Die Gärten der Finzi-Contini

„Papa“, fragte Giannina, „Warum sind alte Gräber nicht so traurig wie neue?“. „Weiß Du“, antwortete er (der Vater), „die vor kurzem Verstorbenen sind uns noch näher, und darum haben wir sie lieber. Aber die Etrusker sind doch schon so lange tot“ – und wieder erzählte er ein Märchen -, „daß es ist, als ob sie nie gelebt hätten, als wären sie schon immer tot gewesen.“
Wieder entstand eine Pause, noch länger als zuvor. Aber dann (wir waren inzwischen bis kurz vor den weiten Platz am Eingang zur Nekropole gekommen, wo in dichter Abfolge Wagen und Reiseautobusse standen) war die Reihe an Giannina, uns eine Lektion zu geben.
„Aber, so wie du das sagst, glaube ich jetzt, daß die Etrusker doch gelebt haben, und ich habe sie so lieb wie alle anderen.“

Im Prolog zu seinem Roman „Die Gärten der Finzi-Contini“ erzählt Giorgio Bassani diese kleine Geschichte, die sich während eines Ausfluges zum etruskischen Gräberfeld von Cerveteri, umweit von Rom ereignet. Der Dialog zwischen dem kleinen Mädchen Giannina und ihrem Vater über die Bedeutung der Erinnerung an die Toten deutet auf eines der Hauptmotive der Literatur des Ferrareser Autors Bassani hin: „auch die Dichter, falls sie wirklich welche sind, kommen immerzu aus dem Totenreich zurück. Sie sind drüben gewesen, um Dichter zu werden, um sich von der Welt zu lösen. Sie wären aber keine Dichter, versuchten sie nicht, von dort zurückzukommen, in unsere Mitte…“ So zitiert Ute Stempel in ihrem hervorragendem Nachwort Giorgio Bassani. Aber natürlich hat die Erinnerung für den jüdischen Autor eine nicht nur künstlerisch-ästhetische Bedeutung, sondern vor allem auch eine sehr perönliche, menschliche und politische.
1916 als Sohn einer wohlhabenden assimilierten jüdischen Familie im oberitalienischen Ferrara geboren, verbrachte er seine Kindheit und Jugend in dieser wunderschönen Stadt. 1934 legte er hier sein Abitur ab und studierte ab 1935 an der Universität der Stadt Bologna Literaturwissenschaft. Trotz der auch in Italien 1939 eingeführten faschistischen und antisemitischen Rassengesetze konnte er seine Abschlussarbeit an der Universität Bologna vorlegen. Nach dem Studium wurde er im antifaschistischen Untergrund aktiv, fiel den Faschisten in die Hände und kam 1943 für kurze Zeit in Haft. Wie durch ein Wunder geriet er nicht den deutschen Besatzungstruppen in die Hände. Damit blieb ihm nicht nur das Schicksal eines Großteil seiner Familie, sondern der gesamten jüdischen Gemeinde Ferraras erspart. 1943, nach dem die deutsche Wehrmacht Italien besetzte, wurden sie von diesen in deutsche Vernichtungslager deportiert und dort ermordet.
Bassani geht 1943 nach Rom und bleibt bis zu seinem Ableben im Jahre 2000. Seine Literatur allerdings dreht sich nur um seine Heimatstadt Ferrara. Seine Bücher fasste er unter dem Sammeltitel „Il romanzo di Ferrara“, „der Roman von Ferrara“ zusammen.

Sein Roman „Die Gärten der Finzi-Contini“ gilt als sein gelungenster. Sein persönlichstes Buch ist es auf jeden Fall. Autobiographisch geprägt stellt es uns die jüdisch-bürgerliche Welt Ferraras aus der Perspektive eines jüdischen Kindes vor, das sich im Laufe der Handlung zum jungen Erwachsenen entwickelt. Wir lernen eine Welt kennen, die durch den Antisemitismus zusammenbricht – und die sich darauf nicht vorbereitet hat. Der Antisemitismus erreichte auch in Italien mit den durch die faschistischen deutschen Besatzungstruppen ab 1943 durchgeführten Deportationen italienischer Juden in deutsche Vernichtungslager seinen unfassbaren Höhepunkt.
Der italienische Faschismus war, weit davon entfernt ungefährlich zu sein, nicht von vorneherein und in gleicher Intensität wie der Nationalsozialismus vom Antisemitismus motiviert und geprägt.
Der Vater des Ich-Erzählers wird uns als italienischer Jude, „Doktor der Medizin und Freidenker, Kriegsfreiwilliger und Faschist mit der Mitgliedskarte von 1919“ vorgestellt. ER ist alles andere als ein Antifaschist. Im Gegenteil. Er ist Mitglied der faschistischen Partei
Italiens. Wir erfahren, dass sich ein Großteil der jüdischen Gemeinde (des männlichen Teils, genauer gesagt) den Faschisten angeschlossen hatte. Wir werden mit der Lektüren auch erfahren – was wir aus der Historie längst wissen – dass es Ihnen trotzdem nicht genutzt hat.
Dieser jüdische Faschist, der Vater des Ich-Erzählers, wird zudem als Antagonisten zu eines weiteren, weitaus wohlhabenderen Mitglied der jüdischen Gemeinde Ferraras dargestellt. Professor Finzi-Contini, ein sich aristokratisch gerierender Großgrundbesitzer und Bewohner eines großen Anwesens in Ferrara, Eigentümer riesiger, teil landwirtschaftlich genutzter Gärten, entzieht sich diesem Assimilierungsdruck, ist nicht Mitglied der Faschisten, lässt seine Kinder von Hauslehrern unterrichten und besucht eine eigens für ihn und mit seinen finanziellen Mitteln restaurierte Synagoge.
Dessen Tochter, Micol, hat es dem Ich-Erzähler angetan. Schon als Junge lugt er in der Synagoge unter dem Betgewand seines Vaters hervor um dieses Mädchen zu beobachten.
Micol lädt ihn – unerlaubterweise – ein, über den Zaun zu klettern und in den Garten zu kommen. So beginnt eine über Jahre sich entwickelnde Liebesgeschichte. Eine unerfüllte allerdings. Der Antisemitismus, der Ausschluss der Juden aus dem öffentlichen Leben und das Zurückgeworfensein auf einen Mikrokosmos lassen diese Liebe nicht erblühen.

Giorgio Bassani schildert diese Geschichte auf eine eindringliche Art und zugleich mit einer unsentimentalen Klarheit. Vielleicht berührt diese Geschichte gerade deshalb. „Die Gärten der Finzi-Contini“ ist große Literatur.


Genre: Romane
Illustrated by Manesse Zürich
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