschwistern sorglos auf. Nach Schule und Universität betätigt er sich als Literaturdozent und Schriftsteller, sein erster Roman macht ihn in der literarisch interessierten Welt sehr bekannt. 1959 heiratet er 26jährig Maureen, eine Frau, die er nicht liebt und die schon zwei Ehen hinter sich hat. Drei Jahre nach ihrer Heirat hebt das Ehepaar auf Peters Betreiben die eheliche Gemeinschaft auf, die Ehe endet rechtlich gesehen aber erst Jahre später mit dem Unfalltod Maureens, die sich bis zum Schluss geweigert hatte, in eine Scheidung einzuwilligen.

Das Thema Ehe hat in der Literatur eine lange Tradition, seit dem 19. Jahrhundert befassen sich Schriftsteller damit und schufen Werke, die bis heute gelesen werden, denken wir nur an „Effi Briest“(1895 ) von Theodor Fontane, an „Madame Bovary“(1857) von Gustave Flaubert oder „Anna Karenina“(1877/78 ) von Leo Tolstoi. Solange es die Ehe als gesellschaftliche Institution gibt, wird sie Sujet der Literatur bleiben. Und so erstaunlich es klingen mag : es gibt immer wieder literarische Werke, die das Thema um neue inhaltliche oder formale Aspekte bereichern.

Was ist das Besondere an Roths Roman? Es ist die Textstruktur, der Aufbau. Die Komposition und die damit verbundene Absicht machen das Buch unverkennbar zu einem Werk moderner Literatur. Viele Male wird die Perspektive gewechselt, aus der die Personen und die Handlung betrachtet werden. Als Schriftsteller legt Tarnopol zwei fiktive Geschichten vor, die seinen Werdegang und seine Ehe zum Gegenstand haben, als Betroffener versucht er sich an einer autobiografischen Behandlung des Themas. Dabei gibt Roth seitenweise Dialoge wieder, die Tarnopol mit seinem Psychotherapeuten Dr. Spielvogel führt, zitiert Briefe, in denen sich Bekannte oder Verwandte zur Ehekrise äußern, und berichtet detailliert über den Inhalt von Telefonaten, in denen andere sich über Peter und Maureen auslassen. Dr. Spielvogel veröffentlich über seinen Patienten einen Aufsatz in einer Fachzeitschrift, der von Tarnopol gelesen und einer harten Kritik unterzogen wird.. Auch das gestohlene Tagebuch Maureens sowie die Bemerkungen einer Frau aus Maureens Therapiegruppe bringen neue Interpretationsvarianten der Vorkommnisse …

Dieses formale Element des Perspektivwechsels wird bis an die Grenzen ausgeschöpft mit der Folge, dass sich das Bild des Lesers über den Ehekrieg und die beteiligten Personen permanent verändert. Kaum ist ein Urteil gefasst, muss es schon wieder revidiert werden. Jedes Urteil ist nur vorläufig und das bleibt bis zum Ende so : erfahren hat der Leser viel über Peter und Maureen, ein Urteil ist ihm nicht möglich.

Roths Roman zu lesen ist kein Vergnügen, auch wenn die sprachliche Darstellung größtenteils meisterhaft ist und mancher Dialog spannend und fesselnd. Aber vielleicht liegen ja auch die Aufgaben eines literarischen Werkes gar nicht darin, uns zu erfreuen und zu erbauen.


Genre: Romane
Illustrated by Rowohlt
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