Ein fremdes Gefühl

Irene Dische ist eine in New York geborene Amerikanerin, die seit vielen Jahren in Berlin lebt. Vermutlich stammen etliche Inspirationen, die in den Roman „Ein fremdes Gefühl“ eingeflossen sind, aus eigenem familiären Erleben der Autorin, deren Vater, ein Biochemiker, für seine Leistungen den Nobelpreis erhalten hat.

Der Roman spielt vor dem Hintergrund der deutschen Wiedervereinigung in den Jahren 1989/90. Der homosexuelle Physiker Dr. Benedikt Waller lebt nur für seine Forschungsarbeit. Er entstammt einer begüterten Adelsfamilie und wächst zusammen mit seiner Schwester nach dem frühen Unfalltod der Eltern bei der Großmutter auf. Während Waller als Wissenschaftler größtes Ansehen genießt, ist er als Mensch ein ganz eigenartiger Sonderling : „ Jede Aktivität in einer Gruppe schien ihm äußerst demütigend, und eine Gruppe begann für ihn dort, wo die Einsamkeit aufhörte. Alles, was in Einklang geschah, schien ihm würdelos, auch Gehen, Singen, Jubeln, Essen, Schlafen.“ Waller erkrankt schwer, wird medizinisch behandelt und psychotherapeutisch betreut, letzteres scheint aber ziemlich überflüssig, da er seine unheilbare Erkrankung mit völliger Gleichgültigkeit hinnimmt. Dr.Benedikt Waller hängt nicht am Leben, er verachtet die Natur : „Die Natur… war ein zum Scheitern verurteiltes Experiment…Die Evolution packte Moleküle zu immer verrückteren Gebilden zusammen und schuf in einer Art mutwilliger Fehlbarkeit ein Monstrum nach dem anderen…Alle zweifelten am Sinn oder an der Gerechtigkeit von Krankheit und Leiden, aber niemand zweifelte am Sinn der Fortpflanzung, eines zeitraubenden Geschäfts, von dem alles, was sich regte, besessen war…“.

Umso überraschender ist angesichts solcher Einstellungen, dass Waller plötzlich den Wunsch verspürt, ein eigenes Kind, einen Nachkommen zu haben. Über eine Annonce in der Tageszeitung sucht er ein Kleinkind „zwecks Adoption“; schon bald meldet sich Marja Golubka mit ihrem Sohn Valerij. Waller überwindet die starken Aversionen, die er anfangs gegenüber Frau Golubka empfindet, und reist mit Mutter und Sohn von Berlin nach Süddeutschland auf das Schloss seiner Familie. Dort lebt, versorgt von wenigen Bediensteten, die Großmutter. Gesund und nicht durch Altersschwäche dazu gezwungen, haust die alte Dame in nur einem Raum völlig zurückgezogen in einem Bett, das sie nie verlässt. Das ändert sich jedoch, als die Beziehung zwischen ihr und den Gästen, die ihr Enkel mitgebracht hat, sich intensiviert. Schließlich wird auf dem Schloss ein großes Hochzeitsfest gefeiert : Dr. Benedikt Walter heiratet Marja Golubka und adoptiert deren Sohn, um dessen Zuneigung er sich sehr bemüht. Allein sitzt Benedikt am Ende des Festes vor den Gemälden seiner Ahnen und denkt nach: „Er hatte nie gelebt. Jetzt wollte er leben.“

Die folgende Zeit des Zusammenseins mit Marja und Valerij verändern Benedikt : Als die Nachricht eintrifft, dass seine „Solitronentheorie“ widerlegt sei (immerhin sein Lebenswerk), scheint ihm das unwichtig. Ein neuerlicher Krankenhausaufenthalt dagegen löst bei ihm lähmende Angstzustände aus. Bei einem Ausflug in die Schweizer Berge geraten Benedikt und Marja in einen heftigen Streit. Marja flüchtet mit ihrem Sohn und stürzt Waller damit in einen Zustand der Verwirrung und Verzweiflung. Er fährt zu seiner Schwester und deren Ehemann und findet dort in seiner Krise vorübergehend Trost . „Benedikt lag auf dem Rücken zwischen ihnen, bis seine Einsamkeit, noch immer unbesänftigt, ihn dazu brachte, sich zusammenzurollen und die Knie ans Kinn zu ziehen. Ein Schluchzen durchbebte ihn…“ Jetzt lebt Waller, aber leben bedeutet auch leiden…

Irene Dische ist eine scharfsinnige Autorin mit analytischem Verstand und einem stilistischen Können, das es ihr ermöglicht, komplizierteste Sachverhalte anschaulich darzustellen. Ein Genuss ist es, die Passagen des Romans zu lesen, die sich mit Intelligenz und Humor dem Thema annehmen, wie sich in Krankenhäusern unter dem Einfluss von Ärzten und Psychotherapeuten Patienten in bedauernswerte Objekte verwandeln. „Ein fremdes Gefühl“ ist ein umfangreicher und gut aufgebauter Roman, der von merkwürdigen Beziehungen und Beziehungslosigkeit handelt und von abgründigen Gefühlen und Gefühlskälte erzählt. Bisweilen schmunzelt oder lacht der Leser über die unterhaltsame Schrulligkeit Dr. Benedikt Wallers, ohne je ganz zu vergessen, um welch bemitleidenswerte und tragische Figur es sich bei diesem Wissenschaftler handelt.


Genre: Romane
Illustrated by Rowohlt
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