Fabeln

Iwan Krylow hat über 200 Fabeln geschrieben, die 1842 das erste Mal auf Deutsch erschienen.
Die Reclam-Ausgabe besteht aus 100 Fabeln, die mit einem Nachwort von Helmut Grasshoff versehen sind. Inspiriert wurde Krylow von Äsop und Jean de la Fontaine, erst später fand er zu seinem eigenen Stil. Das Besondere der Fabeln ist die Alltagssprache, in der Krylow schreibt, somit war er auch für das einfache Volk verständlich. Tiere symbolisieren Menschen mit ihren Fehlern und Schwächen und v. a. Gesellschaftsprobleme werden verarbeitet.
Stellvertretend für das umfangreiche Werk werden hier einige Fabeln analysiert.

„Der Frosch und der Stier“

Eine bezeichnende Fabel. Der Frosch sieht den Stier und ist neidisch auf dessen Umfang. Er will sich aufblasen, um auch so groß zu werden und fragt mehrmals seine Angehörigen, ob er denn nun dem Stier ähnlicher sei, was diese jedes Mal verneinen. Schließlich platzt er.

„Das kann man wohl des öfteren erleben-
was Wunder auch, wenn die Beschränkten sich vergessen
und sich den edlen Anschein geben,
als könnten sie sich mit den Größten messen.“

Die Aussage ist klar: Bleib das, was du bist und versuche nicht, etwas zu werden, was unmöglich scheint. Die Sprache ist derb, es wird von „Beschränkten“ und „verrecken“ gesprochen.

„Der Wolf und das Lamm“

Wieder geht es um Stärke und Schwäche d.h. um Positionen in der Gesellschaft. Der Eingangsvers ist prägend: „Der Starke gibt dem Schwachen stets die Schuld“. Ein Lamm steht am Ufer und will trinken, als ein Wolf des Weges kommt. Er beschimpft das Lamm, es habe sein Wasser verunreinigt und soll das mit seinem Leben büßen. Der Wolf bringt immer neue Argumente hervor, wegen der das Lamm sterben soll, wobei das Lamm stets eine Antwort parat hat. Schließlich meint der Wolf:

„Schweig, ich will nichts mehr hören.
Meinst du, ich hätte weiter nichts zu tun,
als herzuzählen deine Sünden?“

Es ist also völlig egal, was das Lamm tut, der Wolf reißt es am Ende. Die Geschichte bringt die Opferrolle des russischen Volks zu Tage; es scheint dem Untergang geweiht, gleich was es auch tun mag. Krylow bringt Gesellschaftsverhältnisse mit Tieren zum Ausdruck; das unschuldige gute Lamm und der böse starke Wolf stehen im Kontrast und sind auf ihre Rollen fixiert.

„Der Mann von drei Weibern“

Eine Fabel, die statt Tieren Menschen sprechen lässt. Die satirische Fabel ist bezeichnend für die Gesellschaftssituation. Ein Mann hatte drei Frauen, was dem Zaren zu Ohren kam. Der Zar wollte ein Machtwort sprechen, diese Unzucht dürfe man schließlich nicht ungestraft lassen. Die Richter sollen eine Entscheidung fällen, die alle anderen abschreckt, wobei der Leser zuerst an Todesstrafe denkt. Die Richter überlegen zwei Tage und es fällt ihnen kein Urteil ein. Schließlich verhängen sie: der Wüstling müsse mit allen drei Frauen zusammen leben, worauf er sich schließlich nach vier Tagen das Leben nimmt.

„Da packt ein Grauen alle Welt,
und seitdem ist’s im Reich nicht vorgekommen,
dass jemand mehr als eine Frau genommen.“

Mit den Frauen zusammen zu leben wird als schlimmer bezeichnet, als der Tod.

Krylows Fabeln vergleichen mit Witz und Scharfsinn die gesellschaftliche Situation Russlands mit Tieren. Durch das Aufzeigen menschlicher Schwächen sind sie auch heute noch aktuell und können zum großen Teil auch ohne geschichtliches Hintergrundwissen verstanden werden. Sie hinterlassen beim Lesen ein gewisses Schmunzeln, jedoch verfehlt die Moral hinter den Fabeln nicht ihre Wirkung. Durch ihre Einfachheit sind sie klar verständlich.


Genre: Märchen, Sagen und Fabeln
Illustrated by Reclam Stuttgart/Dietzenbach
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