Die Drachen der Tinkerfarm

Mutter Jenkins möchte Singleferien machen. Doch wohin mit ihren halbwüchsigen Kindern Tyler und Lucinda? Die Nachbarin muffelt und müffelt, ein Sommercamp ist unbezahlbar. Rettung naht in Gestalt des alten Onkels Gideon Tinker, der die Kinder brieflich zur Sommerfrische auf seine Tinkerfarm lädt. Niemand hat bisher von diesem Onkel gewusst, aber das macht ja nichts. Zumindest der Mutter nicht. Da können Tyler und Lucinda noch so oft betonen, dass Heuwagen-fahrten nicht die Erfüllung ihrer Träume sind, ehe sie sich versehen, sitzen sie im Zug und harren der Kühe, die sie dort bestimmt melken und dem Mist, den sie kratzen müssen. Und Internet oder eine Playstation gibt es dort bestimmt auch nicht. Dafür sind sie angehalten, im Zug eine eigenartige Anleitung des Onkels zur Pflege von Kühen zu studieren. Dass sie dabei Asbestanzüge tragen sollen, macht sie nun doch neugierig.
Kaum angekommen auf der Tinkerfarm, merken sie schnell, dass es alles andere als die angekündigte „Ordinary Farm“ ist. Internet gibt es zwar, allerdings auch noch einiges andere. Drachen zum Beispiel. Einhörner, fliegende Affen. Landarbeiter, die längst vergangenen Zeiten entsprungen zu sein scheinen.

Noch während die Geschwister versuchen, hinter die Geheimnisse des Zauberreichs zu kommen, in das es sie so unvermutet verschlagen hat, wird die Farm schon bedroht. Von skrupellosen Geschäftemachern, die auch noch eine Rechnung mit Gideon offen haben. Am Ende haben sie die gefährlichsten, abenteuerlichsten Sommerferien aller Zeiten verlebt, Freunde gefunden und reisen schließlich ab, mit dem festen Versprechen, wieder zu kommen. Denn noch nicht alle Geheimnisse sind gelöst und nicht alle Schwierigkeiten beseitigt. Zudem nehmen sie die Gewißheit mit, einen magischen Ort gefunden zu haben, zu dem sie gehören. Wenn sie auch der gut erholten Mama zuhause vorsichtshalber lieber nur von den Heuwagen-fahrten erzählen.

Die Drachen der Tinkerfarm ist das erste Buch einer neuen Reihe, welche Tad Williams, bekannt als Schöpfer intensiver und dichter Welten wie Otherland, zusammen mit seiner Frau Deborah Beale schreibt. Ihr Zielpublikum ist vor allem das jüngere. Nicht anbiedernd, doch der jugendlichen Welt kundig holen die Autoren ihre Leser da ab, wo sie gerade sind, um sie schließlich in eine Welt voller Rätsel zu entführen. Aber auch Erwachsenen mit Lust an Phantasiereisen wird es gefallen, ihren Urlaub vom Alltag von Hogwarts auf die Tinkerfarm zu verlegen.

Das Buch ist dabei kein plumper Actionroman, auch wenn Lucinda sogar auf einem Drachen fliegt und auch sonst allerlei Aufregendes passiert. Der Spannungsbogen speist sich aus der Vielzahl der Geheimnisse. Ist eines gelüftet, zieht es sofort eine Reihe neuer Fragen nach sich. Sehr geschickt lösen die Autoren gerade so viele Rätsel auf, dass man das Buch nicht mit dem Gefühl zur Seite legt, künstlich mit häppchenweise gefütterten Lösungen bei der Stange gehalten zu werden. Doch es bleibt genug Ungelöstes stehen, um Band zwei entgegen zu fiebern.

Die Grundstory an sich ist nichts Neues, vieles meint man schon von anderswo zu kennen. Aber die geschaffene Welt ist trotz der jugendgerechten, immer mit einem leichten Augenzwinkern versehenen Sprache von ungewöhnlicher Dichte und Konsequenz.

Die Fantasy ist zwar zeitgemäß verpackt, für das Grundgerüst haben sich die Autoren aber auch bei anderen Genres bedient. Dem viktorianischen Schauerroman entlehne man einen exzentrischen Hausherrn, der sich gerne verrückt gebärdet, eine unheimliche Haushälterin, vor der alle Angst haben, so dass man nicht immer ganz genau weiß, auf wen sich die im Titel genannten Drachen nun genau beziehen. Dazu nehme man Anspielungen auf Märchen wie Alice im Wunderland und den Zauberer von Oz.

Dennoch ist es kein wilder Stilmix, sondern eine ganz eigene Art des Erzählens und Verdichtens, so einfallsreich, dass man die ein oder andere logische Lücke gerne überliest. Dazu sind alle Charaktere wohltuend fein gezeichnet, weit entfernt davon, mit der Schablone umrissen worden zu sein, wie es im Fantasy Genre ja gerne vorkommt.

Fazit: Ein guter Einstieg in die Welt des Tad Williams (und seiner Frau und Lektorin), der auch nicht so Fantasy-affine Leser überlegen lässt, ob sie sich demnächst mal an einem größeren Epos des vielgelobten Autors versuchen sollen. Aber erst warten wir auf die Taschenbuchausgabe von Teil zwei in den nächsten Wochen.

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Genre: Fantasy
Illustrated by Klett-Cotta Stuttgart
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