Die Liebesblödigkeit

Ich muss gestehen – ich war sehr skeptisch. Ich mag Genazinos Bücher wegen ihrer unaufdringlichen, unentschlossenen, diffusen, hirnverstopften Scheiterer. Wegen der undandyhaften Flanierer, der unter- (und dadurch nicht selten über-) forderten Brotberufler und nichtzupottekommenden Wahrnehmungsautisten. Wegen der noch von 68er-Hoffnungen unterspülten, enttäuschbaren, sich aber zu keinerlei Umsturz mehr aufraffen könnenden, weil bereits zu reflexiv gewordenen, mehr mit sich selbst als dem Großen und Ganzen hadernden, leis verzagten Vorsichhinwurschtler.
Dann kam der Erfolg für den Autor (Büchnerpreis), und es folgte dieser Roman über einen Mann, der zwischen zwei Frauen steht. Ich hatte nun die Befürchtung, der neue Ruhm könne dem Autor zu Kopf gestiegen sein – und Literatur ist halt mal Kopfsache – ; und dass, in abgewandelter Form, der Joseph-von-Westphalen-Effekt eintreten könnten: Vom kritisch-genauen Beobachter zum Weiberheldtheoretiker, dem aber im Laufe der sich immer schneller promiskuierenden Zeit die Feinde ausgehen, weswegen seine Frauengestalten immer nörgeliger, anachronistsicher und unglaubwürdiger werden, weil sie die ganze Last der Glücksverhinderung zu tragen haben.
Meine Skepsis war unbegründet, denn natürlich schafft es ein Held von Genazinos Gnaden, zwischen den Fronten zu stehen, ohne überflüssige Flottheit zu verströmen oder auch nur einen halbwegs kernigen, konkreten Konflikt im Sinne einer menage à trois zu durchleben (oder dessen kultivierte Vermeidung à la Jules et Jim (resp. Julian and Barnes)); die eben aus dem, was sie so genau negiert, ihre gewissermaßen exakte Melancholie gewinnt.
Denn natürlich geht es hier nicht ums >>hoppla, ich bin so frei(zügig)<<. Sondern hier bindet sich jemand, der sich ewig prüft, lieber zweimal ans Leben, um diesem nicht völlig abhanden zu kommen, zumal seine Freunde und Bekannten, ähnliche Nichtszustandebringer wie er und allesamt Leute, die ihre Nutzlosigkeit zum Beruf gemacht haben, diesem Zweck wohl nicht dienlich sein dürften. Fazit: Genazino as usual. Und usual heißt bekanntlich gewöhnlich. Und gewöhnlich bei Genazino heißt bekanntlich: außergewöhnlich.


Genre: Romane
Illustrated by dtv München
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