Lasset die Kinder zu mir kommen

Kindersegen auf Abruf

Carabinieri dringen mitten in der Nacht in das Schlafzimmer eines Ehepaars ein, durchsuchen die Wohnung, nehmen das Baby des Paares mit, schlagen den sich wehrenden Mann krankenhausreif und lassen die Frau schockiert zurück.
Pech nur für die Carabinieri, dass der Zusammengeschlagene der Leiter der Pädiatrie des Krankenhauses ist, in das ihn die Carabinieri einliefern. Da muss die Polizei ermitteln, auch wenn die Täter ebenfalls vom Staat bezahlt werden. Und weil das alles in Venedig stattfindet, reißt ein nächtlicher Anruf Commissario Brunetti aus dem Schlaf.
In ihrem sechzehnten Brunetti-Roman ermitteln Carabinieri hinter einem organisiertem Kinderhändlerring her und denjenigen, die sich aus ihrem Angebot bedienen. Dabei geht es aber nicht um Kinder, die als Arbeitssklaven enden, sondern um die Vermittlung von Babys an Paare, die sich ihren Kinderwunsch nicht selbst erfüllen, aber für ihren „Kindersegen“ zahlen können.
Die Ermittlungen des venezianischen Commissarios öffnen den Blick nicht nur auf kriminelle Machenschaften in Medizinerkreisen, sondern auch auf das gesellschaftliche Umfeld, das diesen Fall begünstigt. Ist das Baby des Ehepaars Pedrolli nicht doch das leibliche Kind des Arztes, aber aus einem Seitensprung? Wer hat Anzeige erstattet oder wie kamen die Carabinieri dahinter? Ist die Vermittlung von elternlosen Babys an reiche Kinderlose ein Segen für die Kinder oder zu verurteilen? Und ist das alles überhaupt ein Fall für die Polizei oder eher für die Politik oder gar reine Privatangelegenheit?
Donna Leon bedient mit „Lasset die Kinder zu mir kommen“ nicht die Erwartung, mit Hilfe eines konstruierten Falles, könne die politische und moralische Grenzziehung in diesen Fragen gelingen. Alle Fragen bleiben letztlich offen, das Personal dieses Romanes mit seinen Zweifeln ist auf sich gestellt. Nach 355 Seiten Lektüre bleibt ein Gefühl von Unzufriedenheit übrig: In diesem Fall, nicht das schlechteste Ende.


Genre: Kriminalromane
Illustrated by Diogenes Zürich
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